FR-Leserforum vom 30. Dezember bis 4. Januar

Alle Leserbriefe der Woche im Überblick und im Detail. Scrollen und lesen Sie in Ruhe oder suchen Sie Ihren Leserbrief gezielt mit der Tastenkombination STRG und F sowie dem Namen als Suchbegriff. Sie finden hier von oben nach unten:

  • eine Übersicht nach Erscheinungstagen mit den Namen der Autorinnen und Autoren und ihren Themen. Über die rot eingefärbten Links (Seite eins, Seite zwei) können Sie pdf-Dokumente von den Leserforum-Zeitungsseiten aufrufen, wo diese Leserbriefe erschienen sind. Die Links hinter den Namen führen zu den Leserbriefen, die auch hier im FR-Blog veröffentlicht wurden
  • zweitens alle Leserbriefe der Leserforen-Seiten in ihren ungekürzten Fassungen (im Anschluss an die Übersicht)
  • und ganz unten das Kommentarfeld, über das Sie Ihre Beiträge zur Diskussion beisteuern können. Alle Themen, die unten angeschnitten werden, können diskutiert werden. Bitte stellen Sie ein Stichwort an den Anfang Ihres Kommentars, mit dem Sie anzeigen, welches Thema Sie ansprechen.

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Balken 4Leserforum vom 30. Dezember
Leserforum 2 20190916Seite eins

Leserbriefe von Rolf Wekeck, Gerd Wild, Hermann Michel, Wolf Göhring (Thema: Robert Habecks Vorschlag, Flüchtlingskinder von Lesbos nach Deutschland zu holen), Bernd Bremen, Bertram Münzer, Claus Kopinski, Annette Püntmann, Jürgen Pfeil und Werner Fleischer (siehe unten)

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Leserbriefe von Reinhard Fröhlich und Klaus Philipp Mertens.

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Leserforum vom 31. Dezember
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Leserbriefe von Reinhold Strank, Hanspeter Meier Klaus P. Jaworek, Eva Beyer, Klaus Kintscher, Reinhard Schemionek und Manfred Kirsch.

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Leserforum vom 2. Januar
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Leserbriefe von Jürgen Malyssek, Alfred Kastner (Thema: Waffenexporte und der Krieg in Syrien), Stephan Steinhoff, Anna Hartl und Rasmus Ph. Helt.

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Leserbriefe von Heidger Brandt, Christian Karsten und Jan Prediger.

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Leserforum vom 3. Januar
 
Leserforum 2 20190916Seite eins

Leserbriefe von Carsten Dietrich Brink, Riggi Schwarz, Roland Winkler zum Thema Silvesterknallerei, sowie von Siegfried Wendt.

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Leserforum vom 4. Januar
Leserforum 2 20190916Seite eins

Leserbriefe von Joachim Reinhardt (zur Diskussion über Flüchtlingskinder), Jens Jacobsen und Volker Igstadt (beide siehe pdf und unten).
Die Leserbriefe von Frederike Frei und Winfried Kallabis wurden in der Einleitung einer neuen Diskussion zur Frage über die Gemeinnützigkeit gewisser Nichtregierungsorganisationen veröffentlicht: Es müsste viel mehr Protest kommen.

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Leserbriefe von Dr. med Hans von Lüpke, Reinhard Matthies und Siegfried Kowallek (alle drei siehe pdf und unten).

fr-debatte Auch das Ansehen der SPD ist beschädigt

Zu: „Zustände bei AWO unerträglich“ und „Überhöhte Gehälter“, FR-Regional vom19. und 23. Dezember

Einige der „Funktionäre“ der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt haben nicht nur das Ansehen ihres Sozialverbandes, sondern auch die SPD schwer beschädigt. Denn die AWO ist eine Schwesterorganisation dieser Partei, und jeder weiß, dass Frankfurter Funktionäre auch SPD-Mitglieder sind. Die Partei sollte über Parteiausschlüsse nachdenken. Dabei müsste allerdings erst einmal geklärt werden, wer die „Funktionäre“ sind.

Claus Kopinski, Frankfurt

Wachsende Fassungslosigkeit

Clan-Kriminalität: der Richter-Clan (Jürgen, Hannelore, Gereon u.a.), er konnte sich über Jahre (wie viele?) sich selbst kontrollierend an öffentlichen Geldern bereichern. 640.000€ Jahresgehalt für das Ehepaar Richter plus Boni plus 4.500€ monatlich (54.000€/pA) für die dienstliche Nutzung des Privatfahrzeuges, etc. Wie ist jemand strukturiert, der auch nach Bekanntwerden dieser Zahlen immer noch öffentlich behauptet, dass die Gehälter „angemessen“ gewesen seien und sein Rücktritt kein „Schuldanerkenntnis“ sei, sondern lediglich Fürsorge für die AWO? Zum Vergleich für „Angemessenheit“ erhält der Ministerpräsident des Landes Hessen geschätzt 100.000€ weniger jährlich als Herr Richter sich zugesteht.
Meine Fassungslosigkeit steigerte sich noch, als ich in einer Zeitung las, dass über eine Abfindung des Herrn Jürgen Richter noch gesprochen werde. Ja geht’s noch? Wenn ein Schwarzfahrer absichtlich eine „Leistung“ erschleicht, kommt er in den Knast. Wenn ein Herr Richter Leistungen erschleicht, ist er ein Opfer der gemeinen Presse? Die vielen ehrenamtlich Tätigen bei der AWO hätten das zu viel gezahlte Geld, schätzungsweise 350.000€ jährlich, verdient gehabt.

Annette Püntmann, Münster (Wf.)

Brutalstmögliche Aufklärung

AWO oder BWO – Einem Ondit zufolge soll sich der zurückgetretene Vorstand der AWO (Arbeiterwohlfahrt) zur brutalst-möglichen Aufklärung und Umbenennung des Verbandes bekannt haben: statt AWO jetzt BWO (Bonzenwohlfahrt).

