„Mein Vorname war eine mittlere Katastrophe“

Ich mochte meinen Vornamen (Lutz) als Kind und Heranwachsender nicht, aber so schlecht kann er wohl nicht sein, denn die unter Jugendlichen übliche Wortgewalt in Sachen Spitznamen tobte sich in meinem Fall eher an meinem Nachnamen aus. Bei meinem Mann war es ähnlich. Trotzdem stimmt es wohl, wenn der Erziehungswissenschaftler Peter Struck von der Uni Hamburg in der FR schreibt: Das Schicksal hat einen Namen. Den Vornamen. Struck schreibt:

„Nichts hört ein Kind häufiger als seinen Rufnamen; mit seiner Klangfarbe verbinden die Eltern eine Botschaft, eher kalt wie bei Paul oder Karl oder eher warm wie bei Viola, Mario und Milan. Diese Klangfarbe spiegelt sich nach Jahren im Gesicht des Kindes wider, weil mit der Namenswahl durch die Eltern auch eine bestimmte Einstellung, ein Programm in die Zukunft des Kindes hinein signalisiert wird: Das Kind soll niedlich oder gefühlsbetont oder aber durchsetzungsstark und karrieregestählt oder eben mit Vornamen der Groß- oder Urgroßeltern der Familientradition verpflichtet werden.“

Nun ist Lutz kein allzu häufiger Vorname. Er ist die Kurzform von Ludwig bzw. Lucius und hat insofern eine lange Geschichte, aber für mich klang er lange einfach nur irgendwie düster. Ich habe meine Eltern, als sie noch lebten, einmal gefragt, warum sie mich so genannt haben: Sie wollten einsilbige Vornamen mit vier Buchstaben vergeben. Man kann das als ästhetisches Konzept verstehen, weil auch der Familienname nur aus vier Buchstaben bestand. Auch mein jüngerer Bruder hat einen einsilbigen Vornamen, der ebenfalls nur vier Buchstaben hat, aber mit einem a aufwarten kann. Und meine noch viel jüngere Schwester hat zwar einen zweisilbigen Vornamen, der aber trotzdem aus nur vier Buchstaben besteht; und wenn sie ein Junge geworden wäre, dann wäre sie Götz getauft worden. Mal gut, dass sie als Mädchen auf die Welt kam.

Und wie ist es mit den zweiten Vornamen? Haben Sie einen? Ich nicht. Meine Eltern brachen bewusst mit dieser Familientradition, wonach das Kind als zweiten Vornamen den Vornamen des Vaters bzw. der Mutter bekam, und so hielten sie es auch bei meinen Geschwistern. Sie hatten es nicht so mit der Tradition.

Und was sagt das jetzt über das Schicksal aus?

Zum Artikel von Peter Struck tröpfelten über die Tage hinweg ein paar Zuschriften von Leserinnen und Lesern herein, die ich hier zusammengefasst veröffentliche:

Balken 4Leserbriefe

Vera Kemény aus Frankfurt:

„Mein Vater war Liebhaber russischer Literatur und Musik, deshalb sollte seine Tochter einen russischen Vornamen erhalten. Als er 1941 vor dem Standesbeamten im Frankfurter Römer sitzt und die Geburt einer Tochter anmeldet, bekommt er zur Antwort: Der Vorname Vera wird abgelehnt, denn dies ist ein “Feindesname”! Deutschland war schon im Krieg mit Russland. Mein Vater darauf: Ich gehe hier nicht eher fort, bis meine Tochter Vera heißt ! Nach einem weiteren hin und her einigte man sich auf einen Kompromiss. Sie bekommt noch zwei “deutsche” Vornamen, nämlich Martha und Margarete.
Als ich 18 Jahre später meinen zukünftigen Ehemann aus dem “ehemaligen” Jugoslawien kennenlernte, wollte er nicht glauben, dass ein deutsches Mädchen Vera heißt, genauso wie seine Freundinnen aus seiner Heimat.
In der Schule war ich  die einzige Vera und die Lehrer merkten sich den Namen sofort, was nicht immer angenehm war.
Ich bin bis heute sehr zufrieden mit meinem Vornamen, vor allem weil man ihn nicht abkürzen oder verniedlichen kann.“

