FR-Forum vom 29. Juni bis 2. Juli

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Leserforum 2 20190916Forum vom 29. Juni 2022

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Kein Toter hat den Frieden nähergebracht

Deutschland und die Ukraine: „Verunsichertes Land“ und „Kein großer Wurf“, FR-Meinung vom 21. und 23. Juni

Der heutige Artikel in der Rundschau ermutigt mich, das zu schreiben, was mir immer wieder in den Sinn kommt. Ich bin froh, dass Bascha Mika ausspricht, dass es eine stille Menge gibt, die oftmals nicht mit der „veröffentlichten Meinung“ übereinstimmt.
Ich habe Angst vor Putin, ich habe auch Angst vor Selenskyi. Darf ich das schreiben? Das erste ja, aber das zweite? Aber es ist so. Ich verstehe all die Beteuerungen, er kämpft auch für unsere Freiheit. Wobei es die ukrainischen Männer sind, die das Land nicht mehr verlassen dürfen und mit der Waffe in der Hand vor dem „Feind“ stehen. Meine Solidarität zu den Werten der Demokratie sagt mir immer wieder: Nein, das darf ich jetzt nicht schreiben. Aber es drängt sich mir immer wieder auf in diesen Monaten des Krieges. Und das ist auch Demokratie, andere Sichten zuzulassen.
Auch wenn es absolut unpopulär ist, ich glaube nicht daran, dass genügend Waffen und Panzer die Lösung sind. Ich bin froh um jedes Zögern unserer Regierung und glaube, dass dieses Zögen nicht unser Unvermögen, unser Desinteresse oder unsere Angst ist, sondern vielleicht doch auch, dass es einen anderen, vielleicht besseren Weg geben muss, diesen Krieg zu beenden.
Was ist wenn die Ukraine siegt? Dann sagt Putin, ok, geklärt, ich habe das Spiel verloren? Dann weiß er, hier ist meine Grenze, Glaubt irgendjemand daran? Ich nicht, aber was wird dann sein? Wird die Ukraine dann sagen, so,jetzt sind die Russen wieder unsere Freunde, Handel, Kultur, Austausch, alles wieder auf Start.
Wenn es keine Einigung gibt, die allen Kriegsparteien einen Weg aus der Situation zeigt, gibt es kein Ende. Natürlich, ist der,der anfängt immer der offensichtliche Aggressor, aber es gibt immer einen Grund für Aggression, und dazu gehören immer zwei Seiten. Alte Küchenpsychologie, aber hat doch oft auch einen waren Kern.
Mir geht es nicht darum, wer schuld ist, wer mehr schuld ist oder weniger. Ich bin aber fest davon überzeugt, ein Panzer mehr oder hundert oder tausend sind nicht die Lösung. Muss nicht unsere gesamte politische Anstrengung dahin gehen, ein Ende dieses Krieges zu finden, das Russland mit einbezieht? Dort leben außer Putin noch 144 Millionen Menschen, was ist mit denen?
Es gibt einen Verein „Zeltschule e.V“, dessen Gründerin und ihr Team unterstützen seit vielen Jahren den Aufbau von Schulen in Flüchtlingscamps in Syrien. Sie hat einen Artikel zum Krieg in der Ukraine geschrieben, Sie schreibt, sie hat in Ihrer Tätigkeit viele Helden gesehen, davon gibt es viele, die Ihre Leben opfern. Kein Toter, hat den Frieden ein Stück näher gebracht, Held werden kann man schnell, aber es auszuhalten, zu leben und Kompromisse zu finden schaffen wenige. Das geht mir nicht mehr aus dem Sinn.
Unsere Welt geht aus den Fugen, der Klimawandel zwingt uns, uns endlich als eine Spezies „Mensch“ wahrzunehmen und zu überlegen wie wie überleben können. Aber was tun wir? Wir radikalisieren uns rund um den Erdball. Wo ist da jetzt der Haupt- und wo der Nebenschauplatz?

Michaela Kaiser, Schwalbach

Konfliktforschung will Interessen würdigen

Zu recht weist Bascha Mika auf die Diskrepanz der Sichtweisen von regierungsnaher kriegstreibender Presse und kriegsmüder Bevölkerung hin. Sie wird noch größer werden, wenn die Sicht der Konfliktforschung bekannter wird. Die Ukraine wollte 2013 bilaterale ost-westliche Handelsabkommen. Putin war bereit, die EU wollte nur ohne ihn. Janukowitschs weise Verweigerung einer reinen Westorientierung führte zum Putsch gegen ihn ohne verfassungsgemäße Mehrheit. Die folgende provisorische Regierung verbot die russische Sprache und Kultur in den prorussischen Gebieten, vor allem auf der Krim und im Donbass. Rechte Nationalisten schlugen prorussische Proteste brutal nieder wie beim Massaker von Odessa am 2. Mai 2014. Prorussische Referenden zielten auf sprachliche und kulturelle Autonomie. Putin unterstützte noch keine Abspaltung. Die im Minsk-II-Abkommen von der Regierung nach ukrainischem Recht zugesagten Kommunalwahlen für Luhansk und Donezk fanden nicht statt, so wenig wie der beidseitige Abzug von Söldnern. So eskalierte der Bürgerkrieg im Donbass zu einem gegenseitigen Vernichtungskrieg, seit dem 24.2.2022 zu einem entsprechenden Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Putin – auch Ministerin Baerbock will ja Russland größenwahnsinnhaft „vernichten“ unter Inkaufnahme der atomaren Selbstvernichtung und beklagt „Kriegsmüdigkeit“. Statt die Vernichtung mit Waffen anzuheizen, will Konfliktforschung Interessen würdigen. Kriegsziel ist deshalb die Befriedung des innerukrainischen Konflikts durch Wiedergewährung kultureller Autonomie in prorussischen Gebieten und ost-westlicher bilateraler Wirtschaft. Deutschland kann versuchen, Putin zum Einlenken zu locken mit Nord Stream 2 unter Vermittlung des Grenzgängers Schröder. So können auch die Regierung und die verständlich kriegsmüde Bevölkerung in Deutschland miteinander versöhnt werden.

Friedrich Gehring, Backnang

Als wäre der Krieg ein Sandkastenspiel

Ein wohltuender Leitartikel besonders auch in Hinsicht auf den Krieg in der Ukraine, verbunden mit einiger Selbstkritik an der Entourage deutscher Medien in Form eines gegenwärtig verbreiteten Journalismus, der sich „maulheldenhaft in Schützengräben tummelt“. Auch ich frage mich schon seit einiger Zeit, warum diese Journalist:innen nicht selbst zur Waffe greifen, „um mal richtig Krieg zu erleben“? Diese Menschen reden im Fernsehen und der Presse daher, als wäre der Krieg ein Sandkastenspiel. Aber es gibt zum Glück in der Tat eine Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung. Bei den Normalbürgern findet man momentan weit weniger Hurra-Geschrei als bei vielen Kommentator:innen, wie Frau Mika richtig schreibt.
Am Abend des 22.6. schrak z.B. Johannes Hano, Journalist des ZDF, in der Sendung von Markus Lanz nicht davor zurück zu konstatieren, dass die Nato einer Konfrontation mit Russland nicht entkommen könne und Russland in die Knie zwingen müsse. Ich befürchte er weiß nicht, was er da geistig absonderte.
In diesen gegenwärtigen Tenor stimmt nun, on top, auch noch SPD-Chef Lars Klingbeil ein, indem er für Deutschland nach achtzig Jahren Zurückhaltung den Anspruch einer Führungsmacht postuliert. Hört! Hört! Ja, nach achtzig Jahren kann man doch mal wieder so richtig loslegen und „militärische Gewalt als ein legitimes Mittel der Politik sehen“, wie er meint. Ausgerechnet Deutschland wird nach Russland dann über die stärkste Armee in Europa verfügen. Das wird leider nicht nur in Russland nicht gerne gesehen werden, nachdem zudem jetzt russische Soldaten nach achtzig Jahren wieder durch deutsche Granaten, abgefeuert von deutschen Panzerhaubitzen, sterben werden. Nein, auch in Paris und London wird das nur äußersten Argwohn hervorrufen. Da soll sich Herr Klingbeil nichts, aber auch gar nichts vormachen. Vielleicht nimmt er doch besser noch mal einige Nachhilfestunden in Geschichte.

