FR-Leserforum vom 30. September bis 4. Oktober

Alle Leserbriefe der Woche im Überblick und im Detail. Scrollen und lesen Sie in Ruhe oder suchen Sie Ihren Leserbrief gezielt mit der Tastenkombination STRG und F sowie dem Namen als Suchbegriff. Sie finden hier von oben nach unten:

  • eine Übersicht nach Erscheinungstagen mit den Namen der Autorinnen und Autoren und ihren Themen. Über die rot eingefärbten Links (Seite eins, Seite zwei) können Sie pdf-Dokumente von den Leserforum-Zeitungsseiten aufrufen, wo diese Leserbriefe erschienen sind. Die Links hinter den Namen führen zu den Leserbriefen, die auch hier im FR-Blog veröffentlicht wurden
  • zweitens alle Leserbriefe der Leserforen-Seiten in ihren ungekürzten Fassungen (im Anschluss an die Übersicht)
  • und ganz unten das Kommentarfeld, über das Sie Ihre Beiträge zur Diskussion beisteuern können. Alle Themen, die unten angeschnitten werden, können diskutiert werden. Bitte stellen Sie ein Stichwort an den Anfang Ihres Kommentars, mit dem Sie anzeigen, welches Thema Sie ansprechen.

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Balken 4Leserforum vom 30. September
Leserforum 2 20190916Seite eins mit Leserbriefen von:

Marius König und Matthias Wooge kommentieren das FR-Interview mit Thorsten Schäfer-Gümbel, in dem er das Klimapaket der Regierung verteidigt. Beide Leserbriefe wurden als Kommentare in der Klimadebatte veröffentlicht
Friedrich Gehring
antwortet auf den Leserbrief zur Frage, warum in der Klimapolitik zuerst an Verbote gedacht wird, veröffentlicht als Kommentar in der Klimadebatte
Manfred Kirsch
zu unverhältnismäßiger Polizeigewalt, siehe auch unten
Hannah Erben-Wunder kritisiert die FR und die Stadt Dortmund für die Entscheidung, Kamila Sham den Nelly-Sachs-Preis abzuerkennen, siehe auch unten

Seite zwei mit Leserbriefen von:

Dieter Schulz, der von seinem Besuch auf der IAA berichtet; sein Leserbrief wurde als Kommentar in der Debatte über die IAA veröffentlicht
Hans-Joachim Steffen-Jesse und Isabel Bebber setzen sich mit dem Mangel an GrundschullehrerInnen auseinander, siehe auch unten
Gregor Böckermann und Terje Neraal begrüßen das Comeback von Thomas Picketty, siehe auch unten

Seite drei mit regionalen Leserbriefen von:

Konrad Mohrmann und Eberhard Bacher zum Thema „Frankfurt wächst
Stefan Ziegler reagiert auf einen Leserbrief Gerd Hautsch, erschienen am 23. September, zum Thema Wohnungsnot: „Bauen? Ja bitte, aber nicht bei uns!“ Die Erwiderung wurde als Kommentar der Diskussion hinzugefügt
Werner Geiß fordert Grüne und Linke auf, in Sachen Klima bewusst voranzugehen, veröffentlicht als Kommentar in der Diskussion über den Klimawandel
Astrid Droßmann kritisiert – ähnlich wie Stefan Ziegler und Gerd Hautsch – die Bürgerinitiativen wegen ihrer Methoden, siehe auch unten

Die Leserforen vom 1. bis 4. Oktober
werden wegen Urlaub am 7. Oktober nachgereicht

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Demonstrieren für unser aller Wohlergehen

