Einfach nur traurig und schrecklich

Es ist einfach nur traurig und schrecklich. Ein Mann stößt im Frankfurter Hauptbahnhof einen achtjährigen Jungen ins Gleisbett vor einen einfahrenden Zug, dann die Mutter des Jungen. Sie kann sich verletzt retten, ihr Sohn wird überfahren und stirbt. Eine weitere Frau, die der Mann ebenfalls stoßen wollte, wird leicht verletzt. Der Mörder flüchtet, Passagiere und Passanten verfolgen ihn, es gelingt, ihn zu stellen. Die Polizei nimmt ihn fest. Es stellt sich heraus: Der Mann, ein Schwarzer, ist eritreischer Herkunft und kommt aus der Schweiz, in die er 2006 illegal eingereist war. Zwei Jahre später hat er dort Asyl erhalten. Unbekannt ist bisher, ob er Christ oder Muslim ist. Er hat selbst Familie, drei Kinder, und war auf der Flucht: Seit er eine Nachbarin mit einem Messer bedroht hatte, sucht die Schweizer Polizei nach ihm. Niemand weiß bisher, warum er Mutter und Sohn vor den Zug gestoßen hat. Dieses Wissen würde der Tat wohl auch kaum an Schrecken nehmen. Die Mutter ist vermutlich für ihr Leben gezeichnet und traumatisiert. Der Versuch, die Tat zu verstehen, kann ihr zwar vielleicht irgendwann hilfreich sein – aber wenn es da nichts zu verstehen gibt? Wenn diese Mordtat ganz einfach nur sinnlos war und ist? Wenn es kein Motiv gab und gibt? Wenn der Mann tatsächlich, wie bereits zu hören war, psychisch krank sein sollte? Mein Mitgefühl – und sicher auch Deines und Ihres – ist mit dieser armen Frau.

HbfEs ist einfach nur schrecklich – auch weil es jeden hätte treffen können. Ist Ihnen der Gedanke schon mal gekommen, jemand könnte Sie vor den Zug stoßen? Mir drängt er sich auf dem Bahnsteig regelmäßig auf, auch wenn ich sehe, wie dicht manche Menschen am Bahnsteigrand stehen, trotz der Markierungen, die davor warnen. Es ist auch durchaus schon mal passiert: Am 20. Juli, also erst vor kurzem, wurde in Voerde eine 34-jährige Frau von einem 28-jährigen Mann vor den Zug gestoßen. Dieser Mann war polizeibekannt und galt als extrem aggressiv. Es gibt offenbar keinen nachvollziehbaren Grund für die Tat, kein Motiv. Gegen solche Taten ist kein hundertprozentiger Schutz möglich. Ist das eine Sicherheitslücke?

Schrecklich ist auch, wie die Mordtat sofort von rechten Hetzern aufgegriffen und im Netz verbreitet wurde – und zwar ganz klar mit der Absicht, Stimmung gegen Ausländer und Migranten zu machen. Auch die AfD-Politikerin Alice Weidel tat sich in dieser Weise hervor. Ich zitiere sie hier nicht, verlinke aber auf FR-Berichterstattung. An diesen Behauptungen ist sachlich so gut wie alles falsch, aber das kümmert Weidel anscheinend nicht. Vermutlich geht es ihr lediglich um Stimmungsmache. Wie verzweifelt muss die AfD sein, wenn sie nach jedem Strohhalm greift, um ihr einziges Thema, die Flüchtlinge, in ihrem Sinne auszuschlachten? Denn dieses Thema droht, ihr abhanden zu kommen. Doch der Täter war kein Flüchtling, und auch die Tatsache, dass er von schwarzer Hautfarbe ist, liefert nichts, was zur Erklärung oder zum Verständnis der Tat hilfreich sein könnte. Die Art, wie die Rechten das Thema auszuschlachten versuchen, ist einfach nur widerlich. So fühlte sich FR-Autor Stephan Hebel herausgefordert, ihnen zuzurufen: „Hetzer, haltet mal den Mund!“ Und FR-Chefredakteurin Bascha Mika listet im Leitartikel auf, was in der Debatte schiefläuft. Derweil wird in der Medienlandschaft erneut darüber diskutiert, wann es nötig und erforderlich ist, in der Berichterstattung Informationen wie die Herkunft eines mutmaßlichen Täters mitzuliefern. Bisher sagt der Pressecodex: Das machen wir dann, wenn es für das Verständnis der Tat relevant ist, wenn ein „begründbarer Sachzusammenhang“ besteht. Das ist im Fall der Frankfurter Mordtat nicht so. Jedenfalls nicht nach den bisher vorliegenden Informationen.

