Keine Notstop-Schalter in Frankfurter S-Bahhöfen

Vor zwei Wochen ereignete sich im Frankfurter S-Bahnhof Ostendstraße ein tragischer Unfall, bei dem ein junger Mann namens Mustafa Alptuğ S. starb, ein 17-jähriger Muslim aus Hanau mit türkischen Wurzeln. Er war ins Gleisbett hinabgesprungen, um einem Obdachlosen zu Hilfe zu eilen, der dort betrunken und hilflos auf den Gleisen lag. Mustafa Alptuğ S. wurde von einer einfahrenden S-Bahn erfasst und starb kurz darauf am Ort des Geschehens. Der Obdachlose, ein 44-jähriger Mann, überlebte schwer verletzt, ein weiterer Obdachloser, der ebenfalls hatte helfen wollen, kam mit leichten Verletzungen davon.

AlptugDer Unfall hatte weitreichende Folgen für den gesamten Personennahverkehr in der Region, denn der Bahnhof Ostendstraße ist von Osten aus gesehen der erste von fünf Bahnhöfen, durch die der ganze S-Bahn-Verkehr der Region unter der Frankfurter Inennstadt hindurchgeleitet wird. Und natürlich gab es prompt Beschwerden über die Unzuverlässigkeit der Bahn, die offenkundig nicht berücksichtigten bzw. nicht berücksichtigen konnten, was zuvor in der Ostendstraße geschehen war. Aber das sind nur eine Handvoll von Stimmen. Eine große Zahl von FrankfurterInnen hingegen ist schockiert und fasssungslos angesichts dieses Unfalls und fragt sich: Musste das sein? Warum gibt es keine Notstop-Schalter in S-Bahnhöfen, so wie sie in Frankfurter U-Bahnhöfen existieren? Wie schnell hätte die einfahrende S-Bahn zum Stillstand gebracht werden können? Noch rechtzeitig? Vielleicht per Handy-Notruf? Wie schnell hätten die Entscheider bei der Bahn, wie schnell hätte das Stellwerk reagieren können? Könnte Mustafa Alptuğ noch leben? Das Mindeste scheint jetzt zu sein, dass der Bahnhof nach dem jungen Mann umbenannt wird, in dem viele bereits einen Helden sehen. Tausende von FrankfurterInnen haben sich einer Petition angeschlossen, die dies zum Ziel hat.

Mir geht bei alledem eine Frage nicht mehr aus dem Kopf, abseits von dem Schlimmen, Fürchterlichen, dessen Augenzeuge ich nicht gewesen sein möchte und zm Glück auch nicht war, und abseits der Frage nach den Notfallsystemen. Offenbar waren solche Notfallschalter ursprünglich vorhanden, waren aber nach einer Sanierung des Bahnhofs nicht wieder installiert worden. Wenn das stimmt, wirft das natürlich Fragen auf. Aber meine Frage ist eine andere. Wir von der Presse, den Medien, haben einen Codex, der uns sagt, dass Informationen über ethnische oder religiöse Zugehörigkeiten nur dann etwas in einer Meldung zu suchen haben, wenn sie nötig sind, um diese Nachricht zu verstehen. Dahinter steckt der Gedanke, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren soll, um nicht beispielsweise ungewollt Rassismus zu fördern. Zu einer Meldung über einen „Ehrenmord“ würde die Information über den ethnischen Hintergund daher wohl zwingen dazugehören.

Aber ist nicht auch Mustafa Alptuğ S. so ein Fall? Oder welche Rolle spielt in der Geschichte dieses Unfalls die Tatsache, dass er türkische Wurzeln hatte und Muslim war? Keine, oder? Das sollte uns zu denken geben. Der junge Mann hat einfach nur helfen wollen. Es war ein Akt der Mitmenschlichkeit, den er mit dem Leben bezahlt hat. Seine Freunde und seine Familie beschreiben ihn als empathisch, hilfsbereit, zugewandt. Diese Beschreibung entspricht zu ungefähr nullkommanull Prozent den Vorurteilen, die viele Menschen in Deutschland von jungen Deutschtürken haben. Die Übergriffe auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht des Jahres 2015 entsprachen diesen Vorurteilen sehr wohl, und entsprechend groß war damals der Sturm der Entrüstung. Zum tragischen Todesfall des Mustafa Alptuğ S. habe ich hingegen insgesamt nur drei Leserbriefe bekommen  Das ist eine Erkenntnis, welche die Umbenennung des S-Bahnhofes wohl rechtfertigen würde – einerseits, um den jungen Mann zu ehren, der helfen wollte, also als ein Statement für Zugewandtheit und Hilfsbereitschaft. Andererseits aber auch als politisches Statement: Es gibt offenbar Menschen in Deutschland, die so gut integriert sind, dass sie für sturzbetrunkene Obdachlose ins Gleisbett springen. Muss man da die Frage hinzufügen: Welcher „Biodeutsche“ hätte das wohl versucht?

