Die Überforderung des Einzelnen

Der Autor Pankaj Mishra hat der FR ein Interview gegeben, in dem es kräftig zur Sache geht. Manchem kann man uneingeschränkt zustimmen, andere Positionen goutiert man zähneknirschend und auf der Suche nach Argumenten für den Widerspruch. „Wenn wirtschaftliche Krisen, politische Unzufriedenheit, wenn Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit zusammenkommen, dann entsteht eine Situation, in der Sündenböcke gesucht und geschlachtet werden“, sagt Mishra beispielsweise. Trifft das auch auf uns in Deutschland zu? Die Sündenböcke, von denen er spricht – meint er damit Muslime? Flüchtlinge? „Der Terrorismus ist kein Privileg des Islam“ – richtig, das wissen wir Deutschen sehr gut. Jene „Defekte ist, die wir so gerne fremden Religionen, fremden Völkern zuschreiben“, würden mit Leichtigkeit bei jedem einzelnen von uns entdeckt werden, wenn wir nur genauer hinsehen würden.

Die Ansicht sei sehr neu, dass Aufklärung und Demokratie eng zusammenhingen. Diese Ansicht wurde „1945 entwickelt. Es ging damals darum, den Westen neu und möglichst positiv zu definieren.“ Die Aufklärer selbst hatten „wenig im Sinn mit der Demokratie. Sie liefen despotischen Tyrannen wie Friedrich II. von Preußen oder gar Katharina von Russland hinterher und hofften, sie von ihren Ideen zu überzeugen.“ Spätestens an dieser Stelle frage ich mich, ob diese Sichtweise nicht doch ein wenig unhistorisch ist — erstens weil Philosophen nicht immer als Revolutionäre taugen, die auf die brennenden Barrikaden steigen, zweitens weil die Entwicklung von Aufklärung hin zu den Menschenrechten und damit zur Demokratie ein jahrzehntelanger Lernprozess war, in dem ständig Erkenntnisse und Positionen erarbeitet wurden und der zugleich ein Prozess der Emanzipation von Kirche und anderen autoritären Strukturen war, und drittens — wem hätten die Aufklärer denn sonst „hinterherlaufen“ sollen? Das Volk — wenn es das jemals gab — ist ja in der Regel nur dann aus eigenem Antrieb aufgestanden, wenn es Hunger und Not litt, jedoch nicht, um für abstrakte Ideen wie Demokratie zu kämpfen, von denen der größte Teil des europäischen Kontinents ideell weit entfernt war und die erst in die Köpfe einsickern mussten.

In diesem Punkt – und anderen – bin ich dann doch ein wenig anderer Meinung als der Träger des Leipziger Buchpreises zur europäischen Verständigung von 2014, Pankaj Mishra. Aber unseren Leserbriefautor Jürgen Malyssek aus Wiesbaden hat das Interview sehr bewegt. Er schrieb einen langen Leserbrief, den ich im Print-Leserforum nur zur Hälfte veröffentlichen konnte. Hier kommt der gesamte Brief als ungekürzter Gastbeitrag im FR-Blog.

Die Überforderung des Einzelnen

Von Jürgen Malyssek

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Die Hoffnung auf eine gerechtere und gewaltfreiere Welt kann man wohl vorerst begraben. Und wenn überhaupt, dann kann das „Wunder“ allenfalls durch nächste Generationen passieren, die möglicherweise aus den alten und immer noch vorherrschenden Denkapparaten herausgewachsen sein mögen. Und die ein Bild von der Welt erreicht haben, das nicht mehr die Prägung des Turbokapitalismus mit diesem verheerenden Nebeneinander von Überfluss und Mangel oder einer vollkommen einseitigen Vorstellung von technologischem Fortschritt mit verloren gegangener Menschenwürde und gesellschaftlicher Solidarität.

Pankaj Mishras Blick auf die Aufklärung, die Moderne und die Demokratie hilft den Gedankenschalter anders zu drehen und die eigenen fest eingebauten Schwarz-Weiß-Bilder von Gewalt und Terror zu überdenken.
Es ist offensichtlich, dass immer mehr Teile der Menschheit in der herrschenden totalen Globalisierung (auch durch das Internet) überfordert sind und nach und nach ins soziale Abseits fallen.