Balken 4Eine neue Art von Gewalt

Meines Erachtens haben wir es hier mit einer neuen Art von Gewalt zu tun, mit dem wir umgehen müssen. Als Sofortmaßnahme schlage ich vor, dass 1. Fahrgäste aufgefordert werden, bis zum Einfahren des Zuges zunächst genügend Abstand zum Einstieg zu nehmen. Außerdem ist es zwingend erforderlich bei Einfahrt des Zuges egal ob U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn oder Zug Schrittgeschwindigkeit vorzuschreiben, das würde sofort vor Wiederholungstätern schützen. Wie haben wir uns denn verhalten, bei solchen Bedrohungen im Flugverkehr?

Bernd Kreuzberger, Heusenstamm

Psychische Krankheiten greifen in einer kranken Gesellschaft um sich

Es gibt keinen validen Zusammenhang zwischen der Herkunft des Täters und seiner Tat. Es gibt auch keinen Zusammenhang zwischen den Beschlüssen zur dramatischen Flüchtlingssituation 2015 und der Tat im Frankfurter Hbf. Es gibt sehr wohl das Interesse rechter Kreise, die Erinnerung an den Mord am Regierungspräsident Lübcke und dem Tötungsversuch in Wächtersbach aus dem öffentlichen Gedächtnis zu löschem. Dies ist eine kranke Gesellschaft, in der geistige Brandstifter bis in die höchsten Ämter zu finden sind und in der psychische Krankheiten um sich greifen, in der destabilisierte Menschen kriminell werden. In US-Schulen, am Hbf, bei den NSU-Morden, in Freiburg und Freital,.. und natürlich in den traumatisierenden Kriegen, auch unter Beteiligung von Nato-Staaten.

Bernhard Trautvetter, Essen

Rassisten wollen dieses Land zerstören

Verehrter, lieber Stephan Hebel, als sehr langjähriger und unverbesserlicher FR – und vor allem Leser Ihrer stets kritisch-differen-zierten, politischen Kommentare, die mir immer auch politische Orientierungs- und Meinungsbildungshilfe waren und sind, möchte ich Ihnen und emotional sehr bewegt einfach nur „Danke“ für Ihren jüngsten Kommentar „Hetzer, haltet mal den Mund!“ (FR-NEWS, 29.7.19) sagen.
Als ich die Nachricht von diesem barbarischen Anschlag auf die Menschlichkeit auf dem Frankfurter Hauptbahnhof gegen eine Mutter und ihren 8-jährigen Sohn, bei dem dieser sein noch so junges Leben verlor, las und später dann erfuhr, dass es ein mutmaßlicher Täter eritreischer Staatsangehörigkeit gewesen sein soll, reagierte ich nahezu intuitiv: „Hoffentlich fühlen sich jetzt nicht gleich wieder Dutzende von mehr oder weniger politisch berufenen Figuren, aufgefordert, ihre Hetzparolen abzusondern. Sie, Stephan, haben meine Befürchtungen postwendend bestätigt und auf eine öffentliche Reaktion der AfD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Frau A. Weidel Bezug genommen. Ich habe sie im Augenblick noch nicht gelesen, bin mir aber sicher, dass diese Person des öffentlichen Lebens angesichts ihrer bisherigen Äußerungen zu Flüchtlingen und Asylbewerbern dieses monströse Ereignis zur menschenverachtenden und rassistischen Stimmungsbildung nutzen will.
Wir erleben zur Zeit einen amerikanischen Präsidenten, der es darauf abgesehen hat, seine politischen Gegner mit übelsten und rassistischen Beleidigungen zu zerstören. Und wir werden Zeitzeugen, dass in diesem Land des zivilisierten demokratischen Ursprungs aller modernen staatlichen Gesellschaften es noch kaum wirksamen Widerstand gegen diese Zerstörung gibt.
Verehrter Stephan Hebel, Sie hätten die Überschrift Ihres Kommentars erweitern sollen: „Hetzer, haltet mal endlich den Mund!“

