Verkaufsoffene Sonntage haben keine nachhaltige Wirkung

Hier kommt mal wieder ein Gastbeitrag, mit dem ich meine liebe Not hatte. Um das Thema auch im Print-Leserforum bringen zu können, musste ich massiv kürzen, denn wie Sie hier sehen können, war der Leserbrief mehr als doppelt so lang, als Platz zur Verfügung stand. Es geht um den Sinn oder Unsinn von verkaufsoffenen Sonntagen. Wann ist Schluss mit der „Flexibilisierung“ und „Liberalisierung“ von Arbeitszeiten, die doch eigentlich nur den Geschäften nutzen, nicht aber den Angestellten? Obwohl – ein solcher Nutzen in Gestalt merklicher Umsatzzuwächse ist im stationären Einzelhandel kaum festzustellen. Sind verkaufsoffene Sonntag eventuell eine Option, die Innenstädte wieder mehr zu beleben? Denn die Innenstädte verändern sich derzeit rasant, weil die Menschen immer mehr online einkaufen. Jetzt gab es sogar die Forderung, Heiligabend als verkaufsoffenen Sonntag freizugeben. Doch die Gewerkschaft Verdi ist recht effizient und erfahren darin, sonntägliche Öffnungen zu verhindern. (Diesen letzten Link sollten Sie lesen, bevor Sie sich an den Gastbeitrag machen.) Heinz-Jürgen Sohn aus Hammersbach hat zu all diesen Fragen einen abwägenden Leserbrief geschrieben.

Balken 4Verkaufsoffene Sonntage haben keine nachhaltige Wirkung

Von Heinz-Jürgen Sohn

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Die vom Hanauer OB Kaminsky gelieferte Begründung für den einstweiligen Verzicht auf weitere verkaufsoffene Sonntage erscheint zunächst nachvollziehbar. Denn auf den ersten Blick ist die Vorstellung einleuchtend, dass durch den Wegfall des Anlassbezuges ( z.B. zwingende Bezugnahme auf Messen u. Märkte o.ä.) für mehr Rechtssicherheit gesorgt werden könne.
Bei genauer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass die verwaltungsgerichtliche Rechtsprechung in Hessen in mehreren Entscheidungen die zu beachtenden Kriterien für die Genehmigung verkaufsoffener Sonntage ziemlich konkret definiert hat. Es sollte daher den städtischen Juristen, wenn nötig mit externer Hilfe, möglich sein, den zuständigen Entscheidungsträgern dabei behilflich zu sein, gerichtsfeste Entscheidungen zu treffen. Es muss daher nicht unbedingt zu unzumutbaren Hängepartien kommen, wie OB Kaminsky befürchtet. Es drängt sich hier vielmehr der Eindruck auf, dass durch offensichtlich vorschnelle und wenig durchdachte Genehmigungen durch die betreffenden Kommunen der normativen Kraft des Faktischen Geltung verschafft werden sollte.

Leider hat es den Anschein, dass die gegenwärtige schwarzgrüne Koalition in Hessen vor wirtschaftlichen Interessen einknickt und zugesagt hat, die Anlassbezogenheit für die Genehmigung verkaufsoffener Sonntage zu überprüfen. Damit ist das eigentliche Problem aber noch nicht gelöst.

Denn die aktuelle Diskussion geht nach meiner Ansicht an der eigentlichen Problematik vorbei. Verkaufsoffene Sonntage dienten ursprünglich der Versorgung der Gewerbetreibenden
und ihrer Kunden bei Märkten und Messen vor allem in ländlichen Gebieten. Diese Veranstaltungen waren für das Gewerbe in kleineren und mittleren Gemeinden wichtig, da nur
so die Leistungsfähigkeit und das Angebot der lokalen Wirtschaft konzentriert an einem Ort präsentiert werden konnte. Später änderte sich die Funktion verkaufsoffener Sonntage,
dahingehend,dass auch grössere Kommunen von dieser Möglichkeit Gebrauch machten und verstärkt als Wettbewerbs – und Marketinginstrument nutzten, um sich gegenseitig Kunden abzujagen. Es bleibt dabei aber offen, ob sich verkaufsoffene Sonntage wirtschaftlich immer rechnen, d.h., ob Aufwand und Ertrag jeweils in einem vertretbaren Verhältnis zueinander stehen. Vor allem kleine und mittlere Fachgeschäfte machen die Erfahrung, dass sich häufig zusätzliche durch die Sonntagsöffnung bedingte Kosten wie Sonntagszuschläge für das eingesetzte Personal, nicht amortisieren.

