Es war einmal eine Losung, die hieß: Nie wieder!

„Rückführung“, „Ankerzentrum“, „Ausschiffungsplattform“, „Fiktion der Nichteinreise“ – das Jahr 2018 könnte eines werden, in dem wir nicht ein Unwort des Jahres erleben, sondern gleich mehrere. Begriffe wie diese sollen „Politik hinter Kürzeln und Floskeln so wirksam verstecken, dass wir beim Sprechen vergessen, worüber wir eigentlich reden“, schreibt FR-Kommentator Stephan Hebel in seinem Text „Worüber reden wir da eigentlich?„. Er fährt fort:

„Wenn es gelingt, in der öffentlichen Debatte den Abwehr-Diskurs durchzusetzen, schafft das den Boden für den nächsten Akt der Inhumanität. Wenn es als normal, ja als notwendig und naturgesetzlich gilt, möglichst viele Geflüchtete von unseren Grenzen fernzuhalten, werden sich weitere Verschärfungen auch leichter durchsetzen lassen.“

Eine vertiefende Analyse von ihm erschien in derselben FR-Ausgabe: „Wie Politiker ihre wahren Ziele verschleiern„.

RechtsruckIn der Politik scheinen derzeit eine Menge kreativer Köpfe damit beschäftigt zu sein, Begriffe zu finden, um die Härte der Flüchtlingspolitik zu verschleiern. Das Pendel schwingt zurück. Haben wir im Jahr 2015 in Deutschland eine Willkommenskultur erlebt und genossen, die viele von uns überrascht hat – überrascht über das Ausmaß der Hilfsbereitschaft, der Empathie, die den Geflüchteten entgegengebracht wurde –, so erleben wir jetzt die Konterrevolution der konservativen Kräfte in diesem Land, die auf das Gegenteil einzuschwören versuchen. Dieser Kampf um die Begrifflichkeiten entscheidet mit darüber, was für ein Land Deutschland in fünf oder zehn Jahren sein wird.

Wie halten wir es mit unseren eigenen Werten? Was bedeutet uns Humanität? Was bedeutet auch Erinnerung? Meine Großeltern sind vor der Roten Armee aus dem heutigen Polen ins heutige Schleswig-Holstein geflohen. Wenn ihre Situation mit der jener Flüchtlinge, die Deutschland 2015 erreicht haben, auch nicht hundertprozentig vergleichbar ist – sie sprachen deutsch, entstammten demselben Kulturkreis wie die Ankunftsgesellschaft –, so waren sie doch Kriegsflüchtlinge. (Es sei bei dieser Gelegenheit an das FR-Projekt „Ankunft nach Flucht“ erinnert; viele Zeitzeugenberichte sind hier im FR-Blog dokumentiert.) Viele Deutsche haben Flüchtlingsschicksale in ihrer Familie und erinnern sich daran. Flucht gehört zur deutschen Geschichte und damit zur deutschen Identität. Vielleicht ist das der Grund dafür, warum das Ausmaß der Hilfsbereitschaft 2015 so groß war?

Vielleicht sollte man jene Politiker, die heute großsprecherisch von „Asyltourismus“ schwadronieren, einfach mal in ein Gebäude in Homs oder Darra setzen, das dann bombardiert wird? Wie schnell wären die wohl auf der Flucht – falls sie das Bombardement überleben? Zynischer Vorschlag, klar. Mit Sprache kann man lügen. Bomben hingegen lügen nicht, sondern schaffen Tatsachen.

Natürlich sind nicht alle Geflüchteten, die bei uns ankommen, solche Kriegsflüchtlinge. Es sind auch Menschen darunter, die sich einfach ein besseres Leben versprechen und die sich für diese Verheißung in ein lebensgefährliches Schlauchboot setzen, um das Mittelmeer zu überqueren. Diese Menschen haben keinen Anspruch auf Asyl bei uns, denn der ist politisch Verfolgten vorbehalten, aber auch sie haben einen Anspruch darauf, als Menschen würdig und nach unseren Gesetzen behandelt zu werden. Darum sollten wir nicht vergessen, dass es bei all diesen vernebelnden Sprachschablonen rund um den „Asyltourismus“ immer um Menschen geht. Die eine sucht hier Schutz vor Bomben oder Vergewaltigung, der andere hat einen Traum von einem besseren Leben, der dritte flieht aus politischen oder religiösen Gründen oder wegen seiner sexuellen Orientierung. Die Motive sind so vielfältig, wie es diese Menschen sind. Jeder einzelne von ihnen hat ein Recht darauf, als Mensch gesehen zu werden. Deswegen ist es egal, wie man die Mechanismen, Hebel, Zentren und was weiß ich alles nennt: Am Ende geht es immer um Menschen. Das dürfen wir nie vergessen, selbst dann nicht, wenn diese Menschen straffällig werden sollten.

Mein Vorschlag: Vielleicht wäre es angebracht, dieselbe Kreativität, die momentan für die sprachliche Verschleierung aufgewendet wird, dafür einzusetzen, über Maßnahmen nachzudenken, die Fluchtursachen beseitigen?

Balken 4

Leserbriefe

Johannes Krämer aus Frankfurt:

„Und wieder muss man an den überaus hellsichtigen, genialen Propheten George Orwell erinnern, der in seinem weltberühmten Roman „1984“ luzid wie kein anderer (den von Herrn Hebel angeführten Victor Klemperer natürlich ausgenommen) die Manipulation der Sprache aus politischer Zweckmäßigkeit und unbedingtem Machtwillen der Herrschenden vorgeführt hat.
Auch Herr Hebel reiht sich jetzt mit seiner trefflichen und unbedingt notwendigen Analyse des massiven Sprachmissbrauchs und der Perversion der Begrifflichkeiten seitens unserer Regierenden in die Reihe der Kulturkritiker ein, von denen es, wenn man in die Medien schaut, leider nur sehr wenige gibt, insbesondere, was die Radikalität der Sprachkritik betrifft, denn Abwiegeln geht vielen leicht von den Lippen, da ähnelt häufig der Feuilletonist dem Machthabenden.
Ich schlage daher vor, Ihre beiden Analysen an Schulen wenigstens in Frankfurt und Umkreis zu verbreiten (möglichst auch an Schulen in ganz Deutschland und besonders in Bayern), damit eine deutliche und klare Aufklärung über sprachliche Schandtaten dort stattfinden kann, wo die Ausbildung zu verantwortungsvollem politischen Denken stattfindet oder zumindest stattfinden soll.
Da heutzutage die Verbreitung von Botschaften über „Soziale Medien“ stattfindet, jedenfalls bei Jugendlichen, müssten Ihre beiden Beiträge auf maßgeblichen Foren  einstellen. **
Gleichzeitig rege ich allgemein an, wieder mal (oder zum ersten Mal) „1984“ zu lesen: Was uns die Zukunft bringen kann, wenn wir nicht stets alert und wach sind, steht dort geschrieben und die gegenwärtig in rasanter Entwicklung befindliche KI (Künstliche Intelligenz) bietet da noch Manipulationsmöglichkeiten, von denen nicht einmal ein George Orwell eine Ahnung hatte.“

Hans-Peter Werner aus Geisenheim:

„Einer der gefährlichsten Männer in der NS-Zeit dürfte Josef Goebbels gewesen sein, der mit seinen Reden „die Massen“ zu begeistern wusste und die Sprache benutzte, um ein Umempfinden in der Bevölkerung zu erreichen. Ähnliches soll heute das Gerede von manchen Leuten wie Gauland, Dobrindt, Seehofer, Söder, Spahn, Höcke bewirken, und sie haben auch das Talent dazu. Talent, aber keine Erinnerung, keine Reflektion, kein Wissen und kein Gewissen.
Wenn heute etwas ein Ankerzentrum genannt wird, mit Stacheldraht, Überwachungsanlagen usw. darum herum, habe ich den Eindruck, dass diese Leute Worte wie Internierungslager oder Konzentrationslager vermeiden wollen, aber genau das tatsächlich im Sinn haben. Man sage mir nicht, dass ich dadurch die Taten des NS-Regimes verniedliche. Umgekehrt wird ein Schuh daraus – eben durch die Umschreibung mit solchen technokratischen Begriffen wird das „1000-jährige“ Regime wieder salonfähig gemacht.“

Roland Niedner aus Potsdam:

„Die Analyse von Stephan Hebel zeigt eindrucksvoll, auf welchen verhängnisvollen Weg sich unsere in Verantwortung stehenden Politiker begeben haben. Die Transit- oder Ankerzentren sind Zentren, in denen Flüchtlinge zentriert, konzentriert, in Lagern festgehalten werden, die sie nicht verlassen dürfen, bis über ihr weiteres Schicksal behördlicherseits entschieden ist, es sind also Konzentrationslager, die mit einem gewollt unverfänglichen Namen versehen werden. Schande über die Verantwortlichen. Ich fremdschäme mich unendlich.“

Ulrike Kretzschmar aus Dietzenbach:

„Deutschland hat schon einmal unerwünschte Personen wegorganisiert. Heute machen es die Enkel schon wieder. Wie können wir denen das Handwerk legen? Sie überschütten uns mit Pseudo-Debatten und geheuchelter Anteilnahme für Nazi Opfer. Nun wollen sie schon wieder Menschen in Lager stecken. Es ist ein Jammer, wie die deutsche Sprache herhalten muss, um die geplanten Maßnahmen zu umschreiben. Auch das gab es schon einmal.
Bitte schreibt dagegen an und rüttelt auf. Es gab einmal eine Losung, die hieß: Nie wieder!“

Heinz-A. Hetschold aus Witten:

„‚Völker hört die Signale‘, das wurde und wird als politische Botschaft der “ Internationale“ verstanden, und hat die Welt verändert, ob heute noch? Und in Bayern? Der Söder Markus, Zitat: „Wir haben ein Signal gesetzt für die Sicherheit in Europa“. Schon genug gesagt? Signalisiert? Freie Fahrt für die Bayernlok-O-Motive? Immer schön den Gleisen lang? Damit offenbart der Söder Markus seine heimliche Eisenbahnerseele als Stationsvorsteher und seine tiefere Seelenverwandtschaft mit dem Seehofer Horst: Der hat den ganzen Keller voll mit einer riesigen Modelleisenbahn, dort kann er es pfeifen und krachen lassen, für Oben fehlen ihm wohl Mut und Klarheit. Mahlzeit, sorry: Wahlzeit is…“

66 Kommentare

  1. Peter Boettel sagt:

    Wenn ich heute morgen die Lobhudelei dieses Koalitionskompromisses höre, muss man sich ernsthaft fragen, wer sich nun wirklich durchgesetzt hat.

    Die SPD preist den Beschluss als ihren Erfolg und Seehofer als seinen Erfolg.

    Nach dessen Lektüre komme ich nun schließlich zu dem Ergebnis, dass sich mal wieder die kleinste Regierungspartei durchgesetzt hat, da es selbstverständlich Ankerzentren geben wird.

    Und Länder wie Griechenland, das genügend – insbesondere durch die Bundesregierung verursacht – eigene Probleme hat, ist mal wieder der Dumme, weil es die Rückführungen aufnehmen muss. Reichen die Schandtaten des 2. Weltkrieges und der finanziellen Demütigungen immer noch nicht aus?

    Es ist ein glatter Hohn seitens Nahles und Scholz, dieses Papier den Mitgliedern als Erfolg zu verkaufen. Aber man glaubt wohl parteiübergreifend, mit diesen Maßnahmen der AfD den Boden zu entziehen, wobei man diese in Wirklichkeit damit aufwertet und unterstützt.

  2. Brigitte Ernst sagt:

    Vor lauter Empörung über die verschleiernde Sprache, die ohne Frage von unseren Regierungsvertretern verwendet wird zur Beschönigung von konsequenten Maßnahmen zur Ordnung des Asylchaos, merken einige Kommentatoren, Stephan Hebel eingeschlossen, gar nicht, wie sie selbst ihre Leser mit sprachlicher Verschleierung und Falschbehauptungen zu manipulieren versuchen.
    Das beginnt schon damit, dass alle Zugewanderten pauschal als Flüchtlinge oder, politisch korrekter, als Geflüchtete bezeichnet werden, obwohl, wie es Bronski richtig darstellt, hinter ihrer Migration die unterschiedlichsten Gründe stecken, von tatsächlicher Lebensbedrohung und Verfolgung über Armut, den Traum von günstigeren Arbeitsbedingungen sowie einem besseren Leben bis hin zur Absicht, von unseren Sozialsystemen zu profitieren oder gar hier Verbrechen zu begehen.
    Hinter dieser sprachlichen Ungenauigkeit (bei Grünen und Linken besonders beliebt) steckt die Absicht, mehr Mitleid mit den Ankömmlingen zu wecken. Zu Anfang wirkte das bisweilen wie eine Glorifizierung aller „Geflüchteten“, die, weil arm und verfolgt, per se gute Menschen sein mussten.
    Leider hat eine solche Beschönigung aber den gegenteiligen Effekt, nämlich eine wachsende Abwehr vor allem gegen diejenigen, bei denen eigentlich vor vornherein klar ist, dass sie nicht unter das Asylrecht fallen.

    Doch nicht nur mit verschleiernder Sprache, sondern mit bewussten oder gern geglaubten Falschdarstellungen wird gearbeitet. Zwei der von Bronski veröffentlichten Leserbriefe behaupten, in den geplanten Ankerzentren würden die Bewohner eingesperrt, was nicht den Tatsachen entspricht. Ich weise auf das am 07.06.18 im Deutschlandfunk veröffentlichte Interview mit dem bayerischen Innenminister Hermann hin, der betont, dass die Bewohner dieser Ankerzentren dort Residenzpflicht haben, solange ihr Verfahren läuft, dass sie sich aber selbstverständlich nach draußen begeben dürfen. Anders wäre das rechtlich auch gar nicht zulässig. Soweit ich weiß, gilt das genauso für Asylbewerber, die bisher innerhalb eines Ortes auf unterschiedlche Wohnheime verteilt waren oder sind. Der Zweck dieser Bestimmung sei, so Hermann, dass die Betroffenen im Interesse eines bechleunigten Asylverfahrens näher an den in den Zentren konzentrierten Behörden wohnen und, das darf natürlich auch nicht verschwiegen werden, besser greifbar sind, wenn sie im Falle der Ablehnung ihres Gesuchs abgeschoben werden sollen.

    Wenn man sich also mit Recht gegen beschönigende und verschleiernde Sprache wendet, sollte man mMn darauf achten, selbst nicht mit Verfälschungen und Unwahrheiten zu operieren.

  3. Ralf Rath sagt:

    In der Anrede an seine Zuhörer bei Eröffnung seiner Vorlesungen in Berlin am 22. Oktober 1818 war für Hegel noch völlig unstrittig, dass „alles was das menschliche Leben zusammenhält, was Werth hat und gilt, … geistiger Natur (ist)“ (in: Werke, Sechster Band, Berlin, 1840, S. XL). Um das Leben unerträglich schwer anstatt notwendig immer leichter zu machen, bedarf es insofern lediglich Praktiken Dritter, die darauf gerichtet sind, den an sich unverzichtbaren Geist auszurotten. Nichts anderes geschieht gegenwärtig, wenn Begriffe „umgefälscht“ werden, um es in den Worten von Habermas zu sagen. Fragt man sich angesichts dessen, was für ein Land Deutschland in fünf oder zehn Jahren sein wird, liegt die Antwort auf der Hand. Spitzenforschung wird es bestenfalls um den Preis des raschen Ablebens hochqualifizierter Wissenschaftler geben. Nennenswerte Erkenntnisgewinne auf gesellschaftlich zentralen Gebieten sind dadurch nahezu ausgeschlossen. Nicht zuletzt eine tragfähige Lösung der Flüchtlingsfrage rückt in unerreichbare Ferne. Vor allem aber breitet sich unter der hiesigen Bevölkerung ein Handeln aus, das blinder nicht sein könnte. Worin sich die Migranten hier integrieren sollen, ist dann völlig beliebig.

  4. Bronski sagt:

    @ Brigitte Ernst, 6.7., 17.02

    Ja, sprachliche Sorgfalt ist wichtig. Die Leserbriefautoren möchte ich aber ausdrücklich in Schutz nehmen. Leserbriefe sind keine nachrichtlichen Texte, sie können auch schon mal ein paar Tage alt sein und reflektieren dann eben den Stand der Dinge, der zu diesem Zeitpunkt galt. Es gab im Hin und Her um die „Transitzentren“ durchaus Stimmen von konservativer Seite, die bestätigt haben, dass zumindest einige Konservative sich diese Zentren als geschlossene Einrichtungen vorgestellt haben. Die Leserbriefe haben daher ihre volle Berechtigung als dokumentierte Meinung.