Ulrich Steinbrink, Hofheim

Mit Schrittgeschwindigkeit in den Bahnhof

Wenn alle Zugführer angewiesen werden, nicht erst Bahnhof abzubremsen sondern kurz vor Eintritt in den Bahnhof, so dass sie de facto in Schrittgeschwindigkeit in den Bahnhof einrollen, kann niemand mehr in einem Bahnhof auf den Gleisen zu Tode kommen, weil der Zugführer einen Zug bei Schrittgeschwindigkeit sofort zum Stehen bekommt. Diese Verhaltensweise ist sofort umsetzbar und sie kostet kein Geld, lediglich die Einfahrt in einen Bahnhof dauert ein paar Minuten länger – und das sollte tolerierbar sein.
Ich wünsche mir sehr, dass mein Vorschlag möglichst schnell in den Posteingängen meiner diversen Adressaten gelesen und an die entsprechenden Entscheidungsträger weitergeleitet wird. Da ich die Zuständigkeiten nicht kenne, habe ich eine möglichst heterogene „Gruppe“ zusammengestellt, an die ich diese mail sende.

Monika Richter, Berlin

Der Hauptbahnhof hat seine Unschuld verloren

Seit meiner frühesten Kindheit in den fünfziger Jahren, als ich mit meinen Eltern die Stadt besuchte, beeindruckte mich dieses prachtvolle Gebäude, das vom Krieg weitestgehend verschont geblieben war. Innen das bunte und hektische Treiben der Reisenden, die es meistens sehr eilig hatten, um zu ihren Zügen zu kommen. Die unterschiedlichsten Menschen aus den verschiedensten Gegenden, entweder mit Koffern bepackt oder mit Aktentaschen unterm Arm.
Die eigene Welt in dieser gigantischen, gläsernen Halle mit den vielen Geschäften und Verkaufsständen, zusammen mit den Geräuschen, den Lautsprecheransagen und den ein- und ausfahrenden Zügen. In meiner Erinnerung ein immer wieder faszinierender, einmaliger Mix des pulsierenden, städtischen Lebens in Frankfurt.
Auch später, ob als Schüler oder als Beschäftigter in einem Unternehmen, das im Bahnhofsviertel angesiedelt war, gehörte der Bahnhof immer irgendwie zu meinem Leben dazu. Ähnlich wie am Flughafen zeigt sich eigentlich nur hier als Verkehrsknotenpunkt die „Metropole“, die „Weltstadt“ Frankfurt am Main. Im Vergleich mit anderen Städten machten mich diese Orte auch immer etwas stolz auf meine Heimatstadt. Hinzu kam immer das schöne Gefühl, nach einer Reise „zu Hause“ in FRA anzukommen, im Hauptbahnhof einzufahren und auszusteigen. Und zu guter Letzt: Ich fühlte mich, gerade unter all den vielen „Fremden“ in all den Jahrzehnten immer wohl und total sicher!
Doch jetzt, nach dieser schrecklichen und unfassbaren Tat eines einzelnen Menschen, bin ich nur noch sehr traurig und mein Mitgefühl gilt der Mutter und den Angehörigen des kleinen Jungen. Kann es sein, dass durch diese eine Tat, die nur Sekunden dauerte, sich so Vieles aus Jahrzehnten ändert? Für mich hat der große, stolze und schöne Hauptbahnhof für immer seine Unschuld verloren.

Hans Günter Thorwarth, Dreieich

Einfach mal den Mund halten

Als wäre die Tat nicht schon schrecklich genug, wird der Schrecken noch dadurch vergrößert, dass sich sofort alle möglichen Berufenen und insbesondere Unberufenen mit substanzlosen Beiträgen in die Medien drängen. Von einem Herrn Amthor über AfD-Provokateure bis hin zu ProBahn. Leider finden diese wichtigtuerischen Stimmen dann auch noch medialen Widerhall. Sind diese Leute denn so abgestumpft, dass sie nicht einmal einen Hauch von Ehrfurcht zeigen und einfach mal den Mund halten können?