Ullrich Kamuf aus Mühlheim

„‚Die vorherrschende Namensgebung unterliegt modischen Schwankungen‘, schrieben Sie. Richtig! Die überwiegende Zahl der Kinder, weiblich und männlich, heißt Schatz. Schatz, möchtest Du ein Eis? Schatz, lass das liegen. Komm mal her, Schatz. Grauenvoll!“

Sygun Ziegelschmidt aus Frankfurt

„Den Artikel zu den Vornamen fand ich spannend. Erst in der Schule wurde mir klar, dass mein Vorname „besonders“ ist. Geboren 1948 und aufgewachsen in einem kleinen Dorf am Westerwald, war der Vorname Sygun eine mittlere Katastrophe. Nicht nur, dass er keinem Geschlecht zugeordnet werden konnte (ich bekomme heute noch Post mit „Herrn“), wurde ich Sigrid, Sigrun oder sogar Sigurd (bekannt als „der ritterliche Held“ eines Comics) gerufen. Ich fand es zwar blöd, aber ich klärte die Rufenden auch nicht mehr auf. Wenn dann geduzt statt gesiezt werden sollte, kam prompt: „Woher kommst Du denn?“ Dann wurde halt „Siggi“ daraus gemacht, was ich zwar nicht mochte, aber geduldet habe. Meine Eltern haben den Namen erfreulicherweise nie verniedlicht. Nun frage ich mich, welche Botschaft sie mit dem Namen verbinden wollten (ich kann sie leider nicht mehr fragen). Erst durch das Internet habe ich erfahren, dass ich nicht alleine bin und einige wenige Frauen in Deutschland so heißen. Und dann habe ich herausgefunden, dass mein Vater den Namen in einem Buch mit dem Titel „Hasko der Wassergeuse“ gefunden hat. Dort ist Sygun eine Heldin!“

Sigurd Schmidt aus Bad Homburg

„Bei mir (Vorname: Sigurd) war und ist es umgekehrt so, daß ich ständig als Frau… betitelt werde. Ich brauchte auch nicht zur Bundeswehr und wurde bei einer Großbank zur Prokuristin ernannte. Auch ich wurde gerne ‚Siggi‘ betitelt. Namensgebung beinhaltet schon eine gewisse Verantwortung.“

20 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Für ein Auslandsstudium an der Cornell University in Ithaca/NY hatte ich zuvor einen Sprachtest zu absolvieren. Der mich prüfende Muttersprachler machte mir dabei ein unerwartetes Kompliment für meinen auf Englisch ausgesprochenen Vor- und Zunamen. Er sagte, dass diese Kombination lautmalerisch sich in seinen Ohren sehr schön und originell anhört. Vielleicht wollte er auch bloß höflich sein. Ich weiß es nicht. Die deutsch-amerikanische Freundschaft trug ohnehin nicht soweit, mir einen eigenen Eindruck davon verschaffen zu können. Mein Antrag auf materielle Förderung eines dortigen Studiums ist aus für mich bis heute unerfindlichen Gründen abgewiesen worden. Trost fand ich darin, dass exzellente Forscher, die des Deutschen mächtig sind und insbesondere die Schriften von Karl Marx notwendig textimmanent zu deuten verstehen, weltweit inzwischen als Rarität gelten.

  2. Eine Freundin erzählte mir, dass sie als 10jährige möglichst schnell heiraten wollte, weil sie gehört hatte, dass man als Frau mit der Hochzeit einen neuen Namen bekommt. Sie war sehr enttäuscht, als sie erfuhr, dass es der Nachname war und sie eine Sabine bleiben musste.