Materielles Glück, Freiheit und Sicherheit erreichen nur noch die Reichen selbst und die Spezialisten des globalen und teils ungesteuerten Arbeitsmarktes. Die Allrounder oder die klassischen Berufserfahrenen sind unter dem Gesichtspunkt der Effizienz und des optimalen wirtschaftlichen Erfolgs nicht mehr wirklich gefragt. Wie Mishra an anderer Stelle betont: „Globalisierung schafft zu viele Verlierer!“ Wer das noch bestreitet, der mag weitestgehend privilegiert dastehen oder den Blick auf die gesellschaftlichen Ränder nicht riskieren wollen.

Die Überforderung des Einzelnen ist inzwischen sehr nahe zu erfahren und zumindest – wenn man es denn will – weitestgehend an den vielen Schauplätzen des öffentlichen Lebens zu beobachten: Müll- und Flaschensammler in allen Altersgruppen, Straßenszenen der gesellschaftlichen Verlierer, Streuner, Bettler, Wohnungslose, psychisch Angeschlagene, die rastlos in den Innenstädten unterwegs sind …

Die Zerstörung von alten Milieus in gewachsenen Stadtteilen, das Verschwinden von Nischen, Kneipensterben, verlassene und heruntergekommene Straßenzüge außerhalb der Zentren – um nur einige Erscheinungen zu nennen. Der Modernisierungsverlierer verzweifelt auf der Suche nach sich selbst und seinem Platz in der Welt. Tragische Figuren vieler Orten. Gleichzeitig aber die Angst der gut situierten Bürger vor den Armen und damit die Furcht, dem eigenen möglichen Scheitern ins Auge zu blicken, was alle bisherigen bürgerlich-selbständigen Ideale in Frage stellen würde. Beschleunigungsgesellschaft, radikale technologische Veränderungen, alles ist Markt, Konkurrenz, Ellenbogenmentalität. Wie soll man da auf Dauer zurechtkommen?

Auf die Frage des Interviewers Arno Widmann nach den Errungenschaften der Aufklärung, der Moderne und der Demokratie antwortet Pankaj Mishra: „Die Aufklärung ist nicht der Beginn der Demokratie. Sie ist der Beginn eines der radikalsten Prozesse der Menschheitsgeschichte: der Emanzipation des Einzelnen. Dieses Projekt wird von Minderheiten, von Einzelnen vorangetrieben […] immer einer Mehrheit gegenüber stehend.“
Auf das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück angesprochen: „Das war ein Versprechen an wenige […] Es waren die Forderungen einer kleinen, gut ausgebildeten männlichen Minderheit. Sie waren damals schon vermessen und man merkt es dem Pathos an, mit dem sie vorgetragen werden …“

Dass diese Errungenschaften so zweifelhaft herausgestellt werden, hört der vermeintlich aufgeklärte Mensch heute nicht so gerne. Mishra spricht von „Sicherheitsnetzen für den Einzelnen“, die es in einem herkömmlichen Gefüge noch gab, und wir sehen und erleben heute wie bei uns und vor allem in den zerfallenen Staaten und ausgebeuteten Ländern der Erde, dass diese Sicherheitsnetze möglicherweise für immer verloren sind.

Und letzte Zitate von Pankaj Mishra: „Wir haben es noch immer nicht verstanden, dass Modernisierung erst einmal heißt, Wurzel auszureißen. Jeder Einzelne muss mobil und mobil gemacht werden. – Die Wurzellosen sind eine leichte Beute für politische und religiöse Verführer. – Der Entwurzelte will wieder Wurzeln haben. Er sehnt sich nach einer Vergangenheit, die es niemals gab. So werden aus gefühlten Opfern häufig Gewalttäter und Bombenleger.“

4 Kommentare

  1. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Im ersten Kapitel seines Buches erwähnt Pankaj Mishra ausführlich den italienischen Dichter und Faschisten Gabriele D’Annunzio.

    Dieser war ein Nationalist, dem es nicht gelang, die sozialen Vorgänge im frühen 20. Jahrhundert einzuordnen und zu reflektieren, was ihn schließlich zum Bewunderer und Gefolgsmann Benito Mussolinis machte. Für Mishra ist dieser dem Größenwahn erlegene „Führer der Unterdrückten“ ein exemplarischer Beweis für die geistige und politische Situation des damaligen Europa. Und folglich bezieht sich seine „Geschichte der Gegenwart“, wie der Untertitel des Buches lautet, auf eher untypische, gar marginale Ereignisse und Personen.

