Wir glauben an Versöhnung, Vertrauen und Gerechtigkeit

Wir sind im postfaktischen Zeitalter angekommen. Das haben wir nicht zuletzt durch Donald Trump gelernt. Wir haben die viel beschworene Ära namens „Informationszeitalter“ bereits hinter uns gelassen, die uns das Internet und das unermessliche Wissen, das dort unserer harrt, eröffnet hatte. Fast übergangslos also treten wir ein in eine Phase des Glaubens. Denn das bedeutet „postfaktisch“, oder nicht? Sind wir wieder im Mittelalter angekommen? Wenn jede und jeder meint, die Wahrheit zu kennen – ist das etwas anderes als Mittelalter? Wir kritisieren Muslime dafür, dass sie ihren Glauben über alles stellen, und sind selbst felsenfest davon überzeugt, dass Bill Gates die Sars-CoV-2-Pandemie nutzen will, um uns Chips einzupflanzen. Und mehr noch: Wir ignorieren alle wissenschaftlichen Erkenntnisse und gehen für diesen Glauben sogar auf die Straße. Vernunft, Deine Zeit ist vorbei! Gnade uns wer auch immer vor dem, was da kommen mag.

Also ehrlich, Leute: Wenn Ihr mich fragt und wenn es nicht dazu führen würde, dass Ihr dieses Blog nicht mehr lesen könnt – ich würde ernsthaft dafür plädieren, das Internet einfach abzuschalten. Diese Wege der Glaubensmache – ich sage bewusst nicht Meinungsmache! – tun uns allen nicht gut.

Nun hat FR-Kolumnistin Maren Urner einen Text darüber geschrieben, dass Glauben in die Kirche gehöre, und kriegt dafür zunächst mal Kontra von FR-Lesern. Ich bin überzeugt davon, dass es da draußen auch Menschen gibt, die ihren Gedankengängen etwas abgewinnen können.

fr-debatteWenig Wissen über Glauben

Der Artikel von Frau Professorin Maren Urner klärt die Probleme des Glaubens leider nicht, sondern richtet ein heilloses Begriffsdurcheinander an.
Im Deutschen hat das Wort Glauben zweierlei Bedeutung. Die intransitive Form bedeutet: Ich halte etwas aufgrund meiner Kenntnisse für möglich oder richtig. Deshalb ist die Aussage der Ärztin eine richtige Verwendung des Wortes. Die transitive Bedeutung des Wortes bedeutet: Zu jemandem Vertrauen haben. Deshalb werden alle politischen oder gesellschaftlichen Entscheidungen aufgrund solchen Glaubens gefällt. Glaube gehört deswegen nicht in die Kirche, die Moschee, die Synagoge etc., sondern in unseren Alltag. Man kann nicht ohne Vertrauen zu seinem Nächsten leben. Der Glaube lehnt Veränderungen nicht ab, sondern hofft auf die Veränderbarkeit der Welt.
Das Verfahren, den Unsinn, den die Autorin zurecht zurückweist, mit Kirche, Moschee und Synagoge in Zusammenhang zu bringen, entlarvt, wie wenig Wissen doch über Religion vorhanden ist. Meinungen, die auf semantischem Unwissen beruhen, sollten auch auf der Meinungsseite der FR nicht publiziert werden.

Hermann Wilhelm, Stuttgart

fr-debatteAusdruck eines existenziellen Vertrauens

Ich sage: „Glauben gehört in die Welt“. Im Gegensatz zu der Autorin und ihrem Hinweis „ein wenig weniger Glauben und ein bisschen mehr Denken“ stelle ich fest, zwischen dem Glauben und dem Denken muss es keinen Gegensatz geben.
Allerdings vermute ich bei Frau Urner, dass sie von einer veralteten Glaubensdefinition ausgeht. Nach heutigem theologischen Verständnis bedeutet Glauben nicht das Festhalten an Inhalten, die wir (noch) nicht wissen. Eugen Drewermann schreibt in seinem Buch „Vertrauen kann man nur auf Gott“:
„Was wir als Christen Glauben nennen, darf nicht länger unsere Unwissenheit über kausale Zusammenhänge umschreiben“.
Der Glaube ist also kein Lückenbüßer für das menschliche Nicht-Wissen!
Die heutige christliche Theologie versteht dagegen Glauben als Ausdruck eines existentiellen Vertrauens, das sich deutlich macht in der Grundhaltung „Ich vertraue Dir“. In diesem Sinn begründet sich der Glaube auf ein persönliches Vertrauen auf Gott, auf ein Sich-Identifizieren mit der Botschaft Jesu. Es geht dabei also nicht um ein Für-Wahrhalten, sondern um eine Haltung.

