Erstaunlich: Die Coronavirus-Pandemie regte eine Reihe von Leserinnen und Lesern, sich lyrisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich mag nun nicht immer wieder erklären: Liebe Leserinnen und Leser, im Print-Leserforum habe ich keinen Platz für Gedichte. Ja, vor einer ganzen Weile habe ich mal welche veröffentlicht, denn auch Gedichte sind ja schließlich eine Art von Meinungsäußerung. Aber es entstanden daraufhin ruckzuck zwei Probleme, die mich für die Zukunft davon Anstand nehmen ließen, Gedichte zu veröffentlichen. Erstens – ich sag’s mal drastisch -: Sie sind Platzfresser! Dabei ist der Platz im gedruckten Leserforum ohnehin schon umkämpft und knapp. Und zweitens: Flott schwirrten mir Dutzende von weiteren Gedichten auf den Schreibtisch. Und das führte zu Folgeproblemen, denn wie sollte ich erklären, dass ich zwar die einen Gedichte veröffentlicht hatte, andere aber nicht? Viele der Autorinnen und Autoren vermuteten ein Verdikt über die Qualität ihrer Werke. Kurz: Es gab Auseinandersetzungen. Und darauf wurde beschlossen, dass wir das nicht mehr machen.
Was aber nicht heißt, dass wir es nicht hier im FR-Blog hin und wieder mal machen können. Ich habe also mal fünf Gedichte aus den Zuschriften ausgewählt, ohne dass ich damit etwas über ihre Qualität aussagen möchte; sie gefielen mir einfach. Was wiederum nicht heißt, dass andere mir nicht gefielen, die jetzt nicht hier erscheinen. Es steht Ihnen aber natürlich frei, Ihre Werke unten via Kommentarfunktion ebenfalls zu veröffentlichen. So, und hier kommen sie nun. Eine Premiere im FR-Blog – öfter mal was Neues wagen.
An Corona
Horrsch emal, du Virus du,
isch saach der aans: „Lass uns in Ruh!
Mir wolle net befalle werrn,
hättst de des aach noch so gern.“
Doch so en Virus is net nur
en beese Ausbund der Natur.
Es mescht, weil mer ganz schee erschrickt,
ganze Völkerschaarn verrickt.
Merr soll jetz – un net nur Alte –
deutlich „sooschel“ Abstand halde;
derrf net sei Enkelscher mehr kisse,
duht merr se noch so sehr vermisse.
Plötzlisch hat kaan Laade hier
Mehl im Regal un Kloobabier.
Als müssde plötzlich alle Leut
plötzlich öfter kacke heut.
Kaa Büscher gibt’s zu kaafe mehr,
aach die Kerrsche bleibe leer.
Im Supermarkt gibt’s lange Schlange.
Kimmt wer zu dicht, werrds aam ganz bange.
Die Eltern – jedenfalls die meiste –
merke jetz mal, was Lehrer leiste.
Denn Eltern müsse ihre Görn
alles dehaam jetz selbst erklärn.
Doch plötzlich wecke diese Zeite
bei manche Leut aach gute Seite.
Sie helfe, kann mer öfter hörn,
ihre alte Nachbarn gern.
Dafür dem Virus jetz zu danke,
daran verschwend ich kaan Gedanke.
Werrklisch net! Ich saach ganz barsch:
„Virus, leck mich doch…lieber net, weil des aastecke könnt.“
Wulf-Dieter Preiß, Frankfurt
Vier Haikus
No. 3 (Titel: Freitagskrimi)
Tod im Altenheim.
Der Kommissar ermittelt.
War es das Virus?
No. 5
Ausgangsbeschränkung.
Leere in der Innenstadt.
Corona-Öde.
No. 6
Landebahn Nord-West.
Die Lufthansa am Boden.
Kraft Covid neunzehn.
No. 7
Im Krisenmodus.
Man muss Abstriche machen.
Corona-Drive-In.
