Die Konstruktion von Gegensätzen und Zusammenhängen

Worüber sprechen wir, wenn wir über Religion sprechen? Aus meiner Erfahrung aus unzähligen Blog-Debatten heraus würde ich sagen: über das unterschwellig Trennende. Religion wird herbeigezerrt, wenn es nötig wird zu klären, was „uns“ von „denen“ unterscheidet. Zum Beispiel „uns Christen“ von „den Muslimen“. Auch Agnostiker und Atheisten tappen in diese Falle. Sie reden vielleicht nicht vom christlichen Abendland in Abgrenzung vom islamischen Morgenland, aber sie sprechen durchaus von Leitkultur und beziehen so religiöse Einflüsse ein, auch wenn sie dies vielleicht nicht wollen. Die Sehnsucht nach Selbstvergewisserung ist groß in einer Zeit, in der die Unsicherheit wächst, aber brauchen wir eine religiöse Regression, um der so empfundenen Unterwanderung durch „den Islam“ zu begegnen? Sollten wir uns nicht vielmehr darum bemühen, das Religiöse aus dem interkulturellen Dialog herauszuhalten, wenn es darum geht, die Gemeinsamkeiten zu betonen, nicht das Trennende? Oder wollen wir in Wahrheit gar nicht in Gemeinschaft mit Muslimen in diesem Land leben? Warum schauen wir also eher auf das Trennende und nicht auf das Verbindende? Weil wir durch Religion geprägt sind – wir alle, egal wie mühsam man sich von ihr zu emanzipieren versucht?

Das Reden über Religion ist daher immer ein Reden über uns selbst. FR-Autor Arno Widmann hat dazu einen streitbaren Text geschrieben, der passenderweise am 24.12.2018 in der FR erschienen ist: „Religionen machen die Menschen nicht besser„. Es war klar, dass dies Widerspruch zeitigen würde. Die Frage bleibt dennoch: Wenn Religionen die Menschen nicht besser machen – machen sie sie dann eventuell schlechter?

Als Replik auf Widmanns Text folgt hier ein langer Gastbeitrag von Alexander von Oettingen aus Bad Homburg, der im Print-Leserforum der FR nur um die Hälfte gekürzt veröffentlicht werden konnte.

Die Konstruktion von Gegensätzen und Zusammenhängen

Von Alexander von Oettingen

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Ein einleitendes knappes Drittel seiner Spalten verwendet der Beitrag auf christentumskritische Bemerkungen; sie mögen dem Autor wichtig sein, aber was etwa der Hinweis auf Religionskriege oder die Feststellung „Kein Verbrechen, dass nicht auch im Namen Gottes .. begangen wurde.“ mit dem Thema zu tun haben mögen, will sich mir nicht erschließen. Aber ärgerlicher noch ist für mich, wenn die in diesem Zusammenhang anzutreffenden spitzen Anmerkungen schief stehen. Nur zwei Beispiele.

Widmann stellt gegeneinander die Gesetze des Hammurabi und die biblischen 10 Gebote um zu pointieren, dass man „weltliches Recht“ auch ohne „göttliches“ Recht haben kann. Allein: nach biblischer Überlieferung präsentiert Mose in einer großen Rede zunächst den Dekalog (seit Albrecht Alt spricht man hier vom „apodiktischen“, also ohne Bedingungen und Einschränkungen geltenden Recht) und sodann eine Vielzahl von nach heutigem Sprachgebrauch zivil- und strafrechtliche Normen, seit Albrecht Alt als „kasuistisches“ Recht bezeichnet (ein „Fall“ bzw Tatbestand wird beschrieben – wer das und das getan hat – , und daran wird eine Rechtsfolge geknüpft – wird so und so bestraft bzw muss den-oder-jenen Ersatz leisten). Dieses kasuistische Recht und der Codex Hammurabi gehören ein- und derselben altorientalischen Rechtskultur an. Apodiktisches und kasuistisches Recht bilden das Bundesbuch, so wie Grundgesetz einerseits und Straf- und Zivil-Recht (und weitere Rechtsgebiete) andererseits zusammen unsere Rechtsordnung darstellen. In biblischer wie grundgesetzlicher Façon nimmt das „weltliche“ Recht Bezug auf das „göttliche“ und belegt die nachhaltige Wirkung Hammurabis, bei dem es, wie Widman selbst erwähnt, genauso liegt. Indem Widmann den biblischen Zusammenhang göttlich-weltlich bzw apodiktisch-kasuistisch ausblendet, konstruiert er einen Gegensatz, wo in Wahrheit ein Traditionszusammenhang besteht.

