Die Welt von morgen soll anders aussehen als die von heute

Die Anmoderation zu dieser Diskussion folgt in Kürze. Wegen der hohen Zahl Ihrer  Wortmeldungen, die als Leserbriefe hereinkommen, komme ich mit der Arbeit zurzeit kaum hinterher. Natürlich steht die Produktion des Print-Leserforums an erster Stelle; alles andere darf sich hinten anstellen, so wie der Artikel, der hier nun eigentlich stehen sollte. Die Diskussion kann trotzdem schon losgehen. Es geht hier um die Welt nach Corona: Wie wollen wir leben, nachdem wir die Pandemie überstanden haben? Dazu hat FR-Redakteur Stephan Hebel den Artikel „Die gesunde Gesellschaft“ beigesteuert, und in einem Gastbeitrag von Ronja Weil und Maximilian Becker wird gefordert: „Gerecht die Klimakrise lösen„.

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Die Coronavirus-Pandemie – Eine Übersicht

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Balken 4Gute Nachricht für Betroffene, schlechte für die Wirtschaft

Der 20. April wird als Stichtag genannt, bis zu dem der Shutdown auf jeden Fall gelten soll (FR 29.3. „Seien Sie geduldig!“). Mit einfachen und sicher ungenauen mathematischen Mitteln kann man sich einen Überblick darüber verschaffen, wie die Situation am 20. April ungefähr aussehen wird: Ca. 300.000 Menschen werden bis zu dem Zeitpunkt infiziert sein, davon werden 100-150.000 bereits immun sein. Die Verdopplungszeit wird dann ca. 8 Tage betragen, die Wachstumsrate wird ca. 9 % betragen. Der Verlauf ist exponentiell und gleichzeitig begrenzt. Ohne die eingeleiteten Maßnahmen wären am 20.4. bereits 25 Mio. infiziert. Eine völlige Überforderung des Systems.
Der Berechnung liegen folgende Bedingungen und Überlegungen zugrunde: die Grenze sollte etwa 2/3 der Bevölkerung ausmachen (Herdenimmunität). Als durchschnittliche Genesungszeit kann man 14 Tage annehmen. Die Verdopplungszeit wird mit der Faustformel p mal d =70 bestimmt. Von den in dem Moment Infizierten benötigen ~20% ärztliche und ~6% intensivmedizinische Hilfe. Mit den Werten vom 29.3. (52.547 Infizierte lt. RKI) sowie vom 30.3. (57.298) kann man mit EXCEL schrittweise (‚iterativ‘ sagen die Mathematiker) den Verlauf durchrechnen. Dabei ergibt sich tatsächlich die Glockenkurve, die vor einigen Wochen immer gezeigt wurde.
Interessant ist der Peak Day = Maximum der Kurve. Nach den recht groben Berechnungen liegt der mittlerweile Ende Juni mit ca. 1,1 Mio. Infizierten. Das heißt, dass der Zeitpunkt, an dem sich alles bessert, mehr als zwei Monate nach dem 20. April liegt. Zur weiteren Beruhigung. Seit dem 20.3. (Beginn der Kontaktsperre) ist der Tag ca. 1 ½ Monate „nach hinten“ gewandert und wird das wahrscheinlich auch weiterhin tun. Für die Betroffenen – vor allem für die Risikogruppen – ist das eine denkbar gute, für die Wirtschaft eine schlechte Nachricht. Falls am 20. April die Kontaktsperre völlig entfallen sollte, entsteht der Eindruck, dass es der Gesellschaft die Ökonomie wichtiger ist als die Risikogruppen.
Die von Stephan Hebel angestoßene Serie „Die Welt nach Corona“ (FR 29.3.) hat also eine Woche nach Ostern bereits große Bedeutung, denn eine Welt nach Corona, die einen Teil der Gesellschaft preisgibt, hat einen ganz anderen Virus in sich. Im von Armin Laschet zitierten „Abwägungsprozess“ wird auf häusliche Gewalt und Depression bei Arbeitslosen verwiesen (siehe auch FR vom 30.9.). Diese Probleme sind sehr erheblich, genau wie die Sorge, wie man über die Runden kommt. Die sich bei Laschet ausdrückende Sorge hätte man auch vorher gerne mal an so herausragender Stelle gesehen. Anders gesagt: Ich nehme diese Sorge nicht jedem ab, der sie äußert.

Wilfried Jannack, Hannover

fr-debatte… und wir gucken wie aus Hagenbecks Terrarium

Angesichts der – vor wenigen Wochen noch undenkbaren – aktuellen Weltlage wird unser Umgang mit unserem Planeten überdeutlich. Das – jetzt – ist mit all dem anderen Irrsinn verknüpft, den die letzten beiden Generationen trotz besseren Wissens in die Welt gebracht bzw. zugelassen haben … Nichts gegen sinnvollen Welthandel, aber wie konnten wir unsere Ernährung, unsere Medizin aus der Hand, aus der Region geben? Wie konnten wir uns in derartige Abhängigkeiten begeben? Es waren so viele Zeichen – vom Bericht des Club of Rome bis Greta. Zuletzt die Klimadebatte, die neue Jugendbewegung – dazu freundliche Worte aus der Politik und halbherzige Maßnahmen, aber das System ging weiter …
Die Wirklichkeit sieht bei mir Zuhause jetzt so aus: Neben Notwendigem viel Lesen, Denken. Abends wird gekocht. Wein ist noch da. Gestern eine Radtour mit meiner Tochter in den Frühling. Wenn sie mit unserer Enkelin jetzt mit Eingekauftem kommt, stehen die beiden draußen vor unserer Glaswand nach Norden und wir gucken wie aus Hagenbecks Terrarium. Mein Bruder, der auch auf unserer Insel (der Glückseligen) lebt, kommt jeden Vormittag einen Kaffee bei uns trinken – obgleich meine Tochter es verboten hat. Er öffnet die Tür mit dem Ärmel, sitzt wie beim „Dinner for One“ an der einen Stirnseite des langenlangen Esstisches und wir an der anderen, und dann wird philosophiert – oder – mensch könnte auch sagen – gemeckert:
Mir ist jetzt viel zu viel von Geld die Rede. Es ist ja gut, dass der Staat die Wirtschaft stützt. Aber wenn ich überleg, für was alles vorher nicht genug Geld war in diesem reichen Land (für Hartz IV-EmpfängerInnen, PflegerInnen, Schulen, für Griechenland, für mehr Menschen, die Zuflucht suchen in unserem Land, in unserem Europa, …), empfinde ich den Protz-Satz des Bundesfinanzministers, der am 26. März 2020 vom Bundestag über Phönix in die Welt hinaus ging: „Wir können es uns leisten“ unerträglich unüberlegt! Können „wir“ endlich etwas bescheidener und sensibler werden? –
Bei all dem: In mir das Glück meiner Zeit, das ich erleben durfte – einerseits. Andererseits unaufhörliches schamvolles inneres Zwiegespräch darüber, was das – jetzt – für die Zukunft unserer Enkelkinder bedeutet, z. B. die jetzt im Schulabschluss, die in die Welt hinaus wollen und sollten, dieses Lebensgefühl, das nicht nachholbar ist – ihre Zeit, Lebenszeit …
Unser Planet atmet durch – jetzt ist der Moment für einen Umbruch! Die Politik schafft es nicht allein. Es geht jetzt darum, dass wir von uns aus anders leben! Was wir nicht kaufen, wird nicht hergestellt. Was wir nicht wollen, findet nicht statt. – Hoffentlich werden wir jetzt klug und beginnen endlich, uns an den wunderbaren Gegebenheiten unseres Planeten zu orientieren, denn er ist das Paradies, gleichgültig, ob wir es hier wissen oder nicht!

Marlies Jensen-Leier, Schleswig

fr-debatteDer größte ökologische Unsinn

Man kommt aus dem Staunen nicht raus, was da tagtäglich in Sachen Corona alles nötig und möglich ist – gewiß: Es sind unumgängliche Freiheitseinschränkungen, Restriktionen, Verzichtsbereitschaften, aber man denke demgegenüber nur mal an umgehende Verbote für Glyphosat und Gülle auf dem Acker, Verbote für Antibiotika und Raumknappheit in der Tierhaltung, an konsequente Einführung von Zertifikaten und Fußabdruck-äquivalente Kerosinsteuer für den Flugverkehr, Abschaffung der Abstandsvorschriften für Windkrafträder vor dem nächsten Wohnhaus, konsequenten Bau der Nord-Süd-Stromtrassen, der Anschlußstrecken zum Gotthard- und Brenner-Basistunnel mit „chinesischer“ Geschwindigkeit, Ausstieg aus der Braunkohle-Verstromung in wenigen Jahren usw.
Der Aufschrei wäre ungeheuerlich: „Moralisierung der Politik“, „Verbotspolitik“, „Klimahysterie“, „Freiheitseinschränkungen“, „Bevormundung der Bürgerinnen und Bürger“ und – „Sozialismus“, „Kommunismus“, als ob der vormals real-existiert-habende Sozialismus natur- und umweltfreundlich gewesen wäre. Und wir kennen die Gegenparolen: „freier Konsum für freie Konsumenten“ „freie Fahrt für freie Fuhrunternehmer“, „freies Fliegen für freie Urlaubs- und Geschäftsreisende“, „keine Geräuschbelästigung am Wohnort“, aber nicht durch elektronische Musikverstärkung, sondern durch Windkrafträder, „keine Belästigung durch den Bahnverkehr, aber die LKWs müssen sein“ – und gleichfalls usw.
Einen „nationalen Kraftakt“, „eine tägliche Ansprache der Kanzlerin“ fordert die „Bild“-Zeitung und listet auf, was jeder einzelne zu tun und zu lassen hat – man stelle sich das einmal zwecks (gerade) noch möglicher Begrenzung der Erderwärmung vor! „Augenmaß“, „Orientierung am Machbaren“, „keine schädigenden Nebenwirkungen“, „sozial verträglich“, was vielmehr heißen soll „nur sozial verträglich“, – so lauten die Beschwörungsformeln all der Politiker, die in Wahrheit um jede Wählerstimme kämpfen.
Und „allein der technische Fortschritt bringt’s“, was nicht nur falsch ist, sondern den größten ökologischen Unsinn zur Folge haben kann. Jüngstes Beispiel: Stromoberleitungen für LKWs auf den Autobahnen – mal ganz abgesehen davon, was dann, wenn da plötzlich einer stehen bleibt? Es ist, als würde die Deutsche Bahn nicht 50 bis 60 Container auf einem Zug mit einer Lok bewegen, sondern jeden dieser Containerwagen mit einem eigenen Elektromotor und einem eigenen Stromabnehmer ausstatten. Aber – „die Güter müssen je weiter zum Zielort bewegt werden, wo’s keine Bahn mehr gibt“. Ja gewiß – aber wo bleiben die dann zur Benutzung rechtsverbindlich vorzuschreibenden Brummi-Überstellzüge von Region zu Region, von Grenze zu Grenze zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd und darüber hinaus von ost- und südeuropäischen Ländern zur Nord-und Ostseeküste? Bislang Fehlanzeige!

Manfred Wetzel, Agathenburg

fr-debatteWir haben bereits ganze Arbeit geleistet

Greta hat leider nur zu 50 % recht, bin ich überzeugt. Sicherlich klauen wir ihr und den jüngeren Generationen die Zukunft. Sie hat aber dahingehend nicht recht, dass wir das noch irgendwie ändern könnten. Wir haben nämlich bereits ganze Arbeit geleistet. Das fossile CO2, das wir mit steigender Begeisterung die letzten Jahrzehnte in die Atmosphäre pumpten und somit den natürlichen CO2-Gehalt verdoppelten, bleibt, egal was wir machen. Zudem wollen wir mehr billiges Rindfleisch und Palmöl, lassen dafür die Regenwälder am Amazonas (EU-Mercosurabkommen) und in Indonesien (z.B. BlackRock) abbrennen und treiben die Klima- und Meereswassererwärmung nicht mehr nur linear, sondern stark progressiv nach oben, was in naher Zukunft zum Kollaps von Ökosystemen führen dürfte. Politiker aller Couleur und Länder kennen die Fakten seit fast 40 Jahren (IPCC) und trotzdem machte niemand einen Cut beim CO2-Ausstoß, es gab nur Gequatsche. Derzeit weniger Ruß, Feinstaub oder NO2, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die farb- und geruchlosen Klimakiller fossiles CO2 und Methan der Atmosphäre unvermindert erhalten bleiben und den Klimawandel unaufhaltsam vorantreiben.

Rainer Wild, Wunsiedel

fr-debatteDas Gesundheitssystem muss schnell ertüchtigt werden

Vielen Dank für diesen Beitrag! Tatsächlich ist jetzt die Zeit der Daseinsvorsorge. Allerdings sollten wir nicht warten bis nach der Corona-Krise. Die Politik trägt eine wesentliche Verantwortung dafür, welche Kapazität unsere Gesundheitsversorgung schon jetzt hat.
Alle Einschränkungen, die Bund und Länder uns im Zuge der Corona-Epidemie abverlangen, dienen einzig dazu, die Ausbreitung hinauszuzögern. Und zwar weil unsere Krankenhausversorgung nicht ausreicht. Es gibt zu wenig Intensivbetten, zu wenig Beatmungsgeräte, zu wenig Pflegepersonal, zu wenige Krankenhäuser überhaupt.
Maßnahmen zum „social distancing“ sind Zu-Hause-Bleiben, Ausgangssperren, Kontaktsperren, Schulschließungen sowie ein drastisches Zurückfahren des gesamten öffentlichen Lebens. Damit verbunden sind weitreichende Eingriffe in die Bürgerrechte. Viele Menschen sind zudem massiv in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. „Flattening the curve“ / „Die Kurve abflachen“ ist eine extreme Ausnahme-Reaktion. Mindestens ebenso extreme Maßnahmen sollten ergriffen werden, um die Kapazität des Gesundheitssystems auszubauen. Die deutsche Bundesregierung hat vor zehn Tagen Anzeigen geschaltet, in denen Pflegepersonal Schilder zeigt, auf denen steht: „Wir bleiben für euch hier. Bleibt ihr bitte für uns daheim.“ Wir sollten von zu Hause aus Bilder schicken, auf denen steht: „Liebe Regierung: Wir bleiben daheim. Repariert ihr bitte die Gesundheitsversorgung!“
Die Corona-Krise selbst ist eine Krise unseres Gesundheitssystems – wir müssen dieses System schnell ertüchtigen. Die wichtigsten Schritte sind: Verstaatlichung privatisierter Krankenhäuser, Abschaffen der Fallpauschalen-Finanzierung, Produktionsausweitung bei Intensivbetten, Beatmungsgeräten und Schutzkleidung, strenge Tempo-Limits auf den Straßen für weniger Unfallverletzte in den Intensivbetten, fünfzig Prozent höhere Bezahlung für das Pflegepersonal, volle Anrechnung von Überstunden, verlässliche Kinderbetreuung, sichere und sterile Arbeitsbedingungen, Wiedereröffnung geschlossener Kliniken sowie eine europaweite Solidarität der Krankenhäuser.

