FR-Leserforum vom 27. Juli bis 1. August

Alle Leserbriefe der Woche im Überblick nach ihren Erscheinungstagen und: Offene Diskussion! Lesen Sie in Ruhe oder suchen Sie Ihren Leserbrief gezielt mit der Tastenkombination STRG und F sowie dem Namen als Suchbegriff. Sie finden hier:

  • eine Liste der Erscheinungstage einer Woche;
  • pdf-Dokumente von den Leserforum-Zeitungsseiten (klicken Sie dazu bitte auf das „eins“ bzw. „zwei“ von „Seite eins“);
  • alle Leserbriefe des jeweiligen Erscheinungstags, die keiner hier im Blog laufenden Diskussion zugeordnet werden können;
  • Links zu jenen Leserbriefen, die einer hier im Blog laufenden Diskussion zugeordnet wurden;
  • ganz unten das Kommentarfeld, über das Sie mitdiskutieren können.

Bitte stellen Sie ein Stichwort an den Anfang Ihres Kommentars, um anzuzeigen, welches Thema Sie ansprechen. Es gelten die Blog-Regeln – mit einer Ausnahme: Für die offenen Diskussionen ist der Teil der Regel Nr. 4 ausgesetzt, der sagt: Bleiben Sie beim Thema. Hier kann bunt diskutiert werden. Es ist keine Registrierung o.Ä. notwendig.

Im FR-Blog werden immer die ungekürzten Originalversionen Ihrer Zuschriften veröffentlicht.

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Leserforum vom 27. Juli
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Leserbriefe von Herbert Kaefer, Leo Paulheim, Thomas Bartsch-Hauschild, Rudolf Brinschwitz und Manfred Kramer zum „Schweinesystem“ Massentierhaltung (veröffentlicht hier). Außerdem: Peter Boettel zur Rechtsstaatlichkeit der EU, Matthias Kraus zur deutschen Kolonialgeschichte und Wolfram Richter zur Frage, ob Claus Schenk Graf von Stauffenberg wirklich ein Widerstandskämpfer war (alle drei Leserbriefe gleich hier, siehe unten).

Weit weg von den Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit

EU-Gipfel: „Rutte bleibt hart, Conte beklagt ‚Erpressung‘“ u. „Europäische Nachtschichten“, FR-Politik vom 20. und 21. Juli

In den Berichten über den EU-Gipfel zu den Corona-Hilfen findet sich der Hinweis, dass die Vergabe von EU-Geldern an die Einhaltung von Rechtsstaatsnormen gefordert wird. Hierzu hat sich Ungarns Despot Orban gleich zu dem Vorwurf gegenüber dem niederländischen Ministerpräsident Mark Rutte hinreißen lassen, dieser hasse Orban und Ungarn. Bereits ein derart populistischer Ausspruch belegt, wie weit Orban als Regierungschef eines EU-Mitgliedsstaates in Wirklichkeit von den Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit, wie sie in der Charta der Grundrechte der EU formuliert sind, entfernt ist und mit einem irrsinnigen Ausspruch die Tatsachen verdreht.
Wenn Mark Rutte die Einhaltung der Rechtsstaatsnormen fordert, bedeutet dies schließlich für die ungarische Bevölkerung die Gewährleistung der Rechte und den Schutz vor staatlicher Willkür und keineswegs einen Hass gegenüber Ungarn. So zählen nach Art. 49 Abs. (1) der EU-Verfassung insbesondere eine freiheitlich demokratische Staatsform, die Rechtsstaatlichkeit, die Achtung der Menschenwürde und andere Bedingungen als Voraussetzung für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Somit sollten diese Kriterien zur Aufnahme in die Gemeinschaft ebenso für die weitere Mitgliedschaft und erst recht für die Vergabe von Geldern gelten.
Betrachtet man jedoch beispielsweise die Abschaffung der Pressefreiheit, die Zensur, die Beschneidung der Gerichtsbarkeit und andere diktatorische Maßnahmen, die Orban ebenso erlassen hat wie seine politischen Freunde dies gleichermaßen in Polen praktizieren, sind diese beiden Länder weit von den Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit entfernt. Auch haben beide Länder stets die Vorteile der EU durch Empfang von Hilfsgeldern in Anspruch genommen, während sie beispielsweise in der Flüchtlingsfrage eine vollkommen unsolidarische Abschottungspolitik betreiben.
Völlig losgelöst von der Frage, ob und in welcher Höhe die Hilfsgelder als Zuschüsse oder Kredit gezahlt werden sollen, gebietet es bereits die Charta der Grundrechte, wonach „sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität gründet“, dass die Einhaltung der Rechtsstaatsnormen eine absolute Bedingung für die Vergabe von Geldern darstellen muss. Dabei sollten sich die übrigen Mitgliedsländer und die EU-Kommission nicht weiterhin von Nettoempfängern, die sich als Spaltpilze gebärden, erpressen lassen!
Nachdem eine solche Erpressung bereits vor einem Jahr bei der Nominierung von Flintenuschi zur EU-Kommissionspräsidentin und nunmehr bei den Corona-Hilfen gelungen ist, werden Orban und seine Visegrad-Kumpels diese Methode künftig vermehrt auch in anderen Fällen anwenden. Die Reaktion Orbans auf den „Formelkompromiss“ in dieser Frage verdeutlicht, wie er und Polens Morawiecki die anderen EU-Länder über den Tisch gezogen haben und dies weiterhin praktizieren werden. Dazu werden, wie in tagesschau.de vom 23.07.2020 berichtet, EU-Gelder seit dem Jahre 2010 (!) an Orban persönlich, seine Familie und seine engsten Freunde abgezweigt.
Schließlich würde auch niemand diese Länder daran hindern, zur Rechtsstaatlichkeit zurückzukehren, womit auch der Gemeinschaft geholfen wäre.