Zu: „Unzulässige Polizeigewalt“, FR-Meinung vom 23. September

Mal wieder ein Fall von unzulässiger und schlimmer Polizeigewalt gegen linke politische Demonstranten, und wieder in Hamburg. Leider handelt es sich nicht um einen Einzelfall, der die rechtsstaatliche Zuverlässigkeit bestimmter Polizeibeamten bezweifeln lassen muss. Die Mehrheit der eingesetzten Polizisten hat sich wohl meistens korrekt, deeskalierend und verhältnismäßig verhalten. Aber Vorgänge wie in Hamburg sind bei der Staatsgewalt leider öfters zu registrieren. Ich erinnere mich noch an die Vorgehensweise in einer ostdeutschen Stadt, bei der Geflüchtete in einem Bus von einem gewalttätigen braunen Mob bedroht wurden und die Polizei tatenlos danebenstand.
Demonstranten nehmen ein Grundrecht wahr und setzen sich wie bei der in Rede stehenden Demo zum Weltklimagipfel für unser aller Wohlergehen ein. Sie haben es nicht verdient, wie etwa in Polizeistaaten, bei Wahrnehmung ihres Grundrechtes auf Demonstrationsfreiheit misshandelt zu werden. Bei der Polizei, siehe Frankfurt am Main, gibt es offensichtlich mehr Rechte als bisher angenommen. Sie haben im Polizeidienst nichts zu suchen, denn sie untergraben das Vertrauen in den Rechtsstaat. Aufklärung der skandalösem Vorfälle tut jetzt Not – und wohl auch gegebenenfalls mit einem Untersuchungsausschuss in Hamburg.

Manfred Kirsch, Neuwied

Die Jury sollte sich schämen

Kamila Shamsie: „Im Namen von Nelly Sachs“, FR-Feuilleton vom 25.9.

Im Gegensatz zu Herrn Nutt finde ich es empörend, Frau Shamsie den Nelly-Sachs-Preis wieder abzuerkennen. Nicht die BDS-Bewegung ist aggressiv, sondern die israelische Besatzungs- und Annektionspolitik. BDS ist praktisch das gleiche wie die Sanktionspolitik der USA und Europas gegen Russland – nur durch Zivilisten statt Politiker und obendrein gänzlich ohne militaristische Aufrüstung und Drohungen. Im Ubrigen ist sie auch nicht anti-israelisch, sondern gezielt gegen die menschenrechtsverachtende Politik Israels gewendet.
Ich würde mich freuen, wenn Herr Nutt da deutlich differenzieren wurde. Sie müssen nicht dem pauschalisierenden Teil der veröffentlichten Meinung à la Zentralrat, Bundestagsmehrheit mit ihrer skandalösen Mehrheitsentscheidung im Mai und „unserem“ Antisemitismusbeauftragten Felix Klein folgen!
Die Jury der Stadt Dortmund sollte sich schämen. Frau Sachs wird sich im Grab umdrehen vor so viel Duckmäusertum.

Hannah Erben-Wunder, Hamburg

Die Grundschule in Hessen wurde an die Wand gefahren

Hessen: „In zwei Jahren fehlen 1450 Grundschullehrer“, FR-Regional vom 19. September

Ich bin pensionierter Gymnasial- und Grundschullehrer. Bis 2018 habe ich über 3 Jahrzehnte mit voller Stundenzahl in der Grundschule unterrichtet und war als Personalrat tätig.
Die Situation an der Grundschule ist um ein Vielfaches dramatischer, als die Öffenlichkeit und somit auch die Presse es vermuten könnte. Das liegt daran, dass wegen der permanenten Überbelastung der GrundschullehrerInnen es leider nur einen sehr geringen Organisierungsstatus gibt. Bedingt ist dies durch die große Pflichtstundenzahl und das enorme Aufgabengebiet durch Inklusion, Migration, Integration und sozialbegleitender Elternarbeit.
Den tatsächlichen Zustand in der Grundschule soll die Öffentlichkeit nicht erfahren, da die Landesregierung die Veröffentlichung der Zahlen über den Unterrichtseinsatz von Quereinsteigern, welcher angeblichen Qualifikation auch immer, verweigert. Wie in dem Artikel bemerkt, wird die Öffentlichkeit gleichfalls nicht über die derzeitige Anzahl von nicht besetzten Stellen informiert und dann möglicherweise auch nicht differenziert nach qualifiziertem und unqualifiziertem Personal. Der Unterrichtsalltag in der GS ist so schwierig, dass dort nur gut qualifiziertes Personal eingesetzt werden dürfte.
Weiterhin hat das Kultusministerium jetzt die im Lehrerberuf die bisherige voraussetzungslose Teilzeit für die GS abgeschafft. Das bedeutet, dass überlastete GrundschullehrerInnen jetzt gezwungen werden, mit voller Pflichtstundenzahl zu unterrichten, auch wenn dies wegen der Aufgabenfülle nicht mehr zu leisten ist. Diese Maßnahme des Kultusministeriums hat dazu geführt, dass viele Grundschullehrkräfte nun bereits mit 62 Jahren vorzeitig in Pension gegangen sind, da es nicht mehr genehmigt wurde, mit reduzierter Stundenzahl zu unterrichten. Viele hätten mit einer geringeren Unterrichtsverpflichtung gerne weitergearbeitet.
Darüberhinaus müssen sich viele Kollegien derzeit gegen den Pakt für den Nachmittag wehren, der die Arbeitszeit anders berechnet und somit die derzeitige Stundenverpflichtung nochmals erhöht.
Alle diese Fakten sind für den Insider unfassbar und werden von der öffentlichen Wahrnehmung kaum begleitet. Die Grundschule in Hessen wurde an die Wand gefahren, viele Kollegien sind nervlich und mit den Kräften am Ende.