Gleichwohl wird von seiten der Kommunen aber auch von durch ihre zentrale Lage privilegierten Kollegen Druck ausgeübt, aus Gründen der Solidarität trotzdem teilzunehmen. Viele Einzelhändler klammern sich auch an die Hoffnung, dass verkaufsoffene Sonntage eher langfristig wirken, weil vor allem auswärtige Besucher sich häufig erst zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, die Angebote in der betreffenden Kommune wahrzunehmen. Soweit man überhaupt von einem wirtschaftlichen Effekt sprechen will, handelt es sich bei näherer Betrachtung vielfach lediglich um eine Art Strohfeuer. Mögliche Mehrumsätze – und erträge verzeichnen dabei vor allem Geschäfte in absolut zentraler Lage, Kaufhäuser und größere Möbelhäuser, während z.B. Geschäfte in Nebenlagen oft das Nachsehen haben. Es gibt also, wenn man so will, Gewinner und Verlierer. Daher erscheint es nicht weiter verwunderlich, dass vor allem die „Gewinner“ für eine „Bereinigung“ der entsprechenden gesetzlichen Vorschriften eintreten.

Begründet werden die Forderungen nach Vereinfachung der Vorschriften über Sonntagsöffnungen aktuell insbesondere damit, dass verkaufsoffene Sonntage als ein wichtiger Beitrag zur Belebung der Innenstädte angesehen werden. Die Belebung beschränkt sich nach aller Erfahrung jedoch meist auf den jeweiligen verkaufsoffenen Sonntag selbst. Eine nachhaltige Wirkung ist jedenfalls noch nicht belegt. Über die Notwendigkeit einer Belebung unserer Innenstädte herrscht offensichtlich Einigkeit. Dass hierüber überhaupt diskutiert werden muss, ist nach meiner Überzeugung aber nicht zuletzt Folge kommunaler Fehlplanungen. Denn viele Städte und Gemeinden haben durch ihre Bauplanungen das Einzelhandelsgeschehen an die Peripherie verlagert und dadurch massiv dem innerstädtischen Handel geschadet. Auf diesen so geschwächten Einzelhandel trifft nun der Internethandel und dies inzwischen mit großer Wucht. Ob hier verkaufsoffene Sonntage die geeignete Gegenstrategie sein können, erscheint doch sehr zweifelhaft. Der Trend zugunsten des Internetgeschäfts ist eindeutig , die Steigerungsraten nehmen fast exponentiell zu. Überhaupt sind bundesweit gesehen, Umsatzsteigerungen weit überwiegend auf diesen Geschäftszweig zurückzuführen.

Aus meiner Sicht stellt sich angesichts dieser geschilderten Entwicklung die grundsätzliche Frage nach der zukünftigen Funktion der Innenstädte. Denn der Einzelhandel als bisher wichtigster belebender Faktor verliert offenbar mehr und mehr an Bedeutung. Der Rückzug z.B. der Kaufhäuser ist hierfür ein starkes Indiz. Ob innerstädtische Einkaufszentren diese Entwicklung aufhalten bzw. verzögern können, bleibt abzuwarten.

Es ist jedenfalls Aufgabe der Kommunen, ehrlich Bilanz zu ziehen, die geschilderte Entwicklung zu akzeptieren und die Weichen für die Zukunft zu stellen. Dazu gehört es z.B., Leerstände nicht länger durch zweifelhafte Zwischennutzungen zu kaschieren und über völlig neue Nutzungsmöglichkeiten für freiwerdende Flächen, wie z.B. Wohnen, nachzudenken. Ein Ideenwettbewerb, in den sich die Bürger einbringen könnten, wäre hier sicher hilfreich.“

16 Kommentare

  1. hans sagt:

    Wenn es letztlich darum geht das sich Geschäfte gegen den Onlinehandel behaupten dann ist die Sonntagsöffnung die falsche Baustelle. Ich denke das die Mieten die da teilweise aufgerufen werden so nicht bleiben können. Sie sollten sich auf Dauer den Quadratmeterpreisen von Wohnungen annähern. Lohn für eine gute Beratung sind die Menschen nach meiner Einschätzung bereit zu bezahlen.

