Unser Fortschrittsgedanke läuft in eine völlig falsche Richtung

Nein, das sind keine Fantastereien: Das autonome Fahren wird ebenso kommen wie das Internet der Dinge. Das Smartphone wird der wichtigste Gegenstand in unserem Leben werden, denn es verbindet uns mit einer digitalen Welt, in der uns so gut wie alle Anstrengungen abgenommen werden. Wir steuern unseren Haushalt per Smartphone, können damit schon bal kontaktlos im Supermarkt bezahlen und überlassen ihm unser Zeitmanagement, kurz: Wir müssen uns kaum noch um etwas kümmern — es sei denn darum, dass Smartphone zu bedienen. So zumindest die eine Seite der Medaille: Von diesem enormen Strukturwandel namens Digitalisierung, der uns ins Haus steht, wird behauptet, dass er unser Leben vereinfache. Zugleich wird er unsere Arbeitswelt verändern. Die Industrie wird menschliche Arbeitskraft nur noch in verantwortlichen Positionen benötigen, da Roboter uns die Arbeit abnehmen; dort werden Arbeitsplätze verloren gehen. Zugleich werden im Dienstleistungssektor Arbeitsplätze beispielsweise in der Pflege entstehen. Die sind derzeit schlecht bezahlt, so dass sich viele Menschen von der Digitalisierung bedroht fühlen.

Wirtschaftsnahe Kreise sehen in der Digitalisierung vorwiegend Chancen. So sieht Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem Grußwort zur CeBit in der Digitalisierung eine Tür in eine andere Welt des Wirtschaftens, Arbeitens und Konsumierens. „Die Digitalisierung beeinflusst unsere Wirtschaft so stark wie kaum etwas anderes“, schrieb sie. Doch was ist mit den Gefahren? Was passiert mit den Menschen, wenn sie durch Maschinen ersetzt werden? Wir halten oder verbessern wir unseren individuellen Wohlstand in einer Welt, in der uns so gut wie alles abgenommen werden soll? Müssen wir vielleicht eine ganz andere Begrifflichkeit in Sachen Arbeit entwickeln? FR-Autor Frank-Thomas Wenzel gibt ein paar Antworten in seinem Artikel „Programme statt Buchhalter„. Auch FR-Kolumnist Michael Herl steuert Gedanken bei: „Selber machen ist out„.

Werden wir Menschen uns also zu solchen verweichlichten Gesellen entwickeln wie die an Bord des Luxus-Kreuzfahrtraumschiffs „Axiom“ im Pixar-Disney-Animationsfilm „WALL·E – Der Letzte räumt die Erde auf“, die seit 700 Jahren nichts anderes tun, als sich medial berieseln zu lassen? Es wäre wohl an der Zeit, die drängenden Fragen zu klären – und zwar nicht erst dann, wenn die Digitalisierung vollendet ist, sondern jetzt, wo der Zug zwar schon richtig Fahrt aufgenommen hat, wo aber gewiss die eine oder andere Weiche noch gestellt werden kann. Die Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie muss nützlich für uns sein. Immerhin ist sie ohne uns so gut wie sinnlos. Noch.

Das kann sich ändern. Es gibt ein weiteres Forschungsgebiet im Zusammenhang mit Digitalisierung, auf dem derzeit enorme Fortschritte erzielt werden: künstliche Intelligenz. Der Gedanke ist alles andere als lustig, dass wir möglicherweise derzeit auf dem Weg sind, uns als Menschen abzuschaffen. Auch hierzu hat die Science Fiction natürlich schon Gedankenexperimente veranstaltet. „2001 – Odyssee im Weltraum“ wäre anders verlaufen ohne den intelligenten Computer HAL, und was Skynet mit der Erde gemacht hat bzw. machen wird, brauche ich sicher nicht zu beschreiben. Noch viel beklemmender ist allerdings der eher stille Film „Ex Machina“, ein filmisches Kammerspiel des britischen Regie-Genies Alex Garland. Darin soll ein junger Programmierer den Androiden Ava einem erweiterten Turing-Test unterziehen, um herauszufinden, ob es gelungen ist, in Ava eine künstliche Intelligenz zu erschaffen. Ava erweist sich sowohl ihrem Schöpfer gegenüber als auch dem Programmierer als überlegen.

fr-balkenLeserbriefe

Robert Maxeiner aus Frankfurt meint:

„Menschen früherer Epochen hätten sich über technische Entwicklungen wie den digitalen Wandel gefreut, wenn sie deshalb weniger hart hätten arbeiten müssen, um ihre Existenzgrundlage zu sichern. Gerade weil Menschen befürchten müssen, in der Folge des digitalen Wandels ihre Arbeit zu verlieren, haben sie Angst. Deshalb ist der Zeitpunkt günstig, jetzt über Alternativen nachzudenken, zum Beispiel, zukünftig allen Menschen eine Grundsicherung oberhalb der Armutsgrenze zuzugestehen. Für die Gegenwart bedeutet dies, Politik so zu gestalten, dass die Schere zwischen Armen und Reichen durch Umverteilung wieder mehr geschlossen wird, möglichst keine Riesenkonzerne entstehen und sich der Mittelstand somit wieder besser entfalten kann. Die freie Zeit können wir gut nutzen, um uns wieder mehr um unsere Kinder zu kümmern.“