Klaus Störch, Hattersheim
fühl dich umarmt
in schwierigen Corona-Zeiten
von Gedanken und Worten
gewärmt
mit einem Mantel
gewoben aus dem feinen Garn
der fürsorglichen Freundschaft
gedrückt
in den Träumen
die vier Meter Abstand
problemlos überwinden
versorgt
aus der einfachen Existenz
von Zuneigung
fühl dich umarmt
in der Erinnerung
an Nähe
und der Hoffnung
auf baldige
coronalose
wortüberflüssige Zeiten
Hanne Strack, Rüsselsheim
Vom Virus
Ein Virus, winzig klein,
das kehrt in China ein,
es ist von einem Ferkel-Jungen
zu dessen Schlachter vorgedrungen
hat diesen umgebracht
und große Macht:
Es hat die Menschheit aufgeregt,
hat Züge, Flieger stillgelegt,
hat Länder-Grenzen überflogen,
zugleich die Grenzen zugezogen,
manch Isolier-Station gefüllt,
Gesichter, Nase, Mund verhüllt
und schafft es doch, im Nahen, Weiten
sich täglich weiter auszubreiten,
denkt nicht daran, sich zu entfernen.
Was sollten wir vom Virus lernen?
Auch Unsichtbares kann sich zeigen.
Da bleibt uns nur, uns zu verneigen,
uns vor dem Virus vorzubeugen.
Ursula Eisenberg, Berlin
Ostergedicht zu Coronazeiten
(eigentlich als Aufmunterung für die eigene Familie 🙂
Der Osterhas`, der Osterhas
saß ganz traurig im grünen Gras.
Er wollte bei seiner Familie sein,
leider durft´er dort nicht rein!
Oh weh, was war nur geschehen?
Mit welchem Virus hat`er sich versehn?
Der Osterhas` jedoch ganz schlau,
borgte sich von Igel`s Frau
einen Mundschutz weiß und fein,
Perfekt,…nicht zu groß nicht zu klein!
Der Osterhas` lief geschwind nach Haus,
zu Frau Hase und Söhnchen Klaus.
Und siehe da, er durfte rein.
Endlich konnt` die Familie zusammen sein.
Nach einigen Wochen Sonne und Regen,
verschwand das Virus, welch ein Segen!
Der Mundschutz, … nun ein wenig verdreckt,
doch keiner hat`sich angesteckt.
Was immer auch kommt, es geht vorbei,
…..das Leben wieder einwandfrei
Und die Moral von der Geschicht`
Corona-Hasen, verzweifelt nicht!
Ich hab auch eins geschrieben:
Quarantäne
’s ist leis frühmorgens, hörst krähen die Hähne,
ganz neue Geräusche bei Quarantäne!
Kein Flugzeug am Himmel, ich spür etwas Häme,
die Luft ist viel besser dank Quarantäne!
Venedig atmet, so ganz ohne Kähne,
’s hat auch was Gutes, die Quarantäne.
Und ohne Friseur, da wächst meine Mähne..
Schau nicht in den Spiegel bei Quarantäne!
Die Kneipen sind zu, was soll das Gegräme?
Koch mal wieder selbst bei Quarantäne!
Im Hamburger Hafen, da ruhen die Kräne.
Manch einer ist arbeitslos. Sch… Quarantäne!
Fürs oberste Zehntel gibt’s trotzdem Tanti(ä)me:
Sie schreckt ja nicht alle, die Quarantäne.
Manch einer hofft endlich auf eine Glückssträhne,
doch Glück ist auch selten bei Quarantäne.
Es ist einfach schad, ich hatt‘ so viele Pläne,
dazwischen kam halt die Quarantäne.
Ich treff‘ keine Freunde, verdrück manche Träne,
mach dich vom Acker, blöde Quarantäne!!
M. Friemelt, 16.4.2020
Vom Eise befreit sind weder Strom noch Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick.
Im Tale grünet Hoffnungsglück.
Kein Winter in seiner Schwäche
Zog sich in raue Berge zurück.
Von dort sandt‘ er einst Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Die Sonne sucht jetzt vergeben sein Weißes.
Überall regt sich Bildung und Streben,
Nichts mehr muss sie mit Farbe beleben.
An Blumen ist so reich das Revier,
Sie braucht keine geputzten Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurück zu sehen.
Aus dem hohlen finsteren Tor
Dringt kein einziger Mensch hervor.
