Der Westen ist bankrott

Immer wieder höre ich “Dritter Weltkrieg”, weil es zwischen Russland und der Ukraine, aber auch zwischen Russland und den USA und Russland und der EU knartzt. Da tobt eine Propagandaschlacht der Worte wie aus dem Bilderbuch, die den Blick auf das Eigentliche verstellt – und genau darum wird diese Propagandaschlacht auch geführt. Es wird keinen Dritten Weltkrieg geben. Es kann ihn gar nicht geben.

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Der Westen ist bankrott

von Lutz Büge

Zurzeit geistert viel Unsinn durch unsere Medien. Dummköpfe warnen davor, dass der “Dritte Weltkrieg” bevorstehe wegen der Auseinandersetzungen in und um die Ukraine, etwa der Chef der ukrainischen Übergangsregierung Jazenjuk, dem offenbar daran liegt, die Lage zu dramatisieren. Auch aus den USA sind nicht gerade moderate Töne zu hören, aber das war ja auch nicht zu erwarten. Und mittendrin in der Gemengelage mal wieder die unentschlossene EU und unsere Kanzlerin, die mal so sagt und mal so — oder die einfach abtaucht und überhaupt nichts sagt.

Dabei müsste eigentlich allen klar sein, dass hier ein Hirngespinst aufgebaut wird: Es kann gar keinen Dritten Weltkrieg geben. Nicht etwa, weil eine Auseinandersetzung zwischen Russen und Amerikanern die nukleare Option enthielte und daher das Ende der Welt bedeuten würde, wie wir sie kennen, sondern weil der Westen diesen Krieg nicht gewinnen könnte. Putin natürlich auch nicht, aber darauf kommt es nicht an. Der neue Zar zündelt zwar eifrig, aber das ist alles nur Taktik. Er will die Ukraine und den Westen spalten. Seine Motive sind durchsichtig: Nach jahrelanger Erniedrigung durch den Westen, nach Nato-Osterweiterung und US-Raketenschirm in Polen, hat Putin sich auf die Seite der russischen Nationalisten geschlagen, wo er glaubt, noch etwas gewinnen zu können. Mittelfristig wird das seinen Untergang bedeuten.

Nein, es gibt einen anderen Grund dafür, warum es diesen Dritten Weltkrieg nicht geben wird: Der Westen hat keine Legitimation, ihn zu führen. Die Vergleiche mit der Situation vor hundert Jahren, vor Beginn des Ersten Weltkriegs, gehen fehl, denn damals war die Stimmung in allen Ländern in einer Weise nationalistisch aufgeladen, die heute kaum vorstellbar ist. Sollte es jetzt Krieg geben — wer sollte mit welcher nationalen Begeisterung in diesen Krieg ziehen? Die Söldnertrupps der USA? Und wer sollte den Soldaten beim Auszug zujubeln? 70 Prozent der Deutschen können Putins Motive nachvollziehen.

Es wird diesen Krieg nicht geben, weil der Westen bankrott ist — moralisch und ethisch. Er hat die Hochfinanz auf seiner Seite, das ist klar; aber zugleich haben die USA in den vergangenen 14 Jahren so oft in unfassbarer Weise das Völkerrecht gebrochen, dass sie keinerlei moralische Legitimation haben, die Führung über den Westen auch in Sachen Putin und Ukraine zu übernehmen. Die USA mögen die militärische Supermacht dieses Planeten sein – auf die Völker diesseits des Großen Teichs können sie nicht zählen. Zu oft wurden auch wir Deutschen vor den Kopf gestoßen. Da werden Geheimverhandlungen über ein “Freihandelsabkommen” geführt, das mit dem Motto “Freie Bahn für freie Konzerne” hinreichend beschrieben ist. Da werden unsere digitalen Lebenszeichen, unser aller Bewegungen im Netz, vom US-Geheimdienst NSA ausgespäht — und zwar komplett! –, doch die USA zeigen keinerlei Regung, die Rechtslagen ihrer “Freunde” zu respektieren. Und zugleich töten sie per Drohnenattacken unschuldige Menschen — via Deutschland, mit Daten-Brücke US-Basis Ramstein.

In Deutschland hat Putin mehr Freunde als der Friedensnobelpreisträger und US-Präsident Barack Obama. Das liegt, hoffe ich, nicht daran, dass die Menschen hierzulande Putin ganz besonders mögen, sondern daran, dass sie sich von der US-Politik abgestoßen fühlen. Die Menschen sind die Alleingänge der USA und ihr imperiales Gehabe leid. Sie durchschauen die Versuche, die alte Geschlossenheit innerhalb des Westens wieder herzustellen, indem eine Art neuer Kalter Krieg inszeniert wird, und akzeptieren das Feindbild Putin in dieser Form nicht. Doch der Westen ist keine geschlossene Formation mehr. Er ist gespalten, und daran sind vor allem die USA schuld, die unter George W. Bush begonnen haben, eine Politik der Alleingänge zu fahren. Wer mit ihnen gen Irak ziehen wollte, war ihnen willkommen, und alle anderen hatten das Maul zu halten.