    Für Stephan Hebel kann ich hier nicht sprechen. Ich bin allerdings befremdet von Ihrem Vorwurf, die sprachliche Zusammenfassung unter dem Sammelbegriff „Flüchtlinge“ oder „Geflüchtete“ solle „mehr Mitleid mit den Ankömmlingen“ wecken. „Mehr Mitleid“ als Mitleid geht wohl kaum, oder? Mir geht es genau anders herum: Je häufiger ich Begriffe wie Flüchtlinge oder Geflüchtete höre, desto weniger sehe ich einzelne Menschen. Ich halte es aber für dringend geboten, sich jederzeit zu vergegenwärtigen, dass jedes einzelne Schicksal, ob nun Flüchtling oder Geflüchteter, ein Menschenschicksal ist. Das sind keineswegs zwangsläufig alles „gute“ Menschen. Es sind aber bedürftige Menschen. Ich denke, das sehen Sie im Grunde genauso.

    Das gilt auch für jene Migranten, gegen die Sie sich am heftigsten wenden: die, die von ihren Familien in Afrika mit genug Geld ausgestattet werden, um es nach Europa zu schaffen. Sie scheinen dieses Motiv für ein niederes Motiv zu halten. Doch jeder Mensch hat das Recht zu versuchen, sein Leben zu verbessern. Deswegen ist der Versuch, die kräftigsten und durchsetzungsfähigsten jungen Männer nach Europa zu schicken, kein Verbrechen und nicht einmal moralisch verwerflich. Es muss allerdings klar sein, dass solche Migranten kein Asyl in Europa bekommen werden. Letztlich ist das Geld, das in ihre Reise investiert wird, also verschleudertes Geld und sollte besser in andere Projekte gesteckt werden (wenn es denn welche gibt), zumal diese Familien arm sind. Darin liegt eine große Tragik, und wenn wir davon reden, dass die Fluchtursachen bekämpft werden müssen, dann gehört dazu auch, dass solche Menschen vor Ort in ihren Ländern darüber informiert werden, dass ihr Vorhaben letztlich sinnlos und das Geld verschleudert ist, d.h. da ist Aufklärungsarbeit nötig. Am besten zusammen mit nachhaltiger Wirtschaftsförderung, einer angepassten Handelspolitik und einer Bildungsoffensive, um das Bevölkerungswachstum wenigstens mittelfristig in den Griff zu bekommen. Jedenfalls sollten wir nicht kritisieren, dass sich auch solche Menschen auf den Weg zu uns machen, solange die EU, also wir, eine Politik im Umgang mit diesen Ländern fährt, die dort eine nachhaltige Entwicklung behindert. Und keinesfalls kann geduldet werden, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil Europa aus Abschreckungs- und Abschottungsgründen keine Seenotrettung mehr leistet.

    Ein schönes Wochenende Ihnen allen!

  5. Werner Engelmann sagt:

    Euphemismen in der Politik mit dem Ziel der Verschleierung gab es schon immer. Man denke an die berüchtigten „Entsorgungsparks“ für die Ablagerung von atomarem Müll.
    Im „Wörterbuch des Unmenschen“ haben Sternberger/Storz/Süskind Ähnliches in der Nazispache nachgewiesen, etwa „Sonderbehandlung“ für Deportation ins KZ oder „Endlösung der Judenfrage“ für Vernichtung. Von Relevanz waren dabei auch gezielte Erniedrigung von Menschengruppen durch Tiermetaphern, etwa „Parasiten“ für Juden.
    Die AfD versucht, nazistische Begriffe wieder hoffähig zu machen, um Ideologeme dieser Zeit zu transportieren, etwa mit dem Begriff des „Völkischen“, der einen rassistischen Volksbegriff enthält.

    Das Besondere an der Sprache heutiger Nationalisten und Antieuropäer bez. der Flüchtlingsproblematik ist, dass direkte Diffamation (etwa „Kameltreiber“ durch Poggenburg) nur in Ausnahmefällen erfolgt. Effizienter erscheint die indirekte Diffamation. Diese versucht, durch bewusst falsche Bezüge und Assoziationen, die Glaubwürdigkeit von Flüchtlingen und Helfern zu untergraben, Empathie um jeden Preis zu verhindern. So durch die Unterstellung eines „Asyltourismus“ oder einer „Abschiebeverhinderungsindustrie“. Auch die Begriffe „Transitzentren“ und „Ankerzentren“ versuchen, diese falschen Assoziationen zu untermauern.
    Dass insbesondere die CSU sich mit dieser Form der Diffamation hervortut, lässt ihr Vorgehen keineswegs moderater oder akzeptabler erscheinen als die Sprachregelung in Kreisen der AfD. Im Gegenteil: Sie sind in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit, die schon die Wahrnehmung der Erfahrungswelt von Flüchtlingen unmöglich macht, eher noch perfider.
    In ihrer unverblümten Brutalität fast hilflos erscheinen demgegenüber die Reflexionen einer Frau v. Storch über „Schusswaffengebrauch“ an der Grenze oder der Spruch von Alexander Gauland: „Wir dürfen uns von Kinderaugen nicht erpressen lassen.“ Denn hier erscheint zumindest noch der Konflikt mit einer gezielt unterdrückten Menschlichkeit.

    In der Terminologie der Söders und Dobrindts ist selbst die Existenz der brutalen Realität in Kriegsgebieten und Entwicklungsländern begrifflich wegdefiniert. Sie sind offenbar die gefährlicheren Demagogen.

  6. Brigitte Ernst sagt:

    @ Bonski

    Sie haben sicher recht, wenn Sie den Leserbriefschreibern keine Verfälschungsabsicht unterstellen. Jedem/jeder von uns passiert es, dass er/sie, ohne wirklich Genaueres zu wissen, jemandem, den er/sie ablehnt, böse Absichten zutraut. Für FR-Leser, also eher Linksliberale, sind das Seehofer und natürlich die AfD, für Welt- und Focusleser sind es die „grünversifften Linken“. Dennoch sollte man vielleicht erst einmal den genauen Sachverhalt prüfen, bevor man im Netz böse Gerüchte verbreitet.

    Dass es sich bei den Zugewanderten zumeist um bedürftige Menschen handelt, vermute ich auch, zum Teil leider auch um von ihren Familien getriebene oder von unserer glitzernden Konsumwelt irregeleitete Menschen.

    Was die von ihren Familien zu uns geschicktem jungen Männer anbetrifft, so muss ich meine Haltung näher erklären. Der Wunsch nach einem besseren Leben ist per se nicht verwerflich. Mein eigener Sohn hat sich in den USA niedergelassen, weil er dort bessere Arbeitsmöglichkeiten als in Deutschland gefunden hat.
    Was mir Probleme bereitet – wohl, weil ich einer anderen Kultur angehöre – ist, dass diesen jungen Leuten die Last und Verantwortung für einen ganzen Familienclan aufgebürdet wird, dass ihnen Strapazen, sogar Todesgefahren zugemutet werden, damit sie eine Familie, die genauso gut in Gemeinschaftsarbiet überleben könnte, allein erhalten. Das widerspricht meiner westlichen Vorstellung von elterlicher Verantwortung total.

    Was die Tragik, die in dieser Verschwendung von Kraft, Lebenszeit und Geld steckt, und die Verpflichtung zur präventiven Aufklärung anbetrifft, bin ich völlig Ihrer Meinung.
    Deshalb würde ich diejenigen, die ständig das Wort Solidarität im Munde führen und glauben, diese bestünde vor allem in der Unterstützung von möglichst viel Zuwanderung, gerne daran erinnern, was es für diese jungen Menschen bedeutet, allein in eine fremde Kultur geworfen zu werden: Entwurzelung und Isolation, die Erfahrung von Scheitern und Ausweglosigkeit.

    Ich möchte das am Beispiel einer jungen Iranerin erläutern, deren Bekanntschaft eine Freundin von mir kürzlich machte.
    Die junge Frau ist 20 Jahre alt und erzählt, sie sei vor zwei Jahren zu Fuß aus ihrer Heimat nach Deutschland gekommen. Als Fluchtmotiv gibt sie an, sie habe sich als Frau in ihrer Freiheit eingeschränkt gefühlt, sie wolle selbst bestimmen, welche Kleidung sie trage, und ihr Leben in Freiheit genießen. Ganz stolz zeigte sie meiner Freundin eine modische Uhr, die sie von dem Geld, das sie nebenher mit Aushilfarbeiten verdiente, erstanden hatte.

    Kurz nach ihrer Ankunft geriet sie an eine mormonische Glaubensgemeinschaft, die ihr wohl eine größere Chance für die Anerkennung ihres Asylbgehrens in Aussicht stellte, wenn sie zu deren Glauben übertrete. Also wurde sie Chrisin, weniger aus religiöser Überzeugung, eher aus praktischen Gründen.
    Dennoch wurde ihr Asylgesuch abgelehnt, aber ihr wurde der Status der Duldung zuerkannt.
    Nun besitzt sie eine Arbeitserlaubnis, aber sie weiß nicht, welchen Beruf sie ergreifen soll und wie sie eine Stelle finden kann. Zwar besucht sie einen Deutschkurs und macht auch gute Forschritte, aber niemand unterstützt sie bei ihrer Arbeitssuche. Ob sie noch Kontakt zu den Mormonen hat, ist nicht klar, jedenfalls ist keine Rede davon, dass diese sie irgenswie unterstützen.
    Sie bewohnt ein Zimmer in einem (staats)kirchlichen Wohnheim und fühlt sich mittlerweile völlig vereinsamt. Die Deutschen – die sie ja immerhin aufgenommen haben und ernähren – hält sie für kalt, weil sie mit ihnen nicht so leicht Kontakt findet, wie sie es von zu Hause gewohnt ist.
    In ihrer Einsamkeit hat sie sich nun mit einem jungen Afghanen zusammengetan, den sie heiraten will, nicht aus Liebe, sondern weil beide sich in ihrer Einsamkeit und Entwurzelung aneinander festhalten wollen.
    Als Alternative erwägt sie auch die Rückkehr in ihre Heimat, was ihre Mutter, die ihr übelnimmt, dass sie gegen ihren Willen fortgelaufen ist, befürworten würde.

    Eine zuiefst tragische Geschichte. Eine junge Frau, kaum den Kinderschuhen entwachsen, folgt naiv und unüberlegt einer Illusion von Freiheit und unbeschwertem Leben mit ein bisschen modischem Schnickschnack, um am Ende womöglich mit zwanzig in die Ehe mit einem Mann zu stolpern, dessen Einstellung zu den Frauenrechten sie gar nicht kennt.

    Ein solches Schicksal zeigt, welche Probleme diese angebliche Solidarität, die als Verführung zum Unglück wirken kann, für die Betroffenen manchmal mit sich bringt.

  7. Brigitte Ernst sagt:

    Nachdem ich mir Stephan Hebels Artikel noch einmal zu Gemüte geführt habe, wird mir immer bewusster, wie stark er dramatisiert und wie unredlich er argumentiert.

    Bei Wörtern wie „Transit“ oder „Ankerzentrum“ von „Wortverbechen“ zu reden und sie auf ein Stufe mit der Nazisprache zu stellen, bedeutet eine Verharmlosung der Vorgänge in Hitlerdeutschland.

    Transitbereiche gibt es auf dem Frankfurter Flughafen schon immer. Sie wurden als Orte außerhalb der Zollschranken geschaffen, um den dort umsteigenden Fluggästen die Einreisevisa zu ersparen. Wenn früher dort kurzzeitig Reisende festgehalten wurden, weil bei gewünschter Einreise ihr Visastatus überprüft wurde, regte sich keiner auf, aber wenn ein solches Wort von unserer Regierung in den Mund genommen wird, gibt es gleich helle Empörung.
    Es wird von rigider Flüchtlingsabwehr gefaselt, obwohl es sich bei den Betroffenen um maximal fünf Leutchen pro Tag handelt, die nicht etwa nach Libyen verschleppt werden sollen, sondern lediglich nach Italien (seltener nach Griechenland) gebracht werden, wo sie bereits ein Asylverfahren laufen haben. Was daran so unmenschlich sein soll, erschließt sich mir nicht. Sonst wird immer über die Bürokratisierung in der EU geklagt, wenn jetzt angesichts der Überlastung der Asylentscheider jährlich ca. 1000 (unnötige, weil doppelte) Asylverfahren eingespart werden können, gibt es gleich ein Riesengeschrei.

    Die Worte „Flüchtlingsabwehr“ und „Abschottung“ suggerieren, dass alle, tatsächlich Asylberechtigte und Menschen, die nicht in diese Kategorie fallen, aus Europa bzw. Deutschand ferngehalten werden sollten, was falsch ist. Keiner, nicht einmal die AfD, spricht sich gegen die Anwendung unseres Asylrechts aus.

    Wer grundsätzlich gegen jegliche Abschiebungen ist, muss das offen sagen und sollte sich nicht mit Stellvertreterkämpfen aufhalten. Dann muss es heißen: Alle, die wollen, dürfen rein, möglichst auf sicherem Weg mit dem Flugzeug oder dem Schiff, das Bamf ist nur noch für die Registrierung zuständig und keiner wird abgeschoben. Aber merkwürdigerweise traut sich keiner, das so offen zu fordern, man vesteckt sich lieber hinter dem Gemäkel an Einzelmaßnahmen. Warum ist man da so inkonsequent? Wenn man es mit der Humanität wirklich ernst nimmt, dann muss sie doch zuerst bei der Vermeidung der Toten auf den Migrationsrouten ansetzen.

    Auch mit dem Begriff „Ankerzentrum“ und dessen inhaltlicher Bedeutung wird verfälschend umgegangen. Ein Anker ist ein Gerät, das ein Schiff vor dem Abdriften bewahren soll, das passt zu der Absicht, die Asylentscheide zentral zu erledigen.
    Zum reißerischen Foto mit den hinter einem Zaun eingesperrten Migranten, das die Tatsachen verfälscht, brauche ich nichts mehr zu sagen.

    Nachdem jahrelang darüber gejammert wurde, dass die Asylbewerber so unmenschlich lange auf ihre Bescheide warten müssten, heißt es nun, es gehe nur um eine schnellere Abschiebung. Den Vorteil, dass bestätigte Asylberechtigte schneller Rechtssicherheit haben, schneller ihre Familien nachholen und arbeiten können, wird bei allem Protestgeschrei übersehen.
    Und den Vorteil, dass auch ein Jobcenter mit entsprechenden Dolmetschern an das Zentrum angeschlossen ist, hätte sich die von mir erwähnte Iranerin auf Arbeitssuche sicher gerne zunutze gemacht.

    Der einzige Nachteil eines solchen Zentrums kann in dessen Größe liegen. Es darf nur eine verträgliche Anzahl von Bewohnern haben, die angemessen voneinander getennt in kleineren Wohneinheiten untergebracht werden sollten.
    Den Vergeich mit Tierhaltung bringt übrigens Stephan Hebel ins Gespräch, keiner der als euphemistisch kritisierten Begriffe gibt dazu Anlass.

  8. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Auch wenn ich nicht auf alle Ihre Punkte eingehen kann, so widerspreche ich Ihnen in vielem, was Sie zu Verfälschungen, Gerüchten und insbesondere an Dramatisierungsvorwürfen gegenüber Stephan Hebels Kommentar/Analyse vorbringen.
    Ich habe nichts dagegen, dass die größtmögliche Vernunft, die Fluchtsuchenden antreiben sollten, nach Europa zu kommen. Aber ich glaube, da sitzen wir jetzt auf einem verdammt elitären Ross, das beurteilen zu können, was alles zusammen kommen muss, dass so eine Migrationsbewegung entstanden ist, dass ganze Familien zusammen und getrennt, diese Strapazen und Risiken auf sich nehmen.

    „… zum Teil leider auch um von ihren Familien getriebenen oder von unserer glitzernden Konsumwelt irregeleiteteten Menschen.“

    Das finde ich überheblich und auch noch von „irregeleiteten Menschen zu sprechen“, stößt bei mir besonders bitter auf.

    Die Situation Ihres Sohnes mit der Niederlassung in den USA (Motiv: bessere Arbeitsmöglichkeiten) und die der von uns besprochenen Flüchtlingsgruppen, das ist doch überhaupt nicht vergleichbar!

    Dann: „meine westlichen Vorstellungen von elterlicher Verantwortung“. Unsere westlichen Vorstellungen von elterlicher Verantwortung, die möchte ich gerne mal auf den Prüfstand gestellt haben. Da bin ich mir sicher, dass wir, was Familienbilder und was die Substanz von Verantwortung angehen, eher viel an Glanz, Vorbild und Bedeutung verlieren würden.

    Auch Ihr Gebrauch von Solidarität läuft auf eine naive Sichtweise derjenigen, die dieses Wort „im Munde führen“.
    Das Schicksal einer jungen Iranerin kann ich nicht bagatellisieren. Aber ich werde immer Beispiele haben, die genau meine Beweisführung legitimieren, wenn ich’s drauf anlege, die Flüchtlingsbewegung in Schubladen zu stecken.

