Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 3

Leben und Arbeiten in Zeiten der Pandemie

Ein wundervoller Tag von Anfang an mit Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Doch während mein Mann sich aufs Rad schwingt und seine „Dietzenbach-Runde“ dreht – rund 35 Kilometer, heute acht Minuten schneller als am Sonntag, wie er mir später erzählen wird –, muss ich arbeiten. Immerhin kann ich das Fenster weit öffnen. Draußen ist es viel ruhiger als sonst. Klar, denn Offenbach liegt in der Einflugschneise zweier Anflugrouten auf den Frankfurter Flughafen. Über der Rosenhöhe sind die Flugzeuge in der Regel noch 800 Meter hoch, über der Offenbacher Bismarckstraße noch 1100 bis 1200 Meter. Oder jedenfalls sollte es so sein. Doch am Himmel herrscht derzeit relative Ruhe. Das wird sich im Lauf des Tages nicht ändern, denn von Flugzeugstarts bekommen wir in Offenbach bei Ostwind wenig mit. Es sei denn, wir wohnen am Kaiserlei, über dem die Maschinen abdrehen, wenn sie nach Osten starten. Wir Offenbacher mögen Ostwind!

Bronskis Homeoffice-Tagebuch – Tag 3
Donnerstag, 19. März 2020

Heute bereite ich das Leserforum für den Freitag vor, und das heißt zureit: Schwerpunkt Klimapolitik. Denn freitags macht die FR ihre Kipppunkte-Serie. Klimapolitisch vermögen die FR-Leserinnen und -Leser der Sars-Cov-2-Pandemie durchaus etwas abzugewinnen, und so kommt das Coronavirus natürlich auch im Freitags-Leserforum nicht zu kurz. Ein bisschen fehlt mir hier und da zwar die menschliche Dimension in den Zuschriften, und ich frage mich, ob man diese Distanz zum Geschehen auch dann noch aufrechterhalten könnte, wenn man den Verlust des eigenen alten Vaters oder der alten Mutter zu verschmerzen hätte. Was ich niemandem wünsche. Zudem stimmt es natürlich, von einer übergeordneten Warte aus betrachtet. Siehe Flugverkehr. Schau hinaus aus dem Fenster und hinauf in den Himmel! Trotzdem ginge es zu weit zu behaupten, das Klima bekäme durch Sars-CoV-2 eine Verschnaufpause. Allenfalls verlangsamt sich dadurch der Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre. Aber das ist natürlich auch schon was – siehe morgen nebenan der neue Thread zur Klimapolitik in Zeiten von Sars-CoV-2. Auf der einen Seite. Auf der anderen bedroht der gesellschaftliche Shutdown unzählige Existenzen in diesem Land.

Ich habe heute Schwung. Mir geht es gut. Ich horche zwar wie immer in mich hinein, ob da irgendwo irgendwelche Wehwehchen auftauchen. Kratzen im Hals, Husten, Fieber, Gliederschmerzen, dann und wann auch Durchfall – das sind die gängigen Symptome für eine Infektion mit Sars-CoV-2. Aber da ist nichts. Auch Max und Paul, meinen Nymphensittichen, geht es gut. Sie wirken zwar leicht irritiert, weil ich den ganzen Tag zu Hause bin, aber dafür freuen sie sich des offenen Fensters und kommentieren jedes Bellen draußen auf der Straße, jedes Klingeln eines Radfahrers, jedes Martinshorn in der Ferne mit ihren lauten Schreien, die in den Ohren wehtun. Ich setze mir einen Kopfhörer auf. Das Fenster lasse ich trotzdem auf, obwohl ich weiß, dass die beiden Schreihälse auf der ganzen Straße zu hören sind.

