Die Grenze des Leistbaren

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

021 TeaserEs wird Zeit, dass Ihr/Euer Bronski seine Batterien auflädt. Dazu schließt man ihn nicht etwa an eine Ladestation an, sondern man setzt ihn in sein Wohnmobil und schickt ihn nach Frankreich. Diesmal für gut vier Wochen. Am Freitag, dem 17.5., geht es nach der Arbeit los. Nach den ersten 300 Kilometer werden wir auf der Ile du Rhin parkieren, in gefühlter Sichtweite zu unserem geliebten Kernkraftwerk Fessenheim, das immer noch nicht abgeschaltet ist. Wohin es dann geht, entscheiden mein Mann und ich frei Nase. Gewiss ist nur, dass wir vom 1. Juni an zwei Wochen in Marseillan-Plage verbringen werden, eine davon mit unseren Freunden Edith und Guy aus Limoges. Edith ist die Übersetzerin der Texte meiner Blicke-Reihen auf der Webseite Ybersinn.de. Am Strand von Marseillan-Plage (Bild: Lutz „Bronski“ Büge) werde ich ganz gewiss über neue Romane und Projekte nachdenken, nachdem mein Virenkrieg-Zyklus nun fertig ist.

Nach all den Jahren müssen wir über das FR-Blog nachdenken. Es braucht eine Überholung. In einem Leserbrief, den ich Euch/Ihnen empfehlen möchte – ich hänge ihn unten an -, wird im Zusammenhang mit den Reaktionen auf das Kühnert-Interview Klage geführt, dass einander nicht mehr zugehört wird. Ich beobachte das überall, leider auch immer wieder und immer häufiger hier im FR-Blog. (Jene User ausgenommen, die in den vergangenen zwei Wochen kommentiert haben.) FR-Leser Joachim Reinhardt aus Hüttenberg formuliert das so:

„Die Kultur der politischen Auseinandersetzung (…) ist in weiten Teilen weg von einer Art der inhaltlichen Debatte, deren TeilnehmerInnen ein Erkenntnisinteresse verfolgen, sich zuhören, über Argumente nachdenken, aufeinander eingehen – und vielleicht sogar zugeben, dass sie etwas nicht wissen oder über etwas noch nicht nachgedacht haben.“

Stattdessen Besserwisserei und Rechthaberei, überall im Netz. Blog-User Matthias Aupperle konstatierte einen Informations-Overkill, aber wir wurden uns einig, dass es eher um einen Meinungs-Overkill geht. Im Nachgang zum Blogtalk zum Thema Beschneidung habe ich in dieser Hinsicht noch einiges erlebt. Man hört einander nicht mehr zu, scheint mir, sondern es geht oft einzig darum, die eigene Meinung durchzusetzen, Recht zu behalten. Insbesondere dann, wenn es um Islam oder Klimawandel geht. Ich möchte jedoch Debatten des Austausches führen, weil Austausch ein Prozess im Kern der Demokratie ist. Diese Debatten sollen frei von Hass und Rassismus sein, wie es den Regeln dieses Blogs entspricht, sie sollen konstruktiv und freundlich sein und nicht immer wieder bei Null anfangen. Die AfD-nahe Taktik, das Nachdenken über Konsequenzen aus dem Klimawandel dadurch zu behindern, dass der Kenntnisstand der Wissenschaft immer wieder grundsätzlich infrage gestellt wird, war auch hier im FR-Blog zu beobachten. Mehrere User wurden im Lauf der Zeit deswegen ausgeschlossen.

Ich hasse es, diese Härte zeigen zu müssen! Ich will niemanden ausschließen. Wie der Sondengänger auf meinem Foto oben, das im Frühjahr 2016 an eben jenem Strand entstand, bin ich auf der Suche nach Lösungen, die im FR-Blog weiterhin einen konstruktiven Austausch ermöglichen und die geschilderten Obstruktionsversuche verunmöglichen. Ich bin allerdings mit der Moderation an der Grenze des Leistbaren angekommen. Das ist zumindest jetzt mein Gefühl, da ich dies schreibe, kurz vor meinem dringend benötigten Urlaub. Und dass ich dies schreibe, ist zugleich eine Bilanz aus den Monaten seit meinem letzten Urlaub, die ich Euch/Ihnen zur Kenntnis gebe.

