Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 96

Leben und Arbeiten in Zeiten der Pandemie

Ich bin weiterhin die meiste Zeit im Homeoffice. Mein Tagebuch verdient diesen Namen inzwischen allerdings kaum noch, da es nur noch wöchentlich erscheint, so wie heute. Trotzdem, es geht weiter. Die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub ist geschafft.Vielleicht kennen Sie das: Sie sind gut erholt, gehen frisch und motiviert ans Werk und wundern sich nach kurzer Zeit schon, dass Sie das alles irgendwie als viel mühsamer in Erinnerung haben. Die Dinge gingen mir dieser Tage leicht von der Hand. Sollte mir das zu denken geben? Brauche ich ein besseres Stress-Management, oder ist es normal, fast ein Gesetz, dass die „Batterien“ nach gut acht Monaten ohne Pause einfach leer sind, so wie vor meinem Urlaub, und dass man langsam und stressanfällig wird?

Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 96
Samstag, 20. Juni 2020

Sie wollen Beispiele? Ich habe welche. Ein Leser fragte per Mail an, warum sein Leserbrief, den er kürzlich geschickt hatte, noch immer nicht veröffentlicht sei. Ich bin jetzt mal ganz ehrlich: Vor dem Urlaub hätte mich diese Mail auf die Palme geschickt. Wenn auch nur für fünf Sekunden. Meine Antwort wäre allerdings nicht anders ausgefallen als die, die ich ihm dann in aller Ruhe geschickt habe: Tut mir leid, aber zur Zeit liegen sehr viele Leserbriefe vor, sie stehen gewissermaßen Schlange. Zudem, das wissen Sie sicher, gibt es keine Verpflichtung der FR, alle Leserbriefe zu veröffentlichen, die eingesandt werden, sondern die Redaktion, also ich, Ihr Bronski, muss eine Auswahl treffen, um aus den vorliegenden Zuschriften eine möglichst interessante Leserbriefseite zusammenzustellen. Im Fall dieses Lesers kam noch hinzu, dass er sich nicht auf FR-Berichterstattung bezog. Ich habe das elektronische Archiv durchforstet auf der Suche nach einem solchen Bezug für seine Zuschrift, aber der einzige, der passte, war vom April, lag also zu lange zurück. Zwei Wochen – älter soll der Bezug nicht sein.

Anderes Beispiel, anderer Fall: Ein regelmäßiger Leserbriefschreiber gelangte offenbar zu der Auffassung, ich hätte was gegen ihn, da ich seine Zuschriften lange nicht mehr gebracht hatte. Nun ist es aber so, dass in der heißen Phase der Corona-Pandemie so viele Zuschriften eingegangen sind, dass ich nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand. Es erwies sich als unmöglich, daraus eine Mischung fürs Leserforum zu extrahieren, die gerecht blieb und allen zur Geltung verhalf. Also habe ich diejenigen bevorzugt, die sich bisher nur selten oder noch nie zu Wort gemeldet haben. Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen, dass ab März viele Namen im Leserforum aufgetaucht sind, die dort noch nie zu lesen waren. Dafür kamen jene Leserbriefschreiber, die sonst mehr oder weniger regelmäßig veröffentlicht worden sind (Faustregel: nicht mehr als einmal pro Woche), entsprechend seltener zum Abdruck.

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Das ist der erste Grund dafür, dass der Beschwerdeführer vom Anfang des vorigen Absatzes nicht mehr durchgedrungen war: Er war bereits relativ oft veröffentlicht worden. Nun waren eben andere dran. Es gibt aber noch einen zweiten Grund: die Länge seiner Zuschriften. Treuen Leserinnen und Leser des FR-Leserforums dürfte es schon aufgefallen sein: Das Äußerste, was ich einer einzelnen Leserstimme an Platz im gedruckten Leserforum einzuräumen bereit bin – denn es sollen ja auf dem begrenzten Raum möglichst viele Einzelstimmen zu Wort kommen -, ist ein Zweispalter von der Höhe einer halben Zeitungsseite. Das entspricht einem Umfang von rund 2500 Zeichen (mit Leerzeichen). Wenn jemand trotzdem einen Leserbrief von 4000, 6000 oder – auch das ist schon vorgekommen – 12.000 Zeichen schickt, sollte er sich eigentlich nicht wundern, dass er nicht veröffentlicht wird.

Eine kleine optische Auflockerung aus dem Urlaub.