Ein anderer Punkt: Der Satz „Wo es Gott gibt, ist alles erlaubt.“ ist mir nicht als biblischer Satz bekannt. Man könnte vielleicht an Augustin denken, der den Satz „ama deum et fac quod vis“ („liebe Gott, und dann tu, was du willst“) geprägt hat, aber selbst dieser Satz wäre kein Freibrief, da er jedwedes Handeln an die Prüfung bindet, ob das Handeln mit der Liebe von Gott bzw zu Gott vereinbar ist.

Im Hauptteil stellt der Autor die buddhistische Göttin Guanyin als Göttin des Mitgefühls vor. Sie ist ihm Erweis, dass das Christentum nicht als (alleinige) Religion des Mitleids und der Nächstenliebe verstanden werden kann. Menschen suchen bei ihr Trost und Glück, schreibt er, um daran den Satz anzuschließen: „Guanyin nagelte dafür nicht ihren Sohn ans Kreuz.“ So einfach geht das: die indische Gottheit bringt Glück, der Christengott hingegen nagelt ans Kreuz. Schade, weil unter Niveau, und billig, weil antiaufklärerisch. Die bohrende Frage, wie es kommen kann, dass Menschen zum Mob werden und einen Rabbi ans Kreuz nageln lassen, die Frage also nach der conditio humana kommt gar nicht erst in den Blick. Mehr über Glück und Trost erfährt man (leider) auch nicht.

Ich übergehe die religionsgeschichtliche Gelehrsamkeit des Autors, mit der u.a. die Traditionsgeschichte der Muttergottes nachgezeichnet wird und frage mich: Warum kommt der Autor nicht auf die Idee, jene was das Christentum betrifft berühmte Stelle aufzusuchen, in der gleich mehrfach von Glück und Seligkeit gesprochen wird ? Ich meine die Seligpreisungen der Bergpredigt, die glückselig (makarios) nennen die Armen und Trauernden, die Sanftmütigen und die nach Recht Dürstenden, die Barmherzigen und die Friedensstifter, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten und die Geschmähten. Die Weisheit und Bedeutung dieser Ratschläge des Rabbi Jesus werden am deutlichsten erkennbar, wenn man fragt: wie wünschenswert wäre eine Gesellschaft, wenn es Vertreter der genannten Haltungen nicht gäbe ? An dieser Stelle wäre der gegebene Ort, über die Perspektiven des Glücks oder, frei nach Kant, über die Bedingungen der Ermöglichung von Glück nachzudenken, hier auch der Ort, sich zu besinnen auf das Unglück, das aus Verrat und Missbrauch dieser Ratschläge zu erwachsen pflegt bis hin zu Krieg und Elend.

Am Ende zitiert Widmann den Theologen Schleiermacher. Den Gedanken von der Verbindung von Endlichkeit und Unendlichkeit in der Religion greift er auf. Man bleibt aber ratlos. Dass man Schleiermacher den „Kirchenvater“ des 19. Jahrhunderts nannte, muss man nicht wissen, aber es würde helfen, wenn man wenigstens andeuten würde, dass dieser Theologe versuchte, Aufklärung und Frömmigkeit zusammenzubringen. Bei Widman klingt es, als ob hier ein Pfarrer Religion ohne Gott und Christus predige.

Als langjähriger FR-Leser wünsche ich mir: wenn schon Christentumskritik, dann bitte nicht unterhalb der Standards von Fachlichkeit und Aufklärung. Und vielleicht wäre auch einer Überlegung wert, wie man das Reden über Religion gestalten kann, damit es zur Verständigung der Gesellschaft über sich, ihre Grundlagen und die Festigung der Demokratie beitragen kann.

