Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 13

Leben und Arbeiten in Zeiten der Pandemie

Am heutigen Sonntag haben wir mal vor allem mit der Familie telefoniert: mein Mann mit seinen Schwestern, Nichten und Freunden im Allgäu, ich mit meiner Schwester, die in Essen lebt. Wir sind uns in der Einschätzung der Situation recht nahe, ebenso hinsichtlich der Folgen und dass uns die gegenwärtige Lage noch lange beschäftigen wird. Ich war trotzdem erstaunt zu hören, dass der Arbeitgeber meiner Schwester zu Beginn der Pandemie gezögert hat, Homeoffice für alle einzurichten. Denn dafür braucht man ja: weitere Server. Und die kosten Geld. Und wer kontrolliert dann außerdem, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice tatsächlich arbeiten und sich nicht etwa einen faulen Lenz machen?

Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 13
Sonntag, 29. März 2020

Es scheint also immer noch zu existieren, dieses Misstrauen gegenüber den eigenen Angestellten, die natürlich keinen Streich arbeiten, wenn sie nicht kontrolliert werden. Diese Stechuhr-Mentalität! Bei uns im Journalismus gibt es schon lange keine Stechuhren mehr. Sie hätten keinen Sinn, denn Journalisten arbeiten quasi rund um die Uhr, indem sie auf Termine gehen, in Pressekonferenzen sitzen, Konzerte besuchen, über die sie schreiben, Bücher  lesen, die sie rezensieren, oder indem sie einfach (!) Hintergründe recherchieren, die für künftige Berichterstattung noch wichtig werden könnte. Der Journalistenberuf ist auf wundervolle Weise vielfältig. Dauernd lernt man dazu. Man kann den Arbeitgebern dieses Landes nur zurufen: Gebt Euren Angestellten möglichst viele kreative Freiräume! Hört auf, sie kontrollieren zu wollen.

Bei der FR war das kein Thema, auch nicht zu Beginn der Pandemie. Hier haben sich die Verantwortlichen nicht überlegt, wie sie uns kontrollieren können, sondern der Fokus lag ganz pragmatisch und vernünftig auf der Frage, wie sichergestellt werden kann, dass die Zeitung auch in Corona-Zeiten möglichst problemlos produziert werden kann. Dabei hat die Lösung von Anfang an auf dem Tisch gelegen: Homeoffice. Für so viele Mitglieder der Redaktion wie möglich. Es gab keine andere Option, die handhabbar gewesen wäre. Für mich war vom ersten Tag an klar: Ich gehe ins Homeoffice, sobald das ermöglicht wird. Man sieht, wohin das führt: Tag 13. Sonntag. Ich habe heute zwei Zeitungsseiten produziert. Von zu Hause aus.

Diese Stechuhr-Mentalität! Können Sie was darüber berichten? Meine Meinung dazu ist: Jeder Mensch, der seinen Job mag und der hinter dem steht, was er macht, wird diese Arbeit freiwillig und gern machen und braucht keine Kontrolle, sondern Vertrauen. Da habe ich als Redakteur es leicht: Ich liebe meinen Job. Aber wie verhält es sich zum Beispiel mit Berufen im sogenannten Dienstleistungssektor?

Der Parkplatz des Offenbacher Ringcenters am Nachmittag des 28. März,
eines Samstags.
Normalerweise herrscht hier an solchen Tagen Hochbetrieb.
Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Und wie sieht es bei unseren Druckern aus? Damit meine ich nicht die Laserprinter in den Redaktionsstuben, sondern tatsächlich, ganz altmodisch, die Menschen an den Druckmaschinen, die die Zeitung drucken. Um im Sinne des alten Begriffs buchstäblich Werktätige. Die können kein Homeoffice machen. Da geht es auch um mechanische Abläufe, die es erfordern, dass Hand angelegt wird. Homeoffice geht ebenfalls nicht für Pflegekräfte, auch nicht in der häuslichen Pflege, für Sanitäter*innen, für Polizist*innen, Ärzt*innen, für die Feuerwehren und Lieferservices und viele andere Menschen mehr, die zurzeit das Leben im Land am Laufen halten, während Menschen wie ich im Homeoffice sind.

Ich rede jetzt nicht von wirtschaftlichen Einbrüchen, wie sie derzeit unzählige Menschen erleben. Ein Bekannter, um ein Beispiel zu nennen, ist auf dem Sprung, sich als freier Choreograf einen Namen zu machen. Früher hat er selbst getanzt, jetzt macht er das nicht mehr so oft, hat aber Engagements für sich, seine Choreografien und damit auch für seine Tänzerinnen und Tänzer in verschiedenen Städten, zum Beispiel in der „Tonne“ in Reutlingen. Er heißt Yaron Shamir und ist ein großes Talent, aber für ihn wird es jetzt schwer. Und noch schwerer wird es wohl für seine freien Tänzerinnen und Tänzer. Der Staat spannt ein Rettungsnetz für Künstler wie diese Menschen auf, das beispiellos in der deutschen Geschichte ist. Ich hoffe sehr und drücke alle Daumen, dass es gelingen möge, auf diese Weise Existenzen zu sichern und über die Runden zu bringen, so dass unser gesellschaftliches Leben nach dem „Shutdown“ ganz schnell wieder da anknüpfen kann, wo es aufgehört hat.

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