Hans-Joachim Steffen-Jesse, Wehrheim

Abgelehnt aus Mangel an Studienplätzen

Im Folgenden möchte ich Bezug nehmen auf den Artikel „Lehrermangel an Grundschulen wird immer dramatischer“ und meine persönliche Situation offenlegen, welche für euch vielleicht interessant ist. Ich bin 31 Jahre alt, ausgebildete Innenarchitektin und wohne mit meinem Mann in Frankfurt. Wir erwarten in Kürze unser erstes Kind. Da mein Beruf aufgrund von vielen Überstunden, ständiger Flexibilität (teilweise auch am WE) in Kombination mit dem Beruf meines Mannes (Arbeit in Schicht) nur schwer mit dem Familienleben vereinbar ist und mich der Beruf als Grundschullehrerin seit meiner eigenen Schulzeit nicht mehr loslässt, habe ich mich entschieden, mich diesem zu widmen. Ich verließ letztes Jahr mein sicheres Angestelltenverhältnis, um ein unbezahltes Praktikum an einer Grundschule zu absolvieren. Diese Erfahrung sowie die Rückmeldung durch die dort arbeitenden Lehrer bestätigten mich darin, den Weg zu gehen und ein zweites Studium anzustreben. Seit Januar arbeite ich an verschiedenen Grundschulen als Vertretungskraft. Mein Architekturstudium konnte ich mir in den Bereichen Mathematik und Kunst anrechnen lassen und könnte direkt im zweiten Semester mit dem Studium beginnen. Nun die Ironie: Trotz der Einstufung in ein höheres Fachsemester und meiner bereits gesammelten Berufserfahrung mit Empfehlubgsschreiben, habe ich nun zum zweiten Mal eine Absage von der Uni Frankfurt erhalten. Ich weiß, dass es an den nicht vorhandenen Plätzen liegt, wenn ich aber dann die Artikel über den extremen Lehrermangel lese, werde ich wütend. Ich bin gewillt, ein langes Studium auf mich zu nehmen, will nichts geschenkt, sondern in Zukunft einfach nur als Grundschullehrerin arbeiten. Wie ihr in eurem Artikel auch schon schreibt, ist klar, dass sich etwas verändern muss (zum Beispiel die Abschaffung eines NCs, aber vor allem der weitere Ausbau von Studienplätzen). Wie kann es sein, dass trotz extremen Lehrermangels, Menschen die sich bereits mit dem Beruf beschäftigt haben, als Vertretungslehrer arbeiten und den Beruf tatsächlich ausüben wollen, keine Chance auf einen Studienplatz bekommen? Im Gegensatz zu vielen, die das Studium einfach mal so anfangen, um sich auszuprobieren, kann ich von mir sagen: Ich bin mir sicher, dass der Beruf meinen Zukunftsplänen entspricht. Dies als Kommentar einer FR-Leserin!

Isabel Bebber, Frankfurt

Eigentum ist Raub

Zu: „Piketty ist zurück“, FR-Wirtschaft vom 19. September

Bei ihren monatlichen Mahnwachen vor der Deutschen Bank nun schon seit fast 30 Jahren haben sich die „Ordensleute für den Frieden“ mit dem Kapitalismus auseinandergesetzt.Zunächst über die Zins- und Zinseszinsfrage. Dann auch über die Frage nach dem Eigentum. Nichts hat die Passanten so erregt wie unser Transparent: „Eigentum ist Raub- Leben in Fülle für alle“.
Deshalb freue ich mich, dass Piketty zurück ist und die „Abkehr vom Eigentum“ fordert. Im Laufe der Jahre ist auch uns immer klarer geworden, dass es sich dabei nicht nur um eine Frage der Gerechtigkeit handelt, sondern auch um das Überleben unseres Planeten Erde.

