Kaum noch Bezug zum Amateurfußball

Zwischen dem Breitensport Fußball, sofern er in Vereinen stattfindet, und dem Profifußball klafft eine riesige Kluft, die vielen Betroffenen im Amateurfußball, aber auch Funktionären des Deutschen Fußballbundes ein Dorn im Auge ist. Eigentlich sollten beide die zwei Seiten derselben Medaille sein: Fußball in Deutschland. Aber viele Bundesliga-Vereine hat den Kontakt zur kickenden Basis verloren, die keineswegs zwangsläufig mit der Fanbasis identisch ist. Und in den Ballungsgebieten fehlt die Infrastruktur. Fankfurter und Berliner Vereine haben beispielsweise einen Aufnahmestopp verhängt: Die Kapazitäten sind ausgereizt. Eine genaue Analyse des Problemkomplexes hat FR-Autor Frank Hellmann in seinem Artikel „Gräben schließen“ (online: „Amateurfußball: Der Schuh drückt gewaltig“) vorgelegt. Nur ein Luxus-Problem? Keineswegs! Der Vereinsfußball spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen wider. Was leistet sich ein grundsätzlich wohlhabendes Land wie Deutschland an Freizeit-Infrastruktur? Einerseits nicht genug Einrichtungen zur Verfügung stellen, in denen Kinder und Jugendliche im Verein sportlich aktiv sein können, andererseits aber Klage führen, dass Kinder und Jugendliche immer unsportlicher werden und zu Gewichtsproblemen neigen – das ist bigotte Politik. Sie betrifft nicht nur den Fußball. Ähnliches gilt auch fürs Schwimmen. Laut einer Forsa-Umfrage aus dem vergangenen Herbst kann mehr als die Hälfe der Zehnjährigen in Deutschland nicht richtig schwimmen. Und die Versuche, diese Rate zu verbessern, scheitern am Mangel an Schwimmlehrern und Aufsichtspersonal, aber auch am Mangel an Wasserflächen. Kein Wunder, wenn man Hallenbäder lediglich als Kosten- und damit Einsparfaktoren betrachtet anstatt als Orte, an denen Kinder was fürs Leben lernen.

Kaum noch Bezug zum Amateurfußball

Von Jürgen Malyssek

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Dass der Vereinsfußball gesellschaftlich Entwicklungen widerspiegelt, ist inzwischen eine Binsenweisheit. Dann folgt der schlaue Satz aus den Hochetagen des Deutschen Fußballbundes: „Wir brauchen eine bessere Infrastruktur.“ Was heißt das schon?

Der DFB und der Profifußball mitsamt dem DFL schweben inzwischen in Regionen, die einerseits einem Griff nach den Sternen gleichkommen, andererseits aber der Werkzeugkoffer der High Society mit allerlei großen Worten und Masterplänen ausgestattet ist. Methodisch, strategisch ganz nett anzuschauen, aber kaum noch Bezug zu den Sorgen und Nöten des Amateurfußballs. Ganz zu schweigen von den unteren Ebenen, der sogenannten Basis und der Jugendarbeit.

Alle Mängel, die sich auf den unteren Ebenen abzeichnen, hat Frank Hellmann korrekt benannt: Von den Finanzmitteln über die Ehrenamtlichen bis zu Geldzahlungen an Spieler in den untersten Klassen!

Es geht meines Erachtens nicht wirklich darum, wie es der DFB-Vize Rainer Koch formuliert, „die Sportart aufgrund des veränderten Freizeitverhaltens neu aufzustellen“, sondern eher darum, dem Fußball seinen Stellenwert an der Basis zu erhalten, nämlich Freizeitwert und Spaß am Fußball (im sportlichen Wettbewerb). Es ist wichtig, dass das Vereinsleben seinen Charakter als Gemeinschaft, als „Familie“ bewahrt – und dass Fußballer an der Basis spielen und spielen wollen, nicht weil es hier und da kräftig Kohle gibt.

