Das Christentum hat die Frauen befreit

Die Debatte über die Karfreitags-Kolumne „Hashtag Auferstehung“ hat die Leserforum-Seiten der FR in den vergangenen zwei Wochen stark geprägt, und die Diskussion darüber ist noch nicht zuende. Sie geht nun aber in eine andere Richtung, denn ein Leserinbrief, der sich dazu äußerte, zog einen Leserbrief nach sich zog. Ich schreibe ganz bewusst „Leserinbrief“ und „Leserbrief“, weil es in diesem Fall so ist, dass eine Leserin eine doch recht gewagte Position vertrat, die ich auch mit der Überschrift in den Vordergrund gestellt habe: Das Christentum habe die Frauen befreit. Hat diese Publikation etwa alle FR-Leserinnen in tiefe Zweifel gestürzt, so dass sie ihr Verhältnis zum Christentum überdenken mussten? Oder war die Provokation zu offensichtlich? Jedenfalls kam nicht eine einzige Reaktion von weiblicher Seite daraufhin herein, wohl aber eine von männlicher Seite, und die bringe ich jetzt als Debatte. — Frauen, was ist los mit Euch?

fr-debatteDas Christentum hat die Frauen befreit

Von Sigrid Klein, Kronberg

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„Sich über christliche oder religiöse Inhalte lustig zu machen, ist immer gefährlich.  So kann auch  auch die unverschämt lästerliche und ignorant überhebliche Kolumne der Katja Thorwarth  (Ausgabe vom 13.04. 2017) nicht unwidersprochen bleiben. Dabei hat sie mehrfach schlecht recherchiert. Die Kreuzigung war zu der Zeit Jesu eine verbreitete Todesart und Jesus ist nicht bei  der Auferstehung in den Himmel gefahren – sondern 40 Tage später. Einen Menschen, der einen Todeskampf  führt, mit den Worten „der Jüngling mit der Dornenkrone“ zu bezeichnen, ist wohl der Gipfel  des respektlosen Zynismus. Immerhin hat sie begriffen, daß sein Tod zur Erlösung der Menschen von ihren Sünden geschah, um vor Gott gerecht zu werden.
Dass sie sich über Gläubige lustig macht, die – trotz aller Wissenschaft – an so was glauben, zeigt, dass sie den Werten der christlichen Kultur, auf der auch unser Grundgesetz basiert, keinerlei Bedeutung schenkt. Sie macht sich auch über die evangelikale Facebook-Kampagne #darum Ostern lustig. Die Jugendlichen können sehr gut unterscheiden, wer sie verblödet. Jedenfalls werden sie die Gesetzte der Naturwissenschaft ebenso für wahr halten wie die Auferstehung. Es ist gut, dass sich jemand um die Jugend kümmert, die später – wie sie verächtlich sagt – die Kirchensteuer abdrücken sollen.
Daß die Frauen die ersten am Grab waren, sollte sie als Frau freuen. Denn das Christentum hat die Frauen befreit. und ihre Worte wurden von den Jüngern ernst genommen. Auch hier fehlt Katja Thorwarth jedes Bibel-Wissen.
Am Karfreitag tanzen? Warum sollte eine kleine Gruppe von Atheisten Toleranz erwarten von einer größeren Gruppe Christen, die an diesem Tag, den Tod Jesu betrauern, wobei die Gruppe der Atheisten – wie man sieht – zu einer solchen Toleranz nicht willens ist. Ist es kindischer Trotz oder Rechthaberei, weil wir in einem freien Land leben und hier eine Grenze aufgezeigt bekommen? Wir haben 104 Samstage und Sonntage im Jahr,  an denen getanzt werden kann, da wird man ja wohl am Karfreitag still halten können.“