Jürgen Malyssek aus Wiesbaden:

„Ist es uns Menschen überhaupt noch bewusst, was wir jetzt und auf Dauer mit der Digitalisierung der Welt anrichten? Dass wir uns regelrecht überflüssig machen, aber auch kein eigenes Wissen mehr erarbeiten, sondern in einer vollkommenen Abhängigkeit zur Maschine uns ganz in den eigenen Schatten stellen. Unser Fortschrittsglaube, unser Fortschrittsgedanke läuft inzwischen in eine völlig verkehrte Richtung. Nichts wird uns leichter gemacht. Die Zunahme von Komplexität im Leben ist kaum noch zu steigern. Die Ruhelosigkeit ist kaum noch zu überbieten. Das Gefühl vieler Menschen, nicht mehr gebraucht zu werden, kann nur zur weiteren Zunahme von Angst, Hass, Gewalt und Tod führen. Unser bisheriges Menschenbild ist überhaupt nicht mehr aufrecht zu erhalten. Die Technologie & Digitalisierung stürzt uns letztlich in eine totale Einsamkeit, mögen wir auch von Menschenmassen umgeben sein. Und die Herren, die wir dann suchen und auswählen, können nur im despotischen diktatorischen System liegen. Wir haben bereits damit angefangen (Trump, Erdogan).
Das menschliche Maß ist total ausgereizt, verbunden mit einer Rückwärtsbewegung jeglicher aufklärerischer Errungenschaften und Tugenden, wie Solidarität, Gemeinsinn, Verantwortung, Altruismus, Fairness usw. Die sozialen Netzwerke sind a-sozial und menschenfeindlich. Die vermeintliche Nützlichkeit all dieser digitalen Möglichkeiten sind Illusionen. Das Internet ist ein trostloser krimineller Ort geworden.
Die Folge, dass wir die Welt dauerhaft via Computer oder Smartphone wahrnehmen, ist ein kollektiver Burn-Out (Hartmut Rosa).
Wenn kein Bewusstseinswandel geschieht, dann können wir die letzten Hoffnungen auf eine humane Gesellschaft begraben. So wie bereits viele Hoffnungen durch den irreführenden Fortschrittsgedanken bereits gestorben sind. Der Wandel der Arbeitswelt zu 4.0 gibt der neoliberalen Politik endgültig den Segen, weiter zu machen wie bisher. Die meisten Menschen werden sich vor dem Absturz mit eigener Kraft nicht retten können.
Der vor einigen Jahren verstorbene amerikanische Biochemiker und Autor Erwin Chargaff, schrieb in einem seiner vielen zeitkritischen Essays: „Wir leben und sterben auf einem gottverlassenen Misthaufen!“
Forschung und technologische Entwicklungen haben sehr viel zu Brutalisierung des Lebens beigetragen. Noch einmal Chargaff: „Mit all dem Gedudel und Gefasel leben wir in einer der schlimmsten Epoche der Menschheit. Kein Gott gibt uns „zu sagen, wie“.
Wo bleibt der Aufschrei, die Auflehnung, der Widerstand?“

Peter Scheuermann meint:

„Im Anschluss und in Fortsetzung der Kolumne von M. Herl „Selbermachen ist out“ möchte ich aufrufen, Aktionsbündnisse zu gründen zum Erhalt der analogen Welt: „Rettet die analoge Welt!“ und damit auch all die Fähigkeiten und Erfahrungen, die die Menschheit in mühsamen Entwicklungsprozessen im Laufe von Jahrtausenden gefunden und ausgebaut haben!
Stellt Euch gegen die globalen Verdummungsprozesse der Digitalwirtschaft! Sie will uns immer mehr digitale Produkte verkaufen. Sie wird uns alle zu Menschen machen, die weder selbst kochen noch einkaufen können, weder Waschen noch den Inhalt des Kühlschrankes kontrollieren. Wir sollen nicht mehr Verantwortung für uns selbst und unsere Mitmenschen übernehmen , sondern dies in die Verantwortung von Robotern geben.  Wir sollen nicht mehr entscheiden, in welchen realen Umständen wir uns erholen und amüsieren wollen, sondern sollen in virtuelle Welten abtauchen, in denen uns etwas geboten wird, was wir selbst nicht mehr hervorbringen können. Wir sollen noch nicht einmal selbst Auto fahren können, sondern stattdessen lieber Autorennen als Selbstfahrer im virtuellen Raum erleben.
Die  „Digitalisierung der Objekte“ entzieht uns die Möglichkeit, die Dinge mit Hilfe unseres Verstandes und unserer Fertigkeiten zu beherrschen und zu kontrollieren, um sie zu unserem Nutzen einzusetzen. Die Folge ist eine progressive Verdummung jedes Einzelnen. Fähigkeiten nehmen ab. Wir alle können bald nichts mehr, weil es nichts mehr zu tun gibt. Wir werden von wenigen Digitalspezialisten beherrscht, die letztendlich dann auch durch Roboter ersetzt werden, die die weitere Digitalisierung und damit die Beherrschung der Dinge selbst „in die Hand nehmen“.
Uns allen bleibt der sinnlose und zweckfreie Konsum mittels all dieser Schalter und Knöpfe und Regler, deren Funktionieren wir selbst nicht mehr verstehen.
Uns wird eine zunehmend virtuelle Welt als Freizeitvergnügen angeboten. Wobei es bald keine Freizeit mehr geben wird, weil es keine Zeit sinnvoller Arbeit geben wird. Selbst das Fressen und Saufen und das Huren wird uns genommen werden durch digitale Interventionen, die unsere Gesundheit definieren bzw. virtuell sinnliche Erlebnisse verschaffen.
Der Mensch ist so nur noch eine leere organische Hülle, dessen Ende – Gott sei Dank möchte man sagen- virtuell nicht abgeschafft werden kann, sondern in der Realität unweigerlich kommen wird, auch bei vermehrten künstlichen Verlängerungen und organischen Ersatzbauten. Das ist so, weil der biologische Organismus irgendwann aufhört zu funktionieren trotz aller Virtualisierung und Digitalisierung.
Und alle diese – in meinen Augen zerstörerischen – Entwicklungen sind nur nötig, weil die Digitalwirtschaft immer neue Produkte braucht, um sie zu verkaufen und diese Wirtschaft am Laufen zu halten. Sie ist  ebenfalls in sich immer sinnleerer, weil der Gewinn nicht mehr umsetzbar ist in menschliches Erleben. Man kann sich noch nicht einmal über einen Sack Geld freuen, denn der Gewinn ist nur digital beschreibbar.
Wir kaufen die Produkte dieser Wirtschaft und füllen damit unser immer leerer werdendes Leben. Wir verkaufen dabei unsere menschliche Zukunft als vernunftbegabte, emotional erlebende, biologische Lebewesen.
Deshalb noch einmal: Rettet die analoge Welt vor der totalen Zerstörung durch die digitale Wirtschaft!“