Gregor Böckermann, Neu-Isenburg

Unterwegs in weltweiten Spekulationsblasen

Mir will nicht einleuchten, dass Milliarden-Beträge, die in Steueroasen deponiert werden, nicht besteuert werden dürfen, weil dann Neu-Investitionen blockiert würden. Eher denke ich, dass diese Riesenvermögen in weltweiten Spekulations-Blasen unterwegs sind – um noch mehr Milliarden „einzusammeln“.
Und: Wenn es durch die Besteuerung der Milliardäre zu entsprechenden steuerlichen Entlastungen der Geringverdiener und Bezieher mittlerer Einkommen kommen würde, würde dadurch gewiss die Nachfrage an Waren steigen. Davon hätten die Milliardäre auch durch den erhöhten Umsatz wieder einen finanziellen Vorteil. Der aber wiederum besteuert werden müsste.

Terje Neraal, Gießen

Wo sind denn die Frankfurter?

Frankfurt wächst: „Mehr Menschen machen die Stadt nicht lebenswerter“, FR-Regional vom 23. September

Als ehemaliger Bauverständiger im Baurechtsamt der Stadt Stuttgart und als Oberbaurat im Planungsamt der Stadt Frankfurt versteh ich die Schizophrenie des derzeitigen Magistrats nicht. Einerseits genehmigt das Bauaufsichtsamt ein Bürohochhaus mit einer exorbitanten Geschössflächenzahl (Four = 13,4), wobei die Höchstgrenze nach § 17 BauNVO bei 3,0 liegt und zieht damit weitere Einwohner nach Frankfurt, 4.000 Arbeitsplätze entstehen dort, die hier Wohnungen suchen müssen und andererseits stimmt derselbe Magistrat gegen ein Wohngebiet auf dem Pfingstberg, befürwortet die „Josefstadt“ gegen die sich lokaler und regionaler Widerstand formiert, sodaß es höchst unsicher ist, das die Regionalversammlung dafür stimmt. Und im Parlament blockieren CDU, und Grüne und Bürgerinitiativen Bebauungspläne für neue Wohngebiete.
Die Auswirkungen des Hochhausbaus nach dem Hochhausrahmenplan: Vom Jahr 2000 bis 2012 (Einwohnerzahl: 678.691) sind genau so viel Personen nach Frankfurt gezogen 675.816, wie es 2012 an Einwohner gab, weggezogen sind im gleichen Zeitraum: 597.856 und 634.597 sind in Frankfurt zugezogen, bei einer derartigen Fluktuation fragt man sich, wo sind dann die Frankfurter?
In der Bilanz der Zu- und Weggezogenen 2017 (+5.377) waren 5.071 von 15-24 Jahre alt, 3.792 waren 25-34 Jahre alt, alle anderen Jahrgänge hatten eine negative Bilanz, darunter besonders die über 65 jährigen – 946 und die 35-44 jährigen (Familien?) mit -923 Personen.
Ist das Frankfurt der Zukunft nur noch überwiegend von Arbeits- und Ausbildunsplatzsuchenden bewohnt, die sich auf dem Friedberger Platz tummeln, deren Berufsaussichten aufgrund der Globalisierung und Digitalisierung höchst ungewiss sind ?
Und wie kann man solche Hochhäuser (auch Luxuswohnhochhäuser für Kapitalanleger) genehmigen und dann die dafür die nötige Infrastruktur nicht schaffen (Wohnungen, Kitas, Schulen, Wasser- und Abwasserversorgung, ÖPNV, Theater) ?
Und was macht die SPD in Planung und Verkehr, die mit den Hinterlassungen der Grünen und CDU Dezernenten herumschlagen muss und nun von den Grünen, der CDU, FDP und BFF vorgeführt wird, weil sie die hinterlassenen Probleme nicht lösen kann?