Jeder würde sich heute sonnen so gern
Und feiern die Auferstehung des Herrn.
Denn sie wären gern selber auferstanden
Aus niedriger Häuser engen Gemächern,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Lechzend nach der Straße quetschender Enge.
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Wird heute niemand ans Licht gebracht.
Sieh, nur sieh! wie jeder in Flucht vor der Menge
Sich in die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss in Breit‘ und Länge
Ab und zu einen fast leeren Nachen bewegt.
Und, durch Corona so gut wie entladen,
Entfernt sich dieser traurige Kahn.
Nun von des Berges fernen Pfaden
Blinkt kaum ein farbiges Kleid uns an.
Ich höre nicht mehr des Dorfs Getümmel,
Dort war einst des Volkes wahrer Himmel.
Zu Hause seufzet groß und klein:
Bin ich hier Mensch? Hier muss ich’s sein.
Schlechte Zeiten ?
Schlechte Zeiten – musst Dich schützen
Stoff vor Nase und vor Mund
Hast genug von Corona-Witzen
Der Tod steht jetzt im Vordergrund
Das macht Dich ängstlich – ja, es ist Angst
Weil Du den Feind nicht fassen kannst
Sollst vor die Tür nicht gehen
Und ein Ende nicht zu sehen – – –
Und doch, auch wenn Du Deine Ängste hast
Gibt es Hoffnung zwischendurch
Denn es gibt Menschen die haben aufgepasst
Und ein wenig verschwindet dann die Furcht
Sie unterstützen Dich und kaufen ein
Wollen nichts dafür
Wollen einfach gute Seele sein
Und bringen alles an die Tür
Das macht mir Mut,- gibt Zuversicht
So wird die Menschheit überleben
Wenn alle alles geben
Gibt es am Tunnelende wieder Licht
Gewonnen hat dann die Menschlichkeit
Wenn Jeder Jedem hilft auf seine Art
Und nicht an „Bitte – Danke“ spart
Wenn Du ein Lächeln siehst,- dann ist’s soweit
Dann hat die Menschlichkeit gesiegt
Ein “Danke“ tausend mehr mal wiegt
Ein Lächeln und ein netter Gruß
Es ist das WIR was zählt – nicht der Corona Blues
Auch ich habe ein Gedicht geschrieben mit der Überschrift, die vielleicht das Unwort des Jahres werden könnte: „Systemrelevanz“
Nicht jeder Elefant
Ist systemrelevant.
Arme stehen am Rand,
Nicht systemrelevant.
Steuergeld will der Unternehmerverband,
Bosse sind höchst systemrelevant.
Helfer ohne Schutzgewand
Nicht so systemrelevant.
Keine Bank fährt an die Wand,
Rettung, weil systemrelevant.
Wie ist jetzt der Schuldenstand?
Schulden sind systemrelevant.
Krisengewinnler, welche Schand´!
Leider auch systemrelevant.
Kriegsgerät in Diktatorenhand
Eindeutig systemrelevant.
„Opposition, halte den Rand!
Ihr seid nicht systemrelevant.“
Demokratie, gebaut auf Sand,
Systemrelevant?
Herz, Moral und Kant
Nur für mich systemrelevant?
Hans Wedel, 29.04.2020
Zwei Gedichte aus einer Serie, mit der ich vorletzte Woche täglich meine Freunde auf meinem Messenger-Status begrüßt habe:
1.
Herr Söder sagt uns: bleibt zu Haus
geht nur wenn dringend nötig raus
denn außerhalb der Quarantäne
zeigt Corona ihre Zähne.
Wer wem daheim die Zähne zeigt,
davon Herr Söder vornehm schweigt.
2.
Manch einer, dass die Seuche endet,
Sich an die dunklen Mächte wendet.
Beschwört sie weltentrückt im Tanz
Betreibt obskuren Mummenschanz
Deutet Sterne, legt die Karten,
Ruft Geister an auf viele Arten.
Ich glaub all das ist wenig nutze
Und rate zum Mund-Nasen-Schutze.
Herzliche Grüße aus Bayern,
Michael Steyer