Flughafen: Absturzrisiko über bewohntem Gebiet

Es ist vier Meter lang, einen Meter breit und lag eine Woche lang im Frankfurter Stadtwald: ein Teil einer Flugzeug-Landeklappe eines koreanischen Frachtflugzeugs. Das Teil ging ungefähr am 8. Oktober verloren. Die Airline soll die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) informiert haben, die daraufhin die Suche aufnahm. Erfolglos. Die Öffentlichkeit wurde nicht informiert und wäre wohl auch nie informiert worden, wenn die Landeklappe nicht gefunden worden wäre – und zwar vom stellvertretenden Vorsitzenden der Wählergemeinschaft Flughafenausbaugegner (FAG), Patrick Schuffenhauer, einem Maschinenbau-Ingenieur. Die FAG fordert jetzt eine Schließung der Landebahnen des Frankfurter Flughafens, die nur über dicht besiedeltem Stadtgebiet angeflogen werden können. Nicht auszudenken, was hätte geschehen können, wenn dieses Teil über bewohntem Gebiet heruntergekommen wäre. Immerhin wiegt es 30 bis 50 Kilo. In den folgenden Tagen wurden weitere Bruchstücke gefunden.

Das wirft natürlich viele Fragen auf. Wartungsmängel werden ausgeschlossen – ist da vielleicht ein bestimmter Flugzeugtyp besonders anfällig für diese Probleme? Es heißt, die Frachtmaschine sei sicher gelandet – oder ist der Frankfurter Flughafen dicht an einer Katastrophe vorbeigeschrammt? Würde man es uns sagen, wenn es so wäre?

Ich lebe in Offenbach in der Einflugschneise für die im Jahr 2011 in Betrieb genommene Nordwestlandebahn. Mir persönlich machten die Flugzeuge bisher nicht viel aus, auch wenn ich meine Zweifel habe, ob sie über meinem Haus wirklich noch 1100 Meter hoch sind, wie sie offiziell sein sollen. Wenn ich mir nun aber vorstelle, dass ich von ihnen nicht nur mit Lärm und Feinstaub, sondern möglicherweise auch mit herabfallenden Flugzeugteilen beglückt werde, komme ich an meine Grenzen. Zumal die zuständigen Stellen es hier ganz offensichtlich an Transparenz fehlen lassen.

Der Vorfall macht deutlich, dass es auch im Flugverkehr keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Fliegen mag die sicherste Fortgewegungsart der Welt sein – ein Restrisiko an Gefährdung (nicht nur für Fluggäste und -personal, wie man sieht) existiert trotzdem. Darum sollten Großflughäfen wie der Frankfurter nicht so nah an dicht besiedelten Ballungsräumen angesiedelt sein. Daran etwas zu ändern, dafür ist es in Frankfurt natürlich längst zu spät. Daher muss über die Grundregeln einer Koexistenz zwischen Flughafen und Bürgerinnnen und Bürgern nachgedacht werden, die diesen Namen auch verdient. Bisher drängt sich nämlich der Eindruck auf, dass die Betreiber machen können, was sie wollen. Das gilt zum Beispiel auch für das „Nachtflugverbot“, das die Zahl der Anflüge lediglich einschränkt, nicht aber verbietet.

Friedrich Quandt und Petra Bauer aus Offenbach meinen:

„Tägliche Lärmfolter und krank machende Emissionen sind schon schlimm genug. Jetzt wurde offenbar, dass die Menschen rund um den Frankfurter Flughafen mit einer zusätzlichen real existierenden Bedrohung konfrontiert sind.
Die in den Frankfurter Stadtwald gefallene Landeklappe eines Flugzeuges hätte ohne weiteres mehrere Menschen töten können, wäre sie einige hundert Meter weiter entfernt vom Himmel gefallen. Die Bevölkerung wird auf unverschämte Weise in Unwissenheit gelassen.
Eine weitaus größere und längst bekannte Gefahr wird ebenfalls nicht thematisiert. Nach wie vor werden jetzt im Herbst – auch bei Nacht und Nebel – Zugvögel, die in Richtung Süden fliegen, das Rhein-Main-Gebiet durchziehen und die Flugrouten kreuzen. Technische Möglichkeiten, den Vogelflug per Radar zu erfassen, sind am Frankfurter Flughafen nicht gegeben. Man stelle sich vor, dass ein Pilot die Maschine manuell zum Landen bringen muss, wobei die Handhabung des Landevorgangs durch schlechte Sicht in höchst riskanter Weise durchgeführt werden muss. Man erinnere sich an das Flugzeugunglück in New York, wo 2009 ein Vogelschwarm beide Triebwerke eines Airbus’ lahm legte.
Die wieder aufgelegte dummdreiste Werbekampagne „Ja-zu-FRA“ wird den naturgegebenen Flug der Zugvögel auch nicht umleiten. Die Frankfurter Prominenz mag sich hierfür hergeben, aber die Kraniche tun es nicht.
Ein realistisches Absturzrisiko über bewohntem Gebiet ist gegeben. Sollen wir darauf warten? Sind herumwirbelnde Dachziegel und vom Himmel fallende Landeklappen nicht genug?
Ein weiterer Ausbau des Flughafens unter solchen Bedingungen ist verantwortungslos. Wer ihn fordert und fördert, handelt grob fahrlässig und macht sich schuldig: Gesundheitsschädigender Fluglärm und Emissionen werden laut wissenschaftlich anerkannter Studie in den nächsten Jahren etwa 2000 Todesopfer fordern. Was soll für den Profit einiger weniger denn noch geopfert werden?“