 

18 Kommentare

  1. Was ist an diesen ganzen Vorhersagen neu? Die Roboter sollten schon vor 20 Jahren kommen.
    Als vor 25 Jahren die PCs kamen, hieß es, dass es bald keine Büroangestellten mehr gibt und kein Papier mehr bedruckt wird.
    Als die ersten Computeranimationen kamen, wurde der Untergang die Filmkultur beklagt.
    NICHTS ist davon eingetroffen.
    Früher hat man Zukunftsforscher befragt, wie die Welt in zwanzig Jahren aussehen wird. Sie lagen mit ihren Prognosen immer vollkommen daneben.
    Vorhersagen sind schwierig. Vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.

  2. werner.h sagt:

    Besorgt in die Zukunft zu blicken ist richtig.
    Wer sollte es später verhindern, dass jedem Menschen statt des Personalausweises schon nach der Geburt ein Chip eingepflanzt wird? So würde es uns schmackhaft gemacht :
    Ist doch viel einfacher, kann nicht verloren oder gefälscht werden und gilt ein Leben lang…
    Ein Vermisster wird schnell gefunden, ein Verunglückter im Gebirge geortet und ein Bankräuber schon beim Überfall identifiziert…
    Ist das nicht erstrebenswert?
    Die Kontrolle über den Einzelnen wäre damit vollkommen. Freiheit endlich abgeschafft.

  3. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Jedes Ding hat zwei Seiten (mindestens). Sehr anschaulich wird das dargestellt in der jüdischen Golem-Legende, dem künstlichen Helfer und Beschützer des Menschen. Diese Erzählung erfährt ihre literarische Vollendung in der Golem-Schöpfung des Prager Rabbis Löw. Aus Lehm hat ihn sein Erschaffer geformt und ihm dann den göttlichen Atem und damit das Leben eingehaucht: Ruach, im Hebräischen der Geist und Atem des Allmächtigen. Danach schrieb er ihm das hebräische Wort EMETH auf die Stirn, das Wahrheit bedeutet. Als Rabbi Löw einsehen musste, dass er seine Schöpfung nicht auf das für alle Menschen Positive eingrenzen konnte, weil sich der Golem nach eigenen Regeln entwickelte, wischte er das erste E weg, sodass METH stehen blieb. Meth aber heißt Tod. Die Befreiung vom erhofften Befreier war nur durch dessen Tod zu erreichen bzw. durch den bewussten Verzicht auf unkontrollierbare Helfer. Der (mittlerweile emeritierte) Informatiker Wolfgang Coy rief diese Geschichte in „Kursbuch 75 – Computerkultur“ (erschienen im März 1984) in die Erinnerung der interessierten Leser.

    Der Golem begegnet uns im so genannten digitalen Zeitalter in verschiedener Gestalt. Vollautomatisierte Produktion, künstliche Intelligenz, Smartphone, autonomes Fahren, Internet der Dinge; die Liste ließe sich erheblich erweitern.

    Im Gegensatz zu Rabbi Löw sind seine Schöpfer allenfalls vordergründig an der Befreiung des Menschen von eintöniger und/oder körperlich schwerer Arbeit interessiert. Zumindest jene, die in die Errungenschaften der Ingenieurskunst investieren (und ohne massiven Geldeinsatz lässt sich in diesem Sektor nichts bewegen), haben nur eines im Sinn: Die Vermehrung des eingesetzten Kapitals, das sich seit der ursprünglichen Akkumulation in den Händen Weniger befindet. Und sie nehmen dabei soziale Kollateralschäden nur allzu gern in Kauf.