Peter Boettel, Göppingen

Der Krieg gilt den Hütten

Kolonialgeschichte: „Kollektives Vergessen“, FR-Tagesthema vom 23. Juli

Sehr schön, wenn weiße deutsche Frauen den schwarzen afrikanischen Frauen und Männern aufschreiben, was sie wie wo und seit wann zu fühlen haben. Auch die Aussagen von schwarzen Deutschen sind da ganz wichtig. Was afrikanische Afrikaner denken, hat noch nie jemand interessiert, denn die stehen den Geldjägern einfach nur im Weg. Deshalb geht alles am Problem vorbei. Mit Rassismus wird lediglich der Kaptalismus verschleiert. Was gilt schon ein Menschenleben, wenn verdient werden kann. Das gilt natürlich auch für die Weißen selbst und es war das Pech der Afrikaner, daß die unterdrückte und beschissene weiße Meute andere zum unterdrücken und bescheißen gefunden hat, als sie von ihren Junkern und Rittmeistern auf die verschiedenen Kontinente gehetzt wurde. Jetzt soll aus Steuermitteln Wiedergutmachung gezahlt werden. Ich kann sagen, meine Vorfahren haben niemals kolonialisiert und unterdrückt, die sind selber immer nur herumgeschubst und von den jeweiligen Machthabern nach Gutdünken verkauft oder ausgepresst worden. Das soll wirklich mit dem Geld der Werktätigen geleistet werden? Wer entschädigt denn die Herdigerdis? Wenn hier Geld gesucht wird: nehmt endlich die Vermögen der Adeligen und Industriebosse bis zum letzten Cent und Quadratmeter, denn die haben seit Jahrhunderten ohne geringste Gewissensbisse das ganze Blutgeld. Weil aber die Kapitalisten den Rassismus erfunden haben, bleiben wie immer die Paläste verschont – der Krieg gilt den Hütten, und zwar überall!

Matthias Kraus, Hasselroth

Stauffenberg, ein Widerstandskämpfer?

AKK und die Trennlinie zur Wehrmacht: „Klare Worte beim Gelöbnis“, FR-Politik vom 21. Juli

Jedes Jahr wird ein Mensch geehrt, der nie Widerstandskämpfer war. Stauffenberg konnte die Bombe nur platzieren, weil er ein Vertrauter Hilters war, ihm so nahe stand! Am Tag der Machtergreifung Hitlers am 30.1.1933 nahm v. Stauffenberg an einer Demonstration teil zur Feier dieses Ereignisses. Von der gräflichen Verwandtschaft wurde er als einzige braunes Familienmitglied bezeichnet.
Im Krieg gegen Polen schreibt er an seine Frau, das Volk ist ein Pöbel, viele Juden und Mischvolk. Im Herbst 1943 landeten Briten und Amerikaner in Italien und Juni 1944 in Frankreich. Die sowjetische Armee stand in Minsk. Die Lage für „Großdeutschland“ war aussichtslos. Ich denke dieser braune Held wollte nur wie auch immer mit anderen seine Haut retten.
Es ist Zeit umzudenken! Die Widerstandskämpfer, Widerstandsbewegungen zu ehren. Sie alle traten ein für Demokratie und Humanität ein! Jedes Jahr könnte eine Gruppe , eine Person geehrt werden mit der Darstellung seiner/ihrer ganzen Widerstandstandsgeschichte.

Wolfram Richter, Limburg

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Leserforum vom 28. Juli
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Leserbriefe von Sylvia Heger zu unserem Verbraucherverhalten nach Corona (veröffentlicht hier), Henrik Peitsch zur Frage, ob das Konjunkturprogramm die richtigen Anreize setzt (veröffentlicht hier) , Friedrich Gehring zur klassenlosen Gewalt (veröffentlicht hier), Edgar Frommeyer mit einer Reaktion auf den Leserbrief von Peter Boettel  (veröffentlicht hier), außerdem von Uwe Neumann zu den Kosten von Corona-Tests für Reiserückkehrer, Hans Contier zur Entdeckung der Langsamkeit und Burkhard Gaugler zu Entwicklungen in der Autobranche (alle drei gleich hier, siehe unten)

Einladung für Corona hierherzukommen

Corona: „Kostenlose Tests für Reisende“, FR-Politik vom 25. Juli

Der Freitag hat wieder einmal deutlich gemacht: Beamte, Wahlbeamte und sonstiges Regierungspersonal interessiert es einen …, wie sparsam mit dem Steuergeld umgegangen werden sollte.
Da sind ein paar Party- und Reisefans unterwegs, um aus aller Welt Corona nach Deutschland einzuladen, und dann wird beschlossen, die Tests sollen aus Steuergeld bezahlt werden. Na klar, die Leute brauchen ja für ihren nächsten Corona-Trip noch Geld. Wer zum Ballermann gereist ist, der hat ja sein Geld dort gelassen und kehrt als Bettler wieder heim. Vielleicht sogar mit einer Charter-Maschine, wenn die Normalflüge ausfallen, wegen Corona. Diesen verarmten Leuten muss geholfen werden. Da war ja schon der Hinflug teuer gewesen, nach Neuseeland. Malle gibt es schon für 19, Euro. Aber China, Japan, Indonesien oder Thailand sind schon etwas teurer. Und wer dem Reisebüro seine Hunderte gelöhnt hat, dem kann man doch nicht zumuten, noch einen 100-Euro-Schein für den Corona-Test auszugeben. Dem muss man unter die Arme greifen. Ist doch egal, ob Schulen hinreichend einen Online-Unterricht gestalten können. Ob Schüler*innen einen Online-Anschluss haben und über die dazu gehörende Technik verfügen. Hauptsache man hat dem Weltreisenden geholfen.
Klare Zielsetzungen dieser Regierungen (Bund/Länder). Erst den wohlsituierten Bürgern, zuletzt die Kinder. Toll! Alles richtig.