  3. Brigitte Ernst sagt:

    Ja, so ist das mit den Dutzendnamen. Ich hatte das Glück, dass ich in meiner Klasse immer mindestens ein anderes Mädchen mit demselben Vornamen hatte, manchmal auch zwei. In meiner Abiturklasse hießen von 13 Schülerinnen zwei Brigitte, eine Birgit und eine Birgitta.
    Dabei wollten mich meine Eltern eigentlich Martina nennen, weil ich während des Martinszuges geboren wurde und weil eine meiner Patentanten Martha hieß. Dieser Name war damals recht ausgefallen, deshalb lehnte ihn meine Großmutter kategorisch ab und meine Eltern richteten sich nach ihr.
    Als ich ins Gymnasium kam, erwog ich, meinen Rufnamen in Martina umzuändern (auf der Geburtsurkunde mein dritter Name), aber das klappte dann doch nicht, weil eine Menge Klassenkameradinnen aus der Grundschule wieder mit mir in einer Klasse landeten.

  4. Sygun Ziegelschmidt sagt:

    @Sigurd Schmidt
    Haben Ihre Eltern diese Comic-Heftchen gelesen? Sigurd (der ritterliche Held und blond) war das Pendant zu Tarzan (Waldmensch und dunkelhaarig). Ich gebe zu, das muss auch eine Höchststrafe gewesen oder noch sein. Ich habe auch keinen weiteren Vornamen und muss damit leben. Aber mittlerweile bin ich froh Mutes, denn den Namen hat nicht jede:-)

  5. Sygun Ziegelschmidt sagt:

    @Brigitte Ernst
    Diese Namens-Zusammensetzung kenne ich auch aus der Schule. Meine Eltern wollten mich ursprünglich Margitta nennen. Dann haben sie sich einen Hund zugelegt und nannten ihn „Gitta“. Wie sich herausstellte, war es ein Rüde, aber der Name blieb. Somit mussten sie sich für mich etwas anderes einfallen lassen. Ich frage mich allerdings, ob der Name irgendetwas mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat. Mein Nachname ist angeheiratet, und ich habe ihn auch nach der Scheidung nicht abgelegt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.

  6. Brigitte Ernst sagt:

    @ Sygun Ziegelschmidt

    Mit meinem Nachnamen bin ich anders verfahren. Mit derselben Überzeugung, mit der ich den Nachnamen meines ersten Mannes 1972 angenommen habe (den Namen des geliebten Mannes zu tragen war mein Traumziel – so unemanzipiert war ich damals) habe ich diesen Namen nach meiner Scheidung auch wieder abgelegt. Und bei meiner zweiten Heirat habe ich meinen Geburtsnamen beibehalten (das war ja dann möglich). Mit dem kann ich mich identifizieren und den gebe ich auch nicht mehr her.

    Ihren Namen Sygun finde ich übrigens sehr schön. Ich habe Menschen mit ausgefallenen Namen immer beneidet.

  7. Sygun Ziegelschmidt sagt:

    @Brigitte Ernst
    Vielen Dank. Ich verrate Ihnen noch meinen Mädchennamen: Volkmann genannt Schluck. Ja, richtig gelesen. Ich habe allerdings das „genannt“ immer durch einen Bindestrich ersetzt, was aber nicht richtig ist, denn es handelt sich dabei nicht um einen Doppelnamen, sondern um ein Namenskonstrukt. Die Entstehung ist auch eine längere Geschichte. Hätte ich bei der Eheschließung einen Doppelnamen gewählt, was – so meine ich mich erinnern zu können – 1971 noch gar nicht möglich war, wäre daraus ein wahres Monstrum entstanden:-)

  8. Werner Engelmann sagt:

    Sicher, ein Name verfolgt dich ein Leben lang. Unverantwortlich etwa, wenn Eltern meinen, ihre Hobbys oder politische Ideologie in ihren Kindern verewigen zu müssen. Es ist ja nicht ihr Leben.
    Freilich gibt es noch Schlimmeres. Etwa, wenn einem verwehrt wird, ein Elternteil überhaupt kennen zu lernen. So bei den „Kindern der Schande“ – von deutschen Soldaten mit Frauen aus Frankreich, Norwegen oder (seltener) Russland. Ich habe eine Deutsch-Norwegerin kennen gelernt, die ihr Leben lang darunter gelitten hat.

