Ultras, streikt doch einfach!

Was wäre der Bundesligafußball ohne die Ultras? Wahrscheinlich sehr viel schöner! Diese Menschen, meist Männer, versuchen zu diktieren, was Fankultur ihrer Meinung nach zu sein hat. Wohin das führen kann, zeigte sich verschiedentlich in Form von Ultra-Hetze gegen Dietmar Hopp, dem ehemaligen SAP-Manager und Gründer der TSG Hoffenheim, einem Philanthropen, der erkleckliche Teile seines Vermögens dafür einsetzt, Gutes zu tun. Die Ausraster dieser „Fans“ führten kürzlich beim Spiel von Hoffenheim gegen Bayern München dazu, dass sich die Spieler in der Schlussphase der Begegnung die Kugel über die Mannschaftsgrenzen hinweg zukickten, also den Wettbewerb einstellten. Dabei ist niemandem zusätzlicher Schaden entstanden. Das Spiel stand 0:6 für Bayern, die Sache war klar.

HoppDie Verrohung der Gesellschaft ist ein wichtiges Thema unserer Zeit. Hier haben wir es mit einer seiner Ausprägungen zu tun. Man mag ja durchaus Kritik an der Person Hopp haben – um hier beim aktuellen Fall zu bleiben. Mir fällt zwar auf Anhieb nichts ein, aber wenn man die Kommerzialisierung des Fußballs kritisieren will, ist Hopp einer von vielen, die dafür stehen. Es ist erlaubt, diese Kritik zu äußern. Natürlich so, dass die Menschenwürde des Kritisierten respektiert wird. Aber was bringt Menschen dazu, ein Gewehr auf einen anderen Menschen zu richten? Oder welche andere Bedeutung soll das rechts gezeigte Plakat haben? Es ist eine unmissverständliche Aufforderung zur Gewalt: Erschießt ihn!

Derartiges sollte in deutschen Stadien keinen Platz bekommen. „Die Bundesliga wandelt derzeit auf einem sehr schmalen Grat“, schreibt FR-Redakteur Thomas Kilchenstein in seinem Kommentar „Scheinheilige Solidarität„. Was hat die Fanszene eigentlich gegen Dietmar Hopp? Gibt es irgendwelche plausiblen Gründe für diese Hetze? Hopp, der Wohltäter und die Hassfigur – eine Facette unserer irrlichternden Gegenwart, in der sich manche Menschen offenbar wohler damit fühlen, mit klar definierten Feindbildern durch die Welt zu rennen, als ihr Heil in Solidarität und Gemeinschaft zu suchen.

Ultras, streikt doch einfach!

Liebe Ultras, ihr regt euch auf. Über die Kommerzialisierung des Fußballs. Zu Recht. Wenn ihr etwas ändern wollt, dann aber richtig. Ihr überseht, Fußball ist ein Geschäft, und der BVB ist eine Aktiengesellschaft. Ihr seid gegen Kommerzialisierung aber unterstützt eine AG, deren Geschäftsziel es ist, Gewinne zu erwirtschaften. Die Millionäre stehen jeweils als „Ich AG“ auf dem Platz.
Ihr überseht, woher das Geld kommt: von euch. Ihr zahlt die Eintrittskarten, die Fernsehabos, kauft Devotionalien von Fußballfirmen, guckt die Werbung. Tut doch mal richtig etwas, dann erreicht ihr auch etwas. Hört auf mit der Hetze, statt dessen streikt einfach: kündigt eure Fernseh-/Streamingabos, setzt dasselbe in eurer Kneipe durch, kauft keine Trikots mehr und geht nicht mehr ins Stadion, dort werdet ihr doch nur noch als Staffage fürs Fernsehen verwendet. Den Spielbericht lest in der Zeitung. Wenn ihr das eine Saison macht, dann ändert ihr etwas. Und zwar ganz schnell!