27 Kommentare

  1. Jutta sagt:

    Insofern allein die sozialen Beziehungen zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist die Dreifaltigkeit des christlichen Gottes begründen, kommt es lediglich darauf an, sich davon einen eigenen Begriff zu machen. Liest man dabei Nietzsche („Gott ist tot“, in: Die fröhliche Wissenschaft) an der Sache orientiert, offenbart sich dessen Kritik an einer Machtstruktur, die einem die Erkenntnisgewinnung auf solch einem existenziellen Gebiet versperrt. Sind die Zugänge verschlossen und ist keine Einsicht möglich, gibt es auch keinen Gott oder falls es ihn je gegeben hat, ist er spätestens dann tot. Das Gebot der Stunde lautet demnach unabhängig vom Glauben und der jeweiligen Religion, angesichts der dadurch blockierten Arbeit am Begriff nicht zu resignieren, weil ansonsten Verrat an der Wahrheit geübt wird. Immerhin ist der Widerspruch, eine tote Gesellschaft nur um den Preis fehlender Weisheit erreichen zu können, kaum durchzuhalten. Wenn etwa Baden-Württemberg sich jüngst selbst in aller Öffentlichkeit rühmt, die innovationsstärkste Region Europas zu sein, ist die Behauptung der Stuttgarter Landesregierung überaus voraussetzungsvoll. Vor allem die Frage, wie es insbesondere Ministerpräsident Kretschmann als erklärtem Katholiken gelang, das Tor zu lebendiger Arbeit zu öffnen, harrt seitdem einer zufriedenstellenden Antwort.

  2. Religion ist – objektiv gesehen – der Versuch des Menschen, das ihm in einem metaphysischen Sinn Nichtfassbare zur Sprache zu bringen. Dabei bedient er sich seiner ihm je eigenen Sprache, mit welcher er auch seine Erfahrungen, sein Handeln, seine auf Empirie basierende Ethik und seine Zukunftshoffnungen beschrieben hat und noch beschreibt, wenn auch mit je unterschiedlichen Akzentuierungen. Folglich verwechselt der religiöse Mensch die logischen Ebenen. Denn er nutzt zur Beschreibung dessen, was er nicht kennt, aber erkennen möchte, die Begrenztheit der ihm verfügbaren sprachlichen Bilder und Ausdrucksmöglichkeiten.

    Dies war den Verfassern und Bearbeitern des Dekalogs bekannt und sie drückten den unüberbrückbaren Unterschied zwischen Mensch und hypothetischem Gott in dem Verbot aus: „Du sollst dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt dessen, was im Himmel oben und was auf Erden unten und was im Wasser unter der Erde ist“ (zitiert nach N. H. Tur-Sinai, Die Heilige Schrift. Neu ins Deutsche übertragen; Jerusalem 1954).
    Der jüdische Religionsphilosoph Philo, der um die Zeitenwende in Alexandria lebte, entwarf eingedenk dieser biblischen Weisheit eine „negative Theologie“, in der er beschrieb, was Gott nicht ist. Nämlich kein Mensch und mit menschlichen Maßstäben nicht fassbar und beschreibbar. Für ihn war Gott das Seiende, das keinen Ort hat, das sich selbst gehört und das sich von niemandem aneignen lässt.

    Auf dieser Stufe der Erkenntnis lässt sich zwar weiterdenken, aber kaum noch spekulieren. Als Agnostiker mit protestantischem Taufschein neige ich der These des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein zu: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ („Tractatus logico-philosophicus“, 1921).

    Mein Fazit: Sprechen wir vom Menschen. Denken wir darüber nach, wie er sich von seiner Dummheit und allem, was daran hängt, befreien kann. Widmen wir unser Manifest – in Anlehnung an Friedrich Schleiermacher – den Gebildeten unter den Verächtern des Denkens.

  3. Jutta sagt:

    Das Problem, das Klaus Philipp Mertens anspricht, dass man nicht wissen kann, was gewissermaßen hinter den Bergen vor sich geht – und sei es ein Gelage der Götter oder eine Intrige der Reichen – stellt sich immer und ist nicht nur auf religiöse Menschen beschränkt. Das heißt: Auch wenn die dortigen Ereignisse der eigenen Anschauung von vornherein entzogen sind, beeinflussen sie dennoch den Alltag. Es geht insofern nicht darum, sich von etwas einen Begriff zu machen, was ohnehin unerreichbar ist, sondern der Gegenstand sind die Erscheinungen im täglichen Leben, die sich vor allem in den sozialen Beziehungen dazwischen niederschlagen, an die jeder Mensch gebunden bleibt, weil er ein Ensemble der gesellschaflichen Verhältnisse ist. Naheliegend ist aus diesem Grund, die Logik zu entschlüsseln, die dem Sozialen innewohnt. Nur dann, so lässt sich daraus schließen, wenn bekannt ist, wie eine moderne Gesellschaft funktioniert, ist es möglich, verantwortlich zu handeln.

