Die Natur wehrt sich gegen den Menschen

Eine Klage erhebt sich derzeit aus den Kehlen der Klimaschützer: Wegen Sars-CoV-2, dem Coronavirus, ist die Politik bereit, massive Einbrüche in der Wirtschaft hinzunehmen. Sie ergreift Maßnahmen, die über alles hinausgehen, was die Menschen in der Bundesrepublik seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erlebt haben. Maßnahmen, die nicht nur das gesellschaftliche Miteinander quasi beenden, sondern auch die produzierende sowie große Teile der dienstleistenden Wirtschaft in den Shutdown zwingen. Wenn derart tiefe Einschnitte möglich sind, sobald ein Virus auftaucht, das nicht einmal unter dem Lichtmikroskop zu sehen ist, warum waren dann – jedenfalls bisher – ebenso schwerwiegende Maßnahmen nicht auch zum Schutz des Klimas möglich?

Liegt es daran, dass der Klimawandel die heutigen politischen Akteure nicht bedroht, während Sars-CoV-2 dies durchaus tut, auch ganz persönlich? Liegt es daran, dass plötzlich viele Menschen mitten unter uns sterben, während das Sterben bzw. die Not und das Elend, das durch den Klimawandel bisher verursacht worden ist, an die Ränder unserer Wahrnehmung verlagert ist und in Ländern stattfindet, die meist weit weg sind, wie wir lange glaubten? Warum kommt die Politik plötzlich derart in Schwung, dass sie sogar einschneidende Maßnahmen wie Ausgangssperren erwägt, eine Maßnahme, die wir eigentlich nur aus Diktaturen kennen? Aus Angst vor einem winzig kleinen Ding, das nicht einmal lebt, da es keinen Stoffwechsel hat? Einem Virus mit der Fähigkeit, sich unglaublich schnell auszubreiten und das sich schon ausgebreitet hat, bevor man selbst durch Krankheitsanzeichen seine Anwesenheit bemerkt?

Ja, das ist gespenstisch. Zugleich haben diese politischen Aktivitäten etwas Gespenstisches an sich, jedenfalls verglichen mit der Lethargie, die zuvor in Sachen Klimapolitik geherrscht hat. Wie wäre es, wenn die deutsche Politik an das Themenfeld Klima mit derselben Entschlossenheit heranginge wie jetzt an Sars-CoV-2?

Noch ist unklar, mit wie vielen Toten die Menschheit aus dieser Pandemie herausgeht, denn wir stehen immer noch am Anfang der Entwicklung. Es werden viele tausend sein. Wie viele tausend Tote verursacht der Klimawandel durch Dürren, Überschwemmungen, Hochwasser, Hitzesommer, Orkane, Vorrücken von Krankheiten auf dem Rücken subtropischer Insekten weltweit? Mit den verschiedenen Mückenarten wie dem Tigermoskito kommen Denghue-, West-Nil- und Zika-Virus auch bei uns an. Der Klimawandel ist auch mitverantwortlich für Kriege, Bürgerkriege und andere bewaffnete Konflikte, die zu Vertreibung führen und dazu, dass Menschen flüchten und sich auf den Weg zu uns machen. Wollen wir da nicht endlich druckvoll aktiv werden?

Mit ihren Reaktionen auf die Coronavirus-Pandemie zeigt die Politik, dass sie durchaus fähig ist zu handeln. Auch in Fragen der Klimapolitik muss sie sich aus ihrer bisherigen Erstarrung lösen!

FR-Autor Joachim Wille kommentierte das Geschehen zweimal in der FR: In seinem Artikel „Auch beim Kampf gegen das Coronavirus ans Klima denken“ und in „Keine aktive Klimapolitik„. Darauf beziehen sich die folgenden Leserbriefe.