Nikolaus Jöckel, Offenbach

Wo Schweigen und Trauer angesagt wäre

Es gibt Situationen, in denen man normalerweise angesichts des grausamen Verbrechens in Frankfurt innehalten und Anteilnahme zeigen sollte. Doch der Frankfurter Gewaltakt dient skrupellosen AfD-Politikern wie Alice Weidel dazu, gegen ausländische Mitmenschen zu hetzen und für sich daraus Kapital zu schlagen. Das, was sich auf Twitter und im Netz abspielt, ist total unterirdisch und belegt erneut, wie charakter- und gewissenlos diese Partei und ihre Repräsentanten aus dem großen menschlichen Leid, das in Frankfurt zu beklagen ist, politisches Kapital schlagen wollen. Wieder wird ein Gegensatz zwischen den angeblich guten Deutschen und den „ausländischen Verbrechern“ hergestellt. So wird Stimmung erzeugt und Hass auf Minderheiten initiiert, wo Schweigen und Trauer angesagt wären. Zu der rechten Terrortat in Wächtersbach hört man von der AfD und den Rechten in dieser Republik Garnichts, weil in deren Denke das Leben eines Eritreers offensichtlich weniger wert ist als das eines Deutschen. Eine ungeheuerliche Heuchelei steckt hinter diesem Verhalten. Stephan Hebel trifft es vollkommen richtig, wenn er die rechten Hetzer dazu auffordert, endlich den Mund zu halten und den Zusammenhalt, das friedliche Miteinander von Menschen mehrerer Nationen nicht zu zerstören. Das, was die AfD praktiziert, ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

Manfred Kirsch, Neuwied

Absolute Sicherheit gibt es nicht

Es ist lobenswert von Herrn Seehofer, wenn er auf unseren Bahnhöfen für mehr Sicherheit sorgen will. Wie soll dies aber geschehen? Unsere Bahnhöfe sind ja nicht immer nur zehn Meter lang, so dass man diese leichter überschauen könnte, sondern wesentlich länger. Vor allen Dingen nicht alle nur absolut gerade und überschaubar. Wenn unser Bundesinnenminister jetzt nur Bahnhöfe der Deutschen Bahn im Visier hat, was aber passiert auf allen anderen Bahnsteigen und Haltestellen von z.B. U-Bahn, S-Bahn usw.? Wo will Herr Seehofer das Personal hernehmen, wenn es doch jetzt schon vorne und hinten fehlt? Hat man bei uns ein etwas größeres Ereignis, werden ja jetzt schon im gesamten Bundesgebiet Polizisten abgezogen, um dort für – vermeintliche – Sicherheit zu sorgen.
Selbst wenn man davon ausgeht, dass ein paar Meter neben einem Gewalttäter/Gefährder ein Polizist oder Wachmann steht, kann vor direkt einfahrendem Zug dennoch jemand ins Gleisbett oder Schienen gestoßen werden. Absolute Sicherheit gibt es leider nicht. Von den Personalkosten, die eine Vermehrung der Polizei nach sich zieht, noch gar nicht gesprochen. Meiner Meinung nach ist es blanker Aktionismus, der vermeintliche Handlungsbereitschaft durch unseren Bundesinnenminister aufzeigen soll.

Alois Sepp, München

Warum dieser Hass?

Es ist für mich unbegreiflich, wie man auf eine schreckliche Tat, wie am Frankfurter Hauptbahnhof verübt, mit einem derartigen Hass Frau und Kinder des Täters bedrohen kann. Ist es nicht entsetzlich genug, dass ein Kind getötet wurde? Gibt es keinen Raum mehr zu trauern? Wo bleibt die Anteilnahme mit der Mutter? Mit all den anderen vor Ort, die Zeugen dieser Tat wurden? Warum dieser Hass? Haben wir verlernt, dass wir für unsere Empfindungen selbst verantwortlich sind? Dass es jeder einzelne in der Hand hat, wie er auf Geschehnisse wie dieses reagiert? Keine Tat entbindet uns von dieser Verantwortung. Ich dachte, ich lebe in einem zivilisierten Land, in dem erst denken und dann handeln/sprechen kommt. Davon ist in Teilen dieser Gesellschaft nichts mehr zu spüren. Blindwütig wird der Hass in die Welt getragen. „Wir“ wurden mal das Land der Dichter und Denker genannt. Als was soll diese Zeit in die Geschichte eingehen? Als die Zeit der von Hass zerstörten Menschlichkeit ? Ist es nicht ungeheuer beschämend für ein Land, das so viel geschafft und geschaffen hat? Hass ist ein Gefühl, dass immens zerstörerisch ist, sich immer weiter in einem Menschen , in einer Gesellschaft ausbreiten kann. Ich möchte allen die so fühlen zurufen: hören Sie auf damit! Es wird Sie zerstören und letztendlich auch dieses Land. Richten Sie Ihren Blick auf das, was dieses Land erreicht hat, aus dem Schutt und der Asche des 2. Weltkrieges aufgebaut hat, auf die Schönheit unserer Natur. Auf die immer noch in vielen Bereichen vorhandene Bereitschaft eines helfenden Miteinanders und teilen Sie was wir auch besitzen Mitmenschlichkeit! Denn so wie es ist, ist die Bedrohung der Zerstörung durch den Hass größer als es jede Gefahr von „außen “ sein kann.