Klaus Boll, Frankfurt

fr-debatteWiderstand gegen den Totalitarismus

Demokratie vs. Autokratie: „Weltbilder und Weltordnung“, FR-Feuilleton vom 8. Juni

Die Entwicklung zur modernen freiheitlich- demokratischen Staatsform hat weniger mit nostalgischen, z.T. falschen Rückblicken auf Strukturen des antiken Griechenlands zu tun. Entscheidend waren hierfür die Wegbereiter der Neuzeit, zuerst in England, dann in Frankreich. So entwickelte z.B. John Locke (1632 – 1704), Philosoph und Vordenker der Aufklärung, in seinen „Abhandlungen über die Regierung“ bereits im Jahr 1690 gegenüber einer autokratischen, absolutistischen Staatsidee die liberale, freiheitliche Staatsauffassung. Zum Zweck der Erhaltung des natürlichen Zustandes und Rechtes des Menschen auf Freiheit und Gleichheit erlegen sich die freien und mündigen Menschen bewusst gegenseitig verfasste Schranken auf. Gegen menschenunwürdige Systeme sind Widerstände nicht nur erlaubt, sondern geboten.
Zum Schutz der natürlichen Rechte der Bürgerinnen/Bürger ist die Staatsgewalt in eine gesetzgebende (Legislative) und eine die Staatsleitung ausübende Gewalt (Exekutive) geteilt. Nach Ergänzung dieser Gewalten durch die unabhängige richterliche Gewalt (Judikative) wurde diese Forderung nach Gewaltenteilung durch Montesquieu (vgl. dazu: l’esprit des loix, vom Geist der Gesetze, 1748) zu einem der Grundpfeiler der liberalen Staatsform. Diese Grundsätze der Aufklärung mit den Idealen von Freiheit, Gleichheit, Bildung, Toleranz prägen seither in weiten Teilen der Welt die Kultur und ersetzen die fehlende politische Mitbestimmung.
Wer möchte also heute noch einem Staat das Wort reden, der auf einen die Freiheit des Einzelnen in Frage stellenden Totalitarismus Anspruch erhebt

 Josef Draxinger, Bad Birnbach

fr-debatteEine Partei ohne Skrupel

AfD-Parteitag: „Höckes langer Marsch“, FR-Politik vom 20. Juni

Der geplatzte Parteitag der rechtsextremen AfD im sächsischen Riesa hat eindrucksvoll bestätigt, wie wichtig die Beobachtung dieser Gruppierung durch den Verfassungsschutz ist. Denn sowohl die fälschlicherweise als gemäßigt bezeichneten Akteure wie Alice Weidel und Tino Chrupalla als auch die Protagonisten des offen faschistischen „Flügels“ wie Björn Höcke konnten durch ihre Redebeiträge keinen Anlass dazu geben, die AfD auch nur ansatzweise als demokratisch zu bezeichnen. Höcke plädierte offen für Bündnisse mit der rechtsterroristisch angelegten NPD und dem Dritten Weg. Eine offene Distanzierung gab es hierzu von dem neuen Bundesvorstand nicht. Wer also auch nach diesem Parteitag so naiv ist, diese Gruppierung im Verfassungsbogen zu verorten, dem ist in der Tat nicht mehr zu helfen. Die AfD ist und bleibt gefährlich für diese Demokratie und zeigt inzwischen ohne jeden Skrupel ihre hässliche Fratze. Ich fühle mich daher bestätigt, die Wehrhaftigkeit dieser Republik immer wieder einzufordern und auch einen Verbotsantrag gegen die AfD zu verlangen.

Manfred Kirsch, Neuwied

Wie man sich bei der AfD womöglich bedankt

Einige TeilnehmerInnen des AfD Parteitages, die in wichtige Positionen gewählt wurden, werden sich wohl bei Björn Höcke mit den Worten „Danke, mein Führer“ bedankt haben.

Thomas Klikauer, Sydney (AUS)

fr-debatteEs fehlt vor allem an Platz

Zu: „Die Bahn wird zur Chefsache“, FR-Wirtschaft vom 23. Juni

Wenn der Verkehrsminister Wissing von der Autopartei FDP die Sanierung des deutschen Eisenbahnnetzes zur Chefsache erklärt und auch noch behauptet, daß deren Finanzierung bereits gesichert sei, dann sind das zwar zugkräftig klingende, aber hohle Parolen. Die maßgebende Ursache für die Bahnmisere sind weniger die Strecken sondern hauptsächlich die fehlenden Gleiskapazitäten in den Bahnknoten. Zuviel Züge und zuwenig Gleise. Da aber die Knotenbahnhöfe in bestehende städtische Baustrukturen zubetoniert sind (siehe Frankfurt), dürfte die Verbreiterung der Bahnanlagen allein an fehlendem Platz scheitern. Also bleiben nur zusätzliche unterirdische Gleise mit gigantomanischen neuen Bauwerken wie im Fall von Stuttgart 21 und entsprechend ausufernden Kosten. Wie diese Finanzierung gesichert sein soll, ist mir ein Rätsel. Aber das soll ja nun Wissings neue „Steuerungsgruppe Deutsche Bahn“ lösen. Darauf darf man gespannt sein.

Joachim Bohndorf, Bensheim

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Leserforum 2 20190916Forum vom 30. Juni 2022

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Wenn Politiker beharrlich schweigen

Documenta: „Der Schweinesoldat“, FR-Feuilleton vom 21. Juni, und „Wie Antisemitismus zur deutschen Sonderdisziplin gemacht wird“, FR-Politik vom 22. Juni

Einspruch, Herr Bundespräsident! Sie sagten bei der Eröffnung der documenta 15 in Kassel sinngemäß: Man kann die Politik Israels kritisieren. Nein, Amts- und Mandatsträger in der Bundesrepublik können und/oder wollen es nicht. Wann haben Sie selbst in Ihrer Zeit als Bundesaußenminister je die völkerrechts- und auch menschenrechtswidrigen Verdrängungs-, Vertreibungs- und Entrechtungsmaßnahmen der israelischen Regierung kritisiert oder gar dagegen protestiert?
Fast möchte man einen Preis aussetzen für denjenigen, der eine solche Stellungnahme aus dem genannten Personenkreis aufweisen würde. Und dann wundert man sich, dass an der Stelle, wo die verantwortlichen Politiker beharrlich schweigen, andere laut werden.
Noch dazu hat eine Mehrheit im Deutschen Bundestag beschlossen, bestimmte vorab definierte Meinungsäußerungen hinsichtlich der Politik Israels als antisemitisch einzustufen. Hat man je geklärt, ob der Bundestag hier gegen das Grundrecht der freien Meinungsäußerung verstoßen hat? Und hätten Sie als Bundespräsident nicht sogar eine solche Überprüfung einfordern müssen?

Dieter Reitz, Mainz

Auseinandersetzung ist dringend geboten

Was haben üble antisemitische Elemente auf einem riesigem Kunstwerk zu suchen, das eigentlich einen Beitrag zur Aufarbeitung der schrecklichen Suharto-Diktatur in Indonesien leisten sollte? Jetzt sind (fast) alle entsetzt und prangern das Konzept der diesjährigen Documenta an, ja es ist schon vom Abgesang der Documenta als solches zu hören und zu lesen. Sie war schon vorher arg in die Kritik geraten, war und ist sie doch ein mutiger Schritt, Künstlern und speziell Kunstkollektiven des globalen Südens ein Forum zu bieten, ihr Verständnis von Kunst einem weltweiten Publikum präsentieren zu können. Alle, denen dieses Projekt schon immer ein Dorn im Auge ihres (westlichen) Kunstverständnisses war, melden sich jetzt zu Wort, und fordern harte Konsequenzen. Dabei wird m.E. vergessen, dass Antisemitismus und Christentum historisch eng zusammengehören, eher noch als der Islam und Judenfeindlichkeit. Gerade entschied ein deutsches Gericht, daß die „Judensau“ an der Stadtkirche zu Wittenberg nicht zu entfernen sei, sondern, versehen mit entsprechender Erläuterung als Mahnmal an ihrem Platz bleiben darf. Und das ist nur eine von vielen derartigen antisemitischen „Kunst“werken im öffentlichen (Kirchen)raum in Deutschland. Luther wird immer noch als großer Deutscher und Reformator gefeiert, seine judenfeindliche Hetze wird meist in verschämten Nebensätzen erwähnt. Wenn da nicht mit zweierlei Maß gemessen wird?!
Interessant fand ich die Äußerung des israelischen Soziologen Natan Szaider (gelesen in der FR vom 23.06.2022), der sich gewünscht hätte, dass das im Zentrum der Diskussion befindliche Bild nicht von der Documenta entfernt würde, da Antisemitismus ein integraler Bestandteil der Moderne sei und nicht wegpädagogisiert werden könne. Daraus hätte m.E. ein sinnvoller Diskurs entstehen können, ohne Verharmlosung antisemitischer Darstellungen oder Äußerungen. Ich selbst habe Kontakt zu Freunden und Künstlern z.B. aus Lateinamerika und bin immer wieder erschrocken, wie selbstverständlich mit antisemitischen Klischees gehandhabt wird. Dabei handelt es sich zumeist um Menschen die für sich ein kritisches und aufgeschlossenes Denken reklamieren. Also Auseinandersetzung ist dringend geboten, der Holzhammer ist da eher kontraproduktiv, auch wenn eine klare Haltung gegen jede Art von Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus das Ziel sein sollte.