    „Angebliche Solidarität, die als Verführung zum Unglück (für die Betroffenen) wirken kann“.

    Da muss ich dann schon mal die Frage stellen, wo das meiste Unglück seinen Nährboden hat: in der Solidarität oder in der Ausgrenzung?

    Schlussendlich: Stephan Hebel zu unterstellen, er dramatisiere und argumentiere unredlich, auch im Umgang mit diesen schrecklichen Sprachschöpfungen für Verschleierung und Diffamierung (siehe Werner Engelmann, 7.07. 0:34), kann ich nicht nachvollziehen.

    Ihre Sympathie, die Sie, Frau Ernst, etwa für diese „Ankerzentren“ aufbringen, verstehe ich ehrlich gesagt überhaupt nicht?

  9. Jürgen Malyssek sagt:

    Wenn wir schon mal bei dem Wort MITLEID angekommen sind, möchte ich sagen, dass es vielleicht gerade dieses mitmenschliche Gefühl ist, das uns inzwischen verloren gegangen ist.
    Es ist spätestens seit 2015 nicht damit gespart worden, die (europaische) Wertegemeinschaft über und über zu reklamieren. In Bayern hängt Söder fleißig die cristlichen Kreuze an die Eingangsbereiche der heiligen öffentlichen Hallen. Deutschland einig Vaterland, überall da, wo man seine Ruhe vor Ausländern und Flüchtlingen haben will.
    Derweil werden mit unsäglichen Kampf- und Schutz- sowie bürokratischen Arbeitsbegriffen (FR 4.Juli) um sich geworfen, die eigentlich nur Ausgrenzung und Verachtung gegenüber den Ankommenden charakterisieren.

    Insofern kann ich alles, was Stephan Hebel („Flucht und Wortverbrechen“, 4.Juli) zu Papier gebracht hat, dick unterstreichen. Und wenn Hebel dafür schon kritisiert wird, dann verliere ich die Zuversicht in mögliche Widerstandskräfte gegen die „Asylverhinderungspolitik“. (sagt Sprachwissenschaftlerin Britta Schneider, 4. Juli).

    Mitleid, Anteilnahme, Nachdenklichkeit, Barmherzigkeit, Humanität – alles bedeutungslos geworden. Schaut man sich heute die dressierte Wohlstandsgesellschaft an, dann muss man sich über die Abschottungspolitik fast nicht nicht mehr wundern.
    So bringt es auch bayerischer Ministerpräsident aus dem protestantischen Frankenland fertig, neben eiskalter Politik seine Kreuzzeichen zu zelebrieren, ohne auch nur einen Hauch von Sozialethik und christlicher Verantwortung offenbaren zu müssen.
    Dass die jetzt unter dem Druck der Seehofer-Bande den kleinsten gemeinsamen Nenner suchende Bundeskanzlerin Angela Merkel, 2015 zumindest ihr humanistisches Menschenbild („Wir schaffen das!“)zeigte, sollte nicht ganz unerwähnt bleiben.

    Ich weiß wohl, dass hier mit meinem Hinweis auf die Katholische Soziallehre, bei der u.a. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und vor allem die Prinzipien Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl (die ein menschliches Zusammenleben möglich machen)das Korsett bilden, kein großer Blumentopf zu erben ist. Ich erwähne es trotzdem, weil gerade das „Gefasel“ von der westlichen christlichen Wertegemeinschaft – und das besonders aus diesem antieuropäischen Bayernland – ein Grad an Heuchelei und Geschmacklosigkeit erreicht hat, um sich das noch bieten zu lassen.

    Aus Frantz Fanons „Die Verdammtem dieser Erde“, 1961, Ausg. 1966) – eine harte Abrechnung Europa und der nationalen Bourgoisie – noch ein kurzes Zitat:
    „…Der westliche bürgerliche Rassismus gegenüber dem Neger oder dem „Bicot“ ist ein Rassismus der Verachtung; es ist ein Rassismus, der abwertet. Aber der bürgerlichen Ideologie, die die Wesensgleichheit der Menschen proklamiert, gelingt es, die ihr eigene Logik zu bewahren, indem sie die Untermenschen auffordert, sich über die westliche Humanität, die sie verkörpert, zu vermenschlichen.“ (S. 139/40)

  10. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Erst einmal zur elterlichen Verantwortung: Ich ziehe gerne die Verallgemeinerung „westlich“ zurück und spreche nur für das Individuum Brigitte Ernst. Und als solches bleibe ich dabei, dass ich es für ein Zeichen von Inhumanität halte, wenn Eltern ihre kaum oder noch nicht erwachsenen Söhne in Todesgefahr bringen, damit diese für das Wohlergehen – von Überleben kann man im Fall von Familien, die das Geld für die lange Reise aufbringen können, ja nicht reden – dieser Eltern sorgen. Damit wälzen diese Eltern die Verantwortung für sich und die Kinder, die sie in die Welt gesetzt haben, auf ihre Söhne ab. Mir ist bewusst, dass Kinder in vielen afrikanischen Ländern traditionell als Lebensversicherung angesehen werden. Je mehr man in die Welt setzt, umso besser ist das eigene Alter abgesichert. Aber genau das nenne ich irregeleitet. Diese Vorstellung muss bekämpft werden, weil sie – neben anderen Faktoren, die u.a. auch die entwickelten Länder zu verantworten haben – zur Vergrößerung der Armut führt.

    Sie sprechen viel von Humanität, Barmherzigkeit, chrislicher Soziallehre und so weiter. Das sind leere Worte, solange Sie nicht konkret werden, ihre Postion klarmachen und Ideen entwerfen, wie Sie sich die Umsetzung dieser Werte de facto vorstellen.

    Bronski schreibt in seiner Einleitung über die Armutsflüchtlinge:
    „Diese Menschen haben keinen Anspruch auf Asyl bei uns, denn der ist politisch Verfolgten vorbehalten, aber auch sie haben einen Anspruch, darauf, als Menschen würdig und nach unseren Gesetzen behandelt zu werden.“
    Dem kann ich nur zustimmen. Wie stehen Sie dazu?
    Was soll Ihrer Meinung nach mit den Menschen geschehen, die nicht unter das Asylgesetz fallen?
    Wenn Sie dafür sind, sie trotzdem alle bei uns zu behalten, müssen Sie das offen sagen. Dann lautet die nächste Frage, ob sich Ihre Barmherzigkeit nur auf diejenigen bezieht, die stark genug sind, es nach Europa zu schaffen, und wie Sie die vielen Toten auf dem Weg hierher (in den letzten vier Jahren mehr als 13 000) vermeiden wollen. Einreiseerlaubnis für alle, sicherer Transport eingeschlossen, das wäre die logische Konsequenz einer solchen radikalen Humanität.

    Wenn Sie Bronski zustimmen, dass eine Auswahl getroffen werden muss, weil nicht alle hier bleiben können, aber alle einen Anspruch auf menschliche Behandlung haben, die nächste Frage: Was an den geplanten Ankerzentren, wie sie Joachim Hermann beschreibt, widerspricht dem Gebot der menschlichen Behandlung?

    Bronski beendet seine Einleitung mit einem Wunsch:
    „Vielleicht wäre es angebracht, diese Kreativität, die momentan für die sprachliche Verschleierung aufgewendet wird, dafür einzusetzen, über Maßnahmen nachzudenken, die Fluchtursachen zu beseitigen.“
    Dem kann ich nur zustimmen. Ich möchte aber noch ergänzen: Vielleicht wäre es angebracht, die Energie, die aufgewendet wird, um sich über falsche Wortwahl, Inhumanität und angebliche Abschottungspolitik zu ereifern, dafür einzusetzen, Maßnahmen zu entwickeln, die das Sterben auf dem Weg nach Europa beenden.

  11. Ralf Rath sagt:

    Ich möchte noch einmal darauf abstellen, dass die massenhafte Nutzung rekodierter Begriffe, die an sich längst feststehend sind, zuvörderst auf die einheimische Bevölkerung zurückschlägt. Für das Jahr 2020 existieren sogar Hochrechnungen (Spitzer, M., 2005), die bislang unstreitig rund 40.000 zusätzliche und insofern vermeidbare Tote allein für Deutschland voraussagen; die nur deshalb früh versterben, weil elektronische Medien einen solchen Frevel ermöglichen. Bevor also die Mortalitätsraten unter Migranten in der analogen Welt diskutiert werden, müsste noch zuvor die Erkrankungs- und Sterbehäufigkeit aufgrund dessen unter der alteingesessenen Bevölkerung in den Blick genommen werden. Wenn man zynisch wäre, könnten schon heute Wetten darauf angenommen werden, wer von den kommentierenden Lesern des im Internet zugänglichen FR-Blog in den kommenden zwei Jahren das Zeitliche segnet oder zumindest schwer erkrankt und hochgradig pflegebedürftig wird. Immerhin unterscheiden sich wegen den Universalien des Sozialen die Risiken einer digitalen Migration ins Virtuelle nicht von denen einer Migration über das Mittelmeer von Nordafrika nach Europa.

  12. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Humanität, Solidarität, Sozialethik … sind keine leeren Worte. Es ist eine Haltung und das ist meine Haltung! Was soll ich zu dieser Haltung noch ergänzen??
    Ich kann persönlich keine Ursachenbekämpfung in den Ländern der Flüchtlinge betreiben. Mein politisches und soziales Engagement hier im Lande, soweit die Kräfte reichen, ist ein Teil dessen, was jeder tun kann und somit dagegegen halten gegen die Vorurteile und Ablehnungshaltungen der Menschen, mit denen ich zu tun habe. Und gegen diese furchtbaren Begriffe angehen, die inzwischen wohl selbstverständlich geworden sind: Sekundärmigration, Asyltourismus, Ankerzentren, Transitzentren, Ausschiffungsplattform … Das ist doch schrecklich!
    „Willkommenskultur“ – das war wohl eine kollektive Lebenslüge. Ich denke, dass über diese schrecklichen (Deck-)Begriffe oben genug gesagt worden ist (u.a. Werner Engelmann). Was wollen Sie von mir hören? Einen Masterplan? Und Joachim Hermann ist für mich doch kein Vorbild für das Gebot der menschlichen Behandlung von Flüchtlingen!
    Wie weit soll das denn noch gehen mit den Kompromissen und reaktionären Denkschienen?

    Sie sollten das, was Sie konkret von mir erwarten, vielleicht den verantwortlichen Politikern in Berlin und München mitteilen.
    Mal abgesehen davon, dass ich (partei)politisch hier vor Ort meinen Teil unter vielen Gleichgesinnten dazu beizutragen versuche, um eben gegen diese Abschottungpolitik und -gesinnung anzugehen.

    Es ist im Übrigen typisch westliches Denken, dass wir allseits wissen, was für die Menschen in den armen und zerstörten (Infrastruktur) Ländern, wie Afrika, richtig und gut für sie wäre. Ihr Beispiel mit den Eltern kann ich immer noch nicht akzeptieren, jedenfalls nicht mit einer Einstellung unseres feinbürgerlich westlichen Dominanzdenken.
    Auch wenn ich fast auf dem Weg, das hier zu tun, muss ich mich für nichts und niemanden rechtfertigen, dass ich eine andere Haltung zu diesem kollektiven Abwehrverhalten (in Deutschland schon die Mehrheit!), das inzwischen mit feinen menschenverachtenden Deckworten und Masterplänen kaschiert und proklamiert wird.
    Ich muss keine Namen dazu nennen.
    Später vielleicht mehr.

  13. Anna Hartl sagt:

    @Juergen Malyssek
    Sie „fordern“ das Unmögliche.
    „Mitleid, Anteilnahme, Nachdenklichkeit, Barmherzigkeit, Humanität“.
    Wo in dieser Gesellschaft sind diese Eigenschaften noch anzutreffen!? Was ich meinem Nächsten nicht entgegenbringen kann, wie kann ich es dem „Übernächsten“ entgegenbringen. Wie kann jemand, dem dies nicht „geschenkt“ wird, es an andere weitergeben?
    Ich denke Sie haben einen guten Blick auf diese Gesellschaft, dann sehen Sie ja auch, in welch schwierigen Situationen Menschen zum Teil in diesem Land leben. Ja, darüber gesprochen wird, aber was ändert sich für die Betroffenen? Gerade die jungen Menschen in diesem Land werden in Situationen gezwungen, die Attribute wie Anteilnahme und Humanität gänzlich vermissen lassen und wo führt denn heute noch der Weg zur Nachdenklichkeit? Funktionieren und Ausbeutung sind angesagt. Das „Kapital“ Mensch wird verbraucht und wer nicht mehr kann, wird fallengelassen. Es gibt ja genügend andere.
    Die Wertigkeit jedes Einzelnen ist inflationär und wie gesagt, was ich selbst nicht erfahre kann ich auch nicht weitergeben. Deshalb denke ich, der Ansatz muss ein anderer sein.
    Und so leid es mir tut, denn „die christlichen“ in diesem Land stehen auch für die Nächstenliebe, für Heuchelei aber auch.

  14. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Ich hab’s befürchtet, Sie bringen es nicht über sich, Farbe zu bekennen.
    Ich erwarte von Ihnen keinen „Masterplan“ zur Lösung der Flüchtlingskrise und der Probleme in der Dritten Welt, aber Sie könnten doch wenigstens sagen, was konkret Sie unmenschlich finden am Vorgehen der Regierung außer den „furchtbaren Begriffen“, die dafür verwendet werden.
    Ich habe ganz konkrete Fragen gestellt, z.B. ob Sie alle Zuwanderer aufnehmen wollen oder ob Sie auch Abschiebungen akzeptieren und in welchen Fällen. Worin bestehen die Kompromisse, die Sie nicht akzeptieren können? Und was an den Ankerzentren ist Ihrer Meinung nach falsch, außer dass ein CDU-Politiker sie verteidigt?

    Ist das so schwer zu beantworten? Wenn Sie Unmenschlichkeit kritisieren, dann müssen Sie diese Kritik doch an konkreten Punkten festmachen (und nicht nur an der Sprache), sonst bleibt sie im luftleeren Raum hängen. Und man könnte den Eindruck gewinnen, dass Sie sich mit den Fakten gar nicht befasst haben.

    Bei der Frage nach elterlicher Verantwortung legen Sie offenbar zweierlei ethische Maßstäbe an. Was für ein Mitglied unserer Gesellschaft inhuman ist, kann man einem Afrikaner zubilligen?
    na, ich weiß ja nicht…

    Und was heißt „feinbügerlich westliches Dominanzdenken“? Wenn Menschen in Massen an unsere Tür klopfen und Unterstützung, Hilfsgelder und Aufnahme fordern, werde ich es mir wohl herausnehmen dürfen, ihnen den einen oder anderen Rat zu geben. Und dass die Überbevölkerung eines der dringendsten Probleme in Afrika und Asien ist, werden Sie ja wohl nicht bestreiten.

  15. Ralf Rath sagt:

    Um meinerseits ein Beispiel für einen rekodierten bzw. umgefälschten Begriff zu geben, der verheerende Folgen zeitigt, möchte ich denjenigen der „Utopie“ anführen. Für die Vorsitzende der SPD besteht laut ihren eigenen Angaben ihre persönliche Utopie in der Befreiung vom Diktat der fordistisch-tayloristischen Industriegesellschaft, wie Frau Nahles im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ Mitte September 2016 bekannte. Insofern es solch ein Diktat realiter nicht gibt, wird das, was als Utopie gilt, zu einer Worthülse. Die Vertreter der Frankfurter Schule, die erklärtermaßen humane Normalität angesichts der besagten Relativierungen als utopisch bezeichnen, geraten dadurch in Verdacht, ebenfalls hingebungsvoll lediglich leeres Gerede zu reproduzieren. Kritische Theorie zu betreiben, wird letztlich ein Ding der Unmöglichkeit, wenn allen voran die Mitglieder der deutschen Sozialdemokratie ihrer Vorsitzenden mehrheitlich Gefolgschaft leisten, anstatt allein der Wahrheit den nur ihr gebührenden Vorrang einzuräumen. Der auf diese Weise eintretende Mangel an klarer sozialer Struktur hat dabei nachweislich pathogenen Einfluss auf die weitere Lebensgeschichte derjenigen, die an seiner ursprünglichen Bedeutung festhalten. Wenn man so will, lässt sich demnach resümieren, dass Teile der SPD inzwischen keinerlei Scheu mehr kennen, buchstäblich über Leichen zu gehen, solange sie ihre gegenwärtig amtierende Vorsitzende nicht darüber aufklären, dass sie, im Lichte der fortgeschrittensten Erkenntnis betrachtet, einer zum bloßen Meinen herabgesunkenen Ideologie frönt. Oder kürzer gesagt: Hielte Frau Nahles in ihrer Irrlichterei inne, würde sie die kritische Theorie vor ihrer Preisgabe zu bewahren.

