Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 196: Wenn einer eine Reise tut

Leben und Arbeiten in Zeiten der Pandemie

Ach, mein liebes Homeoffice-Tagebuch! Ich hab Dich nicht unbedingt vermisst, aber jetzt, wo wir wieder miteinander zu tun haben nach meinen Ferien, da ist es doch ein bisschen wie ein Nach-Hause-Kommen. Wobei ich aber eigentlich schon vorgestern nach Hause gekommen bin nach vier Wochen, und zwischendurch war ich auch mal zu Hause. Wenn ich diesen Urlaub zusammenfassen soll: Er war komisch im Sinne von sonderbar bis merkwürdig. Also: Er hatte komische Seiten, z.B. weil auf dem Weltkriegsschlachtfeld von Verdun, wo wir uns umgesehen haben, nichts von Macrons „Krieg“ gegen Sars-CoV-2 zu merken war; da war alles wie immer, seit Mitterrand und Kohl dort Händchen gehalten haben. Von Feinheiten wie etwa dem Einskommafünfmeter-Abstand haben die Franzosen sonderbarerweise bisher trotzdem anscheinend nichts gehört. Jedenfalls verhalten sie sich vielfach nicht demnach. Dabei sollte es des Merkens würdig sein dass man in Corona-Zeiten immer aufpassen muss, nicht wahr? Mein Mann und ich, wir waren mitten in diesen Ferien sogar in Quarantäne. Wie gesagt: komisch, sonderbar und merkwürdig.

Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 196
Dienstag, 22. September 2020

Fort von Douaument

Fort von Douaument. Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Wenn Sie noch nicht in Verdun waren: Seien Sie gewappnet, falls Sie es wagen wollen! Das ist ein schwieriger Ort. In der Schlacht um Verdun fielen im Ersten Weltkrieg hunderttausende Menschen. Diese Schlacht wird gewöhnlich als „Materialschlacht“ bezeichnet, weil das deutsche Kaiserreich dort alles auffuhr, was an Vernichtungsmaschinerie zu jener Zeit zur Verfügung stand – Artillerie, Giftgas und so weiter. Das Leiden der jungen Männer, die als Kanonenfutter in diese Schlacht geschickt wurden, findet sich im Begriff „Materialschlacht“ jedoch nicht wieder. Er ist eine Verharmlosung von Leiden. Nicht nur dort in Verdun, sondern auch an anderen Orten über Stalingrad hinaus (in einem anderen Krieg) wurden Menschen massenhaft an die Front geworfen, um getötet zu werden.

Der am meisten umkämpfte Ort der Schlacht um Verdun war das Fort von Douaument, ein mächtiger Bunker, eindrucksvoll und schreckenerregend. Das Foto zeigt die Oberseite. Es gibt ein gutes Dutzend solcher Geschützkuppeln, die von außen erahnen lassen, welche Ausmaße das Ganze im Innern hat. In diesem Hügel gibt es nämlich ein kaum fassbares Labyrinth von Wegen der militärischen Logik. Wenn es darum geht, einander umzubringen, ist die Spezies Mensch imstande, ungeheuer viel kreative Energie zu mobilisieren.

Saint Antonin 01

Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Verdun war unsere erste Station. Danach fuhren wir nach Limoges zu Edith und Guy, langjährigen Freunden. Nur nebenbei: Edith hat meine Texte der Fotoserie 365 Blicke / 365 vues ins Französische übersetzt; sie sind weiterhin auf meiner Webseite ybersinn.de nachlesbar.

Dann ging es, einem Tipp folgend, nach Saint-Antonin-Noble-Val im Departement Aveyron, einem mittelalterlichen Städtchen mitten im französischen Nirgendwo. Zu diesem Zeitpunkt war längst klar, dass wir auch wieder nach Marseillan-Plage wollten, unserem Lieblings-Urlaubsort am Mittelmeer, aber in Corona-Zeiten ist natürlich alles anders. Das war auch in Saint-Antonin zu spüren. Die überwiegend älteren Menschen, auf die wir dort trafen, hielten es mit dem Mund-Nasenschutz sehr genau. Für den Rest der französischen Menschen, denen wir im Zuge der Reise begegneten, kann man das leider nicht so uneingeschränkt sagen, und so ist es wohl auch kein Wunder, dass Frankreich derzeit ein Problem mit Infektionszahlen hat, die durch die Decke gehen. Viele der Menschen in unserem Nachbarland haben noch immer nicht verinnerlicht, dass es neben Mundschutz und Handhygiene vor allem darauf ankommt, angemessenen Abstand zu halten. In Super- und auf Wochenmärkten lässt sich beobachten, dass Frankreich beim Thema Abstand Nachholbedarf hat. Man kommt sich gern nahe, als gäbe es kein Virus.