Jochim Maack, Hamburg

Eine geradezu babylonische Verwirrung

Eigentlich wollte ich die diesjährige Documenta ja trotz Neun-Euro-Ticket bequem an mir vorübergehen lassen. Aber nun? Nun bekomme ich sie jeden Tag frei Haus geliefert. Danke der FR für die luziden Beiträge von Sznaider, Nutt und Lazar. Die Überschrift „Unerträglich“ des Leitartikels von Sandra Danicke kann ich leider nur als Kurzfassung hinsichtlich Rhetorik und Duktus desselben verstehen. Meines Erachtens herrscht in Bezug auf die Documenta wie auch ansonsten allenthalben (Gender, Ukraine, Corona,…) eine geradezu babylonische Sprach-, Begriffs- und nun auch Bilderverwirrung. Ich könnte wetten: Hätten die Documenta-Verantwortlichen in die Auswahl der Künste und Künstler im Vorfeld eingegriffen, wäre dies medial mit Sicherheit als Übergriffigkeit eines nordwestlichen Kulturimperialismus gecancelt worden, der sich schämen sollte. Nun müssen sie sich für die Kuratoren fremdschämen.
Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang auch kein Zufall, dass das neue Buch „Zwei Enthüllungen über die Scham“ von Robert Pfaller zeitgleich in der FR besprochen wurde. Wo und wann und vor allem nach welchen Kriterien fangen Eingriffe an, zu Übergriffigkeiten zu werden? Wenn zwei das Gleiche sagen, ist es noch lange nicht dasselbe – und möglicherweise sogar das Gegenteil. Dass, ebenso zeitgleich in der FR eine Leserbriefdebatte zum BGH-Urteil zum „Wittenberger Schmährelief“ tobt, spricht ebenfalls Bände. Ab wann, und auch hier: nach welchen Kriterien, ist Kunst Kunst die bleiben darf?
Vielleicht hilft Konfuzius weiter: „Wir müssen die Begriffe richtig wählen, sonst ist das Gesagte nicht das Gemeinte.“ Und wir müssen nicht nur die Begriffe richtig wählen, sondern auch eingedenk bleiben der, möglicherweise sogar kulturdifferenten, Assoziationen, die Begriffe und erst recht Bilder auslösen. Summa summarum, wie Svena Flaspöhler in ihrem Editorial im Philosophie-Magazin Nr. 03/22 in anderem Zusammenhang fordert: „An die Stelle des Reflexes die Reflektion zu setzen“.

Günter Harmeling, Idstein

fr-debatteMit einer klaren Sprache

Zu: „Das neue deutsche Judentum“, FR-Feuilleton vom 28. Mai

Gleich zu Beginn des stimmigen Beitrages steht der Satz „… wie ist es um die heute lebenden Juden und Jüdinnen in Deutschland bestellt?“
Nach unserer Überzeugung leben heute in Deutschland in der gemeinsamen 1700-jährigen Geschichte ausschließlich deutsche Mitbürger:innen jüdischen Glaubens und eben nicht Deutsche und Juden, Deutsche und Katholiken, Deutsche und Muslime. Eine solche immer noch andauernde (weil es wohl eingängig zu formulieren ist) scheinbare Widersprüchlichkeit in Pressemitteilungen verführt den Leser zur Hybris: „Ach ja, das sind ja nur die Juden, die gehören ja eigentlich nicht zu uns.“
Antisemitismus hört dann (vielleicht) auf, wenn wir eine klare Sprache finden. Wir sollten nicht von Jüdinnen und Juden in Deutschland reden, sondern von Mitbürger:innen jüdischen Glaubens. Solange wir in Überschriften und im Text von Juden und Deutschen schreiben und damit Gegensätze und andere Ressentiments attribuieren, werden wir wenig erreichen: Sprache macht eben Gesinnung.
Dazu ein selbst erlebtes Beispiel: Nehmen wir uns die belgische Fremdenführerin in Antwerpen zum Vorbild. Sie gibt auf die Frage, wo denn die Juden in diesem Gold-Viertel seien, die verblüffende Antwort: „Wir haben hier in Antwerpen keine Juden, sondern nur belgische Mitbürger jüdischen Glaubens!“

Josef Hanel, Detmold

fr-debatteBis heute gehalten

Zu: „Ab nach Kassel!“, FR-Region vom 18. Juni

„Ab nach Kassel!“ ist ein Slogan, dem man unbedingt nachkommen sollte. Die mannigfachen Gründe hat der Autor Andreas Hartmann ja bereits aufgeführt wie Schloss Wilhelmshöhe, der Bergpark mit seinen Wasserspielen und aktuell natürlich die Documenta. Außerdem liegt Kassel eingebettet in einer wunderschönen nordhessischen Wald- und Mittelgebirgslandschaft.
Wo aber hat der Spruch „Ab nach Kassel“ für Menschen, die man gerne loswerden will, seinen Ursprung? Im Krieg 1870/71 zwischen Deutschland und Frankreich (Schlacht bei Sedan) wurde Napoleon III. gefangen genommen und im Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel interniert. Durch die Öffentlichkeit ging damals eine Karikatur, die weit verbreitet wurde, auf der Moltke und Bismark zu sehen sind, und am Rand steht ein Wegweiser mit der Aufschrift „Kassel“. Die beiden weisen auf das Schild, und darunter steht: „Ab nach Kassel“. Wegen dieses außergewöhnlichen deutschen Triumphs hat sich das unglaublich verbreitet und bis heute gehalten.

Wolfgang Schnepp, Freigericht

fr-debattePolitischer Opportunist

Zu: „Politische Gezeiten in der Westbank“, FR-Politik vom 18. Juni

Wenn die israelische Regierung mit Hilfe des Militärs arme palästinensische Kleinbauern mitsamt ihren Familien vom angestammten Grund und Boden vertreiben lässt, weil sie keinen Grundbuchauszug vorweisen können, entzieht sie ihnen damit ganz gezielt die materielle Existenzgrundlage. Wer, wie der Antisemitismusbeauftragte der Hessischen Landesregierung, Ex-Bürgermeister Uwe Becker, Kritik an dieser eindeutig rechtswidrigen Praxis nicht im israelischen Kerngebiet, sondern im besetzten Westjordanland reflexartig als Antisemitismus diffamiert, ist in Wahrheit kein Freund Israels, sondern ein politischer Opportunist, der der israelischen Regierung nur nach dem Mund redet.

Hans Schinke, Offenbach

fr-debatteDer Dank der AfD

AfD-Parteitag: „Höckes langer Marsch“, FR-Politik vom 20. Juni

Einige TeilnehmerInnen des AfD Parteitages, die in wichtige Positionen gewählt wurden, werden sich wohl bei Björn Höcke mit den Worten „Danke, mein Führer“ bedankt haben.

Thomas Klikauer, Sydney (AUS)

fr-debatteEin weiteres Opfer

Sanktionen gegen Russland: „Kein großer Wurf“, FR-Meinung vom 23. Juni

Heute war ich beim Bäcker meines Vertrauens in meiner Heimatstadt in Baden-Württemberg und wollte eine „Russenbrezel“ kaufen. Dieses Gebäck mit Zuckerguss und Mandelscheiben ist im Südwesten Deutschlands auch unter dem Namen Olgabrezel bekannt und hier bei jedem Bäcker zu haben. Es erinnert an eine wohltätige Königin aus dem Hause Romanow*.
Zu meinem Erstaunen waren die Brezeln laut Verkaufsschild umge-tauft worden und eine Kundin vor mir verlangte eine „Zebrabrezel“. Ich fragte die Verkäuferin, was denn los wäre, und diese sagte, dass es sich um eine Empfehlung der Bäckerinnung handele, da der Absatz von „Russen“-Brezeln wegen des Angriffskrieges auf die Ukraine stagniere.
So hat der Konflikt ein weiteres Opfer gefunden.