Ich habe in der Nacht vorgearbeitet und Zuschriften gesichtet und sortiert, so dass ich heute zügig fertig werde. Schon um 13:53 Uhr, also 97 Minuten vor dem offiziellen Redaktionsschluss des Leserforums, kann ich an die Chefredaktion durchgeben, dass die Seiten abgenommen werden können. Da meldet sich Claudia Nenninger von der Regionalredaktion per „Teams“ und fragt, ob sie für die Montagsausgabe wieder eine Seite Leserbriefe erwarten kann. Ja, die Lage bei den Leserbriefen mit regionalem Bezug erlaubt das. Also sage ich Claudia zu. Und siehe da: Es wird eine Seite ganz ohne Sars-CoV-2 mit Themen wie dem Neubau der Städtischen Bühnen bzw. der Frankfurter Oper, dem Zusammenwachsen der Städte Frankfurt und Offenbach, den Pendlerströmen und der Mainkai-Schließung. Das tut gut – mal kein Sars-CoV-2!

Doch man kommt dieser Tage nicht dran vorbei. Was wollen wir heute Abend essen? Gemüsesuppe mit Einlage. Dafür haben wir nicht alles im Haus. Also muss eingekauft werden. Wir gehen 150 Meter die Senefelderstraße rauf, wo in der ehemaligen Man-Roland-Fabrik ein Supermarkt angesiedelt ist. Hätten wir Nudeln gebraucht (und hätten wir keine Nudeln im Notvorrat), dann hätten wir heute leichte Wahl gehabt, denn es gab kaum Auswahl.

Nudelregal am 18.3.2020.
Foto: Lutz „Bronski“ Büge

Hatten unsere Landwirtschaftsministerin und unsere Kanzlerin uns nicht versprochen, dass es keine Lieferengpässe geben werde? Doch, haben sie.

Für leere Regale wie dieses kann es viele Ursachen geben. Sie müssen nicht unbedingt auf Lieferengpässe zurückzuführen sein. Es wäre zum Beispiel möglich,

  • dass das Personal mit dem Nachfüllen nicht nachkommt. Das wäre ein Anzeichen dafür, dass die Menschen das Zeug wie wild kaufen. Also Hamsterkäufe. Nicht gut!
  • dass es nicht genug Personal gibt, um die Regale aufzufüllen. Da gibt es den Vorschlag, dass Studierende in den Läden helfen und dabei Geld verdienen können, denn die Unis sind derzeit ja dicht. Zu kurz gedacht: Lernen müssen die jungen Leute trotzdem, denn der Lehrbetrieb ruht nicht. Außerdem heißt es doch überall, dass es wir derzeit am besten zu Hause bleiben, oder?
  • dass die Lieferketten mit der Nachfrage nicht Schritt halten, denn da auch Supermärkte „just in time“ beliefert werden, um Lagerkosten so gering wie möglich zu halten, könnte es sein, dass infolge der durchkalkulierten Routine nicht genug nachbestellt wird. Vielleicht dauert es nur ein bisschen, bis der Handel so viel bestellt, wie er derzeit absetzen könnte? Die Frage wäre dann, ob die Hersteller in der Lage sind, die Produktion hochzufahren. Und wie sieht es danach im entgegengesetzten Fall aus – nämlich dann, wenn die Nachfrage einbricht, weil all die Menschen die gehorteten Nudeln verbrauchen und keine neuen kaufen? Keine leichte Situation für die Händler und Disponenten!

Es kann aber auch – gerade bei Nudeln – sehr gut sein, dass es eben doch zu Lieferengpässen kommt. Vergessen wir nicht: Einer der größten Nudelhersteller, der Weltmarktführer Barilla mit Konzernzentrale im norditalienischen Parma, hat seinen Produktionsschwerpunkt in Italien. Und das durchlebt gerade schwere Zeiten. Schon knapp 4000 Todesopfer durch Sars-CoV-2.

Doch andererseits – es scheint mir klar, dass weder Julia Klöckner noch Angela Merkel etwas anderes sagen können als das, was sie gesagt haben. Sie können sich nicht hinstellen und sagen: Wir können nicht garantieren, dass sich die Lieferketten aufrecht erhalten lassen. Das wäre eine indirekte Aufforderung zu Hamsterkäufen, und dann wäre in unseren Supermärkten die Hölle los. Also, Leute: Immer die Ruhe bewahren. Ich bin ganz ruhig.