Balken 4Die ganze Wirtschaft muss nachhaltiger werden

Herr Wille spricht mir mit seinen Argumenten zum Themenkomplex Corona /Klima aus der Seele. Tatsächlich zeigt die Politik, dass sie handeln kann und auch vor großen Geldsummen nicht zurückschreckt. Er zeigt aber auch die Gefahren auf, die drohen, wenn nun nur noch das Virus und die drohenden Gefahren für die Wirtschaft ins Blickfeld genommen werden.
Es wird vermutlich erst einmal nicht möglich sein, die Politik durch Großdemos ständig an den dringenden!!!!! Handlungsbedarf zu erinnern um die rapide voranschreitende Klimaerwärmung zu bremsen. Es bleibt zu hoffen, dass die jungen Leute von „Fridays for Future“ kreative Modelle entwickeln, die die Sinne auch für diese Brisanz wach halten und die Politik weiter daran erinnern, dass da noch ein gewaltiges Problem darauf wartet, gelöst zu werden.
Natürlich muss das Arbeitsplatzangebot gesichert werden. Wenn nun große Konjunkturpakete aufgelegt werden ist es aber zwingend erforderlich auch die Zielrichtung klar vorzugeben. Die ganze Wirtschaft muss nachhaltiger werden. Genauso, wie sich die Politik bei ihren zum Teil auch unpopulären Entscheidungen und Beschlüssen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus auf die Wissenschaft beruft, muss sie auch bereit sein, in Fragen der Umstellung unserer Energieversorgung die Erkenntnisse der Wissenschaft ernst zu nehmen und Ratschläge anzunehmen.
Um aber auch mittel- bis langfristig ausreichende und kontinuierlich Mittel für Investitionen in eine kohlenstofffreie Energieversorgung verfügbar zu haben, ist es dringend erforderlich über einen Bundes-Investitionsfond nachzudenken und diesen zeitnah einzurichten. Ein Fond der unter anderem in eine nachhaltig ausgerichtete Infrastruktur investiert, dessen Ausrichtung klar definiert und transparent ist und der vom Bundeshaushalt und der Tagespolitik unabhängig ist.
Idealerweise wäre ein solcher Fond paritätisch kontrolliert. Mehrheitlich Bürgerinnen und Bürger als Anleger, zusätzlich Gewerkschafts- und Arbeitgebervertreter, Wissenschaftler und Politiker aus Kommunen, Land und Bund achten darauf, das Investitionen sozial, ökologisch aber auch ökonomisch wirkungsvoll erfolgen.
Heute, bei sinkenden Börsenkursen und 0% Sparzins gibt es bestimmt genug Interessenten, die auch bei einer nur moderaten Rendite in einen solchen Fond investieren würden. Statt notwendige zukunftsorientierte staatliche Investitionen auszusetzen oder gar zu privatisieren, sollten Bürgerinnen und Bürger selbst Gesellschafter werden und somit auch an Erträgen teilhaben.

Gerhard Schuster, Kriftel

fr-debatteGeld in die Hand nehmen

Ein Gedanke, der mich schon seit Jahren umtreibt: Irgendwann wird sich die Natur gegen den Menschen, seinen Umgang mit eben dieser Natur zur Wehr setzen. Nach all den Infektionskrankheiten der letzten Jahrzehnte (HIV, Ebola, Zikaviren), die ja ach so weit weg von uns waren, hat es nun durch das Corona-Virus die westliche, industrialisierte, „zivilisierte“ Welt erwischt. In der März-Ausgabe von „Le Monde diplomatique“ gibt es dazu den absolut lesenswerten Artikel „Coronavirus?“. Die Aussage darin lautet im Kern, dass wir durch unsere Vernichtung natürlicher Lebensräume den Wildtieren eben diesen Raum nahmen und immer noch nehmen, weshalb diese Tiere dann näher an uns heranrücken und somit eine Übertragung von Viren auf den Menschen möglich werden.
Ich bin mitnichten der Meinung, dass die sogenannte Überbevölkerung das Problem ist. Problematisch ist, dass zunehmend mehr und mehr unser westlicher Lebensstil, unsere westliche Lebensweise um sich greifen und dies mit dem Planeten nicht vereinbar ist.
Der Hinweis, wir sollten doch alle unser Sozialverhalten an die derzeitige Situation anpassen – so wichtig und richtig das sein mag – ist heuchlerisch und scheinheilig. Neben den o. g. Krankheiten gibt es seit Jahrzehnten Anlässe, Ursachen, welche einen entsprechenden Appell schon längst überfällig machten: Klimawandel, Schwund an Artenvielfalt, Raubbau an den Böden, Verseuchung des Wassers, Luftverschmutzung…
Durch die rasante Verbreitung der Corona-Viren werden wir nun zumindest kurz- oder auch längerfristig zum Innehalten gezwungen. Ob sich daraus auch die zwingend notwendigen Verhaltensänderungen, Änderungen in unserem Lebensstil ergeben? Daran habe ich so meine Zweifel. Nachdem der Ursprung in China verortet wurde und wir wohl einen Impfstoff bekommen werden, wird zumindest ein Großteil unserer Gesellschaft wieder zu den gewohnten Lebensstilen zurückkehren, richtig „Gas geben“.
Vielleicht ist ja die Mehrheit der Menschen gar nicht in der Lage – nicht nur intellektuell -, eine Wahrnehmung der Umweltfrevel zu entwickeln!?