    Längst werden in einigen Denkfabriken Modelle einer Gesellschaft entworfen, die sowohl auf die Arbeitsleistung als auch auf den Konsum einer Bevölkerungsmehrheit verzichten kann. Entscheidend ist der Profit, der für eine Minderheit unter dem Strich übrig bleibt. Mit dem erst in der Entwicklung befindlichen Internet der Dinge lassen sich nicht nur Kühlschrank, Heizung und die Wohnungsbeleuchtung kontrollieren. Der große Schritt nach vorn beginnt in dem Augenblick, in dem die überflüssigen Massen durch Facebook, Twitter, RTL und andere Instrumente aus der Kategorie „Brot und Spiele“ rund um die Uhr im Blickfeld von Big Brother sein werden.

    Es liegt allein in unserer Hand, der schönen neuen (Schein-) Welt von Fall zu Fall den Stempel EMETH aufzudrücken und gegebenenfalls das erste E wieder zu löschen.

  4. DH sagt:

    Interessant ist, daß die bedingungslosen Digitalisierer umso lauter schreien, je mehr sich die Digitalisierung in Belanglosigkeit verliert und echte Innovationen in den Hintergrund treten. Das deutet darauf hin, daß der Hype bald vorbei sein wird und sich das durchsetzt, was sinnvoll ist an der Digitalisierung, das Geschrei ist immer am größten, wenn der Zusammenbruch nicht fern ist.

    Der Glaube an die Machtübernahme durch KI ist letztlich ein Ergebnis menschlicher Selbstüberschätzung, schließlich ist er nichts anderes als die Behauptung, der Mensch könne etwas erschaffen, was evolutionär so gut ist, daß es ihn selber verdrängen könne.
    Die entscheidende Kraft ist und bleibt die Evolution, da können sich die IT-Nerds auf den Kopf stellen, sie werden daran nichts ändern.

  5. Hilde sagt:

    Erschreckend ist die Feindseligkeit, die dem Digitalverweigerer entgegenschlägt. Das Smartphone ist längst kein Spielzeug mehr, kein Hilfsmittel, es ist ein Muss, ein totalitäres Dogma. Die beiden Daumen, die ich als Contergan-Geschädigte nicht habe, nebst geschickten Händen sind privat und beruflich anscheinend zum wichtigsten Körperteil geworden. An smartphone-freien Zonen habe ich in den letzten Jahren eigentlich nur Pflegestationen, Palliativstationen, Hospize und Schachwettkämpfe in der JVA Mannheim kennengelernt.
    In unsrer Jugend (Jahrgang 1962) haben übrigens noch die Grünen mit uns gegen die allgegenwärtige Strahlung demonstriert. Wohin sind eigentlich alle kritischen Stimmen von damals hin? Warum hat man erfolgreich z.B.das Rauchen und Trinken verdammen können, aber keinerlei Skepsis gegenüber dem Wegfall der menschlichen Kommunikation entwickelt?

  6. Danke, Herr Malyssek, könnte ich meine Gedanken so treffend formulieren wie Sie, hätte ich mich per Leserbrief auch schon zu Wort gemeldet.
    Ich kann Ihnen in allen Punkten nur zustimmen. Wir sind Getriebene, wir selbst bestimmen schon lang nicht mehr, welche Richtung wir einschlagen wollen. Die Digitalisierung hat jetzt schon ein Ausmaß erreicht, dass wir fast nur noch reagieren, kaum noch agieren. So etwas kann man nicht Fortschritt nennen.

    Inwieweit auch die F.R. diesem unseligen Zeitgeist verfallen ist, wird indirekt in einem Artikel vom gleichen Tag unter der Überschrift „Erst noch einmal die Mails checken“ deutlich. Hier gibt es eine Empfehlung, wie man mit der Nachrichten-Flut in der Mailbox umgeht. Da heißt es: “Es reicht vollkommen, wenn man sich dreimal am Tag jeweils 30 Minuten dem Postfach widmet – morgens, mittags und abends zum Beispiel“.

    Das ist eine Empfehlung für Berufstätige! Der Schreiber hat offensichtlich die gute Absicht dem Leser Tipps zu geben, wie man mehr Freizeit gewinnt. Bei Erreichen seiner Empfehlung sind das immer noch anderthalb Stunden pro Tag, die man wohl für`s „Postfachleeren“ hinnehmen muss. Das ist m.E. die Zeit, die man früher für Gespräche, für Familie, für Freunde, für`s Innehalten…übrig hatte. Wirklicher Fortschritt sieht anders aus.

  7. hans sagt:

    Die Informationsflut ist das eine. Da wird sicher noch einiges auf uns zukommen und ob das immer gut ist kann man schon in Frage stellen. Wenn es aber darum geht mit der Digitalisierung konkrete Arbeit zu ersetzen würde ich erst einmal abwarten ob die Bäume wirklich in den Himmel wachsen. Ich habe 1982 zum ersten mal eine Roboterstraße bei VW in Baunatal gesehen. Seit dem habe ich mein Geld auch damit verdient zu analysieren wo solche Roboter sinnvoll eingesetzt werden können. 1982 habe ich gedacht die Arbeitswelt wird sich bis zum Jahr 2000 komplett verändern. Jetzt sind wir ein paar Jahre weiter und die Arbeitswelt hat sich auch verändert aber nicht annähernd so viel wie damals erwartet. In der Massenfertigung kann ich mir vorstellen das Roboter noch mehr als bisher eingesetzt werden, aber beim Gegenteil, dem Handwerk werde ich das wohl kaum erleben und beim Mittelstand wird es nach wie vor auf die Problemstellung ankommen.