Anna Hartl, Frankfurt

9 Kommentare

  1. Hans Günter Thorwarth sagt:

    Es ist immer wieder interessant festzustellen, dass es Leute gibt, die sich anmaßen über Zeitpunkt und/oder Inhalt von Gefühls- und Meinungsäußerungen, die andere Menschen bewegt und ihnen selbst aber nicht ins politische Bild passen, zu bestimmen und in ihrer Arroganz anscheinend nicht bemerken, dass sie damit selbst ein merkwürdiges Demokratieverständnis an den Tag legen.

  2. Brigitte Ernst sagt:

    Hans Günter Thorwarth

    Könnten Sie bitte etwas genauer erklären, wen Sie mit diesen arroganten Menschen mit dem merkwürdigen Demokratieverständnis meinen?

  3. Waltraud Krebsbach-Hess sagt:

    Auf das Unfassbare im Frankfurter Bahnhof melden sich umgehend Seelsorger und Therapeuten zu Wort. Sie vermitteln den Eindruck, dass ohne ihre Hilfe das Trauma nicht zu bewältigen sei. Aber was braucht ein derart traumatisierter Mensch? Zuhören? Begleitung? Tröstende Worte? Gemeinsames Schweigen? Im Arm gehalten werden? Von Alltagspflichten entlastet werden? All das hat früher die Familie und der Freundeskreis geleistet und tut es in den allermeisten Fällen heute noch.
    Ich finde es bedenklich,dass dies so ganz ausgeblendet wird und der Eindruck vermittelt wird, wir seien mittlerweile sozial so degeneriert, das wir Lebenskrisen nur noch mit Therapeuten bewältigen können.

  4. Bernfried Kleinsorge sagt:

    Mehr Polizeipräsenz, mehr Videoüberwachung, Technische Sicherungen an Bahnhöfen, Bahnsteigkarten, Schrittgeschwindigkeit bei der Einfahrt – wieder gilt: Alles muss raus! Der aktuelle Ideenwettbewerb zum jüngsten Kriminalfall mit Migranten-Bezug. Keine Frage: Eine schreckliche Tat, und alles Mitgefühl gilt der Mutter und der Familie! Aber die Reaktionen eines Teils der Öffentlichkeit und der Politik finde ich erneut unerträglich, weil einmal mehr der Eindruck erweckt wird, dass eine solche Tat verhinderbar sei. Die Verantwortlichen verweigern das ehrliche Eingeständnis, dass eine solche Tat jederzeit und überall erneut möglich ist und von niemandem verhindert werden kann! Zum Einen: Was wird denn gefordert, wenn z. B. als nächstes jemand vom Bürgersteig aus auf die Straße vor einen LKW oder Bus geschubst werden sollte? Zum Anderen: Was wurde denn gefordert, als der letzte Attentäter mit einem Auto in ein Menschenmenge gefahren ist? Wurde Schrittgeschwindigkeit für Autos in der Nähe von Fußgängern gefordert? Oder überall technische Sicherungen an Bürgersteigen? Ich kann mich nicht erinnern. Zum Dritten aber: Nach wie vor werden Tag für Tag ca. 10 Menschen im Straßenverkehr getötet, was von der ganzen Gesellschaft als selbstverständlich akzeptiert wird. Natürlich nur im Ausnahmefall mit irgendeiner Absicht (Suizid, Steinewerfer o. ä.). Die Öffentlichkeit, BILD und AfD nehmen es routinemäßig zur Kenntnis, wenn wieder ein Kind von einem abbiegenden LKW zerquetscht wurde. Den Getöteten ist es aber vermutlich egal, ob sie ein Opfer des zum Straßenverkehr gehörenden immanenten Risikos oder eines psychisch kranken Attentäters geworden sind. Wir wissen alle, dass wir potenziell lebensgefährdet sind, wenn wir am Straßenverkehr teilnehmen, in welcher Form auch immer. Damit leben wir. Und Bahnfahren bleibt auch nach diesem schrecklichen Vorfall die sicherste Art, von A nach B zu kommen.