Uwe Neumann, Rodgau

 

Mit dem Rad nach Paris

Zu: „Die Langsamen sehen mehr“, FR-Panorama vom 15. Juli

Zu dem Text auf der letzten Seite der Rundschau von gestern („Die Langsamen sehen mehr“) fällt mir eine Episode aus meiner Gymnasiumzeit ein, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, da sie einen überpersönlichen Gehalt hat. In den sechziger Jahren erzählte unser Erdkundelehrer, Dr. Heinrich Blatt – allen, die ihn genossen hatten – als „Henner“ unvergessen, folgendes Erlebnis:
Als ich in Straßburg studierte, lernte ich den Sohn des berühmten englischen Historikers Arnold Joseph Toynbee kennen. Der sagte eines Tage zu mir: „Ich werde jetzt für vierzehn Tage nach Paris gehen.“ Ich erwiderte: „Du meinst, du wirst mit dem Fahrrad nach Paris fahren!“ – „Oh, nein!“ war seine Antwort, „wenn ich mit dem Fahrrad fahre, sehe ich ja nichts!“
Ich muss hinzufügen, dass „Henner“, obwohl politisch ganz anders ausgerichtet, mich von allen Lehrern am meisten geprägt hat, hin in Richtung „Skeptizismus gegenüber unkritischem Fortschrittsglauben. (104)
Das war auch der Grund dafür, dass ich mir Arnold Toynbees Buch „Menschheit und Mutter Erde“ kaufte, als es vor vielen Jahren mal auf einem Flohmarkt angeboten wurde.

Hans Contier, Wadern

Nichts dazugelernt

Zu: „Wir werden Run auf Elektroautos sehen“, FR-Wirtschaft vom 20. Jli

Wer eine technische „Innovation“ wie die permanent auf Fernlicht geschalteten Scheinwerfer anpreist und ein Fahrzeug mit 400 PS und vermutlich zwei Tonnen Leergewicht auf den Markt bringt, hat die Zeichen der Zeit nicht erfasst und ist nicht besser als jene, denen er Diskrepanz zwischen Einsicht und Firmenpolitik vorwirft. Im übrigen ist es unsozial, dass die oberen Preisklassen durch die reduzierte Mehrwehrsteuer wieder mehr profitieren als die Käufer von Klein- oder Mittelklassefahrzeugen.

Burkard Gaugler, Darmstadt

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Leserforum vom 29. Juli
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Leserbriefe von Gerhard Burmester und Helmut Usinger zum freiwilligen Wehrdienst (veröffentlicht hier), Heinz Markert zu den Drohmails des „NSU“ (veröffentlicht hier), Dieter Obst zum Zustand der EU (veröffentlicht hier), außerdem Leserinbriefe von Ulrike Finke zur Kirchensteuer und von Inge-Lore Kausen zu erneut aufflammenden Debatte über Sterbehilfe (beide gleich hier, siehe unten).

Wir Christen sollten mehr mitbestimmen

Zu: „Weg mit der Kirchensteuer“, FR-Meinung vom 20. Juli

„Weg mit der Kirchensteuer“, empfiehlt der Redakteur am 20.7 auf der Leitartikelseite.Die beiden Kirchen in unserem Land sollten als Privatsache mit Spendengeldern finanziert werden, statt die Kirchensteuer weiterhin über das Finanzamt einzuziehen. Gar keine abwegige Idee. Für mich als Kirchenmitglied in der evangelischen Kirche immer wieder eine Überlegung. Aber…
Dann müßte aus den Steuergeldern von uns allen allerhand an diakonischen Aufgaben und Wertekulturgestaltung neu übernommen werden. Unsere Kirchenmitglieder gestalten einiges in dieser Demokratie neben der Pflege unserer religiösen Bedürfnisse und der haltgebenden Suche und Gemeinschaft als „Ausweg aus dem Fliegenglas“ (Scobel 2010) der Religion. Nicht nur finanziell!
Abgesehen nämlich davon, dass aus der Babyboomergeneration nicht nur Kirchensteuern gezahlt werden, gestalten noch viele Ehrenamtliche die Gemeinschaft mit. Wir erhalten dafür allerdings aus dem Kirchensteueraufkommen einen sehr geringen Zuschuss (1,30 € pro Kirchenmitglied). Damit sind dann die Ehrenamtlichen oftmals sehr überfordert, von der Institution und ihren Vorgaben. Wir Christen im Land sollten mehr und kritischer mitbestimmen, wofür das Steuergeld ausgegeben wird – wie übrigens in unserer Demokratie ja auch.
Hoffentlich nicht nur durch Rückzug und Austritt und damit Steuer“einsparung“.