  16. Brigitte Ernst sagt:

    @ Ralf Rath

    Wenn der eine oder andere in diesem Blog in den nächsten zwei Jahren das Zeitliche segnen sollte, schwer erkrankt und/oder pflegebeürftig wird, so läge dies wahrscheinlich an der hier vertretenen Altersstruktur. Ein hoher Prozentsatz der in diesem Blog Aktiven befindet sich nämlich im Rentenalter.
    Ich selbst kann für mich sagen, dass es, wenn ich in nicht allzu langer Zeit den Löffel weglege – was durchaus wahrscheinlich ist – weniger an meiner übermäßigen Nutzung elektronischer Medien liegen wird, sondern eher an meinem fortgeschrittenen Alter und meiner erblich bedingten Koronarsklerose.

  17. Ralf Rath sagt:

    Korrektur: Der letzte Halbsatz meines um 13:41 Uhr geposteten Leserkommentars müsste „… würde sie die kritische Theorie vor ihrer Preisgabe bewahren“ heißen.

    @Brigitte Ernst
    Laut dem griechisch-französischen Psychoanalytiker Cornelius Castoriadis wäre der Mensch ohne Psyche nur ein Zombie oder Roboter (ders., 1990: 553). Psychischen Phänomenen ihrerseits ist eigentümlich, nicht funktional zu sein; was bis zur Zerstörung der biologischen Funktionalität reichen kann. Mich erstaunt daher, dass Sie davon im Zeitalter des Internets nichts wissen möchten; zumal ich mir das nicht ausgedacht habe. Vielmehr ist es der aktuelle Wissensstand, den auch Ärztekammern vertreten, um Mediziner vor Regressforderungen sowie dem Entzug der Approbation zu schützen.

  18. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Was soll ich denn für Farbe bekennen?
    Ich möchte einfach menschlichere Lösungen und politische Haltungen, die das möglich machen.
    Wenn Sie auf Koalitionslinie sind, dann haben Sie’s matürlich einfach.
    Ich bin kein Baumeister der Flüchtlingslösungen. Aber es ist einigermaßen klar, dass ein Zustrom von Flüchtlingen unser Land nicht überfordern wird. Es sei denn, wir machen stimmungsmäßig so weiter.
    Ich werde auch nicht verhindern können, dass im Laufe der Zeit soundso viele Abschiebungen stattfinden werden. Dies bedarf denn einer neutralen Kontrolle, die nicht von der Politik alleine bestimmt wird. Sowas haben wir bereits (Caritas, Diakonie u.a.) Also ein Regulativ, dass alles mit rechten Dingen zugeht.
    Was Sie alles von mir wissen wollen? Ich sitze nicht in Flüchtlingsausschüssen und NGOs, die sich seit Jahren mit Flucht und Asyl beschäftigen. Sie haben einfach nicht wahrgenommen, dass ich diese ganze „Asylverhinderungspolitik“ und dieser ganze gesellschaftliche Widerstand gegen eine angebliche Überschwemmung unseres Landes mit Flüchtlingen aufhört. Wenn Sie den Eindruck haben, dass die Pläne der Regierung und die Sprache und Maßnahmen über menschliche Schicksale der Menschenwürde und einer human sich aufspielenden Gesellschaft genügen, dann kann ich das auch nicht ändern. Nur liegen dann auch Welten zwischen uns, die ich nicht künstlich zusammenflicken möchte.
    Was ist denn in den letzten Jahren human in der europäischen Flüchtlingspolitik gelaufen (siehe Mittelmeer)? Herr Lübbers ist ja nahezu Augenzeuge gewesen bei seinen Hilfsaktionen.
    Ich verwehre mich dagegen, dass Mitleid, Humanität, Solidarität, Barmherzigkeit usw. als Luftschlösser hingestellt werden. Mag sein, dass ich zur Zeit das „Unmögliche“ verlange. Aber sollen wir die Ideale und Zukunftsvorstellungen von so vielen jungen Menschen einfach in die Tonne treten. Wozu das Ganze? Man kann sich auch mit einem kaum zu durchdringenden Rationalismus und Zweckmäßigkeitsdenken selbst außer Gefecht setzen.
    Lesen Sie doch die Meinung von Ursula Rüssmann: „Zu vergiftet für Reformen“, FR jetzt am Wochenende oder das Interview Vom UNHCR-Vertreter Dominik Bartsch (FR 5.07.) „über die inhumane Lager, herumgeschubste Flüchtlinge und die Paradoxie der aktuellen Politik“. Da steht alles, was Sie von mir wissen wollen. Und aus anderem Munde und einem Experten!
    Es wird zu keiner Überforderung der Menschen führen, wenn die Flüchtlingsfrage wieder zu einer Frage der Aufnahmebereitschaft, einer (möglichen) europäischen Solidarität und einer anderen Stimmung im Lande, die durch die aktuelle Politik weiter vergiftet wird – ohne Zutun der AfD! Das sollte nachdenklich machen!!

  19. Jürgen Malyssek sagt:

    Brigitte Ernst

    Warum heißt die Überschrift dieses Blogs denn: Es war einmal eine Losung, die hieß: Nie wieder! („Verrohung“)?

    Dominik Bartsch (UNHCR) im Interview (siehe FR-Politik, 5.07.: „Völlig richtig. Das Paradoxe ist, dass das in einer Ziet stattfindet, in der die Flüchtlingszahlen stark sinken und wir zum ersten Mal die Bestätigung haben, dass eine geordnete Migration möglich ist.“ (Zur Aussage der Interviewerin Korduka A. Doerfler: „Um den Einzelnen geht es ja leider nicht mehr bei all diesen Diskussionen, sondern nur noch um Zahlen“).

    Inwieweit die (westlichen) und vermeintlich richtigen Maßstäbe für die Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kindern bei Eltern in den Fluchtländern anzulegen sind, bezweifle ich weiterhin. Was bei uns selbstverständlich und Konsens ist, kann in einer anderen Kultur bzw. Familienvorstellung (auch unter harten Lebensbedingungen) ganz anders gesehen werden.
    „Inhuman“??

    Ansonsten muss ich noch korrigieren, dass meine Erwiderung zu der Behauptung, ich fordere mit den Prinzipien Barmherzigkeit, Mitleid, Humanitär das „Unmögliche“ natürlich an die Adresse von Anna Hartl geht. Mein Versehen.

  20. Jürgen Malyssek sagt:

    Anna Hartl

    So, ich fordere also mit Humanität, Mitleid, Nachdenklichkeit, Barmeherzigkeit das „Unmögliche“? So weit sind wir also schon, dass es unmöglich geworden ist, diese Werte zu fordern?
    Wenn schon die große Politik Schindluder mit den westlichen humanistischen Werten treibt, dann hätte es vielleicht einen Sinn, diese wieder zu versuchen ernst zu nehmen.
    Was meinen Sie mit „Nächsten“ und „Übernächsten“?
    Was meinen Sie damit: „Was kann jemand, dem dies nicht „geschenkt“ wird, es an andere weitergeben? Wer ist dieser Jemand?

    Ausgrenzen statt integrieren hat gerade in Deutschland eine lange Tradition. Es wird in dieser Zeit darum gehen müssen, das eigene Welt- und Menschenbild zu verstehen und zu überprüfen, um auch den Anderen, vor allem den Fremden versuchen zu verstehen. Das ist weder leicht und „geschenkt“ wird einem das ganz selten.
    Wenn wir nicht gerade dieses Dauerthema Flüchtlinge hätten, müssten wir sowieso auf die Ungerechtigkeiten und Armutsverhältnisse im Lande zu sprechen kommen. Das liegt nun brach.

    Das tut aber nichts zur Sache. Das Eine ist nicht gegen das Andere auszuspielen oder daraus den Schluss zu ziehen: „Als hätten wir nicht schon genug Probleme im Land!“
    Es sind zwei Paar verschiedene Schuhe und so sollte es auch – um klar zu bleiben – auch behandelt werden.
    Warum zweifeln Sie daran, dass gerade junge Menschen in diesem Lande […]“die Attribute wie Anteilnahme und Humanität gänzlich vermissen lassen“ und Ihnen der Weg in die Nachdenklichkeit versperrt bleibe? Ja, der Druck auf junge Menschen ist heute ziemlich groß, und wir wissen auch woher das kommt. Aber das schließt doch nicht aus, dass der Gedanke an den Nächsten ganz weggeschlossen ist. Ich kenne viele junge Menschen, die ganz und gar nicht die sozialethischen Prinzipien über Bord geworfen haben (sicher sind es nicht die klassischen Randgruppen). Aber Sie können doch nicht automatisch eine Analogie herstellen zwischen dem von Ihnen durchaus kritisch und richtig wahrgenommenen Gesellschaftsbild und der Unmöglichkeit eines anderen Denkens, das gerade die Überwindung dieses Zustandes anstrebt!

    Ich habe auch nicht gesagt, dass die „christlichen Werte“ hier im Lande (außer in Bayern natürlich!) hoch im Kurs stehen. Aber deshalb kann ich sie (ohne Heuchelei) trotzdem wieder einfordern.
    Selbst Angela Merkel war einmal so weit. Dann kam der Shitstorm über sie hinweg gefegt. Und jetzt geht es nur um harte Lösungen.
    Soweit.

  21. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, 7. Juli 2018 um 3:03

    Zunächst einmal danke für das konkrete Beispiel der Iranerin. An konkreten menschlichen Schicksalen sich abzuarbeiten lohnt sich immer.
    Was ihre Einschätzung angeht, bin ich allerdings überhaupt nicht Ihrer Meinung. Ich halte es weder für eine „zutiefst tragische Geschichte“ noch sehe ich das als Beleg für „Verschwendung von Kraft, Lebenszeit und Geld“.

    Meiner Meinung nach hat die Frau Respekt und Verständnis verdient. Schon gar nicht steht es uns zu, über ihre Haltung zu urteilen, deren konkreten Kontext wir gar nicht kennen, darin Oberflächlichkeit oder bloße Sehnsucht nach „ein bisschen modischem Schnickschnack“ zu sehen.
    Nun kenne ich freilich einige Iraner, in etwa auch deren frühere Lebensbedingungen (darunter einen, der auch zum Christentum übergetreten ist). Aber darauf kommt es gar nicht an.
    Mich erinnert es auch an Verhaltensweisen, die man in den 50er und frühen 60er Jahren auch bei uns beobachten konnte (u.a. an einer meiner Schwestern), und mit denen ich mich im Zusammenhang meines Romans näher befasst habe.
    Man muss schon selbst erfahren haben (oder zumindest kennen), was Demütigung heißt, um zu verstehen, welche tiefe symbolische Bedeutung bestimmte Dinge (nicht nur Kopftuch oder Niqab) haben können. Wenn in islamistischen Kreisen ein Minirock als Symbol des Teuflischen per se angesehen wird, dann kann ein Lippenstift z.B. – verfemt und streng verboten – auch zum Symbol für Befreiung, für weibliche Emanzipation werden.

    Darüber ausschließlich nach unseren gegenwärtigen Maßstäben zu urteilen (die keineswegs immer so waren), erscheint mir reichlich arrogant.
    Wenn ich – allen Ernstes – hierzulande von der „Festung Europa“ reden höre, die massiven Anstrengungen zur Verdrängung menschlicher Regungen gegenüber Fremden betrachte, dann erscheint es mir alles andere als ausgemacht, wo denn die wirklich „Naiven“, die „Irregeleiteten“ sitzen. Von der „Verschwendung von Kraft, Lebenszeit und Geld“, die wir an dem erbärmlichen „Unions“-Spektakel gerade miterleben durften, gar nicht zu reden.

    Desillusionierung gehört nun mal zum Leben. Und wer sagt denn, dass die Erfahrungen dieser Frau umsonst seien? Dass hier nicht ein Reifeprozess eingeleitet wurde, der noch seine Früchte tragen kann?
    Wer sagt denn, dass diese Frau, durch ihre Erfahrungen gereift, auf ihre Weise auch sich selbst verwirklichend, nicht eines Tages tatsächlich in den Iran zurückkehrt, als Kämpferin, an der Spitze Hunderter von Frauen, die durch Teheran marschieren, äußerlich die Haare „züchtig“ bedeckt, zugleich aber provozierend-wild geschminkt, und so den „Tugendwächtern“ das Fürchten lehren und sie zur Verzweiflung bringen?

    Solche Menschen braucht das Land. Es wäre eine Ehre für uns, wenn sie solche Qualitäten hierzulande erworben hätten. Und ich würde es dieser Frau auch wünschen.

  22. Peter Boettel sagt:

    @ Jürgen Malyssek:

    Sie haben wieder meine volle Zustimmung.

    Kürzlich las ich folgenden Satz: „Wir haben Krieg und Sklaverei ausgelagert. Ganz perfekt, unser Wohlstand steht auf Leichenbergen, und es werden täglich mehr.“ Und dies ist die traurige Realität.

    Wenn selbst der als eher konservativ geltende Kölner Kardinal Woelki, wie in der heutigen Druckausgabe der FR zitiert, sagt: „Es ist traurig, dass wochenlang darüber gestritten wird, wie Menschen möglichst effizient an unseren Grenzen zurückgewiesen werden können. Das tun auch Politiker, die ihre Partei sozial und christlich nennen.“, bedeutet dies schon sehr viel, nachdem die sozialen Probleme sowohl in Deutschland als auch in Europa und der übrigen Welt völlig außen vor bleiben und nur noch Grenzsicherungen, militärische Aufrüstung sowie Austerität, Sanktionen u.ä. für die Regierungen im Vordergrund stehen.

    Selbst für die Aussage „Die EU-Migrationskrise kann nur durch Solidarität und eine innere Lastenaufteilung gelöst werden“,in einem WDR-Interview wurde Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn von Österreichs Kurz gerügt, Asselborn sei in der Minderzahl.

    In meinem Buch hatte ich vor zwei Jahren vor einem Scheitern Europas gewarnt, wobei sich seitdem die Situation keineswegs verbessert, sondern sogar wesentlich verschlimmert hat. Leider scheinen weder die sich christlich noch die sozialdemokratisch oder sozialistisch nennenden Politiker auf die Grundwerte ihrer Parteien zu besinnen. Vielmehr laufen sie Gefahr, zu Nachahmern von Despoten eines Erdogan oder Trump zu generieren mit der Folge eines Erstarkens rechter Gruppierungen und Parteien.

  23. Werner Engelmann sagt:

    @ Anna Hartl, 8. Juli 2018 um 11:35

    „Was ich meinem Nächsten nicht entgegenbringen kann, wie kann ich es dem „Übernächsten“ entgegenbringen.“

    Eine Aussage, die ich so nicht verstehen kann und die doch recht sophistisch anmutet.
    In der Bibel heißt es schlicht und ergreifend: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Von einem „Übernächsten“ ist mit vollem Recht nirgendwo die Rede.
    Und wer dieser „Nächste“ ist, wird im „Gleichnis vom barmherzigen Ritter“ eindeutig geklärt: Es ist derjenige, der gerade an dir vorbeikommt – egal, woher er kommt und wohin er geht. Dass dieser Barmherzige ein „Samariter“ ist – also einer, der von pharisäerhaften Juden verachtet wird – macht das Gleichnis noch eindeutiger.

    Bezogen auf die Flüchtlingsproblematik ist entsprechend auch völlig klar, wie „christliches“ Verhalten auszusehen hat. Dazu bedarf es nicht einmal der Entscheidungshilfen des Papstes oder von Kardinal Marx, die freilich auch sehr eindeutig sind.
    Da sind weder Ergänzungen noch Relativierungen zulässig, um eine dem christlichen Geist und dem Gebot der Humanität widersprechende „realistische“ politische Handhabung gesellschaftlicher Herausforderungen doch irgendwie „glaubhaft“ zu machen.

    „Und so leid es mir tut, denn „die christlichen“ in diesem Land stehen auch für die Nächstenliebe, für Heuchelei aber auch.

    Sicher richtig.
    Es lohnt sich aber schon, den Ausprägungen dieser „Heuchelei“ nachzugehen.
    Da ist zunächst einmal die „pragmatische“ – nennen wir sie „bayrische“ – Variante, die ich schon sehr früh und ausgiebig kennen gelernt habe: Man trägt den Glauben (zur Bestätigung des eigenen Ego) wie eine Monstranz vor sich her (nicht umsonst ist Fronleichnam in Bayern ein beliebter Feiertag).
    Was die Details angeht, bedient man sich seiner aber lieber auf „pragmatische“ Weise – wie in einem Gemischtwarenladen: Man greift sich heraus, was gerade passt. Und was das Übrige angeht – na ja, da gibt es ja noch den schönen Spruch von den „Sündern“, die wir doch alle sind. Und natürlich die Institution der „Beichte“ mit darauf erfolgender Absolution – und das Spiel kann von Neuem beginnen. Und – wie praktisch – diese Übungen, fleißig praktiziert, ersparen einem auch Nachdenken über ihren Sinn und Zweck.
    Dass es da auch ein paar Exoten gibt, die aus der Reihe tanzen (oder gar, wie ich, solche Praxis zum Anlass nehmen, aus der Kirche auszutreten) lässt sich verschmerzen – man ist ja „tolerant“: zumindest, solange die absolute CSU-Herrschaft nicht gefährdet ist.