Norbert Schneider, Nettetal

fr-debatteNicht auf der Höhe des Diskurses

Dem Anliegen der Kolumne von Frau Urner ist vorbehaltlos zuzustimmen. Gleichwohl stellt sich mir die Frage, ob die Formulierungen der Kolumne dieses Anliegen untersützen oder nicht vielmehr und leider konterkarieren. Die „fluide“ und unscharfe Verwendung von Begriffen wie „glauben“, „meinen“, „wissen“ und „denken“ bewegt sich weder auf der gegenwärtigen Höhe des wissenschaftstheoretischen und sprachphilosophischen Diskurses noch etwaiger habermas’scher Einsichten über „Erkenntnis und Interesse“ sowie der Dialektik der instrumentellen Vernunft (Adorno / Horkheimer). Es wimmelt in Bezug auf die genannten Begriffe an „Kategorienfehlern“ (Gilbert Ryle). Also denselben Fehlern, die sich die „Aluhutträger“, „Klimakrisenleugner“ und „Verschwörungstheoretiker“ zunutze machen, um ihre abstrusen „Theorien“ und die daraus resultierende Praxis zu legitimieren. Aufmerksamen Leser*innen dieses meines soeben formulierten letzten Satzes wird nicht entgangen sein, dass dieser auch einen Kategorienfehler enthält: nach streng wissenschaftstheoretischen Kriterien kann es keine Verschwörungs“theorien“ geben, sondern bestenfalls Verschwörungs“erzählungen“. Bleibt also zu wünschen, dass die Debatte künftig mit rasiermesserscharfer Begriffsdifferenzierung weiter geführt wird. Mit der einfachen Gegenüberstellung von „Wissenschaft und Empirie“ und „Glauben und Meinen“ ist diesem Anspruch nicht genüge getan – weder in der Kirche noch außerhalb.“

Günter Harmeling, Idstein

fr-debatteVersöhnung, Vertrauen und Gerechtigkeit

Von einer Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie müsste man doch erwarten können, dass sie sich mit gewissen Feinheiten der deutschen Sprache auskennt. Dass z.B. der Satz „ich glaube, dass …“ nicht unbedingt dasselbe ausdrückt wie „Ich glaube an …“ ist ja so schwer nicht zu verstehen. Frau Urner zitiert eine Ärtzin, die sich einfach nur umgangssprachlich ausdrückt und stattdessen auch hätte sagen können: „Ich meine, ich denke, ich bin dafür, dass wir amputieren.“ Später setzt sie die anfangs zitierte umgangssprachliche Verwendung des Wortes „glauben“ gleich mit dem „Für-wahr-halten“ irgendwelcher Behauptungen. Auch das geht so einfach nicht – erst recht nicht, wenn sie meint, das Glauben damit in die Kirchen einsperren zu müssen. Jedenfalls hoffe ich, dass Frau Urner als rationaler Mensch auch außerhalb der Kirche weiterhin glauben kann, zum Beispiel an die gute Zukunft ihrer Kinder, an die Verlässlichkeit ihrer besten Freundin, an die Möglichkeit friedlichen Zusammenlebens, an gerechte Verhältnisse in der Welt. Einige dieser und viele andere Begriffe und entsprechende Bilder werden in der Bibel synonym für Gott gebraucht. Und weil ich selber an Liebe und Versöhnung, an Vertrauen, Gerechtigkeit und Gemeinschaft glaube, werde ich mich von Frau Urner mit meinem Glauben nicht in die Kirche verbannen lassen. Allerdings werde ich in meinem Alltag für diesen Glauben auch geradestehen und nach Menschen suchen, die ihn mit mir teilen – innerhalb wie außerhalb der Kirche.