Ulrike Finke, Hamburg

Ein würdiges Lebensende

Zu: „Neue Sterbehilfe-Debatte und kein Ende“, FR-Politik vom 22. Juli

Es ist zum Verzweifeln. Trotz eindeutiger Rechtsprechung weigern sich immer noch PolitikerInnen, in verantwortlicher vorderster Position Herr Spahn, einige Ärztefunktionäre und sonstige Gegner einer liberalen Sterbehilfe, diese umzusetzen und Menschen, die aus dem Leben scheiden wollen, ein schmerzfreies, würdiges Lebensende zu ermöglichen.
Ich habe insgesamt 44 Jahre im Krankenhaus gearbeitet, davon 20 Jahre lang als Fachkrankenschwester für Anästhesie- und Intensivmedizin im OP. In dieser Zeit habe ich auch viel Elend gesehen und erlebt. Der Satz „Bitte helfen Sie mir“ ist immer wieder mal gefallen. Mich hat stets der Gedanke beruhigt, dass ich durch den beruflich möglichen (wenn auch illegalen) Zugang zu entsprechenden Medikamenten, meinem Leben bei aussichtslosem Leiden ein selbstbestimmtes, schmerzfreies Ende setzen könnte.
Im Laufe meiner Tätigkeit haben dies mehrere Menschen aus meinem beruflichen Umfeld getan, unter Anwendung von Medikamenten, die sie sich aufgrund ihrer Tätigkeit besorgen konnten.
Mir ist es nach dem Ausscheiden aus meinem Beruf natürlich nicht mehr ohne weiteres möglich, im „Bedarfsfall“ an solche Medikamente heranzukommen, und das beunruhigt mich schon.
Ich bin der festen Überzeugung, dass ein ungeheurer politischer Druck zur Umsetzung der Legalisierung der Sterbehilfe entstünde, wenn es ÄrztInnen und medizinischem Personal nicht (mehr) möglich wäre, sich selbst entsprechende Medikamente besorgen zu können.

Inge-Lore Kausen, Bad Homburg

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Leserforum vom 30. Juli
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Leserbriefe von Konrad Mohrmann, Dietrich Buroh und Hubert Pfeifer zum deutschen Kolonialismus (veröffentlicht hier), außerdem Leserbriefe von Karsten Neumann und Manfred Christmann zum Gerichtsurteil über einen ehemaligen KZ-Wärter, Juliane Schätze zu „einfacher“ Literatur, Gerd-Rüdiger Erdmann zur Sterbehilfe-Debatte, Norman Stelling zum Klangbrei in deutschen TV-Produktionen und Emil Jacob zur neuen Entiwcklung rund um Nord Stream 2 (diese Leserbriefe alle gleich hier, siehe unten).

Dieses Urteil kommt Jahrzehnte zu spät

Urteil über KZ-Wärter: „Das richtige Maß an Milde“, FR-Meinung vom 24. Juli

Ein wichtiges Signal, dass dieser Mann schuldig gesprochen wurde. Lassen wir das Strafmaß außer Acht, denn was der Kommentar außer Acht lässt, erscheint mir viel wichtiger zu diskutieren und sich ins Bewusstsein zu rufen. Dieses Urteil kommt Jahrzehnte zu spät! Vor zwei Monaten ist 100-jährig meine Oma gestorben. Unbelehrbar bis zum Schluss, hat sie mir vorgeworfen, im Bundesarchiv zur von ihr 75 jahre verschwiegenen NS-Vergangenheit meines Großvaters recherchiert zu haben. So warf sie mit pseudomoralischen Sprüchen um sich. Motto: „Die Toten lässt man ruhen“. Beliebt bei ihr war auch „Bleib im Land und ernähr dich redlich“. Dass ihr im Krieg gefallener Mann, überzeugtes NSDAP-Mitglied, daran beteilgt war, fast ganz Europa gewaltsam unterzujochen und bis kurz vor Moskau marschiert ist, das wurde geflissentlich unterschlagen. Als meine Mutter sich vor über 25 Jahren ein japanisches Auto gekauft hatte, da hieß es: „Kannst du dir kein deutsches Auto kaufen?“. Dieses Schweigen der Tätergeneration und die subtlie versteckte Übertragung ihrer Ansichten auf die nächsten Generationen sind es, die die Bundesrepublik bis heute prägen. Und warum? Weil wir aus Scham und politischem Kalkül nicht getraut haben auch die kleinen Täter, die begeistert jubelnden Mitläufer anzuklagen. Dieser Fehler wirkt bis heute. Leider!

Karsten Neumann, Nürnberg/Bethang

Hat man jemals die Großen verurteilt?

Ihren Kommentar zur Verurteilung wegen Beihilfe zur Ermordung von Gefangenen im KZ des heute 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmannes, der mit 17 Jahren auf der Mauer eines KZ Wache gestanden hat, finde ich beschämend.
Sie schreiben: „Entscheidend ist, dass auch die kleinen Helfer des Vernichtungssystems verfolgt werden“. Hat man je die „Großen“ verurteilt, die sogar in der BRD Karriere machen konnten? Ich denke an Kiesinger, Gerstenmaier, Globke, Filbinger, an die Mitarbeiter der Geheimdienste, die maßgeblich am Aufbau des Verfassungschutzes beteiligt waren. Ich denke an NS-Juristen, die ebenfalls in der BRD Karriere machten und mit allen Mitteln eine Bestrafung ehemaliger Kollegen verhinderten. Ich denke an Ärzte, die an der Ermordung behinderter Kinder beteiligt waren (Stichwort Euthanasie) und anschließend Karrieren machten und sogar das Bundesverdienstkreuz erhielten. Alle hatten Kenntnis von diesen „Morden“, sie versuchten nicht, diese zu verhindern, im Gegenteil, sie befürwortetn die „Morde“. Kommentar überflüssig.

Manfred Christmann, Frankfurt

Verständlich oder einfach?

Zu: „Literatur geht auch verständlich“, FR-Regional vom 17. Juli

Mit großem Erstaunen habe ich im Regional-Teil der FR die Überschrift „Literatur geht auch verständlich“ gelesen. Vorgestellt wird die von Hauke Hückstädt, Leiter des Frankfurter Literaturhauses, herausgegebene Anthologie „Lies. Das Buch. Literatur in einfacher Sprache“, die Texte von Judith Hermann, Arno Geiger und Nora Bossong enthält.
Mir stellen sich zwei Fragen: Sind die Adressaten Legastheniker? Oder: Sollen Bildungsferne gehindert werden, sich die Bildung anzueignen, die sie zu verstehendem Lesen befähigt? Ein wesentliches Qualitätsmerkmal von Literatur ist Verständlichkeit. Kein Verlag nimmt ein Manuskript an, wenn bezweifelt wird, dass die Leserschaft den Inhalt versteht. Mich würde die Meinung der oben Genannten dazu interessieren, dass ihre Texte in „einfache Sprache“ umgeschrieben werden müssen, damit sie verständlich sind. Um unsere komplexe Welt verstehen zu können, muss die literarische Darstellung verständlich sein; mit einfach sollte das nicht verwechselt werden.