    Noch um einiges problematischer die Söder-Variante. Ich habe es andernorts einen „Umgang mit religiösen Gefühlen wie dem eines Zuhälters mit Prostituierten“ genannt – und dazu stehe ich auch.
    Seine – zu chauvinistischen Zwecken erfolgte – Umdefinition des Kreuzes, das „kein religiöses Symbol des Christentums sein“ soll, sondern ein „Bekenntnis zur Identität“ und zur „kulturellen Prägung Bayerns“ ist mehr als „nur“ skrupellose Vereinnahmung: Es ist im Grunde Blasphemie.
    Aber Söder ist ja Protestant (freilich einer der übelsten Sorte). Er hat keinen Kirchenbann des Papstes zu befürchten – selbst, wenn bei seiner „Christlichkeit“ im Kern kein prinzipieller Unterschied zu dogmatischem politischem Islamismus mehr zu erkennen ist.

    „Mitleid, Anteilnahme, Nachdenklichkeit, Barmherzigkeit, Humanität“.

    Auch als einer, der persönlich – aus gutem Grund – auf „höheren“ Segen seit einiger Zeit verzichtet, bemühe ich mich doch, ehrliche Überzeugungen und redliche Bemühungen wahr und ernst zu nehmen. Und so erfahre ich auch in meiner Umgebung noch viel von diesen Qualitäten und halte den Bezug auf diese Werte keineswegs für bloßes Gerede.
    Maßstab freilich ist die Praxis, die sich etwa an der Beteiligung an konkreten Aktionen zeigt. Das ist der Lackmustest für deren Ernsthaftigkeit.

  24. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, 8. Juli 2018 um 13:27

    Da Sie Herrn Malyssek so bedrängen, doch endlich „Farbe zu bekennen“, hier mal eine bescheidene Frage:

    Wie sieht es eigentlich mit den Erwartungen an eine – immerhin politisch verantwortliche – Regierung aus, mal endlich „Farbe zu bekennen“? – Insbesondere hinsichtlich dem (seit über zwei Jahren!) wie ein Mantra vor sich her getragenen Bekenntnis zur „Bekämpfung von Fluchtursachen“?
    Welche Nachfragen zu konkreten Vorschlägen, Initiativen, bilateralen oder europäischen Abmachungen?
    Welche Einsichten und Schlussfolgerungen hinsichtlich des eigenen deutschen bzw. europäischen Beitrags zu diesen Fluchtursachen?
    So etwa hinsichtlich der – als „Freihandel“ deklarierten – Knebelverträge mit afrikanischen Ländern?
    Oder einer Agrarpolitik, mit üppigen Subventionen an Großproduzenten (und Umweltvergifter) europäische Überproduktion zu fördern, zugleich den überflüssigen Schrott nach Afrika zu exportieren, Billigstkonkurrenz zu fördern und so einheimischen Produzenten und Initiativen das Wasser abzugraben und die Infrastruktur zu zerstören?

  25. Anna Hartl sagt:

    @ Jürgen Malyssek
    Was ich sagen wollte ist, wem die „eigenen Probleme“ über den Kopf wachsen, wer sich selbst als „abgehängt“ empfindet, arbeitslos ist oder von Hartz4 lebt und in dieser Gesellschaft kein Bein mehr auf den Boden bekommt, seine Miete nicht mehr zahlen kann, etc. also die von Ihnen geforderte Mitmenschlichkeit auch nicht unbedingt erfährt, macht sich wohl keinen großen Kopf darum, dass es anderen evtl. noch viel schlechter geht. Dann hätten wir da noch die Gleichgültigen, denen es zwar gut geht und damit es so bleibt, hat dieser Teil der Gesellschaft genug zu tun, den eigenen Reichtum zu mehren. Soll ich noch weiter aufzählen?

  26. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Danke, Herr Malyssek, dafür, dass sie mir jetzt ein paar konkrete Hinweise zu Ihrer Position gegeben haben. Auf dieser Basis kann ich mich mit Ihnen unterhalten.

    Sie wünschen sich menschliche Lösungen. Das tue ich auch, und zwar entsprechend der von Robert Habeck im Sommerinterview gestern Abend ausgegebenen Parole: Humanität und Ordnung.

    Auf der Koalitionslinie liege ich nicht grundsätzlich. Z.B. halte ich die Ankerzentren für keine schlechte Idee, was ich dagegen scharf kritisiere, ist die im Hausahlt beschlossene Kürzuung der Ausgaben für Entwicklungshilfe.

    Ihre Sicherheit, dass „ein Zustrom von Flüchtlingen“ unser Land nicht überfordern werde, fehlt mir leider. Es kommt darauf an, wie groß dieser Zustrom ist und um was für Flüchtlinge es sich handelt. Wenn sich der Syrienkrieg noch weiter ausweiten sollte oder neue Krisenherde und unmenschliche Diktaturen auf der Welt hinzukomen, haben wir reichlich zu tun, diejenigen bei uns aufzunehmen, die nach unseren Gesetzen ein Recht auf Asyl oder subsidiären Schutz haben. Nicht wirklich Schutzbedürftige müssten spätestens dann abgeschoben werden, und zwar entscheiden das weder Politiker noch karitative Organisationen, sonderen das letzte Wort haben da selbstverständlich die Gerichte.
    Das von der Koaltiton geplante Einwanderungsgesetz kann den Migrationsdruck etwas verringern, aber alle, die wollen, werden nicht zu uns kommen bzw. bei uns bleiben können. Und das vorausgesetzt, finde ich Information und Prävention – nennen Sie es ruhig Abschreckung – besser als das Risiko, dass Hunderte auf dem Weg zu uns sterben.

    An der Vergiftung der Atmosphäre gegenüber den Flüchtlingen und Migranten sind nur zum Teil die Stimmungsmacher der CSU und der AfD schuld. Vorrangig geht sie auf das Konto derjenigen Zuwanderer – und ich sage ausdrücklich, dass das natürlich nicht alle sind – die falsche Angaben über ihre Herkunft und ihr Alter machen, um sich gegenüber anderen Vorteile zu erschleichen; die sich in den Unterkünften heftige bis blutige Auseinandersetzungen liefern oder gar Frauen bedrängen und Schlimmeres; die eine kräftige Verstärkung für unseren hausgemachten Antisemitismus liefern; die Jagd auf Frauen machen (Sylvesternacht in Köln) oder Frauen sonstige Gewalt antun. Ganz zu schweigen von denjenigen, die Terroranschläge verüben oder dies planen. Die Bevölkerung fragt sich erschrocken, wen sie sich da ins Land geholt hat. Da die Registrierung nicht klappte und klappt, wissen wir es bis heute nicht.

    Wenn laut Dominik Bartsch vom UNHCR die Flüchtlingszahlen derzeit zurückgehen, impliziert das noch lange keine Aussage für die Zukunft. Und wenn er behauptet, eine geordnete Migration (im Gegensatz zum Chaos der Vergangenheit?) sei möglich, dann wundere ich mich, dass er sich so dagegen stemmt, wenn unsere Regierung gemeinsam mit der EU versucht, diese Ordnung wiederherzustellen.

    Ihr Verständnis gegenüber Eltern, die ihre halbwüchsigen Söhne für die bessere Entwicklung des Familieneinkommens in der Sahara verheizen und/oder im Mittelmeer absaufen lassen, kann ich nicht nachvollziehen. Das ist doppelte Moral angesichts unserer Verpflichtung – und die bestreiten Sie sicher nicht – die Opfer im Notfall dann aus dem Wasser zu retten. Wenn wir unterschiedliche moralische Maßstäbe für unterschiedliche Länder und Kulturen akzeptieren, warum dann nicht auch für Ungarn und Polen oder gar arabische Länder, denen wir dann ihre Frauenfeidlichkeit zubilligen müssten, weil sie in ihrer Kultur üblich ist? Sie setzen sich doch sonst so nehement für Menschenrechte. Oder sind Kinder, Jugendliche und Frauen keine Menschen?

  27. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Peter Boettel

    Den Satz „Wir haben Krieg und …“ habe ich auch irgendwo aufgegriffen. Es klingt hart, aber es stimmt. Und das ist eine unangenehme Geschichte, die sich die westliche Wohlstandsgesellschaft überhaupt nicht gerne vorrechnen lassen möchte.

    Ich bin nun selber nicht gerade religiös veranlagt, aber wenn die kirchlichen Würdenträger sich jetzt oft zum Zustand der Politik zu Wort melden, ist das nicht ohne Bedeutung. Über den Papst Franziskus können wir uns wirklich nicht beschweren. Seine Worte haben schon Gewicht und Einfluss auf die Gläubigen und vielleicht auf die Welt.

    Ich schätze die Katholische Soziallehre (Oswald von Nell-Breuning)sehr, weil sie v.a. die Prinzipien für den gesamten Bereich des menschlichen Soziallebens zusammenfasst.
    Wer über das gelingende Zusammenleben der Menschen (auf Erden) tiefer nachdenken möchte, der erfährt die wichtigsten Seiten christlich-sozialer Ethik. Die Mahnung des Kölner Kardinals an die Politiker und Parteien, ist deshalb zu unterstreichen.
    Ich habe auch den Außenminister Luxemburgs, Jean Asselborn, in seinen Aussagen immer als einen fairen, reflektierten und Mann mit einem sozialen Gewissen erlebt.

    Das Scheitern Europas ist doch längst nicht mehr Schwarzseherei, sondern es wird immer enger für die Glaubwürdigkeit eines geeinten Europas. Ob ich nun die Politik gerade vom frz. Präsidenten nun gut finde oder nicht (und ich bleibe da sehr skeptisch), aber jetzt kann man sagen, dass das letzte Faustpfand für den Bestand der EU und der Regelung der globalen Fragen, für mich tatsächlich nur noch er und Merkel sind. Vielleicht noch die Benelux-Länder und das wirtschaftlich erstarkte Irland, dass in vielen gesellschaftlichen Fragen inzwischen viele Länder positiv überholt hat!

    Jedenfalls haben Sie völlig recht damit, dass die sich christlich, sozialdemokratisch oder sozialistisch nennenden Politiker ihre Grundwerte zwar immer wieder heraushängen, aber nichts davon sind in der Umsetzung ihrer Politik die Worte und das Papier wert. Die Asylpolitik und ihre hilflosen Versuche mit abstrusen Begriffen Lösungswege aufzuzeigen, sind so erbärmlich, dass man – in welcher Form auch – jetzt dagegen halten muss. Es kann doch nicht sein, dass wir, wie es auch hier im Blog leider zum Ausdruck kommt diesen Rattenfängern argumentativ hinterlaufen, und anfangen unsere Bedrängnis ob der massenhaften Flüchtlingswellen auch noch nachbeten, obgleich hier keiner im Lande irgendeinen persönlichen und sozialen Nachteil mitbekommen hat, wenn wir diese Menschen hier aufgenommen haben. Ich lasse mal die rechtlichen Seiten der Migration erstmal so stehen. Weil es um die Einstellung geht, mit der wir diesen globalen Bewegungen innerlich und äußerlich begegnen.
    Vor allem – ich erwähnte es schon – muss man sich doch als Bürger schämen, dass die AfD im Moment keinen Finger krumm machen muss, um ihre Anhänger zu vermehren. Was für eine groteske Situation!

  28. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    „Farbe zu bekennen“ – das möchte ich denn auch lieber von den Politikern erwarten dürfen. Stattdessen ist es dann bei mir gelandet. Aber was ich noch sagen wollte, ist wenn Sie beschreiben, wie diese CSU-Riege, die ja immer eine Mischung von Protestanten und Katholiken dastellt, einen regelrechten Mißbrauch im Umgang mit den religiösen Gefühlen betreibt und gleichzeitig so weit von irgendeiner Sozialethik entfernt wie die dummdreiste AfD von einer Vertretung „des kleinen Mannes“.
    Der Personenbeschreibung von Söder (Protestant der übelsten Sorte)stimme ich absolut zu.

    Entschuldigung, es hat gerade geklingelt, ich muss einen Gast empfangen und melde mich später wieder.

  29. Wolfgang Fladung sagt:

    Ich lese derzeit ein Buch „Zielverführung“, welches im Untertitel eine wichtige Botschaft bringt: „Wer für alles eine Lösung weiß, hat die Probleme nicht verstanden.“

    Und so schätze ich die derzeitige Situation ein. Warum negieren wir alle die Fakten, welche uns Probleme bereiten? Warum bestreiten wir, das uns eine Verdoppelung der Bevölkerung in Nord- und Schwarzafrika binnen einer Generation bevorsteht? Armut gebiert Kinder, weil nur diese die Hoffnung in sich tragen, das es eines der selbigen irgendwie schaft. Und die Wahrscheinlichkeit, durchwebt mit Hoffnung, das dies eher einem jungen Mann gelingt, ist größer als bei einer jungen Frau.

    Also machen sich Millionen auf nach Europa, und werden durch die Schleuserorganisationen informiert, wo die sozialen Leistungen am höchsten sind und wo die Einreise, legal, halblegal oder illegal, am Leichtesten. Erst einmal sich als vor politischer Willkür Fliehenden auszugeben, die Papiere verloren zu haben, dann sieht Mensch weiter.

    Und wir machen Fehler auf Fehler. Wir locken gutausgebildete Fachkräfte nach D., welche ihre Familien viel Geld und vor allem Schulden gekostet und gebracht haben. Wir machen durch unsere gloriosen Exporterfolge die Wirtschaft vieler Länder (Fischfang vor Mauretanien) kaputt. Wir liefern unsere prima deutschen Waffen in alle Welt, und heizen damit die Bürgerkriege an, und erhalten dafür Gas, Erdöl, und andere Bodenschätze, aus den Händen oligarchischer Strukturen. Und wir begreifen nicht, das, wenn überhaupt, wir Piloten benötigen, und keine Taxifahrer. Denn aus einem Piloten kann man notfalls einen Taxifahrer machen, aber umgekehrt nicht.

    Die Milliarden, welche wir hier für die Migranten und Flüchtlinge ausgeben, wären in den Herkunftsländern besser angebracht, auch wenn vieles versickern würde. Nur ein bescheidener Wohlstand veranlaßt zum Dableiben.

    Wir kennen alle die Situation bei uns. Nach dem gemäßigten Neoliberalismus unter Kohl kam die radikale Wende unter Schröder, welcher die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer machte. Und wenn ich ärmner werde, suche ich nach Schuldigen. Da sich unsere 10 – 15% der Gesellschaft hinter goldenen Zäunen verbarrikadiert haben, kommen uns dann die „Dahergelaufenen“ zu Paß. Nehmen Sie uns doch Arbeitsplätze, Wohnungen, Kulturraum weg und überfrachten uns mit ihrer Fremdheit. Nein, wir haben kein Problem mit einem laizistisch praktizierten Islam, genauso, wie wir mit liberal ausgeübtem Christentum Probleme haben. Das Problem liegt in der Radikalisierung.

    Was will die Politik? Vorurteile weiter pflegen und schüren? Eine AfD als stärkste Kraft im Bundestag, weil geballte Vorurteile leichter zu ertragen sind als informiertes Nachdenken? Irgendwann ein Kanzler von der AfD, so wie vergleichbar in Ungarn, Polen und Österreich?

    „Wehret dcn Anfängen“, ist schon zu spät. Es brodelt im Bürger, aber seine Wut richtet sich gegen die Falschen.

    Meine Frau ist ehrenamtlich aktiv in der örtlichen Hausaufgabenhilfe und Sprachförderung. Damit ist aber das weiter anwachsende Problem nicht gelöst, welches uns berührt mit Kindern und Erwachsenen ohne Sprachkenntnisse, Bildung, Kenntnis unserer Kultur etc. pp. Wie soll ein Lehrer vorwärts kommen, dem 1/3 nur Bahnhof Verstehende gegenüber sitzen? Und was und wie gehen die Eltern der deutschen Kinder damit um, wenn ihre Sprößlinge berichten, das sie ja gerne lernen würden, z.B. das wichtige MATHE, aber nicht können, aufgrund von Vermittlungsproblemen.

    Dieser Tage hörte ich von einem – ehemaligen – SPD-Wähler diesen Spruch: „Und hat der Nafri Samenstau, greift er sich ’ne deutsche Frau“.

    Ich habe Angst vor dem Kommenden.