    Es gibt auch andere Probleme.
    Mit einem davon (mich selbst betreffend) setze ich mich in meiner Roman-Trilogie auseinander.
    Der Protagonist, Florian, 7. Kind der Familie, bemerkt Mutters seltsame ausweichende Antworten, wenn es um ein Gerücht von einem Geschwisterchen geht. Von einer älteren Schwester erfährt er, dass es vor ihm eine Totgeburt gegeben hatte.
    Er war also, schließt er daraus, in Wirklichkeit das 8. Kind der Familie. Und Vati, so hatte die Mutter erzählt, wollte immer so gerne 8 Kinder haben.
    Eines Tages entdeckt er in einem Schrank ein „Mutterkreuz in Silber“. Er erfährt, dass es das für das 6. Kind gab. In Bronze bekam man es für das 4. Kind. Das „Mutterkreuz in Gold“ war für das 8. Kind vorbehalten.
    Er kann jedoch kein „Mutterkreuz in Gold“ entecken.

    Von der Romanfigur zur Realität.
    Durch Zufall habe ich erfahren, dass meine Mutter – anders als die anderen Kinder – mich erst mit 2 ½ Jahren, nach dem Tod meines Vaters, katholisch taufen ließ. Sie holte nach, was mein Vater ihr verwehrt hatte.
    Auch ich habe durch Zufall ein Dokument entdeckt: den Taufschein. Darauf mein zweiter Vorname, von dem ich nie etwas erfahren hatte: Werner Adolf.
    Ich habe diesen zweiten Vornamen nie benutzt und bisher auch niemandem davon erzählt.

  9. Werner Engelmann sagt:

    Zur Ergänzung betr. „Kinder der Schande“:

    Die Namensproblematik ist natürlich bedeutsam als Teil der Identität und weil dadurch auch Ausgrenzung bewirkt werden kann.
    Tiefgehender aber ist die Verweigerung der Identität in Fällen wie die der „Kinder der Schande“. Picaper weist in seiner Untersuchung („Les enfants de la honte“) allein 200.000 Betroffene deutsch-französische Kinder nach.
    Von der kulturellen Ausgrenzung mal abgesehen, haben viele von ihnen 50 Jahre (teilweise lebenslang) ohne Kenntnis von der Existenz ihrer Halbgeschwister gelebt. Einige haben sich danach erst kennengelernt (so vor einigen Jahren in Berlin).

    Hier der Fall einer unserer Freundinnen. (Ihre Tochter wurde von meiner Frau als Grundschullehrerin als quasi Tutantin betreut, für deren Kinder sind wir – im Goetheschen Sinn – „Wahl-Papy und -Mamy“.)
    Die Tochter hat ihre Magisterarbeit zum Fall ihrer eigenen Mutter bzw. Großmutter geschrieben.
    Ihre Mutter, in Südfrankreich aufgewachsen, wurde oft wegen ihrer deutschfreundlichen Neigungen angefeindet. Im Zusammenhang ihrer Heirat mit einem Deutschen (der leider durch einen tragischen Unfall ums Leben kam) wurde offenbar, dass sie selbst einen deutschen Vater (Wehrmachtsangehörigen) hatte, was ihr Jahrzehnte lang verschwiegen worden war.
    Ein Beleg dafür, dass sich (z-T. unbewusst vorhandenes) Zugehörigkeitsgefühl sich selbst durch extreme Maßnahmen nicht unterdrücken lässt.