Juliane Schätze, Frankfurt

Monopol über Sterben und Tod

Zu: „Neue Sterbehilfe-Debatte und kein Ende“, FR-Politik vom 22. Juli

Der Artikel 1 des Grundgesetzes lautet „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Wenn mein Tod zu mir gehört, dann ist auch ihm mit Würde zu begegnen, d. h. letztlich, dass der Mensch entscheidet und nicht irgendein Gesetzgeber. Dass das Individuum entscheidet, wie sein Tod würdevoll ist. Warum tut sich dieses Land, dieser Staat mit der Sterbehilfe so schwer? Ein Staat, der sich in den letzten Jahren aus der Daseinsfürsorge zurückgezogen hat, möchte das Monopol über Sterben und Tod behalten? Sind das obrigkeitsstaatliche Elemente? Oder sind es langanhaltende Probleme im Umgang mit der Aktion T4 (Vernichtung lebensunwerten Lebens) der Nationalsozialisten? Warum wird in der „Analyse“ von Frau Dalka nicht näher auf das Procedere in der Schweiz (die am Anfang des Artikels erwähnt wird) oder Holland eingegangen? Das wäre doch zur Orientierung hilfreich. Es steht zu befürchten, dass der mutigen Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eine Debatte folgt, in der vieles solange zerredet wird bis eine kleinmütige Lösung gefunden worden ist, damit wir in zehn oder 20 Jahren erneut mit der Diskussion beginnen können.

Gerd-Rüdiger Erdmann, Pattensen

Teppich aus Dauerklang

Zu: „Viren-Thriller ‚Sløborn‘ startet verhalten“, FR-Feuilleton vom 25.7.

Bin ich mit knapp 55, studiert und eigentlich nicht auf den Kopf gefallen und vor allem mit einem gesunden Gehör ausgestattet eigentlich der Einzige der so denkt? . Alle loben die neue Serie Sloborn. Aber mittlerweile wie bei allen deutschen Produktionen herrscht ein (entschuldigen Sie die Ausdrucksweise) beschissener Dauerklangteppich hinter den Dialogen, dass es mir unmöglich ist, auch nur fünf Minuten diesen Mist zu ertragen. Warum wird das mittlerweile bei allen Sendungen gemacht. Wer will diesen Unfug? Es wirkt zu dem wie eine billige Z -Produktion

Norman Stelling, Hamburg

Eine Frage von Charakter

Nord Stream 2: „Umverteilung mal anders“, FR-Meinung vom 3. Juli

Ich hoffe die Zulieferer für nordstream 2. haben genügend Charakter den Erpressern aus unserem Kulturbringer Amerika Widerstand zu leisten. Die EU und hier besonders das „Amerika hörige“ Deutschland könnten diesmal sinnvolle Unterstützung den Firmen gewähren die unter der Erpressung zu leiden haben. Ein Embargo Ende und bessere Handelsbeziehungen zu Russland gehören hierzu auf den Prüfstand ohne erst die Amerikaner zu fragen.

Emil Jacob, Poppenhausen

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Leserforum vom 31. Juli
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Leserbriefe von Rolf Oesterlein, Stefan Vollmershausen, Detlef Hennings und Cäcilia-Dickescheid-Breig zu Corona-Tests für Rückkehrer (veröffentlicht hier), außerdem Leserbriefe von Thomas Ewald-Wehner zum Bedeutungsschwund Gewerkschaften, Fritz Brehm und Riggi Schwarz zum FR-Interview mit Markus Söder und Jörg Reute-Radatz zum BGH-Urteil bzgl. Recht auf Löschen (alle vier gleich hier, siehe unten).

Das Problem der Gewerkschaften

Zu: „Die Dompteure des Kapitalismus“, FR-Magazin vom 22. Juli

Das Buch des Verdi-Ökonomen mit SPD-Parteibuch „Das Gift der Ungleichheit“ zur Organisationsentwicklung bundesdeutscher Gewerkschaften erscheint im sozialdemokratischen J. H. W. Dietz-Verlag. „Ohnmacht der organisierten Arbeit“ rührt auch aus der Agonie der hiesigen Sozialdemokratie. Der Organisationsgrad von 15% der Beschäftigten reduziert sich noch erheblich, wenn die Zahl der in Rente befindlichen GewerkschafterInnen mitgedacht wird. Wäre der gewerkschaftliche Organisationsgrad höher, gäbe es die ungleich bezahlten und prekär Beschäftigten in dieser ungeheuerlich großen Zahl nicht. Das ist ein Problem der Gewerkschaften aber auch der Nichtorganisierten, die seit Jahrzehnten der „Gewerkschaftsfamilie“ nicht angehören.
Angesichts der relativen Schwäche der Gewerkschaften werden auch die heute in Berufsausbildung befindlichen jungen Menschen nicht angemessen angesprochen. Das sind ca. 1,5 Millionen Menschen. Gerade die (Corona-)Probleme in der gegenwärtigen Berufsausbildung spielen auch medial keine Rolle und sind aus der praktischen Politik der Parteien links der Mitte verschwunden. Die fortschreitende Digitalisierung stellt an eine zukunftsorientierte Berufsausbildung höchste Ansprüche; die Neuordnung der Berufe hinkt dieser Entwicklung nach. Eine Theoriezeitschrift des DGB zu Fragen beruflicher Bildung wurde vor vielen Jahren aus Kostengründen eingestellt, was sich jetzt rächt.
Einem „Klassenkampf von oben“, den die „Eliten“ selbstbewußt betreiben und zur „Pflege des privaten Reichtums“ unerbittlich und nachhaltig führen, trifft auf auf eine arbeitende Klasse, die keine Vorstellung mehr davon hat, was sie geeint und organisiert bewegen könnte … Fehlende (Gewerkschafts-)Organisation, Mangel an Geschichtskenntnis und nicht zuletzt kein ausreichendes Sozialbewußtsein der arbeitenden Menschen sind die Hemmschuhe, die leider die Gewerkschaften nicht zu „Dompteuren des Kapitalismus“ – wie das die gewählte Überschrift suggeriert – machen. Der gedanklichen Arbeit des Gewerkschafters Dierk Hirschel und sein bestimmt gutes Buch sind deshalb weiteste Verbreitung unter den vielen GewerkschafterInnen und Nichtorganisierten zu wünschen!