  5. Brigitte Ernst sagt:

    @ Waltraut Krebsbach-Hess

    Sicher reicht in vielen Fällen die Zuwendung von nahestehehenden Menschen, um über ein Trauma hinwegzukommen. Oft aber auch nicht. Deshalb halte ich es für einen Fortschritt, dass wir heute speziell ausgebildete Leute haben, die (zusätzlich?) helfen können. Wie viele dauerhaft seelisch Geschädigte haben z.B. die Nazizeit und die beiden Weltkriege hinterlassen? Ganze Familien gleichermaßen traumatisiert und kaum jemand da, der therapeutisch wirken konnte. Was für ein Ballast der nachfolgenden Generation da aufgebürdet wird, haben wir doch selbst erlebt.

  6. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bernfried Kleinsorge

    Es ist eben doch ein Unterschied, ob jemand durch einen Unglücksfall ums Leben kommt oder von einem anderen Menschen absichtlich getötet wird. Auch für das Opfer, wenn es noch so viel Zeit hat, die Attacke wahrzunehmen, und als letzte Erfahrung in seinem Leben die tödliche Gewalt eines Mitmenschen erfährt.
    Auch die Angehörigen leiden wahrscheinlich mehr, gerade wenn es sich um ein hilfloses Kind handelt, wenn sie den Rest ihres Lebens mit der Erfahrung derartiger Gewalt zubringen müssen.

  7. Bernfried Kleinsorge sagt:

    Ja, zugegegeben: Meine Aussage war provokativ in Bezug auf das Empfinden der Opfer. Und die Angehörigen leiden mehr bei einer Gewalttat, das ist keine Frage. Der Kern meiner Aussage war jedoch ein Anderer: Nämlich zum einen die Unmöglichkeit, eine solche Tat zu verhindern und zum Anderen das vielfach höhere Risiko, im Straßenverkehr zu Tode zu kommen, das wir alle selbstverständlich in Kauf nehmen.
    Und noch was: Heute findet sich im Lokateil irgendwo in der Mitte folgende kleine Nachricht: Am Samstagabend hat ein Mann sich und seinen Sohn auf der A45 getötet, indem er ihn von der Brücke stürzte und dann selbst sprang.
    Zwei absichtlich und auf ähnliche Art und Weise getötete, unschuldige Kinder, aber welche unterschiedliche Reaktionen in der Öffentlichkeit dazu! Ist das nachvollziehbar? Für mich definitiv nicht.

  8. Brigitte Ernst sagt:

    Eigentlich ist es erschütternder, wenn ein Vater sein eigenes Kind tötet. Aber in beiden Fällen würde ich es als Tat eines Kranken werten. Einmal erweiterter Suizid – eine Tat, die häufiger vorkommt und uns deshalb nicht so ungewöhnlich erscheint. Und im anderen Fall eben Schizophrenie mit Verfolgungswahn. Beide Täter waren wahrscheinlich nicht zurechnungsfähig.

  9. Wulfhard Bäumlein sagt:

    Es hätte der Seriosität Ihres Berichts keinerlei Abbruch getan, wenn Sie erwähnt hätten, dass die meisten Freibadrandalierer im Düsseldorfer Rheinbad nordafrikanischer Herkunft waren. Und diese haben für die AfD Werbearbeit vom Feinsten geleistet. Wenn Ihre Zeitung diesen Umstand unter den Teppich kehrt, leisten auch Sie den Rechtspopulisten und –extremen Vorschub. Wenn auch ungewollt. Es ist nun mal eine Tatsache, dass es unter den hier lebenden jungen Männern maghrebinischer Herkunft eine erhebliche Minderheit gibt, die problematisch ist. Und dieser sollte man sich durchaus ohne Scheuklappen stellen.