Mit Vehemenz gegen Peter Handke

Grundsätzlich ist es jedermensch erlaubt, Fehler zu machen – sofern sie/er diese Fehler irgendwann einsieht und daraus lernt. Wir machen alle Fehler, denn wir sind Menschen. Die Rubrik „Sorry“ im Leserforum der FR legt davon Zeugnis ab. Doch bei Peter Handke geht es nicht um irgendeinen dummen Fehler in der Sache, sondern um eine Sicht auf bestimmte Dinge, die von vielen Zeitgenossen scharf verurteilt wurde. Die Debatte über Handkes Milosevic-Verehrung kocht wieder hoch angesichts der Zuerkennung des Literaturnobelpreises, und man fragt sich: Hat er gelernt, der „Trottel des Jahres 1999“ (Salman Rushdie), der das Völkermordregime von Slobodan Milosevic verteidigte? Oder hat er sich damit abgefunden, dass seine Serbien-Texte der „bleibende Schatten über seinem Werk“ bleiben würden? Kümmert es ihn, oder ist es ihm egal?

Anscheinend Letzteres. Auf die scharfe Kritik von Saša Stanišic, diesjähriger Träger des Deutschen Buchpreises, reagierte Handke dünnhäutig: „Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“ Das war eine summarische Antwort auf offenbar immer dieselben Fragen nach seinem Serbien-Irrweg, welche die Journalisten ihm stellten. Stanišic hatte in der Frankfurter Pauolskirche davon gesprochen, dass ihm der Buchpreis teils vermiest worden sei durch die Entscheidung des Nobelkomitees, und er sagte zur Bergründung: „Weil ich das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt.“

So sehr es menschlich nachvollziehbar sein mag, dass einer unter Stress dünnhäutig reagiert, so wenig nachvollziehbar ist es, dass jemand vom intellektuellen Kalibers eines Handke nicht in der Lage zu sein scheint, das Irrige an seinem Weg zu erkennen. Er hat erkennbar die nationalistische Propaganda des Milosvic-Regimes übernommen. Für einen kritischen Geist kommt es einer Bankrotterklärung gleichkommen, überhaupt Propaganda zu übernehmen. Fehler dürfen passieren, siehe oben. Handke habe zu den Inhalten seines strittigen Textes „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ (Link führt zu Wikipedia) später „eine sehr viel nachdenklichere Haltung“ eingenommen, schreibt Harry Nutt in der FR. Doch er hat sich bis heute nicht davon distanziert. So kann der Autor Tijan Sila Handke im Spiegel-Streitgespräch des krassen Nebeneinanders „von Werk und Scheiße“ zeihen. In der Wortwahl dröhnen die Kriege auf dem Balkan und dröhnt Srebrenica nach.

Tolstoi, Homer, Cervantes. Handke stellt sich da in einen großen Bogen, der die gesamte abendländische Literatur umfasst, der eine Haltung beschreibt, von Werten spricht. Er sollte damit aufhören.

Balken 4Die augenscheinlich falsche Meinung ist nicht frei

So regen wir uns auf, so müssen wir nochmal richtigstellen, was 2006 schon falsch war! Der Falsche hat den Literaturnobelpreis erhalten! Ich möchte keine Stellung nehmen zu den damaligen Kriegen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Kosovo. Dazu fehlt mir einfach das Wissen. Ich toleriere keine Gewalt und bin der Meinung, dass es bei einem Krieg immer nur Verlierer gibt.
Was mir auffällt, ist diese Vehemenz, mit der jetzt gegen Peter Handke geschrieben wird, er habe keine Ahnung über die tatsächlichen Vorgänge und dichte sich seine Realität zurecht. Wir lieben unser Recht auf Meinungsfreiheit, wir sind stolz auf diese Errungenschaft, wir verteidigen sie immer wieder. Nur der Falsche darf sie nicht ergreifen. Die augenscheinlich falsche Meinung ist nicht frei. Und daran müssen wir uns alle messen. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, Richtig und Falsch. Es gibt eine Vielzahl von Grautönen, die in jedem von uns stecken. Weil also Realität und unsere Wunsch nach Richtig und Falsch so weit auseinander klaffen, darum gibt es Kriege. Wir, die wir in unseren Augen eine falsche Meinung vernichten wollen, sind ebenfalls Teil des Kriegstreibens. Solange der eine glaubt, es besser zu wissen als der andere, und damit den anderen kleinmacht, wird dieser sich wehren. Solange wir nicht aushalten, zwei manchmal konträre Ansichten bestehen zu lasse, sind wir Teil eines Konfliktes. Und mal sind wir der eine und mal der andere. Peter Handke war einfach der andere, in einem anderen Konflikt könnten auch wir es sein.