Thomas Ewald-Wehner, Nidderau

Bayern hat die meisten Toten

Söder: „Man verliert leicht den Blick nach außen“, FR-Tagesthema vom 25.7.

Die hohen Zustimmungswerte für Markus Söder in den Umfragen sind erstaunlich. Zwar sagt er: „Nur wer Krisen meistert, wer die Pflicht kann, der kann auch bei der Kür glänzen.“
Das klingt gut, doch sollte darüber nicht vergessen werden, dass Bayern seit Beginn der Corona-Pandemie das Bundesland ist, das die meisten Infizierten und die meisten Toten zu beklagen hat. Bestandene Feuertaufe (CDU-MdB Michael Hennrich) sieht anders aus.

Fritz Brehm, Frankfurt

Noch ein weiteres Kabinettstück

Das hätte wohl kein Franz Josef Strauß, kein Dr. Edmund Stoiber und auch kein Horst Seehofer so elegant hinbekommen, das kann nur einer, ein Mittelfranke aus Nürnberg: Dr. Markus Söder.
Um der Pandemie zu trotzen, sind zentnerweise Kreativität gefragt und tonnenschwerer Handlungsbedarf angesagt.
Markus Söder ist derzeit so oberbeliebt wie noch nie zuvor. Er alleine ist der bayerische „Krisen-Manager“ für ganz Deutschland, ein absoluter „Bilderbuch-Macher“ par excellence.
Mit Hilfe des Infektionsschutzgesetzes dürfte ihm auch noch ein weiteres Kabinettstück gelingen, nämlich die Personalie, den bayerischen Ministerpräsidenten mit dem Bundeskanzler in Personalunion zu vereinigen. Aber natürlich nur in seiner Person.

Riggi Schwarz, Büchenbach

Google und die Inhalte

Recht auf Löschung: „Keine Ausreden mehr“, FR-Meinung vom 28. Juli

Im Leitartikel von Thomas Kaspar wird ausführlich auf das Urteil des BGH zu den Pflichten der IT-Unternehmen vor dem Hintergrund der europäischen Datenschutz-Grundverordnung eingegangen. Am Ende kommt Herr Kasper zu der Schlussfolgerung, dass es höchste Zeit wäre, dass z.B. Google nicht neutral ist und sich auch inhaltlich mit den Inhalten auseinandersetzen müsse. Die Gefahr, dass nun Konzerne über den Wahrheitsgehalt von Inhalten urteilen sollen, wird nicht reflektiert.
Die Vorstellung, dass IT-Unternehmen entscheiden sollen, welche Inhalte richtig oder falsch sind, ist absurd. Eine Klärung dieser Frage muss im Zweifelsfall weiterhin den Gerichten überlassen bleiben. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wichtige Informationen, die möglichweise kritisch sind, nicht mehr öffentlich verbreitet werden.

Jörg Reuter-Radatz, Hannover

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Leserforum vom 1. August
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Zuschriften zum 75. Geburtstag der Frankfurter Rundschau, die am 1. August 1945 erstmals erschienen ist, von Renate Rölle, Stefan Vollmershausen, Gabriele Schreib, Dietmar Schöckel und Heide Dorfmüller (veröffentlicht hier)

Seite zwei

Leserbriefe von Wolf Paschen zum Verhalten der Menschen in der Pandemie (veröffentlicht hier) und von Karlheinz Kapteina zum Verhältnis der Linkspartei zu China (gleich hier, siehe unten).

Modrow muss zurücktreten

Die Linke und ihr Verhältnis zu China: „Vor allem Lob“, FR-Politik vom 21.Jjuli

Eine bizarre Vorstellung eines alten ehemaligen Parteioffiziers der alten SED, Leistungen eines autoritär geführten, menschenverachtenden Systems mit lobenden Worten ins politische Feld zu führen. Wenn Hans Modrow Hochachtung für ein Unterdrückungssystem China anmahnt, tritt er alle, die für Menschenrechte in China ihr Leben riskiert und verloren haben mit Füßen. Es ist nicht Aufgabe eines Ältestenrates einer Partei, alte antidemokratische Denkstrukturen in Bewegung zu setzen in der Hoffnung sie erneut hoffähig zu diskutieren. Als Gründungsmitglied NRW „Die Linke“ fordere ich den Parteivorstand der Bundeslinken auf, diesem verheerenden Trend entgegen zu wirken. Ich bin sehr froh dass Hans Modrow niemals den eisernen Anzug, den Tigerstuhl als Folterinstrument wie viele Uiguren in der Provinz Xinjiang tagtäglich oftmals erleben müssen, selber am eigenen Leibe erlebt hat. Aus seiner eigenen Geschichte müsste eigentlich das Unrechtsystem in der alten DDR bei Hans Modrow noch präsent sein. Er gehörte doch zum Machtsystem des Unrechtstaates DDR. Ich wünsche mir als Mitglied der Linken einen Ältestenrat der für transparente demokratische Denkstrukturen steht. Ökonomische Entwicklungen, seien sie auch global einmalig, können nur mit demokratischen Strukturen bewältigt werden. Das ist in China nicht der Fall. China tritt nicht nur jeden Tag die Menschenrechte mit Füssen, es verändert jeden Tag die ökologischen Voraussetzungen die unseren Erdball an den Rand des erträglichen bringt. Ich fordere die Partei auf sofort die Informationsvorlage zur Lage Chinas zurückzuziehen. Hans Modrow muss in seiner Funktion als Vorsitzender des Ältestenrates der Partei die Linke zurücktreten. Ein Neuanfang schafft Glaubwürdigkeit bei den Menschen im Land.