Carl-Friedrich Waßmuth, Berlin

fr-debatteProfitdenken führt zu unsolidarischem Verhalten

Ich finde es sehr erfreulich, dass die FR diese Serie jetzt startet. Stephan Hebels Argumentation in Bezug auf Gemeingüter wie Gesundheit und Wohnen finde ich wichtig. Allerdings ist darüber hinaus anzumerken, dass das Wirtschaftsziel Profit grundsätzlich grundfalsch ist und Menschen wie Unternehmen dazu nötigt, sich unsolidarisch zu verhalten. Das gilt eben prinzipiell, nicht nur bei exorbitanten Preissteigerungen für Schutzmasken. Es prägt unser aller Bewußtsein und Verhalten in verhängnisvoller Weise.

Joachim Reinhardt, Hüttenberg

fr-debatteEine historische Chance, um anzupacken

Ich möchte zu dem Beitrag „Die gesunde Gesellschaft“ von Stephan Hebel sagen, dass ich die dort gemachten Ausführungen voll und ganz unterstützen möchte. Wichtig erscheint mir der Hinweis, dass wir eine historischen Chance haben, nicht einfach mit „weiter so“ diesen Zeitabschnitt irgendwann in den kommenden Monaten abzuschließen, sondern die Gelegenheit wahrnehmen, die die jetzt sichtbaren Missstände in unserer Gesellschaft anzupacken: eine andere Umverteilung des Reichtums, ein Umbau des Wirtschaftssystems steht am Ende der Ausführungen von Herrn Hebel. Für Interessierte an der Eigentumsthematik möchte ich auf den m.E. ausgezeichneten Vortrag von Timo Rieg im Deutschlandfunk vom 29.03. hinweisen, wo er unter der Überschrift „Von der Idee, mit Grund und Boden reich zu werden“ auf überzeugende Weise deutlich macht, wie absurd das Festhalten am Privateigentum an Grund und Boden gerade auf der heutigen Entwicklungsstufe unserer Gesellschaften ist. Der halbstündige Vortrag kann auf der Internetseite des Deutschlandfunks (Rubrik: Essay und Diskurs) nachgehört bzw. -gelesen werden; so nebenbei wird einem klar, wie wertvoll der öffentlich-rechtliche Rundfunk für die demokratische Debattenkultur ist.

Ingo Isenhardt, Mainz

fr-debatteDie Vorbereitungen müssen sofort begonnen werden

Der Aufruf mit einer Umwandlung aller Krankenhäuser in öffentliche Hand,der Abschaffung der Fallpauschalen, und einer angemessene Bezahlung der Pflegekräfte muss nachdrücklich unterstützt und umgesetzt werden. Allerdings müssen die Vorbereitungen für die dazu notwendigen Schritte auf allen Ebenen (Kommunen,Land und Bund) schon sofort begonnen werden.Die Entwicklung und die gegenwärtige Situation im Gesundheitswesen stellt der Dokumentarfilm „Der marktgerechte Patient“ stellt eindrucksvoll dar.
Der zweite Handlungsbereich, der Mietwohnungssektor, der im Artikel aufgeführt wird,erfordert ebenso eine dringliche Umwandlung. In riesigem Umfang wurden öffentliche Wohnungen an private Investoren verkauft.Die Machtkonzentration weniger Immobilienkonzerne löste eine ungebremste Mietpreiserhöhung aus.Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaften könnten das Ziel einer Umsteuerung sein. Vielleicht können nur noch Enteignungen den aktuellen Weg stoppen.
Ich bin gespannt auf die weiteren Beiträge dieser Artikelfolge.

Peter Kasten, Göttingen

fr-debatte

53 Kommentare

  1. Manfred Christmann sagt:

    Herr Isenhardt spricht von der historischen Chance, die Mißstände in unserer Gesellshaft anzupacken. Er geht davon aus, dass die Gesellschaft aus Erfahrung lernt.Ich sehe es sehr skeptisch:
    Ich erinnere an das Ende des zweiten Weltkriegs, an alle angebliche Lehren, nie wieder Krieg usw. Adenauer im Original: Jedem Deutschen, der wieder eine Waffe anfasst, soll die Hand abfallen; heute ist alles vergessen, überall kriegerische Auseinandersetzungen, sogar mit deutscher Beteiligung. Wir sind Spitze bei Waffenlieferungen.

    Heute in der augenblicklichen Krise ist Hauptthema, wie überwinden wir die kommende Wirtschaftskrise.

    Es gibt kaum Überlegungen zur Überwindung der katastrophalen Zustände im Gesundheitswesen, zur Abschaffung privatisierter Krankenhäuser, zur Abkehr von Profitorientierung und Fallpauschalen. Es fehlt an Personal und Ausrüstung.

    Ich bleibe skeptisch, nach einer „Anstandspause“ wird es weitergehen wie bisher; denn die Personen, die das Ruder herumreißen sollen, sind die gleichen. Eine Abwandlung des Satzes von Einstein lautet: Wir können Probleme nicht durch die Menschen lösen, die sie verursacht haben.

    Ein Historiker prägte den Satz: Die Erfahrung lehrt, dass man aus ihr nichts lernt.

  2. @ Manfred Christmann,
    ja Hallo, sie haben völlig Recht, es sieht nicht so aus, als ob Mensch etwas lernen würde, obgleich er das durchaus könnte, aber es ist schwer. Das Problem scheint zu sein, dass der Antrieb, der evolutionäre, der dafür sorgt, dass es immer schneller, weiter, höher geht, viel stärker ist als die Erkenntnisse, die jetzt, in den Corona Zeiten, gewonnen werden. Wir nennen das Kapitalismus und der ist schon überall sichtbar, bei Talkshows usw.
    Die Idee,kein Wirtschaftswachstum, ja Rückgang von 2,8 % oder sogar 5,4%, eine Katastrophe. Noch vor wenigen Jahren waren wir mit diesen Zahlen ganz zufrieden. Die Menschheit scheint nicht zu merken, dass sie sich von diesem Kapitalismus Popanz einfach so vorführen lässt. Diejenige, die am meisten haben, schreien am lautesten. Das ist ja auch nichts Neues, wenn man einmal betteln müsste gehe man zu den Armen, da ist am ehesten etwas zu bekommen.

  3. Hans-Werner Müller-Jording sagt:

    Lasst Philosophen Politiker sein, ist irgendwann einmal kolportiert worden. Max Horkheimer hat sinngemäß formuliert, dass man im konkreten Fall gar nicht helfen wolle, sondern sich auf die große Theorie zurückzöge, um gar nicht helfen zu müssen. Journalisten insistieren allerorten und jedwedem gegenüber, dass es zeitlich beziffert schon jetzt ein Ausstiegsszenario aus den Corona sei Undank getätigten massiven Beschränkungen aller Lebensbereiche geben müsse, um zur Normalität zurückkehren zu können. Die dringend notwendige Satzergänzung, dass man aus den Erfahrungen nichts lernen will, bleibt ausgelassen. Die Annahme bleibt falsch, dass auch nur irgendwer, außer er sei Theoretiker, sich in seinem Verhalten, der Art seiner Einnahmequellen und seines Wohlfühlfaktors ändern würde, wenn denn endlich das Corona Virus besiegt sei. Schulden, die wir jetzt gegenüber der EZB verbucht bekommen, zahlen wir nicht zurück. Wir sind sichere Zinszahler und erhalten trotzdem noch Double AA der US amerikanischen Ratingagenturen. Wir werden eine höhere Inflationsrate bekommen, es wird Preissteigerungen und wenig sichtbare Steuererhöhungen geben, um dann wieder schnell dahin zurückzukehren, wo unsere Verhaltensmuster und alle sozialen und ökonomischen Abstände wieder ihren Weg zurück in unsere Realität finden. Für einen nächsten Fall stellen wir dann erschreckt fest, dass alles pflegerische und medizinische Personal immer noch zu schlecht bezahlt wird, die Grundausstattung an Schutzkleidung aller wieder in Billiglohnländern produziert und nicht sofort ausreichend zur Verfügung steht und man das ja so auch nicht voraussehen konnte. Wenn jetzt jedes Land in Europa mit seinen Krisen allein gelassen wird, werden die Orte des verantwortungsvollen Miteinanders wohl Friedhöfe der Gemeinsamkeit sein, weil man sich dort dann von sich selbst verabschiedet.

  4. Winfried Beinsen sagt:

    Das Coronavirus bedroht jegliches Leben der Menschen weltweit. Alle Entscheidungen bei uns bis hin zum Kontaktverbot und den kurz vor Verabschieding stehenden Rettungsmaßnahmen für Unternehmen und Private zur Abfedering der finanziellen Folgen all dessen sind aus meiner Sicht angemessen. Das gigantische Volumen des Pakets mit gut 700 Mtd. Euro (ob das reicht, kann man noch gar nicht absehen), das in kürzester Zeit beschlossen wurde, entspricht etwa 35% unserer Staatsverschuldung von knapp 2 Billionen Euro, die sich im Verlauf von langen rd.70 Jahrean aufgebaut haben. Ein nicht geringer Teil der 700 Mrd. wird vermutlich abzuschreiben sein oder aber von vornherein als rückzahlungsfrei gewährt werden. Das wird dann die Staatsschulden auch tatsächlich empfindlich in die Höhe treiben. Diese Mehrverschuldung muss wieder abgebaut werden. Und das bedeutet, dass wir nach Überwindung der Krise massive Erhöhungen von Steuern und Abgaben und Kürzungen von Leistungen zu erwarten haben. Dessen sollten wir uns schon heute bewusst sein.

  5. Hallo Herr Beinsen,
    sehr beeindruckend, ihre Zahlen, wie auch das was die Medien heute so bringen, früher waren es Millionen, dann Milliarden, jetzt sind wir bei Billionen. Dabei fällt mir ein, meine Oma/Opa hatten Geldscheine. da waren so viel Nullen drauf, dass man gar nicht mehr wusste, was es bedeuten sollte. Heute geht das besser, man druckt nicht mehr, man verwandelt das ganze in bits und bytes, algorythmen oder wie die Dinger heissen. Unter dem Strich scheint mir da doch nur ein kleiner Unterschied zu sein zu den Zeiten der 1920er Jahre, da gab es wenigstens noch Papier.
    Zur Ehrenrettung der Politik/Verwaltung muss ich aber auch erwähnen, dass ein Bekannter von mir innerhalb von drei Tagen sein Unterstützungsgeld in Höhe von 10 000 Euro zugesagt bekam, in drei Tagen. Das sprengt glatt den üblichen Begriff von unbürokratischer Hilfe.

  6. Manfred Christmann sagt:

    Zur Zeit kursiert eine Kolumne des Publizisten Matthias Horx „Die Welt nach Corona“. Im wesentlichen zieht er den Schluss einer positiven Veränderung.
    Der Beitrag geht davon aus, dass wir aus Erfahrung lernen; meine Skepsis ist sehr groß. Ich erinnere an das Ende des zweiten Weltkriegs, an alle angeblichen Lehren, nie wieder Krieg usw. Adenauer im Original: Jedem Deutschen, der wieder eine Waffe anfasst, soll die Hand abfallen; heute ist alles vergessen, überall kriegerische Auseinandersetzungen, sogar mit deutscher Beteiligung. Wir sind Spitze bei Waffenlieferungen.
    Heute in der augenblicklichen Krise ist Hauptthema, wie überwinden wir die kommende Wirtschaftskrise. Es gibt kaum Überlegungen zur Überwindung der katastrophalen Zustände im Gesundheitswesen, zur Abschaffung privatisierter Krankenhäuser, zur Abkehr von Profitorientierung und Fallpauschalen. Es fehlt an Personal und Ausrüstung.
    Ich bleibe skeptisch, nach einer „Anstandspause“ wird es weitergehen wie bisher; denn die Personen, die das Ruder herumreißen sollen, sind die gleichen. Eine Abwandlung des Satzes von Einstein lautet: Wir können Probleme nicht durch die Menschen lösen, die sie verursacht haben.
    Ein Historiker prägte den Satz: Die Erfahrung lehrt, dass man aus ihr nichts lernt.

  7. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Manfred Christmann

    Ja, M.Horx kursiert wieder mal. Er schrieb schon 2008: „In der Krise liegt die Zukunft“ oder „Direkt am Abgrund blühen Heiterkeit und Entspannung“.
    Ich halte das, ehrlich gesagt, für gescheites elitäres Geplapper.

    Da finde ich in Corona-Zeiten beispielsweise Adornos Aussage in einem Brief an Thomas Mann (1950 angesichts der atomaren Bedrohung)ertrag- und geistreicher: „Wenn schon Weltuntergang, dann will man doch wenigstens dabei gewesen sein. Aber Sie wissen, ich glaube nicht daran.

    Feine Ironie statt Hochsitz der Weisheit.

    Ansonsten Skepsis allemal.

  8. Klaus Füller sagt:

    Seit Beginn der Corona-Maßnahmen drängt die Wirtschaft auf eine Exit-Strategie. Jetzt argumentiert das IFO-Institut mit der angeblich notwendigen raschen 70-prozentigen „Durchseuchung“ der Bevölkerung, die aber durch die Kontaktbeschränkungen zum Schaden der Wirtschaft verzögert würde.
    Eine kleine Rechnung. Das RKI schreibt: Die Annahme einer Fallsterblichkeit bei 0,56 Prozent „liegt eher am unteren Rand bestehender Schätzungen.“ 70 Prozent von 83 Millionen Einwohnern sind etwa 58 Millionen „Durchseuchte“. Davon 0,56 Prozent sind 324 000 Sterbefälle. Das beträfe nicht nur Alte: 43 000 Verstorbene wären unter 60 Jahre alt. Beim Zusammenbruch der Intensivversorgung (Wuhan, Norditalien) hätten wir etwa fünfmal so hohe Zahlen.
    Stehen eigentlich diese Teile der Wirtschaft noch auf den vielbeschworenen westlichen Werten und auf dem Grundgesetz? Erinnert die achselzuckende Akzeptanz des Tods von Alten und Risikogruppen nicht an ganz finstere sozialdarwinistische Zeiten in Deutschland, als das Wort „lebensunwert“ verwendet wurde?

  9. Martin Wetz sagt:

    So sehr ich die FR schätze, so unerlässlich finde ich es, dass diejenigen Themen, die die eigentlich wichtigen sind, wieder auf die Titelseite und in die Berichterstattung rücken, z.B. der Zustand der EU, der Nahe Osten, die notwendige Agrarwende, die anhaltende Trockenheit der letzten Wochen, die Klimaerwärmung.