    Seine Feststellung: „Schon seit der Französischen Revolution hatten frustrierte Männer gänzlich neue Formen der Politik entwickelt – vom Nationalismus bis hin zum Terrorismus“ ist an Pauschalierung kaum zu überbieten. Im Schnelldurchlauf lässt er das 19. Jahrhundert passieren. Den französischen General Georges Boulanger und den britischen Politiker Cecil Rhodes hält er dabei für erwähnenswert. Auf Denker wie Hegel, Feuerbach, Stirner, Marx, Engels, Saint-Simon, Smith oder Ricardo, welche den Wandel vom Feudalismus zum Frühkapitalismus am Übergang des 18. zum 19. Jahrhundert indirekt begleiteten oder ihm wesentliche Impulse gaben, geht er hingegen nicht näher ein. Deswegen fehlt seiner Gegenwartsbeschreibung eine Analyse der Bedingungen, die das hervorgebracht haben, was wir heute entweder als Fehlentwicklungen geißeln oder als Errungenschaften hochhalten.

    Zwar trifft es zu, dass sämtliche Prozesse der wirtschaftlichen, speziell der industriellen Modernisierung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts diejenigen, die nicht davon profitierten, anfällig machten für Demagogen. Doch neben den Verführten und ihrem Hass auf konstruierte Feindbilder gab es auch Gegenbewegungen, die sich dem Humanismus, der Gerechtigkeit und der Solidarität verbunden fühlten und diese Tugenden propagierten. Sie sind bis heute nicht verschwunden, im Gegenteil!

    Ein typisches Beispiel für Mishras Fehleinschätzungen ist der von ihm als lediglich herbeigeredet bezeichnete Antagonismus zwischen Islam und säkularer westlicher Welt. Islam bedeutet seiner Wortbedeutung nach Hingabe, nämlich die Hingabe des Menschen an einen geglaubten Gott, also jenem, der vom Propheten Mohammed offenbart worden war. Diese Religion entstand in einem bestimmten sozialen Umfeld, nämlich dem Arabien des siebten Jahrhunderts, das von autoritären Herrschaftsstrukturen, sich verschärfenden Stammeskonflikten und einem verbreiteten Polytheismus geprägt war. Der neue Glaube war, ganz im Sinn von Feuerbachs Religionskritik, ein Spiegel dieser Verhältnisse. Er setzte auf die Einheit der kernarabischen Völker, auf eine neue Alltagsethik und auf eine Erlösungshoffnung, die bewusst auf eine jenseitige Welt zielte. Denn die bestehenden Machtverhältnisse sollten selbstverständlich nicht angetastet werden. Daran hat sich im Prinzip bis heute wenig geändert.

    Die Vorstellungen des Christentums von irdischer Welt und künftigem himmlischen Paradies waren durchaus ähnlich und sind vermutlich Vorbild gewesen. Schließlich beanspruchte diese Religion seit dem vierten Jahrhundert die Deutungshoheit in allen Fragen des Lebens. Und auch ihre Bindung an die Interessen der Herrschenden war vergleichbar. Im Gegensatz zur arabischen Welt traten aber im Laufe von Jahrhunderten die Widersprüche zwischen Glaubensanspruch und Glaubenswirklichkeit auf der einen Seite und die zwischen Herrschern und Beherrschten auf der anderen deutlicher zu Tage. Das christliche Abendland war politisch zerrissener als die arabische Halbinsel. Im Heiligen Römischen Reich sorgten bereits die Antipoden Papst und Kaiser für einen permanenten Konflikt, der von den unterschiedlichen Nationen sowohl verschärft als auch auf weitere Ebenen ausgedehnt wurde. Zusätzlich setzten die ökonomischen Veränderungen neue Akzente. Neben der Agrarwirtschaft gewann das Handwerk an immer größerer Bedeutung. Zudem waren beide auf den Handel angewiesen, der einen eigenen Stand, den der Kaufleute, hervorbrachte.

    Als Martin Luther seine im Kern rein theologischen Forderungen an Kirche und Welt formulierte, gärte längst der Kampf zwischen leibeigenen Bauern und Grundherren und stellte auf seine Weise die überkommenen Vorstellungen in Frage.