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8 Kommentare

  1. Anna Hartl sagt:

    Lieber Bronski,
    Homeoffice-Tagebuch, gute Idee.
    War gestern im Stadtwald mit dem Rad unterwegs. Ein schöner Platz in der Sonne lud zum Verweilen ein. Kaum ein Flugzeug war unterwegs und die Geräusche der nahen Autobahn sind auf das erträgliche gesunken. Die Vögel hatten sich etwas zu erzählen, später kamen auch noch die Hirsche vorbei und ich dachte, welche ein Irrsinn. In den Supermärkten wird um Toilettenpapier gestritten, wir sehen uns einer nie dagewesenen Bedrohung durch einen Virus ausgesetzt, viele bringen es noch nicht Mal fertig, den Mindestabstand einzuhalten und in der Natur ist davon nichts zu spüren. Kommt mir teilweise fast unwirklich vor.

    Auf dem Weg nach draußen kommt mir eine leicht panische Frau entgegen, dass Ausgangstor sei mit einem Asperrband umwickelt, wo sie denn wieder aus dem Wald käme und ob das wegen Corona sei. Das Tor wurde gesichert, da es nicht mehr schließt und somit eine Gefahr für das Wild darstellt. Da hatte mich die Welt wieder eingeholt.

    Die Momente der Panik kenne ich auch. Bei mir sind es die ständig steigenden Fallzahlen und die Unvernunft meiner Mitmenschen.

    Es gibt aber auch sehr schöne Momente. Auf der Suche nach Toilettenpapier im Supermarkt vielen mir die Servietten ins Auge und ich sagte zur Verkäuferin, dass wenn alle Stricke reißen, ich davon noch 2 Päckchen zu Hause hätte. Sie gab mir ein Packet Toilettenpapier, dass seit einer Woche unabgeholt im Mitarbeiterbereich lag und bei Blume 2000 erhielt ich einen Arm voll Pflanzen geschenkt. Ich treffe Leute, die ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen habe, weil viele Menschen plötzlich Zeit haben und wie ich in der Natur unterwegs sind.

    Ich hoffe sehr, dass wir aus dieser Krise auch lernen werden, was wirklich wichtig ist im Leben und dass die Wertschätzung des anderen eine neue Bedeutung gewinnt.

    Grüße an die Sittiche und alles gute, Anna Hartl

  2. hans sagt:

    Ich schreibe hier in Bloog schon seit Jahren mit. Warum sollte ich jetzt damit aufhören? Mal sehen wie sich das alles weiter entwickelt. ich finde das Tagebuch zuerst mal ganz gut und alles was ich hier regelmäßig oder unregelmaßig einstelle wird zur Überschrift gehören: Wenn das Virus näher kommt. Meine derzeitige Situation stellt sich wie folgt da. Gestern ist eine Nachbarin meiner Mutter an Corona gestorben. Sie hat mit Wahrscheinlichkeit meine Mutter bei einem Besuch angesteckt. Sie befindet sich derzeit im Krankenhaus und wir warten auf das Ergebnis von ihrem Coronatest. Die Symptome von gestern Abend lassen Optimismus nach meiner Einschätzung nur begrenzt zu. Meine Mutter ist Pflegestufe 4 was erforderlich macht das sie auch von mir täglich betreut werden muss. Mit jetzt natürlich allen Ansteckungsrisiken für alle Kontaktpersonen( z.B. auch Pflegedienst). Mit dem Gesundheitsamt habe ich die letzten 18-20 Stunden öfters telefoniert. Die derzeitige Aussage ist abwarten was beim Test meiner Mutter raus kommt und Kontakte vermeiden. Das ist der Stand heute 11:30 Uhr.
    Was denkt man in so einer Situation? Die Fragen die einem so durch den Kopf gehen sind schon ein Stück weit andere geworden. Natürlich steht im Vordergrund wie steht es um meine Mutter und wie fällt der Test aus. Es gibt aber auch die Themen wie war der Kontakt zu anderen Menschen, meiner Partnerin, meinen Kindern und Bekannten die letzten Tage. Ab wann und wie lange ist man ansteckend wenn es schlecht kommt. Wie groß ist wirklich das eigene Risiko. Ich z.B. habe Astma. Wenn ich dann höre wie sich viele draußen im Leben verhalten fällt mir nur ein das der Herr wohl Gehirn wirklich ungerecht verteilt hat. Ich denke das soll es erst mal gewesen sein. Ob ich weiter schreibe zum Thema weiß ich selbst noch nicht. Vielleicht entwickelt sich ja doch alles positiv.

