… und sie wären doch so gern bürgerlich!

„Klimahysterie“ ist das Unwort des Jahres 2019, gewählt von der Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres, der als eines von fünf festen Jury-Mitgliedern auch der Journalist und FR-Redakteur und -Autor Stephan Hebel angehört. Mit dem Wort würden Klimaschutzbemühungen und die Klimaschutzbewegung diffamiert und wichtige Debatten zum Klimaschutz diskreditiert, sagte die Sprecherin der Jury. Es pathologisiere pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektiver Psychose. Die Sprachkritische Aktion will mit dieser Wahl zu sprachkritischer Reflexion einladen. Im Gegensatz zu manchen früheren Unwörtern des Jahres, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt waren, ist „Klimahysterie“ weit verbreitet. Es handelt sich um einen politischen Kampfbegriff. Da verwundert es kaum, wenn die deutsche Rechte reagiert und auf dem Hausmedium der extremen Rechten, „PI-News“, das „Wahre Unwort des Jahres“ wählt: Klimaleugner. Man will die Lufthoheit über dieses Thema behalten. Sich selbst reflektieren will man eher nicht. Dazu gleich ein lesenswerter Brief von FR-Leser Robert Maxeiner.

Für Ihre Entscheidung bekam die Jury diesmal viel Lob. Bundesumweltministerin Svenja Schulze sagte, es könne nicht sein, dass man notwendige Dinge als Hysterie bezeichnet – „also so tut, als wären wir krank“. Auch der Naturschutzbund Deutschland stimmte zu, ebenso die Linke im Bundestag. Die heftige Reaktion aus dem äußerst rechten Teil des politischen Spektrums deutet darauf hin, dass die Jury auch dort einen Nerv getroffen hat. Bei der Aktion auf „PI-News“ hatten auch die Namen von zwei den Rechten verhassten Aktivistinnen gestanden: „Greta“ und „Kapitänin Rackete“. Offenbar sieht man dort in den beiden keine Menschen mehr, sondern , nun ja, Begriffe. Und dass aus dem konservativen Lager kaum Kommentare zum „Kimahysterie-Unwort“ kamen, deutet weiterhin darauf hin, dass dieser Kampfbegriff weit ins künservativ-bürgerliche Lager eingesickert ist. Das muss zu denken geben – auch über die sprachliche Verrohung generell. Also viel Gelegenheit zur Reflexion. Beginnen wir mit dem bereits angekündigten Leserbrief.

Balken 4Neurotische Angst vor Unreinheit

Stephan Hebel beschreibt in seinem Artikel treffend, wie Rechtsausleger Sprache dazu missbrauchen, ihre perfiden Ideologien zu propagieren. Sie wollen mit solchen Wortgebilden wie „Klimahysterie“ oder „Umvolkung“ provozieren, denn sie können nicht belegen, was sie behaupten. Sie legen ja so großen Wert darauf, als bürgerlich zu gelten und bezeichnen sich auch so bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Aber sie verhalten sich antibürgerlich, indem sie Norm und Moralkodex, was fairen Sprachgebrauch angeht, ständig überschreiten, d.h. sie erkennen bürgerliche, demokratische Grenzen nicht an. Stattdessen verhalten sie sich elitär, obwohl sie ja den Eliten angeblich den Kampf angesagt haben, denn sie lassen nur ihren Standpunkt, auf einer Leugnung von Realität basierend, ihre Aussagen zum Klima belegen dies, gelten. Sie wären so gerne eindeutig, aber es gibt nichts auf dieser Welt, das nur eindimensional zu begreifen ist. Und sie wären so gerne rein. Das Gegenteil von „linksversifft“ wäre somit „rechtsrein“. Gutmenschen verachten sie auch, weshalb ihre Reinheitsideologie sich als primitives Schwarz-Weiß-Denken ohne ethischen Bezug entpuppt, es sei denn, sie propagierten das Böse.
Hebel weist auch darauf hin, dass es sich bei Hysterie um ein Krankheitsbild, eine Psychose handelt. Demgegenüber wäre dann ihr Gefasel von „Volkskörper“ und „Umvolkung“ eine Art zumindest neurotischer Angst vor Unreinheit. Den Widerspruch im Subjekt oder die Ambivalenz von Gefühlen meiden sie wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Da sie so auf Eindimensionalität versessen scheinen, müssen sie alles, was anders ist, als sie selbst nicht sind, sondern unbedingt sein wollen mit ihrem Hass und ihrer Abscheu verfolgen, als könnten sie dadurch rein werden oder bleiben. Die deutsche Sprache mögen sie offenbar auch nicht, obwohl sie das Deutsche doch angeblich so sehr lieben. Stattdessen quälen sie die Sprache, die sich nicht wehren kann, mit ihren perfiden Wortschöpfungen. Sie teilen sprachlich brutal aus, können aber keine Kritik vertragen und behaupten dann feige, sie seien missverstanden worden. Sie klagen gerne und fühlen sich ständig benachteiligt und bemühen demokratische Instanzen, die sie doch verachten, um Recht zu bekommen. Offenbar halten Menschen, die von „Klimahysterie“ sprechen, einfach die Realität nicht aus, weshalb sie alle möglichen psychischen Abwehrmeschanismen wie Verdrängung, Verleugnung oder Rationalisierung mobilisieren. Das kann gefährlich werden, wenn die Realität sie plötzlich überrumpelt. Deshalb basteln sie sich eine andere Realität, beziehungsweise fordern diese ein, zum Beispiel, sich das Land zurück zu holen, das es so nie gab, und was sich, wenn überhaupt, nur mit Zwang und Gewalt herstellen ließe.