Georg Pape, Ginsheim-Gustavsburg

fr-debatte

Ein Kommentar

  1. „Glauben gehört in die Kirche, die Moschee, die Synagoge und die Religionshäuser dieser Welt. Er – oder seine Abwesenheit – sollte aber nicht über unsere Gesundheit entscheiden oder gar dafür sorgen, dass wir unsere Zukunft auf diesem Planeten verspielen.“ Das scheint der Kern von Maren Urners Kolumne über die Anpassung des Denkens an persönliche oder gesellschaftliche, nicht zuletzt auch religiöse Erwartungen zu sein. An den Vokabeln glauben und Glaube macht sie das exemplarisch fest. Als Nichtglaubender, der gleichwohl Mitglied in der Evangelischen Kirche geblieben ist (als Stachel im Fleisch der von Karl Marx beklagten „geistlosen Zustände“) fiel mir bei der Lektüre des Artikels Folgendes ein:

    Die Synonyme des Verbs „glauben“ reichen in der Alltagssprache von „nicht wissen“ über „annehmen“ oder „vermuten“ bis „für wahrscheinlich halten“. Damit erweist sich das Wort als untauglich für die präzise Beschreibung von Tatsachen. Denn letztere besitzen eine Qualität jenseits der bloßen Mutmaßung, eben weil sie real sind und sich verifizieren lassen. Unter der Voraussetzung, dass die demokratischen Strukturen eines Staats funktionieren, kann man der Verbindlichkeit seiner Verfassung und seiner Gesetze nicht nur vertrauen, sondern kann ihre Anwendung einfordern und sich auf sie berufen. Dieses Vertrauen ist kein Glaube, sondern die Summe der demokratischen Rechte (einschließlich der Möglichkeit, seine verfassungsmäßigen Rechtstitel bei Gericht einklagen zu können).

    Hingegen ist religiöser Glaube nur als empirische Größe vorhanden. Es gibt soundso viele Christen, Juden, Muslime, Buddhisten oder Hindus. Die Quantität sagt weder etwas über die ethische Qualität noch über die Wahrheit (Wirklichkeit) der jeweiligen Heilsbotschaft aus. Wobei der Frage nach dem Sinn einer Aussage Vorzug einzuräumen ist gegenüber der nach der Wahrheit. Denn sinnlose Aussagen sind weder wahr noch falsch. Sie bringen keinen Erkenntnisgewinn und verschleiern lediglich den tatsächlichen Gehalt (oder die tatsächliche Leere) einer Aussage.
    Die Verfechter religiöser Wahrheiten unterliegen zudem permanent der Versuchung, die logischen Ebenen zu verwechseln. Denn man kann nicht an den Glauben appellieren, wenn es zunächst darum gehen müsste, seine Inhalte formallogisch zu bestimmen. Und man darf nicht die Zustimmung zu einem Glauben voraussetzen, um über seine Inhalte diskutieren zu können. Selbst die Sprachphilosophie bietet kein System logischer Sätze zur Erkenntnis an. Ihr Anliegen ist die Methode, konkret die logische Analyse, mit deren Hilfe der Sinn bzw. der logische Status von Wörtern und Sätzen untersucht werden kann. Dadurch bewahrt sie vor unsinnigem Sprachgebrauch und sie ist dazu in der Lage, einen solchen zu entlarven.

    Ludwig Wittgenstein hat im Vorwort zu seiner sprachwissenschaftlichen Abhandlung „Tractatus logico-philosophicus“ (1921 erschienen) den Gegenstand logischer Sprache so beschrieben:
    „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Das Buch will also dem Denken eine Grenze ziehen, oder vielmehr – nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenze denken können (wir müssten also denken können, was sich nicht denken lässt). Die Grenze wird also nur in der Sprache gezogen werden können und was jenseits der Grenze liegt, wird einfach Unsinn sein.“

    In Deutschland sind Christentum, Judentum und Islam faktisch Teile einer pluralistischen Gesellschaft, wobei das Grundgesetz die Trennung von Staat und Kirche (und als rechtliche Konsequenz auch die von Staat und Synagoge sowie von Staat und Moschee) bestimmt. Das verfassungsmäßige Recht auf freie Religionsausübung versteht sich folglich im Kontext des Rechts der Anders- und Nichtgläubigen, vor Religion im gesamten öffentlichen Raum geschützt zu sein. Denn im öffentlichen Raum kann nur das Tatsächliche, das fassbar Reale einschließlich von Verfassungsgrundsätzen und Gesetzen, zur Sprache gebracht werden und es kann nur unter Einhaltung bestimmter methodischer Voraussetzungen darüber gestritten werden. Kommunikation gibt es nur auf der Grundlage öffentlicher Kommunikationsregeln (siehe oben). Und diese ergeben sich einerseits aus der logischen Methode und andererseits aus Semantik und Grammatik der deutschen Sprache.