    Die Doppelkrise von Kirche und weltlicher Macht mündete schließlich in der Aufklärung und in der zunehmenden Bedeutung einer philosophischen Richtung, die neben der traditionellen Suche nach dem Sinn des Menschseins völlig neue Fragen stellte. Nämlich nach der Ordnung der Gesellschaft, nach formaler Gleichheit aller Bürger, nach Gerechtigkeit und Solidarität mit den Schwachen. Diese Entwicklung beschleunigte das Bewusstsein jener Schichten, denen bislang nur ein Leben als rechtlose Knechte und Mägde beschert war. Die Französische Revolution von 1789 war schließlich sowohl Schlussakkord der alten untergehenden Welt als auch der Beginn eines neuen Zeitalters.

    Die neuen sozialen Bewegungen, die in ihrer Folge entstanden, fußten auf drei Quellen: Der klassischen deutschen Philosophie, der englischen politischen Ökonomie und dem französischen Sozialismus. Sie stellten die „Mächte des alten Europas“ in Frage. Und diese verbündeten sich „zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten“, wie es im „Kommunistischen Manifest“ von 1848 heißt.

    Die sozialistischen Ideen beschränkten sich zunächst auf das westliche Europa, griffen am Ende des 19. Jahrhunderts auf Russland über und lösten dort in mehreren Schritten eine von ihrem Umfang bislang nie da gewesene Revolution aus. Und sie strahlen bis zur US-amerikanischen Ostküste. Bis zum Ersten Weltkrieg zählte die Kommunistische Partei der USA zu den mitgliederstärksten in der Welt.

    Wenig Resonanz hingegen erzielten sie in den feudalen Staaten Asiens und Afrikas, die zudem durch den Kolonialismus Großbritanniens, Frankreichs und des deutschen Kaiserreichs in ihren wirtschaftlichen Entwicklungen eingeschränkt wurden.

    Die islamisch geprägte Welt wies ebenfalls kaum Affinitäten zu sozialistischen oder sozialdemokratischen Vorstellungen auf. Das änderte sich auch nicht nach dem Untergang des osmanischen Großreichs. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wagten zwei Länder einen Aufbruch: Ägypten und der Iran. Doch Ägyptens Staatschef Nasser stand seiner Lesart von Sozialismus mit seinem überbordenden Nationalismus und dem Festhalten am orthodoxen Islam selbst im Weg.
    Der iranische Premierminister Mossadegh hingegen verwies den Islam ins Private, verstaatlichte die Erdölindustrie, scheiterte jedoch an der Angst der USA, einen wichtigen Erdöllieferanten zu verlieren. Zudem fürchteten die Vereinigten Staaten eine Allianz Persiens mit der Sowjetunion. Mohammad Reza Schah Pahlavi hielt zwar an den kapitalistischen Wirtschaftsstrukturen fest, band jedoch durch die weiterhin strikte Trennung von Staat und Religion die aufstrebenden Schichten der Akademiker und Industriearbeiter an sich. Die an den religiösen Traditionen festhaltende Landbevölkerung fühlte sich als Verlierer der Modernisierung. Das zunehmend autoritärer agierende Schah-Regime ging gegen Konservative und Progressive gleichermaßen brutal vor. Die Opposition verband sich daraufhin mit dem fundamentalistischen Islam; letzterer trug 1980 unter Chomeinis Führung den Sieg davon.

    Hier trifft Mishras These zu, dass Entwurzelte, die von der Moderne nicht profitieren, sich jedem Demagogen an den Hals werfen und zur Gewaltanwendung gegen jedermann bereit sind. Aber gleichzeitig analysiert er nicht die Rolle des religiösen Fundamentalismus, der quer durch die Historie der letzten 2000 Jahre ein genuiner Partner jedweder Diktatur war und geblieben ist. Gemeinsam instrumentalisieren solche Koalitionen soziale Bewegungen und neutralisieren sie dadurch. Hier erweist sich der Islam als eindeutig gefährlicher als der dogmatische Katholizismus, der allenfalls noch in Polen und Ungarn zu reüssieren vermag.
    Vor allem verwundert es den informierten Leser, wenn Mishra meint, dass im Nahen Osten durch die Globalisierung Institutionen des Zusammenhalts zerstört wurden. Die Oligarchen des Westens verbünden sich nur allzu gern mit denen aus anderen Nationen. Ein besonders abschreckendes Beispiel dafür ist das Heimatland des Verfassers, nämlich Indien, wo der britische Imperialismus in neuen Kleidern wiederaufersteht. Hier wäre eine Revolution vonnöten, die alles in Frage stelle, nicht zuletzt auch das Kastenwesen. Doch ausgerechnet hier scheint Mishra schützenswerte Institutionen des Zusammenhalts ausgemacht zu haben. Ähnlich wie in den patriarchalischen Familienstrukturen der islamischen Welt.