Jürgen Pfeil, Königstein

fr-debattePropaganda nach altem Rezept

Zu: „Putins Machtspiel am Meeresgrund“, FR-Poliitik vom 17.12.

Potztausend – das sind schon dolle Kerle, diese Russen. Da stecken sie lt. schwedischem SIPRI-Institut 2018 mit rund 62 Mrd. $ im Vergleich mal gerade knapp 10% der jährlichen US-Ausgaben (ohne die anderen NATO-Staaten) in ihre Rüstung und dann das: Egal, wo die NATO hinschaut; der Igel, pardon die Russen sind schon da. Ob Mittelstreckenraketen, Weltraum und jetzt im Meer – überall lauern Lücken, welche, na klar, „eine Nachrüstung“ (wir kennen das seit dem NATO-Doppelbschiss) erforderlich machen.
Nach altem Rezept aus dem bewährten Propaganda-Füllhorn kommt dann noch ein gehöriges Tütchen Bedrohung („weltweit in der Lage sein, militärische Schläge auszuführen“, „hybride Kriegsführung“, gewürzt mit Spekulatius wie „Ostsee abriegeln“, „Unterseekabel kappen“ usw.) hinzu…und fertig ist, so hofft man, die Stimmungsmache, die es der NATO erlauben soll, die Rüstungsspirale um etliche Windungen nach oben zu schrauben, die letzten Rüstungsbegrenzungsverträge zu kündigen und ernsthafte Abrüstungsverhandlungen erst gar nicht in Erwägung zu ziehen oder die von NGO’s vorangetriebenen Abrüstungsbemühungen (wie z. B. den Atomwaffenverbotsvertrag) zu boykottieren. Der Applaus für diese Kriegstreiberei kommt bezeichnenderweise von genau der richtigen Seite: „Westliche High-Tech-Firmen gehen bereits in froher Erwartung in Stellung“. Na dann happy new year.

Bernd Bremen, Aachen

fr-debatteDas Tempolimit muss kommen

Zu: „Esken macht weiteren Vorstoß zu Tempo 130“, FR-Politik vom 27.12.

Freie Fahrt für freie Bürger. Das Credo unserer Demokratie. Und wer daran zweifelt, ist ein Häretiker. Und doch ist die Forderung nach Begrenzung nötig und gut, sind Zweifel an der Raserei angebracht. Dass Frau Eskens jetzt ein Limit fordert, ist richtig und doch – was Person und Partei angeht – peinlich und unglaubwürdig. Diese Entscheidung wäre heute nicht fällig, hätte die SPD gestern dafür gesorgt, dass das Limit kommt. Welche Gründe gab es denn vor Wochen dagegen zu stimmen: Koalitionsdisziplin wie damals bei der Ausländermaut, der Machterhalt, die Jobsicherung, der Platz nahe den Pfründen? Überzeugung sicher nicht. Wenn Frau Eskens es heute ernst meint, muss sie jetzt – trotz der peinlichen Vorgeschichte – für die SPD einen Antrag im Parlament stellen. Zu diskutieren brauchen wir das Thema nicht – die Argumente sind bekannt. Also machen SPD.

Bertram Münzer, Gütersloh

fr-debatteVon Schießen und Schlagen

Fußball: „Gerechtigkeit in Zentimetern“, FR-Sport vom 18. Dezember

Was ist das für eine Sportart, wo es in 90 (plus weiteren) Minuten mehr als 60 Unterbrechungen wegen Regelverstößen gibt, wo siegen „den Gegner schlagen“ heißt, wo den Ball aufs Tor spielen „schießen“ heißt, wo ein vorsätzliches Faul „Notbremse“ heißt, wo vorsichtiges Umwerfen des Gegners „taktisches Foul“ heißt, wo 22 Spieler sechs Aufseher (Schiedsrichter) brauchen, um spielen zu können, wo einen Strafstoß herausschinden „Schwalbe“ heißt, aber von den eigenen Mitspielern, Trainern und Fans belobigt wird, wo gegen jede Schiedsrichterentscheidung lautstark protestiert wird?
So viel zum Tolerieren. Freue mich trotzdem über die Bundesliga und die EM im kommenden Jahr.