fr-debatteIm besten Fall reines Wunschdenken

Von Jörg Sternberg, Hanau*

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„Ich achte, Frau Klein, Ihren Glauben an den Christengott und seinen Sohn, wie auch Sie sicherlich auf dem Boden der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit die Überzeugungen derer achten, die frei von Religion sind, Agnostiker, Atheisten und Freidenker. Wenn Sie allerdings als tiefgläubige Christin die an der geschichtlichen Wirklichkeit zu überprüfende Aussage wagen, das Christentum habe die Frauen befreit, dann ist das im besten Fall reines Wunschdenken. Was ist gemeint: befreit von Unterdrückung und Benachteiligung oder befreit von Sünde, irdischen Gelüsten und ewiger Verdammnis, schuldhaft und ursächlich der Frau zu verdanken (s. Vertreibung aus dem Paradies)? Die Annahme einer Ursünde ist Lehrsatz der christlichen Kirchen.
Über die Jahrhunderte hinweg hat es, übrigens in allen drei abrahamitischen Religionen, in ihren paternalistischen, patriarchischen Gesellschaften eine durchweg frauenfeindliche Tradition gegeben. In den Briefen des Paulus über Luther bis in die Moderne. Als Höhepunkt und Beispiel solch frauenverachtenden Zynismus‘ zitiere ich nur eine Aussage des „großen Reformators“: „Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk. Ob die Frauen sich müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da.“
Bis heute gilt: Männliche Macht und Herrschaft wird durch Religion und Kirche legitimiert und braucht zur Aufrechterhaltung der Herrschaft die Entmündigung, Entrechtung, Unterdrückung, Erniedrigung der Frau. Von der Schöpfungsgeschichte bis in die Jetztzeit. Nur in Stichwörtern zur Gegenwart: Reduzierung auf Mutterrolle, Lustobjekt, Abtreibungsverbot, Verbot Verhütungsmittel, ungleicher Lohn, Ehegattensplitting, Ausschluss vom Priesteramt etc. Noch im Parlamentarischen Rat wandten sich die christlichen Parteien gegen die Verankerung des Gleichheitsgrundsatzes im Grundgesetz. Erst in den säkularen Schriften und Erklärungen der Humanisten, Aufklärer(-innen) und Revolutionäre/-innen schimmert ein anderes Frauenbild auf. Übrigens sind das auch die wichtigsten Quellen der Verfassung, neben den Menschenrechtskonventionen und den Erfahrungen der Zerstörung der Weimarer Republik durch die Nazis. Nicht, wie Sie glauben, das Christentum. Die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ trug 1792 Olympe de Gouges vor der französischen Nationalversammlung vor. Die Geschichte der Frauenbewegung weltweit beschreibt die Kämpfe der Frauen für gleiche Rechte und um Emanzipation von allen sie niederhaltenden Zuschreibungen.“

* Der Autor  ist Kommunalpolitiker der Partei „Die Linke“ in Hanau.

6 Kommentare

  1. Rudi sagt:

    Die Religiösen nehmen häufig für sich in Anspruch, in ihrem Glauben von Ungläubigen verletzt zu werden. Bei Muslimen ist diese Haltung, wenn es um Islamisten geht, besonders ausgeprägt. Die Christen haben sich in den letzten 200 bis 300 Jahren zähmen lassen (müssen). Ihre eigene Geschichte legt für ihre Intoleranz gegenüber Nichtchristen beredt Zeugnis ab. Frau Kleins Toleranzverständnis scheint nicht besonders ausgeprägt, wenn sie auf die Gruppengröße abhebt: „Warum sollte eine kleine Gruppe von Atheisten Toleranz erwarten von einer größeren Gruppe Christen…“. Ein gutes Argument ist das nicht. Toleranz zeichnet sich gerade durch Minderheitenschutz aus. Aber auch ihr Faktum der „kleinen Gruppe“ ist bei näherem Hinsehen gar keines. 36% der Menschen gelten in Deutschland als konfessionsfrei, 28,9% sind katholisch, 27,1% evangelisch, 4,4% Muslime und 3,6% gehören zu den sonstigen Religionsgemeinschaften. Was wir nicht wissen können, ist, wie viele Menschen von den Konfessionsfreien tatsächlich doch einen Glauben praktizieren, aber auch von den formal den beiden christlichen Kirchen Anhängenden wissen wir das nicht, schließlich werden sie meist direkt nach der Geburt, also im Zustand völliger Unmündigkeit, in diese Gemeinden immatrikuliert.