Karlheinz Kapteina, Vöhl

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6 Kommentare

  1. Edgar Frommeyer sagt:

    @ Peter Boettel

    Wie wahr und wie wohltuend deutlich, dennoch emotionslos, weil völlig sachlich, wird hier auf die antidemokratische Staatsentwicklung in Ungarn und Polen hingewiesen …
    Die Einigung der Staatslenker auf das Riesenfinanzpaket zeigt zwar solidarische Haltung, „Rückgrat“ zu zeigen haben sich allerdings letztlich die 25 Partnerländer von Ungarn und Polen nicht getraut – erbärmlich!

  2. Peter Boettel sagt:

    @ Edgar Frommeyer

    danke, von Rückgrat war leider nichts zu spüren.

    Und daraus haben Orban & Co. die Erkenntnis gezogen, dass sie die restlichen EU-Länder einschließlich der Kommission (deren Präsidentin hat ihnen schließlich den Posten sowie die Flucht vor innenpolitischen problemen in Deutschland zu verdanken) auch künftig in der Hand haben.

  3. Dieter Obst sagt:

    Kritisch beäugt von den Egomanen aus den USA, Russland; Türkei und China haben die Europäischen Regierungschefs ein deutliches Zeichen gegenüber diesen Alleinherrschern gesetzt. Nach einem Sitzungsmarathon haben sich die 27 Regierungschefs insbesondere über die Finanzhilfen für die Länder verständigt, die besonders von dem Coronavirus betroffen sind. Zudem erfolgte eine Verständigung über den zukünftigen EU-Haushalt vor allem mit dem Schwerpunkt Klimaschutz. Das umfangreiche Gesamtpaket muss noch vom EU-Parlament und den 27 nationalen Parlamenten beschlossen werden. Es bleibt zu hoffen, dass dies gelingt!
    Bei allen unterschiedlichen Interessenlagen dürfte den Entscheidungsträgerinnen und – trägern klar geworden sein, dass Europa nur dann eine Zukunft hat, wenn es geschlossen auftritt und sich nicht von den Alleinherrschern auseinanderdividieren lässt und weiterhin für die Wertgemeinschaft einsteht.

  4. @ Juliane Schädle / Verständlich oder einfach? / Leserforum vom 30.07.20

    „Um unsere komplexe Welt verstehen zu können, muss die literarische Darstellung verständlich sein; mit »einfach« hat das nichts zu tun, schreibt Juliane Schätze.

    Ich gehe noch weiter. Um Sprache verstehen zu können, muss man sie in all ihren Nuancen erlernt haben. Wem das nicht möglich war, beispielsweise, wenn die schulischen und familiären Rahmenbedingungen schlecht waren, wird auch Probleme mit einer reduzierten Sprache haben. Denn was soll man weglassen, um vermeintlich verständlich zu schreiben und zu sprechen? Die literarisch gut Informierten können sich vermutlich noch an die „Reader’s Digest Auswahlbücher“ erinnern. Es waren Unterhaltungsromane, die noch um ihre bescheidenen literarischen Bestandteile entkernt waren.

    Falls Sprache einfach sein soll, müsste alles, was sie beschreibt, lediglich von einfacher Beschaffenheit sein. Denn andernfalls wären die Tatsachen des Lebens und die Sprache, in der sie wiedergegeben werden, von unterschiedlicher Essenz. Sprache soll ihrem Zweck nach das beschreiben, was tatsächlich vorhanden ist. Das Äußere und seine tiefergehende Bedeutung, alles, was die Welt ausmacht. Und zu dieser Welt zählen die Menschen, ihre Befindlichkeiten und Handlungen, die vielfältige Natur sowie die Entwicklungsgeschichte der Welt und ihrer Lebewesen samt der erhofften und zu gestaltenden Zukunft. Eine einfache Sprache hingegen müsste die Wirklichkeit auf das oberflächlich Verständliche reduzieren und dadurch die Gefahr heraufbeschwören, dass im Anschluss nicht weiter nachgedacht und nachgefragt würde. Sie müsste ohne Zwischentöne auskommen, nur ein Entweder – Oder zulassen. Ihre Aussagen müssten auf die notwendige permanente (selbstkritische) Reflexion verzichten.

