Sternsinger: Das Anmalen selbst ist noch kein rassistischer Akt

Wenn man den „Skandal“ um die Mohren-Apotheken noch im Ohr hat, äugt man von vornherein skeptisch auf das, was da jetzt wieder um die Ecke kommt: Manche Sternsinger malen ihr Gesicht schwarz an, weil einer der heiligen drei Könige, die sie darstellen, schwarz gewesen sein soll. Dafür gibt es sogar einen eigenen Begriff: Blackfacing. „Eine solche Praxis zu verteidigen und aufrechtzuerhalten, bedeutet an rassistischen Strukturen festzuhalten“, sagt Josephine Apraku vom Berliner Institut für diskriminierungsfreie Bildung.

Es geht im Grunde um zwei Sachverhalte, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben – und um das vorwegzunehmen: auch auf den zweiten Blick nicht. Einmal um eine Tradition, einen mehr oder weniger christlichen Brauch, bei dem Kinder etwas Gutes tun. Nun kann man darüber streiten, ob es der historischen Wirklichkeit bzw. der Wirklichkeit der Überlieferung entspricht, dass  einer der Könige, die nach der Jesuskrippe suchten, schwarz war oder nicht. Ursprünglich war er es wohl nicht, wurde im Lauf der Jahrhunderte aber dazu. Dass Könige schwarz sein können, ist schwerlich rassistisch. König T’Challa aus dem Kino-Erfolg „Black Panther“ lässt grüßen. Dieser Mann, Herrscher über das Königreich Wakanda im Herzen Afrikas, ist sogar ein Superheld, und der durchaus sehenswerte Streifen, in dem bis auf zwei weiße Schauspieler alles schwarz ist, hat bisher rund 1,35 Milliarden US-Dollar eingespielt und liegt  in den USA auf Platz 3 der Liste der erfolgreichsten Filme im Jahr 2018. Ein schwarzer König als Identifikationsfigur.

Zweitens geht es um Comedy. So würde man heute wohl dazu sagen. Wobei unsere zeitgenössische Comedy ja ziemlich weitgehend politisch korrekt ist. Von der des Thomas D. Rice wird man das zumindest aus heutiger Sicht nicht behaupten können. Dieser Komiker, der 1860 starb, wurde in Nordosten der USA berühmt durch seine Parodien von Sklaven, also von Schwarzen. Dazu malte er sein Gesicht schwarz an. Er schuf das Stereotyp vom ständig fröhlichen, singenden und naiven Sklaven, der seine Herren trotz harter Arbeit liebt, und begründete so die Tradition der „Ministrel Show„, die bis etwa 1870 anhielt, also nicht von Dauer war. Diese Darstellung von Schwarzen ist klar rassistisch. Doch ohne dies verteidigen oder schönreden zu wollen: Bei einer Bewertung müsste man die Maßstäbe jener Zeit anlegen. Heute haben wir andere Maßstäbe.

Was Rice da gemacht hat, wird also auch Blackfacing genannt. Ist dies dasselbe wie bei den drei Königen? Ein Kind malt sein Gesicht schwarz an. Auch Rice hat sein Gesicht schwarz angemalt. Eine Parallele? Mit welcher Intention? Rice tat im Grunde nichts anderes, als einen Clown zu erschaffen, um die Lacher auf seiner Seite zu haben und endlich seinen Durchbruch als Komiker zu schaffen. Nur ist sein Clown keiner mit roter Gnubbelnase und breitem Gelächter im Gesicht, sondern einer mit schwarzem Gesicht und stereotypen Charaktereigenschaften, eine rassistische Figur. Wenn Sternsinger ihr Gesicht schwärzen, tun sie dies nicht, um als Clown zu gehen. Der schwarze König ist einer von drei Königen, unter denen es kein Bedeutungsgefälle gibt. Die Stereotypen sind ganz anderer Art und handeln von Erleuchtung, Würde und dem Willen, zu helfen und Gutes zu tun. Sie beleidigen niemanden, machen sich nicht lustig, grenzen niemanden aus. Und: Niemand wird gezwungen.