  30. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann. 09. Juli, 1:52

    Ich könnte Ihnen noch von anderen Schrecklichkeiten erzählen, welche der jungen Iranerin aufgrund ihrer Unerfahrenheit hier in Deutschland widerfahren sind, aber das würde die Grenze der Intimität überschreiten. Meiner 20jährigen Tochter würde ich so etwas auf jeden Fall nicht wünschen.
    Aber Sie haben recht, natürlich gibt es eine (sehr geringe) Wahrscheinlichkeit, dass sie erstarkt aus ihren Irrfahrten durchs Leben hervorgeht. Für größer halte ich allerdings die Gefahr, dass sie sich an einen Mann hängt, der sie wieder genau den gleichen Einschränkungen unterwirft, denen sie eigentlich entrinnen wollte. Wenn er ein städtisch gebildeteter Afghane ist, hat sie vielleicht Glück, wenn er in der Ethnie der Paschtunen sozialisiert wurde, dann Gnade ihr Gott.
    Originaton zweier Paschtunen aus dem Dorf des Jungen, der die 14jährige Mia in Kandel erstochen hat, im Interview mit der ARD: „Der Islam verbietet eigentlich das Töten. Aber der Junge ist Paschtune, und so einer muss seine Frau töten, wenn sie ihn verlassen will.“ Von Beispielen solcher Handlung konnte man in letzter Zeit in einigen Zeitungen lesen. Aber solche Berichte halten sie ja offenbar für Hetze.

    Die junge Frau in ihrer Ahnungslosigkeit in Bezug auf das andere Gechlecht könnte natürlich auch ausgenutzt werden und unter die Räder kommen.
    Ihnen scheint das gleichgültig zu sein.

    Zu Ihrem Beitrag vom 9. Juli, 13:27:

    Sie haben recht, alle diese Missstände müssen beseitigt werden. Leider wird das nach Einschätzung von Migrationsforschern den Drang zur Auswanderung nicht beseitigen (s. meinen Hinweis im Parallelthread.

  31. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Anna Hartl

    Habe Sie dahingehend verstanden. Aber das ist es ja. Ich kenne diesen Personenkreis, den Sie umreißen sehr gut und ich erwarte auch gerade nicht von diesen Menschen, dass sie das stemmen und das Ankommen der Flüchtlinge beklatschen. Aber wir, die wir nicht in dieser Klemme sind, haben die Verantwortung anders mit den Ankommenden und Gestrandeten umzugehen und anders zu argumentieren, objektive Blickfelder zu öffnen.
    Die Gleichgültigen sind im Prinzip die Saturierten, die sich von allem abschirmen, was ihren Seelenfrieden stören kann. Diesen Schuh muss ich mir aber nicht freiwillig anziehen. Es ist anstrengend gleichgültig zu sein. Aber auch dem etwas entgegen zu setzen, ist auch anstrengend. Ich kann das Letztere wählen. Es bleibt anstrengend. Es bedarf keiner weiteren Aufzählung, um deutlich zu machen, dass man sich entscheiden muss. Die Flüchtlinge sind nicht diejenigen, die den Armen und Problembeladenen etwas wegnehmen. Und dann sind wir wieder bei der Politik und Herrschaft derjenigen, die verantwortlich sind für die soziale Ungerechtigkeit und die gesellschaftliche Stimmung im Land! Das ist zur Zeit ziemlich klar auszumachen.

  32. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Sie sagten, am Beispiel der von Frau Ernst vorgestellten iranischen jungen Frau, dass es uns nicht zusteht, über die haltung dieser Frau zu urteilen. Das meine ich im Wesentlichen und das meine ich auch mit der Arroganz und den Maßstäben des Westens, den Rest der Welt erzählen zu wollen, wie sie sich zu verhalten haben, wie die Verantwortung für ihr Leben, ihre Lebensentscheidungen zu treffen haben.
    Die Asyldebatte offenbart doch überdeutlich die abwertende verachtende Haltung gegenüber den Fremden, den Flüchtlingen, die jetzt deutsches und europäisches Territorium betreten. „Wir brauchen heute ein kosmopolitisches Denken, das ganz unterschiedliche Weltentwürfe ernst nimmt“, sagt Stefan Weidner, der Autor des Buches „Jenseits des Westens“ (2018).

    „Man muss schon selbst erfahren haben (oder zumindest kennen), was Demütigung heißt, um zu verstehen, welche tiefe symbolische Bedeutung bestimmte Dinge haben können …“

    Ich glaube, dass viele von uns aus der Zeit der Flucht, Vertreibung (auch der Eltern) eigentlich wichtige Erfahrungen mitbringen, die für die Beurteilung des Gegenwärtigen wertvolle Denkanstösse geben können.

  33. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    „…das meine ich auch mit der Arroganz und den Maßstänbem des Westens, den Rest der Welt erzählen zu wollen, wie die Verantwortung für ihr Leben, ihr Lebensentscheidungen zu treffen haben.“
    D’accord. Wenn sie die Verantwortung für diese Lebensentscheidungen dann auch selbst tragen.

  34. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Die Retter auf See müssen/werden die vom Ertrinken bedrohten Menschen retten, bevor sie nach den Motiven der Flucht oder der Verantwortung der Eltern für die Flucht ihres jungen Sohnes forschen.
    In erster Linie geht es einfach um die Rettung der Menschen vor dem Ertrinken.

    Zu Ihren Aussagen, Frau Ernst, vom 9. Juli (18:16):

    – Über die Ankerzentren und die anderen genannten Hilfskonstruktionen mit diesen schrecklichen Worten, die angeblich die Lösung der „Flüchtlingsströme“ bringen sollen, können wir nicht einig werden. Insofern bleibe ich auf Kommentarlinie von Stephan Hebel und auch einigen anderen Leserbriefschreibern der letzten Tage. Auch Wolfgang Fladung hier (9.7., 21:47) hat mich verstärkt nachdenklich gemacht.

    – Wie genau sich die Flüchtlingszahlen für uns hier in Deutschland entwickeln werden, weiß ich auch nicht. Oder wie lange der Kriegszustand in Syrien anhält. Aber das ist für mich wirklich nicht die entscheidende Frage für das, wie wir als Menschen, Bürger, Nachdenkende uns zu verhalten hätten.
    Einerseits wurde vom reichen Westen die Globalisierung – vor allem die ökonomische und jetzt die digitale – voran getrieben, in einem rasenden Tempo. Und dann beschweren wir uns über die Folgen für die Abermillionen Menschen in der Welt, v.a. die, denen man nach und nach die natürlichen und wirtschaftlichen Lebensgrundlagen zerstört hat. Und jetzt schottet man sie ab von deren teils verzweifelten Bestrebungen, ein anderes Leben zu suchen. Es geht doch nicht darum, ob uns das gefällt oder nicht. Es ist jetzt eine Welt geworden, die alles verändern wird, was wir als Gewissheiten und Sicherheiten gerne bewahren wollten. ich habe das nicht ausgesucht und könnte mir auch ein weniger dynamisches Erdenleben vorstellen. Aber so ist es jetzt geworden. Und wir dürfen jetzt nicht die Flüchtlinge und die „Verdammten dieser Erde“ (frei nach Frantz Fanon) zu willkommenen Sündenböcken machen. Der Feind steht nicht nur rechts. Der Feind ist das ganze korrupte und verkommene Wirtschaft- und Politiksystem, wo die Bereicherung und Machtpotenzierung sich inzwischen in kaum vorstellbare Größenbereichen entwickelt haben, abgekoppelt von der realen menschlichen Mühe und Arbeit! Siehe auch die Gigantomanie von Silicon Valley als Bild für den freien unkontrollierbaren Lauf der Dinge und neuer Herrschaftssysteme. Da sind wir nur noch Waisenkinder dagegen.
    Da und dort ist der Feind! Nicht die paar Millionen Flüchtlinge, Asylsuchende, Migranten, die sich von Europa ein menschenwürdiges Leben wünschen und dann auf diese Konsorten à la Seehofer, Söder und Dobrinth stoßen und auf immer mehr Menschen, die mit den ganzen globalen Problemen nichts zu tun haben wollen. Und die auch die Kohle dazu haben sich aus der Affäre zu ziehen und weiter den Dauerberieselungen und den Mega-Events und sonstwas hinterzulaufen.

    Die Menschen, die sich übers Meer gewagt haben, hatten ja keine Todessehnsucht, um ins „Gelobte Land“ zu kommen. Und ich kann auch nicht die „Vergiftung der Atmosphäre gegenüber den Flüchtlingen und Migranten“ nicht auch noch den „Zuwanderern, die falsche Angaben über ihre Herkunft und ihr Alter machen, um sich gegenüber anderen Vorteile zu erschleichen, die sich in den Unterkünften heftige bis blutige Auseinandersetzungen liefern oder gar Frauen bedrängen und Schlimmeres … usw.“ machen!

    Wir sehen doch was passiert ist nach dem Mord an Susanna F. (Hysterie der Flüchtlingsgegner, Instrumentalisierung des Falles …).

    Zu Bartsch (UNHCR)-Aussagen: “ … wenn er behauptet, eine geordnete Migration sei [jetzt] möglich, dann wundere ich mich, dass er sich so dagegen stemmt, wenn unsere Regierung gemeinsam mit der EU versucht, die Ordnung wieder herzustellen.“ – Von wegen REGIERUNG GEMEINSAM MIT DER EU! Es ist doch nur Merkel gewesen, die sich mit den EU-Ländern abgestrampelt hat, Lösungen zu finden. Seehofer & Co. zündeln weiter. SPD fällt aus.

    „Ihr Verständnis gegenüber Elternm die ihre halbwüchsigen Söhne für die bessere Entwicklung des Familieneinkommens in der Sahara verheizen und/oder im Mittelmeer absaufen lassen, kann ich nicht nachvollziehen. Das ist doppelte Moral angesichts unserer Verpflichtung […] die Opfer im Notfall dann aus dem Wasser zu retten.“
    Dazu meine Einleitung hier im Text. Ich kann Ihre Aussagen und Ihre Wortwahl nicht nachvollziehen („verheizen“, „absaufen lassen“). Wenn sie bei mir von doppelter Moral sprechen, dann frage ich Sie nach der einfachen Moral der Geschichte! Glauben Sie ernsthaft, die hier vorgestellten „Eltern halbwüchsiger Söhne“ würden ihre Kinder in den Tod schicken wollen, wenn diese Entscheidungen fallen?

    Und was hat das Beispiel jetzt mit meiner vermeintlichen Akzeptanz von Ungarn und Polen oder gar arabischen Ländern hinsichtlich deren Frauenfeindlichkeit und der mir unterstellten Billigung zu tun?

    Dann: „Sie setzen sich doch sonst so vehement für Menschenrechte ein. Oder sind Kinder, Jugendliche und Frauen keine Menschen?“

    Das fast ungeheuerlich, was Sie da reininterpretieren. Das kommt mir fast wie eine Gesinnungsprüfung vor!
    Da bleibt mir doch für Momente die Spucke weg.

    Wir sprechen hier in einem Kontext von einer globalen Entwicklung von Not und Elend, Vertreibung, Flucht und Menschensterben in den Heimatländern der Flüchtlinge. Da habe ich nicht so anmaßend zu sein, das alles beurteilen zu können, was in den Menschen vor sich geht, die versuchen hier nach Europa zu kommen. Mal abgesehen davon, dass die größten Flüchtlingslager in Jordanien und Libyen und in Nachbarstaaten Afrikas sind.

    Sie haben, Frau Ernst, bestimmt auch gelesen, was Wolfgang Fladung (9.7) tief besorgt. Ich sehe mich ihm da ganz nahe und auch bei seinen Einschätzungen der Fluchtursachen.

    Sie sind also, bei dem was Sie gerade in den letzten drei Absätzen sagen, bei und mit mir im falschen Boot.

  35. Anna Hartl sagt:

    @Juergen Malyssek
    Habe Sonntag im Wald gesessen, ein guter Ort zum Nachdenken, um mich selbst und meine Gedanken zu ordnen.
    Ich verstehe Ihre Haltung und sehe auch an vielen Stellen die Richtigkeit Ihrer Aussagen.
    An zwei Ecken meiner Gedanken „knappere“ ich noch. Ich sehe in mir keine Bereitschaft die Verantwortung für die „Gegebenheiten“ in anderen Ländern zu übernehmen. Ich bin mir ja noch nicht Mal im Klaren darüber, was ich für dieses Land in dem ich lebe tun kann. Ist denn nicht jeder auch ein Stück weit für sein Leben selbst verantwortlich?
    Bronski hat geschrieben, das jeder das Recht hat, nach einem besseren Leben zu streben. Unterschreibe ich, wobei zu definieren wäre, was besser bedeutet. Hungern werden in Deutschland eher wenige, aber das Bessere hat auch einen Preis. Die Blauäugigkeit mit der die Menschen in “ das gelobte Land“ streben und der Boden der Tatsachen hier, auch die beruflichen Anforderungen betreffend, können doch nur zur Desillusionierung führen. Kürzlich gab es in der FR einen Artikel über das Thema Ausbildung bei Geflüchteten. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das Interesse daran nicht so groß, sondern das Hauptthema ist Geldverdienen um die Familie Zuhause zu unterstützen. Kann ich auch verstehen, frage mich aber dann, wie die Brötchen verdient werden sollen? Bewegen wir uns dann wieder in Richtung „Tagelöhner“? Wo betten sie ihr Haupt, wenn sich die Normalverdiener schon großen Problemen auf dem Wohnungsmarkt gegenüber sehen? Da klafft für mich zwischen Wunsch und Wirklichkeit ein Abgrund.
    Was mir aber Angst macht ist, dass es dieses Land vollends zerreißt. Wie stellen Sie sich vor die wachsende Zahl der Nationalisten mit ins Boot zu bekommen? Welches Mittel haben wir denn bisher gefunden, der AFD das Wasser abzugraben. Wer kümmert sich wirklich um das, was grossen Teilen der Bevölkerung zu schaffen macht und es geht nicht darum die einen gegen die anderen auszuspielen, sondern um die berechtigten Forderungen für ein „menschlicheres“ Leben, einer Neuausrichtung hin zur mehr Wertigkeit und Würde jedes Einzelnen, das schließt auch Migration ein.

  36. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Anna Hartl

    Das finde ich jetzt sehr aufrichtig von Ihnen, was Sie, nach dem Nachdenken im Wald, sagen!

    Was ich mit der Verantwortung für den Umgang mit den ankommenden Flüchtlingen gemeint habe, ist nicht mehr und nicht weniger, als eine andere Haltung zur Abwehrhaltung des jetzigen politischen Establishments (über das alles gesagt und geschrieben ist) v.a. in Deutschland einzunehmen und das auch zu sagen, wenn’s die Situation notwendig macht.
    Sie persönlich müssen jetzt, können Sie auch gar nicht, die Verantwortung für die „Gegebenheiten“ in anderen Ländern übernehmen (Ich kann es so auch nicht).

    Haltung ist auch Selbstverantwortung für das was man sagt und tut. Nein sagen!

    Ich leihe mir mal die Worte von einem der größten deutschen Gesellschaftskritiker und solitären Freigeist aus. Es macht’s gut deutlich, was ich meine:

    „Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“ (Kurt Tucholski)

    Auch was Bronski geschrieben hat („… dass jeder das Recht hat, nach einem besseren Leben zu streben“) unterstreiche ich, wie Sie auch.

    Wir sollten der momentanen (wenn’s denn nur so momentan wäre) politischen Kultur der Diffamierung, Ausgrenzung, Abschottung und des Hasses gegen das Fremde, gegen die Migranten, nicht auf den Leim gehen.
    Sie sehen doch, Frau Hartl, dass es inzwischen sogar ohne die Stimmen und den Aufwand der Rechtsnationalen Partei, der AfD geht. Das ist doch schlimm!

    Nennen wir auch nicht das Betreben der Menschen, die zu uns ins „Gelobte Land“ nur „blauäugig“. Sicher hat es aus unserer ’schlauen‘ Sicht davon etwas. Aber ich möchte damit jedenfalls nicht operieren.
    Ausser Desillusionierung, finden ja auch gelungene Beispiele von Gelingen der Integration statt. Darüber können ja viele Menschen hier berichten, die vor allem schon lange mit Flüchtlingen arbeiten und teilweise zusammenleben. Der Mensch, ob weiß, braun, schwarz oder gelb, will arbeiten, will was tun, will dazulernen, will gebraucht werden, will irgenwie dazu gehören, bis hin Verantwortung übernehmen. Sicher auch Ausbildung, wenn es die Umstände hergeben. Sicher aber auch, dass er Geld verdienen will, dass er sein Leben selbsttätig bewältigen kann. Sicher auch seine Familie hier und dort unterstützen. Das ist doch selbstverständlich.