  10. Lorenz Breitinger sagt:

    Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass es nach Corona zu einem Paradigmenwechsel kommt. Viele Menschen erkennen in der Krise, was es heißt, wirklich systemrelevant zu sein. Die unzähligen Menschen, die jetzt – auch mit der Gefahr für ihre eigene Gesundheit – wichtige Bereiche des öffentlichen Lebens „am Laufen“ halten (Krankenschwester, Pfleger, Ärzte, Reinigungskräfte, Bus- und LKW-Fahrer, Lokführer und Schaffner, Verkäuferinnen ….) lassen sich hoffentlich nicht mehr nur durch „anerkennendes Klatschen“ und Respekt- und Dankesbekundigungen „abspeisen“, so ehrlich und wichtig diese auch gemeint waren.
    Mir ist bis heute schleierhaft, wer sich ein solch perfides System wie die „Pflege im Minutentakt“ ausgedacht hat, und mehr noch irritiert mich, dass diese Vorgaben – wenn auch murrend – mitgetragen wurden. Der Preis, der dafür gezahlt wird, steht in keinerlei Verhältnis zu den Folgen für die Betreffenden (Anstieg psych. Erkrankungen). Vertreter einer neoliberalen Politik, die solche Zustände federführend verantwortet haben, bringen sich bereits wieder in Stellung, um mit ihren alten Rezepten Wege aus der Krise aufzuzeigen. Dabei wird es höchste Zeit, wichtige Bereiche der menschlichen Daseinsvorsorge (Wohnen, Energie, Wasser, Nahverkehr, Gesundheit, Altersvorsorge) wieder in öffentliche Hände zu geben.
    Es kann nicht angehen, dass weiterhin Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Die Reichen und Superreichen müssen endlich wieder ihren Solidarbeitrag leisten, nicht nur durch Wohltätigkeitsgalen und großzügigen Spenden. Jetzt müssen wieder Vermögens- und Erbschaftssteuer eingeführt werden. Auch eine angemessene Besteuerung der Großkonzerne, die in vielen Ländern schwindelerregende Gewinne einfahren steht an. Daneben sind der „Zockermendalität“ vieler Banken und Finanzinvestoren Einhalt zu gebieten.
    Was mir allerdings etwas Sorge bereitet, sind Meldungen, dass das Ansehen von CDU/CSU wieder in der Wählergunst steigt (die Krisenmanager?), obwohl genau deren Politik wesentlich zu den derzeitigen Verwerfungen beigetragen haben (nicht vergessen seien auch die „Lindners“ der SPD und der Grünen, die ihr Scherflein dazu beigetragen haben). An uns allen liegt es jetzt, einen längst überfälligen Wechsel herbeizuführen.

  11. Hallo Herr Breitinger,
    wie sie völlig richtig bemerkt haben, läuft das Volk wieder dem Rattenfänger hinterher, diesmal in Form der CDU/CSU als Retter in bösen Zeiten. Bei der geringsten Möglichkeit wird man mit aller Macht das Bruttosozialprodukt wieder als strahlende Ziel und alternativlos aufbauen, da bleibt für ihre Ziele leider keine Zeit. Wir haben hier ein kapitalistisches System, da regiert der Mammon. Man wird darauf hinweisen, wie toll sich D. geschlagen hat, aber jetzt muss gut sein…und so weiter.

  12. Jürgen Malyssek sagt:

    Die Diskussionen um die Exit-Strategien bzw. um die Rückkehr zur „Normalität“ beängstigt mich zum jetzigen Zeitpunkt fast mehr als der Stillstand jetzt (was nicht zynisch gemeint ist). Sicher muss man über die Rückkehr nach den Beschränkungen nachdenken, aber die spürbare Eile, die gerade verbreitet wird, ist auffallend und lässt für die weitere Zukunft nichts Gutes erwarten. Die Ökonomie wird alsbald wieder das Ruder übernehmen, da bin ich ziemlich sicher. Stichwort: „Wieder durchstarten!“ Das sagt doch einiges aus.
    Nach den all den richtigen Appellen für Geduld, Vorsicht und Vernunft lässt nicht lange der Ruf nach Normalität, Geschäft und Geselligkeit auf sich warten.
    Ich bin mir über die ganz ganz unterschiedlichen Auswirkungen der Pandemie in der Gesellschaft bewusst – aber letztlich wird auch die Menschheit auf die Probe gestellt und vieles, was bisher normal und vor allem ökonomisch „wertvoll“ war, kann eigentlich nicht mehr so weiter gehen. Alles hängt jetzt mit allem zusammen: Klima, Hunger, Elend, Armut, Krankheit und Pandemien, Ausbeutung, Naturzerstörung, Klimakatastrophe, Kriege, Flucht. Ganz zu schweigen von den politischen Führungsköpfen in der Welt, die – platt gesagt – nicht mehr bei Trost sind! Ich muss keine Namen nennen.
    So, und dann wollen wir also schnell WIEDER DURCHSTARTEN!?

  13. Joachim Kietzmann sagt:

    Lieber Herr Bronski, sicher haben Sie wie ich darauf gewartet, dass die in Deutschland wohnenden Milliardäre den in der Gesundheitspflege arbeitenden Menschen zu ihrer unglaublichen Tätigkeit und niedrigen Gehältern einen entsprechenden Zuschuss zahlen, der sicher auch steuerlich als Betriebsausgabe berücksichtigt werden wird. Das wird allerdings nicht erfolgen, denn von denen stirbt ja keiner. Die können getrost zu Hause bleiben, anders als die Arbeitnehmer in Deutschland. Die sorgen mit ihrer Arbeit dafür. Daß die nächste Milliarde sicher auf dem Konto landet. Bösartig gesagt: „verdient wurde“.

  14. Heidger Brandt sagt:

    Sobald diese Krise ausgestanden ist, braucht Deutschland eine große Klinik-Reform, schreibt Rasmus Buchsteiner im Leitartikel zum Coronanotstand. Die Krise lege „schonungslos offen, was in der Vergangenheit schief gelaufen ist“ und „lässt Versäumnisse sichtbar werden.“
    Handelt es sich tatsächlich nur um „Versäumnisse“ und darum, dass „etwas“ schief gelaufen ist? Oder hat die „Perversion eines durchökonomisierten, in Teilen dysfunktionalen Systems“, mit Ursachen zu tun, die tiefgründiger sind als diese Diagnose vermuten lässt? Tatsächlich ist die Misere der Krankenhäuser nur ein Symptom von zahllosen, die der neoliberale Umbau von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft produziert hat. Die Ursache des „Versäumnisses“, dass „die Länder über Jahre hinweg … ihrer Verantwortung, in die Krankenhäuser zu investieren, nicht oder nicht vollständig nachkommen“, liegt darin, dass sie dieser Verantwortung immer weniger nachkommen konnten, weil die wechselnden Bundesregierungen – mit Zustimmung des Bundesrates! – seit der schwarz-gelben Kohl-Genscher-Regierung sämtliche Steuern für Spitzenverdiener, Vermögende, reiche Erben und Konzerne immer drastischer reduziert oder gleich abgeschafft und damit auch den Ländern und Kommunen, denen diese Steuern ganz oder teilweise zustanden, die Grundlage für die Finanzierung der Daseinsvorsorge entzogen und diese in die „Schuldenkrise“ und das nachfolgende Kaputtsparen u.a. der gesamten Infrastruktur getrieben haben.
    Um Haushaltslöcher zu stopfen, vor allem aber, um den explodierenden Vermögen der Vorteilsempfänger der „Modernisierung der Steuergesetze“ lukrative Anlagemöglichkeiten zu beschaffen, wurde die Privatisierungswelle unter dem Deckmantel der Lüge vom „schlanken Staates“ eingeleitet. Hierzu gehörten u.a. die öffentlichen Wohnungsbestände mit dem Ergebnis der explodierenden Mieten und einer wachsenden Überschuldung auch der privaten Haushalte und damit einer laufenden Schwächung der Binnennachfrage. Forciert durch die rot-grünen Agenda-Reformen mit der Schaffung eines riesigen Niedriglohnsektors sanken die Steuereinnahmen und stiegen die private und öffentliche Verschuldung und Armut weiter. Die Privatisierungen der Kliniken führte zu den „perversen durchökonomisierten“ Verhältnissen, zu Stellenabbau und chronisch überlasteten und dramatisch unterbezahlten Pflegekräften und (einfachen) Ärzten zum Zweck der Renditesteigerung.
    Dies zieht sich bis in die finale „Klimakrise“ mit dem ständig forcierten Ausbau der fossilen Infrastruktur aus neuen Gasleitungen, angeblich klimafreundlichen neuen Gaskraftwerken, die nach 2038 die Kohleverstromung ersetzen sollen, wie Frau Merkel im Januar 2019 in Davos erläuterte, sowie neuen Öl- und Gasheizungen, gefördert aus dem „Klimaschutzpaket“, womit sie das Milliardengeschäft mit der fossilen Zweifachverbrennung systemisch absichert. Währenddessen wird die tatsächliche Energiewende, der Aufbau einer dezentralen, kommunalen und regenerativen Energieversorgung auf Basis der Kraft-Wärme-Kopplung und der dadurch möglichen Einbindung aller regionalen regenerativen Energiepotentiale, allen voran der Solarenergie, zum „Wohle“ der Energiekonzerne seit Jahrzehnten planwirtschaftlich verhindert.
    – Wir brauchen nicht nur „eine große Klinik-Reform“, sondern die Revision des gesamten neoliberalen Umbaus, der nur ein Ziel hatte und hat: Die Vermögen der ohnehin Reichen zu maximieren. Um deren 6 Billionen-Euro-Umverteilungsgewinn allein an Barvermögen zu „schonen“, wird jetzt die nächste Welle exorbitanter Staatsverschuldung eingeleitet.

  15. Elisabeth Adam sagt:

    Nun klatschen sie wieder. Und jeden Abend im Fernsehen ein Dankesvideo und eine Kerze im Fenster. Wenn ich zu den Betroffenen – besonders den Pflegekräften – gehören würde, wäre ich zornig und wütend, aber auch traurig und deprimiert. Wo war denn diese Wertschätzung vorher? Und wo ist sie im Alltag jetzt? Noch immer werden Müllwerker beschimpft, wenn ihr Auto den Verkehr aufhält. Da wird keine Rücksicht auf Kassiererinnen im Supermarkt genommen, die Abstandsregel nicht eingehalten, geschimpft, wenn die gewünschten Produkte nicht im Regal liegen. Da wird gehamstert, gehortet und geschubst. Ganz schlimm ist es in der ambulanten Pflege, in den Pflegeheimen und Krankenhäusern. Es fehlt an Schutzkleidung und Desinfektionsmaterial, nicht nur weil gewissenlose Menschen die Vorräte oder den Nachschub geklaut haben, sondern auch weil bereits vorher Mangelwirtschaft betrieben wurde, um Kosten zu sparen. Und wenn dann – wie in einigen Plegeheimen bereits geschehen – vermehrt Krankheits- und Todesfälle auftreten, sind wir entsetzt. Oft wird das Pflegepersonal und mangelnde Hygiene dafür verantwortlich gemacht. Da denkt keiner darüber nach, dass in den Krankenhäusern Doppelschichten gefahren werden, die Betroffenen selbst in großer Gefahr sind. Schwestern, Pfleger und Ärzte haben eigene Familien, die nun zu kurz kommen. Die nach Dienstschluss noch einkaufen müssen und oft vor leeren Regalen stehen, weil tagsüber schon alles leer gekauft wurde. Wertschätzung sieht anders aus. Nun macht sich bemerkbar was seit Jahren beklagt wird: der Pflegenotstand. Wenn wir nicht betroffen sind, gehen wir zur Tagesordnung über. Aber wehe wenn wir einen Angehörigen im Heim haben, der nicht angemessen gepflegt wird. Oder wenn wir selbst ins Krankenhaus müssen und feststellen, dass das Pflegepersonal kaum Zeit hat. Dann schreien wir auf. Wir haben die medizinische Versorgung privatisiert und gewinnorientiert gemacht, Wir holen Ärzte und Pflegekräfte aus dem Ausland weil sie billiger sind, und die dann in ihren Heimatländern fehlen. Wir haben zugelassen, dass die Produktion von Arzneimitteln ins Ausland verlegt wurde, und die Pharmaindustrie Millionengewinne macht. Wir füttern unser Vieh mit Antibiotika, damit in den riesigen Mastbetrieben keine Seuchen ausbrechen und wundern uns, wenn bei Menschen die Wirksamkeit nicht mehr greift. Wir alle haben die warnenden Stimmen von Wissenschaftlern missachtet und viele als Spinner und Panikmacher verspottet. Die Liste könnte man noch lange fortsetzen. Ich fürchte nur, dass wir nach der Coronakrise weitermachen werden wie bisher. Aber ich hoffe, dass Pflegekräfte, ErzieherInnen, Müllwerker, Verkaufspersonal und viele andere an Selbstbewusstsein gewonnen haben. Dass sie für ihre Rechte eintreten werden. Dass sie nicht mehr mit Mindestlöhnen zufrieden sind, sondern zeigen, auf welchen Schultern unsere Bequemlichkeit und der Wohlstand einiger begründet sind. Und es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sie bei diesem Kampf zu unterstützen. Nur Beifall klatschen und warme Worte reichen da nicht aus.

  16. Manfred Christmann sagt:

    Zur Zeit kursiert eine Kolumne des Publizisten Matthias Horx „Die Welt nach Corona“. Im wesentlichen zieht er den Schluss einer positiven Veränderung. Der Beitrag geht davon aus, dass wir aus Erfahrung lernen; meine Skepsis ist sehr groß.
    Ich erinnere an das Ende des zweiten Weltkriegs, an alle angeblichen Lehren, nie wieder Krieg usw. Adenauer im Original: Jedem Deutschen, der wieder eine Waffe anfasst, soll die Hand abfallen; heute ist alles vergessen, überall kriegerische Auseinandersetzungen, sogar mit deutscher Beteiligung. Wir sind Spitze bei Waffenlieferungen.
    Heute in der augenblicklichen Krise ist Hauptthema, wie überwinden wir die kommende Wirtschaftskrise. Es gibt kaum Überlegungen zur Überwindung der katastrophalen Zustände im Gesundheitswesen, zur Abschaffung privatisierter Krankenhäuser, zur Abkehr von Profitorientierung und Fallpauschalen. Es fehlt an Personal und Ausrüstung.
    Ich bleibe skeptisch, nach einer „Anstandspause“ wird es weitergehen wie bisher; denn die Personen, die das Ruder herumreißen sollen, sind die gleichen. Eine Abwandlung des Satzes von Einstein lautet: Wir können Probleme nicht durch die Menschen lösen, die sie verursacht haben. Ein Historiker prägte den Satz: Die Erfahrung lehrt, dass man aus ihr nichts lernt.

  17. Irmgared Schürgers sagt:

    Jetzt wäre es an der Zeit, alle Schüler mit Tablets auszustatten und ihnen die Lerninhalte darüber zu vermitteln. Stattdessen heißt es ständig, dass die Schulen bald wieder geöffnet werden sollen. Überall ist Abstandhalten sowie Masken tragen das wichtigste Mittel, sich nicht anzustecken. Wie soll das an Schulen eingehalten werden, wo über tausend Schüler untergebracht sind? Und was ist mit der Ansteckungsgefahr der Eltern? Die müssen wieder ins Arbeitsleben eingegliedert werden, damit die Wirtschaft anspringt. Die Kinder werden dafür „geopfert“.

