Droht eine weitere Verlängerung des Lockdown?

Der Impfzirkus geht in die nächste Runde. Während die Kritik an der Beschaffungspolitik für Impfstoffe nicht leiser wird, verliert einer dieser Impfstoffe massiv an Vertrauen: der des schwedisch-britischen Herstellers Astrazeneca. Er bleibt in der Wirksamkeit anscheinend weit hinter den Impfstoffen von Biontech und Moderna zurück, und da stellen sich offenbar viele Menschen die Frage, warum sie sich mit etwas impfen lassen sollen, das ihnen nicht den versprochenen Schutz bringt, während die Impfung selbst wohl teilweise heftige Reaktionen auslöst. Hinzu kommt, dass der Impfstoff anscheinend bei einigen der Virus-Mutanten, die rund um die Welt aufgetaucht sind, nicht mehr richtig oder gar nicht wirkt. Zudem wurden Studien zur Wirksamkeit offenbar schlampig durchgeführt. Nur weil alles bekanntlich sehr schnell gehen musste? Die Folge des Vertrauensverlustes: Der Astrazeneca-Impfstoff bleibt liegen. Impftermine werden seitens der zu Impfenden abgesagt.

AstrazenecaDie Kritik kam schon vor mehreren Wochen auf. FR-Autorin Pamela Dörhöfer hat sich in ihrem Leitartikel „Der 1b-Impfstoff“ (pdf-Dokument) und im Interview mit dem Pharmazeuten Theo Dingermann auseinandergesetzt: „Da wird Sand in die Augen gestreut„. Denn es gibt noch weitere Kritikpunkte. Der Wert der notwendigen Zweitimpfung ist zweifelhaft, da sich ein Teil der Abwehrreaktion des Körpers auf diese Impfung offenbar gegen den Vektor richtet und nicht gegen das Antigen, das von diesem Vektor transportiert wird. (Der Vektor ist ein harmloses Adenovirus, das aber ebenfalls eine Abwehrreaktion auslöst, da es vom Immunsystem als fremd erkannt wird.) Zweitens bleibt noch ein wichtiger Umstand ungeklärt: Anders als die Impfstoffe von Biontech und Moderna, in denen mRNA vorliegt (messenger-RNA), transportiert der Impfstoff von Astrazeneca DNA, also Erbinformation auf demselben molekularen Niveau, auf dem auch die genetische Information im Zellkern vorliegt. Erst dort entsteht im Lauf der Transkription mRNA, die dann zu den Orten in der Zelle gebracht wird, an denen das Protein gebaut wird, auf das die Impfreaktion erfolgen soll. Fremde DNA im Zellkern? Könnte das eventuell gefährlich sein? Wird diese DNA möglicherweise sogar in das Genom der betroffenen Zellen eingebaut? Mit welchen Folgen?

Wie gesagt: Die Sache ist ungeklärt. Im komplizierten Kampf gegen die Virus-Mutanten ist der Impfstoff offenbar wenig hilfreich. Insbesondere die Variante B.117, die in Großbritannien entstanden sein könnte, breitet sich derweil in Deutschland aus. Sie ist möglicherweise gefährlicher als gedacht. Ausbrüche in Eisfabriken und Schlachthöfen, aber auch in ganzen Städten wie in Flensburg beschäftigen die Experten. Das Ende des Lockdown ist derzeit offenbar noch weit weg.

fr-debatteAuf Sicht fahren heißt nicht, den Kopf abzuschalten

Der Beitrag in der FR hat gezeigt, wie sehr sich das aktuelle Infektionsgeschehen hin zu den gefährlicheren Coronavirus- Mutanten aus Südafrika, Brasilien, einer britischen Mischvariante sowie einer neuen kalifornischen Variante entwickelt. In Südafrika werden derweil die Impfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff gestoppt, weil dieser gemäß einer Studie „gegen die südafrikanische Virusvariante wirkungslos ist, wenn es darum geht, vor leichten bis mittelschweren Erkrankungen zu schützen.“ Gleichzeitig beginnen in Brandenburg seit dieser Woche die Impfungen des Pflegepersonals mit Astrazaneca und die saarländische Gesundheitsministerin Monika Bachmann (CDU) wundert sich, dass 54 Prozent des medizinischen Personals ihren Impftermin mit diesem Stoff schleifen lassen. In der Pandemie heißt „auf Sicht fahren“ nicht automatisch auch den Kopf auszuschalten. Vielmehr erscheint es jetzt angesichts der vielfältigen Mutanten erforderlich, auch über schnellere Notfall-Zulassungen von Impfstoffen nachzudenken, die wie der von kalifornischen Forscher*innen entwickelte Impfstoff „gleichzeitig vor acht verschiedenen Coronaviren Schutz bieten“ sollen.