  2. Napez sagt:

    Warum wird die Diskussion um den verkaufsoffenen Sonntag auf die Innenstädte beschränkt? M. E. ist Einkaufen (vielleicht nicht gerade Lebensmittel) längst ein Element der Freizeitgestaltung geworden. Insofern wünsche ich mir da eine weitere Liberalisierung. Schließlich darf ich an Sonn- und Feiertagen auch Essen gehen oder ins Kino. Man beachte, was am kommenden Samstag (Dreikönigstag, u. a. in Bayern) passieren wird. Der hessische Einzelhandel wird sich freuen, der in Bayern wird leiden. ich will mir weder von der Kirche (von der schon gar nicht) noch von den Gewerkschaften vorschreiben lassen, wann ich einkaufen darf und wann nicht. Im Internet gibt es ja auch keine Einschränkungen. Lassen wir das doch durch den Markt regulieren. Im übrigen war das Geschrei schon groß, als die Ladenöffnung an den sechs Werktagen liberalisiert wurde. Heute redet kaum noch jemand darüber. So wäre es mit offenen Geschäften am Sonntag auch.

  3. Brigitte Ernst sagt:

    @ Napez

    „M.E. ist Einkaufen (…) längst ein Element der Freizeitgestaltung geworden.“
    Stimmt. Seit etwa 15 Jahren erlebte ich bei 10jährigen Schülerinnen, dass sie auf die Frage nach ihren Hobbys antworteten „Shopping“.
    Ist das nicht eine begrüßenswerte Entwicklung?!

  4. hans sagt:

    zu @ Napez
    Warum sollte man Sonntags nur einkaufen können? Wenn der Sonntag ein normaler Arbeitstag für Verkäufer ist dann sollte das auch für den Rest der arbeitenden Bevölkerung gelten.

  5. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Napez

    „Lassen wir das doch durch Markt regulieren.“

    „Der Zwang zum Konsum ist ein Zwang zum Gehorsam gegenüber einem unausgesprochenen Befehl. Jeder … steht unter dem entwürdigendem Zwang, so zu sein wie die anderen: im Konsumieren, im Glücklichsein, im Freisein; denn das ist der Befehl, den er unbewußt empfangen hat und dem er gehorchen „muß“, will er sich nicht als Außenseiter fühlen. Nie zuvor war das Anderssein ein so schweres Vergehen wie in unserer Zeit der Toleranz. Denn die Gleichheit ist hier nicht erkämpft worden, sie ist eine „falsche“, eine eine geschenkte Gleichheit.“
    Pier Paolo Pasolini
    (Freibeuterschriften, 1975)

    Also nur weiter so.

  6. Anna Hartl sagt:

    @Napez
    „die Ladenöffnungszeiten liberalisiert würden, heute redet kaum noch jemand darüber“ ist schlicht falsch. Führen sie doch einfach Mal Gespräche mit den Mitarbeitern die wenn es ganz schlecht läuft, bis Mitternacht arbeiten müssen.
    Vielleicht denken sie einfach Mal darüber nach, was es für die bedeutet. Es geht nicht um die Forderungen der Kirche, sondern um die Menschen, die diesen „Service“ vorhalten müssen.

  7. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Der kritische Blick auf den Konsumterror ist etwas aus der Mode gekommen. Es werden immer neue Bedürfnisse geweckt, die den Profit in Gang halten und die Ressourcen der Erde vergeuden – und die den kritischen Geist einschläfern. Brot, Spiele und Konsum – das heutige Opium des Volkes.

  8. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Anna Hartl und Brigitte Ernst

    Man kann zur Kirche stehen, wie man möchte. Aber die Feiertagsregelungen können wir in Anbetracht der nimmermüden Liberalisierungs-Ansprüche der Freizeit-Fanatiker als einen Segen betrachten.
    Wenn eine Gesellschaft mal Ruhe braucht, dann die unsrige.
    Wie Sie sagen: Profit und Umsatz haben alle Priorität. Der kritische Geist ist in der Flasche und besoffen.

  9. Es tut gut, an den Konsumterror erinnert zu werden. Ich hatte schon befürchtet, dass ich selber schuld sei.

  10. Brigitte Ernst sagt:

    Ach, lieber Herr Flessner! Selbstverständlich ist dieser Konsumzwang zu einem großen Teil vom Käufer selbst verursacht. Der Drang nach dem Besser (als andere), Mehr, Höher, Weiter sowie die Lust am seichten Vergnügen scheint dem Menschen innezuwohnen. Auf dieser Klaviatur lässt sich leicht spielen, wenn man Konsumenten manipulieren will.
    Dies unseren Mitmenschen vor Augen zu führen und sie zum kritischen Hinterfragen anzuregen, dafür sind doch Sie und ich hier im Blog angetreten, oder?