Kurt Müller aus Obertshausen:

„Und wieder hat er zugeschlagen der absolute Zufall. Wenn man den Verantwortlichen, in diesem Fall vom Bundesunfallamt (richtig: Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung, BFU), doch nur glauben könnte!
Waren es nicht auch reine Zufälle, die Dachziegel von den Dächern in Raunheim und Flörsheim wehten, oder die Wirbelschleppen von Flugzeugen? Waren es nicht die unzulänglichen und undurchsichtigen Messergebnisse der „amtlichen“ Fluglärmmessstationen, die dazu geführt haben, dass der Deutsche Fluglärmdienst (DFLD) gegründet worden ist, der ehrenamtlich ein Fluglärmmonitoring aufgebaut hat, an dem sich die für den Lärm Verantwortlichen eine Scheibe abschneiden können.
Wie viel muss noch passieren, bis man sich zuständigerseits um mehr Sicherheit und auch um mehr Transparenz bemühen wird? Der Hinweis von Herrn Freitag, Pressesprecher beim BFU, wonach man dort die Öffentlichkeit nicht informiert habe, weil man nicht zuständig wäre, wirft doch die Frage auf, warum man sich dann einen Pressesprecher leistet. Zuständig oder nicht, spätestens bei der Landung muss man doch gemerkt haben, dass am Flieger ein Teil fehlt. Wenn das nicht vom Kapitän bemerkt wurde, dann doch wenigstens von der den Flugbetrieb abfertigenden Fraport. Alle haben geschwiegen, damit um Gottes Willen ja nichts an die Öffentlichkeit dringt.
Für die Bürgerinitiativen ergibt das eine völlig neue Aufgabe. Neben Lärmmonitoring, wie gesagt durch den Deutschen Fluglärmdienst, muss eine kontinuierliche Beobachtung des an- und abfliegenden Verkehrs am Frankfurter Flughafen erfolgen. Nur so kann künftige Vertuschung unterbunden werden.“

Jürgen Hoffart aus Mainz, Vorsitzender der Bezirksärztekammer Rheinhessen, meint:

„Der Arbeitskreis „Ärzte gegen Fluglärm“ hat mit Erstaunen und mit Verärgerung die Neuauflage der PR-Kampagne „Ja zu FRA“ zur Kenntnis nehmen müssen. Die Ärzte werten die Kampagne als Zumutung. Wichtige Fakten zum Thema Fluglärm werden komplett weggelassen. Es gibt nur Hurra-Aspekte, nichts zu Krankheitsfolgen. Die Kampagne stellt ein Zerrbild dar, das mit der Realität des Flughafens, der durch seinen Lärm die Menschen im Großraum krank macht, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat.
Besonders unschön ist die Auslassung von Frank Gotthardt, Head of Public Affairs bei Merck. Dieser freut sich über 35 Millionen Geschäftsreisende pro Jahr, und dass die Welt nur 20 Minuten entfernt ist – wegen des Flughafens. Die 35 Millionen Reisenden haben dabei so gut wie nichts mit Merck zu tun. Und die Welt ist für viele von Fluglärm Betroffene kleiner geworden, weil sie ihre Häuser eigentlich nicht mehr verlassen können.
Aber das ist dem Head of Public Affairs anscheinend nicht bewusst oder sogar vielleicht egal. Er streift mit dem, was er sagt, das größte Problem, nämlich die Lage des Flughafens in der Stadt, mitten im Leben der Menschen. Er benennt es aber nicht. Er redet nicht über Negatives, nicht über Lärmkrankheiten. Seine Firma verkauft aber auch Medikamente, die bei Krankheiten genommen werden müssen, die  durch Fluglärm entstehen. Das vergisst er zu sagen. Er arbeitet für jemanden, der auch an Fluglärmkrankheiten verdient. Sein Kampagnenstatement sagt: „Ich finde den Flughafen gut.“
Was er nicht sagt: „Doch der macht die Menschen krank.“ Der Arbeitskreis „Ärzte gegen Fluglärm“ findet eine solche Haltung weder integer noch moralisch vertretbar. Die Probleme der durch Fluglärm ausgelösten Krankheiten und die erheblichen Kosten, die dadurch dem Gesundheitssystem aufgehalst werden, scheint diese Firma nicht wahrgenommen zu haben, genauso wenig wie Probleme der von Fluglärm Betroffenen. Die Krankheiten sind das Geschäft dieser Firma Merck und ihr Profit. Der Ärztetagsbeschluss 2014 ist ihr anscheinend unbekannt.
In einer simplen Kampagne einseitig nur angebliche Vorteiles eines Flughafens darzustellen, reicht nicht. Es ist falsch. Im Gegensatz zu „Ja zu FRA“ wird jeder Kühlschrank in der Werbung objektiv dargestellt. Kampagnen im Jahr 2014 müssen authentisch sein. Sie dürfen nicht lügen. In „Ja zu FRA“ findet sich kein einziges Wort über die negativen Auswirkungen des Flugverkehrs auf das tägliche Leben der Menschen. Der vom Flughafen ausgehende Lärm betrifft aber zu viele Menschen, zu lange, jeden Tag.
Frankfurt ist mehr als der Flughafen. Frankfurt sind die Menschen, die dort leben. Frankfurt ist die Stadt. Städte sind für Menschen. Menschen sind wichtiger als Flughäfen.
Genau so ist es an allen anderen Flughafenstandorten in Deutschland. Die Menschen dürfen nicht den Interessen eines Wirtschaftszweiges geopfert und krankgemacht werden. Ein Geschäftsmodell, für das „Krankmachen“ Teil des Profits ist, ist falsch. Gerade die Firmen,die an den Krankheitsfolgen des Flughafens sogar noch verdienen, haben eine besondere moralische Verantwortung. Diese zu verletzen, weist ein ganz schlechtes Licht. In dieses schlechte Licht hat sich Merck gestellt, und Fraport führt den Scheinwerfer.“