Robert Elbe, Offenbach

fr-debatteNicht alle Maßnahmen wirken effektiv

Sehr geehrte Frau Dörhöfer, zunächst herzlichen Dank für diesen erneut herausragenden Artikel – für mich das Beste, was derzeit zum Thema zu finden ist.
Die Entstehung immer neuer Varianten von SARS-CoV-2 lässt eine dauerhafte Immunität nach Impfung oder überstandener Infektion zweifelhaft erscheinen. Grenzschließungen ändern nichts daran, dass Mutanten bereits in Deutschland sind und sich hier verbreiten.
Dies wird auch als Grund dafür benannt, dass nunmehr nicht mehr ein Inzidenzwert von <50, sondern von <35 angestrebt wird. Gleichzeitig öffnen die Schulen. Unter sämtlichen anderen Aspekten als dem Aspekt des Infektionsschutzes ist das selbstverständlich nachvollziehbar, erscheint sogar dringend geboten.
Was jedoch den angestrebten Inzidenzwert betrifft, dürfte es schwierig werden. Der aktuelle lockdown umfasst ja ein ganzes Bündel von Maßnahmen, um die Pandemie hier einzudämmen. Durchaus nicht alle Maßnahmen wirken besonders effektvoll. Der im Ärzteblatt (16.12.20) zitierten Oxford-Studie zufolge hatten beim Brechen der ersten Welle die Beschränkung von Kontakten auf weniger als 10 Personen, die Schließung von Universitäten und Schulen und die Schließung von Geschäften mit einem hohen Face-to-Face-Risiko den größten Einfluss, andere Maßnahmen wie z.B. Ausgangssperren deutlich weniger. Die Berechnungen weisen darauf hin, dass diese drei Maßnahmen ausreichen würden, die zweite Welle zu brechen.
Welchen Effekt die Öffnung der Schulen auf die Infektionszahlen haben wird, bleibt abzuwarten. Es soll ja genau beobachtet werden und getestet. Was aber ein erneutes Ansteigen der Zahlen für Folgen haben würde, mag ich mir gar nicht vorstellen, da die Antwort ja stets eine Verlängerung des kompletten lockdowns ist.

Rainer Stockmann, Dreieich

fr-debatteVektorimpfstoffe sind keine konventionellen Vakzine

Pamela Dörhöfer hat die wichtige Frage aufgeworfen, um was für einen Impfstoff es sich hier eigentlich handelt und deutlich gemacht, dass ein „Vektorimpfstoff“ eben kein „herkömmlicher“ Impfstoff ist. Das ist bisher in der deutschen Medienöffentlichkeit kaum bekannt gemacht worden.
Während Biontech und Moderna mit „MRNA“ arbeiten, einem reinen „Botenstoff“, den der Körper rasch abbaut, arbeitet ein „Vektorimpfstoff“ mit der DNA des Originalvirus, die mit einem als harmlos betrachteten Schimpansenvirus in die menschlichen Zellen eingeschleust wird und Zellkerne zur Produktion von Abwehrstoffen anregen soll.
Man kann sich die Wirkprinzipien von MRNA und Vektorimpfstoff also genau gegensätzlich vorstellen: MRNA = aus der Zelle heraus, Vektor-DNA= in die Zelle hinein.
Die bei Biontech anfangs geäußerten Sorgen hinsichtlich Genomveränderungen sind bei Astra Zeneca (und Sputnik V ebenso) dementsprechend sehr viel mehr angebracht, aber bisher m.W. hierzulande nicht öffentlich diskutiert worden.
Noch viel wichtiger ist ein Aspekt, den P.Dörhöfer hervorhebt: Der Impfstoff von Astra-Zeneca enthält die DNA des Spike Proteins, die in den menschlichen Zellkern eindringt, und es ist unbekannt, wie diese in der menschlichen Biologie agiert, „ob sie in das Genom integriert wird“ und welche Folgen das haben kann.
Diese Sorge wird bei den „Botenstoff-RNA“ („mRNA“) -Impfstoffen bisher als ausgeschlossen bezeichnet, bei AstraZeneca gibt es wohl keine -öffentlich bekannte- Aussage dazu!
Weiterhin ist von dem Vektorimpfstoff gegen das „Dengue-Fieber“ bekannt, dass er bei Älteren kaum noch wirkt, weshalb er nur bis 45 Jahre zugelassen wurde.
Und u.a. daraus leitet sich die Vorsicht der Experten hinsichtlich der Wirkung solcher Vektorimpfstoffe bei älteren Menschen ab. Um das abzuklären oder auszuräumen, hätte man erwarten können, dass Vektorimpfstoffproduzenten in der Testphase ein besonderes Augenmerk auf Ältere in den Impftests achten. Warum Astra Zeneca genau das Gegenteil gemacht hat und die Impfgruppe der Älteren sogar besonders klein gehalten hat, darüber kann man nur spekulieren. Ich erlaube mir jedenfalls, das nicht für einen Zufall zu halten!
Weiterhin gibt es bei den Vektorimpfstoffen das Problem, dass der Geimpfte sowohl die „erwünschten“ Antikörper gegen krankheitserzeugende als auch – eher „unerwünscht“- gegen das Trägervirus selbst (den „Vektor“) produziert. Das kann dazu führen, dass eine zweite („Boost“) Impfung sofort von den Antikörpern abgefangen wird und sozusagen „verpufft“. Deshalb ging man bei Ebola und Dengue den Weg, verschiedene „Vektorviren“ für Erst- und Zweitimpfung einzusetzen.
Die bekanntgewordenen Studienergebnisse von Astra Zeneca legen zwar die Vermutung nahe, dass dies hier auch passiert, weil diejenigen, die als Erstimpfung versehentlich nur die halbe Dosis erhalten hatten, eine deutlich stärkere Immunantwort nach der zweiten Dosis hatten. Das wird aber „verwischt“ davon, dass gerade die Gruppe mit der halben Erstdosis und der guten Immunantwort allein aus Probanden bis maximal 55 Jahren bestand, sodass man das gemessene Ergebnis der Tatsache, dass jüngere „eine bessere Immunantwort erzeugen als Ältere“ zuordnete.
Deshalb nocheinmal: der Astra-Zeneca Impfstoff ist kein „konventioneller Impfstoff“ aus toten oder abgeschwächten Viren(wie Pocken, Röteln, Windpocken u.v.a.m.), sondern ein neuartiges „Genprodukt“!