Damit kommen wir zum Funktionärswesen, zum Kommerz, zur Geldmaschinerie, zur medialen Präsenz des großen Fußballs. Bevor der nächste Masterplan oder neue Wettbewerbstypen ausgepackt werden (etwa „Fußball im Gehen“) und die Digitalisierung als Heilmittel der Krankheiten ausgerufen werden, sollte sich der Profifußball und damit auch der DFB und die DFL selbst in Frage stellen. Eines ist klar: Die ständige mediale Präsenz vom großen Fußball von Montag bis Sonntag, mit zig-Wettbewerben samt Millionengeschäft sowie das (un-)sportliche Verhalten der Spieler auf dem grünen Rasen, haben ihre Langzeitwirkung auf den Betrieb ganz unten, über den jetzt in Kassel so diskutiert und geworkshopt wurde.  Die medialen und sportlichen Vorbilder ziehen.

Natürlich braucht der Fußball an der Basis Unterstützung von oben. Aber die da oben müssen sich auch ändern, sich erkennbar öffnen in Richtung Kritikfähigkeit! Wie in allen gesellschaftlichen Bereichen, sind Übersättigungsgrade und Grenzen des Machbaren, des Verträglichen erreicht. Auch beim König Fußball muss es um eine Rückbesinnung auf das, was der Fußballsport für die Menschen bedeutet. Selbst Funktionäre und Trainer aus den Bundesligen lassen immer mal kurz aufhorchen, wenn aus ihnen herausbricht: „Das ist nicht mehr mein Fußball!“  Die Basis braucht den großen Fußball, aber so nicht mehr! Der große Fußball braucht die Basis, die kleinen Vereine, die Fußballverrückten, aber so schafft es die Basis nicht mehr, bei diesem immensen Druck, mit diesen immensen Ansprüchen! Wenn ein junger Spieler beim Vereinswechsel in der B-Liga die Hand aufhält und mehr zugesteckt bekommt als der Verein seinen Übungsleitern bezahlen kann, dann stimmt etwas ganz gewaltig nicht mehr.

Was auch immer in Kassel herausgekommen ist, die Basis braucht keinen neuen Masterplan. Sie braucht wieder einen Fußball, der für Jung und Alt wieder durchschaubar und zum Anschauen ist.

Er braucht Vereine, die noch Wert auf Ausbildung, Kontinuität und Vereinstreue legen. Denn da unten sind Vereinszugehörigkeit, Kontinuität, Balance zwischen Arbeit und Freizeit ein hohes Gut, welches gerade dabei ist zu verschwinden. Wie soll ein Verein ein glaubwürdiges Leitbild entwickeln, wenn es, nach oben geschaut, diese Leitbilder gar nicht mehr gibt? Ein Rummenigge oder Hoeness oder ein Watzke, kommen doch erst ins Schwimmen, wenn die Zahlen für sie nicht mehr stimmen.

Der Fisch stinkt vom Kopf! Auch eine Binsenweisheit. Der große Fußball ist krank und ausgelaugt.“

Ein Kommentar

  1. Robert Maxeiner sagt:

    Mit den Aussagen von Jürgen Malyssek stimme ich in jeder Beziehung überein. Manchmal kommt es mir so vor, als haben Amateur- und Profifussball nur noch dem Namen nach miteinander zu tun, bzw. der verbindende Kitt ist nicht der Sport, sondern das Geschäft, genauer gesagt, die Lust am Geschäft. Das eine läßt sich kaum noch ohne das andere denken, weil das Geschäftliche über den Konsum selbstverständlich in die Privatsphäre vorgedrungen ist. Vielleicht gibt es nur eine Chance für den Fussball als Sport, wenn die Menschen des Konsums dessen überdrüssig werden. Man stelle sich eine neu erfundene Sportart vor, die plötzlich die Märkte erobert. Man bräuchte die Stadien nur geringfügig umbauen, um diese weiter zu popularisieren und zu vermarkten. Der Fussball könnte in einer Nische überleben und wäre von der Last der Kommerzialisierung befreit.