Robert Maxeiner, Frankfurt

fr-debatteSterbende Insekten sind nicht wahlberechtigt

Kinder steigern sich leicht in laute Wut hinein, wenn sie berechtigte oder unberechtigte Ansprüche nicht durchsetzen können. Ihre Hilflosigkeit gegenüber der Macht der Erwachsenen drücken sie durch wilde Sprache und Lautstärke aus. Eine gleiche Hilflosigkeit spüren viele Bürger bei berechtigten Ansprüchen an die Politik und reagieren mit immer mehr gesteigerter Wut auf bürgerfeindliche Entscheidungen und Missachtung von Rechten.
Die Umwelt stirbt. Aber dass die Bauern gut leben können mit Monsanto-Pestiziden ist wichtiger. Sterbende Insekten wählen nicht. Der Kohleausstieg ist erst am St. Nimmerleinstag 2038 geplant. Bis dahin werden die Schrottimmobilien vom Steuerzahler vergoldet und dann wird man schon Gründe für eine Verlängerung der Laufzeit finden. Tempo 130 könnte den Luxusmarken schaden. Die sind wertvoller als die Umwelt, außerdem geben sie Parteispenden.
Die eklatant auseinanderklaffenden Einkommens- und Vermögensscheren werden klag- und planlos hingenommen. Jahrelang wird an Hartz IV nichts geändert und als das Bundesverfassungsgericht die Sanktionen als verfassungswidrig bezeichnet, setzt sich Arbeitsminister Heil (SPD) einfach darüber hinweg.
Obwohl das Bundesverwaltungsgericht das Recht auf Medikamente zur schmerzlosen Selbsttötung Schwerstkranker festgestellt hat, stellt sich Minister Spahn (CDU) über das Recht und verbietet die Genehmigung.
Und selbst gegen lästige Kritiker findet die Politik immer wieder neue Wege. Verkehrsminister Scheuer (CSU) will Rechte der Bürger gegen Großprojekte verkürzen und Finanzminister Scholz (SPD) entzieht kritischen Vereinen mit der Gemeinnützigkeit ihre Existenzgrundlage.
Wer kann es Bürgern verübeln, wenn sie angesichts solcher Bürgerfeindlichkeit der Politik ihre Wut und Hilfslosigkeit in immer schärferer Sprache ausdrücken? Wer könnte es nicht verstehen, dass sie sich von solchen Parteien abwenden und Alternativen wählen. Traurig, aber die Parteien müssten einmal sehr ehrlich in den Spiegel schauen, für wen und für welche Interessen sie ihre Politik machen. Dann sind die verwilderte Sprache und die Abkehr von den alten Volksparteien keine Bücher mit sieben Siegeln mehr.
Und bevor jemand das moniert: Auch diesem Leserbrief kann man die Verärgerung und hilflose Wut über eine oft bürgerfeindliche Politik anmerken.