    Es gibt Menschen, die wegen ihres Berufes in einer christlichen Kirche bleiben müssen, da diese einen nicht unerheblichen Teil der Arbeitsplätze bieten. Das sind Erzieher/innen oder Sozialarbeiter/innen, aber auch Ärzte, die in konfessionellen Krankenhäusern arbeiten. Allen diesen Arbeitsplätzen gemeinsam ist, dass der überaus größte Anteil der Gehälter von der öffentlichen Hand, also auch von den Steuergeldern dieser „kleinen Gruppe“, finanziert wird. An dieser Stelle könnte ich jetzt eine milliardenschwere Liste aufzählen, die zeigt, dass sich die beiden christlichen Kirchen mit einem großen Teil von der Gesamtheit der Steuerzahler finanzieren lassen. Ein paar wenige außer den oben genannten möchte ich nennen, damit man sich ein Bild machen kann: die theologischen Fakultäten an den Hochschulen, der Religionsunterricht an den Schulen, die Militär- und Polizeiseelsorge, die Auslandsarbeit der Kirchen oder auch die Gehälter der Bischöfe.

    Statt ein wenig dankbar zu sein, dass sich alle Religionsfreien mit ihren Steuergeldern an der Finanzierung der christlichen Kirchen beteiligen, fühlen sich gerade die nichtzweifelnden christlichen Gemeindemitglieder sehr schnell beleidigt, wenn berechtigte Kritik an fragwürdigen Traditionen geäußert wird. Nicht zufällig ist der Paragraph 166 Strafgesetzbuch, auch Gotteslästerungsparagraph genannt, immer noch in Kraft. Bis zu drei Jahre Haft können für die „Verletzung religiöser Gefühle“ die Folge sein. Allerdings: Diese Gefühle konnte mir noch niemand beschreiben

  2. Gerhard Sturm sagt:

    Bisher ist der Karfreitag dem Andenken an den Tod eines Menschen gewidmet. Jesus, manchmal auch als der erste Sozialist bezeichnet, hatte sicherlich im Sinn die Welt zu verbessern. Aus seinen Ideen entstand eine neue Religion die in der Folge vielen Menschen den Tod brachte. Über Kreuzzüge, 30 jährigem Krieg bis zur Judenverfolgung im letzten Jahrhundert zieht sich die blutige Spur der Religionskämpfe. Nicht einmal in diesem Jahrhundert haben wir Ruhe vor einigen hasserfüllten Gläubigen jeglicher Religionen und Sekten. Deshalb schlage ich die Umwidmung des Karfreitags vor. Der Tag wird Weltweit (wie der 1. Mai) zum Gedenktag an die Toten durch Religionskämpfe erklärt. Atheisten werden dann sicherlich Verständnis für ein Tanzverbot aufbringen. Auch Jesus wird nichts dagegen haben, denn er konnte ja nicht ahnen, dass seine Ideen zur Weltverbesserung derartiges Leid über die Menschen bringt. Uns gelingt ja auch nicht jedes Projekt beim ersten Anlauf.

  3. Frank Wohlgemuth sagt:

    „Atheisten werden dann sicherlich Verständnis für ein Tanzverbot aufbringen.“ (Gerhard Sturm)
    Für die Atheisten kann ich nicht sprechen, aber egal, wie es begründet wird, werde ich kein Verständnis für ein Tanzverbot aufbringen. Man kann mit einem Feiertag den Raum für ein Gedenken schaffen, aber man kann es nicht anordnen, genauso wie man auch keine Gefühle anordnen kann. Und ein Gedenken, dass des Verbots der Freude bedarf, scheint irgendwie keinen Anlass zu haben, der zum Gedenken einlädt, sonst hätte es dieses Verbot nicht nötig. Als Steigerung wäre dann noch ein zwingendes Feiertagsmahl aus zerkochtem Kohl mit altem Eber möglich, damit die Gesichter noch trauriger werden. Nachtisch wird auch verboten.

    In der Sache stimme ich dem Kommentar Jörg Sternbergs mit einer kleinen Einschränkung zu: Das „Ehegattensplitting“ gehört nicht in dieses Thema und zu dem kann man sehr begründet ganz anderer Meinung sein. Aber das ist eine andere Diskussion.