    Auf den über 400 Seiten des Buchs habe ich keinen Hinweis auf die „Kritische Theorie“ und ihre Rezeption in Asien und Afrika gefunden. Die Globalisierung scheint sehr einseitig zu verlaufen. Es geht ausschließlich um Profit, Konsum von mehrheitlich verzichtbaren Gütern, um Ressourcenvernichtung und um politischen Einfluss. Der Rest dessen, was die Welt, nicht zuletzt Europa, hervorgebracht hat, wird dem Schweigen überantwortet.

    Die sozial Benachteiligten und die um ihren bescheidenen sozialen Status Besorgten stehen zweifellos weltweit im Bann des Zorns; dies gilt erst recht in den so genannten Entwicklungs- und Schwellenländern. Statt sich zu empören und zu widerstehen, lassen sich viele, zu viele, von blindem Hass leiten und verstoßen dadurch gegen ihre eigenen Lebensinteressen. Da sie zur Bildung humaner sozialer Theorien entweder unfähig sind oder daran massiv gehindert werden, binden sie sich an doktrinäre Ideologien, sei es faschistische oder religiöse oder sogar an beide. Pankaj Mishra klärt uns über diese Fehlentwicklungen leider nicht auf.

  2. Frank Wohlgemuth sagt:

    Arno Widmann: Woher kommen diese Ähnlichkeiten?
    Pankaj Mishra: Es sind sich wiederholende Konstellationen. Wenn wirtschaftliche Krisen, politische Unzufriedenheit, wenn Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit zusammenkommen, dann entsteht eine Situation, in der Sündenböcke gesucht und geschlachtet werden. Das hat wenig mit religiösen Auffassungen und auch nichts mit Volkszugehörigkeiten zu tun. Es sind soziale Bedingungen, die emotionale Situationen schaffen, in denen Menschen, die noch vor kurzem friedlich nebeneinander lebten, Kriege gegeneinander führen. Wir beobachten das zur Zeit überall auf der Welt.
    —————————–

    Ich gebe Mishra darin recht, dass wir nur zum Teil so frei sind, wie wir uns fühlen. Aber wir sind nicht nur Marionette nur eines Spielers, Mishra nennt es soziale Situation und meint damit aber im Wesentlichen die wirtschaftliche. Seine „sozialen Bedingungen, die emotionale Situationen schaffen“ sind grandios formuliert, aber er sieht nicht, was diese Bedingungen alles umfassen. Zu diesen Bedingungen gehören die elterliche Traditionen, wie die Sprache, durch die wir die Welt wahrnehmen, genauso wie die Religion mit ihren Tabus und Zielsetzungen, ohne deren unbewusste Aufnahme und ziemlich getreue Weitergabe die Akkumulation und Evolution der Kulturen nicht möglich gewesen wäre. Wir begehren zwar in der Jugend auf, aber wenn wir später ein Resümee ziehen, können wir nur feststellen, dass wir im Effekt eine große Scheu haben, etwas anders zu machen als unsere Eltern – Kultur ist ein sehr großer Dampfer, der nicht so schnell schwenkt.

    Um seine Fehlinterpretation an einem Beispiel zu zeigen:
    „Es gibt keine Alternativen mehr, in der Menschen sich organisieren, entfalten oder auch nur unterhalten können. Vielerorts sind sogar öffentliche Plätze, auch die kleinsten Versammlungen verboten worden. Wie sollen junge Männer in so einer Welt zu Individuen werden? Sie werden es durch Akte spektakulärer Gewalt.“ (Mishra)
    Ich stimme zum Teil mit dieser Analyse überein, aber es gibt sehr große Unterschiede in der Reaktion, für die es auch eine Erklärung gibt: Die Eskimos kommen aus einer friedlichen, animistischen Tradition, ihre Götter waren Personifizierungen der Naturgewalten und ein Herrschaftsauftrag war den Eskimos fremd wie das Patriarchat, diese Kultur war eher eine Anpassung an ein überlebensfeindliches Rückzugsgebiet als ein Kult. Ein Rücksprung in die Kultur der Eltern ist dort nicht mehr möglich, weil diese Kultur weniger in Kult als in einer Lebensweise bestand, die man nur beherrscht, wenn man sie von klein auf übt. Die Gewalttaten, die dort bei der kulturellen Entwurzelung entstehen, sind Selbstmorde. Diese kleinen Orte, in denen jeder jeden kennt und jeder mit jedem spricht, haben die höchsten Selbstmordraten auf diesem Globus.