  18. Alfred Harnischfeger sagt:

    Das habt ihr davon, ihr Politiker und Virologen. Erst sperrt ihr uns ein und jetzt fangen wir auch noch an, selbstständig zu denken. Angesichts der geballten Ladung von Wissenschaft und Politik wagt man es kaum noch, euch zu widersprechen. Nein widersprechen will ich gar nicht. Die Maßnahme, in dieser Phase der Pandemie die Ausbreitung des Virus einzudämmen und die Infektion zu verlangsamen, war wohl notwendig. Aber mal nachfragen und zum Denken anregen, muss weiterhin erlaubt sein.
    Und bevor in den nächsten Tagen die ersten Erfolgsmeldungen über den Ticker gehen, wie gut es ist, dass wir Schulen geschlossen und Begegnungen untersagt haben, bevor Aussperrung und Kontaktverbot als Tugend gepriesen werden und wir weiter auf die nächsten schwierigen Wochen einstimmt werden, möchte ich zwei Gruppen in den Blick nehmen, für die ich bezweifle, dass die aktuellen Entscheidungen zu ihren Gunsten sind, auf jeden Fall wenn sie länger als bis zu den Osterferien andauern sollten. Zu einer Gruppe gehören die Kinder und Jugendlichen, die in besonderer Weise auf das Lernen in der Schule angewiesen sind. Die zu Hause keinen häuslichen Schreibtisch haben und deren Papa nicht mal schnell den befreundeten Mathematiker anrufen kann und sich die Mathematik der Grundschule erklären lässt. Für deren Zukunft werden jetzt die Weichen gestellt. Zwei Monate ohne geregelten Unterricht wird siemöglicherweise um ein ganzes Schuljahr zurückwerfen und Lücken reißen, die nicht mehr zu schließen sind. Diese Kinder haben in der Zwischenzeit das Lesen verlernt und die Rechenoperation vergessen, die für den Übergang in die Mittelstufe gebraucht werden, während andere in der Zwischenzeit sich das Lesen selbst beibrachten.
    Viele Menschen erfahren in diesen Tagen, dass der Entzug von Schule keine dauerhafte Antwort auf die Bedrohung durch ein kleines Virus sein kann. Vielleicht sollten mal wieder mehr Pädagogen gebeten werden über Alternativen nachzudenken, als Virologen täglich ihre Zahlen präsentieren zu lassen.
    Und vielleicht sollten wir uns alle daran erinnern, dass es in schwierigen Zeiten immer die Liebe zu den Menschen war, die eine Gesellschaft zusammenhielt und aus Krisen führte, nicht die Strategie der Generäle.

  19. Carolin Mergardt sagt:

    Covid 19 – Chance für mehr Gleichberechtigung für Kinder
    Kaum jemand hätte den Zustand, in dem wir uns alle mehr oder weniger derzeit befinden, vermutet. Neben all den negativen gesundheitlichen und finanziellen Auswirkungen wohnt dieser Krise eine besondere Chance für die Schulen in Deutschland inne.
    Die soziale Ungleichgleichheit in deutschen Schulen, die massiv die Lebenschancen der Kinder beeinflusst, ist evident. Neben den verschiedenen möglichen Ursachen dafür, von ungleicher Benotung gleicher Leistungen oder fehlender häuslicher Unterstützungsmöglichkeiten, um nur zwei zu nennen, vermisse ich in der diesbezüglichen Ungleichheitsforschung, einen wichtigen Aspekt.
    Die Bewertung der mündlichen Leistung, welche man heute zu den „sonstigen“ Leistungen zählt, d.h., all das, was die SchülerInnen neben Klausuren in den Unterricht einbringen, ist defizitär! Erstens, weil eine solide Ausgangsdatenbasis fehlt. Infolge dessen, weiß man schlichtweg nicht genau, warum die so oft zitierten „stillen SchülerInnen“ sich nicht freiwillig in den Unterricht einbringen und zu welchen Leistungen sie dennoch tatsächlich in der Lage sind. Letzteres fällt häufig in schriftlichen Leistungsnachweisen auf. Bis dahin ist aber nicht selten mindestens ein Quartal vergangen. Wenn überhaupt, lädt das Lehrpersonal häufig erst danach die Eltern zum Gespräch ein, in dem Maßnahmen zur Veränderung des Verhaltens besprochen werden.
    Dennoch ändert sich in den meisten Fällen wenig bis gar nichts. Eine schlechte „mündliche Note“ ist in der Regel die Konsequenz, obwohl diese SchülerInnen überwiegend zu den ersten gehören, die mit der korrekten Anfertigung von Aufgaben fertig sind. Nicht selten, erklären sie dann noch ihrem, häufig befreundeten Sitznachbarn, die Aufgaben/Lösungen, wollen die Ergebnisse aber dennoch nicht vor dem Kurs vortragen. Hinzu kommt, dass die Lehrkräfte bei der hohen Schüleranzahl pro Kurs häufig nicht bei jedem Schüler die Ergebnisse einsehen können. Das hat zur Folge, dass viele Leistungen von SchülerInnen gar nicht bemerkt und so auch nicht gewürdigt werden können. Das ist eine Schande, weil der positive Einfluss auf die Entwicklung des so wichtigen Selbstwirksamkeitsgefühls, stark eingeschränkt ist und somit die Kinder nicht nach ihrem innewohnenden Potential gefördert werden, was wiederum Effekte auf die Persönlichkeitsentwicklung nach sich zieht. Dies ist insbesondere für sozial benachteiligte Kinder ein erheblicher Nachteil und kommt letztlich einer Gleichbehandlung von ungleichen Chancen gleich. Binnendifferenzierung nach den verschiedenen Möglichkeiten ist das jedenfalls nicht.
    So zieht sich das durch die Jahre hindurch und verschlechtert diesen SchülerInnen in Konsequenz ihre Abschlussnote. Wenn man es jedoch schaffte, mit Hilfe von digitalen Lernplattformen in Kombination mit Büchern, die Ergebnisse der Schüler stets abzuspeichern, könnten die Lehrkräfte später darauf bequem zugreifen ohne jedes Mal eine Zettelwirtschaft in Hieroglyphen einsammeln und erfassen zu müssen. Wie wir jetzt bereits in dieser Krise sehen, ist die Digitalisierung auch beim Lernen extrem hilfreich und die Chancen noch bei Weitem nicht ausgelotet, geschweige denn ausgeschöpft!
    Natürlich bedarf es hier geeigneter, interdisziplinärer Konzepte aus Neurobiologie- und psychologie, Geistes-, Gesellschafts-, Naturwissenschaft und Technik zur Umsetzung im Unterricht.
    Darüber hinaus müssen die Schüler entsprechend digital ausgestattet, LehrerInnen im Gebrauch der Software und vor allem hinsichtlich der Gefahren wie Cyberkriminalität und Mobbing, fortgebildet werden. In diesem Zusammenhang müsste es Jahrgangsstufen-Elternabende geben, welche die Eltern aufklären und ihnen Informationsmöglichkeiten an die Hand geben. Weiterhin müssen sowohl entsprechende Fachkräfte zum Schutz der SchülerInnen Filter an Schulen für das WLAN einrichten als auch Regelungen für den Fall des Geräteersatzes, -reparatur geschaffen werden.
    In gleichem Atemzug ist das Pflichtstundendeputat der Lehrkräfte zu reduzieren, damit diese die Schülererarbeitungen regelmäßig auch nach dem Unterricht durchgehen und im besten Fall noch unterstützend kommentieren können. Das ist obligat, weil das ein Vielfaches an Mehrarbeit bedeutet, was die KollegInnen sicherlich gerne machten, wenn sie damit eine positive Resonanz bei den Schülern bewirken könnten, ohne selbst auf einen Burnout zuzusteuern!
    Um die eingangs erwähnte fehlende Datenlage zu kompensieren, könnte man eine flächendeckende neuropsychologische Testung durch entsprechendes Fachpersonal bei allen SchülerInnen einführen, die bei Bedarf und generell in bestimmten Zeitabständen beispielsweise bei Einschulung, beim Übergang in die weiterführende Schule, in Jahrgangsstufe 8, 10 und 12, wiederholt wird. Hierdurch könnten sowohl häusliche Missstände als auch Fälle von Mobbing o.Ä. wesentlich früher oder überhaupt erkannt und den SchülerInnen wie auch ganzen Familien geholfen werden und somit die Kinder wesentlich effizienter dort abgeholt werden, wo sie stehen. Ganz im Kant‘schen Sinne „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner [in dem Fall nicht] selbst verschuldeten, Unmündigkeit!

  20. Uwe Mos sagt:

    Sehr geehrter Herr Kultusminister Dr. Lorz,

    bitte schauen Sie bei der Suche nach Lösungen für die hessischen Schulen auch nach Schweden. Dort sind die Schulen bis Klasse 9 geöffnet geblieben. Kinder sind für den Covid-19-Virus schwer empfänglich und machen bei Infektion sehr milde Krankheitsverläufe durch. Bei einer sukzessiven Öffnung der hessischen Schulen nach den Osterferien dürften Risikopersonen (Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen, Lehrer, Schulangestellte) natürlich zu Hause bleiben.

    Die ungleichen Bedingungen beim Homeschooling durch die unterschiedlichen häuslichen Bedingungen könnten weitestgehend ausgeglichen werden. Bitte öffnen Sie nach Ostern die Schulen wenigstens schrittweise mit den jüngsten beginnend wieder für die Bildungsarbeit.

  21. Jürgen H. Winter sagt:

    Es geschieht derzeit etwas sehr Merkwürdiges. Die Welt ist erstarrt im Griff des Covid 19 und bietet das Bild einer Welt in einer gerade stattfindenden Krise. Alles steht still. Es ist noch nicht so recht abzusehen, wie es ausgeht, aber der Unterschied zwischen heute und der Situation wie in Herrn Höhns Leserbrief vom 20.3. beschrieben könnte größer nicht sein. Noch vor wenigen Wochen war dies das Szenario, das einerseits in den Köpfen war, aber andererseits ignoriert wurde. Und jetzt ? Die Pandemie Covid 19 beherrscht alles. Wie der weitere Verlauf sein wird ist noch offen.
    Es ist die unmittelbare Krise, die die direkt jeden einbezieht, jeder kann betroffen sein oder werden.
    Die Klimaerwärmung oder besser – Krise ist als Bedrohung der Menschheit jedoch ungleich größer, wird aber von der Mehrheit der Menschheit praktisch ignoriert. Sie wird nicht als vergleichbare Bedrohung erfasst, dabei wird sie Millionen töten, zur Flucht zwingen, Städte und Länder ganz oder teilweise unter Wasser setzen, es wird zu einer Völkerwanderung biblischen Ausmaßes führen, vergleichbar der Völkerwanderung um 400 n.Chr. in Europa, die auch durch Klima ausgelöst wurde. Wären Menschen vernünftig, würden sie versuchen alles erdenkliche zu unternehmen, um die Entwicklung halbwegs erträglich zu machen. Nichts dergleichen geschieht, ja, die meisten Menschen denken gar nicht daran. Finden sie das nicht auch merkwürdig ? Total Angst jetzt und praktisch völlige Untätigkeit zur Verhinderung der eigentlichen Katastrophe später ? Obgleich die Angst eigentlich viel größer sein müsste ? Erwartet werden muss doch, dass nach der Pandemie, die ja nach absehbarer Zeit zu Ende sein wird, mit großer Energie die alten Verhältnisse wieder hergestellt werden, um das Verlorene möglichst schnell wieder hereinzuholen. Ohne der kommenden Katastrophe auch nur einen Gedanken zu schenken. Die in der Pandemie gezeigt Bereitschaft, auf vieles zu verzichten wird verschwunden sein. Wahlspruch : Jetzt geht es endlich wieder vorwärts, wir müssen die Verluste wieder wettmachen. Dabei lernen wir gerade, in dieser erzwungenen Zeit der Besinnung, dass weniger durchaus mehr sein kann, dass die Verhinderung der drohenden Katastrophe wichtiger ist als der sogenannte Fortschritt, dass man Geld nicht essen kann und dass es eine Reihe von Problemen gibt, die gelöst werden müssen, wollen wir nicht gleich wieder in der nächsten Katastrophe landen, denn die sind vorhersehbar : Klima, Umwelt, Artenvielfalt, Plastik, Wasser, Flüchtlinge usw. usw.

  22. hans sagt:

    https://www.sonnenseite.com/de/energie/ausbau-der-erneuerbaren-energien-als-grner-marshall-plan-fr-sterreich.html
    Man sollte das nicht hat nur aus deutscher Sicht sehen. Das die alten Herren der Union alles blockieren wird nur dem Standort D. heftigen Schaden zu fügen. Dem weltweiten Umbau der Energiewirtschaft nicht.
    https://www.sonnenseite.com/de/energie/drei-viertel-der-neu-installierten-stromleistung-ist-erneuerbar.html

  23. hans sagt:

    Vor ca einem halben Jahr hat uns eine ganze Sendung im Weltspiegel und ein Auftritt von Prof. Sinn im Presseclub vorgegaukelt wie Energiewende am Beispiel Schweden mit AKW richtig gemacht werden sollte. Prof. Sinn scheint ähnlich richtig zu liegen wie damals bei seiner Einschätzung zum Mindestlohn. Was ist in dem Musterland Schweden inzwischen passiert. Am 01.01.20 wurde ein AKW stillgelegt und derzeit sieht es wie im unten stehendem Link nachzulesen aus. Für mich wirkt das wie ein Versuch noch vor D. aus der AKW Nutzung auszusteigen nur ohne den Betreibern Massen von Steuergeldern hinterher werfen zu wollen.
    https://business.financialpost.com/pmn/business-pmn/cheap-energy-just-shut-down-a-nuclear-reactor

  24. Winfried Kallabis sagt:

    Die richtigen Weichenstellungen für die Zeit nach der Krise müssen jetzt erfolgen, sonst kommt es durch ein ‚Weiter wie bisher‘ absehbar zur nächsten Krise! Das machen besonders zwei Artikel deutlich:
    Moewes beklagt in seinem Beitrag die Diskrepanz zwischen dem praktizierten Wirtschafts-liberalismus und den Interessen der Bevölkerung, die inzwischen alle Lebensbereiche durchzieht. Dazu gehören Augenwischereien und stets zu lasche und zu späte Maßnahmen statt konsequentes Handeln. Weiter regiert der Wachstumsfetischismus, zum Beispiel bei der Klimakatastrophe. Wirtschaftsinteresse steht auch hier diametral dem Natur- und Bevölkerungsinteresse gegenüber.
    Zum Schluss stellt er ganz richtig die rhetorische Frage: “ Wie viele Viren, Dürren, Fluten und Orkane muss es noch geben, bis die Unverantwortlichen begreifen, dass ihre Wirtschafts- und Arbeitsideologie die Ursache ist?“
    Das System unserer Erde ist aus den Fugen geraten – die Einsicht, dass wir unseren Planeten permanent überfordern, wächst zunehmend. Dass wir unsere Lebensweise in den Industrieländern grundsätzlich ändern müssen, fordern nicht nur Grüne und Fridays-for-Future. Die Klimaaktivisten Helene Marschall und Linus Steinmetz richten dringliche Forderungen an den Bundesfinanzminister (in „Lieber Herr Scholz“).
    Es darf keine bedingungslosen Wirtschaftshilfen geben, ohne dabei die Klimakrise mit zu bedenken! Die staatlichen Geldmittel, die jetzt bereitgestellt werden, müssen soziale und ökologische Kriterien erfüllen. Darlehen und Finanzspritzen dürfen nicht nur kurzfristige Hilfen darstellen, sondern auch die langfristigen Folgen müssen dabei in Betracht gezogen werden! Denn „die jetzigen Entscheidungen gestalten direkt die Welt nach Corona – indem sie die Klimakrise entweder befeuern oder eindämmen“.
    Es steht zu befürchten, dass die Entscheider in der Politik nach dem Motto ‚Wirtschaftsförderung hat Vorrang vor allem Anderen‘ den notwendigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft wieder verschieben. Auch die überfälligen Entscheidungen von Bund und Ländern zu Energie- und Verkehrswende dürfen nicht weiter vertagt werden! Die Erderwärmung macht keine Pause, der Klimawandel lässt keinen Aufschub zu!