Diese Reise stand von vornherein unter unguten Zeichen. Wir haben uns ebenso bewusst wie sehnsüchtig für Frankreich entschieden, obwohl wir wussten, dass es schwierig werden könnte. Darum haben wir täglich die Infektionszahlen gecheckt. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für die Region Provence-Alpes-Côte d’Azur kam für uns nicht überraschend, und wir waren in Erwartung einer weiteren Reisewarnung für Okzitanien, jene Region, zu der das Departement Herault gehört, wo unser Lieblings-Mittelmeer-Ort Marseillan-Plage liegt. Unschönerweise gab es dort in Sichtweite von jenem Campingplatz, den wir seit Jahrzehnten besuchen, einen Corona-Hot-Spot: ein weithin bekanntes FKK-Hotel in Cap d’Agde. Dieser Hot Spot zog die Zahlen für das gesamte Departement in die Höhe, während die Zahlen zur gleichen Zeit in Offenbach, unserer Heimtstadt, die bei unserem Aufbruch wegen einer Inzidenz von 50 Corona-Fällen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen fast zum Risikogebiet erklärt worden wäre, konsequent nach unten gingen.

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Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Es kam, wie es kommen musste: Das Auswärtige Amt sprach eine Reisewarnung für Okzitanien aus, gerade als wir da waren. Am folgenden Tag brachen wir von dort auf. Klare Ansage: Rückkehr nach Deutschland, Coronatest machen, dann häusliche Quarantäne. Glück im Unglück: Es gelang uns, am Autobahnparkplatz Neuenburg-Ost kurz nach Grenzübertritt aus Frankreich einen Coronatest zu bekommen. Glück deswegen, weil die Anlaufstation als überlastet gilt. Tatsächlich haben wir erlebt, dass Menschen im Pkw abgewiesen wurden: Versuchen Sie es später noch mal oder wenden Sie sich an Ihr Gesundheitsamt, war die Ansage. Wir als offenkundige Urlaubsrückkehrer im Wohnmobil (nicht das abgebildete) hatten es besser. Wir wurden getestet. Dann noch 300 Kilometer bis nach Hause, und nun hieß es: Warten aufs Testergebnis.

Dafür hatten wir einen Code bekommen, mit dem wir das Ergebnis auf einer Webseite abrufen konnten. Etwa zweieinhalb Tage später, am Sonntagabend, war das Ergebnis da: negativ. Was in diesem Fall etwas Positives ist. Übrigens: Es hat uns nicht überrascht. Wir haben uns jederzeit nach Möglichkeit verantwortungsbewusst und vorsichtig verhalten. Ein positives Ergebnis hingegen wäre eine Überraschung gewesen. Aber auch darauf waren wir vorbereitet. In dem Wissen, dass die Lage in Frankreich unübersichtlich ist und sich jederzeit ändern könnte, haben wir vor unserem Start in den Urlaub unseren Notvorrat im Keller aktualisiert: Lebensmittel für zwei Wochen lagen bereit – für den Fall, dass wir in häusliche Quarantäne müssten. Dieses Szenario war nach dem negativen Testergebnis zum Glück hinfällig, aber es war gut, vorbereitet gewesen zu sein.

Und nun? Eine Woche Urlaub war übrig. Sie wäre für die Quarantäne draufgegangen, aber nachdem uns das Offenbacher Gesundheitsamt quasi in die Freiheit entlassen hatte – nicht ohne den Hinweis, in den kommenden Tagen weiter auf Symptome zu achten (als täten wir das nicht sowieso) –, trafen mein Mann und ich eine Entscheidung: Heuneburg. Also Campen in Sigmaringen.