Werner Fleischer, Liederbach

fr-debatteKein Grund zur Freude

Zu: „Religionsfrei feiern“. Kolumne, FR-Meinung vom 23. Dezember

Als Agnostiker wundere und ärgere ich mich über Sätze wie „Zu Weihnachten und Ostern wurde ja schon in vorchristlicher Zeit gefeiert. Wir holen uns das Ganze also nur zurück“.
„Zu Weihnachten und Ostern“ wurde vor 2000 Jahren und davor nicht gefeiert. Allenfalls am kürzesten und längsten Tag des Jahres ohne jeglichen Bezug zu Christgeburt und Christauferstehung. Eine Zurückholung des Julfestes wurde hingegen von den Nationalsozialisten versucht. Und auch Neonazi-Gruppen überschlagen sich mittlerweile wieder darin, die Winter- und Sommersonnenwende durch völkische Rituale einseitig zu deuten und für sich zu vereinnahmen.
Sowohl ein ausführlicher Blick ins „Reallexikon der Germanischen Altertumskunde“ als auch ins Neue Testament beweisen, dass das im vierten Jahrhundert vom römischen Kaiser Konstantin zur Staatsreligion erklärte Christentum seine vermeintlichen Geburtsurkunden nicht auf antike oder germanische Sitten hätte aufpfropfen dürfen. Allein schon wegen der Unvereinbarkeit von Monotheismus und Vielgötterei. Aber auch wegen inhumaner Rituale wie der Verehrung starker Helden. Und dass umgekehrt die Gottlosen und Scheingläubigen das Fest der Christen nicht von dessen zentralen Inhalten trennen dürfen. Wer nicht an die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen glaubt, die sich nach christlichem Glauben in Jesus offenbart hat, ist aufgerufen zu schweigen. Oder besser, den Naturphänomen durch naturgerechtes und menschenfreundliches Leben zu huldigen.
Den Weihnachtsmännern, Weihnachtsfrauen und Weihnachtskindern (mit und ohne Kostümierung) sei geraten, sich die Grundlagen ihrer Religion in Erinnerung zu rufen, nämlich die Evangelien. Bei diesen handelt es sich um Verkündigungsschriften, nicht aber um historische Berichte. Denn „vom Leben und der Persönlichkeit Jesu [können] wir so gut wie nichts mehr wissen“ – so der evangelische Theologe Rudolf Bultmann in seinem Jesus-Buch von 1926.
Das älteste Evangelium, das des Markus, entstanden um das Jahr 70 n.Chr., weiß nichts von Sonnenwende, Geburt in Bethlehem oder Weisen aus dem Morgenland. Es erzählt mit Berufung auf die alttestamentlichen Propheten Jesaja und Maleachi von einem Prediger in der Wüste namens Johannes, der dem Herrn den Weg bereiten wird. Ein Mann namens Jesus lässt sich von ihm taufen und beginnt anschließend seine Wirkung als Prediger und Verkünder des Reiches Gottes.
Das Evangelium nach Matthäus hingegen, zwischen 80 und 90 n.Chr. entstanden, konstruiert zunächst einen heilsgeschichtlichen Stammbaum Jesu, der auf den Urvater Abraham zurückreicht. Vor dem Hintergrund dieser Tradition sind weltliche Eltern hinderlich. Also wird Maria schwanger vom heiligen Geist, was ihren angetrauten Mann Josef nicht erfreut. Vor allem, weil er sie bis zur Geburt des göttlichen Sohnes in Bethlehem nicht berühren darf. Matthäus erzählt auch von Weisen aus dem Morgenland, die auf der Suche nach einem neugeborenen König der Juden sind. Und berichtet von dem machtgierigen Herodes, der alle Neugeborenen ermorden lässt, um unliebsame Konkurrenten auszuschalten. Maria, Josef und Jesus fliehen daraufhin nach Ägypten.
Lukas eröffnet sein Evangelium, das auf den Zeitraum zwischen 70 und 90 n.Chr. datiert wird, mit Johannes dem Täufer, der ebenfalls als Wegbereiter des Messias dargestellt wird. Im zweiten Kapitel erzählt er sehr kurz von Jesu Geburt in einem Stall in Bethlehem. Ebenso von Hirten auf dem Felde und dem Engel, der diesen die Ankunft des Heilands verkündet.
Im Evangelium des Johannes, dessen Entstehung von der historisch-kritischen Forschung dem Zeitraum zwischen 80 bis 100 nach Chr. zugeordnet wird, klingen altgriechische Gottesvorstellungen an. So ist von einem präexistenten Wort Gottes die Rede, das in die Welt gekommen ist und zum Licht der Menschen wird. Aber auch von der Sünde der Welt, die zu ihrer Erlösung eines Opfers bedarf. Ausführlich wird das Wirken des Täufers Johannes beschrieben, in dem u.a. auf die bereits erwähnte Prophezeiung Jesajas Bezug genommen wird. Jesus schließt sich dem Täufer an und wird von diesem als Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt, bezeichnet.
Es scheint so, als dass das Weihnachtsfest auf eine Überlieferung zurückgeführt wird, die nicht repräsentativ für das christliche Selbstverständnis ist. Möglicherweise ist das der Hauptgrund dafür, dass es sich im Lauf der Zeiten andere angeeignet haben. Beispielsweise die Konsumindustrie, um den eindimensionalen Menschen zu formen, der sich von den Inhalten seiner Arbeit entfremdet hat und zum Verbraucher degradiert wird.
„Freue dich oh Christenheit“ heißt es in einem Weihnachtslied. Nein, sie hat dazu leider keinen Grund.

Klaus Philipp Mertens, Frankfurt

fr-debatteImpfdisziplin hochhalten!

vielen Dank für das Thema des Tages an Weihnachten

Das ist imposant! Auch ein zweiter der drei Polio-Typen ist ausgerottet. Dahinter steckt ein jahrzehntelanger globaler Einsatz, der einen guten Zwischenerfolg erzielt hat. Viele private Organisationen haben dazu beigetragen, so zum Beispiel seit Jahren auch die Rotary Clubs auch in Deutschland. Zutreffend ist auch die Charakterisierung „Es war ein steiniger Weg – aber er macht Mut“. Neben dem Mut ist noch eines wichtig: Man muss den Willen für ein so langwieriges und schwieriges Unterfangen aufbringen und jetzt die entscheidenden Schritte gehen, um den letzten verbliebenen Typ auszurotten. Viele, die bis hierhin mitgekämpft haben, sind inzwischen müde geworden. Manche geben sich damit zufrieden, dass schon sehr viel erreicht wurde und in den letzten Ländern Pakistan und Afghanistan, in denen der Typ 1 noch virulent ist, ohnehin schwer durchzukommen ist. Ja, das stimmt, und deshalb bleibt der Weg mühsam und es braucht die Entschlusskraft und noch ein paar finanzielle Mittel mehr, damit die Krankheit endlich vollständig überwunden sein wird. Was können wir in Deutschland dafür tun? Ein paar Euro spenden für Kampagnen wie „End-Polio-Now“ und auch hierzulande die Impfdisziplin hochhalten. Denn gefährlich ist auch, dass sich viele schon in Sicherheit wiegen, weil sie selbst die Krankheit nicht mehr kennen. Mit jedem Reisenden kann ein Virus aber wieder zu uns gelangen und jeden treffen, der nicht geimpft ist. Daher bleibt Impfen eine notwendige Vorkehrung genauso wie Spenden für die Ausrottung. Danke noch mal an die Redaktion, dass Sie darauf hingewiesen haben.