  25. Frank Baldus sagt:

    Das Corona-Virus hat der Weltgemeinschaft innerhalb weniger Wochen drastisch gezeigt, worauf es wirklich ankommt und wo die Schwachstellen unseres Systems liegen. Wir sehen derzeit tagtäglich, wie wertvoll Solidarität und Hilfsbereitschaft in unserem Leben sind und wie schnell die Wirtschaft an den Rand einer Krise geraten kann. Doch ist es wirklich normal, dass kleine Firmen pleite gehen, die Leute ängstlich Waren horten und Millionen Arbeitnehmer um ihren Arbeitsplatz bangen müssen, nur weil die Räder in einigen Bereichen eine Zeit lang stillstehen? Sicher ist jedenfalls, dass die Pandemie unsere Augen für das Wesentliche öffnen kann: Jetzt haben wir die Chance, über die sogenannte „Normalität“ nachzudenken, alles in Frage zu stellen und tatkräftig nach neuen Wegen zu suchen! Die Gefahren für die Gesundheit, die das Corona-Virus verursacht hat, sind echt und ernst zu nehmen – aber die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen sind menschengemacht.
    Ebenfalls menschengemacht sind die anderen globalen Gefahren, die unsere Zukunft bedrohen: Klimawandel, Artensterben, Waldvernichtung und vieles mehr … Es scheint, als hätten wir uns daran und an all die anderen Umstände gewöhnt: An ausgebeutete Menschen in Billiglohnländern, die grausigen Zustände in der Massentierhaltung, Unmengen von Verpackungsmüll, die Existenzängste vieler mittelständischer Unternehmer und vieles mehr … Hauptsache, der Preis stimmt.
    Das alles und noch viel mehr ist die Folge eines unbarmherzigen Systems, dessen negative Seiten wir in Kauf nehmen, weil es uns auf der anderen Seite ein gutes Leben ermöglicht: Ausreichend Wohnraum und Freizeit, eine große Waren- und Dienstleistungsvielfalt und die Freiheit, uns weitgehend nach unseren Wünschen entfalten zu können … bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie.
    Gandhi hat einmal gesagt: „Die Welt hat genug für die Bedürfnisse eines jeden Menschen, aber nicht genug für die Gier eines jeden.“ Wie wir heute sehen, hat die Moderne jedoch die Gier – nach Dingen, Geld und Macht – zum Leitbild gemacht: Konkurrenz, Wachstum, Gewinnstreben und Privateigentum sind der Treibstoff für den „Motor der Unersättlichkeit“. Wenn wir auch die kommenden Krisen auf eine menschliche Art und Weise überstehen wollen – oder vielleicht sogar noch verhindern können –, dann müssen wir vor allem erkennen, dass die Wirtschaft allen Menschen dienen muss und nicht zu Ungerechtigkeit, millionenfachen Existenzängsten und künstlichen Versorgungsengpässen führen darf! Ein System, dass nicht auf menschlichen Werten beruht, sondern das in einem unmenschlichen Tempo zu Gunsten einiger weniger Gewinner ein Heer von Verlierern hinterlässt (zu denen wir alle sehr schnell gehören könnten, wie wir jetzt sehen), darf nicht normal sein! Wir müssen ernsthaft darüber nachdenken und bereit sein, völlig neue Wege einzuschlagen. Das bedingungslose Grundeinkommen für jeden Bürger wäre ein kleiner Anfang. Eine Gemeinwohlökonomie aus sich gegenseitig helfenden Unternehmen, die nur das Wohl aller Menschen und der Umwelt antreibt, wäre das höchste Ziel …
    „Wir müssen die Änderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.“ Auch dieser Aufruf wird Gandhi zugeschrieben. Es ist Zeit, die Zukunft neu zu denken. Jetzt!

  26. Sobhy Shoeeb sagt:

    Wir erleben angesichts der Corona-Krise eine weltweit seltene Situation. Die Furcht um das menschliche Leben als solche ist größer denn je. Wir dürfen dabei nicht egoistisch sein und uns nicht damit begnügen, zu versuchen, diese Gefahr mit lediglich nationalen Mitteln einzuschränken. Das heißt, dass die Politiker überall mit dem gesamten Menschenleben behutsam und bedächtig umgehen müssen und sich nicht nur Sorgen um das Leben ihrer wahlberechtigten Bürger machen dürfen. Die Verantwortlichen auf der ganzen Welt sollen sich endlich mit dem Leben der Menschen auf eine globale Ebene befassen. Jedes Leben soll uns wichtig ist, egal, ob dieses Leben in Deutschland, den USA, Russland, Italien oder Ägypten ist. Der Mensch muss sich aufs Neue entdecken und feststellen, dass er für das ganze Leben auf der ganzen Erde verantwortlich ist. Die Menschen gehören alle einem einzigen Menschenstamm. Wir sind nicht Tiere. Unsere Sicht der Dinge unterscheidet sich gänzlich von der eines Barbaren. Wir müssen aufhören, die Gerechtigkeit privilegiert nach Nationalität zu verteilen. Wir müssen mit der Humanität als Ganzem und Unteilbarem umgehen. Die Würde der Menschen in Afrika ist demnach nicht weniger wichtig als die in Europa. Dementsprechend muss unser Einsatz sein. Auf der Suche nach einem Ausweg aus der Corona-Pandemie dürfen wir nichts unversucht lassen. Dabei dürfen wir auch nicht die hypothetische Annahme außer Acht lassen, dass es tatsächlich Gott gibt, der unzufrieden mit dem Treiben der Menschen der 21. Jahrhundert ist. Gäbe es Gott, würde er die Menschen irgendwann und irgendwie pauschal bestrafen, wenn sie eine rote Linie überschreiten und wenn die Ungerechtigkeit auf der Welt für das Menschengeschlecht bedrohlich wird. Von diesem Vorwort ausgehend empfehle ich Ihnen folgendes: -Der Einsatz der europäischen Politiker gegen die Pandemie darf sich nicht auf die Lieferung der Schutzmasken, Beatmungsgeräte und intensivmedizinische Behandlung beschränken. -Die Politiker müssen alles Mögliche tun, um die menschlichen Werte global walten zu lassen. -Sie müssen alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, damit die Kriege gestoppt werden. -Alle politischen Gefangenen müssen frei gelassen werden. Als Ägypter weise ich auf die katastrophale Lage in den ägyptischen Gefängnissen hin. Zehntausende politische Inhaftierte dürfen seit Monaten keine Besuche bekommen. Niemand weiß genau von ihrem gesundheitlichen Zustand. Die medizinische Pflege seitens der ägyptischen Behörden ist auch zu bezweifeln. -Die Regierungen der EU-Länder und die EU-Kommission müssen sich endlich erheben und das ägyptische Regime von dem Machthaber, Al-Sisi, auffordern, alle politischen Gegner freizulassen und gegebenenfalls unter Hausquarantäne zu stellen. Es gibt noch Milliarden von Menschen, die von der Existenz Gottes ausgehen. Gott lässt das Unrecht nicht unbestraft. Die Menschen sollen das wiedergutmachen, was sie jemals verdorben haben, damit Gott Seine Strafe gegen die Menschen wieder aufhebt. -Wenn der Mensch trotzdem darauf besteht, dass er, er alleine, die Macht über das Universum hat, so soll er beweisen, dass er dieser Macht würdig ist. Er soll versuchen, alles Unrecht wieder recht zu machen. Es obliegt diesem angeblich allmächtigen Menschen, die Folgen des militärischen Putsches in Ägypten aufzuheben. In Ägypten kauern zehntausende Inhaftierte seit sieben Jahren, die keinen Job haben, als Gott, den Allmächtigen, anzubeten und Ihn zu bitten, die Unrechttuenden, die jemals dem Massaker tatenlos zuschauten, das das ägyptische Regime nach dem Staatsstreich im August 2013 gegen die islamische Opposition beging, zu bestrafen. Damals starben nach manchen Schätzungen mindestens 3000 Menschen. Der demokratisch gewählte Präsident, Muhammad Mursi, starb letztes Jahr ebenfalls unter mysteriösen Bedingungen, nachdem er während seines vermeintlichen Prozesses in einen gläsernen Kasten gestellt wurde und nicht frei mit seinen Verteidigern oder den Richtern sprechen durfte. Sein jüngster Sohn starb kurze Zeit nach ihm. Sein ältester Sohn ist inhaftiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass es doch Gott gibt und dass Er doch nicht passiv auf uns herab zusieht, beträgt nicht weniger als 50%. Deshalb müssen die Regenten der Welt aufwachen und sich mit Gott versöhnen, indem sie den Despoten der Welt den Boden entziehen. Für jedes arglose Geschöpf auf der Welt; für jedes unschuldige Kind und machtlosen Senioren; für unser Menschensein: Lasst die politischen Häftlinge in Ägypten, Saudi-Arabien, der Türkei und Syrien frei.

  27. Joachim Bohndorf sagt:

    Er ist zu schön, um wahr zu werden, der Traum vom neuen solidarischen Teilen, einer Ökonomie befreit vom Ellenbogen-Konkurrenzkampf und fokussiert auf das Gemeinwohl statt auf die private Bereicherung. Auch der größte Optimist glaubt nicht wirklich ernsthaft an eine dauerhafte Läuterung als Lehre aus der aktuellen Gesundheitskatastrophe. Im Gegenteil, nach dem Ende der großen kapitalistischen Durstphase wird eine gigantische Aufholjagd einsetzen. Polit-Lautsprecher von der Profit-Front wie FDP-Lindner und CDU-Linnemann scharren schon jetzt ungeduldig mit den Hufen. Und der eiserne Garant der herrschenden marktliberalen Machtverhältnisse, die Dauerregierungspartei CDU/CSU, erfährt in den jüngsten Meinungsumfragen einen neuen Höhenflug. Ein CDU-Kanzler Merz wendet die BRD vom Egoismus zum Altruismus und zu allseitiger Empathie. Eine irre Utopie !

  28. hans sagt:

    https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzdhZTk4MjZkLTNmYTgtNDNhNC04Y2RjLWEzZjFlZjVjYjFmYQ/power-to-change-die-energierebellion
    Ein sehr aufschlussreicher Film über die Energiewende. Die letzten Monate gibt es in der ARD und im ZDF immer öfter Sendungen zu dem Thema die sehr gut sind. Das sollte doch dauerhaften Einfluss auf die Berichterstattung haben?
    Dem Bericht der heute über PV in der FR war möchte ich noch den folgenden Link hinzu fügen.
    https://www.ise.fraunhofer.de/de/leitthemen/integrierte-photovoltaik/agrophotovoltaik-apv.html

  29. Joachim Bohndorf sagt:

    Er ist zu schön, um wahr zu werden, der Traum vom neuen solidarischen Teilen, einer Ökonomie befreit vom Ellenbogen-Konkurrenzkampf und fokussiert auf das Gemeinwohl statt auf die private Bereicherung. Auch der größte Optimist glaubt nicht wirklich ernsthaft an eine dauerhafte Läuterung als Lehre aus der aktuellen Gesundheitskatastrophe. Im Gegenteil, nach dem Ende der großen kapitalistischen Durstphase wird eine gigantische Aufholjagd einsetzen. Polit-Lautsprecher von der Profit-Front wie FDP-Lindner und CDU-Linnemann scharren schon jetzt ungeduldig mit den Hufen. Und der eiserne Garant der herrschenden marktliberalen Machtverhältnisse, die Dauerregierungspartei CDU/CSU, erfährt in den jüngsten Meinungsumfragen einen neuen Höhenflug. Ein CDU-Kanzler Merz wendet die BRD vom Egoismus zum Altruismus und zu allseitiger Empathie. Eine irre Utopie !

  30. Dieter Murmann sagt:

    Die Coronakrise stellt alles auf den Kopf. Maßnahmen, die bis vor kurzem undenkbar waren, werden binnen weniger Tage, teils in seltener Einmütigkeit fast aller Parteien, durchgepeitscht (zumindest hört man wenig über Widerspruch). Die Politiker übertreffen sich gegenseitig in immer einschneidernden Anforderungen an die Bevölkerung, wenn auch leider oft nicht abgestimmt und sehr egoistisch auf das eigene Land und die eigene Klientel bezogen. Die Angst davor, dass solche Massnahmen der AfD in die Hände spielen könnten, ist anders, als bei Forderungen nach Verboten beim Klimaschutz, wohl nicht vorhanden. Die AfD ist plötzlich weitgehend aus der Medienlandschaft und der Berichterstattung verschwunden. Plötzlich sind Maßnahmen möglich, die bis dato als Alternative nicht einmal in Betracht gezogen, geschweige denn diskutiert wurden. Frau Merkel, die noch bis vor kurzem die Meinung der Wissenschaft zur anstehenden Klimakatastrophe weitgehend ignoriert hat, sagt plötzlich, dass man den Wissenschaftlern vertrauen müsse. Die Virologen sagen, was zu tun ist, und die Politik setzt es um. Die „alten“ politischen Entscheidungen wurden oft als „alternativlos“ propagiert, und stehen den aktuellen Entscheidungen nun diametral entgegen. Verbote, die weit über die von Herrn Scheuer als gegen den „gesunden Menschenverstand“ verstossende Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen hinausgehen, werden in Windeseile umgesetzt. Wir können froh sein, dass Friedrich Merz noch keine Gelegenheit hatte, die Rente auf private Absicherung über Aktien umzustellen.
    Wo liegt der Unterschied zwischen der aktuellen Gesundheitskrise und der absehbarenKlimakatastrophe? Ist es wirklich so, dass wir nur genügend Angst vor etwas haben müssen, um schnell und zielführend zu reagieren? Haben wir endlich unseren gemeinsamen Gegner gefunden, der uns zu solidarischem Handeln animiert (die Hamsterkäufer und Spekulanten einmal ausgenommen)? Ist die mit hoher Wahrscheinlichkeit kommende Klimakrise zu weit weg, und die Bedrohung nicht konkret genug? Wie dem auch sei, ich habe die Befürchtung, dass die Klimakrise jetzt noch weiter in den Hintergrund tritt. Es werden sicherlich alle Anstrengungen unternommen, um die Wirtschaft wieder auf den alten, umweltzerstörenden Stand zu bringen (man denke an die Abwrackprämie). Und dabei wäre die Coronakrise ein guter Anlass, um über die ausufernde Marktwirtschaft nachzudenken und endlich mit einer überfälligen Systemtransformation zu beginnen. Dazu bedarf es einer breiten Bewegung in der Bevölkerung, die nun leider, da wir uns wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr versammeln, wohl so schnell nicht zustande kommt. Aber wir können die Zeit nutzen, um über Alternativen nachzudenken.

  31. Stefan Plock sagt:

    Und wieder eine Stimme aus dem Umfeld der Autolobby, die fordert, mit staatlichen Hilfsgeldern den Kauf neuer Fahrzeuge nach Corona zu forcieren.
    Wenn irgendwann die aktuelle Krise ausgestanden sein sollte, werden wir uns vermutlich einem Berg von Kosten gegenübersehen, den niemand zur Gänze wird stemmen können. Dann ausgerechnet Milliarden in die Autoindustrie (oder, wie auf der Folgeseite zu lesen, in die Luftfahrtbranche) zu pumpen, ist nicht nur der völlig falsche Weg, es ist sogar hochgradig unsozial. Selbst wenn einer der großen Autobauer untergehen sollte (was bei deren Milliardengewinnen der letzten Jahre wohl nicht passieren wird), ist die Zahl der dadurch verlorenen Arbeitsplätze garantiert weitaus geringer, als wenn man all die Kleinunternehmer und Kleinbetrieb pleite gehen lässt.
    Zudem ist gerade der Automobilsektor ein großer Antreiber des Klimawandels, auch wenn dieses Thema gerade niemanden interessiert. Selbst wenn man Förderungen nur für Elektrofahrzeuge erhöhen würde, bei deren Ressourcenverbrauch macht das (die Umwelt betreffend) praktisch keinen Unterschied.
    Auf keinen Fall dürfen wir solchen Stimmen nachgeben, die das nach Corona dringend benötigte Geld auf derart sinnlose Art und Weise verbrennen. Wir müssen Prioritäten setzten.