Balken 4Leserbriefe

Christian Sieling aus Frankfurt meint:

„Abmontierte Notruftelefone, die gewartet werden müssten –  „aber 112 geht ja genauso schnell“. Mitarbeiter*innen, die schließlich wüssten, dass man auch zum Retten nicht hinunter ins Gleis springt, ganz zu schweigen von Notsignalschaltern, die automatisch die S-Bahn gestoppt und dem jungen Mann am 13.11. in Frankfurt das Leben gerettet hätten, der mit Herz, vielleicht nicht selbstreguliert durch professionellen Sachverstand hinuntersprang zum ins Gleis gestürzten betrunkenen Obdachlosen. Aber solche Notsignalschalter würden ja anders als bei den Frankfurter U-Bahnen andauernd missbräuchlich gezogen. Wie anders als furchtbar arrogant sollen solche Äußerungen der DB , gemacht gegenüber der FR (vom 16,11.), empfunden werden.
Zumal auch im Alltag als Bahnreisender das Ertragen von Arroganz und Ausgeliefert fühlen leider firmenhalber zur Regel zu werden scheint.
So wollten wir selbst gerade am Montag, 12.11, mit einer Schulgruppe mit 6 Rollstuhlfahrer*innen in einem außerschulischen Bildungsprojekt den Maintower besuchen. Der Fahrstuhl Taunusanlage defekt, der Fahrstuhl Hauptwache defekt, vielleicht eine zufällige Anhäufung, aber warum waren am Folgetag 13.11. trotz unverzüglicher telefonischer Meldung dann mit 8 Rollstuhlfahrer*innen immer noch beide Aufzüge defekt – wird da vielleicht gar kein Notdienst bemüht? Ach ja, laut einer Frau mit großem Kinderwagen vor dem Aufzug Taunusanlage sei dieser sehr oft defekt. Irgendwie auch ein nachhaltiges Bildungserlebnis zu Diskriminierungserfahrungen.
Und dann z.B. das regelmäßige Alltagserlebnis, dass die S2 nach Dietzenbach zur Arbeitsstelle bereits zwei Stationen vor Endstation angehalten wird zur Rückkehr nach Niedernhausen, wohl um auch regresspflichtige Verspätungen wieder einzufangen. Dann stehen jeweils sehr viele Menschen in Dietzenbach Mitte vergeblich auf dem Bahnsteig und bekommen kurzfristig natürlich mit Entschuldigung mitgeteilt, dass sie noch eine halbe Stunde zu warten haben. Böse Zungen behaupten, auf der anderen Seite im Taunus mit etwas anderer Bevölkerungsstruktur gäbe es so etwas nicht.
Wichtig ist mir hier das Mitteilen von solch strukturell erlebter Arroganz. Das meint nicht die vielen Mitarbeiter*innen der DB mit Herz , denen ich gerne begegnet bin ,die übrigens auch mal andere strikte Dienstverpflichtungen, die nicht das Thema Eigengefährdung betreffen, menschlich und engagiert interpretierten.
Und das große Herz des jungen Mannes hätte auch seitens der deutschen Bahn deutlich und glaubwürdig ausgesprochenes großes Mitgefühl verdient.“

Helga Roos aus Frankfurt:

„Grandioser Auswärtssieg der SGE – das erste Mal in Augsburg gewonnen. Danach eine wunderschöne Ausstellung einer jungen Fotografin, in einer Nordendwohnung, im 6. Stock. Ich fahre nach Hause, warte an der Konsti auf die S-Bahn. Mir kommt der Junge, der an der Ostendstraße überfahren wurde, in den Sinn – ich schaue mich um: es gibt wirklich keine Nothalteknöpfe, die ihn vielleicht hätten retten können. Im Unterschied zum U-Bahnsteig gegenüber. Heute Morgen stand in der FR, dass sich viele, einschließlich OB Feldmann für die Umbenennung der Haltestelle Ostbahnhof nach dem Jungen einsetzen. Sicher, ein Zeichen – aber ist es nicht schal, ohne die Bahn dafür anzuprangern, dass es an den Haltestellen keine Nothaltevorrichtungen gibt. Vielleicht hätten sie dem Jungen das Leben gerettet, vielleicht verhindert, dass schon wieder ein S-Bahnfahrer traumatisiert ist. Ich sitze in der S-Bahn, schaue mich um und denke, wie unsinnig ist es, dass an jeder Tür Nothalteknöpfe sind, niemand im Zug hätte eingreifen können. Es ist ein Irrsinn, wie die Bahn den Tod als unvermeidlich abtut, weil Notsignale den Bahnbetrieb blockieren würden. Ich erinnere mich, dass ich an dem Nachmittag am Westbahnhof ewig wartete, weil „Verspätung wegen Notarzteinsatz“.“