Conrad Fink, Freiberg a. N.

fr-debatteDie Rahmenbedingungen müssen gerechter werden

Globalisierung: „Billige Kleider, billig entlohnt“, FR-Magazin vom 18. Juni:

Natürlich ist die Globalisierung, wie wir sie im Moment erleben, nicht für alle vorteilhaft, aber wenn wir zum Beispiel auf regionale Lieferanten für unsere Märkte setzen, um die Umwelt zu schonen, erhöhen wir die Armut in den Entwicklungsländern, welche generell schon eine hohe Armutsquote haben.
Ausserdem gibt es in den heutigen Produktionsländern viele Einwohner (z.B. in China, Indien etc.), welche alle einen Job brauchen um zu überleben. Und wenn die Firmen ihre Produktion wieder zurück nach Europa verlegen, würden uns hier sehr wahrscheinlich die dafür benötigten Arbeitskräfte fehlen. Auch die generellen Rahmenbedingungen sind in den Entwicklungsländern ganz anders als bei uns, wie zum Beispiel die Sozialabgaben, die bei uns sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer bezahlen muss, oder die Arbeitsrechte, die es dort nur in eingeschränkter Form gibt.
Zum erwähnten Klimawandel, der durch unsere steigende Nachfrage verstärkt wird, würde ich sagen, dass dieser auch ohne unsere Nachfrage nach Produkten eher verstärkt wird. Wenn wir nämlich die Produkte nicht mehr kaufen, sinkt der Preis wegen der geringen Nachfrage, so dass dann aber zum Beispiel der Bauboom in China durch die fallenden Holzpreise nochmals verstärkt wird.
Deshalb würde ich eine veränderte Globalisierung als Lösung sehen, die ich mir so vorstelle: Man versucht ausländische Produkte nicht durch Zölle künstlich teurer zu machen, sondern entwickelt stattdessen zusammen mit den Entwicklungsländern ein Konzept, dass die Produkte bei uns auf dem Markt zwar teurer macht, jedoch das Geld was dadurch verdient wird den Ländern zu Gute kommt um damit die Produktions- und Arbeitsbedingungen zu verbessern, wodurch auch bessere Löhne gezahlt werden können und die Umweltschädigung in diesen Ländern verringert wird. Ich finde dass die Globalisierung dadurch gerechter und umweltfreundlicher gestaltet wird.

Niklas von Brunn, Klasse 10, Lebach

Wenn die Ökonomie alles allein bestimmt

Welche Krise haben wir überhaupt? Alles hat seinen Preis und der steigt immer weiter – es gibt keine politisch wirksamen Maßnahmen, die diesem Treiben ein Ende setzen könnten. Die Reichweite von Politik endet dort, wo die Ökonomie alles allein bestimmt, wie von unsichtbarer Hand gesteuert, die Preisaufschläge unkontrollierte Gewinne einstreichen, das ist soziale Marktwirtschaft pur für die Unternehmen.

Thomas Bartsch-Hauschild, Hamburg

fr-debatteDie Schuld der Amber Heard

Johnny Depp vs. Amber Heard: „Eine Niederlage für viele“, FR-Panorama vom 9.6.

Auf ähnliche Artikel wie den von Isabella Caldart bin ich in letzter Zeit in den Medien schon öfter gestoßen: Das Urteil im Fall Johnny Depp gegen Amber Heard sei eine Niederlage für alle Frauen, die als Opfer häuslicher und sexualisierter Gewalt ihre Stimme erheben. Und jedes Mal frage ich mich beim Lesen dieser Artikel dasselbe: Haben sich die Verfasser den live übertragenen Prozess und die darin offenbarten Fakten überhaupt angesehen? Um eine Meinung über das Urteil fällen zu können, ist dies nämlich absolut notwendig.
Ich persönlich habe die Verhandlung aus Interesse vom ersten Tag an bis zum Ende mitverfolgt. Dass Depp kein Engel ist, steht fest: Seinen ungesunden Drogen- und Alkoholkonsum gibt er vor Gericht offen zu und auch seine abstoßenden SMS rufen zu Recht Empörung hervor. Die Jury und der Großteil der Öffentlichkeit glaubten Amber Heard trotzdem nicht, und das hat seine guten Gründe.
Während des sechswöchigen Prozesses wurde eins ziemlich klar: Heard hat mit ihren Anschuldigungen gelogen, das besagen zahlreiche handfeste Beweise. Zu denen gehören unter anderem Foto- und Videomaterial, Audioaufnahmen von Konversationen der beiden während der Beziehung sowie mindestens 10 Augen(!)zeugen und viele weitere Personen, die aussagten, darunter auch ein Experte für digitale Forensik, der zeigte, dass Heard Beweisfotos bearbeitet und gefälscht hatte. Durch die unwahren Anschuldigungen habe Depp laut eigener Aussage nicht weniger als alles verloren. Heard ruinierte seine Karriere (so verlor er beispielsweise seine bekannte Rolle in „Fluch der Karibik“) und zerstörte seinen Ruf. Der Grund warum „sich die öffentliche Meinung so gegen die Schauspielerin gewendet hat (…)“, ist ihre nun offenbarte dreiste Lüge. Genau wegen dieser Lüge hat Heard den Prozess verloren.
Amber Heard ist kein Opfer häuslicher Gewalt und somit auch keine Repräsentantin echter Opfer, die ihre Stimme erheben. Es geht darum, dass unsere Gesellschaft jetzt versteht, dass Heard keinesfalls mit anderen Frauen, die den Mut aufbringen, öffentlich über die ihnen widerfahrene Gewalt zu sprechen, gleichzusetzen ist. Als „Niederlage für viele“ kann man das Urteil der Verhandlung nicht bezeichnen. Viel mehr bedeutet es Gerechtigkeit und die Konsequenz des eigenen Handelns für Heard. Wenn es nun in Zukunft schwerer wird für echte Opfer, die Stimme zu erheben und den gebührenden Glauben zu bekommen, so ist das nicht die Schuld des Urteils der Geschworenen. Es ist die Folge einer Lüge. Und damit ist es einzig und allein die Schuld von Amber Heard selbst.

 Marie Galster, 16 Jahre, Heidelberg

 

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Leserforum 2 20190916Forum vom 1. Juli 2022

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Wir müssen alle einen Beitrag leisten

Energiewende, grüner Strom: „Ausweichen, speichern, sparen, ausbauen“, FR-Thema vom 24. Juni

Ist das die Energiewende?, fragte die FR auf der Titelseite. Nein!, antworte ich, denn die gut gedachten Investitionen von Minister Habeck laufen ins Leere. Wer soll denn die Windräder aufbauen und die Dächer mit Photovoltaik pflastern? Es fehlen die Fachkräfte. Also muss zunächst in Ausbildung investiert werden! Warum nicht die vielen Flüchtlinge und jungen Menschen ohne Ausbildung so ausbilden und schulen, dass sie in eng begrenzten Segmenten sinnvolle Arbeit leisten können?
Hingegen können autofreie Sonntage und Tempolimit ohne Vorlauf umgesetzt werden. Man darf von Bürger:innen erwarten, dass sie ihren Beitrag leisten, wenn ihr Staat einen Beitrag zu den individuellen Energiekosten leistet.

Dirk Schönwetter, Wuppertal

Methan kann Erdgas vorübergehend ersetzen

Angesichts der Bedeutung, die grüner Wasserstoff (gH2) beim Abbau klimaschädlicher Emissionen und unserer Versorgungssicherheit hat, ist es sinnvoll, jetzt auch diverse Importquellen zu erschließen. Die Chemie- und Stahlindustrie benötigen Unmengen an gH2.
Komplexer ist die Situation im Wärmesektor. Bis alle Bestandsgebäude ausreichend gedämmt und Wärmepumpen sinnvoll einsetzbar sind, werden Jahre vergehen. Solange benötigen wir geeigneten Ersatz für das Erdgas. Hier kommt das viel gescholtene Biogas (Methan) ins Spiel. Längst gibt es mit Umweltverbänden abgestimmte Konzepte, um von den bisher dominanten, verheerenden Mais-Monokulturen wegzukommen. Die breitflächig vorhandene Erdgasinfrastruktur kann direkt für Biogas genutzt werden. Für die Speicherung nötige Kavernen unter staatliche Kontrolle zu bringen, sollte für die Politik angesichts deren Bedeutung kein Problem sein. Bei der Schaffung einer gH2–Infrastruktur kann man sich auf die wichtigen Zentren konzentrieren und umgeht Teile des Problems der Speicherung.
Bei der Biogaserzeugung werden gezielt angebaute Pflanzen, Abfälle aus der Landwirtschaft, dem Ackerbau, der Landschaftspflege, der Lebensmittelindustrie und Inhalte der Biotonne vergoren. Dabei fällt neben Methan etwa gleich viel CO2 an. Mit gH2 lässt sich aus diesem CO2 ebenfalls Methan erzeugen. Das Potential an Erdgasersatz lässt sich so enorm steigern. Die Umwandlung verringert zwar die Energieeffizienz; dagegen steht: Die vorhandene Infrastruktur ist sofort nutzbar – ohne dafür zusätzlich Energie, Rohstoffe und Zeit einsetzen zu müssen.
Im Winter, wenn plötzlich alle Wärmepumpen Strom brauchen, die Sonne kaum scheint und auch der Wind nicht immer weht, brauchen wir dieses gespeicherte Methan. In dezentralen Blockheizkraftwerken lässt sich daraus der nötige Strom erzeugen und die Abwärme zur Anhebung der Heizleistung in Nahwärmenetzen nutzen.