    Der Rücksprung in in die elterliche Kultur, wenn man die Entwurzelung spürt, erscheint dagegen möglich, wenn diese Kultur sich über den Kult definierte, z.B. den Kult für einen Herrschergott, der auch den Auftrag zur Beherrschung der Welt erteilt hat, das ganze gespiegelt und verstärkt durch stark patriarchalen Familienstrukturen. Wenn ich hier den Versuch des Rücksprunges mache (Die Salafiyya ist explizit eine geistige Rückbesinnung auf die „Altvorderen“), lande ich automatisch wieder bei Herrschaftsanspruch, Krieg und im Fall der militärischen Unterlegenheit beim Märtyrium im Attentat.

    Wie Mishra richtig feststellt, handelt es sich hier nicht um intellektuelle Reaktionen, sondern um Reaktionen aus emotionalen Situationen. Aber die Beteiligung der elterlichen Kultur an diesen emotionalen Situationen zu bestreiten, ist Unsinn, sein Modell menschlichen Verhaltens ist zu schlicht.

    Darauf dass damit auch Mishras Religionsmodell zu schlicht ist, sei nur ganz kurz noch kurz hingewiesen: Religionen bieten mehr als einen sozialen Zusammenhalt. Im schlimmsten Fall transportieren sie sowohl Herrschaftsanspruch und -Methode für sich selbst als auch einen für ihre Träger – Apostaten werden dann mit dem Tod bestraft. Wer meint, das hätte keine Auswirkungen auf emotionale Situationen, sei nur auf den Begriff Gottesfurcht verwiesen – in stärker gläubigen Traditionen als der heutigen europäischen ist diese Gottesfurcht durchaus existenziell.

    „Islam bedeutet seiner Wortbedeutung nach Hingabe, nämlich die Hingabe des Menschen an einen geglaubten Gott, also jenem, der vom Propheten Mohammed offenbart worden war. Diese Religion entstand in einem bestimmten sozialen Umfeld, nämlich dem Arabien des siebten Jahrhunderts, das von autoritären Herrschaftsstrukturen, sich verschärfenden Stammeskonflikten und einem verbreiteten Polytheismus geprägt war.“ (Klaus Philipp Mertens)

    @ Klaus Philipp Mertens:
    Das ist die offizielle arabische Geschichtsschreibung, die aber von immer mehr Historikern, die sich mit dieser Zeit beschäftigen, abgelehnt wird – Günter Lüling wird immer mehr rehabilitiert und die „Saarbrücker Schule“ (Inarah) steht da nicht mehr isoliert. Weil das hier OT ist, nur Links:
    http://inarah.de/sammelbaende-und-artikel/inarah-band-5/vor-und-fruehgeschichte-des-islam/
    Wer viel Zeit hat, kann sich auch diese detaillierteren Zusammenschauen mit unterschiedlichen Schwerpunkten ansehen:
    http://inarah.de/sammelbaende-und-artikel/inarah-band-4/geschichte-rueckwaerts-gelesen/
    http://inarah.de/sammelbaende-und-artikel/inarah-band-6/grodzki-iii-zur-heutigen-situation-der-islamwissenschaften/

  3. Werner Engelmann sagt:

    Ich schließe mich der Kritik von Klaus Philipp Mertens an Pankaj Mishra („an Pauschalierung kaum zu überbieten“) an, ebenso der von Frank Wohlgemuth („sein Modell menschlichen Verhaltens ist zu schlicht“).

    Zu seiner Kritik an der „Aufklärung“:
    Wenn Pankaj Mishra den Zusammenhang von Aufklärung und Demokratie als “ völlig aberwitzige Vorstellung“ abtut, dann hat er offenbar noch nichts von z.B. Montesquieu und von Gewaltenteilung als Grundprinzip der Demokratie gehört.