    Ein Beispiel, das auch für die Beurteilung der Identität von Migranten von Bedeutung ist. Gerade bei türkisch-stämmigen Migranten wird nach meinem Eindruck – von beiden Seiten – der Bezug zum Herkunftsland oft auf irrationale Weise übersteigert und politisch instrumentalisiert. Im Fall von Özil ist das völlig offensichtlich.
    Die von mir genannten Menschen haben mindestens in gleichem Maß (eher weit mehr) Diskriminierung erfahren. Mir ist aber kein Fall bekannt, nach dem dies zum Anlass genommen wurde, sich als „Rache“ einem Diktator in die Arme zu werfen. Eher ganz im Gegenteil.
    Genau hier hört mein Verständnis daher auch auf.

  10. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Persönlich fühle ich mich zwar nicht als Fall „Kinder der Schande“. Aber ohne Spuren ist es nicht geblieben. Meine norwegische Mutter zählte, nachdem sie sich mit meinem deutschen Soldatenvater eingelassen hatte, zu den „Tyskeflicka“, den allgemein verachteteten Deutschenmädchen. Ich hatte wohl eher die Rolle als „Kitt“ zwischen der norwegischen Familie und dem deutschen Besatzervater. Es herrschte demnach so eine gewisse Befriedung zwischen Norge und Tyskland. Jedenfalls zähle ich zu den rund 10 – 11.000 in Norwegen geborenen „Soldatenkindern“ – ohne das grausame Schicksal vieler ausgesetzter, von Vater oder Mutter verlassenen und vom Staat Norwegen
    sowie der norwegischen Bevölkerung feindselig behandelten Kriegskinder erfahren zu müssen.

    Zu meiner Namensgebung ahne ich, dass es einen Zusammenhang gibt zu einer früheren Liebschaft meiner Mütter mit einem deutschen Matrosen (so eine Fernstenliebe), der auch Jürgen hieß. So’ne Ahnung halt (aus alten Briefen gefunden).

    Genau so richtig kann es sein, dass mein Vater, der Georg hieß, der Geber meines Namens war.
    Georg, griech. georgós (Ackermann, Bauer), Jörg, Jürg, Jürgen …

    Irgendeine Botschaft wird es jedenfalls gegeben haben.
    Von der norwegischen Verwandschaft wurde ich eigentlich immer „Jörgen“ genannt und so geschrieben.
    Am Liebsten mag ich noch immer meinem Spitznamen „Maly“ als Gassen- und Fußballrufnamen. Aber das hängt davon ab, was wo seinen Ausgangspunkt hatte.

    ich sehe, dass es rund 200.000 Betroffene deutsch-französische Kinder gab.
    Eine ganze Ecke mehr als in Norwegen Geborene.

  11. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Da scheinen Sie ja noch – vergleichsweise – Glück gehabt zu haben. Die Frau, von der ich im Beitrag vom 7. August 2018, 22:44 (Kriegskinderkongress 2005) berichtet habe, hatte erkennbar mehr darunter gelitten. Als man ihr in der Diskussion das Angebot machte, man könne sie ja auch „Kind der Liebe“ nennen, nahm sie das dankbar und sichtbar gerührt an.

    Zum Begriff „Kinder der Schande“:
    Dieser spiegelt natürlich Bedingungen einer pervertierten und pervertierenden Zeit wider, die sich auch der Sprache und des Denkens völlig bemächtigte.
    Immerhin kann man den Menschen, die z.B. auch Ihre Mutter beschimpften, zu Gute halten, dass sie sich selbst (nicht ganz zu Unrecht) als Opfer fühlten und dafür solche Menschen verantwortlich machten, und so in diesem Teufelskreis neue Opfer schufen.

