Schluss mit dem Kleinmut: Schafft die Geisteswissenschaften endlich ab!

Eine Polemik von Andreas Ohme, Jena, Gründer der Initiative Neueste Asoziale Misswirtschaft

Bildung kostet Geld, das Geld der öffentlichen Hand aber ist knapp, so dass die logische Schlussfolgerung nur lauten kann: auch bei der Bildung muss gespart werden! Zwar hat es viel zu lange gedauert, bis sich diese Einsicht in der Politik Bahn gebrochen hat, doch wurden in der ersten Dekade dieses Jahrtausends endlich zaghafte Schritte in die richtige Richtung unternommen. Vor allem gilt dies für die Hochschulpolitik. So hat etwa erst die endgültige Übertragung der Bildungshoheit auf die Länder zu einer gesunden Konkurrenzsituation zwischen den Universitäten geführt und damit auch ein längst überfälliges Nachdenken über mögliche Synergieeffekte und Einsparpotenziale ausgelöst. Unter finanziellem Aspekt ist ferner die Nivellierung der übertrieben differenzierten deutschen Hochschullandschaft mit ihren Volluniversitäten, TUs, FHs und PHs und die im Anschluss daran erfolgte Neudifferenzierung durch die Exzellenzinitiative zu begrüßen. Schließlich ist es allemal günstiger, nur einige wenige Hochschulen zu fördern als alle gleichermaßen. Auch die Umstellung der Besoldung von C- auf W-Stellen, die Verschlankung des Mittelbaus sowie die Verkürzung des Studiums verschaffen den Finanzministern die dringend nötige Entlastung.

So lobenswert all diese Anstrengungen auch sein mögen, so reichen sie allein doch keineswegs aus, soll die unumgängliche Konsolidierung der Haushalte nicht weiter verzögert werden. Gefragt sind in der Bildungspolitik mithin unkonventionelle und progressive Vorschläge, die neue Spielräume des Sparens eröffnen. Freilich können solche Vorschläge nicht pauschal formuliert werden, vielmehr gilt es dabei, die einzelnen Fachkulturen zu berücksichtigen, wie dies bereits bei der höchst differenziert verlaufenen Diskussion des Bologna-Prozesses insgesamt der Fall war. Die folgenden Überlegungen werden sich deshalb ausschließlich den Geisteswissenschaften widmen, die – trotz des gegenüber den Naturwissenschaften und der Medizin erheblich geringeren Finanzbedarfs – über das mit Abstand größte Einsparpotenzial verfügen.

Die Geisteswissenschaften – der Name ist Programm – beschäftigen sich nicht nur mit den Emanationen des Geistes, sondern wollen, unabhängig von ihrem jeweiligen Gegenstand wie dem philosophischen Denken, der Geschichte, der Sprache sowie allen Formen der Kunst, zugleich den Geist der Studierenden bilden. Daraus ergeben sich mannigfache Probleme. Eines der größten davon ist zweifellos, dass sich der Geist nicht messen lässt und sich deshalb auch der Verwertungslogik des Marktes entzieht. Da sich die Fachvertreter dieses Mankos mittlerweile bewusst geworden sind, haben sie in jüngster Zeit alles daran gesetzt, um dieses Problem zu lösen. So ist etwa die Absenkung der Anforderungen auf allen Ebenen der akademischen Ausbildung und die daraus resultierende Vergabe ausschließlich hervorragender Noten und Prädikate durchaus geeignet, einen vorderen Platz im Wettkampf um die besten Köpfe zu sichern. Die permanente Evaluation wiederum schafft die Voraussetzung für eine positive Außendarstellung, und in Zeiten zunehmender Konkurrenz muss der PR in der Tat oberste Priorität eingeräumt werden. Die schiere Quantität der Publikationen schließlich bürgt für deren Qualität – jedenfalls sind größere Rückrufaktionen bisher ausgeblieben. Zwar gehen all diese Maßnahmen in die richtige Richtung und werden von den zuständigen Ratingagenturen auch entsprechend gewürdigt, doch da die Akkreditierungen bislang noch flächendeckend ausgesprochen werden, ist deren Aussagekraft mehr als fragwürdig.

