Die Strategie der Rechten ist: Gegner schwächen, Streit entfachen

Ich nehme den folgenden Leserbrief zum Anlass, erneut über das Erstarken des Rechtspopulismus nachzudenken – in erster Linie bei uns in Deutschland, aber auch darüber hinaus. Eigentlich geht es uns doch gut, meint Leser Conrad Fink. Wir schwimmen im Überfluss. Das lässt sich nicht leugnen, auch wenn gewiss nicht alle bei uns etwas davon haben. Und es stimmt auch, was Herr Fink am Schluss schreibt: „Was bei einem Europa der Nationalisten herauskommt, wissen wir ja aus der Geschichte nur zu gut.“ Sind wir auf dem Weg dorthin? Aus „Lust am Untergang“? Reden wir uns etwas ein? Oder – wird uns etwas eingeredet?

Es wurden bereits viele Gründe für das Erstarken des Rechtspopulismus angeführt.

  • Die Angst vor dem sozialen Abstieg, vor Hartz IV und Altersarmut, das Ende der sozialen Marktwirtschaft und das Erstarken der „neuen sozialen Marktwirtschaft“, in der jeder sich selbst der Nächste ist. Der einstmals sorgende Staat ist heute ein fordernder Staat.
  • Die Alternativlosigkeit der Ära Merkel. Diese Ära ist geprägt von politischem Agieren, das sich nicht darum kümmert, die Menschen mitzunehmen. Was alternativlos ist, braucht nicht diskutiert zu werden. Ein solcher Politikansatz ist im Kern antidemokratisch.
  • Die Sprachlosigkeit der Eliten unserer Zeit, die ihre Interessen durchzusetzen wissen. Aktuelle Beispiele: der Glyphosat-Skandal, Dieselgate. Die Politik nimmt Konzerninteressen erkennbar wichtiger als die der BürgerInnen.
  • Das Gefühl einer Bedrohung durch Massen von Flüchtlingen, die ihre fremdartige Kulturen und den Islam mitbringen. Angst vor dem Fremden vermischt sich mit Rassismus und Angst vor dem Islam. Verschwörungstheorien greifen um sich. Deutschland soll übernommen, „umgevolkt“ werden.
  • Die unausgesprochene Sehnsucht vieler Menschen nach einer starken Hand in einer globalisierten Welt.

Das alles mag zu einem Gefühl des Abgehängtseins, der Überforderung und der Angst führen, in der die geschmähten Eliten keinen Ausweg anzubieten vermögen, da sie als Teil des Problems anzusehen sind, nicht als Teil der Lösung. Diese Lösung sehen viele nun in der Abkehr von einem „System“, das diese Menschen offenbar für nicht reformierbar halten. Bei genauem Hinsehen bietet der Rechtspopulismus allerdings keine echten Lösungen an, und seine Protagonisten sind keineswegs kleine Leute aus dem Kreis der Abgehängten, sondern gehören ebenfalls der Elite an. Wer sich einmal angesehen hat, welche Berufe Abgeordnete der AfD hatten bzw. haben, wird auf viele Akademiker stoßen, auf Juristen und Volkswirte, aber auch auf Beamte und Steuerberater, jedoch nur ausnahmsweise mal auf einen Maurer oder einen Landwirt. Trotzdem wird diesen Abgeordneten – in der Regel sind sie männlich – und ihrer Partei, der AfD, offenbar mehr zugetraut als den sogenannten etablierten Parteien. Lust am Untergang?

In meiner Aufzählung oben fehlt ein Punkt: Manipulation. Die Punkte mögen jeder für sich ihre Berechtigung haben. Es muss jedoch etwas hinzukommen: Jemand oder etwas muss den Menschen, die sich abgehängt fühlen, die Idee nahebringen, dass es da eine bestimmte Lösung gibt. Und muss die Menschen immer wieder darin bestätigen, dass dies die gesuchte Lösung ist. Die Rede ist von Filterblasen oder auch Echokammern: digitalen Räumen, in denen UserInnen infolge der Algorithmen der „sozialen Medien“ jene Informationen serviert werden, die sie auffinden möchten. Wer sich so informiert, ist nicht mehr unabhängig informiert. Doch immer mehr Menschen verzichten auf unabhängige Information, also auf Informiertheit. Ihre Filterblasen präsentieren ihnen dann zum Beispiel gehäuft Nachrichten, in denen von Über- oder Angriffen durch „arabisch aussehende Jugendliche“ die Rede ist, bestärken auf diese Weise das Gefühl der Bedrohung und den Hass auf die etablierte Politik, die partout nicht „angemessen“ reagieren will, und verzerren das Bild von der Realität.

Um keine Misserständnisse aufkommen zu lassen: Unabhängige Information ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Auch Zeitungsredaktionen wie die der FR wählen Nachrichten für Ihre Leserinnen und Leser aus, denn sie haben eine Haltung, und die FR hat eine Linie. Manchmal kommt daher auch hier der Eindruck auf, dass Information und Meinung nicht immer klar getrennt sind. Aber die Auswahl erfolgt durch ein Redationskollektiv, das Gesichter hat und damit persönlich für diese Auswahl steht, und aus einer Masse von Informationen, die auch Themen enthält, welche in den von Algorithmen erzeugten Filterblasen keine Chance hätten. Sie ist so unabhängig wie möglich. Der Angriff durch „arabisch aussehende Jugendliche“ wird zu einer Nachricht von ein paar Zeilen und damit völlig anders gewichtet, als dies in der Filterblase passiert. Damit kommt dieser Nachricht das Gewicht zu, das sie tatsächlich hat, etwa im Verhältnis zu Berichten aus der großen Politik, z.B. dem Brexit, dem „Shutdown“ in den USA, der neuen Debatte um das Tempolimit und so weiter.