Reinhard Fröhlich, Friedrichsdorf

fr-debatteRasen auf Autobahnen

Zu: „Tempolimit entzweit“, FR-Meinung vom 28. Dezember

Die Tatsache, dass Deutschland mittlerweile das einzige Land in Europa ohne Tempolimit auf Autobahnen ist, hat für ein phantastisches Phänomen gesorgt: Autovermietungen in Süddeutschland und Reiseunternehmen bieten ausländischen PS-Junkies den Supertrip nach Germany an. So können hochmotorisierte Luxuswagen wie Lamborghini, Ferrari, Mercedes etc. gebucht werden, um auf bayerischen Autobahnen wie der A95 und A96 einmalig richtig hochzubeschleunigen oder auch Hochgeschwindigkeitsrennen zu fahren…Richtig pervers – oder? Ach nee – Denkfehler, wir leben ja in Deutschland, und hier gilt bekanntlich immer noch freie Fahrt für freie Bürger!

Holger Kintscher, Langen

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Herrn Scheuer möchte ich auf Erich Fried hinweisen: „Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“ Auch Bertolt Brecht könnte helfen: „Wer a sagt, der muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war.“ Ob diese Weisheiten Minister Scheuer erreichen? Das Volk meint: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Reinhard Schemionek, Wustrow

fr-debatteDie CDU hat ein inneres Problem mit Nazis

Parteiaustritt: „Robert Möritz gibt auf“, FR-Politik vom 21. Dezember

In der Tat ist es keine Nebensache, wenn die CDU in Sachsen-Anhalt eine Woche dazu braucht um Selbstverständlichkeiten zu betonen, nämlich dass ihre Partei sich klar gegen Rechtsextremismus stellt. Die CDU hat schlicht und ergreifend, insbesondere an ihrer Basis, und nicht nur im Osten, ein Problem mit alten und neuen Nazis. Wer die Geschichte der CDU Revue passieren lässt, registriert natürlich, dass viele alte Nazis schon zur Gründerzeit der CDU in dieser Partei eine Heimat gefunden hatten. Namen wie Globke, Oberländer, Lübke oder Kiesinger tauchen einem im Gedächtnis wieder auf, und in der heutigen „Werteunion“ geben Leute wie Hans-Georg Maaßen, die heute den Weg in eine Koalition mit der rechtsextremen AfD weisen, den Ton an.. Die Gegensätze in der CDU zwischen Befürwortern und Gegnern eines Rechtsbündnisses treten immer mehr in Erscheinung. Dagegen hilft nur eine klare Haltung des CDU-Führungspersonals und eine Mobilisierung derjenigen CDU-Mitglieder, die es ernst mit dieser Demokratie meinen und sich nicht von einem fragwürdigen rechten Zeitgeist vereinnahmen lassen. Gerade die noch existierenden demokratischen Volksparteien haben es wesentlich in der Hand, was aus dieser Demokratie wird. Wenn ich mir den Fall Robert Möritz anschaue und die bis zu seinem Parteiaustritt nur schleppenden Reaktionen hierauf auf seiten der CDU, dann wird mein Pessimismus über das Schicksal der zweiten deutschen Dempkratie leider noch verstärkt.

Manfred Kirsch, Neuwied

fr-debatteVon der Mitte entfernt

Kevin Kühnert: „Ich habe keine Vorbilder“, FR-Politik vom 28.12.

Die Argumentation von Kevin Kühnert zeugt leider von einem erheblichen politischen Tunnelblick. Zum einen bedeutet die mickrige Bafög-Erhöhung eher das ziemlich genaue Gegenteil eines Erfolges, da es sich hierbei lediglich um eine längst überfällige Anpassung handelt, während die Anzahl der Arbeiterkinder an den Hochschulen seit Jahren stagniert und in anderen Ländern wie zum Beispiel Dänemark die Studierenden viel effizienter über ein unbürokratisches elternunabhängiges Stipendienmodell gefördert werden. Zum anderen erscheint die politische Landschaft in Deutschland alles andere als volantil, da für nahezu alle im Bundestag vertretenden Parteien mit Ausnahme der Grünen durch die Klimaschutzbewegung die Umfragewerte seit der Bundestagswahl äußerst konstant geblieben sind. Deshalb helfen der Sozialdemokratie nur mehr Selbstreflexion sowie vor allem nach vorne gerichtete gesellschaftliche Visionen aus der Misere, zumal erst jüngst die desaströse Niederlage der Labour-Partei bei der Wahl in Großbritannien sehr deutlich gezeigt hat, dass man mit einem reinen ideologischen Linksschwenk sich von der Mitte entfernt und keine Mehrheiten mehr gewinnen kann!

Rasmus Ph. Helt, Hamburg

fr-debatteBeschimpfen bringt nichts

WDR: „Diagnose: Shitstorm“, FR-Panorama vom 30. Dezember

Ich kann verstehen, dass das Thema Umwelt noch mehr Druck braucht. Muss das aber immer mehr zur Verrohung der Sprache beitragen? Welches Kind nennt seine Oma „Umweltsau“? Hier läuft das Thema völlig aus dem Ruder und kommt auf eine Ebene, die mit der Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit des Anliegens nichts zu tun hat. Erreicht man andere, in dem man sie beschimpft? Es ist wirklich krass, welche Nebenschauplätze bei diesem Thema aufgemacht werden. Ja, die älteren Generationen haben die Warnungen der Wissenschaftler verdrängt und ja, unsere Politiker haben den Ernst der Lage ignoriert. Dies tun sie auch jetzt und die Hilflosigkeit die mich immer wieder befällt, angesichts der Unfähigkeit der Menschen, adäquat auf die Bedrohung unserer Lebensgrundlagen zu reagieren, ist groß. Nur führt das gegenseitige verunglimpfen zum Ziel, zur Bewusstheit des Handlungsbedarfes? Wohl eher nicht. Es entstehen neue Fronten, anstatt zu sehen, dass es ein gesamtgesellschaftliches Thema ist. Sind wir wirklich nicht fähig anders damit umzugehen?