Auch Hans Schinke, ebenfalls Offenbach, hat sich zu Wort gemeldet:

„Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da Fraportchef Schulte verkündet, der Bau des Terminals 3 sei alternativlos und Fraport als flankierende Maßnahme ihre „Ja zu FRA-Kampagne“ startet, kommt es für den Flughafenbetreiber knüppeldick. In Raunheim und Flörsheim fegen im September Wirbelschleppen Ziegel vom Dach. Fraport macht das Unwahrscheinliche möglich. Schon damals hätte es Tote geben können. Dann entpuppt sich der Flughafen nicht als Tor zur Welt, sondern als allzu leichtes Einfallstor für gefährliche Viren. Ganz nebenbei erfahren wir, dass die Jobzahlen am Flughafen nicht von der Stelle kommen und weiterhin bei 78 000 stagnieren. Nicht zuletzt mussten in der Pressekonferenz der Fraport am 17. September die für 2020 erwarteten Flugbewegungen nach den eigenen Gutachten von 701 000 auf 530 000 zurückgenommen werden. Und jetzt segeln auch noch Landeklappen vom Himmel, die in unserem dicht besiedelten Raum ganz leicht tödliche Folgen hätten haben können nach dem alten Lehrspruch „Was passieren kann, passiert auch“.
Wann endlich begreifen die Verantwortlichen bei Fraport und ihre willfährigen Steigbügelhalter bei CDU und FDP, dass der Flughafenausbau eine krasse Fehlentscheidung war, weil er maßlos ist, weil er die Region ruiniert und weil er die Gesundheit der Menschen dauerhaft schädigt? Eine alternative Fraportkampagne „Ja, wir haben verstanden“ würde erst dann glaubwürdig, wenn die raumunverträglichen Ausbaupläne endgültig ad acta gelegt werden.“

2 Kommentare

  1. Henning Flessner sagt:

    „Darum sollten Großflughäfen wie der Frankfurter nicht so nah an dicht besiedelten Ballungsräumen angesiedelt sein.“
    Um zu entscheiden, ob dies sinnvoll wäre, müsste man die Eintrittswahrscheinlichkeit von Schäden für die beiden Scenarios vergleichen.
    Die Wahrscheinlichkeit von Schäden durch herabfallende Flugzeugteile scheint gering zu sein.
    Würde man Flughäfen z. B. 50 km von Grossstädten ansiedeln, käme man sicher nicht darum herum, eine Autobahn zum Flughafen zu bauen. Über tödliche Unfälle auf Autobahnen wird häufiger berichtet als über tödliche Unfälle durch herabfallende Autoteile. Auch wenn bei Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen der Anschein oft trügt, würde ich dazu tendieren, den Vorschlag für kontraproduktiv zu erachten.

  2. Karl Müller sagt:

    Hallo Herr Flessner,

    wieder mal ist der Kritikansatz das Resultat mangelhafter Risikokomptenz in den Leserbriefen, worauf Sie ja auch zu Recht verweisen.

    Der Feinstaub ist auch ganz ohne Flugbetrieb da, es bräuchte wohl nicht mal Personenverkehr im „Fankfurter Loch“, was hier durchaus geomorphologisch zu verstehen ist!

    KM