    Vieles ist möglich, wenn man es will und wenn die menschengemachten Strukturen um einen herum Bedingungen bietet, das auch tun zu können. Aber in Lagern zu leben oder ewig lang aufs Bleiberecht zu warten oder so und so lange zum Amt zu laufen, sich nur geduldet und als Nutzloser zu fühlen, das ist doch nichts für ein menschenwürdiges Leben!

    Klar klafft eine Art Abgrund zwischen Wunsch und Wirklichkeit, was Arbeit & Wohnen hier im reichen Deutschland angeht.
    Aber das kann man den Menschen, die eine Zuflucht suchen nicht anlasten. Wenn ich politisch den Zuzug von Migranten verhindern will – was zur Zeit passiert – dann schaffe ich das auch. Dann haben wir immer wieder die passenden Sündenböcke. Der Kleingeist hat dann Futter genug, um das für sich auszunutzen und Stimmung zu machen.

    Ich habe auch Angst (besser: Furcht) vor der weiteren Entwicklung, nämlich für die nach rechts und zum Rassismus. Es ist keine gute Zeit. Und sie vermischt sich mit dem schrecklichen Konsumismus und dem immer größer werdenden Prestigehandeln, dem städtischen Großkotz, dem unaufhörlichen stumpfsinnen Immer-mehr-haben-wollen, den Lebenslügen und einer ebenso egozentrischen Politik, einer Arroganz der Macht, wie wir sie gerade am Beispiel des Trauerspiels zwische CDU-CSU erleben können (einschließlich der Ohnmacht der Sozialdemokratie, aber auch der Linken).

    Wenn es denn nur so wäre, nur der „AfD das Wasser abzugraben“! Das geht weit über die AfD hinaus. Dazwischen gibt es paar Silberstreifen am Horizont. Ein Teil der Bevölkerung macht sich bemerkbar, ist nicht damit einverstanden, was die Politkaste und der „Volkszorn“ veranstalten.

    Ihre Worte, FRau Hartl: „Wer kümmert sich wirklich um das, was großen Teilen der Bevölkerung zu schaffen macht und es geht nicht darum, die einen gegen die anderen auszuspielen, sondern um die berechtigten Forderungen für ein ‚menschlicheres‘ Leben, einer Neuausrichtung hin zu mehr Wertigkeit und Wirklichkeit und Würde jedes Einzelnen, das schließt auch Migration ein.“

    Das unterstreiche ich so absolut!

  37. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek, 10. Juli, 17:30

    Habe ich je die Verpflichtung negiert, dass Ertrinkende vor dem Tod gerettet werden müssen? Egal, wie groß – oder klein – die Not (oder Verblendung) war, die sie auf diese Schlepperboote getrieben hat.
    Das ist es ja, was so manche(n) erbost: Neben denjenigen, die wirklich von Verfolgung und Krieg heimgesucht werden, kommen so viele, die zwar das Recht haben, nach einem besseren Leben zu streben; aber haben sie deshalb auch das Recht, dass wir ihnen dafür sichere Wege eröffnen, sie ausnahmslos hereinlassen und sie finanziell unterstützen, obwohl sie genug Mittel für ihre Reise hatten und haben? Ich sage, nein, das haben sie nicht. Sie müssen sich vielmehr vor ihrer Reise darüber im Klaren sein, dass sie für ihre Entscheidung hinterher auch geradestehen müssen. Es sieht aber doch so aus, dass nicht wenige selbstverständlich davon ausgehen, dass andere ihnen die Konsequenzen für ihre Entscheidungen abnehmen, indem sie sie aus den Gefahren, in die sie sich begeben haben, heraushauen. Das ist meiner Ansicht nach ein unreifes und unfaires Verhalten. „Ich folge mal meinen Träumen, und wenn es eng wird, gebe ich die Verantwortung an Mama Merkel ab.“

    Ich selbst – und da bin ich nicht allein – würde es vorziehen, wenn unser Land selbst entscheiden könnte, wen es aufnehmen möchte, anstatt sich von anderen unter moralischen Druck setzen zu lassen.
    Dann könnten nämlich gemeinsam mit dem UNHCR die Schutzbedürftigsten aus den Flüchtlingslagern in Jordanien, der Türkei oder wohin auch immer sie zuerst geflohen sind, ausgewählt und auf sicherem Weg zu uns transportiert werden. Und sinnvolle Ausbildungsprogramme könnten bei und oder in den Heimatländern gestartet werden. Dazu käme ein großzügiges Einwanderungsgesetz für diejenigen, die unser Arbeitsmarkt benötigt.
    Da sich die Zuwandernden den Zugang zu unserem Land aber erzwingen, kommt es zu Abwehr in der Bevölkerung und zu dem, was als „Abschottung“ gebrandmarkt wird.

    Später mehr, ich muss jetzt zu Abend essen.

  38. Peter Boettel sagt:

    Dann lassen Sie es sich schmecken.

  39. Werner Engelmann sagt:

    Jürgen Malyssek, 11. Juli 2018 um 13:48

    (1) „Wir sollten der momentanen (wenn’s denn nur so momentan wäre) politischen Kultur der Diffamierung, Ausgrenzung, Abschottung und des Hasses gegen das Fremde, gegen die Migranten, nicht auf den Leim gehen.“
    (2) „Ausser Desillusionierung, finden ja auch gelungene Beispiele von Gelingen der Integration statt. Darüber können ja viele Menschen hier berichten, die vor allem schon lange mit Flüchtlingen arbeiten und teilweise zusammenleben.“

    Ich versuche, mich kurz zu fassen, denn die Zeit ist knapp.
    Zu (1): Die von Ihnen angesprochene geistige und moralische Verrohung ist wohl der bedenklichste Aspekt, denn sie umfasst nicht mehr nur allein AfD-Kreise. Hätte man es vor kurzem noch für möglich gehalten, dass ein Innenminister sich zum Geburtstag statt mit Kerzen mit der Zahl der Abgeschobenen beglückwünscht? Und dafür auch noch Beifall erhält?
    Wo alle Gedanken nur noch auf das gerade letzte Verbrechen fixiert sind (was es natürlich früher nie gegeben hat), wo man sich nur noch in Negativität, in Zukunftsängste hineinsteigert, in Verallgemeinerungen schwelgt, für Menschen neben uns den Blick verliert, sie, obwohl man so gut wie nichts über sie weiß, zu Sündenböcken erklärt – da ist wohl auch rationaler Auseinandersetzung der Boden entzogen. Und – machen wir uns nichts vor – der Hass nimmt auch zu gegen alle, die hier nicht mit den Wölfen heulen, an konkreten Beispielen und Aktionen beweisen, dass es auch anders geht.

    Zu (2): Wir haben heute, unabhängig und selbst verantwortlich (im Rahmen unserer neu gegründeten „association Liens 52“), mit unserem Ferien-Intensivsprachkurs für Flüchtlinge begonnen. Denn im Juli und August findet seitens staatlicher Organisationen so gut wie nichts statt.
    Wir haben bis zu 10 Interessenten erwartet. 25 sind gekommen – fast nur aufgrund von Mundpropaganda. Darunter nicht wenige Frauen, Mütter mit ihren kleinen Kindern, für die es keine Möglichkeit der Betreuung gibt. Alle möglichen Nationen, Niveaus von kaum schreibkundig bis fast fließende Ausdrucksfähigkeit.
    Dass das auch gestandenen Lehrern, die wissen, wie mit Differenzierung umzugehen ist, einiges abverlangt, liegt auf der Hand. Aber man spürt das Wohlwollen und die Erwartung. Und das ist entscheidend.
    Es werden sich Lösungen finden lassen.

  40. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Zugegebenermaßen habe ich etwas drastische Worte gewählt, um mein Unverständnis für Eltern, die ihre Kinder wissentlich in Lebensgefahr bringen, auszudrücken. Da es mir offenbar nicht gelungen ist, meine Position verständlich zu vermitteln, hier noch einmal meine Argumentationskette:

    Die Charta der Menschenrechte besagt, dass jede(r) das Recht auf körperliche und psychische Unversehrtheit hat. Eltern haben eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Kindern, und wenn sie ihren – zumal minderjährigen – Nachwuchs in Todesgefahr bringen, verletzten sie diese Fürsorgepflicht. Ich behaupte nicht, dass diese Eltern die Absicht haben, ihre Kinder zu töten, aber da sie oder ihre Sprösslinge heutzutage über Smartphones verfügen, dürften sie mittlerweile genauestens über die Gefahren, die auf den Wegen nach Europa lauern, informiert sein. Sie wissen um die mörderischen Strapazen der Saharadurchquerung, die Grausamkeit, die in libyschen Flüchlingslagern herrscht, die Todesgefahren, die auf den Schlepperbooten über das Mittelmeer lauern. Deshalb handeln sie, wenn sie ihre Kindern allein in diese Gefährdungszonen schicken, zumindest grob fahrlässig.

    Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Malyssek, halte ich die Menschenrechte für absolut gültig, und ich bin nicht bereit, da Ausnahmen zu machen und Angehörige anderer Kulturen und Traditionen von der Einhaltung dieser Rechtsnormen zu entbinden.

    Wenn Sie, Herr Malyssek, dazu bereit sind, Menschen (hier afrikanischen Eltern) in bestimmten Situationen von dieser Fürsorgepflicht zu dispensieren, wo endet das dann?
    Dann müssten Sie konsequenterweise auch andere Kulturen von der Respektierung der Menschenrechte freisprechen. Dann müssten Sie muslimischen und indischen Gesellschaften die Unterjochung von Frauen zubilligen, weil das zu ihrer Tradition gehört; oder die Homophobie in Russland und Polen tolerieren, weil die Ablehnung von Homosexualität deren Kultur entspricht usw..
    Dann müsste sich jeder selbst aussuchen dürfen, welchen Teil der Menschenrechte er/sie für sich als gültig akzeptiert und welchen nicht. Die Menschenrechte wären nur noch relativ und nicht mehr universal.

  41. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Ich verstehe Sie nicht, Frau Ernst, dass Sie meine Ansichten über die Entscheidungen der Menschen zur Flucht, unter welchen Vorzeichen und Risiken sie es auch starten, in Verbindung bringen mit der Verletzung von Menschenrechten – ich verstehe es einfach nicht?
    Auf welcher Seite stehen Sie eigentlich? Sie müssen mir dazu nicht antworten, aber Sie sollten es jedenfalls für sich beantworten.

    Was wollen Sie eigentlich von mir noch heraushören?
    Die „Menschen aus anderen Kulturen“, die Ihnen anscheinend unmoral erscheinen, weil sie flüchten oder es auch versuchen zu ermöglichen, dass ihre jungen Söhne sich zuerst auf den Weg machen.
    Ich bin doch nicht bereit, mit Ihnen über die Menschenrechte und die Menschenrechtsverletzungen von dieser Warte aus zu diskutieren. Es sind doch nicht die Flüchtlinge („Menschen aus anderen Kulturen“) die die Menschenrechte seit Jahren verletzen, im Kontext von Krieg, Ausbeutung, Zerstörung, Flucht und Vertreibung!

    Ich verstehe es einfach nicht, was Sie von mir hören wollen und in welch einem Ton Sie von „diesen unverantwortlichen afrikanischen Eltern“ sprechen?

    „Ich folge mal meinen Träumen, und wenn es eng wird, gebe ich die Verantwortung an Mama Merkel ab“. Was soll das? Der ganze erste Absatz von 17:30 h schreckt mich ab.
    Und das ganze Ausleseverfahren, das Sie in der Folge beschreiben: „Da sich die Zuwandernden den Zugang zu unserem Lande aber erzwingen, kommt es zu Abwehr in der Bevölkerung und zu dem, was als „Abschottung“ gebrandmarkt wird.

    Für so eine These bin ich der falsche Gesprächspartner. Das kann ich an jedem Kneipenstammtisch meiner Wahl haben, wenn ich das hören will.

    „Im Gegensatz zu Ihnen, Herr Malyssek, halte ich die Menschenrechte für absolut gültig, und ich bin nicht bereit, da Ausnahmen zu machen und Angehörigen anderer Kulturen und Traditionen von der Einhaltung dieser Rechtsnormen zu entbinden.“

    Und dann folgen alle möglichen Verbindungen zu Gesellschaften, die die Unterjochung von Frauen billigen oder Homophobie in R. und P. tolerieren, und fragen mich, wohin das führen soll?
    Ich weiß es nicht. Weil ich das nicht mehr zusammenkriege.

    Ich spreche hier in einem Kontext von einer globalen Entwicklung von Flucht und Vertreibung und vorher von der fürchterlichen Wortsprache, die sich als Schutzwall gegen die Flüchtlinge in der Asyldebatte hier in Deutschland festgemacht hat. Am Verlust von Humanität, Solidarität, Mitleid und … Und sie sprechen dauernd von der Fürsorgepflicht der afrikanischen Eltern gegenüber ihren Söhnen und Töchtern.

    Für mich gibt das so keinen Sinn mehr. Sorry.

  42. @Jürgen Malyssek, Brigitte Ernst
    Dass Problem ist, dass Sie beide über verschiedene Menschen sprechen.
    Herr Malyssek spricht von Menschen, die nur wegwollen. Weg von Krieg, Zerstörung, Vertreibung.
    Frau Ernst spricht von Menschen, die nur wo hinwollen. Hin zu gutbezahlter Arbeit, einem eigenen Haus und Auto.

  43. Werner Engelmann sagt:

    @ @Jürgen Malyssek, Brigitte Ernst

    Brecht hat alles sehr viel einfacher und klarer ausgedrückt:
    „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

    Kurzinterpretation:
    Wer sich um das erste kümmert, der hat auch eine Chance, beim Zweiten Gehör zu finden.
    Ganz sicher nicht umgekehrt. Schon gar nicht, wenn man nicht bereit oder in der Lage ist, sich in den hineinzuversetzen, der nichts „zu Fressen hat.

    Schönen Tag noch! Die freiwillige „Pflicht“ ruft.

  44. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Ich kann ihnen genau sagen, auf wessen Seite ich stehe: auf der dieser Kinder und Jugendlichen, die von ihren Eltern, ihren Großfamilien mit Geld (das ja offenbar vorhanden ist) ausgestattet werden, um für diese unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit die Kohlen aus dem Feuer zu holen – wenn diese Kohlen überhaupt am Zielort vorhanden sind.
    Sie, Herr Malyssek, benutzen allgemeine Begriffe wie Flucht und Vertreibung, reden sehr theoretisch vom Verlust von Humanität, Solidarität und Mitleid. Ich spreche von konkreten Kindern und Jugendlichen, mit denen ich Mitleid habe, weil sie verheizt werden, die Opfer sind nicht nur von ungerechten Handelsabkommen mit dem Westen oder von ihren eigenen korrupten Regierungen, sondern auch von ihren eigenen Eltern.
    Und ich spreche ausdrücklich, das habe ich wohl deutlich genug gemacht, nicht von Familien, die tatsächlich am Hungertuch nagen und das Geld für die weite Reise gar nicht haben, schon gar nicht von denen, die vor Krieg fliehen und von denen ich per Direkteinreise gerne viele aufgenommen wissen will (ich habe das ja oben ausgeführt), sondern es geht mir um die relativ „Wohlhabenden“, die nicht in bitterer Not leben.

    Sie sprechen von „Entscheidungen der Menschen zur Flucht“. Wer hat sich da entschieden, die Eltern für sich selbst? Oder für ihre Kinder, denen sie keine Wahl lassen?

    Wir wissen,, dass nicht alle, die sich aufmachen, tatsächlich Opfer von Krieg, Vertreibung und Ausbeutung sind. Es soll in diesen Ländern auch Menschen geben, die sich aktiv an Krieg, Ausbeutung und Vertreibung beteiligen.
    Sie dagegen halten alle, die sich auf den Weg zu uns machen, für arme Opfer, und halten alle, die das bestreiten, offenbar für tumbe Stammtischbrüder (oder -schwestern).

    Mich erinnern diese Kinderschicksale an die sogenannten Schwabenkinder, die im 19. Jahrhundert aus ihren Dörfern im Schwarzwald und in der Schwäbischen Alb übers Gebirge zum Arbeiten in der Fremde geschickt wurden. Damals wurde das als normal angesehen, aber es gab auch schon Zeitgenossen, die diese Praxis verurteilten. Heute in der Rückschau wird dieses Vorgehen als großes Unrecht an diesen Kindern verurteilt.

  45. rainer dittrich sagt:

    Frau Ernst ist eine rigorose Exponentin der „Westlichen Wertegemeinschaft“. Meine langjährige Erfahrung: Solchen Menschen ist argumentativ nicht beizukommen.

  46. @rainer dittrich
    „Meine langjährige Erfahrung: Solchen Menschen ist argumentativ nicht beizukommen.“
    Vielleicht liegt es an der fehlenden Überzeugungskraft Ihrer Argumente.
    Dieses überzeugt zumindest nicht sehr.