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Foto: Lutz „Bronski“ Büge“

Heuneburg sagt Ihnen nichts? Das zeigt vor allem eines: wie lang der Weg wissenschaftlicher Erkenntnis bis ins kollektive Gedächtnis der Nation ist. Wenn Archäologen nicht gerade mit einer Sensation wie der Himmelsscheibe von Nebra aufwarten können, kann es ein bisschen dauern, bis alle was mit diesem Begriff anfangen können. Versuchen wir es mit einem anderen Begriff: Pyrene. Mit diesem Namen bezeichnet Herodot, der Chronist der alten Griechen, eine Polis nördlich der Alpen in der Nähe der Donauquellen. Diese Stadt wäre damit die nördlichste, die je in einer solchen Chronik aufgetaucht wäre. Und nun sagen die Forscher: Herodot meint die Heuneburg, wenn er Pyrene schreibt.

Für alle Hessen: Wer sich mal eine Keltenburg ansehen will, muss nicht nach Sigmaringen fahren. Sondern da gibt es, schön am Vulkan-Radwanderweg gelegen, die Glauburg bei Glauberg. Die ist nicht so groß wie die Heuneburg, aber man gewinnt doch Massen von Eindrücken. Die Blütezeit dieser Siedlungen war vor zweieinhalb- bis dreitausend Jahren. Auffällige, monumentale Wallanlagen prägen die Landschaft, und ringsherum liegen Hügelgräber aus der Keltenzeit.

Teile der Heuneburg wurden rekonstruiert, wie das Foto oben zeigt. So soll die Mauer der Stadt um das Jahr 640 v.C. ausgesehen haben: Sockel aus Kalksteinquadern, darüber aufgetürmt luftgetrocknete Lehmziegel, die weiß gekalkt wurden, und auf der Krone der Mauer ein Wehrgang mit Türmen. Die Heuneburg liegt auf einem viele Hektar großen Areal, das sich gut 50 Meter über die Umgebung und die Donau erhebt, die zu ihren Füßen fließt. Ein markanter Ort, von dem aus man bei gutem Wetter freie Sicht auf die Alpenkette hat. Hier sollen vor gut 2500 Jahren mal, die ganze Siedlung betrachtet, bis zu 20.000 Menschen gelebt haben. Dank sei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die seit (ungefähr) 2000 die Erkundung der Frühgeschichte auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland vorantreibt! Auf der Heuneburg und in der Umgebung wird seit dem 19. Jahrhundert archäologisch gegraben, aber die spannendsten Erkenntnisse sind doch vor allem die der jüngsten Jahre.

Das obere Donautal ist natürlich auch aus anderen Gründen eine Reise wert. Von Sigmaringen radelten wir nach Beuron und wieder zurück, rund 60 Kilometer insgesamt, wobei wir auf dem Hinweg den Donau-Radwanderweg nahmen und auf dem Rückweg die Landesstraße (bei dieser Gelegenheit entstand das untige Bild, auf dem die Donau nur zu erahnen ist; dafür sieht man das unzugängliche Schloss Werenwag recht schön). Man soll ja nicht immer das Störende in den Vordergrund heben. Ich mach’s mal trotzdem: Auf dem Hinweg störten die Fahrer:innen mit ihren Pedelecs (E-Bikes), die uns an Steigungen mit Leichtigkeit überholten und deren angestrengtes Schnaufen wir auf flachen Abschnitten locker hinter uns ließen, auf dem Rückweg störten die vielen Motorradfahrer, die sich an schönen Tagen wie diesem auf der kurvenreiche Strecke durchs Donautal austoben.

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Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Schön war’s trotzdem.

Naoned!

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3 Kommentare

  1. Anna Hartl sagt:

    Lieber Bronski,
    schön, dass Sie wieder da sind!
    Ich gebe jetzt mal an: Heuneburg /Pyrene kenne ich. Eine Zeit lang war Geschichte mein Hobby.

    Gab es in Ihrem wohl auf mehreren Ebenen „spannenden „ Urlaub auch die Muse für Entspannung oder nahm Corona völlig die Unbefangenheit?