  8. Jürgen Malyssek sagt:

    Da bedanke ich mich auch bei Ihnen, Herr Hartmann für Ihr Feedback. Es tut schon gut, zu hören, dass einige andere Menschen hier auch großes Unbehagen spüren, was digital noch auf uns zukommt, wenn wir keine eigenen Entscheidungen mehr treffen wollen und können.
    Ich lese hier jedenfalls auch weitere kritische Kommentare.
    Ich fand beispielsweise die jüdische Golem-Legende, die Klaus Philipp Mertens aus dem 1984er-Kursbuch ausgepackt hat, eine sehr passende Parabel zum weiteren Verständnis, worum es in Zukunft gehen wird, um dieser fast unvorstellbaren Macht des Marktes noch die Stirn zu bieten. Mit Spiel, Unterhaltung und Vergnügen schaufeln wir uns gedankenlos das eigene Grab. Das ist kein Spaß mehr.
    Schon beim Handwerk wäre ich nicht so hoffnungsvoll wie ‚hans‘ es beschreibt.
    Es kann sein, dass ich Walter Benjamin zum Fortschrittsgedanken schon einmal anderswo zitiert habe. Aber ich füge seine Worte hier trotzdem nochmal an. Sie sprechen für sich:

    „Die Vorstellung eines Fortschritts des Menschengeschlechts in der Geschichte ist von der Vorstellung ihres eine homogene und leere Zeit durchlaufenden Fortgangs nicht abzulösen.
    Die Kritik an der Vorstellung dieses Fortgangs muß die Grundlage der Kritik an der Vorstellung des Fortschritts überhaupt bilden.“

    Ob es jemals zu diesem Bewußtseinswandel bei uns in dieser Zeit der Unübersichtlichkeit und Überforderung kommt, wage ich zu bezweifeln. Aber Anleitungen dazu haben wir zur Verfügung.

  9. Werner Engelmann sagt:

    @ Hilde, 21. März 2017 um 13:36

    Ich habe zwar noch beide Daumen, sehe es aber genauso wie Sie.
    Bei unserem letzten Urlaub in (Nord-)Zypern saßen am Nachbartisch 8 junge Türken. Alle fast die ganze Zeit allein mit den Daumen beschäftigt. Ab und zu ein Gekichere, wenn zwei sich über dasselbe Smartphone beugten. Von gemeinsamem Lachen, eigenen Vorstellungen, Ideen, Plänen war nichts zu hören.
    Ich kann mich erinnern, dass das früher ganz anders aussah, wenn junge Leuten zusammensaßen.
    Kein Grund, auf die Daumen besonders neidisch zu sein. Herz und Hirn sind wohl doch wichtiger.

  10. Bertram Münzer sagt:

    Ewig Gestrig!
    Unterwerfen wir uns den Algorithmen, schalten wir den eigenen Verstand ab, werfen wir die eigene Erfahrung auf den Müllhaufen des Analogen. Werden wir endlich zum „Homo (digital) augmented“. Vergessen wir dabei aber nie, dass all die gebotenen „Wohltaten“ einen Preis haben – den globalen Daten-Exhibitionismus. Wir geben uns preis und das gratis. Zum Wohle profitorientierter Konzerne. Sind dann zwar vernetzt, aber auch gefangen in einem Gespinst von Verwertungsinteressen, die über uns wachen, uns aber auch überwachen. Schon vergessen? Schöne neue Welt! Nicht wirklich. Das schrieb ich vor gut einem Jahr. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter. Unterwerfen nicht nur uns, sondern alles, was uns umgibt, den Algorithmen. Das Netz der Dinge. Arbeit 4.0. Und immer noch sind es private Konzerne, die die Datenleitungen und die Dienstleistungen im Netz anbieten. Und immer noch werden wir der Auswüchse nicht Herr. Facebook und Co wollen sich nicht kontrollieren lassen. Und unsere analogen Gesetze greifen oft zu kurz oder gar nicht. Und wer Angst hat, ist eben ein Angsthase. Ein Maschinenstürmer, der nicht „brave“ genug ist für diese „New World.“ Das Private- und Arbeitsleben wird nicht mehr getrennt sein. Der Arbeits-Tag wird – den Zeitzyklen dieser Welt folgend – 24 Stunden haben. Wo man heute Kollegen trifft, gibt es demnächst virtuelle Crowd-Meetings. Feste Verträge werden obsolet, man wird sich von Job zu Job in Crowd-Working-Groups organisieren. Und wenn man dann älter geworden ist, wird man wohl – eine neue Form der Rente – einen persönlichen Crowd-Fond gründen müssen, um (über)-leben zu können oder den Roboter zu bezahlen, der einen ja dann so liebevoll pflegen wird. Schöne neue Welt. Sie wird über uns kommen. Und selbst Wirtschaftsbosse sehen soziale Verwerfungen voraus. Und schlagen ein bedingungsloses Grundeinkommen vor. Das wird wohl auch nötig sein. Finanzieren sollten wir das – ganz old fashioned – mit einer DigiTax, die auf alle digitale Leistungen, die Menschen mit ihrem Arbeitsplatz bezahlen, zu erheben ist. Das mag ewig gestrig sein, aber in diesem Falle bin ich gern ewig gestrig.