    Gleiches kann man von nationalistischen Fremdenfeinden heutzutage nicht sagen. Die diffamieren und grenzen nur aus einem diffusen Gefühl heraus aus und suchen in Projektionen ihrer Ängste Rechtfertigungen.
    Auch bezogen auf die neuen Opfer – also z.B. Ihre Mutter – sehe ich große Unterschiede zu (wirklichen oder vermeintlichen) Opfern von Diskriminierung, etwa unter Deutsch-Türken. Ich sehe hier nicht, wie heute, in Nationalismus gewandelte Wehleidigkeit, sondern eher stolzes Kämpfertum.
    Ihre Ausführungen bestätigen insofern den Eindruck, den ich aus einer ganzen Reihe von Begegnungen mit Menschen gewonnen habe, die mit solchen Problemen zu tun hatten.

    Es ist offenbar eine Frage der Fähigkeit, mit Erfahrungen eigenen Leids ohne Selbstmitleid, Hassgefühle oder nationalistische Überheblichkeit produktiv umgehen zu können.

  12. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Ja, Herr Engelmann, vergleichsweise habe ich Glück gehabt. Es ändert wenig an den Spuren dieser Vergangenheit in den Folgen der Generationen.
    Insofern haben Sie das richtig gesagt: „Es ist offenbar eine Frage der Fähigkeit, mit den Erfahrungen eigenen Leids ohne Selbstmitleid, Hassgefühle oder nationalistische Überheblichkeit produktiv umgehen zu können.“

    So geht es darum, sich nicht zu verlieren und eigene Schicksale zu akzeptieren, aber auch darum seine Haltung zu überprüfen und um seine Grundüberzeugung zu kämpfen.
    Das, was heute in der Flut von Empörungen und Diskriminierungen losgebrochen ist (Angst, Hass, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung von Außenseitern, Nationalismus, Rassismus, Selbstsucht u.v.a.m.), das wird uns die nächsten Jahre hier im Westen nicht mehr loslassen. Hier ist Widerstand angesagt. Lernbereitschaft, Neugierde und Interesse für den Anderen. Auch Auseinandersetzung auf Augenhöhe.

    Das hat zwar nicht direkt etwas mit dem Vornamen und Herkunft zu tun. Aber vielleicht doch ganz versteckt: Werner – Wachen, Wehren, Warnen ???
    Bei Ackermann, Bauer, Land suche ich noch die Zündung? Aber vielleicht muss es auch nicht so sein?

  13. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Zum Inhalt: volle Übereinstimmung.

    Zur Etymologie meines Namens:
    „Werner“ kommt von mittelhochdeutsch „Wern-her“; „der sich zu wehren weiß“. – Kein Grund, sich seines Namens zu schämen. Ich hoffe, dass da auch etwas an dem Spruch dran ist; „Nomen est omen.“

    Auch „Engelmann“ hat natürlich mit „Engel“ nichts zu tun:
    Mhd. „angli-man“; „Speerträger“. Mein Familienname verweist also auf Herkunft aus ritterlichen Kreisen.

    Ähnlich auch der Name für Luxemburg:
    Kommt von „Letzebuerg“ (wie heute im Luxemburgischen): mhd. „lützel Buerg“ – kleine Burg.
    Das mhd. „lützel“ ist im Deutschen verloren gegangen, im Englischen („little“) noch erhalten.

  14. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Wenn das kein Volltreffer ist: „der sich wehren weiß“!
    Dann noch aus ritterlichen Kreisen kommend und „Speerträger“ – Sie geben Ihrem Namen alle Ehre (etwas Pathos muss sein)!

    Derweil rätsele ich noch, was ich auf dem Acker mache? Ackern?

    Der Name „Malyssek“ kommt ja aus
    dem Tschechisch-polnischen. Ein Mann sagte mir einmal, es würde „der kleine Glatzköpfige“ bedeuten. Nicht sehr originell.

  15. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Danke für das Kompliment, wenn es mir auch deutlich übertrieben erscheint!