Matthias Steng, Paderborn

fr-debatteEs sieht so aus, als wisse der DFB nicht weiter

Der Fußball als Volkssport und Massenereignis spiegelt immer deutlicher das gesellschaftliche Klima in Deutschland wider. Was hinter diesem Hass steckt, ist auch nicht rätselhaft. Der Riss, der durch die Gesellschaft geht, offenbart sich lange schon in den Fußballarenen, auf den Rängen bis hin auf den Rasen. Es ist schwer, gute und schlechte Fans zu differenzieren. Das aktuelle Bild beim großen Fußball, einschließlich der rassistischen Entgleisungen gegenüber dunkelhäutigen Spielern oder dieser unsägliche Einsatz von Pyrotechnik, sie verstören. Spruchbänder und Gesänge werden auch nicht einfallsreicher.
Nun die Aktionen gegen Dietmar Hopp, den Mäzen des TSG Hoffenheim. Man muss die Entwicklungen im Profifußball nicht mögen, weder Hoffenheim, noch Leipzig, aber auch nicht den Dauerersten Bayern München mit seinem „Mia san mia!“ Aber die Eskalationen und Anfeindungen gegen Hopp und den DFB, die aufgeladenen Hasseskapaden eines Teils der Ultras bzw. der „Hornochsen“ (Max Eberl, Borussia-Mönchengladbach), die menschenfeindlichen Demonstrationen, sind nicht zu akzeptieren. Insofern war das Zeichen, dass im Spiel Hoffenheim gegen Bayern München gesetzt wurde (Solidarisierung von Vorstandchef Rummenigge mit Hopp), erst einmal ein richtiges. Geradezu hilflos wirkte der neue DFB-Präsident Fritz Keller letzten Samstag als Gast beim Interview im ZDF-Sportstudio, mit seiner ständig sich wiederholenden „Drei-Stufen-Lösung“. Es sah ganz danach aus, als wisse der DFB auch nicht weiter. Dieser Auftritt war völlig misslungen.
Aber die Zeichen der radikalen Fans sind auch der Protest gegen die schier unaufhaltsame Kommerzialisierung des Fußballs, die schließlich auch die die alte Fankultur erheblich zerstört hat. Dietmar Hopp ist daher zur Reizfigur geworden. Der DFB und die Verbände, die die Entwicklungen im Fußball entscheidend mit zu verantworten haben, gelten letztlich als Hauptgegner. Hinzu kommt der Wort- und Vertrauensbruch des DFB hinsichtlich der Wiederaufnahme der Kollektivstrafen.
Wenn vom hässlichen Gesicht des Fußballs durch die besagten Ereignisse die Rede ist, so muss man aber auch wissen, dass der Fußball immer noch ein weites Spektrum an Möglichkeiten zu bieten hat, eine Gegenwelt zum Chaos und zur Zerrissenheit der Zustände aufzuzeigen: Fairness, Solidarität, Gemeinschaft, positive Lebensprägungen. Jeder Verein, ob groß oder klein, kann seinen Teil dazu beitragen. Die Chancen sind da. An den gesellschaftlichen Widersprüchen kommen wir jedoch nicht so einfach vorbei, auch nicht mit drakonischen Strafen. Denn die Ursachen der derzeitigen Konfrontation liegen sehr tief.
Der Trainer des SC Freiburg, einer der Fachmänner und Freigeister im deutschen Fußball: „Wir sind auf einem schlimmen Weg. Der Fußball dürfe sich nicht aus der Verantwortung nehmen.““

Jürgen Malyssek, Wiesbaden

fr-debatteDie Art von Schmähung passt in die heutige Zeit

Nach dem Interview mit Fritz Keller im aktuellen Sportstudio ist klar geworden, dass der Kulturkampf im Fußball weitergeht. Dass man die Ausfälle gegen 1899 Hoffenheims Mehrheitsgesellschafter Dieter Hopp klar benennen und verurteilen muss, keine Frage. Leider passen diese Art von Schmähungen in die heutige Zeit. Krtik hätte man auch smarter formulieren oder in dieser plakativen Form ganz lassen können.
Beim Interview im ZDF kein Wort zu den Hintergründen der Prosteste, Herr Keller? Natürlich auch keine Fragen von Müller-Hohenstein dazu. Stattdessen wurde Kommerzkritik und Rechtsradikalismus in den Stadien gleichgesetzt. Die beiden waren, um es positiv auszudrücken, an dem Abend wohl ein bisschen überfordert.
Und dann kamen natürlich noch div. Interviews. Karl-Heinz Rimmenigge meinte, dass er sich von den Ultrablöcken den Fußball nicht kaputt machen lassen würde. Er meinte wohl das Geschäft mit dem Fussball. Dann wurde Christian Streich auf einer Pressekonfernz zu diesem Thema gezeigt. Der Auftritt glich schon einer Realsatire, aber da ist man ja inzwischen völlig schmerzfrei. Im Vordergrund waren Cola-Flaschen-, Mineralwasserflaschenwerbung und sonstige Reklameteile aufgebaut, so dass Streich gerade noch drüber schauen konnte, und hinter ihm prangte eine riesige Reklamewand.
Hopp (SAP) ist im Zusammenhang der Prosteste nur eine Metapher. Er steht stellvertretend für RB Leipzig (Red Bull), Bayer 04 Leverkusen (Bayer AG) oder VfL Wolfsburg (VW). Wer in Zukunft dem Fußball mehr schaden wird, das viele Geld oder die Ultras, bleibt abzuwarten.