  11. Axel Stolzenwaldt sagt:

    Herr Malyssek fragt am Ende seines Leserbriefs im Leserforum am 20.3. 2017., wo denn der Aufschrei bleibe. Nun, hier ist er: Herr Malyssek verbreitet so viel Pessimismus und Unkenntnis, dem muss ich einfach widerstehen. Gegen seine pauschale Verurteilung jeglichen technischen Fortschritt möchte ich nur zwei von vielen Beispielen benennen:
    Mitglieder des Chaos Computer Clubs haben eine Drohne entwickelt, mit der die Flüchtlingshilfsorganisation Sea-Watch bei ihren Einsätzen im Mittelmeer unterstützt werden sollen. Sie soll das Leben von Flüchtlingen im Mittelmeer retten helfen. Dass ich überhaupt diesen Leserbrief schreiben kann, verdanke ich der Genforschung. Ohne Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet wäre ich persönlich vor etwa vier Jahren an einer schweren Krankheit gestorben.
    Und das ist das Ärgerliche an diesem Brief: Statt sich wirklich kritisch mit den verschiedenen Facetten der technologischen Entwicklungen auseinanderzusetzen, wird eine mittelalterlich anmutende dumpfe Angst vor Veränderungen das Wort geredet. Und die Folgen dieser Unfähigkeit zur Unterscheidung- und nichts anders ist Kritik – sind verheerend: Technische Fortschritte, die Menschen helfen können, werden verteufelt, gleichzeitig kommen wirklich gefährliche Entwicklungen und mögliche Strategien gegen Überwachung, fehlerhafte Software, Robotik als Waffentechnologie gar nicht mehr ins Blickfeld, da sowieso alles pauschal gleich miserabel ist.
    Da hat sich’s Herr Malyssek doch zu einfach gemacht und damit einer fundierten Kritik an der Digitalisierung eine Bärendienst erwiesen.

  12. Ich habe mich bemüht, während meines Berufslebens immer neueste Techniken einzuführen und ich hatte zum Glück immer Chefs, die mich haben machen lassen. Aber ich habe auch festgestellt, dass es immer einige Kollegen gab, die sehr große Mühe hatten, die Neuerungen zu akzeptieren. Ich habe anfangs nicht verstanden, woran das lag. Dann habe ich vorgeschlagen, dass alle Mitarbeiter lernen sollten, blind mit zehn Fingern zu schreiben. Plötzlich behaupteten alle, dass sie eigentlich nur lesen und fast nichts schreiben. Ein Manager behauptete sogar, dass die Beschränkung bei ihm nicht im Schreiben liege, sondern im Denken. Da habe ich begriffen, dass es sich eigentlich um Versagensängste handelt.
    Besonders wenn man älter wird, hat man Angst, die neuen Techniken nicht mehr zu verstehen. Das ist aber überhaupt nichts Neues. Das war bei der Einführung der Eisenbahn auch schon so, wahrscheinlich sogar schon beim Buchdruck. Es ist auch zutiefst menschlich. Es gibt Schauspieler, die schon 192mal den Hamlet gegeben haben und sich vor der nächsten Vorstellung am liebsten auf der Toilette einschließen möchten.
    Wir sollten zu unseren Ängsten stehen und uns keine Sorgen um die Zukunft machen.
    Dass die, die jetzt die Versagensängste vehement bestreiten werden, die mit den größten Ängsten sind, ist natürlich nur eine Unterstellung. 🙂

  13. Jürgen Malyssek sagt:

    An Axel Stolzenwaldt:
    Ich verwahre mich dagegegen, im Namen des Fortschritts selbst verteufelt und mich und andere Kritiker immer wieder in die gleiche einsilbige phantasielose Ecke der „mitteralterlich anmutenden Angst vor Veränderungen“ gedrängt zu werden.
    Wenn Sie die Seiten meiner Empörung richtig beachten, und ich habe sie so genannt (Gesellschaft, Manipulation, Anpassung und Macht), dann sollten Sie nicht auf diese Art und Weise zurückbellen. Ich unterscheide zwischen dem sog. technischen Fortschritt und dem, was Wirtschaft und Mega-Konzerne im heutigen Kapitalismus daraus machen und einer willfährigen Masse alles aufbürden können, ohne, dass die Menschen sich letztlich dagegen wehren können und auch nicht mehr wollen.
    Andererseits respektiere ich den Vorteil, den Gewinn, den Sie aus einer technischen Errungenschaft heraus für sich persönlich und
    ihrer Erkrankung betreffend haben bekommen können. Diese Seiten meine ich doch garnicht. Und Sie wissen ganz genau, dass der Fokus der Kritik (und dabei bleibe ich) auf diese Entwicklungen, die sich am besten am Tal der Größenwahnsinnigen, dem Silicon Valley, dokumentieren lassen: Mark Zuckerberg, Bill Gates, Steve Jobs und all die anderen Koryphäen des unaufhaltsamen Fortschritts.
    Ich habe selber, teils sehr erkrankte mir nahestehende Menschen erlebt, die mit bestimmten neuen technischen Hilfsmitteln faktisch gesegnet waren, am Alltag und an ihren wichtigen Tätigkeiten wieder teilnehmen zu können.
    Das meine ich nicht mit meiner Kritik und mit meiner Aufforderung zum Aufschrei.
    Ich meine die uns faktisch aufgedrückten Technologien, die uns Menschen garnicht oder wenig helfen, sondern uns nur von einer Abhängigkeit (seelisch, körperlich und geistig) in die nächste stürzen.
    Ich habe es mir mit meiner Kritik nicht einfach gemacht. Ich erlebe schon seit Jahren keine Erleichterung des Lebens, durch die Digitalisierung. Muss dabei noch froh sein, dass ich bisher von heftigen Shitstorms, Mobbing und Erpressungen verschont geblieben bin, was mir möglicherweise noch passieren kann, wenn ich aus dem Mainstream des Fortschrittsglaubens ausgebrochen bin.