Werner Dörr, Polch

fr-debatte

8 Kommentare

  1. hans sagt:

    Heute in der Sendung heute um 19 Uhr sagte die Bürgermeisterin von Flensburg das in den ersten 6 Wochen in ihrer Stadt genau so viele Menschen gestorben sind wie im ganzen Jahr 2020. Corona hat wohl jetzt erst angefangen und das alles weil unsere Regierung zu doof ist Impfstoff wie in GB zu beschaffen.

  2. Werner Dörr sagt:

    Ein weiteres Problem scheint mir zu sein, dass die am Jahresanfang begonnene Impfdebatte um „Dosenzahlen“, „Bestellversäumnisse“ und jetzt „Impfstoffqualitäten“ leider den Blick abgelenkt hat von der Klärung der Infektionswege und damit auch von jeglicher „evidenzbasierter“ Abwägung der Schließung und Öffnung von Geschäften und Einrichtungen. Da die Politiker gerne von der raschen Impfstoffentwicklung als „Förderer“ profitieren wollen, haben sie es mindestens zugelassen, wenn nicht gefördert, dass in der Öffentlichkeit das Gefühl, aus der Impfung folge absehbar das Ende der Pandemier, entstanden ist. Erneut wurde versäumt, das „Öffnungswesen“ ordentlich vorauszuplanen. Stattdessen werden willkürlich Friseure vorgezogen, weil von deren „Wirken“ besonders viele Wähler/innen rasch profitieren werden. Aber niemand hat m.W. auch nur den Versuch einer Begründung dafür gemacht, so dass mit Recht andere Berufsgruppen fragen „warum nicht wir ebenfalls?“
    Was, so frage ich, ist so schwer daran, Hygienekonzepte und Ansteckungspotentiale zu überprüfen (und sei es in überschaubaren Feldversuchen)? Und wann werden die Gesundheitsämter in den Stand versetzt, Infektionsketten so nachzuverfolgen, dass daraus Schlüsse auf die gegenwärtigen Orte des Infektionsgeschehens zu schließen sind? Gibt es eigentlich überhaupt öffentlich geförderte Projekte, welche zeitnah -z.B. aus den Akten der Gesundheitsämter- auswerten, wo derzeit die Infektionen stattfinden? Wäre das nicht eine Aufgabe, die mindestens so notwendig wäre, wie mit Millionenaufwand die reichen Pharmafirmen in der Ausweitung ihrer Impfstoffproduktion zu fördern?! Genügend Studierende ohne Nebenjob gibt es, die in solchen Projekten eingesetzt werden könnten!

  3. hans sagt:

    https://www.zdf.de/nachrichten/heute-sendungen/israel-gruener-pass-corona-impfung-lockerungen-video-102.html
    Die Meldungen aus Israel sind so positiv wie man sich das überhaupt vorstellen kann. Das zeigt natürlich auf was hier möglich gewesen wäre und in den USA und GB demnächst passiert. Die Monate die D. verloren hat Januar, Februar und wahrscheinlich März kann man nicht aufholen mit allen Konsequenzen für die der Mutant wohl sorgen wird.