  3. Bronski sagt:

    @ hans

    Lieber hans, zuerst möchte ich Ihnen, Ihrer Mutter und Ihrer Familie die Daumen drücken, dass die Infektion glimpflich ausgeht, wenn es eine ist. Mit Nachdruck: Alles Gute! Natürlich möchte ich Sie auch ermuntern, uns hier auf dem Laufenden zu halten!

    Gruß, Bronski

  4. Hallo Hans,
    Ihnen und ihrer Frau Mutter wünsche ich alles Gute für den Test und den ganzen Rest. Es ist ein besonderes Gefühl, wenn das ganze immer näher kommt. Was für Zeiten ! Daumen hoch von hier aus !!

  5. hans sagt:

    Den heutigen Tag kann man eigentlich mit wenigen Worten beschreiben, warten auf das Testergebnis. Eins vorweg wir haben es immer noch nicht. Frühestens sollten wir um 13 Uhr anrufen, dann um 15, dann um 16, dann um 18 Uhr und jetzt soll das Testergebnis morgen früh kommen. Mit jedem Termin nahm dieses Thema mehr Raum in den Gedanken ein. Ob ich heute Nacht Ruhe finde? Nach dem ich heute Abend wie jeden Abend inhaliert habe um mein Astma im Griff zu behalten habe ich leichte Probleme bekommen. Das ich einen Gruß von meinem Astma bekomme ist selten kommt aber vor, oder ist der Gruß gar nicht vom Astma? Wenn morgen raus kommt das meine Mutter Corona negativ ist und das alles reine Einbildung ist, habe ich wohl einen Schuss. Oder vielleicht nur beim Tema Astma einen schlechte Tag gehabt. Ansonsten hat sich meine Familie untereinander und mit der Familie der verstorbenen Nachbarin ausgetauscht. Wir kennen uns ja ein ganzes Leben und sind auch gut befreundet. Da war oft das Thema das wir aus dem Krankenhaus hören das es meiner Mutter besser als gestern geht. Zum Abschluss muss ich sagen das es mir Stand heute sogar gut bekommt das Ganze hier niedergeschrieben zu haben.

  6. I. Werner sagt:

    Lieber Hans, Sie sind mir blognachbarschaftlich sehr vertraut, Ihre Beiträge zur Energiepolitik habe ich immer sehr aufmerksam gelesen und Ihre Beharrlichkeit bewundert, sie hat mich auch gefreut. Jetzt bedroht uns alle ein Virus, von dem wir hoffen, dass es uns verschont. Nun kann es eventuell bei Ihrer Mutter und vielleicht auch bei Ihnen zu Erkrankungen führen. Ich verstehe, dass Sie da sehr schnell ein Testergebnis erwarten. Warten, warten kann sehr zermürbend sein. Ich warte und hoffe jetzt mit Ihnen. Mitfühlende Grüße, I. Werner

  7. Anna Hartl sagt:

    Hallo Hans, Ihrer Mutter und Ihnen wünsche ich alles gute und hoffe mit Ihnen auf ein negatives Ergebnis.
    Das Ihr Asthma sich meldet, kann auch mit der Stresssituation, in der Sie sich momentan befinden, zu tun haben.
    Ich merke es seit Tagen an meinem Blutdruck.
    Was mir durch den Kopf ging, ob inhalieren nicht grundsätzlich gut ist. Mir machen die Pollen zu schaffen und um meine Nase frei zu bekommen, hänge ich morgens kurz über heißem Wasser. Wie ich der Presse entnommen habe, mag der Virus Hitze nicht. Vielleicht hilft das ja.

  8. Jürgen Malyssek sagt:

    @ hans

    Meine besten Wünsche!

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