  4. Ein weites Feld. Religion allgemein ist der Versuch, das unerklärbare zu erklären .Naturgemäß führt das zu nichts , denn Religionen basieren immer auf spekulativen Annahmen. Alle .Egal was man damit zu beweisen sucht , es sind zwangsläufig falsche Fakten. Als Nicht-religiöser Mensch kann man spekulieren, ob dies nicht auch eine evolutionäre Entwicklung ist, hat doch Religion dazu geführt, für die jeweils richtige Sache/Gott Menschen tot zu schlagen im Sinne von „tötet die Ungläubigen“….

  5. Jutta sagt:

    Wenig einleuchtend ist, wie Jürgen H. Winter zu prophezeien, dass die Aufklärung des Sozialen und seiner inhärenten Logik sogleich Mord und Totschlag nach sich zieht. In der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau vom 12. Dezember 2018 war von Simon Berninger ein Artikel zum Tod des Philosophen Spaemann zu lesen, der darauf hinweist, dass „wichtig ist, was immer ist“. Daraus kann man schließen: Gott ist immer, muss es aber nicht. Zunächst kann man sich auch damit begnügen, herauszufinden, was gesellschaftlich schon seit jeher von Bestand ist und auch in ferner Zukunft nicht hinfällig sein wird. Dass Forscher bedroht werden und enormen Risiken sich ausgesetzt sehen, die ihr Leben solch einer Aufgabe gewidmet haben, ist ein davon zu unterscheidendes Problem. Die eigentliche Gewinnung von Erkenntnissen jedenfalls geht nicht zwingend mit Kapitalverbrechen oder gar Verbrechen gegen die Menschlichkeit einher.

  6. Hallo Jutta, Fakt ist doch, dass Religionen Mord und Totsachlag zur Folge hatten und haben.Für mich erschließt sich nicht, welchen Sinn Religionen haben, wenn sie doch nur die Menschen dazu bringen , sich gegenseitig zu bekämpfen, Dass sie alle nur gutes wollen sei dahingestellt, jedenfalls steht es in den Programmen, in der Realität bekämpfen sie doch nur einander.

  7. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    Fakt ist, dass Menschen im Allgemeinen und Menschen, die von Ideologien welcher Art auch immer angetrieben werden, leider zu Mord und Totschlag neigen.

  8. Jutta sagt:

    Bevor hier die Diskussion in das generelle Bedauern abgleitet, dass der Mensch nunmal schlecht und insbesondere Mord und Totschlag seiner Natur geschuldet ist, soll stattdessen gefragt werden, ob Mörder tatsächlich über ihr unschuldiges Opfer jemals triumphieren können. Das ist längst nicht ausgemachte Sache und daher völlig offen. Liefert eine dementsprechend weit in die Tiefe des menschlichen Wesens reichende Untersuchung der Realität dafür kein Argument, ist es von Anfang an komplett sinnlos, sich in Schwarzmalerei zu ergehen.

  9. Ob Menschen gut oder schlecht sind sei dahingestellt, mein Anliegen ist doch nur zu zeigen, dass Religionen eine zusätzlichen Konfliktpunkt in die Welt bringen, eine Kraft, die über innere Überzeugungen verfügt und grausliches anrichten kann und tut.Ohne Religionen würde es der Menschheit besser gehen.Ein Knackpunkt weniger !!

  10. Jutta sagt:

    @ Jürgen H. Winter
    Die Freiheit der Religionsausübung ist in Deutschland vom Grundgesetz garantiert. Ihrem öffentlichen Aufruf, mit der Verfassung zu brechen, mangelt es deshalb an einer Begründung.

  11. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    Sie machen es sich zu einfach. Wenn Menschen nicht das Gefühl hätten, ihr Glaube gebe ihnen Trost und Rat in ihrem täglichen Leben und diene zur Bewältigung von Ängsten vor dem Tod, wären Relgionen längst verschwunden.
    Und vergessen Sie nicht, dass sie auch Positives bewirken können. Denken Sie an die vielen Ordensleute in aller Welt, die aus ihrem Glauben heraus ihr Leben der Sorge für ihre Nächsten widmen. Gerade in der Krankenpflege haben sie in der Vergangenheit viel Gutes geleisten, ohne an sich selbst und gesetzlich garantierte Arbeitszeiten zu denken. Dass der Nachwuchs an Ordensleuten schrumpft, wird in den christlichen Krankenhäusern schmerzlich wahrgenommen.