Konrad Mohrmann, Frankfurt

Wachstum, bis alles aus den Nähten platzt

Im Beitrag wird festgestellt, dass „Mehr Menschen die Stadt nicht lebenswerter machen“. Dieser These, die im einzelnen überzeugend begründet wird, kann ich vollinhaltlich zustimmen. Man muss erkennen, dass die Wachstumsspirale des immer mehr und immer größer, für die Menschen der Stadt und die Umwelt zur unerträglichen Belastung wird. Die von der Politik befeuerte und gefeierte Wachstumsdynamik, stößt an ihre Grenzen. Frankfurt ist keine Großstadt und sie kann es aufgrund ihrer regionalen Begrenzung und Baustrukturen auch in Zukunft nicht werden. Die Stadt ist bunt und weltoffen. Sie ist liebenswert und das soll sie auch bleiben. Aber sie ist auf dem besten Weg ihre Lebensqualität für die Menschen zu verlieren. Der Zuzug einer unbegrenzten Zahl von Menschen, egal woher sie kommen, bedeutet mehr Autos, mehr Parkplätze mehr Wohnungen, mehr Kindergärten, mehr Schulen und mehr Sozialeinrichtungen. Das alles gehört zu einem geordneten und verantwortbaren Wachstumsprozess. Die Stadtpolitik bemüht sich, trotz unterschiedlicher Interessen, um entsprechende Lösungsansätze.
Aber, sie folgen weiterhin dem Prinzip des ungezügelten kapitalistischen Wettbewerbs. Es wird ein Wachstumsprozess organisiert, bis alles aus den Nähten platzt.
Es entsteht immer größere Wohnungsnot, riesige Verkehrsprobleme, dramatische Umweltbelastungen durch Auto- und Flugverkehr. Immer mehr Grünflächen werden geopfert. Der Flughafenausbau verläuft bis an die Wohngebiete der Stadt. Dazu werden riesige Flächen eines „Bannwalds“ abgeholzt. Ersatzweise werden mit einem riesigen Arbeits- und Kostenaufwand Gleisanlagen der Straßenbahn begrünt. Ein Zeichen der Hilfslosigkeit des „Wohlwollens“ und des Nichtkönnens“. Das ist keine vernünftige Stadtplanung.
Die Menschen in der Stadt wollen Lebensqualität und kein Wachstum um jeden Preis. Die Wohnungs-, Verkehrs- und Umweltpolitik braucht schnelle und wirksame Alternativen bevor den Menschen die Luft ausgeht. Dazu gehören z. B. weniger Autos in der Stadt, mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer und mehr Schutz für die Naherholungsgebiete. Das gilt auch für den Schutz vor unerträglichem Fluglärm im Süden der Stadt. Dazu gibt es viele Vorschläge, allerdings auch unterschiedliche Positionen. Diese müssen im Interesse des Gemeinwohls überwunden werden. Alle Aktivitäten müssen auch einer wirksamen Klimapolitik Rechnung tragen.

Eberhard Bacher, Frankfurt

Protesttourismus in Reinkultur

Erwiderung auf „Wohnungen bauen? Bitte, aber nicht bei uns!“, Leserforum vom 23. September

Ich kann Herrn Hautsch nur recht geben, dass viele Gegner der Bauprojekte in Frankfurt ihre eigenen Interessen (verbaute Aussicht, unmittelbarer Zugang zu Grünanlagen) durchsetzen wollen. Probleme, ob unsere Kinder und Kindeskinder hier in ihrer Geburtsstadt bezahlbaren Wohnraum finden, sind diesen Personen vollkommen egal. Erst die Schwierigkeiten die sich daraus ergeben (kein Nachwuchs für ehrenamtliches Engagement und Ämter). Hier kommt dann das Argument: Das „Boot ist voll und es darf keiner mehr rein“, „Grenzen des Wachstums“ usw. Das Ganze vorgebracht mit Schweizer oder Wiener Dialekt.
Mit welcher Berechtigung wird hier Personen etwas verwehrt, was man selbst in Anspruch genommen hat – freie Berufswahl und freie Wahl des Lebensortes? Rechte, die in unserem Grundgesetz festgeschrieben sind. Ich bin geborener Frankfurter, ich könnte auch die Forderung aufstellen, dass alle, die mal nach Frankfurt gekommen sind, um zu studieren, und dann hier eine Arbeitsstelle gefunden haben und sich jetzt im Rentenalter befinden, wieder in ihrem Herkunftsort niederlassen sollen. Dann wäre hier das Boot nicht mehr voll und meine Kinder könnten hier eine vernünftige Wohnung zu einem vernünftigen Preis finden. Bei Problemfindungen sind diese Leute nicht beteiligt oder sogar Gegner.
Stärkung der Infrastruktur, des ÖPNV: Wenn man Menschen im Umland halten möchte und auch gegen Pendlerströme ist, muss man Bus und Bahn ausbauen. Wie lange dauert schon der Ausbau der Nordmainischen S-Bahnstrecke? Welche Diskussion erhebt sich um einen Tunnelbau für Fernbahnen? So gibt es viele Projekte, die für unsere künftige Gesellschaft wichtig sind: Stromtrassen, Windkraftanlagen etc.: Überall, nur nicht vor meiner Haustür. Egoisten, die den Anspruch haben, über die alleinige Weisheit zu verfügen.
Das Gelände für den ins Auge gefassten nördlichen Stadtteil wird als wichtige ökologische Ressource ausgewiesen. Dass die Fläche durch industrielle Landwirtschaft genutzt wird, fällt unter den Tisch. Dort gibt es keine Insekten mehr, durch Landwirtschaft ist alles tot. Die Blühstreifen wurden von Landwirten nur angelegt, weil die EU dafür zahlt. Alles was Geld bringt, können wir tun. Ein Teil der Personen, die an der Menschenkette teilnahmen, wussten gar nicht, wo das Areal liegt, geschweige denn wie man da hin kommt. Protesttourismus in Reinkultur. Und ich freue mich, dass noch ein anderer die verbale Nähe zwischen „Heimat und Boden“ und Blut und Boden“ bedenklich und erschreckend findet.