Gerhard Schuster, Kriftel

fr-debatteEs geht um die Freiheit des Individuums

Kontra Erdogan: „ Todesgrüße aus Ankara“, FR-Magazin viom  13. Juni

Allmählich wird mir klar, wie der „Westen“ mit seiner „Demokratie“ und „Freiheit“ von außen und innen Angriffsziel und schon in der Defensive ist. Die kleinen Putins überschreiten noch nicht brutal offen eine rote Linie, folgen aber schon dem Schatten des gnadenlosen P., indem sie unliebsame Kritiker, die nur Meinungsfreiheit einfordern und Korruption anprangern, als Terroristen klassifizieren und Attentäter auf sie ansetzen, auch im Ausland.
Viel zu schnell verdrängt wurde der barbarische Mord an Jamal Kashoggi 2018 in der Botschaft Saudi-Arabiens in der Türkei. Beide Länder sind international noch hoffähig. Wie es drinnen aussieht… Ägypten ist auch so ein Kandidat, von China ganz zu schweigen. In vielen Ländern Afrikas geht’s ähnlich zu. Allesamt sind sie dem „Westen“ nützlich und wichtig. Nordstream 2 ist passé, aber andere Abhängigkeiten bleiben. Da wird halt mal ein Auge zugedrückt wegen des Energiehungers. Warum muss der überhaupt sein?
Welche Werte hat der „Westen“ noch zu bieten, für die es, liebe Ukraine, sich zu kämpfen lohnt? Es geht um die Freiheit des Individuums, des Menschen. Ja, das können auch Frauen sein oder Anders-artige/gefärbte. Und das passt den Despoten und auch manchen „Demokraten“ nicht. Da formiert sich, dank Silicon Valley bestens vernetzt und manipulativ unterwegs, eine Internationale der Gegner von Freiheit. Es reichen sich die Hände Kyrill I. und die Evangelikalen der USA. Polen und Ungarn sowieso.
Die „freie Welt“ glaubt, das locker zu schaffen (Frage ist, mit welchen Waffen) und wird im Innern schon unterwandert. Dem Unkenruf fehlt nur noch, dass Trump noch mal Präsident würde.

 Merve Hölter, Frankfurt

fr-debatteSchwarze Zahlen in den Leichensäcken

Zu: „Putins Mathematik des Todes“, FR-Tagesthema vom 14. Juni

…und wir alle rechnen fleißig mit, wenn die Toten vergangener Kriege mit denen des Ukraine-Krieges zahlenmäßig verglichen werden und Menschen nur noch als Nummern zählen. Wenn von der Anzahl der Leichensäcke die Rede ist, die zwischen Ukraine und Russland über die Grenzen wandern. Wenn Zahlen von Mardern, Geparden und weiteren angeforderten todbringenden Gerätschaften angeführt werden, als würden davon die vielen Toten aus ihren Gräbern auferstehen. Ohne zu sehen, dass die Grausamkeiten dieses Krieges weiter verlängert und die Totenzahlen immer höher ansteigen werden, während die westliche Welt sich rauf und runter dividieren lässt. Wer bietet mehr – um jeden verdammten Preis?!
Am liebsten würde ich mich 23 Stunden lang auf eine Kiste an der Hauptwache stellen und „Hört auf!“ schreien. Dass Putin mich in seinem Größenwahn überhören würde, weiß ich. Aber die anderen? Sind wir alle schon so „kriegsmüde“ beim Addieren der Toten geworden oder verhaspeln uns beim Vertiefen in die Aufrüstungsrechnungen, dass die noch Lebenden unterdividiert werden, um am Ende nur noch als schwarze Zahlen in den Leichensäcken aufzutauchen?
Lasst uns aufhören, einer Mathematik der Kriegslogik zu folgen, lasst uns Begriffe wie Vaterland, Ruhm, Ehre aus unser aller Köpfe löschen. Lasst uns zählen auf das Leben jedes einzelnen Menschen und unsere Bemühungen nicht in Zahlenaufrüstungsrechnungen und dem nachfolgenden Multiplizieren der Toten vergeuden, sondern in denen des Miteinanderlebens.

Hanne Strack, Rüsselsheim

fr-debatteStärkung der Gesellschaft

Pflichtdienst: „Steinmeier traut sich was“, FR-Meinung vom 23. Juni

Ich empfand es nicht als einen Angriff auf meine individuelle Freiheit, als ich 1968/69 meinen „Pflicht“-Dienst bei der Bundeswehr ableistete. Möglicherweise gehöre ich noch einer Generation an, die das Bewusstsein hatte, dass man/frau von der Gesellschaft nicht nur fordern darf, sondern dass die Gesellschaft auch etwas einfordern darf. So wie ich Ihre Kommentare lese, rücken Sie Haltung und J.F.Kennedy mit dem Satz: <frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage was du für dein Land tun kannst> schon bedenklich in die reaktionäre Ecke. Natürlich stimmt es, dass schon sehr viele junge Leute mit der Ableistung eines Freiwilligendienstes ihre gesellschaftspolitisches Bewusstsein zeigen. Es geht doch darum, die zu erreichen, die dieses Bewusstsein noch nicht haben, daher wäre es ein weiterer Beitrag zur Stärkung der Gesellschaft und weniger ein einseitiger Eingriff in die individuelle Freiheit.

Bernd Roller, Karlsruhe

So schnell wie möglich in die Ausbildung

Bundespräsident Steinmeier schlägt vor, dass junge Leute eine Zeit lang sich in den Dienst des Staates stellen sollen.
Ich denke, es wäre besser, die jungen Menschen würden nach der Schule so schnell wie möglich eine Ausbildung machen. Je eher Sie im Arbeitsleben stehen, desto eher werden Mängel , wie häufig beklagt, an Fachkräften behoben und von diesen Fachkräften Steuern und Sozialabgaben gezahlt.
Wäre es nicht besser die zweieinhalb Millionen Arbeitslosen zu beschäftigen. Die können auch ohne zusätzliche Ausbildung locker solche einfachen Arbeiten übernehmen, die man jungen Menschen nach ihrem Schulabschluss zumuten würde.

Udo Schütt, Frankfurt

fr-debatteLauterbach packt es an

Zu: „Die Organspende braucht ein neues Herz“, FR-Politik vom 4. Juni

Endlich wird offensichtlich der Stillstand beim Thema „Organspende“ überwunden. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach kündigt an, die längst überfällige „Widerspruchslösung“ einzuführen. Hier kann man nur von der Schweiz laut FR vom 4.6. lernen: „Danach gelten im Todesfall alle als potentielle Organspender, die nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben.“ Jetzt kommt es für die „Ampel-Koalition“ darauf an, angesichts der dramatisch sinkenden Spenderzahlen, endlich die „Widerspruchslösung“ umzusetzen. Viele Betroffene warten dringend auf Spenderorgane. Übrigens hat der Unterzeichner seit 7. März einen Organspenderausweis.

 Dieter Obst, Wiesbaden

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Leserforum 2 20190916Forum vom 2. Juli 2022

Alle Zuschriften dieser Ausgabe des FR-Forum folgen gleich hier. Zum pdf der Zeitungsseiten klicken Sie bitte HIER.

Sollte sich zu einem der Themen eine Diskussion entwickeln, kann diese jederzeit zu einem eigenen Diskussionsstrang ausgekoppelt werden.

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Putin und seine Schergen haben keine Skrupel

Beschlüsse des G7-Gipfels zum Ukrainekrieg: „Große Versprechen“, „Sieben Freunde und ein Grollen“, FR-Politik vom 29.6.