    Der christliche Glaube, den ich hier als Beispiel herausstelle (auch weil er auf jüdischen Wurzeln steht und dadurch eine gemeinsame Geschichte von ca. 3500 Jahren nachweisen kann), basiert erstens auf nachweisbaren historischen Vorgängen, zweitens auf geglaubter Geschichte und Geschichten sowie drittens auf erhoffter Zukunft. Gemeint sind zunächst die Kriege der Israeliten um das „gelobte Land“ Kanaan, die Babylonische Gefangenschaft, die Okkupation Judäas durch das Römische Reich, das Toleranzedikt Kaiser Konstantins und schließlich die Dogmatisierung des christlichen Glaubens durch die alte (frühkatholische) Kirche im vierten Jahrhundert. Dann die zwei Schöpfungsberichte, die heilsgeschichtliche Interpretation alttestamentlicher Erzählungen und Prophezeiungen und die neutestamentlichen Evangelien. Am Ende die Zukunftsperspektiven: Ankunft bzw. Wiederkunft des Messias, des weltlichen und geistlichen Befreiers, die Auferstehung der Toten.
    Walter Benjamin hat dieses Wechselspiel aus erzählter Vergangenheit, Zukunft, realer Historie und Verkündigung „Erinnerte Zukunft und erhoffte Vergangenheit“ genannt (Walter Benjamin: Ein Sturm vom Paradiese her). Dies korrespondiert mit Horkheimer und Adornos These „Nicht um die Konservierung der Vergangenheit, sondern um die Einlösung der vergangenen Hoffnung ist es zu tun“ („Dialektik der Aufklärung“). Man erkennt, dass auch religiöse Schriften formalkorrekte Aussagen beinhalten können und nicht zwangsläufig ein Ausweichen in metaphysische Sphären bedeuten müssen.

    Die äußeren Bestandteile von Religion lassen sich nachweisen, insbesondere ihre Entstehung und dass sie uneingeschränkt Menschenwerk sind. „Der Mensch macht die Religion“ konstatierte Karl Marx zu recht, aber Religion kann auch den Menschen machen, kann ihn determinieren, insbesondere infantilisieren und obrigkeitshörig machen, sofern die gesellschaftlichen Verhältnisse das zulassen (z.B. im europäischen Mittelalter, in katholisch geprägten Ländern und in islamischen „Gottesstaaten“). Gerade weil das Religiöse immer wieder wirkungsvoll in die Geschichte der Menschheit eingegriffen hat und seine diesbezüglichen Absichten tendenziell fortbestehen, muss man von ihm verlangen, den Sinn seiner Aussagen offenzulegen.

    Der nächste und unverzichtbare Schritt nach einer Besinnung auf sprachlogisch möglich Aussagen könnte in einem Dialog zwischen Religion und säkularer Welt bestehen. Nicht im Sinn eines Wahrheitsbeweises, der nicht zu führen ist, sondern als ihr möglicher und wünschenswerter Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft. Hierzu wäre es notwendig, die religionsgeschichtlichen und theologischen Einzelwissenschaften heranzuziehen, die sich um eine Exegese im Kontext der historischen Hintergrundereignisse bemühen. Allen voran die historisch-kritische Forschung über die Entstehung „heiliger“ Texte.

    Der evangelische Theologe Rudolf Bultmann hat die bereits zur Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzende Leben-Jesu-Forschung (Hermann Samuel Reimarus, David Friedrich Strauß, Bruno Bauer, William Wrede u.a.) durch seine Methode der Entmythologisierung der neutestamentlichen Schriften zwar nicht endgültig abgeschlossen, aber doch zu einem Erkenntnisstand geführt, der bei der weiteren wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Gegenstand nicht unberücksichtigt bleiben kann. Die Quintessenz seiner Untersuchungen lässt sich in dem Satz zusammenfassen: Glaube ist nur auf der Grundlage von Wissen und wissenschaftlichem Verstehen möglich.

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