    Der oben genannten Kritik wäre zudem hinzuzufügen, dass er völlig ahistorisch denkt und argumentiert. So etwa in folgender Behauptung:
    „Die meisten hatten wenig im Sinn mit der Demokratie. Sie liefen despotischen Tyrannen wie Friedrich II. von Preußen oder gar Katharina von Russland hinterher und hofften, sie von ihren Ideen zu überzeugen.“
    Herr Mishra wäre danach zu fragen: Welche zur Zeit der Aufklärung existierende Demokratie hätten die Aufklärer denn im Sinn haben können? Stellte doch selbst die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 erst den Beginn eines demokratischen Prozesses dar.
    Und wenn es – zeitbedingt – natürlich auch Illusionen von „aufgeklärtem Absolutismus“ gegeben hat, so belegt dies in keiner Weise, dass die Aufklärer – beispielsweise Diderot – „despotischen Tyrannen (…) hinterher gelaufen“ wären. In einer Zeit, in der es keinen freien Buchmarkt und keine Möglichkeit gab, als „freier Schriftsteller“ seine Existenz zu bestreiten (erst bei Lessing gab es – immer noch mit der Absicherung als Bibliothekar in Wolfenbüttel – dazu bescheidene Ansätze), war Abhängigkeit von Mäzenatentum eine Überlebensfrage.

    Welchen Drahtseilakt die Verbreitung aufklärerischen Gedankenguts unter feudalen Bedingungen darstellte, zeigt sich an Diderot exemplarisch. So, wenn ein Teil der „Encyclopédie“ aus Gründen der Zäsur in der Schweiz erschien und mühsam seine Verbreitung erfuhr. Wobei gerade dieses Projekt – die Demokratisierung des Wissens – als ein Meilenstein zur demokratischen Entwicklung anzusehen ist.

    Ebenso scheint Herr Mishra nicht begriffen zu haben, dass – nach Marxscher Begrifflichkeit – die „Kritik des Himmels“ (also Religionskritik) der „Kritik der Erde“ vorausgehen musste und ebenso eine bedeutende Komponente auf dem Weg des „Ausgangs des Menschen aus selbst verschuldeter Unmündigkeit“, also demokratischer Entwicklung darstellt: als Kritik an einer der wesentlichen ideologischen Säulen des Feudalismus. Auch dies eine der Hauptleistungen der Aufklärung. Wie gefährlich dies war, zeigt sich auch an Diderot, der den bloßen (nicht unrichtigen) Verdacht des „Atheismus“ in „Lettre sur les aveugles“ immerhin mit Festungshaft bezahlte.

    Auf die Verkennung des „Herrschaftsanspruchs“ von Religion in Mishras „zu schlichtem Religionsmodell“ hat Frank Wohlgemuth bereits hingewiesen.
    Zu ergänzen wäre dies durch eine Analyse, welche politische Folgen sein Versuch, Aufklärung von Demokratie zu trennen, zeitigt. Nach meinem Eindruck trägt seine aufklärungsfeindliche Einstellung auch demokratiefeindliche Züge. Erkennbar etwa daran, „Akte spektakulärer Gewalt“ in muslimischen Ländern als notwendigen Effekt der Globalisierung überhaupt zu verallgemeinern.
    Seine pauschalisierende Kritik zielt damit gegen den universalen Anspruch von Menschenrechten und zumindest mittelbar gegen Demokratie. Eine Kritik, die von autokratischen Herrschern in Form des Vorwurfs eines Hegemonialanspruchs „des Westens“ (oder der „Einmischung in innere Angelegenheiten“) nur zu gerne aufgegriffen wird.
    Die Aggressivität gegen aufklärerisches Denken zeigt hier – in der Mischung mit recht eingängigen Formulierungen – wohl erst seine Virulenz.

    Wir sollten uns von Herrn Mishra den berechtigten Hinweis auf aufklärerische Traditionen nicht madig machen lassen.