Balken 4

Leserbriefe

Beate Wilmes aus Freigericht meint:

„Ihr Artikel hat mich sehr enttäuscht. Wir lesen seit 30 Jahren gerne die FR, vermissen jedoch positive Berichterstattungen zu kirchlichen Themen. Die Sternsingeraktion wäre eine Möglichkeit dazu gewesen, stattdessen entdecken Sie auch hier das „schwarze Schaf“.
Seit vielen Jahren bin ich bei der Vorbereitung und Durchführung der Sternsingeraktion in unserer Pfarrei beteiligt, und es bereitet mir immer wieder eine Gänsehaut, wenn ich am Ende des Tages die erschöpften und dennoch begeisterten Kinder erlebe. Diese acht- bis 13jährigen Könige, Königinnen und Sternträger sind von neun Uhr bis 17 Uhr unterwegs, um den Segen Gottes in die Häuser zu bringen und sich für Kinder einzusetzen, denen es nicht so gut geht. Und das bei Wind und Wetter! Es ist nicht in Worte zu fassen, wie viele Eindrücke diese Kinder an einem solchen Tag sammeln, welchen unterschiedlichsten Menschen sie an den Haustüren begegnen und wie sie jedem die gleiche Botschaft bringen, unabhängig von Konfession, Nationalität oder gesellschaftlicher Stellung. Das bedeutet Sternsinger sein! Die unwichtigste Frage dieser Aktion in unserem Dorf ist, ob einer der drei Könige schwarz angemalt wird oder nicht. Übrigens, unser Pfarrer ist Afrikaner, und auch ihm ist es völlig egal, ob es farbige Könige bei uns gibt.“

Manfred Esmajor aus Mönchengladbach:

„Als die Sternsinger an meiner Tür klingelten und ich das braune Gesicht des einen Königs sah, erinnerte ich mich an die Kritik von Frau Apraku (FR vom 5. 1. 19, Panorama) und verlangte sofort, diesem Rassismus ein Ende zu setzen und die Farbe sofort und ohne Zögern abzuwischen. Doch wie sehr die Kinder sich auch bemühten, es gelang ihnen nicht. Da entdeckte ich, dass die Farbe nicht aufgetragen war, sondern von der starken Pigmentierung der Haut herrührte. . . .
Im Ernst: Die Kritik des Instituts für diskriminierungsfreie Bildung an der Gesichtsbemalung beim Dreikönigssingen ist in gewissem Sinne überholt: Schon längst wird die Aussage, dass die Botschaft der Liebe Gottes den Menschen aller Hautfarben gilt (so lässt sich die Darstellung der Könige ja auch als Signal gegen Rassismus lesen), in unserer (hoffentlich) weltoffenen Gesellschaft durch die Vielfalt der Kinder selbst repräsentiert. Allerdings, ich gebe zu: Solange dunkelhäutige Sternsinger nicht auf die Idee kommen, sich das Gesicht weiß zu färben, damit das Verhältnis 1:2 bei den Königen gewahrt bleibt, fehlt noch die Symmetrie. Aber die Frage ist nicht, ob die Haut auf natürliche oder künstliche Weise dunkel ist, sondern wie wir damit umgehen. Das Färben selbst ist noch kein rassistischer Akt. Mein Rat: Lassen wir die Kinder das Gesicht bemalen – und wehren wir uns entschieden, natürlich auch pädagogisch, gegen jeden Anflug von Wertung, der damit verbunden sein könnte.
Um diese meine These zu unterstreichen, phantasiere ich ein zweites Szenario: Ein Bürger sagt anlässlich des Dreikönigsbesuchs zu dem schwarzen König: „Du solltest dich schämen, dich schwarz zu bemalen – sei froh, dass du von Natur aus weiß bist!“ In diesem Fall wäre umgekehrt die Ablehnung der Färbung ein schlimmes Zeichen von Rassismus. Ich bleibe also dabei: Der Rassismus steckt nicht im Bemalen, sondern in seiner Interpretation.“