Michaela Kaiser, Schwalbach

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Handke erfüllte alle Kriterien des Rassismus

Schade, dass Peter Handke nicht bei seiner poetischen Innerlichkeit geblieben ist. So ist ihm in „Wunschloses Unglück“ eine subtile gekonnte Schilderung seiner Mutter gelungen. Seine Vatersuche blieb dagegen Klischee-verhaftet und auf der frühkindlichen Identifizierungsstufe: Wer so charmant sein kann wie Karadzic und Milosevic und so schwülstig die tragische serbische Volksseele besingen kann, kann unmöglich Massenmörder sein. Die erkennt man nämlich am grimmigen Gesichtsausdruck, der ihre Vampirzähne verbirgt. Und so läuft er mit gläubig-kindlichen Augen durch serbische Lande und lässt sich von kaltsichtigen westlichen Lohnschreibern seine Vater-Sohn-Idylle nicht vermiesen. Wäre er schon 1991/92 am Drina-Ufer lustgewandelt, dann wäre sein hochgestimmter Idyllenblick von hunderten dahintreibender alter Muselmanenleichen abgelenkt worden. Dann hätte ihm seine innere Stimme verraten, dass das sicher diejenigen waren, die ihre „Serbischstämmigkeit“ verraten hatten und Gott sei Dank von stolzen Serben daran gehindert worden sind, eine „eigenmächtige Staatserhebung“ anzuzetteln. Als Dank für seine serbophone Hofsängerei durfte Handke sogar Milosevics Leichenhymne singen und sich jetzt durch den Literaturpreis bestätigt fühlen. Fehlt nur noch die Heiligsprechung durch die serbisch-orthodoxe Kirche. Hat eigentlich schon mal jemand festgestellt, dass Handke alle Kriterien des Rassismus („serbischstämmige Muselmanen“) und der Genozid-Relativierung erfüllt: Was soll das inszenierte Rumgeheule der Srebrenica-Witwen? War doch nicht mal ein Vogelschiss! Gauland, übernehmen Sie!

Claus Metz, Bad Vilbel

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Kroatien wurde sofort anerkannt

Ich habe gewartet – drei Tage. Viel Geschriebenes zum Thema. Biographisch-Eingeübtes. Doch nicht das, was Peter Kümmel in der Zeit vom 17.10. aus seinen Interviews mit Handke berichtet. Keine Relativierung der Mordaktionen in den Jugoslawien–Kriegen. Auf keiner Seite! Das ist meine Position. Dennoch muss die Wahrheit erschrieben werden – durch Überprüfung…
Handke äußert im Interview, die ganze Welt habe Serbien alleingelassen. Der größte Skandal der Nachkriegsgeschichte sei das. Sofort wird Kroatien anerkannt. (19. April 2019.) Das hat Tragkraft, denn der damalige deutsche Außenminister Genscher bediente das Selbstbestimmungsrecht mit Staatswerdung Kroatiens, Sloweniens usw. Doch was sollte aus dem übrigen Bundesrepublik Jugoslawien werden? Egal. Und heute in anderen Regionen in Europa sind Sezession und Republiksgründung verboten:
Siehe Nord- und Süditalien, Katalonien und Spanien, Schottland und Großbritannien oder Nordirland, Großbritannien und EU. Gewalt ist zu befürchten, und sie gab es in der Vergangenheit in kriegerischer Weise. Eschauffiert sich Handke in ungerechte Weise?
Jugoslawien „zerfiel“ 1989/90 ratzfatz durch Genschers Aktion. Das hatte Wirkung. Die Stärkung von Nationalismus auf allen Seiten bis zum Terrorismus. Das gehört zur Wahrheit.
In Spanien ist Sezession qua Verfassung verboten. Das und vieles andere ist im Beitrag von Wölfl vergessen, verdrängt, sodass sich der Vorwurf gegen Handke, er verbreite eine Verschwörungstheorie, der Autorin schon zu Beginn ihrer „Erzählung“ gegen sich selbst richtet.

Johannes Klotz, Breisach

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Jetzt wird’s erst richtig rund!