Stefan Ziegler, Frankfurt

Moralische Überlegenheit

Zu: „CDU-Politiker attackieren Josef“, FR-Regional vom 17. September

Der Artikel macht deutlich, dass der Wahlkampf für die Kommunalwahl 2021 (!) eröffnet ist, weniger, „wie schlecht es um die Römer-Koalition steht“. Abgesehen davon, dass ich die Angriffe der drei „führenden“ (?) CDU-Politiker diesem Wahlkampf geschuldet erachte und entsprechend ernst nehme, habe ich mich sehr über die Begründung von Mike Josef erschrocken, warum sein für das Projekt Günthersburghöfe zuständiger Mitarbeiter erkrankt ist. Es macht mich nachdenklich, wenn die Ursache für die Erkrankung die Attacken von Mitgliedern der Bürgerinitiativen in den sozialen Medien sind. So weit ich Josef einschätzen kann, wird er nichts erfunden haben. Dass hier Menschen, die für sich immer moralische Überlegenheit in Anspruch nehmen, da sie doch die „guten“ Ziele (Klima, Verkehr, Erhalt von Grünflächen etc.) vertreten, offensichtlich städtische Mitarbeiter derart unter Druck setzen, dass diese erkranken, diskreditiert jedes noch so „hehre“ Anliegen und macht es unglaubwürdig. Solche Methoden nutzen doch sonst immer nur die anderen! Wenn die Bürgerinitiativen zu solchen Mitteln greifen müssen, fragt man sich ja doch, ob ihnen die seriösen Argumente ausgegangen sind, auch bei anderen Bauprojekten des Planungsamtes.

Astrid Droßmann, Frankfurt

2 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    zu: Eigentum ist Raub

    In seinem jüngsten Werk mit dem Titel „Capital et idéologie“ hebt Thomas Piketty die Sozialbindung des Eigentums hervor, wie sie in Deutschland gilt (Eigentum verpflichtet, Art. 14 Abs. 2 Satz 1 GG). Von einer „Abkehr vom Eigentum“, die er laut Gregor Böckermann angeblich fordert, kann deshalb keine Rede sein. Vielmehr geht es darum, Eigentum in seiner unauflöslichen Gebundenheit an das Soziale zu begreifen. Die große Schwäche von Piketty ist dabei, dass er das, was das Soziale ist und wie es inzwischen geworden ist, nach wie vor unbestimmt lässt. Wozu Eigentum verpflichtet, verkommt dadurch zu einer weitgehend hohlen Phrase. Sie mit Inhalt zu füllen, wäre zwar seine Aufgabe gewesen. Womöglich sind das aber letztlich viel zu hohe Erwartungen, für die es zuvörderst ohnehin der Soziologie und nicht der Ökonomie bedarf.

  2. Peter Boettel sagt:

    Ich bin seit merhreren Wochen dabei, Piketty’s Kapital im 21. Jahrhundert zu lesen, wobei ich dem Vorredner zustimmen muss, dass Piketty sehr viele Punkte aus Frankreich, England, USA anführt, ohne wirklich konkret zu werden mit den Forderungen, die sich aus den Analysen ergeben.

    Eigentlich schade, er hätte viel Platz sparen können mit mehr Inhalt auf kurzem Raum.

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