    Ich habe meinen Urlaub am Baggersee mit einer Einführung in den Buddhismus verbracht und war seit Ausbruch der Pandemie noch nie so entspannt, wie in diesen Tagen.

  2. Bronski sagt:

    Wie schön, dass sie die Heuneburg kennen! Ich treffe vorwiegend auf Menschen, die noch die davon gehört haben und sich sonderbarerweise auch nicht dafür interessieren. Ist doch merkwürdig, oder? Die Pyramiden von Gizeh gelten als Weltwunder, erbaut um etwa 2600 v.C. Damals war jene Weltregion, die wir heute als Vorderen Orient bezeichnen, die am weitesten entwickelte der Welt. So wird geglaubt. Etwa zur gleichen Zeit entstanden in Norddeutschland und in Britannien Kultanlagen (Stonehenge, Pömmelte), aber es interessiert kaum jemanden, obwohl die Frage doch so spannend ist – finde ich jedenfalls -, wie und wo und warum Zivilisation überhaupt entstand. Was das betrifft, sind die Pyramiden von Gizeh denkbar uninteressant, denn sie sind Ausdruck einer bereits voll entwickelten Hochkultur. Doch wie ging das los? Was das betrifft, ist Abydos (zum Beispiel) viel interessanter. Und was unseren Kulturraum betrifft, sind Stätten wie die Heuneburg, die Glauburg und Pömmelte hochinteressant.

    Danke für Ihre Frage nach der Muse. Nein, dafür gab es keinen Platz. Ich überlege derzeit, ob ich künftig nicht vielleicht nur noch Urlaub wie Anfang Juni machen sollte, also ohne Internet. Dann hätte ich im September-Urlaub zwar nicht so einfach von der Reisewarnung für Okzitanien erfahren, aber ich hätte auch gewisse Mails nicht bekommen, die an meine privaten Adressen weitergeleitet wurden, um mich über bestimmte Probleme in der Redaktion zu informieren. Erholung ist so schwer möglich, aber ebenso schwer möglich ist es heutzutage – jedenfalls als Mensch in zeitgemäßen Arbeitsprozessen -, sich einfach aus allem rauszuziehen. Die Pandemie ist vor diesem Hintergrund bei mir denkbar uninteressant und spielt eigentlich kaum eine Rolle, abgesehen davon, dass sie mich weiterhin ins Homeoffice zwingt.

    Einführung in den Buddhismus klingt gut. Ich plane, Yoga zu lernen. Das hat nur mittelbar mit Buddhismus zu tun, soll aber ebenfalls entspannend sein. Und, ja: Als nächstes muss ich einen Krimi schreiben.

  3. hans sagt:

    Ich bin am Wochenende aus meinem Urlaub an der Algave zurück gekommen. Dieses Ziel haben wir ausgewählt weil in dieser Region sehr niedrige Infektionszahlen mit Corona gemeldet werden. Heute weiß ich warum das so ist. Die AHA Regel werden dort von der Bevölkerung eingehalten und vom Staat durchgesetzt. Es gibt dort keine Geschäfte in denen die Verkäufer Masken nicht ordentlich tragen oder Warteschlangen vor Geschäften ohne Abstand zwischen den Personen. Außerdem wird nach 20 Uhr Alkohol nur noch im Zusammenhang mit Essen verkauft. Dort haben sich die meist jungen deutschen Touristen angepasst. Mir ist es z. B. passiert das ich für ca 10 Sekunden im Supermarkt die Maske nicht richtig über der Nase hatte. Sofort bekam ich einen berechtigten und deshalb unwidersprochenen Anpfiff von einer Verkäuferin. Der Erfolg gibt recht. Die Algave hat gut 1500 Infizierte als Gesamtzahl seit Beginn der Pandemie und die Urlauber dort müssen sich keine Gedanken um dieses Thema machen. Die Wirtschaft ist zwar betroffen läuft aber weiter und die Region wird einigermaßen gut durch die Pandemie kommen. Heute war ich dann in D. wieder einkaufen und konnte die Lust am Untergang bewundern. Wir hatten da übrigens eine Ferienwohnung am Rande von Lagos und die ganze Zeit einen Leihwagen den wir auch täglich genutzt haben.