Ein noch größeres Problem der Geisteswissenschaften besteht allerdings darin, dass die Bildung des Geistes einen nicht unerheblichen Zeitaufwand erfordert. So unabdingbar der Erwerb von Wissen oder auch das Erlernen bzw. die Vertiefung einer oder mehrerer Fremdsprachen in den einzelnen Fächern sein mag, so steht in deren Mittelpunkt doch eigentlich die intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand und der Streit um die angemessene Methodik seiner Erforschung. Auf dieser Basis sollen die Studierenden dann in die Lage versetzt werden, eigenständige Positionen zu entwickeln und auch zu formulieren sowie andere Positionen kritisch zu hinterfragen – mithin Fähigkeiten, die das berufliche Fortkommen in der heutigen Zeit lediglich behindern. Zudem will all das geübt sein. Üben wiederum kostet Zeit. Zeit aber – das weiß bereits der Volksmund – ist Geld, das nun gerade fehlt. Konsequenterweise müssten die Geisteswissenschaften also abgeschafft werden.

Offenbar fehlt den Politikern hierfür jedoch der Mut, denn anstatt den großen Wurf zu wagen, werden die Geisteswissenschaften aus Angst davor, bei der nächsten Wahl von den sogenannten Bildungsbürgern abgestraft zu werden, als humanistisches Deckmäntelchen auf Sparflamme weiterbetrieben. Die Straffung der Studienzeit ihrerseits führt nun aber zu einer Verschulung der Studiengänge, die sich nicht nur in der Erstellung von Lehrplänen in Form von Modulkatalogen zeigt, sondern auch im neuen Bereich der zu erwerbenden Schlüsselqualifikationen, d. h. all jener Techniken, die an den Schulen offenbar nicht mehr vermittelt werden. Infolge dessen kann die kurz umrissene eigentliche Qualifikation durch die Geisteswissenschaften, deren Wert für die Gesellschaft ohnehin mehr als fraglich ist, nicht mehr erlangt werden. Die daraus folgende Forderung kann deshalb in der Tat nur lauten: Keine halben Sachen, sondern ganz abschaffen!

Ein solcher Befreiungsschlag würde zudem in vielfältiger Weise dem überkommenen Versorgungsdenken entgegenwirken und die Eigeninitiative stärken. So könnte beispielsweise ein angehender Manager die notwendigen Fremdsprachenkenntnisse und die rudimentären landeskundlichen Kompetenzen, die er für seine Tätigkeit braucht, auch neben der eigentlichen Ausbildung in entsprechenden Volkshochschulkursen erwerben (Stichwort: nächtelanges Lernen!). Damit würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Länder sparen nicht nur Geld, sondern die Bildungselite bringt – ganz ohne Studiengebühren – ihre finanziellen Ressourcen durch IBiL (Individuelle Bildungsleistungen) selbst wieder in den Finanzkreislauf ein. Noch effektiver wäre in dieser Hinsicht freilich die längst überfällige Legalisierung des Handels mit akademischen Titeln. Damit würde nicht nur Geld in die leeren Kassen gespült, vielmehr könnten sich die jungen Würdenträger dann umstandslos ihren eigentlichen Aufgaben widmen – etwa der Tagespolitik. Nachzudenken wäre in diesem Zusammenhang auch über einen Markt für gebrauchte Titel, also quasi ein Handel mit geistigen Emissionen. Es ist höchste Zeit, dass der Recycling-Gedanke auch in der Wissenschaft Fuß fasst, denn Selbstdenken ist schlicht unökonomisch! Ein schöner Nebeneffekt dabei wäre, dass emeritierte Professoren mit dem Verkauf des Titels ihre Pension aufbessern könnten und so die Länderkassen entlasten würden. Und wer trotzdem noch glaubt, Geisteswissenschaften studieren zu müssen, der kann ja rüber gehen, also ins Ausland. Damit wäre dann auch das leidige Problem der Mobilität im Studium gelöst.

Die Abschaffung der Geisteswissenschaften hat aber noch zwei weitere Vorteile. Zum einen gelangt durch die mutige Ankündigung von Kürzungen im Bildungsbereich die politische Rhetorik endlich wieder in Einklang mit dem politischen Handeln, wodurch der Politikverdrossenheit nachhaltig entgegengewirkt wird. Einmal mehr war es Roland Koch, der als erster diesen Weg mit brutalst möglicher Ehrlichkeit eingeschlagen hat. Andere fortschrittliche Ministerpräsidenten, wie etwa Stanislaw Tillich und Horst Seehofer, haben sich ihm mittlerweile, wenn auch noch zögerlich, angeschlossen.