  4. Jürgen Malyssek sagt:

    Bronski hat in seinem Intro zu „Die Überforderung des Einzelnen“ geschrieben, dass mich das Interview mit Pankaj Mishra sehr bewegt hat. Das stimmt weiterhin.
    Gleichzeitig kann und will ich den verschiedenen Kritiken oben (Klaus Philipp Mertens, Frank Wohlgemuth und Werner Engelmann) an Mishras Denken bzw. seinen historisch-philosophischen Ansätzen auch nicht widersprechen. Jedenfalls kann ich im Moment nicht in und aus der Fülle der Kommentare darauf eingehen. Was banalerweise daran liegt, dass ich zur Zeit in den Niederungen des Sportvereinslebens mit einer umfangreichen Chronik und Jubiläumsschrift beschäftigt bin, also die Tiefe des nachdenklichen Arbeitens sich in Grenzen hält. Im Buch von Mishra bewege ich mich deshalb auch erst noch im 1. Kapitel.
    Ich habe mich mit den Kommentaren obenstehend auch soweit auseinandergesetzt (da sie auch dezidiert und anregend sind), dass mir dazu folgende Gedanken gekommen sind:
    Mishras recht eigenwillige, aber für mich nicht ganz von der Hand zu weisenden Thesen, können zumindest provozierend dazu führen, Grenzen unseres selbstverständlichen europäischen Denkens (auch Grenzen der Aufklärung in den Turbulenzen einer gewaltgeprägten und – meiner Meinung nach – von kaum wiederherstellbaren alten Einheiten und Grenzen in der Welt) zu erkennen. Spontan denke ich an den Eurozentrismus, also an die fast unumstößliche Vorstellung, dass alle wichtigen Werte und Normen von Europa, von Europäern kommen, usw.
    „Wir sollten uns von Herrn Mishra den berechtigten Hinweis auf aufklärerische Traditionen nicht madig machen lassen.“ (Werner Engelmann).
    Ich glaube nicht, dass es darum geht und ich stelle die Leistungen der Aufklärung auch nach dem bisher Gelesenen von Mishra nicht in Frage. Aber es stellen sich schon auch neue Fragen.
    Irgendwie liegt in (den Ideen) der Aufklärung auch ein Grad an Überschätzung (Freiheit und das Streben nach Glück etwa). Dann dieser Pathos, mit dem diese Errungenschaften oder auch Ideen vorgetragen werden (Mishra) bis heute. Ich persönlich finde es teilweise anmaßend, mit welch einer Beharrlichkeit wir auf unserem Lebensstil im Westen bestehen, der so Vieles anderswo in der Welt zerstört hat und in der auch eine Brutstätte des Hasses und des Terrors der Islamisten liegt.
    Aber zurück zum Thema Aufklärung und das postmodern vereint mit dem globalen Kapitalismus und der Überforderung des Einzelnen, was mein eigentlicher Ausgangspunkt meiner Grundgedanken war. Und hier muss man auch erkennen, dass die Aufklärung nicht mehr alle brennenden Fragen der Zeit lösen wird.
    Ich will da auch nicht einen neuen Pathos in den Ring der Debatte werfen. Aber die Herausforderungen an den „Modernen Menschen“ heute führen zu ganz deutlichen Überforderungen des Einzelnen, die der weitestgehend gebildete Europäer, der inzwischen auch formbare digital kompetente Mensch vielleicht nur müde belächeln mag. Aber da bin ich näher an dem Leiden der Entwurzelten, mit den Verlusten an Solidarität, Gemeinwesen, Zugehörigkeit, Anerkennung, Kontinuität (darin bin ich ziemlich altmodisch).
    Ich sehe nicht, dass Mishra völlig ahistorisch denkt und argumentiert (W.Engelmann). Aber die Denker wie Hegel, Feuerbach, Marx, Engels oder Smith (K.P.Mertens)finden kaum Erwähnung, ja.
    Den Zusammenhang von Aufklärung und Demokratie mag man wohl schwerlich trennen können. Aber mit seiner Kritik an der „Aufklärung“ (die uneingelösten Versprechen …) kann man sich schon auseinandersetzen.
    Olga Martynova spricht in ihrem heutigen Essay zum Buch von Pankaj Mishra u.a. von „unlösbaren Widersprüchen“ des (heute) im Lebenskampf stehenden Menschen der Zukunft …
    Sicherlich hat Mishra einen besonderen biographischen und von Europa distanzierteren Hintergrund, was sein Denken bestimmt hat. Wenn man ihn einen großen Intellektuellen des modernen Asiens nennt, dann erklärt es bestimmt einiges seiner Denke. Das muss aber deshalb nicht defizitär sein. Mishra selbst bezeugt ja weitgehend europäisch und amerikanisch gesprägt zu sein und gesteht auch sein Gespaltensein (bei Essay Olga Martynova). Das Gespaltensein kann auf jedenfall zu blinden Flecken mit Blick auf das eigene Herkunftsland (Indien) führen (Klaus Philipp Mertens spricht ähnliches in seinem Kommentar vom 16.07. an). Aber es gibt auch dieses produktive Moment des Denkens zwischen den Stühlen.
    Kurz und gut für diesen Teil meiner Rückmeldung: Die Mängel seines Denkens, die hier und inzwischen andernorts Pankaj Mishra vorgehalten werden, sind lesenswert. Aber Mishras Denken ist auch nachdenkenswert.
    Man darf dranbleiben.

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