Anna Hartl, Frankfurt

fr-debatteEs geht um die Würde des Menschen

Jürgen Vogel: „Organspende ist überaus wichtig, für alle“, FR-Politik vom 27.12.

Jürgen Vogel mag ein guter Schauspieler sein, sein Engagement für den Verein „Junge Helden“ ehrenwert. Worin allerdings seine Eignung bestehen soll, sich zu grundlegenden medizinethischen Fragen zu äußern und warum ihm dafür eine halbe Zeitungsseite eingeräumt wird, bleibt unklar. Seine Argumentation ist nicht nur sprachlich fragwürdig. Die Frage nach dem Tod des Menschen zu stellen, hat eben nicht mit einer „Märchenstunde“ zu tun. Es geht um die Würde des Menschen, gerade des sterbenden Menschen, dessen Körperfunktionen womöglich künstlich aufrecht erhalten werden, damit man ihm noch Organe entnehmen kann.
Viele andere Fragen bleiben unbeantwortet: Kann es an einem Krankenhaus überhaupt zwei voneinander unabhängige Ärzte geben? Unter welchem Druck stehen sie, wenn sie wissen, dass das Krankenhaus, heutzutage bekanntermaßen als Wirtschaftsunternehmen geführt, an Transplantationen bzw. der Bereitstellung von Organen Geld verdienen kann? Wer kümmert sich in dieser Zeit um die Angehörigen, die einen geliebten Menschen verlieren und denen man sagen muss, dass dieser tot sei, aber eben noch nicht so ganz tot…? Was ist mit dem Menschen, dem das Organ eines anderen Menschen transplantiert wird? Er muss immerhin mit der Gewissheit weiterleben, dass für sein Überleben ein anderer Mensch hat sterben müssen. Was ist mit dem Recht des sterbenden Menschen auf körperliche Unversehrtheit, der es zeitlebens versäumte, seinen Willen zur Organspende zu erklären? Über ihn wird verfügt, sein Wille missachtet, nur weil er ihn nicht erklärte. Die Widerspruchslösung ist perfekt als Freifahrtschein für viele vorstellbare Formen von Willkür innerhalb der medizinwirtschaftlichen Strukturen. Sie ist in sich widersprüchlich, misst man sie an den grundlegenden Normen und Werten der Menschenwürde und des Persönlichkeitsrechts.
Zu einem Medizinbetrieb, der sich zunehmend mehr als Reparaturbetrieb versteht, passt das von Herrn Vogel, Herrn Spahn und anderen geplante Vorgehen. Stattdessen wäre verloren gegangenes Vertrauen neu zu bilden, dass der kranke und sterbende Mensch sich gut aufgehoben weiß, dass er die notwendige Zuwendung und Pflege erfährt, dass medizinethische Entscheidungen unter Einbeziehung aller Beteiligten getroffen werden. Dagegen mutet die Widerspruchslösung wie ein mieser Trick an, wie eine Überlistung all derer, die sich mit dieser Entscheidung aus guten Gründen schwer tun. Dass die Transplantationszahlen bei einer Widerspruchslösung steigen würden, ist bei Lichte betrachtet, das stärkste Argument gegen sie. Reiner Utilitarismus! Bleibt nur zu fragen, wem das nützt.

Stephan Steinhoff, Bonn

fr-debatteUnantastbare Richter

Polen: „Abnutzungskampf“, FR-Meinung vom 19.12.

Die Einleitung von dem Leitartikel von Ulrich Krökel über die polnische Justizreform kann man so verstehen, dass in Polen eine allgemeine Abneigung gegen die Justizreform besteht. Tatsächlich protestieren nur die Anhänger der Opposition dagegen. Ein Rückblick auf die ganze Geschichte kann nicht erst 2015 beginnen, sondern muss mit den Wechseljahren 1989/90 anfangen. Damals wurde ein nur aus Richtern bestehender Wahlausschuss eingesetzt ohne Kontrollmöglichkeiten von außen, was die Unabhängigkeit der Justiz garantieren sollte. Dieses Verfahren war von Anfang an umstritten, da man das Entstehen einer willkürlich handelnden Kaste befürchtete. So kam es dann auch, und ohne Konsequenzen befürchten zu müssen, konnten Richter das Recht beugen. Ein Politiker von Kukiz 15 sprach einmal von einem Richterstaat anstelle eines Rechtsstaates, und so kämpfen die Richter weniger für ihre Unabhängigkeit als für ihre Unantastbarkeit. Um das unkontrollierte Treiben eines Teiles der Richterschaft zu beenden wurde in Erfüllung eines Wahlversprechens die Justizreform beschlossen. Die Opposition hat überhaupt kein Recht sich zu empören. Als sie regierte, hat sie genug Zeit für eine Justizreform gehabt. Das Problem war ihr bewusst. So Sprach 2010 der Justizminister im Kabinett Tusk Kwiatkowski von der Notwendigkeit einer Kontrolle der Richterschaft. Geschehen ist dann nichts. Was an der Opposition demokratisch sein soll, erschließt sich mir angesichts ihres Regierungsstiles- ich verweise auf frühere Leserbriefe von mir- von 2007 bis 2015 nicht.