    Ich kann auch beim Stand der digitalen Entwicklung nichts gegen einen Chaos Computer Club sagen. Natürlich haben die Jungs was drauf. Wahrscheinlich wäre alles noch trübsinniger, wen es denn wiederum diese Spezialisten nicht gäbe. Aber wo fängt das alles an? Und wo hört es auf?
    Was soll ich gegen Genforschung Schlechtes sagen, wenn sie dem Menschen wirklich nützlich sein kann?
    Aber dabei bleibt es doch nicht in diesem Wirtschaftssystem, in diesem Mega-Geschäft.

    Klar geht es um diese irrsinnige Datensammlerei, Big Data ohne Grenzen, Aufhebung von Grenzen zwischne Privatsphäre und Öffentlichkeit, Überwachung, diese enorme Machtfülle, Robotik, Waffentechnologie (nennen Sie selbst mit Namen).
    Hinzu kommen die schier endlosen Spiele der dauerhaften Ablenkung vom analogen Leben. die Terroristen sind wohl zur Zeit mit die größten Nutznießer der Technologien, obwohl die den westlichen Wohlstand und Fortschritt verfluchen. Das Internet und die Radikalisierung von immer unsicher werdenden Jugendlichen.
    Und das alles soll man einfach über sich ergehen lassen?
    Und soll/muss das Internet auch noch schneller werden, damit man das alles irgendwie bewältigen kann. Quo vadis?

    Im Übrigen, wenn es weiter darum geht, „fundierte Kritik“ vorzulegen, dann haben das auch schon andere vor mir gemacht, die einen größeren Namen haben und dann wohl auch zu den Angstmachern in der Fortschrittsgesellschaft gezählt werden müssen: Harald Lesch, Harald Welzer, Hartmut Rosa u.a.

  14. @Jürgen Malyssek
    Sie schreiben zwar viel, aber ich kann mir konkret nicht viel darunter vorstellen, wovor Sie Angst haben.
    Ich habe den Eindruck, dass die Digitalisierung nicht Ihr Spezialgebiet ist (B. Gates ist Privatmann und Steve Jobs ist tot). Ich lese von einer unspezifischen Angst vor Dingen, die Sie nicht überblicken.
    Welche Technologien werden Ihnen denn faktisch aufgezwungen? Ich habe einen PC und ein Smartphone (aber mit Windows, darauf laufen fast keine Apps, auch die FR-App nicht). Ich bin nicht bei Facebook oder Twitter. Ich schaue wenig Fernsehen, nur öffentlich-rechtliche nach 20.00 Uhr, wenn es keine Werbung mehr gibt, keine politischen Magazine, keine Talkshows, kein Kabarett). Niemand macht sich die Mühe, mich zu zwingen, noch etwas Anderes zu kaufen.
    Ich habe 30 Jahre in einem großen Konzern verbracht und festgestellt, dass die meisten Manager, die gleiche Angst vor der Digitalisierung haben wie Sie. Sie sind nämlich schon fortgeschrittenen Alters, verstehen nichts von der Materie und wollen sich vor den Angestellten nicht blamieren.
    Wenn man mal von vielen Dingen die Marketingsauce entfernt, bleibt gar nicht mehr viel übrig, vor dem man Angst haben kann. Internet der Dinge hieß früher einfach Fernsteuerung (z. B. für Nachtspeicheröfen). 3-Druck ist sehr interessant für Prototypen und Einzelteile, für die Massenproduktion viel zu langsam und zu teuer. Big Data heißt häufig nur Sammeln von Daten, ausgewertet wird fast gar nichts.

  15. Jürgen Malyssek sagt:

    An Henning Flessner:
    Das, was Sie oben sagen, ist nicht mein Thema. Sie sprechen von Angst, Versagensangst, (persönlicher) Angst vor der Digitalisierung.
    Da Sie beruflich wohl aus dem Wirtschaftsmanagement kommen, sprechen Sie hier technisch, nüchtern und pragmatisch über die Dinge. Das ist nicht mein Ansatz. Das Argument von der Einführung der Eisenbahn und des Buchdrucks (= alles nichts Neues auf dieser Erde), ist wohl nicht mehr totzukriegen.
    Deshalb kann ich Ihnen von diesen ganz unterschiedlichen Ebenen, auf denen wir uns hier bewegen, auch keine Antworten geben. Ich rede nicht von Managern, die vielleicht „wenig Ahnung von der Materie“ haben. Ich antworte in meinen Texten auf die menschlichen Herausforderungen, Überforderungen der Digitalisierung der Welt, wie wir sie heute erleben. Auch nicht von der Angst und Überforderung mit einem Computer im Büro umzugehen usw.
    Mein „Spezialgebiet“ ist in der Tat nicht die Digitalisierung und ich weiß auch, dass Steve Jobs bereits tot ist. Mit diesen Männern fing alles an.
    Ich sehe mich nicht imstande, Ihr Weltbild und meine Kritik an einem falschen Fortschrittsglauben mit irgendeiner weiteren Erklärung zusammenzubringen.
    Da muss ich passen.
    Ihr letzter Satz zu Big Data hat mich regelrecht umgehauen.