Intransparente Algorithmen

Nun ist natürlich niemand solchen Filterblasen zwangsweise ausgeliefert. Selbstverständlich kann man sich auch im Netz unabhängig informieren, etwa auf den Webseiten der unabhängigen Medien. Aber dazu muss man selbst aktiv werden und diese Seiten aufsuchen. Wer hingegen damit zufrieden ist, dass ihm die Nachrichten serviert werden, macht sich von den intransparenten Algorithmen abhängig. Diese Gefahr ist leider allgegenwärtig, und dieses Verhalten spielt den Manipulatoren in die Hände, welche die Chancen erkannt haben, die in dieser Hörigkeit für sie selbst liegen. Letztlich geht es dabei um den Missbrauch jener Abgehängten, was jene natürlich bestreiten würden.

Bannon EUDas ist keine Science Fiction, sondern eine reale Gefahr, wie sich am Beispiel des britischen Brexit–Referendums gezeigt hat. Die Anzeichen mehren sich, dass „soziale Medien“ genutzt wurden, um Lügen und Ängste zu verbreiten, berichtete etwa der Deutschlandfunk im Oktober 2018. Man muss gar nicht mal außerbritischen Einfluss vermuten, etwa Manipulation durch Russland. Die mag es außerdem noch gegeben haben. Auch US-Geheimdienste gehen davon aus, dass Russland US-Wahlen zu manipulieren versuche oder bereits manipuliert habe wie etwa die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten vor gut zwei Jahren. Rein technisch besteht diese Möglichkeit, der Filterblase sei Dank. Ähnliche Mittel stehen Steve Bannon zur Verfügung, und auch der weiß sie zu nutzen. Er will mit seiner „Bewegung“ eine starke Rechte im EU-Parlament etablieren. Rechtspopulisten weltweit wissen die Segnungen des Silicon Valley durchaus zu schätzen, wie es in diesem Gastbeitrag in der Süddeutschen heißt.

Die Grundlage für diese Meinungsmanipulation, deren Ausmaß und Problemhaftigkeit noch längst nicht ausreichend erkannt und verstanden ist, ist die Datensammelei der Konzerne, die hinter den „sozialen Medien“ stecken. Netzpolitik.org berichtete zum Beispiel von versteckten Tools auf Android-Smartphones, die Daten an Facebook sandten, auch von solchen Handynutzern, die dort kein Profil haben. Heise.de berichtete, dass Facebook nach Recherchen der New York Times umgekehrt anderen „Diensten“ Zugriff auf Daten von Facebook-Nutzern eingeräumt hat (auf diesen Link bezieht sich Manfred Stibaner unten.) Diese Daten in ihrer Summe werden zu einer Gefahr für die Demokratie. Sie werden zu einer Macht in den Händen intransparenter Konzerne, die auch die Gefahr der Manipulation von Wahlen in sich birgt. Erinnern wir uns an den Fall von Cambridge Analytica.

Das bedeutet für die Zukunft der Demokratie nichts Gutes. Einfach nur auf Facebook und Co. zu schimpfen, führt allerdings nicht weiter, solange die weit überwiegende Zahl der NutzerInnen moderner Kommunikationstechnik ihr Verhalten diesen Gefahren nicht anpasst. Unabhängiges Denken ist gefragt. Als ersten Schritt hätte ich einen Vorschlag: Holen Sie sich ein Abo einer Tageszeitung, wenn Sie keines haben! Unterstützen Sie Qualitätsjournalismus, denn der ist und bleibt eine tragende Säule demokratischer Gesellschaften.

Balken 4Leserbriefe

Conrad Fink aus Freiberg a. N. meint:

„In den Talkshows und Glossen der Medien wird viel gerätselt, warum das Volk greint, AfD und andere Populisten wählt oder auf die Straße geht. Seien es nun die Gilets Jaunes, die Cinque Stelle, die Brexiteers oder Pegida. Auch fragt sich mancher Politkommentator, warum weltweit rechte Populisten und Diktatoren aus dem Boden schießen wie Pilze auf warmem Pferdemist. Wir schwimmen seit Jahren auf einer Welle der Hochkonjunktur, die Steuergelder sprudeln und die Politiker werfen das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster. Auch wird uns gesagt, dass es der Welt immer besser geht. Der Hunger ist besiegt, wir schwimmen im Überfluss.
Es ist die Lust am Untergang. Viele merken, dass der Laden nicht mehr steuerbar ist, und hauen mit Fleiß das noch zusammen, was ein bisschen Sicherheit und Verlässlichkeit bietet und vor allem was uns Wohlstand gebracht hat. Jüngstes Beispiel die AfD. Nun hat sie schon den Dexit ausgerufen und will das Europäische Parlament auflösen, einst auch geschaffen, um die aggressiven nationalen Kriegstreiber zu zähmen.
Eine Grundregel der US-amerikanischen Politik ist es, seine Gegner in Streit zu verwickeln und damit zu schwächen. Dies hat sich der ehemalige Chefideologe Trumps und Rechtspopulist Steve Bannon zur Aufgabe gemacht. Sein Ziel ist, die Rechten in Europa zu einen und die europäische Gemeinschaft damit zu zerschlagen. Dabei macht er gute Fortschritte. Was bei einem Europa der Nationalisten herauskommt, wissen wir ja aus der Geschichte nur zu gut. Was bei einem Europa der Nationalisten herauskommt, wissen wir ja aus der Geschichte nur zu gut.“

Manfred Stibaner aus Dreieich:

„Frau Kahane beklagt in ihrer Kolumne am 14.1., dass Herr Habeck sich künftig nicht mehr auf Fakebook, Twitter und co. tummeln will und glaubt, Demokraten dürften sich dort nicht vertreiben lassen. Naja – wer davon ausgeht, in einem lügenverseuchten Umfeld wie dem von Herrn Trump etwas ausrichten zu können, der mag’s ja probieren.
Ich habe mit Herrn Habeck nichts zu tun, kann aber die Absicht durchaus verstehen, künftig solche sogenannte „soziale Medien“ zu meiden. Und ich empfehle dazu die Lektüre der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift c’t. Sie berichtet über eine Recherche der New York Times. Ich zitiere:
Facebook hat Partnern weitreichenden Zugriff auf Nutzerdaten eingeräumt. Spotify und Netflix etwa haben Lese-, Schreib- und Lösch-Berechtigungen für die Privatnachrichten von Facebook-Nutzern erhalten. Das hat die New York Times in einer umfassenden Recherche herausgefunden, die auf vertraulichen Dokumenten und zahlreichen Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern basiert. Große Facebook-Partner wie Microsoft und Amazon sollen den Recherchen zufolge mitunter mehr Daten als Cambridge Analytica erhalten haben.
Zur Erinnerung – da ging es immerhin um die Beeinflussung der Trump-Wahl mithilfe von etwa 50 Millionen Fakebook-Profilen. Und jetzt noch mehr Datenabfluss an Partnerunternehmen?
Wenn Frau Kahane „digitale Bildung“ verlangt, dann sollte sie diesen Aspekt bitte berücksichtigen. Wer ein „soziales Medium“ für akzeptabel hält, welches externen Firmen Schreib- und Lösch-Berechtigungen auf persönliche Daten der Nutzer einräumt (von denen kein Betroffener je etwas erfährt), das darüberhinaus vorwiegend zur Multiplikation von Werbeflächen dient und auch noch demokratische Wahlen heimlich beeinflußt – dem ist nicht mehr zu helfen, finde ich.“

25 Kommentare

  1. Peter Boettel sagt:

    Und neben den zahlreichen Spenden, sei es von Flick, sei es aus der Schweiz oder anderswoher, wird die AfD von vielen Medien hofiert, indem diese mehr über Parteitage u.ä. von der AfD berichten (trotz Ausschluss) als über die SPD oder die Linken.

  2. Bronski sagt:

    Lieber Herr Boettel,

    es gibt zwei Probleme mit Ihrem Kommentar. Ich habe daher lange überlegt, ob ich ihn freischalten kann, mich dann aber dazu entschlossen mit dem Vorsatz, diese Probleme anzusprechen, denn sie führen ins Thema.

    Zum einen: Sie konstruieren einen um 180 Grad gedrehten „Lügenpresse“-Vorwurf, wenn Sie schreiben, „viele Medien“ würden die AfD „hofieren“. Sie arbeiten dabei mit demselben Muster wie AfD und Pegida. Warum sollten „viele Medien“ das tun? Und wie? Indem sie ihrer Aufgabe nachkommen und meist sehr kritisch berichten? In dem „hofieren“ steckt die Unterstellung von Kungelei und getroffenen Absprachen. Ich bin mir sicher, dass Sie es anders meinen. So aber klingt es nach Verschwörungstheorie.

    Zum anderen: Sie treffen eine Tatsachenbehauptung, wenn Sie schreiben, dass von Parteitagen u.ä. der AfD mehr berichtet würde als über die SPD und die Linke. Das müssten Sie bitte belegen. Wenn Sie hinzufügen würden: „nach meinem Eindruck“ oder ähnliches, dann wäre es in Ordnung, aber auch dann würde ich widersprechen, zumindest für die FR. Allerdings weiß ich nicht, wen Sie mit „viele Medien“ meinen. Vielleicht könnten Sie das präzisieren, damit alle hier wissen, wovon wir sprechen.

  3. Deutscher Michel sagt:

    @Bronski:
    Ich wage zu bezweifeln, dass der Wunsch nach einer starken Hand den „Rechtspopulismus“ befördert. Vielmehr scheint es mir ein Auflehnen GEGEN das Gegängelt werden. Die Grünen, die zwar nicht mit am Regierungstisch sitzen, aber trotzdem einen großen Einfluss haben, sind ja z.B. Spitzenreiter im Wasser predigen und Wein trinken.

  4. Peter Boettel sagt:

    Lieber Lutz „Bronski“ Büge,

    es tut mir leid, dass mein Kommentar zu Missverständnissen geführt hat.

    zu Punkt 1: „Hofieren“ war gewiss der falsche Ausdruck. Und Sie haben Recht, wenn Sie sich sicher sind, dass ich es anders meine. wenn ich „viele Medien“ geschrieben habe, wollte ich vermeiden zu schreiben, „die meisten oder alle Medien“.

    Vielmehr erlebe ich z.B. sowohl in den Nachrichten vom SWR, der Tagesschau, dem ZDF oder der Südwestpresse, dass Stellungnahmen von AfD-Leuten relativ häufig veröffentlicht werden, womit diese Partei m.E. überbewertet wird. Dabei werden diese Äußerungen oft nicht unbedingt kritisch kommentiert.

    Zu Punkt 2: Unter P. 1 habe ich die entsprechenden Medien bereits erwähnt; natürlich wäre der Zusatz „nach meinem Eindruck“ hilfreich. Leider habe ich keine Strichliste über die jeweiligen Berichte vorgenommen, aber der Eindruck, dass Berichte über diese Partei oder Äußerungen diverser Vertreter dieser Richtung sehr häufig veröffentlicht werden, andere Parteien leider weniger, lässt sich nicht hinwegdenken.

    Sicher gehört die FR nicht dazu, wobei auch hier vor einigen Monaten in einer Ausgabe die Titelseite dieser Partei zuviel Ehre zukommen ließ, was auch in mehreren Leserbriefen moniert wurde.

    Die Tatsache, dass ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Medien – ganz allgemein – zurzeit nicht unbedingt objektiv berichten, hat auch Ihr von mir sehr geschätzte Kollege Stephan Hebel in einem Gespräch mit Albrecht Müller kürzlich eingestanden. Ebenso ist der Vorsitzende des DJV wegen seiner Kritik an RT Deutsch nicht ganz unumstritten.

    Ich hoffe, somit Ihrem Wunsch nach Präzisierung, soweit als möglich nachgekommen zu sein.

  5. Jürgen Malyssek sagt:

    Was die Kritik an den „vielen Medien“ zu den zu vielen Berichten über AfD und deren Stellungnahmen betrifft, so fällt mein Urteil über die Öffentlich-rechtlichen nicht so krass aus.
    Im Bereich der politischen Magazine und Dokumentationen, kann ich mangelnde Objektivität und ein Übermaß an AfD-Hofierung nicht ohne weiteres bestätigen.
    Auch bei heute journal oder Tagesthemen nicht.