Herbert Kunz, Romrod

fr-debatte

3 Kommentare

  1. Isolde Zimmer sagt:

    Die Aktionen der Fangruppen sind einfach nur menschenverachtend. Es muss möglich sein, seinen Protest gegen Zustände, die missfallen, zum Ausdruck zu bringen, ohne die Würde eines Menschen herabzusetzen. Und auch Herr Hopp ist ein Mensch, dem Würde zusteht, egal, welche Meinung man von ihm hat.
    Daneben war die Aktion der Mannschaften für mich nur scheinbar toll. Es wäre gerade für die Fans ein richtig starkes Zeichen gewesen, wenn der FC Bayern München den Spielabbruch verursacht und dadurch das Spiel verloren gegeben hätte. Als Zeichen, dass die Würde eines Menschen über den finanziellen Interessen steht. Dann hätten alle Fans gemerkt, dass solche Aktionen auch dem Verein schaden, den man eigentlich unterstützt. Da wären doch am ehesten gerade die Fans zum Nachdenken gekommen, die das alles still mitmachen, aber nie die Täter benennen.
    Jedem, der im Fanblock steht, muss klar sein, dass nicht nur die, die diese Banner machen und zeigen, strafbare Handlungen begehen, sondern auch jede und jeder, der das nicht verhindert und der die Täter durch sein Schweigen deckt. Beihilfe heißt das im Strafrecht. Ich bin keine Juristin, aber das allgemeine Schweigen erinnert mich einfach nur an die Mafia.
    Darum kann ich im Ausschluss der Dortmunder Fans auch keine reine Kollektivstrafe sehen, denn unter denen, die damit mit bestraft werden, sind eben auch solche Fans, die das nicht verhindern und die Täter nicht benennen. Die Alternative sind rein personalisierte Tickets für die Fans der Auswärtsmannschaft, oder gar Gesichtserkennung und Überwachung wie in China. Soll das die Zukunft sein?
    Die Kommerzialisierung im Fußball wird auch durch Fans vorangetrieben, die von ihrer Mannschaft doch immer nur Siege und Titel, möglichst international, erwarten, der zweite Platz reicht ja nie.
    Es muss jede Seite dazu beitragen, solche Dinge zu verhindern, und Mut und Stärke hat, wer den ersten Schritt macht.