  12. Die Freiheit der Religion ist nicht anzutasten,keine Frage, dass in ihrem Namen auch gutes geschieht wird nicht bestritten, nur sollte dies jeder in seinem stillen Kämmerlein tun, sobald dies in der Öffentlichkeit passiert brechen die Gegensätze auf und führen zu Schwierigkeiten, um das mal nett zu umschreiben. Im übrigen spreche ich von Religion im allgemeinen, alle basieren auf irgendwelchen Annahmen, die durch nichts zu belegen sind, und wenn sie für manche Menschen Trost und Hilfe sind , nun ja. Für mich hat es immer gereicht, zu wissen, dass ich auf einem Brocken Materie sitze, der um die Sonne durch den leeren Raum fliegt, ohne dass ich runterfalle und unendlich viel zusammenkommt, um dies möglich zu machen, warum auch immer . Das ist mir Wunder genug, da brauche ich keine Hilfskonstruktionen.

  13. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    Das mit dem stillen Kämmerlein ist so eine Sache.
    Jeder politischen Gruppierung und jedem Verein ist es erlaubt, öffentliche Veranstaltungen abzuhalten. Wollen Sie da bei religiösen Gemeinschaften eine Ausnahme machen?

  14. Hallo Frau Ernst, gute Frage. Es spricht manches dafür, manches dagegen. Die Brisanz liegt bei Religionsfragen doch immer in der Überzeugungsgeschichte, hier geht es um Glauben, also letztlich um Irrationales, basierend auf irgendwelchen Annahmen, die für die Gläubigen Tatsachen sind, obgleich sie es eigentlich nicht sind.Es ist letztlich das Problem mit Religionen.Es hat sich über die Jahre gezeigt, das der gegenwärtige Zustand wohl der erträglichste ist,aber Konfliktstoff bietet er auf jeden Fall, ergo wären wir wohl ohne Religionen besser dran.

  15. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen H.Winter

    Wen meinen Sie mit „wir“? Sicher nicht die vielen Menschen, die nach Schicksalsschlägen, bei Krankheit und Tod Trost in einer Religion finden oder diese als Stütze und Wegweiser brauchen, um durch das komplizierte Leben hindurchzufinden. Der Mensch ist nicht nur ein rationales Wesen.

  16. Hallo Frau Ernst, wenn ich sage wir meine ich die Menschen schlechthin.Frage: wie kann ein Mensch in etwas Trost und Stütze finden, dass vernünftiger Überlegung nicht standhält, da es ja einfach irgendwelche Annahmen sind, je nach Religion ? In den meisten Fällen , und das ist eins der Probleme, werden Menschen schon als Kinder an eine Religion „gewöhnt“, später kommen sie häufig da nicht mehr raus, die Angst vor dem Höllenfeuer steckt dann drin. In der Praxis haben sie sicher Recht, der Mensch klammert sich an so manches als Trost und Stütze, manche haben einen Hund oder eine Katze.Man kann das auch in alle Richtungen weiter denken, aber die Grundfrage war doch,wenn ich richtig liege, ist Religion nützlich oder nicht. Ich meine nicht.

  17. Jutta sagt:

    @ Jürgen H. Winter
    Wenn selbst Max Horkheimer einräumt: „Die kritische Theorie enthält zumindest einen Gedanken ans Theologische, ans Andere“ (in: Band 97 der Stundenbücher, 1970, S. 76), sind Sie in der Begründungspflicht, weshalb Ihrer Auffassung gemäß Religion keiner vernünftigen Überlegung standhält. Davon auszugehen, dass der Spiritus Rector der Frankfurter Schule wissenschaftlichem Fehlverhalten schuldig ist und die kritische Theorie in ihrem Gehalt falsch auslegt, ist eine ziemliche Ungeheuerlichkeit, die nach einem stichhaltigen Beleg verlangt. Immerhin spricht Horkheimer ausdrücklich von seiner Furcht, dass es diesen Gott nicht gebe. Im Vergleich dazu präsentieren Sie sich hier im Blog in aller Öffentlichkeit als völlig furchtloser Mensch; was ziemlich unglaubwürdig ist.

  18. Hallo Jutta, zu viel Ehre. Wir haben Meinungsfreiheit in diesem Land.Meinen Standpunkt in Sachen Religion oder wie Herr Horkheimer sagt das Andere habe ich im vorgehenden schon dargelegt. Mut erfordert das nicht , lediglich ein wenig Einsicht in das, was ist.Wir sind dumme Menschen, dafür können wir nicht, aber wir sollten es wenigstens erkennen . Meiner Meinung nach ist das wenige,was auf wissenschaftlicher Ebene erkannt wurde kein Grund, Religion ins Spiel zu bringen. Im übrigen, wie kann man Religion studieren ? Wie kann man behaupten, dass es Gott oder Götter gibt , vor allem lauter verschiedene ? Wie gesagt, ein weites Feld.Da darf ja wohl jeder seine eigene Meinung haben.