    Die Magazine wie Frontal 21, Kontraste, Report sind – soweit ich sie verfolgen kann – verdammt gut!
    Da muss man meines Erachtens aufpassen, dass man bei dem Straßenkampfwort „Lügenpresse“ sich nicht doch anstecken lässt.
    Die Polittalks sind es(etwa „Hart aber fair“), die teilweise grenzwertig den rechtslastigen Populismus Leben einhauchen.
    Dass die SPD, lieber Herr Boettel, nicht so gut in den Medien wegkommt, dazu braucht man jetzt nicht so viel Phantasie. Und bei den Führungskräften der Linken muss man leider auch einige Ungereimtheiten konstatieren. Das kommt medial nicht zu kurz. Soweit meine Wahrnehmung.

  6. Werner Engelmann sagt:

    Wer die Kampagne gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen verfolgt (vornedran: AfD und Frau von Storch), dem fällt auf, dass – nicht anders als bei „Pegida“ und der „Lügenpresse“ – nie von privaten Hetzsendern die Rede ist, auch nicht von „Sozialen Medien“. Man weiß auf der extremen Rechten offenbar sehr wohl, was ein Trump an „Fox-News“ und an „Twitter“ hat und verfolgt begierig die Strategie, US-amerikanische Verhältnisse auch hierzulande herzustellen.
    Wer höchst verallgemeinernd – egal, wie „kritisch“ das gemeint sein mag – auf „den“ oder „vielen Medien“ herumhackt, sollte also wissen, dass auch er damit Bedürfnisse von „Pegida“ und Co. bedient.

    Statt sich darüber in die Haare zu kriegen, wie viel Aufmerksamkeit der AfD zuteil werden sollte, erscheint es sinnvoller, den Bedingungen im Netz nachzugehen, welche nationalistische Propaganda befördern.
    Hierzu zwei Beiträge aus „JPG-Journal“ von „Internationale Politik und Gesellschaft“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (sehr zu empfehlen, das online-Abonnement ist kostenlos):

    (1) Lisa-Maria Neudert, Die Propaganda lernt sprechen, 16.1.2019:
    https://www.ipg-journal.de/schwerpunkt-des-monats/demokratie-und-digitalisierung/artikel/detail/die-propaganda-lernt-sprechen-3200/

    Die Autorin beschäftigt sich mit der Weiterentwicklung von „Social bots“ und weist auf die in Zukunft enorm gesteigerten Gefahren der Manipulation über „Soziale Medien“ hin:
    „Die nächste Generation von Bots entwickelt sich allerdings rasant. Diese Vertreter ihrer Art werden sich viel mehr wie echte Menschen verhalten. Dies liegt an den Fortschritten bei der Sprachverarbeitung – derselben Technologie, die auch sprachbetriebene Schnittstellen wie Alexa von Amazon, den Google-Assistenten oder Cortana von Microsoft möglich macht. Um zu funktionieren, brauchen Systeme zur Spracherkennung enorme Mengen an Daten. (…) Anstatt Propaganda öffentlich und allgemein zu verbreiten, werden sich diese Bots dann direkt an einflussreiche Menschen oder politische Dissidenten wenden. Sie werden Individuen mit programmierten Hassreden angreifen, sie mit Spam überschütten oder ihre Konten schließen, indem sie ihre Inhalte als missbräuchlich melden. (…)
    Seit 2010 haben Regierungen und politische Parteien über eine halbe Milliarde Dollar dafür ausgegeben, die sozialen Medien zu manipulieren.“

    (2) Teynep Tüfekçi: Vom Tahrir-Platz zu Donald Trump, 21.1.2019
    https://www.ipg-journal.de/schwerpunkt-des-monats/demokratie-und-digitalisierung/artikel/detail/vom-tahrir-platz-zu-donald-trump-3212/

    Die Autorin beschäftigt sich mit der Frage, warum digitale Tehnologien heute Unterdrückung statt Revolutionen befeuern und veranschaulicht dies mit einem Vergleich:
    „Das Problem besteht vielmehr darin, dass man im Zeitalter und Kontext der sozialen Medien heute anders als früher auf Meinungen trifft, die im Gegensatz zu den eigenen stehen. Früher las man diese Meinungen in der Zeitung, allein. Heute ist es so, als hörte man sie von der gegnerischen Mannschaft, während man umgeben von den Fans der eigenen Mannschaft im Fußballstadion sitzt. Online sind wir mit unseren Communities verbunden und heischen nach Zustimmung von Gleichgesinnten. Wir verbünden uns mit unserer Mannschaft, indem wir die Fans der anderen Mannschaft ausbuhen.“
    Als Hauptproblem sieh sie, wie auch Lisa-Maria Neudert, die unglaubliche Sammelwut an Daten selbst von kleinsten Unternehmen und sie empfiehlt:
    „Die allgegenwärtige digitale Beobachtung sollten in ihrer gegenwärtigen Form schlicht und einfach beendet werden. Es gibt keine vernünftige Rechtfertigung dafür, es so vielen Unternehmen zu erlauben, so viele Daten über so viele Menschen anzuhäufen.“

  7. Matthias Aupperle sagt:

    @ all

    Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir müssen uns mit den sog. „neuen Medien“ beschäftigen – und nicht nur aus der Distanz, wir müssen „rein gehen“ und rausgehen, aus der Komfortzone des Gewohnten. Wir müssen dahin gehen, „wo die Musik“ spielt. Ich bin mir sicher, Habeck kommt wieder, dafür ist unser Wohfühlintellektueller viel zu klug und zu eitel. Wer liest eigentlich von den unter Vierzigjährigen noch Zeitung? Selbst Fernsehen ist bei den Jüngeren abgemeldet. Wo werden zukünftig die Begriffe aufgeladen und geprägt? Die Auseinandersetzung mit den Extremisten von links bis rechts, wie wir schon lange wissen, ist immer auch ein Kampf um Sprache. Wir verlieren aber diesen Kampf, wenn wir als „digitale Analphabeten“ zurückbleiben. Ein „Bot“ hat in einem gewissen Rahmen eine normierte Sprache. Was nützen 12 Semester Germanistik, um diesen Bot zu entlarven, wenn kein Germanist am Ort des Geschehens ist, weil dieser sich lieber in der „Die Zeit“ tummelt? Wir beweihräuchern uns in 68er-Nostalgie, aber die Barrikaden brennen wo anders, ohne uns. Wir kokettieren damit, kein Smartphone zu besitzen und merken nicht, dass wir abgehängt werden. Twitter ist eine Provokation. Wir müssen uns kurz fassen. Wer kann das schon von uns?

