Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 91

Leben und Arbeiten in Zeiten der Pandemie

Da bin ich wieder – zurück am 15. Juni, wie versprochen. Der Urlaub ist vorbei. Das waren entspannende, erholsame Tage. Was unter anderem auch daran lag, dass wir an drei unserer vier Zielorte kein W-LAN auf dem Campingplatz hatten. Also keinen Internetzugang. Wir fühlten uns in jene Urzeiten zurückversetzt, in denen wir im Urlaub doch tatsächlich hin und wieder eine Zeitung kauften. Damals waren wir ausreichend informiert, nichts konnte uns davon abhalten, uns zu erholen. Ein Anachronismus in unseren digitalen Zeiten, und doch – oder deswegen? – hat es gutgetan. Man muss nicht immer erreichbar sein. Vor diesem Hintergrund dürfte es ein wenig skurril wirken, dass ich mir ausgerechnet in dieser dezidiert analogen Zeit den Roman „The Circle“ von Dave Eggers „gegönnt“ habe, in dem alles digital ist, das ganze Leben – das zunehmend „transparent“ wird.

Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 91
Montag, 15. Juni 2020

Die Reise führte meinen Mann und mich an Orte, die davon erzählen, wie Menschen in Zeiten gelebt haben, in denen die gegenwärtige, alles umwälzende Digitalisierung noch nicht einmal am allerfernsten Horizont zu erkennen war. Ich habe hier ein Bild für Sie.

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Dieses „Ringheiligtum“ gilt mittlerweile als „das deutsche Stonehenge“. Es wurde erst vor wenigen Jahren aus der Luft entdeckt, dann ausgegraben und steht seit 2016 in der hier zu bewundernden, rekonstruierten Form etwa 25 Kilometer südlich von Magdeburg in der Landschaft. Es muss vor rund 4000 Jahren ein kultureller Leuchtturm gewesen sein. Anders als Stonehenge besteht es aus Holz, was aber für die Erkundung kein Nachteil war: Als das Heiligtum vor rund 3800 Jahren aufgegeben wurde, verbrannte man die Pfähle und Stämme vor Ort. Dabei entstand eine Ascheschicht, die heutigen Archäologen viel erzählt. Unter anderem ließen sich mit ihrer Hilfe auch die Positionen genau ermitteln, an denen einst Pfähle standen. Der optische Eindruck trügt nicht: Hier wurde ein Heiligstes im Inneren der Kreisanlage vor Blicken von außen abgeschirmt. Außerdem fungiert die Anlage offenbar als eine Art Observatorium.

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Sars-CoV-2 hat uns natürlich auch auf unserer Reise begleitet. Den Mundschutz hatten wir immer parat. Vielerorts wurde seine Handhabung nicht ganz so eng gesehen, wie wir es gewohnt waren. Im Magdeburger Dom waren die Dinge allerdings vorbildlich geregelt – siehe Bild rechts.

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Von Schönebeck an der Elbe ging es nach Wernigerode. Da hat es mal einen Tag durchgeregnet – statt zu radeln, machten wir also einen Lesetag im Campingmobil. Das Städtchen am Ostharz hat den Zweiten Weltkrieg fast unversehrt überstanden und kann daher Massen von Fachwerkarchitektur aufweisen. Darüber hinaus gibt es dort ein Schloss, in dem vor gut 100 Jahren der deutsche Kaiser tafelte und oft nächtigte und dessen adlige Besitzer am Kaiserhof hohe Positionen bekleideten. Wenn man durch dieses Schloss geht, das in großen Teilen Original-Mobilar hat, bekommt man unweigerlich den Eindruck, dass es wohl ganz gut ist, dass diese Zeiten hinter uns liegen. Dasselbe sage ich auch über Zeiten, die ich mit dem folgenden Bild illustrieren möchte:

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Schön, nicht wahr? Sonnenuntergang am Pönitzer See. Aus der Gegend komme ich, in der Nähe bin ich geboren. Das ist nicht übermäßig interessant, aber mir hat es was bedeutet, nach vielen Jahren mal wieder dorthin zu reisen . All diese Klinkerbauten, hier und da tatsächlich auch noch reetgedeckte Katen, alles überschaubar, zahm, fast niedlich – und lauter unkomplizierte Menschen. Brötchenservice auf dem Campingplatz in Corona-Zeiten? Anruf bei der Bäckerei in Gleschendorf, die den Campingplatz in Pönitz am See beliefert. Bestellung wird aufgenommen. Frage: Wie zahlen wir? Antwort: Dazu müssen Sie wohl irgendwann mal bei uns im Laden vorbeikommen. Irgendwann mal!

Den Abschluss fand unsere Reise im Osnabrücker Land bei Kalkriese, dem Ort, in dessen Nähe mutmaßlich im Jahr 9 n.C. drei Legionen des römischen Feldherrn und Statthalters Publius Quinctilius Varus von den „Barbaren“ des Germanen Arminius aufgerieben und vernichtet wurden. Arminius ist vielen besser bekannt als „Hermann der Cherusker“, doch Vorsicht: Die Ausstellung im Turm am Rande des Grabungsgeländes nahe Kalkriese gibt Auskunft darüber, wie der Hermann-Mythos aufgebaut, vereinnahmt und publizistisch und propagandistisch ausgeschlachtet wurde bis hin zur Reichstagswahl 1933. Mit der historischen Realität, so wie sie sich den Archäologen nach und nach durch Grabungsarbeiten offenbart, hat das, was Nationalisten und Faschisten drumherum gewoben haben, wenig zu tun.

Übrigens haben wir hier eine Parallele zum „Ringheiligtum“ von Pömmelte, siehe oben: Die ernsthafte archäologische Erkundung begann erst sehr spät. Während das steinzeitliche „Ringheiligtum“ allerdings erst zu Beginn des Jahrtausends entdeckt und lokalisiert wurde, gab es schon lange Spekulationen über den Ort der „Varus-Schlacht“, die unter anderem über Jahrhunderte hinweg durch zahlreiche Münzfunde in der Nähe von Kalkriese befeuert wurden. Doch erst seit 1987 wurden dort ernsthafte Ausgrabungen unternommen. Man wusste vorher ja schon alles bzw. genug, nicht wahr?

So weit mein kleiner Bericht aus vordigitalen Zeiten hier im digitalen FR-Blog. Und wie geht es nun weiter? Ich will die Abläufe hier im FR-Blog etwas vereinfachen. Daher gibt es ab heute einen Thread „Aktuell im FR-Blog“, der alle offenen Diskussionen auflistet und auch aufzeigt, in welchen Diskussionen zuletzt kommentiert wurde. Dieser Info-Thread wird immer oben auf der Startseite stehen. Lesen Sie mehr dazu → HIER.

Naoned!

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2 Kommentare

  1. Jürgen Malyssek sagt:

    Lieber Bronski,

    danke für den Reisebericht, v.a. über „das deutsche Stonehenge“. Eine Ecke, die ich bisher noch nicht kennengelernt habe. Nun reise ich aber auch nicht mehr soviel.

    Mit Dave Eggers („The Circle“) gab es am 22. Mai in der Süddt. Zeitung ein längeres Interview (von Johanna Adorján): „Amerikaner sin ganz generell politisch nicht besonders seriös“.
    Über die Herausforderung, Donald Trump zum Präsidenten zu haben … Einen Link dazu habe ich nicht. Sie werden’s bestimmt finden.
    Beste Grüße
    J. Malyssek

  2. Bronski sagt:

    Lieber Herr Malyssek,

    den Link habe ich gefunden. Interessantes Interview.

    Viele Grüße, Bronski