Manfred Alberti, Wuppertal

fr-debatteBitte die Erde retten, aber mir nichts wegnehmen

Eine „linke“ Jury hat „Klimahysterie“ zum Unwort des Jahres gewählt. Das hat eine kontroverse Diskussion ausgelöst, die Befürworter als wohl im politischen Sinne links und die Ablehner als rechts orten. Das ist allerdings reichlich kurz gegriffen. Wenn wir auf den Kern kommen, stellen wir fest, dass inzwischen die ganz überwiegende Wissenschaft ohne weltweit einschneidende Maßnahmen eine Klimakatastrophe für unausweichlich hält. Tatsache ist aber auch, dass Politik und Wirtschaft aus ihren eigenen Interessenlagen heraus das weniger als halbherzig angehen. Sie nennen also Klimahysterie, was die zur Rettung unserer Erde agierenden Bewegungen umtreibt. Doch das ist nicht rechts, sondern konservativ im schlechten Sinne, weil diese Bürger das Bestehende, das Ihnen nützt, nicht aufgeben wollen, auch wenn sie, wie der schon immer so denkende ehemalige FAZ-Mitherausgeber Müller-Vogg, begreifen müssten, was sie da vertreten. Tatsache ist natürlich auch, dass Reformer schon immer Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten des bestehenden Systems angeprangert haben und dabei auf den erbitterten Widerstand des politisch-wirtschaftlichen Establishments gestoßen sind. Heute wird dieses System von einem weltbeherrschenden Neoliberalismus verkörpert, der in den sogenannten Konservativen leider viele willige Unterstützer findet. Motto: Bitte die Erde retten, aber mir nichts wegnehmen.

Hans-Jürgen Gratz, Friedrichsdorf

7 Kommentare

  1. hans sagt:

    Sorry Bronski mir ist das zu oberflächlich. Mit dem Wort Klimahysterie wird verniedlicht was in D. derzeit aus mir nicht verständlichen Gründen passiert. Inzwischen würde ich das Lügenpresse nennen was man in rechten, ich frage mich was da rechts sein soll, lesen kann. Siehe folgendes Beispiel
    https://www.photovoltaikforum.com/core/attachment/101146-img-20200121-125411-jpg/
    Die Realität ist folgendes
    https://www.electricitymap.org/?page=country&solar=false&remote=true&wind=false&countryCode=FR
    Derzeit ist es in Frankreich unter 0 Grad Celsius und die AKW haben Probleme den Bedarf zu decken. Frankreich muss massiv Strom aus D. importieren. Es ist also genau das Gegenteil der Fall von dem was man in der deutschen Presse lesen kann. Das ist für mich gelogen und keine Klimahysterie. Warum auch immer und sollte dann auch so genannt werden.

  2. Der Begriff Klimahysterie kann durchaus mehrdeutig sein, ich habe auch erst einmal gestutzt, wie meinen die das ? Gemeint ist ja wohl, dass die Klimaleugner, muss heißen Klimawandelleugner, die Leute, die an den Klimawandel glauben, der Klimahysterie bezichtigen. Also sind die Klimahysteriker die Guten. Das war gar nicht so leicht auszumachen, sind doch normalerweise Hysteriker die Plem Plem Truppe. Man musste also den Umweg über die Nicht Hysteriker als Klimawandelleugner erkennen. Ob das die breite Masse so begriffen hat, möchte ich bezweifeln. Vielleicht liege ich ja auch komplett daneben. Unsere Regierung jedenfalls scheint der Klimahysterie nicht verfallen zu sein, tun sie doch alles , um den Klimawandel weiter zu befördern. Wenn man sich anschaut, was aus den Beratungen der Kohlekommission nun effektive Politik werden soll, da ist von Hysterie nichts zu erkenn, es ist ein eindeutiges „Weiter So“. In der Landwirtschaft das gleiche, auch ein „Weiter so“ als gäbe es so etwss wie Biodiversität nicht .Nun ist Biodiversität ein schwieriges Wort, es wäre leichter man spräche von allgemeiner Vergiftung von Fauna und Flora.
    Herr Schellnhuber in seinem Buch „Selbstverbrennung“ kommt auch zum Schluss., mit 81%iger Sicherheit geht die Sache den Bach runter. Diese Erkenntnis ist Ergebnis komplizierter mathematicher Berechnungen, denen ich leider nicht folgen konnte. Die Experten der Munich-Re, der Rückversicherungsgesellschaft, kommt auch zum Schluss, man müsse sich darauf einrichten, dass der Klimawandel stattfinde, dass 2 Grad Ziel nicht zu erreichen sei.
    Die Kohleindustrie hat alles richtig gemacht, der Verbrennung von Kohle für die nächsten 2o Jahre steht nichts mehr im Wege, Wind- und Sonnenenergie, gehen den Bach runter, als nächstes wird die PV gedeckelt und damit werden dann voraussichtlich weitere 30 000 Arbeitsplätze den Bach runter gehen, ohne dass dies die Regierung irgendwie interessiert. Was passiert hier eigentlich, werden wir von der Kohleindustrie regiert ? Aber mit Hysterikern kann man das ja machen …