    Ich habe mir schon vor langer Zeit geschworen, auch wenn ich inzwischen ein „alter weißer Mann“ bin, ich lasse mich nicht abhängen. Ich will die Scheiß-Trägheit des Alters überwinden. Ich will mein Smartphone so einstellen können, dass Schnüffelei nicht möglich ist (was geht). Ich will meine Spuren im „www“ verschleiern. Ich will selbst entscheiden, welche Daten Google oder Facebook von mir sieht und speichert. Ich werde sie mit Müll füttern. Sollen sie daran ersticken. Um dazu in der Lage zu sein, muss ich mich mit den neuen Technologien auseinandersetzten. Ganz intensiv. Das ist manchmal sehr anstrengend. Das geht nicht ohne Schaden. Und ich habe jemand vom CCC (wer weiß, was das ist?) der mir hilft.

    Dies hier ist der einzige Ort, an dem ich unter meinem Klarnamen schreibe. Leider.

  8. Matthias Aupperle sagt:

    @ all

    Wie ich gerade lese, wurde das von mir angesprochene Thema hier schon mehrmals jeweils unter einer anderen Überschrift ausgiebig diskutiert. Ignorieren Sie deshalb einfach den zweiten Absatz meiner provokativ vorgetragenen Einlassungen.

  9. Werner Engelmann sagt:

    @ Matthias Aupperle

    „Twitter ist eine Provokation. Wir müssen uns kurz fassen. Wer kann das schon von uns?“

    Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu, was Ihre Ausführungen zu der Notwendigkeit betrifft, die Präsenz in den „Sozialen Medien“ nicht der extremen Rechten zu überlassen.
    Ihre Analyse greift aber zu kurz, wenn Sie meinen, das Problem liege vor allem daran, dass wir uns damit begnügen, in der „Zeit“ präsent zu sein oder unfähig wären, „uns kurz zu fassen“.

    Dazu erst mal eigene Erfahrungen:
    Ich bin seit einiger Zeit auch bei den Kommentaren der FR recht aktiv. Das vor allem deshalb, weil ich es für wichtig halte zu verhindern, dass Hasspropheten und Rechtsausleger sich auch in den Kommentarspalten einer liberalen Zeitung ausbreiten und das Kommando übernehmen (wie ja schon z.B. in der FAZ oder dem „Münchner Merkur“). Versuche dazu gab es schon zu Genüge. Es ist zum Glück bisher – dank einiger reger Foristen – gelungen, dies zu verhindern und einige dieser trüben Zeitgenossen, die von „Journalistenwatch“ oder „Tichys Einblick“ rüberschwabbten, wieder wegzubeißen.
    Dazu ist es auch bisweilen notwendig, in einem einzigen Satz rechtsradikalen Unfug zu entlarven. Und ich weiß längst, wie das geht, z.B. mit Mitteln der Satire.
    Allerdings funktioniert das in der FR nur, weil auch die Möglichkeit besteht, beißende Kurzkommentare durch erläuternde, argumentative Kommentare zu ergänzen. Und das ist notwendig, weil eben nur so kritisches Denken gefördert werden kann.

    Bei Twitter aber ist das anders.
    Nicht umsonst ist ein Donald Trump der „Twitter-King“, weil dies das einem Demagogen seiner Couleur adäquate Format darstellt: Es befördert emotionsgeladene Statements, Hassbotschaften, pubertäre Ausfälle und Selbstbeweihräucherungen, lässt aber rationalen Abwägungen keine Chance.
    Und selbst, wenn man es schafft, Fakten auf 150 Zeichen zu reduzieren, geht diese Nachricht in einer Flutwelle von „Fake news“ unter.

    Das Problem ist also nicht unsere vermeintliche Unfähigkeit.
    Vielmehr manifestieren sich in der Reduktion auf Echokammern und antisozialen Medien wie Twitter die anti-aufklärerischen, destruktiven, gemeinschaftszerstörenden Tendenzen unserer „postmodernen“ Epoche, denen gegenüber keine ausgleichenden Gegengewichte erkennbar sind.
    Gibt es bei anderen technologischen Neuerungen in der Regel die Chance, den rationalen Umgang mit ihnen zu erlernen, erscheint dies in diesem Fall von vornherein ausgeschlossen.
    Twitter weist per se die antidemokratischen Verschleierungs-Strukturen auf, die skrupellose Monopolisten für ihre Herrschaftssicherung benötigen.
    Dazu gehört u.a. auch die Verbreitung der Illusion, ein „soziales“ Medium zu sein, die „demokratische“ Mitwirkung an der Meinungsbildung zu ermöglichen. Indem den Usern vorgegaukelt wird, „gehört“ zu werden, „mitreden“ zu können, wenn sie ihre Wut oder ihre Vorurteile auf „Twitter“ zum Besten geben.
    Während derjenige, der sich daran beteiligt, in Wahrheit nur mitwirkt bei der Trumpschen Verschleierung der wirklichen imperialen Interessen durch nationalen Wahn. Denn selbst, wenn er widerspricht, beflügelt er damit nur noch diesen Wahn.
    Dies wird u.a. in dem von mir verlinkten Beitrag “ Vom Tahrir-Platz zu Donald Trump“ an einem realen Geschehen bestätigt.

  10. Matthias Aupperle sagt:

    @ Werner Engelmann

    Sie haben mich mit Ihren Anmerkungen dazu gebracht, intensiver über Twitter nachzudenken. Ich habe Twitter bislang gemieden, weil ich so ein „elendiger Sowohl-als-auch-Kasper“ bin der sich gegen vorgetragenen Gewissheiten wehrt. Denn wer „Sowohl-als-auch-Formulierungen“ verbreitet wird zwangsläufig langatmig und umständlich. Die Gefahr von Twitter ist das Schwarz-Weiß-Denken, die durch die Reduzierung erzeugte Zuspitzung in ja oder nein oder in gut oder böse oder andere Null-Eins-Kategorien.