Christian Karsten, Andernach

fr-debattePerfekte Begleitmusik zum allmählichen Untergang

Himmel oder Hölle: „Wie es ist, ist es nicht gut, FR-Feuilleton vom 24. Dezember

Mag auch die Ausmalung der Höllenpein eine Ausgeburt der Fantasie der Kirchenväter und noch mehr Dante Alighieris gewesen sein, so scheint sie doch von Anfang an wesentlicher Bestandteil christlicher Vorstellungen. Die Lektüre des ältesten Textes des neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes (entstanden ca. 68 n. Chr.) strotzt nur so von Höllenvisionen, die der „Hure Babylon“ zugedacht sind, gemeint ist Rom. Friedrich Engels weist auf die Funktion der Religion in den Klassenkämpfen einer Sklaven haltenden und von unterdrückten Völkern horrende Tribute fordernden Gesellschaft hin: „Das Christentum ergriff die Massen genauso, wie es der moderne Sozialismus tut (im 19. Jhd. tat), in Gestalt mannigfaltiger Sekten … alle sind dem herrschenden System, „den bestehenden Mächten“, feindlich gesinnt.“ (s. Marx-Engels-Werke 21, S. 9-15, nachlesbar unter http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_009.htm).
Das Christentum, als Sammelreligion verschiedener Strömungen am Ende die erfolgreichste dieser Sekten, gibt seinen Anhängern, gerade wenn sie Sklaven sind, in einem zentralen Text, der Bergpredigt, zwei erstrangig wichtige, damals überzeugende Gedanken an die Hand. Dem tut auch keinen Abbruch, dass das Matthäusevangelium erst nach den Paulusbriefen geschrieben wurde:
„Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.“
„Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“
Diese beiden Gedanken und der inbrünstige Glaube an sie sind das Rüstzeug noch des ärmsten Sklaven in der Auseinandersetzung mit seinem grausamen Herrn. Mit dem zweiten sucht er ihn milde zu stimmen, wenn er sich seinen Schlägen nicht im Geringsten widersetzt. Mit dem ersten aber warnt er ihn. In Zeiten rapide schwindenden Glaubens an die griechisch-römische Götterwelt soll und kann dem Herrn der Gedanke kommen: Ich bin ja viel schlimmer als jener Bruder. Da könnte was dran sein, dass es mir nach dem Tode schrecklicher ergeht als dem Sklaven, den ich gerade foltere. Was aber brennende Folter hieß, wusste ein jeder Römer, dazu bedurfte er keines Kirchenvaters.
So erweist sich das Christentum mit seinen Höllenvorstellungen, die eigentlich sofort fällige Aggressionen in die Zeit nach dem Tod verlegen, als die perfekt passende geistig-ideologisch-religiöse Begleitmusik einer ganz allmählich untergehenden Sklavenhaltergesellschaft, einem Herrschaftssystem, das den Sklaven auf seinen Gütern mangels Kriegsnachschub zunehmend Konzessionen machen muss, bis sie Schritt für Schritt in die über eigenes Land und gewisse Rechte verfügenden Kolonen bzw. Leibeigenen des frühen feudalen Mittelalters übergehen, ein Emanzipationsprozess, der durch die Ansiedlung der erfolgreich kämpfenden freien Bauernkrieger der germanischen Völker beim Zusammenbruch des römischen Imperiums noch verstärkt wird.

Jan Prediger, Wismar

fr-debatteKlare und unmissverständliche Darstellung

Gastwirtschaft: „Überflüssige Arbeit“, FR-Wirtschaft vom 31. Dezember

Der aktuelle Gastbeitrag von Günther Moewes hat die gleiche hohe Qualität wie seine früheren Beiträge auch: Es handelt sich jedes Mal um eine klare und unmissverständliche Darstellung eines grundsätzlichen Problems der Wirtschaftspolitik, wo man sich sofort fragt, weshalb sich unsere Wirtschaftspolitiker noch nie zu diesem Problem geäußert haben. Entweder sehen sie das Problem nicht, oder sie wollen es totschweigen. Da drängt sich sofort die nächste Frage auf, weshalb sich denn niemand in unseren Medien veranlasst fühlt, die Wirtschaftspolitiker zu einer Stellungnahme zu diesem Problem zu zwingen.

Siegfried Wendt, Kaiserslautern

fr-debatteDie üblichen 100 Tage

Volksparteien: „Macht die Fenster auf“, FR-Meinung vom 27. Dezember

Ich hatte geglaubt, dass die Frankfurter Rundschau schon weiter sei in der Beschreibung der Situation der SPD. Artikel von Klaus Staeck, Stephan Hebel und einige Leserbriefe ließen hoffen, dass anstelle von einseitigem SPD-Bashing eine differenziertere Sicht um sich greift. Nun kommt Tobias Peter mit den üblichen Instrumenten der Herabsetzung daher: die neuen Vorsitzenden persönlich verächtlich machen („Auszubildende“); maximale Ansprüche formulieren (z.B. Einigung der Partei), die in so kurzer Zeit nicht erfüllbar waren; den nahen Untergang der Partei an die Wand malen („schon bald Geschichte“).
Wie wäre es, die inhaltliche Neuaufstellung der SPD zu thematisieren? Hier hat die Partei mit einem „Linksschwenk“ Ansätze zur lange vermissten, besseren Unterscheidbarkeit der Volksparteien geliefert. Im Übrigen sollte man den neuen Vorsitzenden die üblichen „100 Tage“ zugestehen, um dann ein Urteil zu fällen.

Jens Jacobsen, Flensburg

fr-debatteWas haben wir seit den ersten Pisa-Ergebnissen gelernt?

Zu: „Umdenken in der Pädagogik“, FR-Wissen vom 21. Dezember

In regelmäßigen Abständen finden wir auch zehn Jahre nach Unterzeichnung der UN-BRK (Behindertenrechtskonvention, Anm. d. Red.) Berichte wie den von Josef Hanel, wie Kinder mit „special needs“ dort Unterstützung erhalten sollen, wo für sie Bedarf besteht. Das ist schon erstaunlich bei einer Schulpflicht, die 1919 u. a. deshalb festgeschrieben wurde, damit alle Kinder das Lesen, Schreiben und Rechnen lernen sollten.
Mittlerweile ist sogar die Zeit für die zusätzliche Unterstützung vorhanden: Der Steuerzahler gibt einiges aus, damit zunehmend mehr Schulen Ganztags-angebote einrichten können. Diese werden aber leider nicht zwingend dazu genutzt, Schwächen bzw. Schwierigkeiten der Kinder auszugleichen. Die Betreuung und nicht die individuelle Förderung der Kinder stehen im Vordergrund, damit die Eltern ihren Berufen nachgehen können. Immer noch gibt es deshalb Kinder, die nach der Betreuung mit ihren (müden) Eltern Hausaufgaben machen müssen und/oder für die nächsten Tests üben.
Die anderen Kinder mit Unterstützungsbedarf, die nicht auf die Ganztagsangebote angewiesen sind, aber auch Förderbedarf haben, werden in Nachhilfeeinrichtungen gegen gute Bezahlung individuell gefördert.
Was haben wir seit den ersten Pisa-Ergebnissen gelernt? Schaut man in die finnischen oder kanadischen Schulen bzw. deren Unterricht sieht man sehr schnell, dass die Schülerinnen und Schüler umgehend Hilfe bekommen, wenn sie diese benötigen. Und das in Ländern ohne eine Schulpflicht!