Schande für Putin und seine Schergen für die erneuten tödlichen Attacken gegen ukrainische Zivilisten! Die psychisch kranken Kleptokraten und Kretinokraten vom Kreml wollen einen Dritten Weltkrieg führen. Das sind Verrückte. Das sind perverse Wesen. Boris Nemzow wurde ermordet, nachdem er veröffentlichte, dass diese Herren einen homosexuellen Kreis bildeten. Es sei Usus in den führenden Kreisen des FSB gewesen.
Statt meine Beiträge zu ignorieren, warnen Sie lieber unsere Bevölkerung, dass sie mit einer Bedrohung durch die russischen Politgangster und Kriegsverbrecher konfrontiert sind. Und dass alle sich darauf vorbereiten sollten, dem in jeglichen Hinsicht Stand zu halten. Alles andere ist verlogen und unverantwortlich. Putin und seine Schergen haben weder Moral noch Skrupel. Sie werden so lange gehen, bis man sie entscheidend stoppt.
Es ist Ihre Pflicht, die Bevölkerung, nicht in Sicherheit zu lullen.
Lasst uns die Zeitenwende nach so vielen verschlafenen (Miss)-Entwicklungen wacher werden und uns dementsprechend wehren.
Slawia Ukrainya, hoch lebe Europa, für das Heil unserer aufgeklärte Weltgemeinschaft!

Amady Kone, Saarbrücken

Waffenhilfe ist das Mindeste, was man tun sollte

Der 24. Februar 2022 ist ein Überfall auf einen angrenzenden Staat durch Russland. Das es dabei um eine Exklave geht, die Krim Halbinsel – und damit Russland eine Landverbindung von der Krim zu Russland erzielen will – ist in den ersten Tagen des Krieges noch nicht klar gewesen.
Russland ist nicht nur von der Größe her, bedeutend überlegener, als die Ukraine, man greift unfairerweise sogar noch zu einem zweiten Bündnispartner, nämlich Belo Russland, mit seinem Lukaschenko Regime. Belo Russland gehört nicht zur russischen Föderation, wurde aber von Putin als Aufmarschgebiet für die russische Armee im Februar genutzt, inzwischen wird sogar von Putin um Waffenhilfe durch Weißrussland gebeten.
Die Ukraine dagegen hat oder hatte kein militärisches Bündnis mit einem anderen Staat. Ich wüsste auch nicht welcher Staat im Bündnis mit der Ukraine steht ? Die Ukraine steht völlig alleine gegen eine Übermacht da. Diese Übermacht besteht aus zwei Staaten, der russischen Föderation und Belo Russland.
Eine Waffenhilfe für die Ukraine ist das mindeste was man tun sollte. Putins Kalkül ist die Überlegenheit und Größe Russlands, so dass sich niemand zur Ukraine bekennen und diese unterstützen kann, denn vor dieser Überlegenheit wird jeder Feind Russlands zurückschrecken. Das ist sein Kalkül, – es wird sich jeder zweimal überlegen, ob man beizustehen bereit ist.

Stefan Vollmershausen, Dreieich

Das Diktat der Großmächte

Die unrealistische Darstellungen und gutgemeinten Hoffnungen der weiteren Entwicklng des Ukraine-Krieges (Geländezurückeroberungen, Sanktionswirkungen) wird noch vielen unschuldigen Ukrainern und russischen Soldaten das Leben kosten. Es ist an der Zeit, die sicherlich grausame und ungerechte Realität zu begreifen und die rüstungspolitischen Fehler der Vergangenheit zu realisieren. Natürlich sind alle beteiligten Protakuristen in der Lage, den Krieg noch Monate und Jahre durch Waffenlieferungen und Geldflüsse fortzuführen, aber zu welchen Lasten? Putin – machtgeil, kriegslüstern und testosterongesteuert, wird weder die Krim, noch Belarus noch die jetzt eroberten ukrainschen Gebiete wieder räumen. Man sollte schon froh sein, er läßt Modawien und Georgien in Ruhe. Hier gilt es die Grenzen schnell zu sichern und ein klares Zeichen zu setzten, dass ein Grenzübertritt nicht akzeptiert wird und weltkriegsauslösende Konsequenzen haben würde. Und dies gilt auch dauerhaft an den anderen Grenzen zu Russland. Da hilft leider nur Aufrüstung für eine dauerhafte Grenzsicherung. Die Zeiten des gegenseitigen Vertrauens sind für die nächsten Jahrzehnte beendet. Und Deutschland hier eine Führungsrolle zukommen zu lassen, ist doch lächerlich. Die Amerikaner und Russen sollten sich schnell an den Verhandlungstisch setzen, um die neue Grenzziehung zu protokollieren. Und so engagiert und bedauerlich die Situation für die Ukrainer ist, der Karren steckt im Dreck (die hierfür Schuldigen sind breit gestreut) und sie selbst können ihn nicht mehr raus ziehen. Sie müssen schlechtgelaunt das Diktat der Großmächte ertragen.

Reinhold Richter, Frankfurt

Geht das so weiter bis zum Atomschlag?

Es wird immer monströser. Alle Menschen haben vor einem Atomschlag Furcht, vor dem jetzt beide Seiten stehen, wenn es so weitergeht. Damit kann letzten Endes das Leben auf der Erde ausgelöscht werden, wenn auch die größeren Raketen eingesetzt werden. Ein Bedienungsfehler bei der Satellitenaufklärung genügt, gab’s ja schon mal. Wann geht das endlich zu Ende?

Volker Meid, München

fr-debatteChristian Lindner und die CO2-Freiheit

Zu: „Verbrenner vor dem Aus“, FR-Wirtschaft vom 29. Juni

Es ist naturwissenschaftlicher Unsinn, wenn Finanzminister Lindner behauptet: „Verbrennungsmotoren mit CO2-freien Kraftstoffen sollen als Technologie auch nach 2035 in allen Fahrzeugen möglich sein.“ Welche CO2-freien Kraftstoffe sollen das sein? Auch seine synthetischen Kraftstoffe verbrennen wie Benzin, Diesel, LNG oder Erdgas zu Kohlendioxid und Wasser. Er sollte sich das mal von Herrn Dudenhöfer erklären lassen.

Werner Runde, Mönkeberg

E-Autos dürften ein Auslaufmodell sein

Ich bin erstaunt, wie viele Leute schlecht über die Situation im Autoverkehr informiert sind. Es gibt, gemäss des deutschen Umweltbundesamtes rund 1.245 Milliarden Personenwagen weltweit. Es ist also absolut ausgeschlossen, diese alle durch E-Autos zu ersetzen. Das verhindern die fehlenden Zutaten für die Produktion von Autobatterien, seltene Erden. Der Raubbau ist schon weit fortgeschritten, und Ersatz in Massenproduktion ist nicht in Sicht. E-Autos dürften also ein Auslaufmodell sein. Der Verbrennungsmotor war Vergangenheit, ist Gegenwart und wird wohl Zukunft sein.

Michel Ziganke, Schönenberg (CH)

Der Beitrag der Autobauer zu Putins Werk

Dass der Preis für Benzin und Diesel aktuell „durch die Decke geht“ ist sicher Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine und dessen Begleiterscheinungen (Stopp der Durchleitung von Öl aus Kasachstan wegen eines Sturms, den es nicht gegeben hat) – kurz Putins Werk. Dass aber die Kosten für die Mobilität für viele ins Unerschwingliche steigen, ist der Beitrag der Automobilindustrie zu Putins Werk.
Beim Verbrenner gab es in den letzten 40 Jahren Effizienzsteigerungen in der Größenordnung von 50 bis 60 %. Anstatt nun diese Effizienzsteigerungen in Verbrauchsreduzierung umzusetzen, haben wir ein sinnlosen Aufwuchs in der Motorleistung erlebt.
In Frankfurt findet zur Zeit ein Prozess statt, im dem eine BMW-Limousine mit sage und schreibe 617 PS die mutmaßliche Mordwaffe ist. Was wir brauchen, ist die Abrüstung der Motorleistung sowohl beim Verbrenner als auch bei den Elektroautos. Nicht nur wegen der Benzinpreise sondern auch für die Energiewende.

Hans Möller, Frankfurt

Lindner jongliert lieber mit großen Zahlen

Die FDP hat scheinbar ihr Kredo von „So wenig Staat wie nötig“ auf „So viel wie möglich vom Staat“ (für die Mineralölkonzerne u. a.) umgeschrieben. Das, was einfach, schnell und kostenlos umsetzbar wäre um Benzin/Diesel einzusparen, lehnt sie kategorisch ab: Tempolimits 100/80/30. Mit zunehmend absurderen Argumenten, deshalb möchte sie diese Debatte immer wieder beenden. Vermutlich ist die Nullsumme dem Finanzminister seiner eigenen Wichtigkeitseinschätzung nach nicht angemessen. Er jongliert lieber mit großen Zahlen!