  32. Marlene Thöne sagt:

    Wenn die Corona-Krise vorbei ist, bleibt die Klima-Katastrophe. Denn allein definitionsgemäß impliziert eine Katastrophe eine langfristige Entwicklung, während Krisen vorübergehenden Charakters sind. Der Zeitpunkt, sich mit dem „Nach der Krise“ auseinanderzusetzen, ist jetzt. Olaf Brandt hat in seinem aufweckenden Artikel „Vergesst den Klimaschutz nicht“ das gesamtgesellschaftliche Umdenken als Alternative für das „Weiter so“ erörtert. Jeder und Jede, der und die momentan krisenbedingt Zeit hat, sollte sich jetzt schon mit Aspekten des zukunftsgerechteren Handelns beschäftigen. Konkret am Beispiel des wachsenden Ressourcenverbrauchs und angesichts der Müllberge, die in Deutschland wohl zu einem Fünftel von Krankenhäusern verursacht werden, bedeutet das: Jetzt anfangen, über innovative Mehrfachbenutzung nachzudenken. Dass uns Mutter Erde nicht unendlich Mundschütze bieten kann, sehen wir grade deutlich. Die Lösung darf nicht sein, in Zukunft wie wild Material zu hamstern. Es muss Alternativen geben (die sich auch wirtschaftlich lohnen!), um diesem Verbrauch vorzubeugen. Aufbereitung ist teuer und personalaufwendig, doch es wird sich für die Welt lohnen. Die sonst verheerenden Folgen sind jetzt schon wissenschaftlich vorausgesagt, auch wenn dies gerade, wie auch Brandt schreibt, „aus dem Blick“ gerät. Aber Viren sind abwaschbar. Und das sollte in einem Gesundheitssystem der Zukunft mitgedacht werden.

  33. Edgar Schulz sagt:

    Optimisten, authentische Klima- und Sozialpolitiker*innen, die auf einen längst schon überfälligen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftswissenschaft und -politik hoffen, sollten schon mal gewarnt sein. Es wird ihn nicht geben. Viele Indizien weisen schon jetzt in der Pandemie-Krise daraufhin. Nach der Krise wird Vieles schnell wieder vergessen werden. Weiter so wie bisher ist die Devise!
    Nur ein Beispiel, die zukünftige Luftfahrtwirtschaft. Die Verbraucherinnen und Verbraucher werden auch in Zukunft genauso unmündig behandelt werden, wie sich das schon in der VW-Diesel-Affäre darstellte. Diesmal legt die Regierung noch eine Schippe drauf und verfügt per Gesetz „Zwangskredite“ der Kunden von Fluggesellschaften in Gutschriftform. Die Luftfahrtindustrie verhandelt zeitgleich, allen voran die Lufthansa, über milliardenschwere Staatsbeteiligungen. Die polnische LOT hatte die angeschlagene Condor aufkaufen wollen und Bürgschaften vom Bund gefordert, die abgelehnt wurden. Es darf nicht sein, dass Lufthansa in guten Zeiten seine Gewinne privatisiert und an die Aktionäre ausschüttet, um dann in schlechten Zeiten die Steuerzahler für die Verluste gerade stehen lässt und gleichzeitig Condor fallen gelassen und GermanWings abgewickelt werden. Wer garantiert denn, dass die ausgeschütteten Zwangsgutscheine für die Verbraucher/*innen nach Insolvenz der Fluggesellschaften nicht verfallen? Wen sollen die Condor- und Wingskunden denn dann verklagen? Das sogenannte Corona-Kabinett, die Bundesregierung, die für die Misere verantwortlich zeichnen?
    Und wenn schon staatliche Luftfahrtgesellschaften, dann muss wenigstens im Sinne eines klimafreundlichen Luftverkehrs für alle Politiker*innen eine grundsätzliche Beförderung in Linienflügen gelten. Extra- und Parallelflüge von MdBs und Regierungsmitgliedern sind verboten. Inlandflüge zwischen Bonn und Berlin werden gestrichen und EU-Binnenflüge etwa von Berlin nach Paris in Nachtzüge verlegt. Eine Flugbereitschaft der Bundeswehr für Regierungsmitglieder, die sowieso marode ist, wird dann absolut überflüssig. Schließlich ist der Bund ja Miteigentümer der Fluggesellschaften – auch der von Condor?

  34. Winfried Beck sagt:

    Bei dem Coronavirus handelt es sich um eine Zoonose so wie bei allen bisherigen Pandemien. Von der Pest über die Grippe, Zika, Dengue-Fieber, MERS, SARS, Ebola, HIV und viele viele andere bis zu Corona. Gefährlich wurde es immer dann, wenn das Virus so mutierte, dass es – wie bei Corona – von Mensch zu Mensch übertragen wird. Die Viren waren so lange für den Menschen ungefährlich, wie sie sich auf Tiere beschränkten.
    Und genau hier kommt die moderne Agroindustrie ins Spiel. Die Menschen drangen immer tiefer in die Wildnis vor und kamen dabei mit für sie unbekannten Tieren und deren Viren in Kontakt. Den Tieren blieb nichts anderes übrig, als auszusterben oder Kulturfolger zu werden wie z b. die Flughunde, die sich heute von den riesigen Palmölplantagen ernähren. Als die amerikanischen Ureinwohner in Kontakt mit Masern aus Europa kamen bedeutete das für sie ein Massensterben. Ihr Immunsystem hatte keine Antwort auf diese Erreger, keine Zeit zur Bildung einer Herdenimmunität. Vergleichbares geschieht jetzt mit dem Coronavirus.
    Hinzu kommt die historisch junge Massentierhaltung in den hochindustrialisierten Ländern mit der Züchtung von Lebewesen, z. T. nur lebensfähig unter permanentem Einsatz von Antibiotika.
    Der erste Kontakt des homo sapiens mit tierischen Erregern erfolgte mit dem Sesshaft-Werden und der Domestizierung von Wildtieren vor 10.000 Jahren. Davor gab es keine virusbedingten Erkrankungen beim Menschen.
    Die Menschen selbst also haben die hoch gefährlichen Zoonosen zu verantworteten.
    Corona wird nicht die letzte Pandemie sein. Und wenn wir unsere Lebensweise sind nicht von Grund auf ändern wird es immer wieder einen Wettlauf zwischen der Anpassungsfähigkeit der Viren und der menschlichen Forschung zur Herstellung wirksamer Gegenmittel geben.
    Und es ist nicht die einzige hausgemachte, unsere Spezies bedrohende Katastrophe: Kriege, Fukushima, Tschernobyl, und vor allem die Klimakatastrophe mit alles in den Schatten stellenden Folgen für die Menschheit – weniger für unseren Planeten als Ganzes.

  35. Wilhelm Meyer sagt:

    Einen Schaden, den sie selbst verursacht haben, zuzugeben oder ihn in einer annähernd zutreffenden Höhe zu berechnen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen, falls die nicht, wie im Falle der Atomkraft alle zur Verfügung stehenden Mittel überschreiten würde, machen die Verursacher nur ungern. Sie müssen gezwungen werden. Corona wirkt da wie eine Übersprunghandlung. Der Virus ist so weit Natur, also nicht festmachbares Ergebnis menschlichen Handelns, dass man hier mit Wonne groß tut. Das alte Muster: der Kampf gegen die feindliche Natur. So nötig dieser Kampf in diesem Falle schließlich auch sein mag, er ist in seiner Wirkung wie ein riesiges Ablenkungsmanöver von all dem, was an Haus- an Menschgemachtem, will man Corona nicht dazu rechnen, ansteht.
    Corona hat aber ein Bestechendes. Nicht das all- und immergegenwärtige „Tut was!“ steht hier, von der medizinischen und pflegerischen Betreuung abgesehen, im Vordergrund. Hier heißt es vor allem zunächst einmal „Lasst was!“, auch wenn von Kampf und Krieg die Rede ist.
    Ob das Heil nun aber in der digitalen Welt zu suchen ist, die uns in Zukunft die Welt ersetzen muss, die mehr und mehr einzig als Energiequelle genutzt wird, bleibt die Frage. Wer so weit gegangen ist, dem scheint der Weg zurück immer weiter als der zu dem angestrebten Ziel.
    „Wir haben es versäumt, uns zu bescheiden und menschlich einzurichten“, schrieb Hans Henny Jahnn 1959 vor mehr als 60 Jahren also, fast schon resümehaft, wie es scheint, während seiner Arbeit an „Trümmer des Gewissens“.

  36. Jürgen Eiselt sagt:

    Das Interview beschreibt schonungslos die wissenschaftlichen Fakten und deren katastrophalen Konsequenzen. So wichtig die Konzentration auf Corona auch ist. Ohne schnelle Gegenmaßnahmen in der Klimakrise riskieren alle verantwortlichen Politiker/innen das Ende der menschlichen Zivilisation.
    Das neue Menschenzeitalter „Heißzeit“ bedeutet bei einem Aufenthalt im Freien für hunderte von Millionen Menschen akute Lebensgefahr. Trinkwasser- und Lebensmittelversorgung fallen aus. Ökosystem kippen um und erholen sich nicht mehr. Wie bereits heute bei Corona sichtbar, bricht die globale Wirtschaft komplett zusammen, dann aber dauerhaft.
    Die Kanzlerin kommt auf ihrer eigenen Internetseite zum Schluss: „Die Maßstäbe für unser Handeln, … ergeben sich aus dem, was uns Wissenschaftler und Experten sagen.“ Aufbauend aus den Lehren der Coronakrise flehen wir die Kanzlerin an, Ihren Worten jetzt auch Taten zur Klimarettung folgen zu lassen. Denn zehntausende Arbeitsplätze der dringend benötigten Klimarettungsbranche sind in höchster Gefahr oder werden erst gar nicht geschaffen.
    Lösen Sie Ihr persönliches Versprechen ein, die auch vom Bundesrat beschlossene Aufhebung vom Photovoltaik-Solardeckel endlich als Gesetz in den Bundestag einzubringen. Auch die nicht nachvollziehbaren Doppelbelastungen bei Investitionen in Speichertechniken muss sofort beendet werden.
    Nehmen Sie, Frau Bundeskanzlerin, gem. Artikel 65 Grundgesetz Ihre Richtlinienkompetenz wahr und beenden Sie die Zerstörung der Wind- und Solarbranche.

  37. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Wilhelm Meyer

    Sie sind eine(r) der ganz wenigen, die noch Hans Henny Jahnn ins Gespräch bringen, den Schriftsteller („Fluß ohne Ufer“) und frühen Warner vor der menschlichen Maßlosigkeit.

  38. hans sagt:

    zu @ Jürgen Eiselt
    Grundsätzlich haben sie natürlich recht, aber sie sehen das Klimaproblem zu sehr nur aus deutscher Sicht. Selbst in Europa gibt es mehrere Staaten die deutlich besser unterwegs sind als D.
    https://www.top50-solar.de/newsclick.php?id=321211&link=https%3A%2F%2Foekonews.at%2F%3Fmdoc_id%3D1159871
    Man kann da noch mehr Beispiele anführen. Ich denke das diese Staaten die nächsten Jahre eine gute Entwicklung nehmen. Österreich zahlt ja auch doppelt so hohe Renten als D. Das muss ja irgendwie erwirtschaftet werden.

  39. hans sagt:

    Das in den 2030er Jahren in den USA noch ein Kohlekraftwerk am Netz ist kann man auch in Zweifel ziehen. Die alte Theorie von mir das Trump als erster Grüner Präsident in die Geschichte ein geht lebt noch.
    http://peakoilbarrel.com/eias-electric-power-monthly-march-2020-edition-with-data-for-january-2020

  40. Achim Würker sagt:

    Natürlich überblicke ich nicht die aktuellen Beiträge zu den Lehren aus der Corona-Krise, den Perspektiven sowie den Folgerungen, die wir aus der erzwungenen Beschränkung ziehen können. Angesichts zumindest jener Beiträge, die ich zum Beispiel in der FR lese (hier wiederum z.B. den von Hans-Jürgen Burchardt vom 15.4.) vermisse ich bei der Aufzählung von Möglichkeiten, zukünftig neue Lebensqualitäten zu entfalten, die Wertschätzung unseres Zusammenlebens mit Tieren.
    Ich lebe zur Zeit in einer nahezu vollkommenen Isolation in der Bretagne, einziges Kontaktwesen ist eine Katze, die uns im vergangenen Jahr zugelaufen ist (zuhause in Deutschland haben wir einen Familienhund, einen braunen Labrador). Vor allem für Leser*innen dieser Zeilen, die kein Haustier haben, wird meine Überlegung schwer nachvollziehbar sein.
    Ich will sie aber dennoch – vielleicht sogar deshalb – formulieren: Die Zeit, die uns in der Krise in unalltäglicher Weise zur Verfügung steht, ist nicht nur – wie Burchardt nachvollziehbar erläutert – für eine neue Art zwischenmenschlicher Kontakte und einer Umwertung von Tätigkeiten relevant, sondern kann auch eine neue Wertschätzung von Tieren bewirken. Jeder Kontakt zu einem Tier nämlich eröffnet Erfahrungen von Persönlichkeitsanteilen, die sehr wichtig sind: Da geht es – selbst bei domestizierten Tieren wie den sogenannten Haustieren – um körpersprachliche Kommunikation, Wahrnehmung eines unmittelbar sinnlichen Austauschs, eines Kontakts zum Triebhaften, Formen von Einfühlung und einer Achtung vor dem Natürlichen. Selbstverständlich gibt es auch den funktionellen Umgang, die narzisstische Zentrierung auf die eigenen Bedürfnisse, die Ausbeutung. Wie in menschlichen Beziehungen auch. Und dennoch ist da auch eine Erfahrungsmöglichkeit, ein Erleben von gefühlvollem Kontakt, die ich nicht nur mit dem aktuell wieder häufiger gebrauchten Begriff der Muße oder des mußevollen Lebens verbinden möchte, sondern auch an die Seite der Hochwertbegriffe kultureller Entfaltung wie Bildung und Kreativität stellen möchte.
    Das hat für mich als Wissenschaftler, der sich in akademischen Kreisen bewegt, eine unmittelbare subjektive Evidenz, und ich betone das alles, weil es weitreichende Folgen haben könnte, wenn es ins Repertoire aktueller Perspektivvisionen Eingang fände: Wenn wir neben allen wichtigen Neubewertungen unserer gesellschaftlichen Verhältnisse auch eine neue Wertschätzung unserer Beziehung zu Tieren in Blick nehmen würden, dann würde es vielleicht etwas wahrscheinlicher, dass wir der skandalösen Massentierhaltung und der ökonomisch-funktionalen Nutzung lebender Wesen nach der Krise Einhalt gebieten. Neben ökologischen Argumenten würden ethische Bedenken ausschlaggebend werden, die nicht abstrakt moralisierend daherkommen, sondern von konkreter Erfahrung unterlegt sind.