  2. Björn Bergerhausen sagt:

    Wie immer habe ich mit viel Interesse, aber diesmal mit etwas weniger Freude, Ihre Kolumne „Fußball-Fasten“ gelesen. Ihre Entscheidung, sich selbst ein fünfjähriges Stadionverbot zu verordnen, bleibt natürlich Ihnen überlassen und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dies überhaupt nicht nachvollziehen zu können.
    SIe beschreiben da den rassistischen Zwischenrufer beim Heimspiel der Hertha. Nun können solche Leute, selbst wenn sie nicht rassistisch pöbeln, einem die Freude am Besuch eines Spiels nehmen. Das Pöbeln geht ja nicht selten einher mit einer schlechten, gruseligen Leistung auf dem Platz einher, die einem schon genug ärgert und die man auch als Fan nicht einfach mit dem Verlassen des Stadions so einfach abschüttelt. Gerade Hertha hat in den letzten Wochen dazu neben dem Platz eine Vorstellung abgeliefert die selbst den Hamburger Sportverein als seriös geführten Verein erscheinen lässt. Ich finde es aber schwierig einerseits von dem rassistischen Pöbler zu berichten und dann als Grund für das Fasten u.a. „Zu viele Nazis“ zu nennen. Nun wird es bei Hertha und anderen Vereinen mehr als nur diesen einen Pöbler geben und ja in einigen Kurven im Land versucht die braune Brut wieder das Kommando zu übernehmen. Es wäre aber für ein vollständiges Bild doch schön gewesen dem nicht Fußballfan mitzuteilen, dass offenbar die Fanszene bei Hertha BSC, die nun keine linke, antifaschistische Ausprägung und Vergangenheit hat, sich nach den Pöbeleien gegen einen Spieler aus ihren Reihen sehr deutlich geäußert hat.
    Wie überhaupt es nach dem Morden von Hanau beeindruckend zu sehen war, wie deutlich und laut die Fankurven sich gegen Nazis geäußert haben. Der Nichtfußballfan erfährt davon bei Ihnen leider nichts.
    Gerade die , als weiterer Grund für Ihr Fasten genannten, sog. durchgeknallten Fans bzw. Fangruppen, waren und sind es übrigens die die Nazis aus den Kurven vertrieben haben oder immer noch in Konflikt mit diesen stehen. Transparente mit Zielkreuz auf dem Gesicht von Dietmar Hopp, in Gladbach 2 Tage nach den Morden von Hanau, sowie die Beschimpfungen sind objektiv Beleidigungen und auch nicht geeignet die Mehrheit der Zuschauer in den Stadien für den Protest zu gewinnen. Das müssen sich die Initiatoren der Proteste vorhalten lassen. Aber es befremdet schon mit welcher Entschlossenheit, DFB, Vereine und große Teile der Medien sich vor Dietmar Hopp werfen und einen neuen Tiefpunkt beklagen. Mir fällt es schwer zu erkennen was an den Protesten neu oder schlimmer gewesen wäre als früher. Aber selbst wenn man anerkennt, dass die Beschimpfungen untragbar sind, bleibt es doch verwunderlich warum die gleichen Leute die jetzt von Hetze und Hass sprechen sich bisher sehr zurückgehalten haben wenn Spieler , wie zuletzt auf Schalke z.B., rassistisch beleidigt werden, homophobe und sexistische Gesänge oder Transparente auftraten. Es waren die Fans von Schalke 04 und Bayern München z.B., die sich sehr deutlich in den Stadien zu den rassistischen Äußerungen von Clemens Tönnies geäußert haben. Währenddessen schlugen sich DFB, Vereine und Co. in die Büsche. Aber wenn ein reicher weißer Mann beleidigt wird werden schwere Geschütze aufgefahren, Doppelmoral in Reinkultur.
    Ich stimme ihnen zu, dass die Kommerzialisierung es dem Fan, der seinen Verstand oder besser seine Moral nicht am Stadiontor abgibt, immer schwerer fallen lässt an dem Spiel teilzuhaben. Was muss man z.B. als Werderfan denken? Da entwickelt sich die Fanszene positiv nach vorne, engagiert sich deutlich gegen Rassismuss und Homophobie und wer wird dann Hauptsponsor? Ein unerträgliche Unternehmen wie Wiesenhof. Das Sie für sich die Entscheidung treffen dieses Spiel nicht mitspielen zu wollen ist respektabel. Es wäre aber schön gewesen, wenn wenn Sie die Kritik an Hoffenheim und Co. nicht einfach platt mit Neid erklären würden. Jeder Sponsor verspricht sich mit seinen Engagement einen wirtschaftlichen Vorteil und es muss einen denkenden Fan befremden, wenn sich z.B. das o.g.Unternehmen Wiesenhof zur besten Sendezeit präsentieren darf. Wenn aber Konzerne oder Milliardäre in vergleichsweise kurzer Zeit mit viel Geld Kunstprodukte aus dem Boden stampfen, sei es aus Marketinggründen wie in Leipzig oder als persönliches Hobby wie bei Herrn Hopp, dann verwundert es doch nicht wenn viele Fans das bißchen was von der Subkultur Fußball übrig geblieben ist bedroht sehen.

  3. Reinhard Joppe sagt:

    All den „Fadenkreuz-Relativierern“ („Aber es ist kompletter Unfug, diese Botschaften auch nur annähernd als Mordaufruf zu verstehen.“) und „Nicht-Erwähnern“ von Übergriffen und Beleidigungen gegen Menschen anderer Hautfarbe und anderen das „Fan“-Herz störenden Personen, sei die Lektüre der Frankfurter Rundschau empfohlen: 4. März, Seite 12, „Fußball-Fasten“.
    „Hopps Gesicht aber in ein Fadenkreuz zu setzen, wie es einige „Fans“ gemacht haben, ist in Zeiten, in denen einige Männer nach Gründen für einen Amoklauf suchen, nichts weiter als ein Mordaufruf, der bestraft werden muss.“