  3. hans sagt:

    zu @ Jürgen H.Winter
    Ich bin bald so weit ihnen recht zu geben. Das verhalten der Bundesregierung ist für mich nicht mehr nachvollziehbar. Man hatte im ersten Entwurf letzten Sommer das Abschaffen von dem 52 GW Deckel vorgesehen. Das hat man rausgenommen. Für mich kann es dafür nur den Grund zu geben PV kaputt zu machen. Besonders Kleinanlagen und die Firmen die solche installieren. Der Mittelstand soll aus dem Thema Energieerzeugung raus gedrückt werden. Man macht das jetzt mit absoluter Brutalität. Die kleinen Solarfirmen werden im Sommer mit mehreren 10000 Arbeitsplätzen verschwunden sein und gleichzeitig wirft man der Kohle einen zweistelligen Milliardenbetrag hinterher. Das passiert inzwischen noch nicht einmal irgendwie verdeckt. Man scheint sich sehr sicher zu sein das die Wähler zu doof sind zu erkennen was da gerade passiert. Es bleibt nur die kleine Hoffnung das dem so nicht ist und nächstes Jahr der Union das Kanzleramt genommen wird.

  4. Robert Maxeiner sagt:

    Es geht nicht darum, an den menschengemachten Klimawandel zu glauben – oder eben nicht. Glauben gehört zu Religion oder Justiz. Hier geht es darum, wissenschaftliche Erkenntnisse nachzuvollziehen und entsprechende Entscheidungen zu treffen. Ähnlich verhält es sich mit der Lüge. Sie ist definiert über den Vorsatz, die Unwahrheit zu sagen. Menschen, die von Klimahysterie sprechen, verleugnen nicht nur den Klimawandel selbst, sondern auch die Massnahmen, die gegen weitere Verschlechterung des Klimas ergriffen werden müssten. Die Angemessenheit ergibt sich nicht vordergründig aus dem affektiven Aufwand der einen oder anderen Seite, sondern aus den sachlichen Zusammenhängen. Von daher könnte man auch die hartnäckige Leugnung einer Klimakrise als Hysterie ansehen.

  5. Robert Maxeiner sagt:

    Ach, und wenn es in Frankreich gerade mal kalt ist, ist damit bezüglich grundsätzlicher klimatischer Veränderungen aber auch gar nichts bewiesen. Wissenschaft arbeitet über lange Zeiträume, mit diffisilen, kontinuierlichen Messungen und erforscht mehrkausale Einflüsse. Heutzutage arbeiten unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen als Team zusammen, um zu möglichs differenzierten Erkenntnissen zu gelangen.t

  6. Hallo Hans,
    Diese unsere Regierung hat eigentlich den Punkt erreicht, wo der Staatsanwalt einzuschreiten hat. Es wird gelogen und betrogen was das Zeug hält. Sie haben das sehr schön auf den Punkt gebracht. Mit dieser Regierung wird der Klimawandel nach allen Regeln der Kunst gefördert. Was ist los mit den Leuten, werden die von Aliens erpresst oder so etwas ? Ich bin da sprachlos, wieso gibt es da keinen Aufschrei, in der Presse, auf der Straße, haben die Leute keine Kinder und Enkel, oder haben sie einfach keine Fantasie sich vorzustellen, wie die Zukunft aussieht.

  7. Hallo Herr Maxeiner,
    das Problem hatte ich bei den Hysterikern eben auch. Kommt hinzu, dass unsere Regierung so gar nicht dem Klimahysteriker entspricht, wo sie doch den Bürgern, die den Vorstellungen der Wissenschaft folgen eine Politik zumuten, die das Gegenteil von dem ist was erforderlich wäre, um die Klimaauswirkungen zu mildern. Ja, hier wird buchstäblich die Kohleindustrie mit aller Macht gefördert und alles getan, um in der Zukunft die Abschaltungen nicht einhalten zu können, da ja leider kein grüner Strom da sei. Das scheint übrigens der Hebel zu sein, mit dem auch in Zukunft ein Umsteuern auf Klimafreundlich verhindert werden soll. Es wird einfach jeder grüner Strom verhindert, denn niemand hat bisher von Staatswegen erklärt, wo denn in Zukunft der Strom herkommen soll, wenn die Kohlekraftwerke vom Netz gehen sollen. Das ist der Plan, dann kann man eben (leider) nicht abschalten. So etwas nenne ich perfide.