    „Ackermann“:
    Wenn es Ihnen weiterhilft:
    Bei Wikipedia (was anderes steht mir, da z.Zt. in Urlaub, nicht zur Verfügung) findet sich der Verweis auf „Hüfner“: „Der Name ist eine veraltete deutsche Bezeichnung für einen Hufner.“

    „Ein Hufner, auch Hüfner genannt, ist ein Bauer, der als Grundbesitz eine, mehrere oder einen Teil einer Hufe Land bewirtschaftet.
    Die Bezeichnungen für diese Angehörigen des Bauernstands sind regional unterschiedlich. Sie lauteten im niedersächsischen Sprachraum Hovener oder Hofener, im mitteldeutschen Gebiet vorwiegend Hufner oder Hüfner und im Oberdeutschen Huber. In manchen Gegenden existierten auch völlig abweichende Bezeichnungen, wie zum Beispiel Ackermann, Pferdner oder im Obersächsischen auch besessene Mann oder besessene Männer.
    Der Hufner war Vollmitglied der Gemeinde der Bauern, besaß Mitspracherecht in der Gemeinde und durfte die Allmende nutzen. In der dörflichen Sozialhierarchie standen die Hufner als Vollbauern und Besitzer eines Hofes mit Land von, regional unterschiedlich 30 bis 100 Morgen, vor den Gärtnern und Häuslern. Im Gegensatz zu diesen konnten sie im Dorf das Schöppenamt ausüben.“

  16. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Auch danke!

    Bisschen Übertreibung darf’s dann auch mal sein.

    An die Angehörigkeit zum Bauernstand und an die Sozialhierarchie des Hufners, muss ich mich erst einmal gewöhnen …

  17. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Ganz abgesehen davon, dass keiner etwas für seine Herkunft kann: Was wäre hier denn irgendwie beschämend?
    Ich lese eher – so es denn richtig ist – eine Berechtigung für einen gewissen Stolz auf Vorfahren heraus, die es geschafft haben, sich unter nicht einfachen feudalen Bedingungen Unabhängigkeit zu bewahren oder sich – zumindest teilweise – aus Abhängigkeit zu befreien.

  18. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Da ich familiengeschichtlich nicht über die Großelterngeneration hinaus gekommen bin, bin ich erst einmal über diese (mögliche) Angehörigkeit zum Bauernstand überrascht. Beschämt bin ich überhaupt nicht.
    Allenfalls würde mich der erweiterte Stammbaum interessieren.
    Ihren Gedanken von der Abhängigkeit und Unabhängigkeit greife ich gerne auf.

    Mir ist noch in den Sinn gekommen, dass mein Großvater mütterlicherseits und mein Onkel im Widerstand gegen die deutschen Besatzer organisiert waren.
    Der schlesische familiäre und der norwegische Hintergrund sind wohl ganz verschieden. Ist mir so in den Sinn gekommen. Hmm?

  19. Werner Engelmann sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    „Mir ist noch in den Sinn gekommen, dass mein Großvater mütterlicherseits und mein Onkel im Widerstand gegen die deutschen Besatzer organisiert waren.“

    Sehr ehrenhaft! Würde – sofern vorhanden – auch persönliche Vorbehalte erklären, wenn auch nicht vollends rechtfertigen.

    Mein Schwiegervater war als französischer Offizier (ohne Abitur, vom einfachen Soldaten aufgestiegen) stolz darauf, an der Spitze einer Abordnung ein Dorf im Elsass von den Deutschen befreit zu haben. Das hinderte ihn nicht daran, mich mit offenen Armen zu empfangen. Er wusste sehr wohl zwischen denen zu unterscheiden, die Befehle erteilen und denen, die nur den Kopf hinhalten.
    Auch bei eher geistig schlicht gestrickten Verwandten meiner Frau mit nicht unerheblichen antideutschen Ressentiments bin ich persönlich nie auf Vorbehalte gestoßen. Von mir gezielt darauf angesprochen, dass ich doch Deutscher bin, hörte ich als Antwort: „Aber du bist doch Werner!“