    Mit einher geht eine Inflationierung der Begriffe. Ein Beispiel: Wenn wir zuspitzen und jede Diskriminierung mit dem Wort „Rassismus“ anprangern, entwerten wir die Bedeutung und fangen an, den tatsächlichen Rassismus zu verharmlosen. Damit spielen wir den Rechtsextremen unbeabsichtigt in die Hände.

    Die sprachliche Herausforderung bei Twitter ist immens. Wir müssen versuchen, ohne Zuspitzung auszukommen. Wir müssen es wieder zum Allgemeingut einer Dikussionskultur auch unter den Bedingungen von Twitter machen, dass man verschiedener Meinung sein und das auch gut aushalten kann. Dann laufen wir nicht in die „Streitfalle“ der Extremisten.

  11. Werner Engelmann sagt:

    @ Matthias Aupperle, 28. Januar 2019 um 15:42

    Sie haben natürlich Recht: Man muss über Twitter nachdenken.
    Aber nicht nur das. Man muss auch wissen, wie das konkret funktioniert und wie konkrete Gegenstrategien aussehen könnten.

    „Wir müssen versuchen, ohne Zuspitzung auszukommen.“

    Nun mal am konkreten Beispiel wie das funktionieren soll:
    Ich verfolge ja von Zeit zu Zeit den Twitter-Account von Marine Le Pen – auch wenn das jedes Mal einige Überwindung kostet, sich sowas anzutun.
    Da findet man z.B., aktuell bez. des deutsch-französischen Vertrags von Aachen, Äußerungen wie „Verrat an Frankreich“ oder „ein wahrer Horror“ – natürlich nicht in Ansätzen begründet. Wie soll ich da „ohne Zuspitzung“ auskommen?
    Da bleibt nichts anderes übrig als zurück zu bolzen, wie ich es in diesem Fall mal getan habe:
    „Man muss schon besonders borniert sein, um in einer globalisierten Welt jede Kooperation zurückzuweisen und die Fiktion ’nationaler Souveränität‘ als ‚Lösung‘ aller Weltprobleme zu predigen. Der wahre ‚Horror‘ ist Le Pen.“

    Freilich weiß ich, dass das in einer solchen Gesellschaft nicht viel bringt. Höchstens ein bisschen Verunsicherung.
    Ich habe einmal die letzten Tweets von Marine Le Pen gezählt: 9.Jan.:26, 13. Jan.:21, 16. Jan.: 23, 19. Jan.: 21.
    Um wirklich effektiv zu sein, müsste man schon einen ganzen Stab nur mit der Aufgabe „Antworten an Le Pen“ beschäftigen (wie sie es vermutlich auch tut). Oder einen Putin mit seiner St.Petersburger „Bot“-Fabrik nachahmen.
    Das führt dann wohl zum „Cyber-Krieg“ (Bronski kann das sicher besser einschätzen), von „Diskussionskultur“ aber sicher keine Spur.

    Nun wären da – eine erste Überlegung – zwei Strategien denkbar:
    1) Die erste könnte man von Marine Le Pen selbst „lernen“. Denn selbst die unterscheidet sich hinsichtlich Intellektualität noch ziemlich von einem Trump. Auch sie kommt nicht ganz ohne Informationen aus.
    Die bringt sie dann auf die Weise unter, indem sie wie mit einem MG eine ganze Serie von Tweets rausfeuert.
    Nun könnte man das ja auch versuchen. Ob sich auf diese Weise wenigstens Ansätze einer Argumentation unterbringen ließen, würde ich dennoch bezweifeln.

    2) Die Alternative dazu hat ein Robert Habeck mit der Kündigung seiner Abonnements bei Twitter und Facebook angedeutet.
    Ich kann es noch nicht einschätzen, wie sinnvoll das ist. Auf die Dauer erfolgreich könnte es aber nur sein, wenn zeitgleich eine Kampagne zur Ächtung solcher pseudo-„sozialer“ Medien laufen und Alternativen dazu aufgebaut würden. Beides kann ich noch nicht erkennen.

    Ich für mein Teil habe meine Accounts bei Twitter und Facebook aufrecht erhalten, um (wie eingangs ausgeführt) wenigstensin Erfahrung bringen zu können, was sich da in nationalistischen Kreisen tut. Freilich ohne jegliche Information zu meiner Person.
    Etwas anderes kann ich nach den Skandalen um Daten-Missbrauch bei Facebook auch nicht raten als alle personenbezogenen Daten zumindest zu löschen.

  12. Werner Engelmann sagt:

    Ergänzung zu meinem Beitrag betr. die Diskussion über „Gelbwesten“ in Frankreich:
    Betr. den deutsch-französischen Vertrag übertreffen die (oder zumindest Teile von ihnen) in der Art der Verbreitung von Verschwörungstheorien sogar noch eine Marine Le Pen.
    So wird verbreitet, „dass über eine Ausweitung des Deutschunterrichts in französischen Grenzgebieten wie dem Elsass schleichend auch eine Abtrennung der Region an Deutschland geplant sei“:
    https://www.focus.de/politik/deutschland/unterzeichnung-in-aachen-unterwerfung-steht-kurz-bevor-warum-viele-franzosen-vertrag-mit-deutschland-fuerchten_id_10216902.html

  13. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Matthias Aupperle

    “ … Wir verlieren diesen Kampf, wenn wir als *digitale Analphabeten* zurückbleiben.“

    Ist traurig genug, dass wir außerhalb des Digitalen keine Alternative mehr sehen (sollen)!
    Vielleicht gibt es etwas Erstrebenswerteres als den neuen Technologien hinterherzuhecheln? Und das auch noch ganz intensiv!