    Doch Sprache ist Kommunikation auf der Basis höchstmöglicher Abstraktion bei gleichzeitiger umfassendster Tiefführung. Damit sie die Komplexität alles real Vorhandenen, Gewesenen und Gedachten wiedergeben kann, muss sie selbst komplex angelegt sein. Denn sie ersetzt, was in frühen Stadien der Menschheitsgeschichte in Form langer Bildreihen gezeichnet wurde, um Ereignisse erzählbar zu machen. Doch der Erzähler, der sich dieser Bilder als Anschauungsmaterial bediente, konnte sie anders deuten. Die Umwandlung der Bilder zu Bildzeichen und schließlich zu Wörtern und Wortverbindungen, deren Anwendung gewachsenen Regeln unterliegt, bedeutet auch die strikte Reduzierung von willkürlichem, also einseitigem, Umgang mit Sprache . Unter identischen Voraussetzungen angewandt, verlieren ihre Worte, deren Synonyme, Wortverbindungen und ihre grammatikalischen Regeln nichts von ihrer Bedeutung. Sie sind klar ohne schlicht und dadurch manipulierbar zu sein. Ohne ihre Strukturgesetze ließen sich weder schöngeistige noch wissenschaftliche Texte verfassen.

    Wenn Hauke Hückstädt, der Leiter des Frankfurter Literaturhauses, eine so genannte „Einfache Sprache“ fördern will, um bislang Ausgeschlossene (vermutlich Bildungsferne und Zuwanderer) für die Literatur zu gewinnen, schafft er exakt dadurch die Bedingungen für deren endgültige Deklassierung. Statt auch jenseits der allgemeinbildenden Schulen Voraussetzungen für das stufenweise Erarbeiten von Sprache und Literatur zu ermöglichen (und Sprache sowie die aus ihr hervorgehende Literatur müssen, wie ich noch einmal betone, gelernt werden), idealisiert er einen unerträglichen Zustand, nämlich eine Spracharmut, die nach Auflösung schreit. Da hilft es auch nicht, wenn er Literatur in „Einfacher Sprache“ mit einem Federstrich zur Kunst erhebt.

    Sein dazu bemühter Vergleich mit der Architektur des Bauhauses verkennt das Wesentliche der Ansätze von Henry van de Velde und Walter Gropius. Denn das Bauhaus verzichtete auf äußere Schnörkel nicht um einer vermeintlichen Einfachheit willen, sondern weil es innen ein Optimum an kreativer Arbeit ermöglichen wollte, konkret durch die Zusammenführung von Handwerk und Kunst. Der Grundgedanke des Bauhauses war die Abkehr von der unbegrenzten industriellen Reproduzierbarkeit und die neue Hinwendung zum präzisen Schaffen mit individuellen Akzenten. Und dieser Geist sollte sich auf die äußere Form übertragen, die unbegrenzte Offenheit assoziierte.

    In Frankfurt erleben wir derzeit beim Streit um einen Neubau von Schauspielhaus und Oper, dass ein Axiom der Architekturtheorie, nämlich die Vermittlung des (künstlerischen) Innenlebens durch eine angemessene, also reflektierende, Gestaltung des Äußeren, nicht mehr beachtet wird. An seine Stelle tritt der Wunsch nach äußerem Schein bei gleichzeitiger Geringschätzung dessen, was auf der Bühne zur Sprache kommt.

    Hauke Hückstädt bewegt sich mit seiner Art von Literaturverständnis auf dieser Ebene gesellschaftlich akzeptierter Sprachlosigkeit. Die Inschrift am Portal des Frankfurter Literaturhauses erinnert an die wiedererlangte Freiheit (nach den napoleonischen Kriegen). Es hat den Anschein, dass heutzutage damit die Freiheit zu jedweder Beliebigkeit gemeint sein könnte, sie muss nur schlicht genug sein.

  5. Rosi Behnick sagt:

    @ Norman Stelling

    der Leserbrief von H. Stellung aus Hamburg trifft meine volle Meinung:

    Mittlerweile sind anscheinend alle den Menschen gezeigten visuellen Darstellungen entweder von am Computer erzeugten hammerartigen Bässen oder Klangteppichen in Moll unterlegt.
    Es scheint, dem Zuschauer wird die Fähigkeit zur Entfaltung einer eigenen Emotion abgesprochen, so dass man eben nachhelfen muss.

    Ob es sich um Werbung, Serien oder Spielfilme handelt, überall wird ein gesprochener Text mit aufdringlichen Klängen unterlegt. Selbst bei Dokumentationen habe ich schon wegen der unerträglichen „Lärmbelästigung“ abgeschaltet.

    Anscheinend fällt diese Dauerberieselung niemanden auf und man hat sich daran gewöhnt. Ich für mich selbst möchte mich nicht daran gewöhnen. Unser aller Nervenkostüm wird schon auf die unterschiedlichste Weise strapaziert. In diesem Fall kann ich wenigstens den Aus-Knopf betätigen, obwohl dann noch viel weniger sehenswertes im TV übrig bleibt.

  6. Karsten Neumann sagt:

    Man muss Manfred Christmann bei seiner Aufzählung natürlich recht geben, es wurden auch viel zu wenig Grosskopferte verurteilt, zuviele Nazis hatten wieder einschlägige Posten. Dennoch wurden natürlich auch Urteile gegen Grosse gefällt und vollstreckt, siehe hier:
    https://museen.nuernberg.de/memorium-nuernberger-prozesse/themen/die-nuernberger-prozesse/der-internationale-militaergerichtshof-1945-1946/die-urteile/
    Dass das bis in die kleineren Reihen eben nicht weiter ging hatte dann eben auch politische Gründe und auch Gründe der Scham, denn es durfte nicht sein, dass in der eigenen Familie Nazis waren. Und sind wir mal ehrlich, wer weiss denn heutzutage genau Bescheid, was seine eigenen Familienmitglieder, die Grosseltern, Ur- und Urgrosseltern gemacht haben. Weiss das ein Schäuble, ein Steinmeier, eine Merkel oder ein Lindner? Ein Kühnert oder Kalbitz? Eine Baerbock usw.? Eher die wenigstens wissen wirklich etwas. Das ist es was ich meine, was uns bis heute prägt, subtil, auf andere art wie ein Globke und all die anderen selbstverständlich schändlicher weise diese Republik geprägt haben.

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