So so, der Kriegsverbrecher Hashim Thaçi erregt sich darüber, dass dem Schriftsteller Peter Handke für sein Lebenswerk der Literaturnobelpreis verliehen wird – und die Rundschau befindet es für Wert, dies zu erwähnen. Jetzt fehlt nur noch, dass Josef Fischer, der zu seiner Zeit als Außenminister das Parlament belog über den Ausgang der Konferenz von Rambouillet, um seinen Angriffskrieg gegen Serbien führen zu können, dass auch dieser Josef Fischer noch etwas über den Nobelpreis sagt. Erst dann wird die Geschichte so richtig rund.
Handke hat sich nicht eingereiht in die Phalanx der Publizisten, die – oft ohne Kenntnis von Tatsachen – in „den Serben“ das Böse schlechthin erkannten. Dies vor allem haben viele Politiker ihm übelgenommen. Der besondere Wert und zugleich die Explosivität von Handkes Texten über Serbien liegt in seiner Bereitschaft, diejenigen als Menschen anzusehen, die bei uns verteufelt wurden. Seine gleichzeitige Distanzlosigkeit gegenüber den Machthabern fand ich unangemessen und auch nicht im Einklang mit seinem Blick für die Bevölkerung. Auch sein Wegsehen oder gar Leugnen bei den von serbischen Milizen verübten Verbrechen war und bleibt ein Fehler. Wir brauchten keinen Handke, um diese Verbrechen aufzudecken.
Hingegen wurde Handke verzweifelt dringlich für etwas anderes gebraucht: Er hat sich ab 1996 der kollektiven Jagd- und Mordlust entgegengestellt, die in Deutschland an die Serbenvernichtung der Nationalsozialisten fast bruchlos anknüpfte. Wie die damalige Bundesregierung den Balkankrieg von seinem Beginn 1992 an schürte, war irrwitzig. Handke begann 1995, dagegen seine Stimme zu erheben (1996 erschien die „Winterliche Reise“), und er war und blieb damit unter den Schriftstellern weitgehend allein. Als Fischer 1998 die Jagdlust für seinen völkerrechtswidrigen Krieg bündelte, den er dann 1999 begann, hatte die gleichartige Ausrichtung großer Teile der Presse längst ein für mich beklemmendes Ausmaß erreicht. Sie war Voraussetzung für die Kriegsführung. Selbstverständlich wusste Handke, dass er sich angreifbar macht. Aber dass heute, 2019, eine renommierte Tageszeitung das Votum eines zertifizierten Kriegsverbrechers, nämlich Thaçis, bemüht, um die Nobelpreisverleihung anzugreifen, das ist unwürdig.
Die Hetze gegen Handke, die jetzt in den Feuilletons eröffnet wird, belegt, wie wichtig auch heute eine Stimme genau wie die von Handke ist, die nicht mit der Meute bellt, sondern sich um Gerechtigkeit zumindest bemüht.

Wilfried Kerntke, Offenbach

Ein Kommentar

  1. Werner Engelmann sagt:

    Als Schriftsteller ist Peter Handke ein Kulturschaffender.
    Nach Kant gilt für „Kultur“ die „Idee der Moralität“ (der kategorische Imperativ), „d.h., dass die Menschen ihre Handlungen bewusst auf an sich gute Zwecke einrichten“. (Zitiert nach Wikipedia, „Kultur“)

    „Moralität“ gehört demnach zum Wesen literarischen Schaffens. Sie ist ebenso wenig vom literarischen Werk abtrennbar, wie man die Form vom Inhalt trennen kann
    Bekenntnis zu Völkermördern, Rechtfertigung von Genozid oder „ethnischer Säuberung“ ist also unvereinbar mit Kultur und damit auch mit Literatur, die Respekt und Anerkennung verdient.

    Der Nobelpreis für Peter Handke erscheint mir als schlimmer Fehlgriff des Nobelpreiskomitees und lässt Zweifel daran aufkommen, ob es Literatur als Kulturphänomen in seiner ganzen Breite gerecht zu werden vermag.

    Mich überzeugt der sehr ehrliche Kommentar von Thomas Kaspar „Peter Handke: Der Nobelpreis ist das Schlimmste, was ihm passieren konnte“ (https://www.fr.de/kultur/literatur/abschied-peter-handke-13139174.html)
    Ärgerlich dagegen finde ich den Leserbrief von Wilfrid Kerntke mit so bösartigen Unterstellungen wie „Jagd- und Mordlust(…), die in Deutschland an die Serbenvernichtung der Nationalsozialisten fast bruchlos anknüpfte“ und totaler Wirklichkeitsverdrängung betr. das Wüten und die Mordlust eines Milosevic oder Karadzic, die mit „Blauäugigkeit“ nicht mehr angemessen beschrieben ist.

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