Ich bin es gewohnt zu kürzen, weiß aber auf der anderen Seite genau, dass niemand gern gekürzt wird. Ich bin selbst Autor, ich kenne das. Trotzdem ist das Kürzen ein Teil meiner Arbeit. Ohne geht es nicht. Darum steht täglich der Kürzungsvorbehalt im Print-Leserforum: „Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zur Veröffentlichung zu kürzen“. Wer einen Leserbrief einschickt, akzeptiert diesen Vorbehalt. Gerade bei langen Zuschriften ist es aber oft unmöglich, so zu kürzen, dass der Sinn der Zuschrift nicht entstellt wird. Solche Zuschriften können daher nicht veröffentlicht werden. Andere sind so komplex, dass das Kürzen viel Zeit verschlingt. Bitte nehmen Sie es mir also nicht übel, wenn ich mich fürs Print-Leserforum an die kürzeren Zuschriften halte. Und was die längeren betrifft: Zum Glück gibt es das FR-Blog, wo immer die ungekürzten Leserbriefe veröffentlicht werden. Also: Kurzvariante im Print-Leserforum, Vollversion hier im FR-Blog. Beispiel: der Leserbrief von Hermann Roth aus Frankfurt im heutigen Leserforum. Der Leserbrief war in der Vollversion fast doppelt so lang wie in der fürs Leserforum gekürzten Fassung. Die Vollversion steht hier im FR-Blog im Thread über die Corona-App. Ich hoffe, die Aussage des Leserbriefs blieb trotz Kürzung unbeschädigt.

Leider können viele Zuschriften nicht veröffentlicht werden. Jedenfalls nicht im Print-Leserforum. Damit müssen Sie sich jedoch nicht abfinden! Veröffentlichen Sie Ihre Leserbriefe doch einfach selbst! Hier im FR-Blog ist der Platz dafür, und hier gibt es keine Restriktionen, nur die Blog-Regeln. Kleiner Hinweis: Die meisten Diskussionen hier im FR-Blog sind themenfixiert. Ich bitte darum, in solche Diskussionen nicht einfach themenfremd hineinzuposten. Diese Möglichkeit gibt es aber in den offenen Diskussionen. Das sind die, deren Überschrift auf „FR-Leserforum vom … bis …“ lautet. Wenn Sie keinen Platz im FR-Blog finden, der thematisch zu Ihrem Leserbrief passt, dann veröffentlichen Sie ihn dort. Und natürlich wäre es schön, wenn Sie sich dann auch an den Diskussionen beteiligen, die sich daraufhin möglicherweise als Reaktion ergeben.

Naoned!

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3 Kommentare

  1. Anna Hartl sagt:

    Lieber Bronski,
    ja, 8 Monate ohne längere Pause durcharbeiten ist zu lang. Die Batterien müssen einfach zwischendurch aufgefüllt werden.
    Wie ich Ihren Schilderungen im Laufe der Zeit entnommen habe, sind Sie auch „unschönen“ Kommentaren und Angriffen ausgesetzt. Das bleibt nicht in den Klamotten hängen, hinzu kommt seit Monaten dieser unter Umständen lebensbedrohliche Virus, die Einschränkungen, die uns schützen sollen, die Unvernunft mancher Zeitgenossen dies einzusehen, die unter Zugzwang setzt, wenn man ihr begegnet. Es gibt im Moment einfach zu viele Faktoren, die den Akku der Lebensenergie schneller in den roten Bereich bringen.
    Also, wie sagt der Hesse: Uffbasse!
    Schreibt sich das so? Bin keine geborene Hessin.
    Viele Grüße, Anna Hartl

  2. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Anna Hartl

    Uffbasse – stimmt!

  3. Merve Hölter sagt:

    Vor Corona, von langer Hand sorgfältig individuell geplant und gebucht, wäre es eine Nordlandreise zu dritt geworden. Mittsommernacht in Helsinki, drei Tage dort, Nachtfähre nach Tallinn, später weiter nach Riga, Klaipeda und Kurische Nehrung, zum Abschluß große Geburtstagsparty in Berlin.
    Daraus wurde natürlich nichts. Das Ganze rückabzuwickeln war eine Herausforderung und ist es noch.
    Lehre 1: Keine Unterkunft fest buchen ohne Stornierungsmöglichkeit – sorry, liebe Herbergsbetriebe.
    Lehre 2: Bei Online-Flugportalen auf die Kommunikationsmöglichkeiten achten. Mein Portal scheint mich gerade verarschen zu wollen. Eigentlich ist da wohl keiner, und die operieren mit Algorithmen, so dass sie auf eine klare Anfrage und Bitte um Refund für den Helsinkiflug (mit Carrier SAS schon telefonisch geklärt) mir nochmal dieselbe Mail schicken mit dem Angebot: Flexibles Ticket statt Rückerstattung.
    Lehre 3: Auch das Hotelbuchungsportal scheint hirnabgekoppelt, denn ich wurde jetzt gefragt, wie mir der Aufenthalt im Hotel soundso in Helsinki gefallen habe?
    Lehre 4: Verachtet mir die persönlichen Reisebüros nicht!
    Lehre 5: Zehn Tage zu dritt in MeckPom als Plan B waren richtig gelungen. Hanse-Backsteingotik im Überfluss und vor allem die üppigen Mohn-und Kornblumenfelder, mit Margeriten, Schafgarbe und Kamille. Das war allerdings gerade noch vor dem großen Ferienansturm…