  19. Jutta sagt:

    @ Jürgen H. Winter
    Bisher tragen Sie lediglich Behauptungen vor. Meinem politischen Argument, dass Sie in der Begründungspflicht sind, zu sagen, weshalb Ihrer Auffassung gemäß Religion keiner vernünftigen Überlegung standhält, weichen Sie aus und zetteln stattdessen eine rechtliche Debatte zu den Grenzen der Meinungsfreiheit an. Angesichts der Beliebigkeit, die Sie auf diese Weise an den Tag legen, ist es unmöglich, auf Ihre Beiträge zu antworten. Jedwede Diskussion erstickt dadurch bereits im Keim.

  20. Stefan sagt:

    Die Diskussionsteilnehmer haben von dem christlichen Ansatz der Philosophie Karl Jaspers‘ noch nichts gehört mit der er die heutige Zeit und deren Menschen als geschichtsvergessen in Ermangelung von Geschichtsbewußtsein kritisiert.
    Und es kann dieser von Jaspers beschriebene Umstand, der damit auch Gefahr für Demokratie beschreibt, nur dadurch gelöst werden,indem der Mensch erneut lernt, sich als geschichtliches Wesen zu begreifen und das ist zutiefst biblisch. Wer die Wurzeln unser aller Kultur wegdiskutieren will, ist ein Dilettant.

  21. Stefan sagt:

    Der Gegensatz zu Rationalität ist nicht Irrationalität, sondern Emotionalität. Wer diese leugnet, erfasst den Menschen nur bruchstückhaft.
    Das ist das Dilemma auch unserer Zeit,in der der Glaube, die Vernunft als Göttin zu verehren seit der Französischen Revolution immer noch nicht ausgestorben ist.

  22. Stefan sagt:

    Sind die Wurzeln unserer Kultur nützlich, oder kommen wir ganz ohne Kultur heutzutage aus?

  23. Stefan sagt:

    Wenn für einen Menschen sein letztes Stündlein schlägt, ist schwer zu glauben, dass er sich vernünftigen Überlegungen hingibt. Ganz in Emotionalität getaucht versucht er den letzten Schritt, den er oder sie allein gehen muss verkraften zu können.

  24. Stefan sagt:

    Noch zu bemerken ist, dass sich Menschen, die Religion ablehnen, sich Ersatzreligionen schaffen, die sie vertreten. Angesichts des Nichts kann keiner leben.

  25. Stefan sagt:

    Ludwig Wittgenstein sagte aber auch, die Philosophie ist keine Lehre,sondern eine Tätigkeit und es sollen die Gedanken, die gleichsam trübe und verschwommen vorhanden sind, klar gemacht und scharf abgegrenzt zuhanden werden. Es ist halt nicht jedermanns Sache Rationalität und Emotionalität zu verbinden, um den Menschen wenigstens annähernd ganz zu erfassen. Die Existenz des Menschen hingegen wird immer ein Mysterium bleiben.

  26. Stefan sagt:

    Was ist die Beschränkung auf das wissenschftlich Gegebene doch nur ein ärmlicher Ausschnitt dessen, was den Menschen insgesamt ausmacht. Wer sich nur auf wissenschaftliche Faktizität beschränkt vertritt ein geschlossenes System.
    Wissenschaftlich ist aber offen zu sein gegen unendlich und alles immer erneut zu hinterfragen

  27. Stefan sagt:

    Der Versuch einer Bestimmung des Menschen in Charakterisierung in folgender Reihenfolge:
    Es gibt fünf Arten der menschlichen Freiheit wie menschliche Entwicklung verlaufen könnte.
    Erstens räumlich gesehen zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit
    Zweitens zeitlich gesehen zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit
    Drittens zur Sinnerfüllung
    Viertens von der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit
    Fünftens schenkt uns das Leben einzigartige Momente
    Zur Päzisierung der fünf Weisen menschlicher Freiheit:
    Erstens als ein offenes System hat der Mensch ein Streben nach Unendlichkeit
    Zweitens als offener Mensch ein Streben nach Ewigkeit
    Drittens als offener Mensch ein Streben nach Vervollkommnung von Sinnerfüllung
    Viertens als offener Mensch ein Streben nach Vollkommenheit
    Fünftens hat der offene Mensch das Bestreben, seinem geschlechtlichen Gegenpart einzigartige Momente zu schenken