  41. Britta Beuel sagt:

    Das Interview mit dem Altersforscher Hans-Werner Wahl ermöglicht dankenswerter Weise einen anderen Blick auf das Thema ältere bzw. alte Menschen, als in Corona-Zeiten derzeit üblich. Insbesondere das Schutz-Mantra politischer und medialer Verfechter der drastischen Einschränkung, respektive Aushebelung von Freiheitsrechten als Antwort auf die Pandemie bekommt dadurch Risse. Zu Recht nennt Hans-Werner Wahl die Debatte über eine zeitlich unabsehbare Verlängerung der sozialen Isolation „von Alten und Schwachen“ paternalistisch, schrecklich und unwürdig. Diese Einstellung ist aber leider weit verbreitet und Grundlage auch für andere, neoliberal geprägte Debatten in den vergangenen Jahren zum Nutzwert von Alten . Erinnert sei hierzu z.B. an den Einwand eines Jens Spahn gegen künstliche Hüftgelenke für alte Menschen.
    Über welche Menschen sprechen wir hier eigentlich? Auf wen wollen wir auf Monate als Teil der Gesellschaft verzichten, mit welchen Folgen? Wir sprechen über Millionen Menschen, die auch nach ihrem Arbeitsleben für lange Zeit ein selbstbestimmtes, aktives Leben führen können. Nur ein Bruchteil muss in Heimen leben. Wir sprechen über Millionen Ehrenamtliche (nicht nur bei den Tafeln), über Millionen gesellschaftlich und politisch Aktive. Gerade die jetzt über 70 Jährigen verfügen über jahrzehntelange Erfahrung mit der Organisation und Durchführung von Gesellschaft verändernden Prozessen. Ich meine damit die sogenannten 68er.
    Anders als in den meisten Medien unterstellt, führten und führen viele „Ehemalige“ ihr gesellschaftkritisches Engagement weiter. Statt der manchmal mit Häme vorgestellten, ehemals Steine werfenden, schon lange angerpassten Karrieristen oder barbusigen Schönheiten (die es natürlich gibt), geht es um all diejenigen, die es nie aufgegeben haben, sich einzumischen, anzuecken, unbequem zu sein. Ein Blick in die Bürgerrechtsinitiativen und zivilgesellschaftlichen Organisationen genügt, um fest zu stellen, dass sie einen großen Teil ihrer aktiven Mitglieder ausmachen: von der Friedensbewegung über Attac, antifaschistische Organisationen, zuletzt die OMAS GEGEN RECHTS, bis zu Flüchtlings- und Erwerbsloseninitiativen. Diese Aufzählung ließe sich natürlich noch um Vieles ergänzen.

  42. Eckart Roloff sagt:

    Die Interviews sowohl mit Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz wie auch mit dem Alternsforscher Hans-Werner Wahl handeln davon, wie bedrohlich zu Corona-Zeiten die Lage in sehr vielen Pflegeheimen ist und welche Mängel dort festzustellen sind.
    Ein Aspekt kommt dort leider nicht zur Sprache; aus meiner Sicht ist er äußerst wichtig, wird aber seit Jahrzehnten vernachlässigt. Ich meine die Tatsache, dass es nur in einem sehr kleinen Teil der Heime (und auch nicht in teuren) trotz ihrer vielen Kranken einen Arzt gibt. Weder einen angestellten Heimarzt noch einen, der in anderer Weise für ein Heim zuständig ist und es gut kennt. Es muss doch alarmieren, dass in Deutschland sehr viele Heimbewohner offenbar infiziert sind und schon Hunderte an den Folgen gestorben sind.
    Ich will nicht behaupten, dass Heimärzte all diese ernsten Vorfälle hätten verhindern können. Sehr wahrscheinlich ist es jedoch, dass sie in puncto Aufklärung für alle, Hygiene, Früherkennung, Mundschutz, genaue Beobachtung, veränderte Kontakte, Abstandsregeln und so weiter gute Ratgeber und Warner hätten sein können. Mit Pflege allein zumal durch überlastetes Personal ist es nicht getan.
    Unverständlich ist auch, dass sich die Heime etwa aus Kostengründen energisch gegen solche Ärzte wehren. Sie behaupten unter anderem, damit werde die freie Arztwahl eingeschränkt. Doch die gibt es in Krankenhäusern, in der Reha, bei Notfalleinsätzen, in Gesundheitsämtern und auf Passagierschiffen (dort ist ein Arzt von 75 Reisenden an vorgeschrieben!) auch nicht. Außerdem soll natürlich niemand gezwungen werden, sich von einem Heimarzt behandeln zu lassen.
    Wenn aus Corona etwas gelernt werden soll – da gibt es jetzt doch so viele gute Vorsätze -, dann bitte auch in dieser Frage.

  43. Christa Kreß sagt:

    Vor Corona las man viel von „Vergreisung, Überalterung „etc. des „Wirtschaftsstandorts “ Deutschland . Nun, diesem Trend hat Corona ein Ende bereitet. Die einen sterben, die anderen schnappen in der Dauerisolierung“ über und sterben daran früher oder später auch (Satire.
    Jetzt sind wir also die Alten los, aber die Jungen fehlen immer noch. Da könnte Deutschland doch alle unbegleiteten Flüchtlingskinder aufnehmen (ernst gemeint) und das Gleichgewicht wäre wieder hergestellt. Die paar tausend Flüchtlingskinder könnte der
    „Wohlfahrtsstaat“doch wohl verkraften!!! Man hätte etwas Gutes getan und das Gleichgewicht wäre wieder hergestellt! Schön wär“s!

  44. Gisela Behr sagt:

    Endlich wird auch über die Folgen der pauschalen Krisen-Verordnungen für die eher abgehängte Gruppe der „Alten“ ausführlich in der FR berichtet. Hans-Werner Wahl kann ich nur voll und ganz zustimmen – und das aus eigener Erfahrung: Meine Mutter (in drei Monaten wird sie 100 Jahre alt) lebt in einem Altenheim, z.Zt. mehr oder weniger eingesperrt in ihrem Zimmer. Nicht einmal den zum Haus gehörenden weitläufigen Garten darf sie betreten, obwohl dieser erfahrungsgemäß auch zu „Normalzeiten“ nur von sehr wenigen Bewohnern des Hauses aufgesucht wird. Besuch ist natürlich ebenfalls verboten. Auch bei meiner Mutter bemerke ich bei unseren täglichen Telefongesprächen (zwei-, dreimal pro Tag), dass sie zunehmend verwirrter wird, ihre beginnende Demenz sich verschlechtert. Telefongespräche sind eben kein Ersatz für persönliche Nähe. In diesem Alter kann der leichteste Schnupfen, ein Herzversagen, ein unglücklicher Sturz etc. in jedem Augenblick zum Tod führen. Nun kommt auch noch Vereinsamung hinzu. Hat eigentlich schon einmal jemand darüber nachgedacht, dass es in diesem Alter um die Qualität des Lebens eines jeden noch gelebten Tages geht und nicht um die bloße Existenz eines Körpers? Differenzierung statt Pauschalisierung wünsche ich mir von allen, die verantwortlich sind für Regelwerke, Verordnungen etc., sowie mehr Empathie und Einfühlungsvermögen für alte Menschen, Heimbewohner, deren wochenlange Isolierung zum Tod führen kann – Tod wegen aber nicht an Covid-19.
    Natürlich soll nun nicht dem Leichtsinn Tür und Tor geöffnet werden. Aber Besuche der engsten Familienangehörigen, ein kleiner Spaziergang durch den Garten sollten unter bestimmten Sicherheitsvorkehrungen möglich sein. Die Voraussetzungen für die Aufhebung des totalen Kontaktverbots müssen dringend und umgehend geschaffen werden.

  45. Gerd-Ulrich Franz sagt:

    „Schulen, die nach Corona besser sind als vorher, sind ein erstrebenswertes Ziel“ – damit unterstreicht Tobias Peters die Chance, bei der anstehenden Öffnung der Schulen neue Wege zu gehen und dabei die alten Mängel unseres Bildungssystems gleich mit zu bearbeiten. Die Ergebnisse des erzwungenen „Homeschooling“ dürften individuell höchst unterschiedlich ausfallen – eben so verschieden wie die Bedingungen für die Schüler*innen, die technischen wie die der persönlichen Unterstützung, zu Hause. Er benennt -die hygienisch begründeten- Kleingruppen und Schichtbetrieb zum Wieder-Einstieg als Chance, stärkere individuelle Betreuung zu erproben. Damit käme die reale Verschiedenheit der Lebensbedingungen in den Blick, ein erster Schritt, um deren Auswirkungen für den schulischen Erfolg wahrzunehmen und mit schulischen Mitteln zu bearbeiten. Dabei bietet sich die Gelegenheit, dies mit den Schüler*innen gemeinsam zu reflektieren und aufzuarbeiten. Sie sind die Subjekte ihres Lernprozesses, sie müssen verstehen und einordnen können, was für sie jeweils förderliche, was hinderliche Bedingungen waren und sind. So gemeinsam allen die Erfahrung dieser Corona-Auszeit, so verschieden die familiären und persönlichen Antworten – eine Vielfalt, die wahrgenommen und genutzt werden sollte. Auch Kinder in der Grundschule, allemal aber in der Sekundarstufe, haben ein Gespür dafür, welche Hilfen und besondere Unterstützung wer ‚verdient‘, um nicht ungerecht benachteiligt zu werden. Solch ein Umgang mit Verschiedenheit begründet ein wertschätzendes Miteinander und stärkt die ehrliche Solidarität der Kinder, die sonst hinter Vergleich und Bewertung der schulischen Leistung verkümmert. Eine solche Erfahrung prägt nachhaltig, immunisiert vielleicht, bremst zumindest das grassierende Virus abwertender Einordnung in unseren Schulen.

  46. Leo Paulheim sagt:

    Corona hat uns fest im Griff – und wir laufen Gefahr, uns in Diskussionen über das Für und Wider der Maskenpflicht zu verzetteln und dabei das Menschheitsproblem Klimawandel völlig aus den Augen zu verlieren. Um uns herum vertrocknen Wälder und Böden das dritte Jahr in Folge, und wir freuen uns naiv über niedrige Treibstoffpreise. Während die Politik den Aussagen der Virologen blind vertraut, ignoriert sie genau so konsequent die Warnungen der Klimaforscher.

    Bei den Milliardenhilfen zur Rettung der Wirtschaft spielen Gesichtspunkte der Nachhaltigkeit offenbar keine Rolle. Welchen Sinn macht es, Fluggesellschaften mit staatlichen Krediten vor der Insolvenz zu bewahren, wenn auf mittlere Sicht ohnehin ein Überangebot an Flugkapazitäten bestehen wird? Sollen sie etwa mit staatlicher Hilfe weiter steuerbefreites Kerosin für überflüssige Zweit- und Dritturlaube verheizen? Warum finanziert die Kreditanstalt für Wiederaufbau mit Milliardenbeträgen Kreuzfahrtreedereien, die Einwohnerzahlen ganzer Kleinstädte relativ sinnbefreit über die Meere transportieren und dafür hoch giftiges Schweröl durch die Schornsteine ihrer Schiffe jagen, welche im Falle eines Virenausbruchs flugs zu schwimmenden Brutkästen werden? Die Autoindustrie ruft nach einer Neuauflage der Abwrackprämie: Welche Fahrzeugtechnik wollen wir durch Kaufprämien fördern, mit welchen negativen Anreizen könnten wir den Boom der CO2-Schleudern bremsen?

    Die Krise erzeugt Handlungsbedarf, das ist unbestritten. Sie ist aber keine Entschuldigung dafür, fundamentale Sinn- und Zukunftsfragen völlig zu ignorieren.

  47. Christine Schönhaber sagt:

    Delegieren statt Erziehen – Moderne Erziehung im Spiegel der Pandemie
    Eine Krise bringt oft das Beste und das Schlechteste eines Menschen zum Vorschein – und auch das einer Gesellschaft. So hält auch unserer modernen Gesellschaft diese Pandemie den Spiegel vor. Und was wird sichtbar? Vieles, obwohl jeder wohl etwas Anderes im Blickfeld hat. Doch offensichtlich ist, dass unser Wertesystem auf dem Prüfstand steht und unsere Selbstverständlichkeiten – auf vielen Ebenen. So zum Beispiel unsere moderne Definition von Erziehung, die aber wohl eher den Namen „Erziehungsorganisation“ verdient. Wieso schreien gerade so viele Wohlstandseltern auf, wenn sie sich 28 Tage 24h um ihr eigenes Kind oder ihre eigenen Kinder selbst kümmern „müssen“? „Am Ende der Kräfte“ seien sie. Hätte man dies den Generationen vor uns gesagt, ich denke, das Wenigste wäre ein ungläubiges Kopfschütteln gewesen. Doch heutzutage: 4 Wochen lang keine Kita, kein Reitunterricht, kein Turnen, kein Ballett, kein Fußball, keine Musikschule, kein Schwimmen. Den ganzen Tag das eigene Kind oder die eigenen Kinder um sich? Das ist gerade den SUV-Eltern nicht zuzumuten. Außer vielleicht beim familiären Abendessen ist das Kinderleben mittels Institutionen durchorganisiert. Erziehungs- und Bildungsverantwortung haben gerade die gutsituierten Eltern so an diese abgegeben – und dabei die eigene Kompetenz als Eltern verloren? Damit macht man es jedoch den Kindern unmöglich, ihrerseits die Kompetenzen zu entwickeln, die für ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben die Grundlage sind: Sich in Freiräumen alleine zu beschäftigen, dem nach zu gehen, was man spielen, entdecken, ausprobieren möchte, frei von den kontrollierenden Argusaugen Erwachsener – ohne ständiges Hubschrauben um sie. Dann wäre auch Zeit für „Homeoffice“! Denn ist die sogenannte Hausfrauenarbeit der Müttergeneration nicht auch Arbeit gewesen? Warum denken diese Eltern, dass Kinder sie jede Minute brauchen? Wenn dem so ist, dann ist klar, dass man diesen Kindern bereits die ureigensten Fähigkeiten weg-“organisiert“ hat: Sich in Freiräumen ungehindert zu entfalten, auch zu wachsender Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Die Generationen vor uns haben ihre Kindern nicht rund um die Uhr „beschäftigt“ oder „fremd beschäftigen“ lassen. Nochmal: Eigeninitiative, Kreativität, Unabhängigkeit, Mut, Selbst-Bewußtsein und Selbstbestimmung entwickeln sich eigentlich in entsprechenden Freiräumen ganz von selbst. Heute sind dies Qualitäten, die sich Kindertagesstätten in die Konzeption schreiben müssen, was in sich schon absurd ist: Eine Institution muss sich bemühen, künstlich Strukturen und Rahmenbedingungen zu schaffen, die erst aufgrund ihrer ausufernden Nutzung notwendig sind -wenn nämlich die Kinder 8-9 h in ihnen verbringen. Für den Bildungsauftrag würden 4-5 h durchaus reichen. Der Rest ist dem „selbstbestimmten“ Lebensentwurf der Eltern geschuldet, die auf, was auch immer, auch als Eltern nicht verzichten möchten. Doch so müssen ihre Kinder auf etwas Elementares verzichten. Vielleicht ist der Berufstand der ErzieherInnen auch deswegen so völlig frei von gesellschaftlicher Wertschätzung. Sind doch ihre VertreterInnen der ungeliebte Spiegel für den Kompetenzverlust und/oder -verzicht der Eltern. Vielleicht sind deswegen Kindertagesstätten in den Augen dieser Eltern keine partnerschaftlichen und anerkannte Bildungsstätten, sondern bloße Dienstleistungsunternehmen, die ihnen ihren „Way of life“ ermöglichen sollen? Und was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn ein Großteil ihrer Mitglieder die Fähigkeit verloren hat, sich auch ohne Institutionen um ihren eigenen Nachwuchs kümmern zu können? Dann gibt es natürlich noch die Eltern, die aus wirtschaftlichen Gründen lange und viel arbeiten müssen, wie auch die Alleinerziehenden. Genauso die Familien mit erhöhtem Unterstützungsbedarf. Ihre Umstände jedoch sind ebenfalls eine Folge unserer Form von Gesellschaft, wie wir sie geschaffen haben. Am Ende steht der institutionalisierte Erwachsene – systemabhängig und unfrei. Vielleicht ist das der Grund, warum sich so viele Politiker für eine rasche Öffnung der Kitas einsetzen – das System soll erhalten bleiben – trotz Pandemie.