  47. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Jetzt werde ich auch persönlich: Ich habe viel zu lange eine Arbeit gemacht, die sehr viel mit dem Menschenrecht und der Menschenwürde zu hat, mit Achtung, Humanität, Anteilnahme, Solidarität, Respekt vor anderen Lebensweisen und Lebenswelten. Das hatte wiederum viel mit Grenzerfahrungen, Ohnmacht, Demut und der Akzeptanz von Grenzen des Machbaren und eines nahenden Todes zu tun.
    Ich kehre das in den Debatten sonst nicht hervor. Das, was ich getan habe und noch tue ist meine Überzeugung. Ich brauche dazu keinen theoretischen Überbau, aber es ist hilfreich, um sich zu positionieren, sich zu Wort zu melden, nachzudenken, usw.

    Auch als Kriegskindergeneration, Flüchting, Flüchtlingsfamilie, von Heimatverlust Betroffener usw. muss ich mir nicht sagen lassen, dass ich SEHR THEORETISCH von Verlust von Humanität Mitleid, Humanität oder Solidarität spreche. Das hat von Ihnen etwas Anmaßendes. Wenn Sie in Ihrem Leben bestimmte Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen gemacht haben, die, wie Sie es ausdrücken „verheizt“ wurden, dann kann ich Ihnen das nicht absprechen. Aber vermengen sie es bitte nicht mit allen globalen Problemen, die uns heute so beschäftigen und benutzen Sie bitte mich nicht als Projektionsfläche zur Abarbeitung dieses speziellen Themas!
    Ich muss das mal so deutlich sagen und es soll auch kein persönlicher Angriff auf Sie sein. Aber Sie merken schon, dass ich hier auch an meine Grenzen der Akzeptanz und der Diskussionsbereitschaft komme und es deshalb so sagen muss. Im Übrigen werde ich auch nie behaupten, dass ich alles weiss, aber bisschen Ahnung habe ich schon noch.

    „Wir wissen, dass nicht alle, die sich aufmachen, tatsächlich Opfer von Krieg, Vertreibung und Ausbeutung sind. Es soll in diesen Ländern auch Menschen geben, die sich aktiv an Krieg, Ausbeutung und Vertreibung beteiligen. Sie dagegen halten alle, die sich auf den Weg zu uns machen, für arme Opfer und halten alle, die das betstreiten, offenbar für tumbe Stammtischbrüder (oder-chwestern).“

    Ich kann Ihre Interpretationsspielräume meiner Aussagen nicht nachvollziehen und ich finde auch die Verdachtsaussagen gegenüber den Flüchtenden sehr abwertend.
    Finden Sie etwa heraus, wer aus edlen oder unedlen Motiven nach Europa flieht?
    Ich kann das nicht.
    Deshalb habe ich auch u.a. gefragt, auf welcher Seite Sie eigentlich stehen.

    Wollen sie beurteilen, ob bei der Entscheidung der Menschen zur Flucht, wer für wen entschieden hat (Kinder-Eltern-Thema)?
    Welch ein Blick auf die Welt von heute, die so komplex, so verheerend irrational und so nationalistisch geworden ist, wie schon seit 80 Jahren nicht mehr!

  48. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Werner Engelmann

    Danke, Herr Engelmann für die Erinnerung an das Brecht-Zitat: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“

    Das erspart eine ganze Rede.

  49. Brigitte Ernst sagt:

    @ rainer dittrich

    „Solchen Menschen ist argumentativ nicht beizukommen.“
    Vielleicht, weil sie recht haben?

    Welche Werte schlagen Sie denn für Nicht-Westler vor? Nur das Fressen, oder auch ein bisschen Moral?

  50. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    Zum Glück scheint es auf der Welt doch noch den ein oder anderen zu geben, der seine Moral nicht völlig ablegt, auch wenn er wenig zu fressen hat. Wie wären wir sonst zu unseren heutigen demokratischen Sozialstaaten gekommen (Stichworte Arbeiterbewegung, Gewerkschaften etc.).
    Hier weise ich auf Klaus-Philipp Mertens‘ einleitenden Leserbrief zum Thread „An den Mülltonnen Europas“ hin.

  51. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    „Respekt vor anderen Lebensweisen und Lebenswelten“

    Tut mir leid, wenn diese Lebensweisen und Lebenswelten die Menschenrechte von Kindern missachten, kann ich dafür keinen Respekt haben.
    Sie sind die Schwächsten jeder Gesellschaft, egal welcher Kultur, und sie haben ein Recht auf Schutz.
    Mehr sage ich dazu jetzt nicht mehr.

  52. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Noch etwas zu den Motiven der Zugewanderten.
    Ich muss da gar nichts unterstellen, es gibt konkrete Beispiele. Die von IS-Leuten, die sich unter die Flüchtenden gemischt haben (was vorher für unmöglich gehalten wurde); die von Verbrechern, die bei uns jetzt auf Schutz plädieren, weil ihnen im Heimatland die Todesstrafe droht.
    Ich habe nie behauptet, dass es sich bei diesen Negativfällen um die Mehrheit handelt. Aber man kann sie klar identifizieren (leider meist erst hinterher, wenn es zu spät ist, s. Anis Amri)
    Wer das nicht wahrhaben will, lebt an der Realität vorbei.

  53. Peter Boettel sagt:

    Ich bin der Auffassung, dass Jürgen Malyssek in seinem Beitrag um 13:28 sehr deutlich und ohne Überheblichkeit ausgedrückt hat, um welche Probleme es geht.

    Aber es scheint, wie ich auch früher häufiger feststellen und selbst erfahren musste, immer wieder Leute zu geben, die sich als Schulmeister zu fühlen scheinen und daher glauben, andere immer mit Besserwissen belehren zu müssen.

    Ich halte es mit Sokrates und sage: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

  54. Jürgen Malyssek sagt:

    Ich habe fertig!

    Danke, Peter Boettel!

  55. Brigitte Ernst sagt:

    @ Peter Boettel

    „Ich bin der Auffassung, dass Jürgen Malyssek in seinem Beitrag um 13:28 sehr deutlich und ohne Überheblichkeit ausgedrückt hat, um welche Probleme es geht.“
    Falsch. Er hat verdeutlich, um welche Probleme es IHM geht. Die Probleme, die ich sehe, negiert er.

    „Ohne Überheblichkeit.“ Falsch. Am 12. Juli um 2:54 stellt er meine Meinung auf das Niveau von Stammtischgerede.

    „und benutzen Sie bitte mich nicht als Projektionsfläche zur Abarbeitung dieses speziellen Themas.“

    Ich dachte, Herr Malyssek sei mein Gesprächspartner und keine Projektionsfläche.

    „Aber es scheint, wie ich auch früher häufiger feststellen und selbst erfahren musste, immer wieder Leute zu geben, die sich als Schulmeister zu fühlen scheinen und daher glauben, andere immer mit Besserwissen belehren zu müssen.“

    Da Ihnen offensichtlich die inhaltlichen Argumente ausgegangen sind, versuchen Sie es mit persönlichen Anwürfen: „Schulmeister“, Besserwissen“. Nicht sehr überzeugend.

    Ich sehe die Sache schlicht so:
    Herr Malyssek und ich sind unterschiedlicher Meinung über Menschenrechte sowie deren Gültigkeit und Umsetzungsmöglichkeit.
    Dabei sollten wir es ohne Groll und ohne persönliche Anwürfe belassen.

  56. @Peter Boettel
    Wenn Sie nicht verbessert werden wollen, dürfen Sie nicht falsch zitieren.
    Das «s» bei nichts ist falsch. Es muss heißen: «Ich weiß, dass ich nicht weiß.» Dummerweise ist sich die Forschung nicht einig, was Sokrates bzw. Plato damit eigentlich sagen wollte.

  57. rainer dittrich sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Argumentation, Frau Ernst, meint Beweisführung, nicht Rechthaberei, die Sie zu präferieren scheinen. Und: Argumentation ist das Gegenteil von Schmusekurs mit vorgegebenem, präparierten ‚Wissen‘.
    Gerne schließe ich mich jetzt Herrn Malyssek an und vermelde ebenfalls: „Ich habe fertig“!

  58. I. Werner sagt:

    Das Thema ist doch viel zu ernst, um es im Gezänk zu beenden. Es geht um Menschenleben, da sind wir uns doch alle einig. Es gibt so viele verschiedene Gründe, sich auf den Weg in unbekannte Welten zu machen. Meistens ist es große Not. Das gelobte Land war für viele Europäer in Not Amerika. Armut, Hunger und Verfolgungen wegen abweichender religiöser Überzeugungen trieben auch damals Menschen, ihr Land zu verlassen, um sich auf ein neues Leben einzulassen. Jetzt machen sich Afrikaner auf den Weg nach Europa, um die geht es doch wohl überwiegend in dieser Debatte, denn dass Kriegsflüchtlinge hier zunächst Schutz bekommen, sollte eigentlich Konsens sein. Bei Armutsflüchtlingen scheiden sich offenbar die Geister. Natürlich schaffen es nur die Gesunden, Kräftigen die Strapazen solch einer Auswanderung zu überleben. Sie sind die Hoffnung der Gemeinschaft, die sie los schickt, wenn sie Geld für sie sammelt. Mit diesem Geld kommen sie nicht weit, um die Schlepper zu bezahlen, Sie müssen hart dafür arbeiten, um das nötige Geld zu verdienen. So viele Hürden sind zu überwinden. Wenn sie es endlich geschafft haben, europäischen Boden zu betreten, dann kommen unsere Hürden. Diese Einwanderer erfüllen nicht unsere Gesetze, nach denen wir Asyl gewähren. Wenn sie das begriffen haben, tauchen sie zwangsläufig ab und arbeiten entweder als illegale Landarbeiter (die in Spanien durchaus lange Zeit willkommen waren) oder tauchen ab ins Drogengeschäft. Egal wie. sie stehen unter dem Druck, Geld nach Hause zu schicken. Das ist menschlich verständlich, aber auch nicht schön für unsere Gesellschaft. Frontex und andere Maßnahmen werden dieses Problem nicht lösen. Da müssen wir uns schon mehr einfallen lassen, vor allem nicht auf (ausbeuterische) Investoren setzen.

  59. Brigitte Ernst sagt:

    @ rainer dittrich

    Noch mal nachtreten, bevor man „fertig hat“.

    Gut, dass Sie besser als ich wissen, wie richtige Argumentation geht. Noch so ein Besserwisser.
    Inwiefern ich mich vorgegebenen, präparierten Wissens bediene, sollten Sie im Übrigen auch präzisieren und nicht einfach behaupten.

    Ganz nebenbei: Ich wusste gar nicht, dass eine Argumentation eine Meinung haben kann ;-). Schauen Sie mal bei Zwiebelfisch (Bastian Sick), SPON 21.19.2006 nach.

    Merkwürdige Debattenkultur, die sich hier breitmacht. Herr Malyssek und ich liefern uns ein Streitgespräch, und plötzlich schalten sich zwei weitere Teilnehmer ein (Boettel, dittrich) und beginnen, ohne auch nur ein einziges inhaltliches Argument beizusteuern, gegen mich zu hetzen.
    Befremdlich.

    Schade auch, dass bei all dem Schaum vorm Mund meine Ideen vom 11. Juli, 19:02, völlig unter den Tisch gefallen sind. Dort habe ich meine Vorstellungen dargelegt, wie man die vom Krieg Vertriebenen retten und den Ärmsten eine Perspektive geben könnte, ohne dass sie sich auf den lebensgefährlichen Weg zu uns machen müssen.
    Aber da ich wagte, nicht nur an den äußeren Umständen, sondern auch an den betroffenen Menschen selbst Kritik zu üben, fiel man mit persönlichen Beleidigungen über mich her.
    Prima Klima!

  60. Bronski sagt:

    @ all

    Ich würde mich freuen, wenn Sie wieder zu einem freundlicheren Ton finden würden. Es muss doch möglich sein, über das Thema Flüchtlinge zu reden, ohne in Streit zu verfallen. Daran kann man zwar gut sehen, dass dies ein Thema zu sen scheint, bei dem selbst gebildete, intelligente Menschen die Haltung verlieren, aber das hilft trotzdem nicht weiter.

    Ich greife mal den Vorschlag von Brigitte Ernst auf, die lösungsorientiert argumentiert. Sie schrieb in einem Kommentar vor zwei Tagen:

    „Ich selbst – und da bin ich nicht allein – würde es vorziehen, wenn unser Land selbst entscheiden könnte, wen es aufnehmen möchte, anstatt sich von anderen unter moralischen Druck setzen zu lassen.
    Dann könnten nämlich gemeinsam mit dem UNHCR die Schutzbedürftigsten aus den Flüchtlingslagern in Jordanien, der Türkei oder wohin auch immer sie zuerst geflohen sind, ausgewählt und auf sicherem Weg zu uns transportiert werden. Und sinnvolle Ausbildungsprogramme könnten bei und oder in den Heimatländern gestartet werden. Dazu käme ein großzügiges Einwanderungsgesetz für diejenigen, die unser Arbeitsmarkt benötigt.
    Da sich die Zuwandernden den Zugang zu unserem Land aber erzwingen, kommt es zu Abwehr in der Bevölkerung und zu dem, was als „Abschottung“ gebrandmarkt wird.“

  61. Jürgen Malyssek sagt:

    Auch ich bin, trotz des „Streitgesprächs“, für ein besseres Klima.
    An hiesiger Stelle werde ich aber nicht mehr weiter debattieren, da ich alles, was ich zu sagen hatte, oben gesagt habe.
    Bonne chance!

  62. hans sagt:

    Ich habe gerade hier ein bisschen quer gelesen. Was für eine verrückte Diskussion. Vorher habe ich die heutige FR gelesen und da das Gespräch mit Exo-Kreischer. Ich hoffe immer noch das es ein Druckfehler ist was da steht, aber er sagt das in Nigeria täglich 2000 Kinder unter 5 Jahren sterben. Wir lassen das zu und gleichzeitig junge Männer aus diesen Ländern rein? Wie verrückt ist das denn. Man sollte alle aus Seenot retten und nach Hause schicken und dafür die Kinder holen. Alles andere ist doch verlogen.

  63. Peter Boettel sagt:

    Den Ausführungen von Jürgen Malyssek schließe ich mich an.

  64. Brigitte Ernst sagt:

    @ hans

    Man kann die Kiner nicht allein holen, da müssen ja die Eltern und folglich auch die Geschwister mitkommen.
    Und das Ziel der jungen Männer, die zu uns kommen, ist ja zum Teil die Unterstützung der jüngeren Familienmitglieder.

    Ein weiterer Missstand in diesen Ländern ist auch die weit verbreitete Kinderarbeit. Sie ist zwar überall gesetzlich verboten, aber die Eltern bringen ihre vielen Kinder nicht durch ohne die Mitarbeit der älteren Geschwister.
    Es ist ein Teufelskrei: Wenn die Kinder nicht zur Schule gehen, weil sie arbeiten müssen, verringern sich auch die Lebenschancen der nächsten Generation und die wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Gesamtgesellschaft, weil die Bevölkerung auf einem niedrigen Bildungsstand verharrt.

    Ein wichtiger Lösungsansatz könnten mMn breite staatliche und von NGOs geförderte Aufklärungskampagnen zur Geburtenregelung sein.
    Je nach religiösem Einflussgebiet würden dann aber wahrscheinlich die katholische Kirche oder die islamischen Autoritäten einschreiten.

    China hat gezeigt, dass eine deutliche Verringerung der Geburtenrate möglich ist, allerdings nur unter staatlichem Zwang, was natürlich für uns keine Option ist.
    Die Ein-Kind-Politik führte dann leider dazu, dass man vorwiegend Jungen das Licht der Welt erblicken ließ, was wiederum zu einem problematischen Frauenmangel führte. Menschen sind leider keine besonders vernunftbegabten Wesen.
    Wenigstens könnte man finanzielle Anreize schaffen für Eltern mit weniger Kindern. Aber das ist wohl politisch nicht gewollt.
    Deswegen werden die auf der Erde produzierten Nahrungsmittel irgendwann nicht mehr reichen, auch wenn sich alle vegetarisch ernähren, der Klimawandel gestoppt und eine gerechte Güterverteilung verwirklicht würde.

  65. hans sagt:

    Wenn wir uns in einem Punkt hier wohl einig sind dann ist es bei dem Thema Fluchtursachenbekämpfung. Angeblich sieht das auch die Politik so. Dass das Thema Solar dabei eine Schlüsselrolle spielen muss habe ich schon mehrmals geschrieben, weil es auf der Hand liegt. Warum geht man Wege die im kleinen schon erfolgreich laufen dann nicht viel mehr.

    https://stiftung-solarenergie.de/

  66. Brigitte Ernst sagt:

    @ hans

    Guter Ansatz. Sonne haben die da unten ja reichlich!