Zum anderen werden an den Universitäten die letzten Residuen kritischen Denkens endgültig ausgemerzt, ein Umstand, der ein Durchregieren durchaus erleichtern dürfte. Dieser letzte Punkt ist indes von untergeordneter Bedeutung. Schließlich war selbst bei denjenigen Geisteswissenschaftlern, die noch nach dem alten System studiert haben – von einigen wenigen notorischen Störenfrieden einmal abgesehen -, kein nennenswerter Widerstand gegen die Kürzungen im Hochschulbereich zu erkennen, die aus politischem Kleinmut bislang immer noch als alternativlose Reformen verbrämt werden.

Bedarf es noch eines weiteren Belegs dafür, dass die Geisteswissenschaften ohne größeren Verlust für die Gesellschaft abgeschafft werden können?

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Diese Polemik wurde am 1.11. bereits in gekürzter Fassung als FR-Leserbrief. Hier lege ich die ungekürzte Fassung vor.  – Gruß, Bronski

3 Kommentare

  1. Max Wedell sagt:

    Aha, Geisteswissenschaften bilden also den Geist der Studenten. Nun wird mir auch klar, was die Naturwissenschaften bilden… die Natur der Studenten natürlich. 😀 Also, damit das mal allen klar ist: Auch die Naturwissenschaften bilden den Geist.

    Ansonsten geht natürlich eine tendentielle Abschaffung der Wissenschaften allgemein, nicht nur der Geisteswissenschaften, auch zu einem großen Teil von den Studenten aus. Wie die Studie ZEITLast vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung der Uni Hamburg kürzlich feststellte, wendeten Studenten statt der im Bolognia-Prozeß empfohlenen und vorgesehenen 40 Wochenstunden durchschnittlich magere 26 Wochenstunden für ihr Studium auf, weit weniger, als sie subjektiv meinten aufzuwenden.

    Liest man die Studie durch, so wird anhand vieler dort beschriebener Symptome klar, daß viele Studenten wohl sich hier nicht mit Dingen beschäftigen, für die sie „Berufung“ empfinden, sondern ihre Tätigkeit als lästige Vorbedingung für einen Beruf auffassen. Zu diesen Symptomen gehört das beobachtete verbreitete Phänomen des Bulimie-Lernens (man lernt ja nicht aus Interesse fürs Thema oder aus Freude an der Geistesbildung, sondern um die Prüfungen zu bestehen, daher tut man den Großteil des Semesters kaum etwas, aber haut dann vor den Prüfungen tüchtig rein, mit bis zu 150 Stunden pro Monat), sowie auch die Tatsache, daß ganz entgegen den tatsächlich aufgewendeten unzulänglichen Zeiten subjektiv eine hohe Belastung empfunden wird (kommt ebenfalls bei Interesse am Thema, Freude an der Geistesbildung usw. eher kaum vor).

    Ob unter solchen scheinbar weitverbreiteten Motivationslagen, d.h. wenn man das Studium als mühsamen, aber halt notwendigen Hürdenlauf vor einer späteren Beschäftigung ansieht, eine „Bildung des Geistes“ überhaupt möglich ist, d.h. mehr als das hastige Aufsammeln von Fakten zur Bewältigung von Prüfungen stattfindet, bezweifel ich ziemlich.

    Geistes- (und auch andere) Wissenschaften können nicht nur dadurch abgeschafft werden, daß jemand Geldhähne zudreht, sondern auch dadurch, daß immer weniger willens und motiviert sind, sie vernünftig zu betreiben, sich intensiv mit den jeweiligen Fachgebieten auseinanderzusetzen.

  2. Katja Wolf sagt:

    Selbstverständlich wird der Haltung zu den Geisteswissenschaften bejammert – tatsächlich abgeschafft hingegen wurde der Diplom-Ingenieur.

  3. gesdchine sagt:

    Zum G20 Problem:
    Schafft endlich alle Nationen ab, dann erledigt sich alles von selbst.
    Dann gibt es auch keine „Ausländer“ und keine „Exporte“ bzw. „Importe“ und auch keine „Währungen“ mehr — mit Ausnahme der Exporte zum Mars und den dortigen Marsmenschen.

    Wann werde ich das endlich erleben? Stattdessen noch immer nur kleinlicher Nationalitätenblödsinn und National(sozial)ismus überall…. (seit dem 19. Jh.). Zum Kotzen, ihr Schw…. überall!