Otto Gebhardt, Frankfurt

fr-debatteEuropas Motor in Gefahr

Zu: „Macron, der Minderheitspräsident“, FR-Politik vom 21. Juni

Die französischen Wahlergebnisse sind fürwahr eine schlechte Nachricht für Europa. Präsident Emmanuel Macron ist nun mal ein Motor für die europäische Einigung und auch ein Ideengeber für die Weiterentwicklung des Bündnisses. Ganz abgesehen davon, dass die Achse Frankreich-Deutschland von Europa zugewandten französischen Präsidenten getragen wird.
Da Macron nun innenpolitisch in einem viel größeren Maße als bisher gefordert ist, ist die Gefahr sehr groß, dass er die Rolle als Motor für Europa nicht mehr halten kann. Das wäre ein großer Verlust.
Da stellen in Frankreich die beiden EU-Skeptiker, der Linkspopulist Méleanchon und die Rechtspopulistin Le Pen eher zwei unheilvolle Machtblöcke in der zukünftigen französischen Nationalversammlung dar. Für den sozialen Frieden in Frankreich scheinen sie jedenfalls nicht prädestiniert, da ihre wesentlichen Antriebsfedern doch eher die reine Macht sind.
Von dem sogenannten Linksbündnis Mélenchons ist nicht viel zu halten. Haben diese Sammelbewegungen permanente brüchige Stellen und selten einen konstruktiven innenpolitischen Wandel zur Folge. So ist dann doch Macron eine glückliche Hand zum neuen Regieren zu wünschen.

Jürgen Malyssek, Wiesbaden

fr-debatteIn einem anderen Universum

DFB-Campus: „Die Sterneschmiede“, FR-Magazin vom 30. Juni

Da baut der DFB eine Riesenanlage mitten in Frankfurt ohne irgendwelche Solarthermie und Photovoltaik Anlage auf dem Dach. In welchem Universum leben diese Menschen?

Nils von Below, Frankfurt

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12 Kommentare

  1. @ Kein Toter hat den Frieden näher gebracht
    Zuschriften von Michaela Kaiser, Friedrich Gehring und Klaus Boll

    Ulrich de Maizière, Inspekteur des Heeres (1964 – 1966), Generalinspekteur der Bundeswehr (1966 – 1971) und ehemaliger Generalstabsoffizier in der Wehrmacht, wurde 2004, zwei Jahre vor seinem Tod, von seinem Biografen John Zimmermann um eine Einschätzung des Widerstands der Offiziere um Graf Stauffenberg gebeten. Er zollte seinen ehemaligen Kameraden Respekt, wies aber auch darauf hin, dass es ohne die totale Katastrophe des Nazi-Regimes, ohne die bedingungslose Kapitulation, keine Chance gegeben hätte, nach dem Krieg ein demokratisches Deutschland zu errichten.

    Er begründete seine Meinung mit der Sicht, dass der von Nazi-Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg nicht nur der Versuch war, eine imperiale Großmacht nach dem Vorbild des Heiligen Römischen Reiches wieder auferstehen zu lassen. Sondern im gleichen Maße auch eine Abkehr von allem war, was spätestens seit der Aufklärung ethisch, rechtlich und kulturell in diesen Regionen entstanden war.

    Der NS-Faschismus entlarvte sich nach de Maizières Überzeugung schnell als gewaltsamer Unterdrücker von Völkern, Ethnien, Menschenrechten und zivilgesellschaftlichen Errungenschaften. Hätte es 1944 einen Friedensvertrag mit den Alliierten gegeben, wären auf deutscher Seite zu viele Befürworter des Totalitarismus am Tisch gesessen, die in der Folge unter alliierter Aufsicht vor allem eine heimliche Restauration der Verhältnisse der Jahre 1933 bis 1937 hätten betreiben könnten.

    Der russische Diktator Wladimir Putin, der zwar nicht 1:1 mit Hitler gleichzusetzen ist, verachtet genau wie jener Humanität und Demokratie und glorifiziert einen auf Gewalt und Unrecht basierenden imperialen, seine Nachbarländer bedrohenden Staat. Erich Fromm hat solche Gestalten in seiner „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ analysiert und ihnen das Recht auf aktives Mitwirken abgesprochen.

    Die NS-Terroristen haben im Spanischen Bürgerkrieg die Vernichtung der Zivilbevölkerung geprobt, bevor sie mit dem Überfall auf Polen die Grenze zum Weltkrieg überschritten. Putins Terrorregime hat seine Generalproben in Tschetschenien und Syrien absolviert. Die Unterstützung der Separatisten im Donbass und die Annektierung der Krim waren Tests, um die Reaktion des Westens zu erkunden. Das Minsker Abkommen war so wenig wert wie 1938 das Münchener.

    Wären Putin und seine Vasallen Mitglieder eines kriminellen Clans, der das Gewaltmonopol eines Rechtsstaats ad absurdum führt, würde man Einsatzkommandos der Polizei alarmieren und diese gegebenenfalls zum finalen Schuss ermächtigen. Doch nach wie vor misst die Politik mit zweierlei Maß.
    Die pazifistischen Kreise, die mich zwischen 1966 und 1972 prägten, weigerten sich, zwischen Zivil- und Kriegsethik zu unterscheiden und proklamierten die Gewaltfreiheit. Diese verstanden sie nicht als dogmatische Gewaltlosigkeit, sondern als abgestufte Gegenwehr gegen Aggressoren. Einer ihrer Theoretiker, der Berliner Soziologe Theodor Ebert, dachte sogar an die Aufstellung von Einheiten zum zivilen Widerstand. Über das Für und Wider haben wir damals heftig gestritten. Doch niemand hat an die Rationalität von Mächtigen appelliert, die den Rest von Vernunft längst dem Willen zur Macht untergeordnet hatten.

    Wenn ich das, was ich oben skizziert habe, zusammendenke, verstehe ich die angesichts des Überfalls auf die Ukraine proklamierte Friedfertigkeit nicht. Dabei ist mir die Gefahr einer weiteren Eskalation durchaus bewusst. Aber wenn die atomare Abschreckung zu einem Freibrief geworden ist für eine grenzenlose konventionelle Gewalt, die sich unterhalb der nuklearen Schwelle vollzieht, haben wir alle nichts aus der Vergangenheit gelernt.

    Präsident Macron wollte Putin, der menschliches Leben mit Füßen tritt, sogar eine gesichtswahrende Umkehr ermöglichen. Nein, die Politiker der westlichen Demokratien haben derzeit vorrangig nur eine Aufgabe. Sie müssen die totale Katastrophe Putins vorbereiten und militärisch und politisch durchsetzen. Hierzu ist auch die Unterstützung der russischen Opposition notwendig, die Putin unnachsichtig verfolgt und von denen er einige Vertreter ermorden ließ. Aus ihren Reihen muss eine künftige Regierung Russlands hervorgehen, nur mit ihr könnte über Frieden und Zusammenarbeit verhandelt werden.

  2. Barbara Erben-Wunder sagt:

    Was Sie da schreiben und hoffen ist eine Illusion, es wird eben vorläufig keinen inneren Aufstand geben in Russland, Herr Mertens! Und Sie beteiligen sich an der Dämonisierung Putins und seiner Herrscherclique und nutzen diese, jeden Versuch, gedanklich nach anderen Ansätzen als der Kriegslogik zu suchen. Über wieviel Tote Ukrainer und in diesen Krieg gezwungenen Russen sowie plattgemachte Städte und Dörf er soll das noch gehen? ES ist ein grauenvoll Krieg – wie ihn auch George W. Bush im Irak, mehrere US-PRäsidenten in Vietnam, wie er im Jemen, Syrien, Tschetschenien geführt wurde – alles noch in den allerletzten Jahrzehnten und es muss aufhören

  3. @ Klaus Philipp Mertens
    Frau Barbara Erben-Wunder
    Hallo Herr Mertens,
    ich stimme ihrer Einschätzung zu, mit Friedfertigkeit ist hier nichts zu erreichen. Bezweifeln kann man aber die Hoffnung, dass in Russland selbst der Widerstand so groß wird, dass Herr Putin die Macht abgeben muss. Es ist wie damals im 3.Reich als das Volk brüllte : Kanonen ! Es ist der Nationalismus der in diesem Zusammenhangngng zum Tragen kommt.

    Hallo Frau Erben – Wunder,
    sie werfen Herrn Mertens vor, sich an der Dämonisierung Putins zu beteiligen. Ja, was bleibt denn sonst ? Diesem Herrn ist nicht beizukommen und er versteckt sich hinter seinen A-Bomben, wohl wissend dass alle Welt wie das Kaninchen vor der Schlange sitzt. Seit es diese Bomben gibt war und ist dies eine latente Gefahr, die durch nichts zu bannen ist. Jemand, der diese Gefahr heraufbeschwört ist eine Dämon, keine Frage, also, was solls. Dass es auch andere Nationen gab und gibt, die ähnlich handeln – damit müssen wir leben. Immerhin haben wir als Nation schon ein Beispiel gegeben, sind also die letzten die sich aufregen sollten.