  48. Peter Hartwig sagt:

    Die neue Normalität ist die Alte. Sobald durch einen geringeren Autoverkehr etwas weniger Schadstoffe in der Luft vorhanden sind, sollen die alten Diesel wieder fahren dürfen. Kaufprämien für Autos aller Antriebe werden geplant. Die Kohleförderung in Russland wird hochgefahren, in Tschernobyl brennt der Wald. Starke Lobbyverbände erhalten Geld und Einfluss, für schlecht bezahlte Pflegekräfte wird die Einführung der Grundrente ausgesetzt. Die Autokraten der Welt verbreiten wie in einem Wettbewerb falsche Nachrichten, selbst in der Situation einer globalen Lebensbedrohung.
    Die Unvernunft der Gegenaufklärung hat nur kurz Atem geholt und lebt nun unverändert mit neuer Kraft auf. Nur wenige Tage der vernünftigen Besinnung gab es, in denen es kurzzeitig vorstellbar wurde, das globale System von Grund auf neu zu denken und die Prämissen neu zu definieren. Es gab die Tage in denen für jeden spürbar wurde, dass dem Menschen existentiell nur Natur, Nähe, Nahrung und Sicherheit unverzichtbar sind, eine Vielzahl an Produkten aber durchaus entbehrlich sein können. Durch ein gewisses Maß der Einschränkung und im Erlebnis von Ruhe und klarer Luft wurde eine andere Art der Lebensqualität spürbar. Könnte die globale Wirtschaft nicht vielleicht doch ausschließlich dem Wohlergehen des Menschen dienen, ohne die natürliche Lebensgrundlage zu zerstören?
    Wir sollten die Zeichen richtig lesen. Der Mensch ist Natur. Die Verbreitung des Virus ist die Konsequenz aus der Summe aller menschlicher Eingriffe in natürliche Lebensräume. Noch hat die Menschheit den Spielraum zur politischen Gestaltung. Die nächste Pandemie trifft auf eine hochverschuldete Weltwirtschaft. Das wird keine gute Voraussetzung für besonnenes solidarisches Handeln sein.
    Die Atemmaske sollte jetzt nicht höher rutschen, um nicht den Blick zu verstellen, für die Dinge die getan werden müssen. Das demokratische Gemeinwesen hat sich in der Herausforderung bisher bewährt und überlegen gezeigt. Gemeinsames aufrichtiges verantwortliches Handeln sichern die Vernunft der Entscheidungen. Die bürgerlichen Freiheitsrechte und die Prinzipien des Rechtsstaat müssen also wieder frisch erweckt und im wachen Bewusstsein ihrer Werte verteidigt werden.
    Geld wird gerade in hohem Maße ausgegeben. Es sollte zur Förderung der richtigen Produkte und Systeme genutzt werden. Eine neue Normalität würde denkbar. Das Wohlergehen der Kinder in Schule und Kindergarten, der alleinerziehenden und älteren Menschen, der Frauen und der Familien, der Arbeitskräfte in den sozialen Berufe sollten einen neuen Index bilden, der zum Gradmesser des gesellschaftlichen Zustandes wird. Es sollte nicht so schnell vergessen werden, dass Geld allein nicht hilft und der Reiche mit dem Habenichts in die Gleichheit geworfen wird, sobald die Luft zum Atmen fehlt. Und beide verdanken ihr Leben, der Frau, die sie pflegt.
    Wir sollten uns nicht durch die jetzt so wertvollen digitalen Möglichkeiten täuschen und beirren lassen. Wir schaffen uns damit keine Ersatzwelt. Die Frage wie wir unser Verhältnis zur Natur gestalten, wird aber schlicht zur Überlebensfrage der Gattung Mensch werden. Die Menschheit überlebt nur durch Beschränkung des Naturverbrauchs und durch den klugen und überlegten Verzicht auf machbare Möglichkeiten. Zuerst sterben die Bäume. Zuerst sterben die Tiere.
    Der Bach, die Blume, Wiese, Wald, Sonnenlicht und Schattenbäume: Wir sollten Abstand halten und nur einzeln eintreten. Die Vielfalt der Lebendigkeit existiert ohne uns besser.

  49. Marion Reinhardt sagt:

    Ja, was die Jugend jetzt braucht, weiß offensichtlich auch B. Hafeneger (noch) nicht. Bisher tauchte „Jugend“ im Corona-Themen-Katalog ja auch nicht auf. Mit den vier Fragen, die Hafeneger zum Schluss stellt, wird es dann auch spannend: Wie nutzen und gestalten die Jugendlichen ihre digitalen Welten in der Corona-Krise? Was ist mit Bewegung und Sport? Welche Alternativen suchen sich die Jugendlichen für die öffentlichen Räume, die zurzeit ja geschlossen sind? Was passiert im und mit dem familiären Lebensraum? Jugendliche sind ja oft pfiffig, fantasievoll und clever; sie werden sich auch jetzt ihre Lebenswelten gestalten. So ist wohl davon auszugehen, dass viele Jugendliche heute nicht in den Familien-Wohnungen isoliert von den Altersgenossen vor sich hin leben. So sieht man auch immer mehr von ihnen -entgegen aller Corona-Regeln- in Gruppen in Parks, auf Plätzen, in Bahnhöfen und (mit den Ladenöffnungen) zunehmend in den Einkaufsstraßen. Es ist zu vermuten, dass viel Leben in zahlreichen, nicht-öffentlichen, digitalen und realen Subkulturen stattfindet. Die zu erforschen wäre eine wichtige Aufgabe in der aktuellen Jugend- und Corona-Forschung. Hoffentlich wird das nicht vergessen, so wie man schon die Kinder in der Corona-Forschung „vergessen“ hat.

  50. Rüdiger Metzger-Thessen sagt:

    Richard David Precht macht in dem Gespräch mit Joachim Frank zu Recht klar, dass zur Anerkennung der Pflegekräfte freundliches Klatschen und symbolische Boni, die im Übrigen schon wieder in Frage gestellt werden, nicht das System ändern werden, sondern dies nur über eine bessere Bezahlung zu erreichen sei. Dazu ist zu sagen, dass tarifgebundene Einrichtungen, die z.B. den TVöD anwenden, durchaus ordentliche Gehälter bezahlen, im Unterschied zu den nicht tarifgebundenen privaten Trägern.
    Ich möchte aber auf einen anderen Zusammenhang aufmerksam machen. Schaut man sich beispielsweise eine stationäre Pflegeeinrichtung genauer an, dann kommt man an der Erkenntnis nicht vorbei, dass jede Berufsgruppe in einer solchen Einrichtung systemrelevant ist, ohne die es ein „gutes Gelingen“ im Ganzen nicht möglich wäre. Reinigungsdienst, Küchenbrigade, haustechnischer Dienst, soziale Betreuung oder Heimverwaltung sind neben den Pflegekräften in gleicher Weise gefordert, tragen auf je eigene Art und Weise zum Gelingen bei und sind in der Coronakrise, und nicht nur in dieser Situation, weitgehend von vergleichbaren Belastungen und Risiken betroffen. Die Wertschätzung immer nur auf die Pflegekräfte zu richten greift zu kurz und diskriminiert die Menschen in den Berufsfeldern, ohne deren Leistungen eine gute Pflege überhaupt nicht möglich ist.
    Das Wort Systemrelevanz hat in der letzten Zeit wieder Hochkonjunktur. Nachdenklich macht mich die „plötzliche“ Erkenntnis, dass Ärzte, Pflegekräfte, Kurierfahrer und Kassiererinnen, also immer nur einzelne Berufsgruppen, systemrelevant seien, nicht nur Banken, wie in der Finanzkrise 2008/2009. Sie seien Helden des Alltags, jetzt in Zeiten, in denen man nicht so einfach von Alltag reden kann. Ich möchte die Bedeutung dieser Berufsgruppen überhaupt nicht in Frage stellen. Im Gegenteil! Aber, mir scheint das ist nur Ausdruck einer kurzsichtigen, vom schlechten Gewissen getriebenen Reflex einer Gesellschaft zu sein, für die der individuelle Vorteil und Profit an erster Stelle stehen.
    Für die momentan geäußerte Wertschätzung der stationären Pflege gilt das Gleiche, wenn wir nicht zu einem klaren Systemwechsel kommen, weg von der sklavischen, weil ideologischen Marktgläubigkeit im Gesundheitswesen. Precht sagt richtig: „Wenn man in der Krise sagt, ‚es geht jetzt nicht um das Danach‘, dann ist es für das Danach schon zu spät.“
    Dies gilt in gleicher Weise für alle Beschäftigtengruppen in den einzelnen Teilsystemen sowie der gesamten Gesellschaft. Wertschätzung und damit einhergehend eine existenzsichernde Bezahlung oder gar ein bedingungsloses Grundein- bzw. Grundauskommen müssen deshalb flächendeckend dauerhaft umgesetzt werden.

  51. Reinhold Richter sagt:

    Es ist nicht nachzuvollziehen, warum der Interviewpartner von politischen Kräften enttäuscht ist, die sich jetzt nicht melden, wie eine Gesellschaft nach der Krise aussehen könnte. Wen sollte das zurzeit interessieren? Es geht aktuell um das Thema Leben und Tod, wirtschaftliches Überleben und wie können wir unsre Pflegebedürftigen und unsere Sterbenden menschenwürdig begleiten? In dieser Zeit Visionen für eine andere Gesellschaft in die Öffentlichkeit zu transportieren ist so sinnlos, wie einem Ertrinkenden zu raten, Wasserflächen zu meiden, statt ihm den Rettungsring zuzuwerfen.

  52. Hermann Roth sagt:

    Zweifel, Skepsis und kritische Nachfragen sind in einer Zeit extremer Verunsicherung und unklarer Risiken gesellschaftlich weitgehend unerwünscht. Auch in demokratischen Gesellschaften, die auf konstruktiven Streit, Diskurs und Auseinandersetzung angewiesen sind, ist inzwischen ein Klima von Konformität und extrem eingeschränkter Diskussion entstanden. Von Erich Fried stammt der kluge Satz: „Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst, aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kenne keinen Zweifel.“ Auch wenn viele VirologInnen, EpidemiologInnen und andere ExpertInnen sich häufig widersprechen, auch wenn diese oft zugeben müssen, dass sie viele Fragen auch nicht beantworten können und dass es „so viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, noch nie gab“ (Jürgen Habermas), entsteht ein medial vermitteltes Bild von alternativlosen Maßnahmen und eindeutigen Entscheidungen. Zu diesen anscheinend eindeutigen Entscheidungen gehört die seit Wochen medial beworbene Contact-Tracing-App, die als entscheidende Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie angekündigt wird. Zwischen den Polen der „WissenschaftsleugnerInnen“ und der „Wissenschaftsgläubigen“, braucht es mehr denn je die „WissenschaftskritikerInnen“, die Aussagen mancher WissenschaftlerInnen und JournalistenInnen wie z.B. „eine Corona-App könnte tausende Leben retten“ (sinngemäß bei FAZ online) als Behauptungen und Glaubenssätze entlarven. Ich stimme mit Richard David Precht überein, der diese App einerseits wegen der mehr als fragwürdigen Effizienz ablehnt und andererseits vor der Überschreitung einer sehr wichtigen Grenze warnt. Auch wenn jetzt noch von Freiwilligkeit gesprochen wird, besteht ja bereits eine erstaunliche Akzeptanz selbst im linksliberalen Spektrum. Der medial und politisch erzeugte Druck, sich doch zu beteiligen und sich „solidarisch“ zu zeigen, da mindestens 60% diese App ständig nutzen müssten, zeigt Wirkung und es gibt nur noch selten ernstzunehmende kritische Einwände. Und Jens Spahn träumt schon vom nächsten Schritt, einer App zur Überwachung von Menschen in Quarantäne. Harald Welzer beschreibt in einem Beitrag in FUTURZWEI die „wundersame Konsensverschiebung, die zu einem als legitim empfundenen Tracking von Bewegungen und Kontakten im Alltag führt“. Die notwendige kritische Diskussion über diese gesellschaftliche Konsensverschiebung bleibt aus, auch weil es konstruktive Wissenschaftskritik in Zeiten von Klimawandelleugnern wie z.B. Trump schwer hat, sich überhaupt noch Gehör zu verschaffen.

  53. Jürgen Malyssek sagt:

    Vielen Dank an den Feuilletonisten Christian Thomas! Es gibt genügend Anlass, sich mit den Denkern des Altertums zu beschäftigen, um aus der brennenden Aktualität für Momente heraus zu treten. Sei es Seneca (Kürze des Lebens), Epikur (Philosophie des Glücks), Marc Aurel (Leben nach rechtem Maß) oder eben Aristoteles (Gelingendes Leben). Die alten Denker waren viel grundsätzlicher bei/in der Lebensbetrachtung als unsere ruhelose und mediengeplagte Gesellschaft, die für jeden Sektor nach ihren Spezialisten ruft.
    Wir stoßen auf andere Fährten, wenn wir bei den alten Philosophen auf Spurensuche gehen. Das Bedürfnis nach Philosophie entsteht, wenn die Wirklichkeit zerrissen ist. Das Denken in der Krisenzeit zu bewahren und nicht Panik verbreiten. Schließlich versuchen wir paradoxerweise das zu heilen, was wir selbst angerichtet haben! In beziehungsloser Weise zum Äußeren unterdrücken wir alles das, was wir nicht messen und zählen können. Die Kraft des Sehens und Erlebens geht dabei verloren.
    Christian Thomas schreibt von den Büchern als Gedächtnisspeicher, Orientierung schaffend und Einsichten und Erkenntnisse gebend, so wie den Gedanken vom Unterschied zwischen dem „bloßen Leben“ und einem „guten Leben“. Und weiter: „Aristoteles! Die Welt nach Corona wäre wohl dann einen Millimeter weiter, wenn verbindlicher Konsens würde, dass ein ‚gelingendes Leben‘ in dieser Gesellschaft nicht von unglaublich coolen Bankern oder noch weit cooleren Fußballberatern vorgelebt würde, nicht von Immobilienspekulanten und den Vollprofis des Kapitalismus […]“
    Zum Glück zählte für Aristoteles nicht nur Wohlstand und Besitz (…), „sondern als die sensibelste humane Ressource überhaupt: die Gesundheit eines Menschen“. (Thomas)
    Jetzt ist es soweit! Nach weit über 2000 Jahren der Weisheiten der alten Denker müssen wir immer noch über unseren Schatten springen, um eine Vorstellung, wie wir in Zukunft leben wollen, auf einen Begriff zu bringen.