    Ich weiß, dass erfreut nicht das Herz der Fortschrittsgläubigen. Aber man denke mal tief darüber nach, wie weit wir uns schon der Macht des Internets (sprich der Konzerne) beugen. Das soll noch Freiheit, Demokratie, Menschenwürde sein???
    Ich weiß nicht, was CCC ist?
    Ich will niemanden auf den Schlips treten, aber wenn ich nicht mehr mit Klarnamen schreiben kann, höre ich auf zu schreiben.

    „Wir beweihräuchern uns in 68er-Nostalgie, aber die Barrikaden brennen woanders, …“

    Von dem ersten Teil des Satzes distanziere ich mich! Immer wieder die Keule!

    “ … ich lasse mich nicht abhängen. Ich will die Scheißträgheit des Alters überwinden.“

    Über den ersten Satz lohnt es sich nachzudenken, ob es nicht ein eigener Fallstrick ist?
    Der zweite Satz ist ehrenwert. Aber vielleicht kann die Altersträgheit im Widerstand überwunden werden.
    Widerstand nicht mit Sturheit zu verwechseln!

    Klaus Philipp Mertens schrieb in seinem Leserbrief von gestern („Gretschenfrage des Internets“) klugerweise: Digitalisierung beginnt beim Menschen und endet bei ihm – mit Folgen. Alles, was wir tun, tun wir für oder gegen uns …“.

  14. Matthias Aupperle sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Es ist ganz einfach: Wir können zum weltweiten Boykott von Facebook oder Twitter aufrufen und wir könnten vielleicht efolgreich sein – oder auch nicht, was dann?

    Ich habe mir gerade das Buch von Jaron Lanier „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“, heruntergeladen. Wenn ich es gelesen habe, nach dem inzwischen eingetroffenen Reclam Büchlein mit Diderot, melde ich mich zum Thema wieder.

    Für alle, die Jaron Lanier nicht kennen: https://de.wikipedia.org/wiki/Jaron_Lanier

  15. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Matthias Aupperle

    Der Hinweis auf Jaron Lanier ist gut. Er hat Wichtiges zur Virtuellen Realität und Künstlichen Intelligenz zu sagen.

    Können Sie mir bitte den genauen Titel zum Reclam Büchlein Diderot nennen? Danke.

  16. Matthias Aupperle sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Das habe ich gekauft:

    https://www.reclam.de/detail/978-3-15-001229-1/Diderot__Denis/Rameaus_Neffe

    Anmekung: Einen Dialog zu lesen ist gewöhnungsbedürftig. Ich werde etwas Disziplin benötigen. Und die Schriftgröße ist für uns nicht altersgerecht. Ich freue mich allerdings auf Goethes Wortreichtum.

  17. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Matthias Aupperle

    Danke! Dann lag ich bei meiner Bestellung richtig.
    Ich lese in der Regel gerne Dialoge. Mal sehen.

  18. Matthias Aupperle sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Wir sollten nicht vergessen: Wir nehmen die Kritik am Neuen gerne auf. Das ist eine der fiesen Fallen der Trägheit des Alters.

  19. Werner Engelmann sagt:

    (1) Zur Einschätzung von Twitter:

    Auf Wikipedia („Digitale Revolution“) wird eine Studie im englischen Sprachraum bezogen auf den Zeitraum 2006 bis 2017 zitiert:
    „Den Forschern zufolge hat unwahrer Inhalt – ein Bild, eine Behauptung oder ein Link zu einem Onlineartikel – eine um 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, weiterverbreitet zu werden.“ Am häufigsten betroffen seien politische Inhalte. „Der Schneballeffekt für Unwahres nahm mit der Zeit zu und war in den US-Wahlkampfjahren 2012 und 2016 besonders stark.“
    (Lügen laufen bei Twitter am besten. In: Der Tagesspiegel, 9. März 2018, S. 22)

    (2) Zur „Demokratisierung der Medienwelt durch das Internet“ (Studie Pörksen):

    „Sie nütze vor allem Populisten und verstärke die sich in ihren Echokammern verkapselnden „Selbstbestätigungsmilieus“. (…) Hassrede und übertriebene „Political Correctness“ seien zwei sich gegenseitig befeuernde Erscheinungen gegenwärtiger Debatten. Mit zunehmender sprachlicher Empfindlichkeit werde vor allem auf die hassgetriebene Vergiftung des Diskurses reagiert.“
    Christoph David Piorkowski:
    „Neuerdings hätten Fakten aber ihre Bedeutung als Diskussionsgrundlage verloren. Der Wahrheitsgehalt spielt keine Rolle mehr, politische Debatten verlieren ihre empirische Basis.“ (Der Tagesspiegel, 26. Juni 2018, S. 7.)

    (3) Verhaltensänderung durch „soziale Medien“:

    „Eine starke Gegenwartsorientierung, die oft mit Hedonismus und gesundheitsgefährdendem (z.B. Sucht-)Verhalten einhergeht, werde durch exzessive Nutzung sozialer Medien aber gefördert. (…) Infolge der starken Gegenwartsorientierung gehe auch der Bezug auf die Zukunft verloren.“
    Auch Raum- und Zeitwahrnehmung veränderten sich. „Und Kontrollverlust, Überforderung, Abschweifen und Unkonzentriertheit, Ablenkung vom Wesentlichen, das Gefühl, sich im virtuellen Garten zu verlieren, oder die Angst, etwas zu verpassen – sind Folgen des Hypes, ständig vernetzt zu sein.“

    (4) Kritik von Lanier am Internet (Wikipedia, „Jaron Lanier“)

    „Das Internet fördert nach Laniers Ansicht den Glauben, dass ein Kollektiv Intelligenz und Ideen hervorbringe, die denen des Individuums überlegen seien. Dieser Glaube führe dazu, dass das Kollektiv als wichtig und real angesehen werde, nicht der einzelne Mensch. (…)
    Dieser Wunsch, sich zu identifizieren mit einer Organisation, so dass diese Identifikation ein Emblem von Jugendhaftigkeit und Rebellion wird. Wobei es doch in Wahrheit ein Emblem des
    Konformismus ist.“

    Stellungnahmen dazu:

    – Die Zitate (1) und (2) bestätigen meine Einschätzung, dass insbesondere Twitter nicht als „neutrales“ Medium betrachtet werden kann, das von jedermann in gleicher Weise genutzt werden könnte. Es ist vielmehr von seiner Struktur her den Bedürfnissen von „Populisten“ und „Fake-news“-Produzenten affin.
    – Zitat (3): Der Verlust des „Bezugs auf die Zukunft“ durch „exzessive Nutzung sozialer Medien“ erklärt die zunehmende Tendenz, auf vereinfachende „populistische“ Parolen hereinzufallen. Wenn „Zukunft“ per se angstbesetzt ist, kann die von „Populisten“ angebotene Flucht in die Vergangenheit als solche gar nicht mehr erkannt werden. Darin spiegelt sich auch die Flucht vor der Wirklichkeit in eine virtuelle Scheinwelt wider.
    – Zitat (4): Laniers Analyse ist wohl in erster Linie für nationalistische Parteien und Bewegungen zutreffend. Sehr richtig der Hinweis auf „Konformismus“ mit pseudorevolutionärem Impetus, der eigene Identitätsprobleme („Ich-Schwäche“) und Unfähigkeit zu individuellem Denken verschleiern soll.

    Fazit für den Umgang mit „Sozialen Medien“:

    Ich halte die Unfähigkeit rationalen Umgangs mit „Sozialen Medien“ teilweise als typische Kinderkrankheit im Umgang mit technologischen Neuerungen, die in ihrer Tragweite noch gar nicht begriffen werden. Was aber nicht bedeutet, dass sich ein „erwachsener“ Umgang von selbst ergeben würde.
    Vielmehr bedarf es einerseits ganz sicher einer Eingrenzung durch gesetzliche Maßnahmen (z.B. betr. die Erhebung und Verwertung von personenbezogenen Daten). In diesem Zusammenhang ist vor allem die Initiative einer „Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union“ begrüßenswert. (vgl. Wikipedia)

    Insbesondere bezogen auf Twitter kann es freilich nicht ausreichen, auf solche Maßnahmen „von oben“ zu hoffen. Ebenso illusorisch (wie in 1 und 2 ersichtlich) zu meinen, man könne hier mit Fakten aufklärerisch wirken.
    Eine Strategie kann sich aber nach Brecht ergeben, der (im Nachwort zu „Arturo Ui“), bezogen auf Diktatoren, davon spricht, dass der „Respekt vor ihnen gebrochen werden muss“, indem sie der Lächerlichkeit preisgegeben werden.
    Dies gilt mit Sicherheit auch für die nationalistischen Demagogen von heute, etwa wie ich es am Beispiel Le Pen aufgezeigt habe.
    Und das lässt sich ggf. sogar in 150 Zeichen bewerkstelligen. Es muss nur klar und prägnant genug rüberkommen.

  20. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Matthias Aupperle

    Das mag eine Frage des Alters sein, die Kritik am Neuen. Trägheit? Ich kann’s erst einmal nur für mich beantworten: Ich kritisiere, weil davon überzeugt bin, dass diese neue Technologie und der Mensch auf einem Irrweg sind. Ich erlebe es nicht als Trägheit …
    Aber es klingt wohl altmodisch.

  21. Jürgen Malyssek sagt:

    Korrektur:

    1. Zeile … kritisiere, weil ich davon

    Danke!

  22. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Die Auflistung der Manipulationen und Verführungsmacht der „Sozialen Medien“ reicht aus, um auf kritische Distanz zu gehen.
    Wahrscheinlich sind die Zuckerbergs der neuen Medienherrschaft mehr als nur die Ikonen und Pioniere dieses Quantenssprungs der Technologie, sondern eher Ausdruck einer fast zwangsläufigen Entwicklung des süchtigen Konsumenten in einer Welt, die einfach nicht zur Ruhe kommen kann, weil sie sonst in ein tiefes tiefes Loch, in das Nichts schauen würde.
    Da ist niemand, der die heimlichen, die neuen Diktatoren der Lächerlichkeit preisgeben könnte.
    Es bleibt allenfalls der Satiriker, der Hofnarr, oder ein Matthias Beltz (der ist aber auch schon tot).
    Trotzdem oder gerade deshalb habe ich Jaron Laniers Publikation „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ besorgt, um zu sehen, ob er doch noch helfen kann.

  23. Werner Engelmann sagt:

    Und hier wieder eine lesenswerter Artikel von „Internationale Politik und Gesellschaft“ zum Thema:
    https://www.ipg-journal.de/schwerpunkt-des-monats/demokratie-und-digitalisierung/artikel/detail/ki-mit-europaeischen-werten-3230/

    Im Übrigen widerspreche ich der Einschätzung von Jürgen Malyssek:“ Da ist niemand, der die heimlichen, die neuen Diktatoren der Lächerlichkeit preisgeben könnte.“
    Das besorgen diese „neuen Diktatoren“ zum großen Teil schon selbst. So Facebook mit dem Datenskandal 2018.
    Es geht aber, darum, dies nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern in geeigneter Weise und mit entsprechenden Fragestellungen aufzugreifen.

  24. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Vielleicht ist meine Einschätzung etwas zu pessimistisch, aber die These von der „Selbstzerstörung“ durch Übermacht und Größenwahn, die birgt einen Ausweg.
    Lächerlich finde ich die „neuen Diktatoren“ schon lange – aber gefährlich sind sie.

    Es auf sich beruhen zu lassen, ist jedenfalls nicht meine Einstellung. Ich bleibe informiert (danke für Artikel IPG!), obgleich mir etwa das Lesen von Bruno Jonas („Gebrauchsanweisung für das Jenseits“) oder Matthias Beltz („Gut und Böse“) mehr Vergnügen bereitet.

  25. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Volle Zustimmung, was das Kabarett von Bruno Jonas angeht. Dass das auch „Vergnügen bereiten“ soll, dazu ist es ja auch da.
    Wobei ich, vor allem in seinen politischen Anspruch, schon einen Unterschied zwischen „Kabarett“ und „Comedy“ sehe – weil dieser blöde Anglizismus auch inhaltlich eine deutliche Verflachung bedeutet.