Dies alles ist kein Grund, auf Putins Seite zu sein. So wie es derzeit moderate Stimmen gibt, die für die künftige Ukraine einen Platz zwischen den politischen Blöcken sehen, so befindet sich die EU bereits zwischen den politischen Blöcken. Sie ist ein schlafender Riese, der endlich erwachen muss. Nirgends auf der Welt kann man so frei und selbstbestimmt leben wie hier, auch in den USA nicht (mehr). Es ist also durchaus richtig, dass es Werte zu verteidigen gibt in diesem Konflikt um die Ukraine, und es ist ebenso richtig, dass Putin gerade nicht für diese Werte steht. Die “gelenkte Demokratie” Russland bewegt sich unter Putin Richtung Autokratie, wenn nicht Diktatur. Freie Meinungsäußerung ist in Russland nicht mehr möglich, und Minderheiten wie etwa Homosexuelle haben keine Rechte mehr: Wenn sie nur händchenhaltend auf russischen Straßen auftauchen würden – was bei uns möglich ist –, würden sie sich strafbar machen. Mit Putin verbindet uns daher: nichts. Nur wirtschaftliche Interessen.

Es wird keinen Dritten Weltkrieg geben. Deutschland und die Europäische Union sind keine Vasallenstaaten der USA. Die Aufgabenteilung der Bundesregierung macht das klar: Kanzlerin Merkel gibt dem US-Präsidenten bei ihrem Besuch in Washington recht und wird ihr Verhalten in der Krise trotzdem nicht ändern, und Außenminister Steinmeier bemüht sich gleichzeitig, die Wogen zu glätten und die OSZE-Beobachter, die von den russischen “Separatisten” gefangengehalten wurden, freizubekommen und die Sache so zu deeskalieren. Das ist ihm gelungen. Mit dieser Politik der gespaltenen Zunge puffert unsere Regierung die Kriegspropaganda beider Seiten ab, denn Merkel und Steinmeier wissen genau: Sollte es zum Krieg kommen, wäre er von Anfang an verloren. Es gibt im Ukraine-Konflikt keine gute Sache, für die Europa und die Deutschen aufstehen würden. Es gibt nur Dreck. Überall.

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Bronski ist das Alter Ego von Lutz Büge. Dieser Text ist eine Zweitveröffentlichung und erschien zuerst auf dem Autorenblog Ybersinn. Mit diesem kleinen Aufreger verabschieden wir, Bronski und Lutz Büge, uns bis Mitte Juni und wünschen Ihnen/Euch allen fröhliche Aufregung! Vertreten wird uns wie immer Natalie Soondrum. Und vergesst nicht das Motto des FR-Blogs: Bleibt freundlich, sachlich – und beim Thema.

Beste Grüße

Bronski/Lutz Büge

4 Kommentare

  1. Wolfgang Fladung sagt:

    Wer wie ich täglich aufmerksam die NachDenkSeiten (dahinter steckt u.A. der ehem. Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt bei Willy Brandt und Helmut Schmidt) liest und die Kommentare verfolgt, findet z.B. auf der Seite von gestern folgenden Kommentar des Mitherausgebers Jens Berger (Jens Berger unterstützt die Herausgeber bei der redaktionellen Arbeit und schreibt regelmäßig Artikel für die NachDenkSeiten. Er ist freier Journalist und politischer Blogger. Sein Blog Spiegelfechter zählt neben den NachDenkSeiten zu den bekanntesten deutschsprachigen Politblogs.), hier der Link: (Link abgelehnt, Anm. Bronski, siehe Blog-Regel Nr. 8 )
    Deshalb für mich hochinteressant, weil hier jemand sich Gedanken macht, nach dem Motto: „Qui bonum“, über mögliche Hintergründe und Interessen an einem Kochen bzw. Hochkochen des Ukraine-Konfliktes. Es geht eben um Milliarden, die sich durch ein Umswitchen auf dem Energie-Sektor verdienen ließen. Da kann man schon mal ein wenig an der internationalen Spannungsschraube drehen, und sich in Vorstandsetagen auf neue Märkte und kräftige Zuwächse freuen. Ein paar Leichen dort und ein wenig Armut mehr bei uns, weil die Preise durch die Decke schießen, wird da unter Kollateralschaden verbucht.

  2. Wolfgang Fladung sagt:

    Ergänzung: Hinter dem „ehem. Leiter der Planungsabteilung“ verbirgt sich Albrecht Müller.