Volker Igstadt, Hattersheim

fr-debatteVogels Märchenstunde

Jürgen Vogel: „Organspende ist überaus wichtig, für alle“, FR-Politik vom 27.12.

Jürgen Vogel betont die Wichtigkeit der Organspende und setzt sich mit dem Verein „Junge Helden“ für „ergebnisoffene Aufklärung über Organspende“ ein. Im Interview wird auch das Thema Hirntod angesprochen. Vogel meint dazu: „Wir müssen endlich Schluss machen mit dieser Märchenstunde“ „Was ist man denn, wenn das ganze Gehirn tot ist, außer tot?“ Hier ist er durch den suggestiven Begriff des „Hirntods“ selbst in eine Märchenstunde geraten. Obwohl die Entscheidung für eine Organentnahme zur Organtransplantation weiterhin an die Formulierung „nach meinem Tod“ gebunden ist, muss das transplantierte Organ lebendig sein. Ein totes Organ kann nicht transplantiert werden. Muss das zu transplantierende Organ lebendig sein, ist auch der Organspender nicht tot. Dieses Dilemma wird mit dem Begriff „Hirntod“ gelöst. Der Tod wird mittels apparativer Daten ins Gehirn lokalisiert. Die so gewonnenen Daten gewinnen die Macht einer objektiven Wahrheit mit weitreichenden Konsequenzen: die Entscheidung „Nach meinem Tod“ hängt daran. Unter diesen Voraussetzungen wird heute für die Organspende geworben – inzwischen auch unter dem Aspekt, dass allein die fehlende Verweigerung zur Organentnahme berechtigen soll. Dabei gibt es eine Vielzahl von Berichten über direkte Beobachtungen durch Angehörige und Pflegepersonal, die bei „Hirntoten“ Lebenszeichen dokumentieren. Die Soziologin Alexandra Manzei hat einige zusammengestellt: „Bekannt ist, dass es klare Schmerzreaktionen wie Schwitzen, Zucken, Blutdruckanstieg und die Rötung des Gesichts gibt. Sie treten nicht nur zufällig auf, sondern können auch konkret ausgelöst werden. Beispielsweise dann, wenn der Bauchraum zur Entnahme der Organe geöffnet wird. Dann steigen Blutdruck und Herzfrequenz sprunghaft an. Daher werden in einigen Krankenhäusern sogar Schmerz-und Beruhigungsmittel gegeben. Das soll vor allem verhindern, dass das Personal verunsichert wird“ (Interview Frankfurter Rundschau 23. Mai 2012). Nicht selten werden solche Reaktionen von Ärzten als „Reflexe“ abgetan – ohne zu berücksichtigen, dass Reflexe Leben voraussetzen. Manzei zitiert eine amerikanische Studie mit mehr als 12 000 Beispielen dafür, dass Menschen nach dem Abschalten der Beatmungsmaschine noch länger als eine Woche gelebt haben. „Hirntote Kinder wachsen, sie kommen in die Pubertät. Die Wunden von Hirntoten heilen, sie können Fieber bekommen, Männer können noch Kinder zeugen, Frauen Kinder gebären.“ (ebd.).Die Absurdität der Verleugnung solcher Informationen, die sogar zur Spaltung im Ethikrates bei der Bewertung des Hirntod-Konzepts geführt hat, zeigt eine tiefe Angst. Es werden eingreifende Handlungen legitimiert, über deren Folgen wir keinerlei Informationen erhalten: wir sehen in eine Black Box. Niemand kann darüber berichten, was er möglicherweise bei einer Organentnahme erlebt hat. Ein Grauen existiert nicht, wenn nicht einmal seine Möglichkeit in Betracht gezogen wird. Diese Angst führt zur Flucht in den Glauben an „harte Daten“, die durch apparative Messwerte gewonnen wurden und zum Ausblenden ganz konkreter Beobachtungen. Dabei sind diese Beobachtungen in der Literatur wie auch im Internet leicht zugänglich. Müssten sie nicht in eine „ergebnisoffene Aufklärung“ einbezogen werden? Könnte es sein, dass jene im Interview erwähnte Diskrepanz zwischen 80 Prozent Befürwortern von Organspende und nur 30 Prozent mit Bereitschaft für einen Spenderausweis mit einer Ahnung von dieser Verleugnung zu tun hat? Gerade für alle, denen die Organspende wichtig ist, könnte die Wahrheit trotz ihres Konfliktpotentials erfolgreicher sein als eine „Märchenstunde“.

Dr. Hans von Lüpke, Frankfurt

fr-debatteDie Rentner haben nichts oder zumindest nicht viel davon

Zu: „Renten klettern schneller als die Preise“, FR-Wirtschaft vom 31.12.