  16. Axel Stolzenwaldt sagt:

    @Malyssek
    Sie schreiben: „Ich unterscheide zwischen dem sog. technischen Fortschritt und dem, was Wirtschaft und Mega-Konzerne im heutigen Kapitalismus daraus machen“ In ihrem ersten Beitrag haben Sie diese Unterscheidung nicht gemacht, da erschien die Digitalisierung als apokalyptischer Reiter.

    Um mögliche andere Ansätze zu verdeutlichen und nicht nur nebulös im Allgemeinen zu bleiben, will ich mal Butter bei die Fische zu tun:

    Im Bildungsbereich gibt es ein Reihe von Initiativen, die jungen Menschen einen selbstbewussten und kritischen Umgang mit den Entwicklungen im Internet nahe bringen. Nur ein Beispiel unter vielen findet man unter http://www.klicksafe.de. Vielleicht informieren Sie sich darüber.

    Der schon einmal genannte Chaos Computer Club hat im Dezember 2016 einen Kongress veranstaltet mit 12 000 (zwölftausend!) Teilnehmern. Die Mitglieder des CCC sind auch nicht irgendwelche Jungs, die da irgendwie rumhacken, es sind Fachleute, die in der Regel schon jahrzehntelange Berufserfahrung im IT-Bereich haben und die wissen, worüber sie reden.

    Mit viel Mühen und jahrelangem Engagement haben Datenschützer aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen spätestens seit der Volkszählung ein, wenn auch lückenhaftes , aber manchmal doch hilfreiches Datenschutzrecht etablieren können. Besonders empfehle ich, sich mit der Arbeit und dem persönlichen Engagement von Frau Leutheusser-Schnarrenberger auseinanderzusetzen.

    All diesen Initiativen unterschiedlicher Menschen und Gruppen, die an einer humanen Nutzung der digitalen Ressourcen arbeiten, fallen Sie in den Rücken, indem Sie eindimensional die kapitalorientierten Konzerne zu den einzigen und übermächtigen Akteuren im gesellschaftlichen Prozess erklären. Besonders viel Mut zum eigenständigen Handeln und Denken macht eine solche Haltung nicht.

    Es gilt, sich sachkundig zu machen,sich konkret einzumischen und nicht allgemein die schlechten Weltläufe zu beklagen.

    Und dazu lassen wir doch mal den von Ihnen genannten Harald Welzer sprechen: „Eine andere, zukunftsfähige Kultur des Lebens und Wirtschaftens entsteht nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse oder moralische Appelle. Sie wird in unterschiedlichen Laboren der Zivilgesellschaft vorgelebt und ausprobiert.“ (FUTURZWEI. Wir fangen schon mal an – Einleitung.) – FUTURZWEI ist eine von Harald Welzer initiierte Stiftung, über die es sich lohnt sich zu informieren.

  17. @Jürgen Malyssek
    Ich glaube, dass es noch etwas gibt, das uns unterscheidet. Sie glauben, dass es diesen «Fortschritt» gibt. Ich teile diesen Glauben nicht.

  18. Brigitte Ernst sagt:

    Was von denjenigen, die den neuen Medien gegenüber vorwiegend positiv eingestellt sind, vergessen wird, ist der hohe Suchtfaktor. Oder wie nennt man die Erscheinung, die zunehmend vor allem junge Menschen im öffentlichen Raum herumgeistern lässt, die das Smartphone selbst beim Gehen nicht aus der Hand legen können, was z.T. schon zu Unfällen geführt hat?
    Wie begegnet man dem paradoxen Phänomen, dass diese Leute durch die Parks streifen, den Blick gebannt auf den Minibildschirm geheftet, um irgendwelche imaginären Lebewesen zu erhaschen, anstatt sich zu öffnen für die Eindrücke der realen Natur, die sie umgibt? Kann es solchen Menschen nicht auch gleichgültig sein, wie viele Tierarten täglich auf unserem Planeten aussterben, wenn sie diese gar nicht mehr wahrnehmen? Schließlich kann man virtuell ja jederzeit neue Spezies kreieren.

    Und wie sieht es mit der Kommunikation zwischen Eltern und Kleinkindern aus? Anstatt sich mit ihren Sprösslingen zu unterhalten und damit deren Sprachentwicklung zu fördern sowie durch Blickkontakt die Bindung zwischen Mutter oder Vater und Kind zu stärken, ziehen es solche Eltern vor, bereits während des Stillens oder Fütterns sowie beim Ausfahren im Kinderwagen oder auf dem Spielplatz wie gebannt auf das Gerät in ihrer Hand zu glotzen oder dieses am Ohr festgeklebt zu halten.
    Gibt es schon Strategien, dieser bedenklichen Entwicklung entgegenzuwirken?

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