4 Kommentare

  1. Angelica Werner sagt:

    Eine halbe Seite über vermeintlich rassistische Strukturen bei dem Brauchtum „Sternsinger“– es scheint nichts wichtigeres zu geben, über das man berichten könnte! Es wäre schön, wenn auch mal über die ausgesprochen gute Zusammenarbeit zwischen der Katholischen Mariae Himmelfahrt-Gemeinde und der Eritreischen Katholischen Gemeinde in Frankfurt-Griesheim berichtet würde! Ob dunkel- oder hellhäutig ist dort kein Thema! Für diese beiden Gemeinden wäre es kein Problem, wenn sich drei dunkelhäutige Kinder auf den Weg zum Sternsingen machen würden!
    Der Legende nach waren es drei bedeutende Personen, egal wie sie betitelt werden und wie sie heißen, die dem Weg des Sternes folgten. Sie sollen aus den damals bekannten Erdteilen Afrika, Asien und Europa gekommen sein. So hat nach unserer Vorstellung der aus Afrika kommende Sterndeuter eine dunkle Hautfarbe. Er kommt mit einem Elefanten. Der aus dem Nahen Osten kommende Sterndeuter hat ein Kamel und der aus Europa kommende ein Pferd bei sich.
    Da die Kinder das Brauchtum möglichst authentisch darstellen wollen, verkleiden sie sich entsprechend und ein Sternsinger sollte wenn möglich dunkelhäutig sein. So das Bild, das sich die Kinder vom damaligen Geschehen machen, sie spielen sozusagen Theater für uns – was ist daran Diskriminierung? Ist kein echter dunkelhäutiger Sternsinger beim Team, schwärzt sich eben ein Kind das Gesicht. Versuchen wir beim nächsten Sternsingen drei dunkelhäutige Kinder auf den Weg zu schicken. Dann würden sich eben zwei Kinder das Gesicht weiß pudern! Wer regt sich dann auf?
    Wichtig ist doch, daß die Tradition der Sternsinger erhalten bleibt. Schön, daß sich jedes Jahr wieder Sternsinger bereit erklären in ihrer Freizeit nicht nur Haus und Bewohner zu segnen, sondern dabei auch Geld zu sammeln für meist kinderbezogene Projekte in der Welt. Die Spenden der diesjährigen Aktion waren u.a. für behinderte Kinder in Peru gedacht. Wollen wir dieses Brauchtum wirklich wegdiskutieren?

  2. Werner Engelmann sagt:

    Dank an Angelica Werner und auch an Beate Wilmes für die Klärung von Intention und Hintergrund der engagierten und verdienstvollen „Sternsinger“-Aktion!

    In meiner aktiven Zeit inszenierte ich an der Europaschule Luxemburg mit einer 8. Schulklasse eine gemeinsam dramatisierte Version der Wassermann-Novelle „Das Gold von Caxamaca“ über die Eroberung des Inka-Reichs durch die spanischen Conquistadores unter Pizarro. Selbstverständlich, dass die Schüler in den Rollen Atahuallpas und der Indios entsprechend geschminkt wurden.
    Bei einer Aufführung anwesend ein Indio-Häuptling aus Peru, der von der Dritten-Welt-Gruppe eingeladen worden war. Der brach vor Rührung regelrecht in Tränen aus, dass im fernen Europa das Schicksal seines Volkes ernst genommen wurde.

    Nach der anmaßenden „Logik“ einer Josephine Apraku vom Berliner Institut für „diskriminierungsfreie Bildung“ hätte er wohl die Pflicht gehabt, sich über den „Rassismus“ zu „empören“, dass weiße Schüler es wagen, in die Haut von Indios zu schlüpfen.

    Nun hat aber unser Gast aus Peru nicht nur das Engagement zu würdigen gewusst, sondern auch die Intention und den Respekt verstanden, der dahinter steht – anders als die selbsternannte „Anti-Rassismus“-Kämpferin, die es offenbar nicht einmal für nötig hält, sich inhaltlich mit dem zu befassen, was sie in die „rassistische“ Ecke meint stellen zu müssen.
    Und die nicht einmal zu begreifen scheint, was sie mit ihrem stupiden und anmaßenden Pauschalurteil anrichtet.

  3. Brigitte Ernst sagt:

    Muss ich mich in meiner Weiblichkeit von Travestiekünstlern beleidigt fühlen, die in die Rolle von Frauen schlüpfen und sich körperlich entsprechend ausstaffierten? Vielleicht ist das ja frauenfeindlich!?

  4. Brigitte Ernst sagt:

    Und was ist mit Orson Welles als Othello?

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