  4. deutscher Michel sagt:

    Während hier im blog über die Befreiung der Frauen durch das Christentum diskutiert wird, wurde Saudi-Arabien wurde in die UN-Frauenrechtskommission gewählt. 

  5. Anne Rumpf sagt:

    Um auf die These von Frau Klein von der Befreiung der Frau durchs Christentum und Herrn Sternbergs Widerspruch zurückzukommen: Ich denke, beide haben Recht.
    Das Christentum birgt – wie übrigens jede andere Religion auch – sowohl das Potential der Befreiung als auch der Unterdrückung in sich. Beide Potentiale wurden und werden eindrucksvoll demonstriert: Luther machte die Bibel allen Menschen zugänglich, er beraubte den Klerus seines bis dahin exklusiven Rechts auf Wissen, indem er das zentrale Dokument der Christen einfach mal übersetzte. Die Befreiung von Unwissenheit und auch Angst muss damals gewaltig gewesen sein. Gleichzeitig ließ er Tiraden über Frauen wie die von Herrn Sternberg zitierte vom Stapel, hetzte gegen Juden und wurde so ein Prediger von Vorurteilen und Unterdrückung.
    Frauen konnten über lange Zeit hinweg nur dann ohne Ehemann und Familie überleben und ihren Wissensdurst stillen, wenn sie ins Kloster gingen. Gleichzeitig waren Klöster Orte der Unterdrückung und Unterwerfung unter „Gottes Wille“, nicht immer, aber häufig.
    Die Befreiung der Frau von Unterdrückung hat die Theologin Dorothee Sölle bereits in den 70er Jahren als wichtiges Thema der evangelischen Theologie behandelt, ihre Theologie war hochpolitisch und vom Widerstand gegen die Ausbeutung und Unterdrückung aller Menschen geprägt. Gleichzeitig herrschte in den 70ern selbst außerhalb von Kirche ein Frauenbild, das wir heute Gottseidank überwunden haben.

    Natürlich kann man den Begriff der „Befreiung“ auch vollkommen anders interpretieren: frei sein von Sünde, Befreiung von der „Herrschaft Satans“ – das machen die Evangelikalen gerne und postulieren damit einen Freiheitsbegriff, der irreführend ist, weil er die Menschen in letzter Konsequenz doch nur auf ihre Erlösungsbedürftigkeit hinweisen will und damit wieder eine emotionale Abhängikeit schafft.
    Fakt ist, dass viele Mächtige aller Zeiten der Versuchug nicht widerstehen konnten, Gott, Jahwe oder Allah vor ihren politischen Karren zu spannen und sowohl Frauen als auch Männer zu unterjochen.
    Wenn man die Bibel liest, erscheint einem Gott manchmal als jähzorniger, blutrünstiger Militarist, dann wieder als Philopsoph und Dichter oder als Revolutionär, der mit religiösen Konventionen bricht und sich mit den Ausgestoßenen solidarisiert. Von allem etwas. Das macht Theologie ja so spannend.
    Es wäre iteressant, ob hier Theologinnen mitlesen – vielleicht könnte eine von denen mal was dazu schreiben?

  6. Brigitte Ernst sagt:

    Es gibt Theologen und Theologinnen, die im Urchristentum eine gleichberechtigtere Stellung der Frauen entdecken. Jesus hat ja nicht nur Männer, sondern auch Frauen um sich geschart und ernst genommen, und sie sollen in der frühen Kirche in den ersten 50 Jahren z.T. wichtige Funktionen besetzt haben. Das währte aber nicht lange, dann reklamierten die Männer wieder die Vorherrschaft.
    Was die Aufklärung anbetrifft, die hier immer wieder als Vorkämpferin für Menschenrechte gepriesen wird: Für Frauen galten diese Menschenrechte leider nicht, und unter den Aufklärern gab es ausgesprochene Frauenverächter, die für deren Streben nach Teilhabe an Bildung nur Ablehnung und Spott übrig hatten. Auch da, wie immer und überall, liessen sich die Männer nicht gern die Vorherrschaft streitig machen.