  3. G.Krause sagt:

    Der Krieg wird mit Propaganda vorbereitet,
    die Bevölkerung wird solange belogen bis sie
    alles glaubt. Unsere Regierung will bei der nächsten
    Wahl ja auch wiedergewählt werden.
    Es gibt Gute und Böse. Die Guten sind in Kiew.
    Es ist eine selbsternannte durch einen Putsch
    an die Macht gekommene rechtsradikale, dem
    Westen zugewandte, Regierung.
    Die Bösen sind wenigstens demokratisch gewählt
    worden, nach der russischen Verfassung wäre unsere
    Kanzlerin nicht mehr im Amt. Wer so wie ich denkt wird als Putinversteher verunglimpft, so einfach ist das.
    Ich habe in der Hitlerjugend die Nazipropaganda
    ertragen müssen, wie wurde die Jugend damals verdorben!
    Dann kam der Kalte Krieg, wieder wurden wir belogen,
    ich denke nur an die Sprüche von Richard Löwenthal und
    Arthur Schnitzler eine widerliche Zeit.
    Jetzt fängt alles wieder an, sogar der ehemalige
    Friedenskämpfer Joschka Fischer hetzt mit,
    er ist ja auch im Ölgeschäft tätig.
    Und worum geht es? Könnten es wirtschaftliche
    Interessen unserer Schutzmacht USA sein?
    Sie suchen einen neuen Markt für ihr Gas, in der riesigen Ukraine
    könnte man mit Fracking auch viel Geld verdienen und die
    Erde vergiften. Wir brauchen Wachstum auf Teufel komm raus
    und die nächste Kriese lässt nicht lange auf sich warten.
    Die deutschen Kriege gegen Russland haben wir alle verloren,
    mit Russland alles gewonnen, was lernen wir daraus???
    Lasst uns Frieden in Europa machen und mit Russland einen
    dauerhaften Frieden schließen, denn wir brauchen uns
    gegenseitig. Nur so bekommen wir ein starkes unabhängiges Europa. Was haben wir von den USA: Abhörskandal, Finanzkrise
    und Raubtierkapitalismus.

  4. Werner Engelmann sagt:

    Natürlich wird es keinen 3. Weltkrieg geben – denkt man an vergangene Situationen mit unvergleichlich geringerem Gefahrenbewusstsein: So Trumans Bereitschaft des Atomwaffeneinsatzes im Koreakrieg der frühen 50er Jahre, Kubakrise, Strategien des atomaren Erstschlags, dann – noch gefährlicher – des „flexible response“, Stationierung von Mittelstreckenraketen (SS 20 und Pershing) in den 80er Jahren, Massaker auf dem Tia-men und Mauerfall…
    Ist das aber ein Grund, Weltkriegsszenarien als bloße Hirngespinste durchgeknallter Spießer abzutun? Was steht dahinter? – Echte Kriegsangst? Selbst inszenierte Realityshow mit Gruseleffekt via Ukrainefaszination vom heimischen Sofa aus? Totalitäre Anwandlungen durch Putin-Identifikation? Oder einfach ein jeder Selbstkontrolle entrissener Schrei aus Hilflosigkeit?
    Ich neige am ehesten zu letzterem – habe dies im Parallelthread „…und an allem sind die Amis schuld“ auch näher ausgeführt. Dennoch erscheint es nicht überflüssig, danach zu fragen, welche Veränderungen, verdeckt durch hysterisches Geschrei, denn nun wirklich stattfinden.
    Dabei interessieren mich weniger die, angesichts Europawahlen besonders eklatanten, Bestrebungen des Schulterschlusses von extrem rechts und extrem links. Die liegen auf der Hand und lassen sich durch zahlreiche Äußerungen belegen. Ebenso die Absicht, die Krisensituation zu nutzen, um auch andere, vorrangig naive „Friedensfreunde“, unter ihre Fittiche zu bekommen.
    Bedenklicher und trauriger stimmt mich aber die Bereitschaft dieser „Friedensfreunde“, sich solchen Strategien geradezu anzubieten.
    Zum Vergleich: Merkmal „Friedensbewegter“ war ehedem, sich weder durch „westliche“ noch durch „sowjetische Propaganda“ einspannen zu lassen. Das galt etwa für die Anti-Pershing-Bewegung ebenso wie für den östlichen Gegenpart „Schwerter zu Pflugscharen“. Dass die Abgrenzung zu gefährlichen Bewegungen im eigenen ideologischen Lager im Vordergrund stand, liegt auf der Hand. Doch auch der Verweis auf die der Gegenseite wurde nicht vergessen. Es war das Markenzeichen einer geistig unabhängigen „Friedensbewegung“.
    Das aber scheint nun völlig anders zu sein. Ich habe Tausende von Foreneinträgen zum Ukraine-Konflikt durchgesehen, darunter ein sehr hoher Prozentsatz von „Friedensfreunden“, die unter Beschwörung des deutsch-russischen Verhältnis sich für Putin in die Bresche schlagen – um dann bis zum Erbrechen die von da gelieferten ideologischen Versatzstücke und Empörungswellen wiederzukäuen. In der „Analyse“ westlicher „Kriegshetze“ nichts, was nicht schon vor vielen Jahren, bei Afghanistan, Irak usw. bekannt war und geäußert wurde, ohne dass es Weltkriegsszenarien ausgelöst hätte, das nun aber mit unbändiger Wut erneut hochgekocht wird.
    Zugleich aber eisernes Schweigen zu allem, was nur ansatzweise Kratzspuren am so schön zurechtgebastelten Putinbild hinterlassen könnte.
    Die Instrumentalisierung und Selbstunterwerfung der ehemals unabhängigen Friedensbewegung scheint vollzogen. – Wenn einen das nicht traurig stimmen soll!