  11. Anna Hartl sagt:

    Bin mir nicht sicher, ob es die Lust am seichten Vergnügen ist wie Frau Ernst sagt. Habe eher den Eindruck, dass Konsum zum Ausgleich für die tägliche Maloche so viel Raum einnimmt. Nach dem Motto, wenn ich mich schon die ganze Woche von meinem Arbeitgeber dominieren lassen muss, kann ich mir auch „was gönnen“. Dass der Konsument dabei gleich wieder dominiert und gegaengelt wird, merken die meisten gar nicht. Letzte Woche habe ich mit halbem Ohr einen Beitrag über Amazon verfolgt und bin aus den Wolke gefallen über ein Gerät Namens Alexa von Amazon, dass Gespräche zu Hause aufzeichnet. Anstatt dieses Teil in den Müll zu werfen, haben die „Besitzer“ ein Schild davor gestellt, dass Gespräche aufgezeichnet werden und Gäste, wenn sie dies nicht möchten, den Raum verlassen sollten. Mir fällt dazu nichts mehr ein ausser der Frage, heißen diese Geräte alle Alexa?

  12. hans sagt:

    zu @ Anna Hartl
    Ging mir ähnlich. Ich glaube ich habe hier im Bloog gelesen als die Sendung lief. Am nächsten Tag habe ich das Thema Alexa auf der Arbeit angesprochen. Ich habe einen Kollegen der so ein Teil besitzt. Eigentlich ein ganz normaler Mensch und alle Geräte heißen Alexa.

  13. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst / Anna Hartl

    „Der Zwang zu Konsum ist ein Zwang zum Gehorsam gegenüber einem unausgesprochenen Befehl.“

    Der Konsumzwang geht weit hinaus über die Lust des Menschen am seichten Vergnügen und auch über den Ausgleich für die tägliche Maloche oder Gängelei …
    Die Konsumenten, also wir, stecken längst in einer tiefen Abhängigkeit zum Kaufen, Shoppen und Verbrauchen.
    „Kaufkraft“ ist das Zauberwort der Städte im steten Wandel und Konkurrenzkampf. Die äussere Struktur ist längst zur inneren der Konsumenten geworden. Nichts bleibt unversucht, den Menschen die Lust zum Einkaufen einzuimpfen. So lange, bis sie es tatsächlich selbst glauben und verinnerlicht haben. Glücks-Shopping … Kauf dich glücklich! Verkaufsoffene Sonntage, Nacht der Museen, Nacht der Kirchen. Nacht der … ständig verfolgt von Einkaufs- und Verzehrsmöglichkeiten. Events ohne Nachtruhe. Events ohne Ende … Alles ist machbar.
    Wenn man das nicht hinterfragen soll?

    Derweil basteln die Großkonzerne an den grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Technologie. Es warten auf sie eine folgsame Schar von Konsumenten, das Neueste vom Neuesten in Händen zu halten. Und Alexa antwortet auf alles. Und wenn Alexa langweilig geworden, dann eben Big John oder Anna Anna …

  14. Brigitte Ernst sagt:

    @ Anna Hartl

    Natürlich haben alle, die hart arbeiten, das Recht auf einen Ausgleich. Es kommt dann eben darauf an, was man sich gönnen möchte. Es können Shoppingorgien sein, bei denen man sich mit Markenklamotten eindeckt, um damit anzugeben, es kann aber auch ein erholsamer Spaziergang oder ein Spieleabend mit der Familie oder Freunden sein.

  15. Alexa ist die Werkseinstellung. Man kann es umbenennen z. B. auf Trump oder Bronski. Ob dann Unterlassungsaufforderungen oder Lizenzgebühren drohen, habe ich nicht herausfinden können.
    Ich habe bereits ein Gerät mit dem man Gespräche aufnehmen kann. Es nennt sich Tonbandgerät.

  16. Anna Hartl sagt:

    @Henning Flessner
    Vielen Dank, habe gelacht.
    Ich habe bei dem Beitrag über Amazon nicht wirklich hingehört, weiss also nicht, wofür das Gerät gut sein soll. Bei mir blieb nur hängen, dass „der Besitzer“ keine Ahnung hatte, was dieses Gerät so drauf hat.
    Sie haben tatsächlich noch ein Tonbandgerät?