  4. hans sagt:

    zu @ Werner Dörr
    Ja es ist kaum zu fassen das man immer noch nicht weiß wo die Infektionen wirklich her kommen. Vor ein paar Monaten habe ich hier gefragt ob man mehr überwachen oder mehr beerdigen will. Man hat sich dafür entschieden nicht so viel zu überwachen. Dabei wäre die Information wo die Infektionen herkommen ein Abfallprodukt gewesen. Jetzt kommt halt noch der Mutant dazu aber wenn es gut läuft haben wir im April genug Impfstoff. Im Sommer dann auch vielleicht eine gute Impfquote wenn es gelingt die Hausärzte einzubinden. Was bis dahin passiert werden wir nicht mehr verhindern können.

  5. Werner Dörr sagt:

    @hans
    Entschuldigung, aber das ist nun wirklich eine absolute Fehleinschätzung! Auch wenn „die Regierung“ „wie in Großbritannien Impfstoff beschafft“ hätte, wären diese Menschen wohl erkrankt und gestorben! Warum sind wohl so viele menschen in Großbritannien gestorben? Man muss schon mal rechnen: Erste Dosis + 2 Wochen (Biontec)+ 2 Wochen = 4 Wochen bis zur „vollen Impfwirkung. Und ASTRA : 1.Dosis + 12 Wochen +2 Wochen bis zur vollen Wirkung. Also hier kann man der Regierung keinen Vorwurf machen. Und bis in Deutschland alle geimpft sind, wird es MINDESTENS noch bis Jahresende 2021 dauern, selbst wenn die Hausärzte „mithelfen“ und der „Ib-Impftoff“ von Astrazeneca verimpft wird. Mir scheint mittlerweile der Ansteckungsschutz viel wichtiger. Da wird zu wenig nachgeprüft, wo die Infektionen eigentlich herkommen und wie sie weitergegeben werden!

  6. hans sagt:

    zu @ Werner Dörr
    In GB sind die letzten Monate so viele Menschen gestorben weil der Mutant da so verbreitet im Januar war wie er bei uns bis spätestens Ende März sein wird. Das ist der Hauptgrund. Wie GB im Januar werden wir im April gegen die dritte Welle beginnen anzuimpfen. Der Verband der Hausärzte hat gesagt das man erwartet 5 Millionen Impfungen die Woche zu machen. Die Impfzentren werden wohl fast 2 Millionen die Woche schaffen. Das bedeutet das wir 70 Millionen in 10 Wochen impfen können. Das zu erreichen sehe ich als einzige Chance an das Thema einigermaßen in den Griff zu bekommen. Noch eine Rechnung zur Info. Die Hausärzte rechnen 50000 Ärzte 20 Impfungen am Tag. Letztlich ist es das was bei Grippeschutzimpfungen schon gemacht wird. Dazu darf aber der Impfstoff nicht fehlen

  7. hans sagt:

    Er mühte sich redlich. Ob das noch im Zeugnis von Jens Spahn berechtigt stehen könnte? Spätestens nach dem er für 01.03 Schnelltests für jeder Mann angekündigt hat um dann die Tage zu sagen das er für die Beschaffung dieser Tests nicht zuständig ist muss man Zweifel haben. Weil das ja recht offensichtlich ist, möglicherweise sogar für Unionswähler, hat man jetzt den Andy Scheuer ins Rennen geworfen. Er ist wie immer schnell nur sind die Tests bei Aldi und Lidl gelandet anstatt in den Schulen und Kitas. Ich denke sie werden die legitimen Nachfolger von Toilettenpapier. Ob sie da auch den gewünschten Zweck erfüllen?
    Neuerdings wird ja die Zahl von 10 Millionen Impfungen pro Woche die im zweiten Quartal erreicht werden soll immer mal wieder genannt. Bei 100000 Ärzten im Land die dafür theoretisch eingesetzt werden können halte ich die Zahl sogar für möglich. Die Politik verzichtet aber darauf im ersten Quartal die Logistikwege gründlich zu testen ob es dabei zu noch nicht erkannten Problemen kommt. Nicht nur aus diesem Grund habe ich Zweifel das die Herren die derzeit das organisieren das im zweiten Quartal hin bekommen. Schön wäre es ja.

  8. hans sagt:

    https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/interview-karl-lauterbach-zur-cluster-identifizierung-so-k%C3%B6nnen-wir-die-pandemie-schneller-und-gezielter-eind%C3%A4mmen/ar-BB1eneAn?ocid=msedgntp
    Sollte man es tatsächlich schaffen von Asien zu lernen? Es könnten viele nicht beerdigt sein denke ich. Wenn man wissen will wo Infektionen her kommen muss man Daten erfassen sonst kann man sie halt nicht auswerten.