Die Zeiten werden härter. Ich spüre das sehr deutlich. Ich lade Sie ein, mit mir darüber nachzudenken, wie wir dieses Blog künftig haben wollen. Nach dem Urlaub. Dieser Beitrag kann nicht kommentiert werden.

So, und nachdem ich dies abgeladen habe, kann ich hoffentlich unbeschwert in den Urlaub fahren, ohne in diesen vier Wochen über die Baustelle FR-Blog nachdenken zu müssen. Es gibt ja auch noch anderes im Leben. Zum Beispiel die wunderbare Entenbrust im Restaurant L’Eventail in Marseillan-Plage oder die Austern aus Bouzigues, das Mittelmeer, die langen Strandwanderungen, den Noilly Prat … na ja, und noch dies und das.

Ich wünsche Euch/Ihnen eine erholsame Zeit ohne Bronski. Denken Sie mal drüber nach, was Sie sich von diesem Blog wünschen. Wir reden dann drüber. Aber erst mal fahren wir weg.

Ihr Lutz „Bronski“ Büge

Balken 4Leserbrief

Von Joachim Reinhardt aus Hüttenberg

.

Was für mich genauso erschütternd und alarmierend ist wie die reflexhafte Abwehr, über Alternativen zum offensichtlich multipel krisenhaften Wirtschaftssystem nachzudenken ist die Art vieler Repliken auf Kühnerts Interview:
Scholz (SPD) bekundet und versucht dabei, altersweise zu lächeln, auch er sei ja mal jung (= unerfahren, unreflektiert und unausgegoren)  gewesen, heute wisse er es besser. Kahrs (SPD) meint, ohne Drogeneinfluss seien solche Äußerungen nicht denkbar, Nahles befördert Kühnert mit ihrer Äußerung letztlich auf das Niveau eines Schülers der 5. Klasse; er erkennt schon, dass Gerechtigkeit wichtig ist, Gabriel (SPD) schafft das Kunststück, ihn gleichzeitig zu einem lächerlichen Winzling (Bonsai Trump) und zu einem mindestens für die SPD gefährlichen egomanen Demagogen zumachen und fügt den alten Totschläger „wenn`s dir nicht passt, geh doch nach drüben“,  als wäre jeder Kritiker ein DDR Fan,  Scheuer (CSU) weiß vornehm auzudrücken, dass er Kühnert für einen Spinner hält….
Dies sind alles sehr verletzende, feindliche Reaktionen, die den Kritisierten bewusst nicht ernst nehmen wollen und die ich  nicht unter den Begriff „Kritik“ einordnen möchte; Diffamierung passt da für mich eher.
Die Kultur der politischen Auseinandersetzung unserer Politiker ist in weiten Teilen weg von einer Art der inhaltlicher Debatte, deren TeilnehmerInnen ein Erkenntnisinteresse verfolgen, sich zuhören, über Argumente nachdenken, aufeinander eingehen – und vielleicht sogar zugeben, dass sie etwas nicht wissen oder über etwas noch nicht nachgedacht haben.
So aber dreht sich die sogenannte „Diskussion“ einfach nur im Kreis.
Ich frage mich, welche Strukturen unseres politischen Systems dazu führen, dass so häufig auf so unwürdige Weise unter der Gürtellinie ausgeteilt wird – und eben nicht nur in den Foren von web.de
In meinen Seminaren zur politischen Bildung mit jungen Erwachsenen habe ich nachdenkliche, gute Diskussionen hinbekommen; aber im politischen Geschehen auf der großen Bühne gibt es wohl  gewichtige Motive und Interessen, die oft weit stärker sind, als der Wunsch, miteinander herauszuarbeiten, wie man die Welt besser hinkriegt, obwohl es mehr denn je bedrohlich drängt.
Die Konkurrenz der Parteien untereinander  um Macht, Pfründe und Privilegien und innerhalb der Parteien um den erfolgreichsten Weg dahin scheint ein erhebliches Problem zu sein.
In der Wirtschaft scheint es für mich klar zu sein: Profit als Treibmittel bringt keinerlei Nutzen für das Gemeinwohl; also brauchen wir eine Wirtschaftsform, die Unternehmen auf das Gemeinwohl hin orientiert und einen Staat, der das genau fördert und nicht wie jetzt vornehmlich den Profit.
Wie aber sähe eine echte, lebendige, ehrliche Demokratie aus, die die verhängnisvollen Einflüsse der Parteienkonkurrenz auf Diskussions- undEntscheidungsprozesse strukturell vermeidet?