Christoph Wenzel aus Frankfurt:

„Die Würdigung des heldenhaften Einsatzes Mustafa Alptugs möchte ich gerne unterstützen. Sein Tod ist tragisch und er war zudem nicht nötig. Wie hätte man eine solche Tragödie wohl verhindern können? Ich war persönlich am Ort des Geschehens, als das Unglück passierte. Während der Reflex von Mustafa und dem zweiten Helfer es war, zu dem Gestürzten ins Gleisbett zu springen, sah ich mich verzeifelt nach einer Notbremse am Bahnsteig um. Nirgends war eine zu sehen, auch keine Notrufsäule. Die Einfahrt des angekündigten Zuges hätte in diesem Moment noch verhindert werden können. Als ich dann mit jemand anderem zusammen von der Bahnsteigkante aus versuchte, den Mann an den ausgestreckten Armen hochzuziehen, war es bereits zu spät.
Seit diesem Vorfall schaue ich mir in den Stationen alle Notrufeinrichtungen genau an. Die meisten U-Bahnhöfe verfügen über Notbremsen und man erkennt sie eigentlich sofort, wenn man sich bewusst danach umsieht. An S-Bahnhöfen sind diese Bremsen nicht zu finden. Doch, wie ich inzwischen lernte, ließe sich der Verkehr von S-Bahnen durch Auslösen eines Notrufes an einer Notrufsäule unmittelbar lahm legen. Nun wurde im Bahnhof Ostendstraße die Notrufsäule nach einer Renovierungsmaßnahme eingespart. Meine Suche danach war also zwecklos.
Diese Fehlentscheidung, auf eine Notrufeinrichtung zu verzichten, hat die Rettung des gestürzten Mannes vereitelt und den Tod des jungen Helfers zur Folge gehabt. Warum um Himmels Willen spart man eine Notrufsäule ein, die auch die Funktion einer Notbremse hat!?
Ich möchte die für die Sicherheit Verantwortlichen dringend auffordern, flächendeckend bessere Voraussetzungen zu schaffen, in solchen Notfällen eine Katastrophe verhindern zu können. Insbesondere bei Sanierungen muss es doch auch das Ziel sein, die Sicherheit zu verbessern und nicht zu verschlechtern. Notbremsen und/oder Notrufsäulen müssen vorhanden sein!
Doch noch mehr: Man muss die Nutzer des Nahverkehrs über das richtige Verhalten in Notfallsituationen unterrichten. Auf den Leinwänden in den Stationen, auf denen nur Werbung, Wettervorhersagen und Rätsel ausgestrahlt werden, sollten in regelmäßigem Takt Sicherheitsvideos laufen, die mit den Rettungseinrichtungen vertraut machen.“

2 Kommentare

  1. Thomas Kaiser sagt:

    Danke für diesen Artikel! Und danke Ihnen, Herr Wenzel, für Ihren Kommentar! Es muss furchtbar sein, mit den Händen noch an dem armen Kerl gewesen zu sein. Ich habe „nur“ in dieser S6 gesessen, vorn links, und ich werde die Abfolge von Geräuschen, Erschütterungen und dem, was ich im Augenwinkel dann noch durchs Fenster sehen musste, nicht vergessen.
    Liebe FR, auch heute erwähnen Sie Herrn Wenzels Kritik an der Bahn in einem Artikel. Bitte bleiben Sie an dem Thema dran! Es kann einfach nicht angehen, dass so eine Station wie Ostendstraße, drei Treppen unter der Erdoberfläche, praktisch von der Außenwelt abgeschnitten ist, und dass man, wenn jemand ins Gleis fällt, zum Zuschauen verdammt ist.

  2. Gerhard Schwartz sagt:

    Für milliardenteure neue Bahntunnel quer durch Frankfurt ist Geld vorhanden, aber für simple aber sofort wirkende und den Notfallort sofort und klar identifizierende Nottasten in S-Bahnstationen nicht ? Hier kommt es auf jede Sekunde an, der Hinweis auf den Notruf 110 zeugt von absoluter Inkompetenz.

    Das Schicksal des 17jährigen Mustafa Alptuğ S. ist sehr tragisch, eine gut sichtbare und beleuchtete Gedenktafel in der Station Ostendstrasse wäre durchaus angezeigt. Eine Umbenennung der Station allerdings nicht, schon aus dem Grund dass dies bei einen zukünftigen Notruf über Telefon die rasche Lokalisierung des Ortes erschweren würde. Der heutige Stationsname ist kurz, prägnant und praktisch.

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