  4. @
    Dirk Schönwetter
    Hans Möller
    Otto Gebhard
    Nils von Below

    Es begann mit der Klimakanzlerin, die zu Anfang ihrer Kanzlerschaft gen Norden fuhr um das Auftauen des Eises in der Arktis zu besichtigen. Zurückgekommen ließ sie uns Bürger wissen, sie wolle sich verstärkt um die Klimaerwärmung kümmern. Dies trug ihr den Namen Klimakanzlerin ein. Nachdem dies geschafft war, tat sie alles in ihrer Macht stehende, um die fossile Industrie in jeder Hinsicht zu unterstützen, gemeinsam mit Vasallen der FDP und ihrer eigenen Partei (Röttgen, Rösler, Altmaier etc). Allen gemeinsam war, dass sie lauthals verkündeten, das Klima schützen zu wollen, genau wie ja auch Frau Merkel als Klimakanzlerin dies immer wieder unterstrich. Alle gemeinsam taten aber genau das Gegenteil. Sonne und Wind wurden nach China abgegeben, die Arbeitsplätze vernichtet, die Autoindustrie erhielt dafür freie Hand und machte Geschäfte, bis heute. Alles immer mit der vollmundigen Erklärung, alles fürs Klima tun zu wollen. Es gab und gibt die merkwürdigsten Dinge in diesem Zusammenhang, da wurden Vereine gegründet um Vereine, die dem Naturschutz dienen Hilfe angedeihen zu lassen, um Windräder zu verhindern. Die Abstände zu Funkfeuern wurden vergrößert und vieles mehr. Gleichzeitig wurde immer betont man sei zusammen mit der Klimakanzlerin immer bemüht, alles zur Rettung des Klimas zu tun.
    Ich halte eine solche Handlungsweise für Betrug am Bürger.
    Viele dieser Politiker sind immer noch in Amt und Würden.
    Die vielen Arbeitskräfte bzw. Arbeitsplätze, die heute dringend gebraucht werden um endlich eine Energiewende hinzukriegen sind damals vernichtet worden. Es war eine konzertierte Aktion um die Bürger zu betrügen.

  5. hans sagt:

    zu @ Michel Ziganke
    Sie scheinen ein Nachkomme des deutschen Kaisers zu sein ? Zumindest denken sie ähnlich. Er war auch vor mehr als 100 Jahren der Meinung das sich Autos nie gegen Pferdekutschen auf Dauer durchsetzen können. Zu denken das die E- Mobilität keine Zukunft haben wird ist das selbe Denken. Selbst die derzeitigen Autobatterien sind erst seit wenigen Jahren in der Entwicklung und werden noch große Fortschritte machen, aber wenn sie sich wirklich nicht so weit bringen lassen das die E Autos sich durchsetzen dann nehmen wir halt die.
    https://energyload.eu/stromspeicher/salzwasserbatterien-salzwasserakkus/natrium-akkus/

  6. stefan Vollmershausen sagt:

    Zu den Einmalzahlungen im Entlastungspaket der Bundesregierung

    Nachdem im April 2022 das Grundsicherungsamt im Kreis Offenbach einen höheren Nebenkostenabschlag für meine Wohnung ablehnte, obwohl es das müsste, weil laut dem Sozialgesetzbuch XII Miete und Heizkosten bei voller Erwerbsminderung übernommen werden, folgte weiteres.
    Von der Wohnungsgesellschaft wurde gefordert, angesichts der explosionsartigen Steigerung der Energiekosten, eine Nebenkosten Erhöhung bei mir einzurichten, die aber durch das Grundsicherungsamt des Kreises Offenbach abgelehnt wurde.

    Als Nächstes geschah das Folgende, da ich seit über zehn Jahren einen Hund besitze, für den ich auch Hunde Steuer abführe.
    Es wurde mir aber im Juni durch die Stadt Dreieich der volle Hundesteuersatz abgezogen, das sind bei mir anstelle von dreißig Euro, sechzig Euro.
    So wurde für meinen Hund, – trotz des Sozialgesetzbuches und der Grundsicherung – der volle Steuersatz abgerechnet.

    Im Juli habe ich dafür die Einmalzahlung von zweihundert Euro bisher noch nicht erhalten, die Grundsicherungsempfängern bei voller Erwerbsminderung zustehen. – Ich empfinde das als eine Sanktion.

    Sanktioniert beispielsweise wegen fehlender Mitarbeit, oder möglicherweise wegen Aussagen zur Verrentung von 1999.
    Diese Verrentung ( von mir ) wurde aktiv durch die Stadt Dreieich im Jahr 1999 betrieben

  7. Das wird man erst am Ende wissen. Und das wird durch jede Einmischung von Außen immer später sein.
    Jeder weitere Tag bringt mehr Opfer und nährt Verzweiflung und Hass.
    Die Kriegsparteien sind vor allem gefordert und der „Westen“ sollte sie dazu drängen. Die EU setzt sonst ihre Existenz aufs Spiel. Für sie wäre es eine Bewährungsprobe!

  8. Zu wessen Lasten geht dieser Krieg?
    das fragt man sich doch immer mehr! Wer denkt ähnlich?

  9. hans sagt:

    zu @ Manfred Schönfeld
    Eine seltsame Frage. Da kommt der Nachbar vorbei sprengt ihre Wohnung in die Luft erschlägt ihre Familie und sie fragen zu wessen Lasten das geht. Wir könnten die Rolle der Polizei übernehmen, trauen uns das aber nicht, weil wir Angst haben auch erschlagen zu werden und das völlig zu recht. Was wir uns trauen ist ihnen ein paar Waffen zu geben das sie sich in extremer Notwehr verteidigen können. Wir passen aber auf das der Nachbar sich nicht von uns angegriffen fühlt und auf die Idee kommt uns deshalb doch zu erschlagen und sie fragen ernsthaft zu wessen Lasten das geht?

  10. hans sagt:

    Heute beschäftigt die FR sich auf einer ganzen Seite mit dem Thema Atom und versucht die Atomenergie als Alternative darzustellen. Wenn man das alles gelesen hat kommt man zu dem Ergebnis das offensichtlich eine ganze Seite dafür nicht reicht. Da GB eh gefehlt hat möchte ich in dem Link den ich jetzt einstelle darlegen was eigentlich für jedes Land aufgezeigt werden müsste um das beurteilen zu können.
    https://www.klimareporter.de/strom/atomausstieg-in-grossbritannien
    Das möchte ich jetzt auch nicht für jedes Land machen aber in der Liste die ich jetzt als Link einstelle kann man gut sehen was sich bei dem Thema wirklich auf der Welt tut. Schweden z.B. schaltet seit Jahren fast jedes Jahr einen Reaktor ab.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Atomkraftwerke
    Die Osteuropäischen Länder beabsichtigen teilweise ,z.B. Polen, Reaktoren zu bauen. Die Finanzierung dieser Anlagen ist aber so weit ich das bisher gelesen habe komplett offen. Deshalb haben die Länder auch für die Taxonomie gestimmt. Sie hoffen halt das es dadurch zu einem Geldregen kommt mit dem sie die AKW bezahlen können. Über Frankreich habe ich schon einiges geschrieben. Da spricht für sich was gerade passiert.
    Der andere Artikel handelt von der Fusion. Das ist natürlich reines Wunschdenken aber wenn man schon zu Anfang falsche Vergleichszahlen nehmen muss um aufzuzeigen das es vielleicht einmal viele Steuermilliarden später sinnvoll sein könnte solche Kraftwerke zu bauen spricht das denke ich für sich. Wenn die Forscher von Preisen ab Kraftwerk von 5 – 10 Cent KWh ausgehen sollte man das nicht mit Industriestrompreisen vergleichen sondern damit das EE Strom ab Kraftwerk jetzt schon für 4 – 7 Cent je KWh zu haben ist. Tendenz stark fallend. Also warum sollen die Milliarden für die Fusion nochmal verbrannt werden?

  11. Bronski sagt:

    @ hans

    Wie kommen Sie darauf, dass die FR versuche, „Atomenenergie als Alternative darzustellen“? Die Zahl der FR-Artikel, die das Gegenteil bezeugen, ist riesig, und auch in der aktuellen Diskussion kann es da keine Unklarheiten geben. Wenn die FR darüber berichtet, dass das EU-Parlament was abgenickt hat, heißt das nicht, dass die FR dem zustimmt. Der Leitartikel, der das kommentiert, war nicht umsonst überschrieben mit „Schwerer Fehler“ (pdf-Dokument).