Otto Gebhardt, Frankfurt

fr-debatteEine Klimapolitik, die nicht handelt, ist absurd

Der wissenschaftliche Konsens zur Klimakrise ist allgemein bekannt: Das weltweite Restbudget an CO2-Emissionen, um das Ziel der Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5-Grad zu erreichen wird, reicht noch ca. 8 Jahre. (Basis: Tabelle 2.2, Kapitel 2 des IPCC- Sonderbericht 1,5 °C Globale Erwärmung von 2018) . Die Permafrostböden tauen extrem viel schneller als noch 2018 angenommen. Nach o.g. Tabelle sind daher vom Restbudget zusätzlich 100 GT anzuziehen: verbleiben 6 ½ Jahre. O.g. Tabelle rechnet mit max. 66% Wahrscheinlichkeit, das angegebene Ziel zu erreichen. Das bedeutet, dass mit 33% Wahrscheinlichkeit die Klimakipppunkte, deren Überschreitung hin zu sich selbst verstärkenden Erwärmungsprozessen die 1,5-Grad-Grenze verhindern soll, auch bei dessen Einhaltung überschritten werden. Wie trotz weiterer Erwärmung die viel schneller als vom IPCC prognostiziert rasant fortschreitenden Prozesse wie die Korallenbleiche, die globale Eisschmelze oder das Auftauen der Permafrostböden, zum Stillstand kommen soll, ist mir sowieso ein Rätsel. Das Szenarium, das diesen 33% entspricht, dürfte sich leider als zutreffend erweisen. Ein globaler Kampf gegen die Klimakrise wird ohne Klimagerechtigkeit nicht gehen: alle Menschen haben das gleiche Recht auf die Atmosphäre (Merkel), das kumulative CO2-Budget der alten Industriestaaten muss berücksichtigt werden und ebenso, dass die global 10% reichsten Menschen 50 % der Treibhausgasemissionen verursachen.
Wenn der Meeresspiegel bei 1,5-Grad um 10 m ansteigt, aber dafür 10.000 Jahre braucht, bei 2 Grad 1000 Jahre, wie schnell steigt er bei 4 oder mehr Grad Erwärmung an, was wir bis 2100 erreicht haben könnten? Jede vermeidbare Tonne CO2, die heute emittiert wird, produziert vermeidbares Leid für die vom Klimawandel am meisten betroffenen Menschen v.a. im globalen Süden und für unsere Nachkommen.
Eine Klimapolitik, die auf Ziele für 2050 oder 2030 verweist, aber jetzt nicht handelt, ist absurd, Ausdruck von Politiker*innen, denen es einerseits darum geht, ohne große Probleme ihre Legislatur zu verwalten und die andererseits dem Druck der Großkonzerne nachgeben. Wer, wenn nicht die Fossil- und Atomindustrie könnte hinter dem absurden Stillstand des Ausbaus der erneuerbaren Energien stecken, in dem Moment, in dem sich deren Ausbau vervielfachen müsste. Wer, wenn nicht die Autoindustrie, die mit immer schwereren und teureren Autos ihre Profite erzielt, sorgt dafür, das wir die Chance sofortiger und kostenloser Einsparung von 5 Mio. T CO2 durch Tempo 100 nicht nutzen? Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen. Den Klimanotfall ausrufen, aber nicht handeln ist absurd. Greta Thunberg sagt all das, sie ist großartig. Aber dass diese Politik eine Siebzehnjährige einlädt, der Stimme der Wissenschaft Gehör zu verschaffen, ist eher eine Schmierenkomödie, die handeln vorgaukelt, um drum herumzukommen, als eine Kapitulation. Diese Politik hat die notwendige „Große Transformation“ (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung) nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Greta sollte ihre bewundernswerte Kraft den Menschen auf der Straße widmen. Nur von dort wird Rettung kommen.
„Die Sicherheit der Bevölkerung geht im Zweifel vor, auch vor wirtschaftlichen Interessen“ (Spahn, gleiche FR S.5 zum Coronavirus, bei dem er sich jetzt nicht wegducken kann).

Karl Höhn, Frankfurt

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Ein Kommentar zu “Die Natur wehrt sich gegen den Menschen

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