    Dass sich Ihr „schlesischer familiäre und der norwegische Hintergrund“ erheblich unterscheiden, halte ich für selbstverständlich und naturbedingt.
    Dafür einzutreten, dass dies nicht in gegenseitigen Hass umschlägt, halte ich gerade die Aufgabe von Menschen, die – wie wir – „zwischen den Kulturen“ stehen und zwischen diesen vermitteln. (Vgl. Heinrich Mann. „Zwischen den Rassen“ – seine Mutter war Deutsch-Brasilianerin.)
    Ob dies immer gelingt, dessen bin ich mir angesichts der nationalistischen Hetze nicht mehr ganz so sicher: Auch im ersten und zweiten Weltkrieg (u.a. auch in unserer weiteren Familie) gab es Mitglieder einer Familie, die gegeneinander an verschiedenen Fronten kämpften.

  20. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Wir kommen wohl etwas von den Namensgebungen weg, aber das, was hinter den Namen und Herkünften stecken mag, ist nun sehr interessant.

    „Wir, die wir zwischen den Kulturen stehen und zwischen diesen vermitteln, dass dies nicht in gegenseitigen Hass umschlägt, …“

    Ich kann die Erfahrung wiedergeben, dass ich von seiten der norwegischen Familie keine persönlichen Vorbehalte gespürt habe und wenn mich meine Sinne nicht trüben, eher Liebe und Zuwendung (als Kind und Jugendlicher).
    Das war zwischen meinen Eltern ganz anders – da herrschte eher ein verzweifelter „Kriegszustand“, während sie zu Kriegs- und Besatzungszeiten wohl wirklich verbunden waren. Eine merkwürdige Konstellation, ein merkwürdiger Wandel!

    Meine Mutter konnte übrigens die Schwester meines Vaters, die in den 1950er Jahren von Polen/Oberschlesien in den Westen ausreisen durfte (mit dem kranken und bereits bettlägerischen Vater!!)überhaupt nicht leiden. Vorbehalte ohnegleichen, sodass es schließlich ohne Frieden auseinander ging.

    Ich will das nicht weiter vertiefen, um den Rahmen hier nicht zu sprengen. Aber, und da sehe ich gewisse Parallelen zu Ihren Erfahrungen, – Feindseligkeiten bin ich persönlich nicht von „Feindes-/Freundesland“ (Rut Brandt-Erinnerungen) begegnet.

    Das hat es mir wohl möglich gemacht, „zwischen den Kulturen zu stehen und zu vermitteln“.
    Ich habe nie einen Sinn gesehen für Hass und Zwietracht zwischen den Menschen der (ehem.)Kriegsländer.

    Und das, was Sie unten ansprechen, es gelingen mag, die neu aufgekommene nationalistische Hetze (und die Fremdenfeindlichkeit)zu entschärfen und zu stoppen, das glaube ich vorerst nicht. Da ist wenig Reflexionsvermögen und sind zu viel Ressentiments. Und das aus allen möglichen Zusammenhängen, die mit der augenblicklichen Lage (etwa der Flüchtlinge, Migranten) nichts zu tun haben.
    Und so, wie heute Politik verkauft und betrieben wird, wird das auch nichts mehr. Die Politiker mit den Erfahrungen aus der Kriegs- und der Nachkriegszeit, die wussten das noch (zumindestens so viele, dass eine anständige Verfassung zustande kam).
    Heute ist das alles zugeschüttet mit dem ganzen „Schöner leben“, „Schöner wohnen“ oder dem großen Blendwerk von Erfolg, Selbstverwirklichung, Reichtum und Besitz. Dazu die ständige Beherrschung der Angst vor Verlust und Mißerfolg.

    Ich danke Ihnen für Ihre Hintergrunds-Erfahrungen aus Ihrer Familiengeschichte!

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