Ja, ja, die Statistik. Die Überschrift „Renten klettern schneller als die Preise“ suggeriert eine Situation, die in der Realität ganz anders aussieht. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was das soll und warum die FR hier keinen kritischen Kommentar absetzt. Was interessiert es, ob die Butter 2018 um elf Prozent teurer war als 2010, wenn die Miete im gleichen Zeitraum mindestens zweimal um jeweils 20 Prozent angehoben wurde und der unersättliche Staat im gleichen Zeitraum die diversen Umlagen und Steuern auf Energie um ein Mehrfaches als die elf Prozent angehoben hat?
Und toll, wenn die Rente von durchschnittliche von 760 auf 906 Euro gestiegen ist, die Miete für diesen „Durchschnittsrenter“ aber vermutlich diese Steigerung schon aufgefressen hat.
Man ( FR) sollte durch derartige – unkommentierte – Meldungen nicht den Eindruck erwecken, wie toll es denn um die Rente bestellt sei. Vielen Rentnern geht es immer schlechter mit der Rente, da ihnen die fixen Kosten immer schneller davonlaufen. Und wenn im Rahmen des Klimapaketes (lach!) die Pendler mehr Geld bekommen, die EEG-Umlage gesenkt wird: Die Rentner haben davon in der Regel nichts oder nicht viel.

Reinhard Matthies, Pinneberg

fr-debattePauschales Abstempeln geht zu weit

Zu: „Doktor der Stasi‘?“ und „Abstempeln hilft nicht“, FR vom 27. Dezember

In seinem Schauspiel „Leben des Galilei“ lässt Bertolt Brecht Galilei sagen: „Und ich überlieferte mein Wissen den Machthabern, es zu gebrauchen, es nicht zu gebrauchen, es zu missbrauchen, ganz, wie es ihren Zwecken diente.“ Heinar Kipphardt stellt in seinem Schauspiel „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ eine vergleichbare Seelennot dar. Oppenheimer hatte während des Zweiten Weltkriegs bei den US-amerikanischen Bemühungen zum Bau einer Atombombe die Leitung, was er tat, um Hitler-Deutschland zuvorzukommen und einen Atombombeneinsatz zu verhindern. Angesichts des Einsatzes der Atombomben „Little Boy“ und „Fat Man“ in Hiroshima und Nagasaki äußerte er aber moralische Skrupel, und im Ergebnis eines Untersuchungsausschusses wurde Oppenheimer die erforderliche Sicherheitsgarantie für Arbeiten an Regierungsprojekten entzogen.
Die Zwickmühle zwischen einer Ergebenheit gegenüber dem Staat, den Autoritäten und einer Anständigkeit gegenüber den Menschen ist natürlich der Stoff für Bühnenstücke. Das entgegengesetzte Extrem ist aber zweifelsohne der skrupellose und bedenkenlose Opportunist, der beim Erwerb des Doktortitels auf Menschenfreundlichkeit und Barmherzigkeit pfeift. Dass die Doktorarbeiten der 485 promovierten früheren Stasi-Offiziere „Anleitungen zur Verletzung der Menschenrechte“ sind, ist unbestreitbar, so dass es auf jeden Fall richtig ist, dass das Stasi-Unterlagen-Archiv überlieferte Forschungsarbeiten von Hochschulabsolventen online stellt. Roland Jahns Forderung, frühere Stasi-Offiziere mit Doktortitel müssten ihren Titel mit dem Zusatz „Stasi“ führen, geht allerdings zu weit.
Dieses pauschale Abstempeln verdeckt zum einen den Blick auf den Einzelfall, und es stellt sich zum anderen die Frage, ob es nicht auch anderweitige Doktorarbeiten gibt, die unter philanthropischen Gesichtspunkten anrüchig sind. Keineswegs möchte ich die Tatsache abschwächen, dass die Stasi-Doktorarbeiten politisch nicht akzeptabel sind. Aber was ist etwa mit Doktorarbeiten zum Konstrukt der Resilienz, wenn sie sich in erster Linie als Teil neoliberaler Vorherrschaft darstellen, um gesellschaftliche Verantwortung ins Private abzudrängen?
Im militärischen Bereich gibt es ein Programm „positiver Psychologie“, damit US-Soldaten lernen, auch extreme Erfahrungen als Herausforderung für persönliche Reifeprozesse anzusehen, um Selbstbewusstsein und Stärke im Sinne von Unbezwingbarkeit zu entwickeln. Ist das die schöne neue Welt, in der man störende negative Gefühle nicht mehr kennt?

Siegfried Kowallek, Neuwied

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Ein Kommentar

  1. Georg Kutschke sagt:

    @Reinhardt Matthies
    Zum Thema Rentensteigerung wird ein wesentliches Thema i.d.R. vergessen. Dies ist der immer noch ansteigende zu versteuernde Rentenanteil. Zur Erinnerung:
    Vor knapp 20 Jahren klagte in Beamter, dass er auf seine Pension Steuern zahlen müßte, Rentner aber nicht. Er gewann in höchster Instanz.

    Die damalige Rot/Grüne Regierung „löste“ das Problem, indem sie die Renten versteuerte. Und zwar damals ab sofort 50% und danach ein ansteigender Anteil je Jahr. Die Höhe des zu versteuernden Anteils richtet sich nach dem Renteneintritt.

    Die Renten beziehen sich auf das Durchschnittseinkommen, Pensionen auf das Endeinkommen zum Zeitpunkt des Pensionseintritts, letztere also auf ein wesentlich höheres Einkommen. Die Rente war in ihrer Höhe als Nettorente konzipiert und ist eigentlich mit der Pension konzeptionell nicht vergleichbar. Die durchschnittliche Pension liegt bei etwa 3000EUR, die durchschnittliche Rente bei rund 1000EUR. Zu beiden müsste man private Einkommen addieren.

    Die Rot/Grüne Regierung hätte die Steuereinnahmen sicher auch in das Rentensystem rückführen können, ohne das Rentenniveau nennenswert weiter abzusenken, hat das Geld aber gerne von Rentnern und Rentnerinnen on Top genommen.

    Der Anstieg der Steuern auf Renten wird erst mit Neurentnern 2040 abgeschlossen sein. Um diesen Anstieg der Steuern werden die Nettorenten und auch die „Rentensteigerungen“ gekürzt. Von den Rentensteigerung haben Rentner und Rentnerinnen, die nach der Änderung in Ruhestand gingen, immer weniger.

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