Wenn das Geld ruft

Wer aktuell in Frankfurt auf Wohnungssuche ist, kann ein Lied von Problemen singen. Im neuen Frankfurter Europaviertel liegen die Mieten bei 14 Euro pro Quadratmeter im Schwerpunkt, d.h. eine Wohnung von 80 Quadratmeter liegt bei 1120 Euro kalt. Das Westend ist traditionell mit 15,50 Euro/qm natürlich teurer. Auch im Vordertaunus steigen die Mieten. Und kürzlich erzählte mir meine Nachbarin, die mit Mann und Sohn auf Wohnungssuche ist, dass die neuen Wohnungen bei mir um die Ecke auf dem Gelände der ehemaligen MAN-Roland-Fabrik bei 1400 Euro für 100 qm kosten sollen. In Offenbach! Das einstige Schmuddelkind der Rhein-Main-Region boomt zurzeit. Rund 120.000 Einwohner, mehr als 80 Baustellen im Stadtgebiet, wo derzeit Häuser hochgezogen werden – es wird gebaut. Denn die Mieten steigen. Ich bin wirklich froh darüber, dass mein Mann und ich uns im Senefelder Quartier ein Haus gekauft haben. Was die Mieter ächzen lässt, kommt mir zugute: die Wertsteigerung.

WohnungsbauDiese Entwicklung gäbe es nicht ohne eine vorangegangene, sich über viele Jahre hinziehende Fehlentwicklung: Insbesondere in Frankfurt wurden viel zu wenige neue Wohnungen gebaut. Den Sozialwohnungsbau ließ man schleifen und setzte auf das obere Wertsegment, baute Objekte mit Eigentumswohnungen. Die Folge ist eine schleichende Verdrängung von wirtschaftlich schwächeren Bevölkerungsschichten an die Stadtränder oder sogar aus den Städten.

Was tun? Planungsdezernent Mike Josef (SPD) strebt eine neue Bodenordnung an, um die Spekulation mit Grund und Boden zu regulieren, einem in Innenstädten besonders kostbarem Gut. Er orientiert sich dabei an einem Papier der Stadt München, dessen prominentester Unterzeichner der frühere Münchener Oberbürgermeister und ehemalige Städtetagspräsident Christian Ude (SPD) war. Es verbiete sich, schreibt FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert  in seinem Artikel „Streit über eine Abgabe für Investoren“ , Boden dem freien Markt zu überlassen. Spekulation und ein „entfesselter Bodenmarkt“ entfalteten eine zersetzende Wirkung auf den sozialen Zusammenhalt der Stadtgesellschaft. Um dem zu begegnen, müssten „leistungslose Steigerungen des Bodenwerts abgeschöpft“ werden, so das Papier aus München.

Und dann kommt auch noch „Steuerbetrug in Millionenhöhe“ hinzu. Kritiker sehen eine Baumafia am Werk. Bei dem Prozess vor dem Frankfurter Landgericht geht es um Millionenbeträge und Geldwäsche in Zusammenhang mit Immobilienspekulationen. Eine der Schlüsselfiguren, ein umstrittener Arzt aus dem Frankfurter Westend, hat inzwischen ein Teilgeständnis abgelegt und die Hinterziehung von Bauabschlagssteuer eingeräumt.

Kleiner Tipp am Rande: Die Gerichtsreportagen meines FR-Kollegen Stefan Behr – siehe die beiden letzten Links – sind immer lesenswert!

Balken 4Leserbriefe

Konrad Mohrmann aus Frankfurt meint:

„Die späte Einsicht des SPD Dezernenten Josef zur Grundstücksspekulation ist aller Ehren wert und zu unterstützen. Nur ist zu bedenken; der „Münchner Aufruf für eine andere Bodenpolitik“ entstand in einer Großstadt, die über Jahrzehnte von der SPD und einem starken Oberbürgermeister geprägt ist, der auch als Chef des Deutschen Städtetages ein Positionspapier „Neuausrichtung der Wohnungs- und Baulandpolitik“ initiiert hat.
In München gelang des Wachstum der Bedeutung der Stadt auch ohne Hochhäuser in der Innenstadt.
In Frankfurt hat die CDU über Jahrzehnte die Politik und auch die Verwaltung in ihrem Sinne Investoren freundlich geprägt, dadurch kamen auch andere Wählerschichten nach Frankfurt, die schon einmal ein SPD Dezernent erfolglos für die SPD einnehmen wollte. Und nicht zu vergessen, die Frankfurter SPD selbst hatte die sonst in der SPD selbstverständliche Solidarität aufgekündigt durch „Vier Schweine“, als sie noch die Mehrheit hatte, sie ist seitdem als nicht zuverlässig bekannt.
Heute ist die SPD nur Mehrheitsbeschaffer für Schwarz-Grün und jedenfalls in Frankfurt keine Volkspartei mehr, die Chancen stehen schlecht für einen Wechsel, ein „Zwergenaufstand ?“
So sollte der jetzige Planungsdezernent an seine Zukunft und die seiner Partei denken, der letzte SPD-Vorgänger hat es ihm vorgemacht. Vizepräsident der IHK, Honorarprofessor einer privaten Hochschule und Projektentwickler.“

Oskar Voigt aus Frankfurt:

„Beim Hochhaus-Cluster vom Frankfurter Bankenviertel gewinnt man den Eindruck -so aus der Hubschrauberperspektive betrachtet- als müsse sich der Erdboden ganz schön eindellen bei dem Betongewicht was sich da so zusammen ballt. Sollte ein etwas stärkeres Erdbeben eines der Hochhäuser zum Umkippen bringen, fallen alle wie Dominosteine hinterher, das könnte man vermuten!
Die Hochhauserei kommt einem vor, wie kindliche Klötzchenschieberei von Architekten und Stadtplanern, trotz Plan und Verbauungsplan.
Dem Hochauswildwuchs einen Riegel vorschieben, heißt es jetzt und man meint, man könne es. Aber die Gestaltung der Stadt haben weder hier noch in New York die Stadtplaner bewerkstelligt, sondern die Banken (das Geld). Gespannt kann man sein, wann im Osten der Stadt um die signifikant solitär stehende EZB herum auch höhere Hochhäuser die Einmaligkeit der Situation zerschlagen. Wenn das Geld ruft, ist der planerische Wille dazu auch nicht weit. Irgendwie „architekturwissenschaftlich“ wird sich das schon begründen lassen. Das Konzept der Gruppe ist das neue alte Schlagwort.
Wildwachstum einschränken, Regeln gegen die Spekulation, aber trotzdem Wachstum, damit Frankfurt größer und bedeutender wird. Also auf in den VERDICHTUNGSMODUS. Aber das eigentlich angesprochene Wildwachstum in Frankfurt ist nach Plan entstanden, die Banken (das Geld) haben’s gemacht. Sie haben verdichtet, sie haben die übermäßigen Autopendlerströme bewirkt, sie haben durch „darf’s ein bisschen höher sein“ die Stadtstraßen durch nachfolgend Parkplätze weiter zugemüllt, sie haben den Freiraum eingeengt und jetzt müssen sogar die -nicht so wichtigen- Kleingartenanlagen dran glauben. Die Spekulation blüht schon allenthalben.
Wir als Architekten und Stadtplaner sind und waren die richtigen Handlanger dabei.“

Ilona Horn aus Marburg

„Ach nee, wen will Hessen, in diesem Fall eine Wohnbaugesellschaft, eigentlich noch an Doofheit, wahrscheinlich wohl eher an Schnarchnasigkeit übertreffen?! Nachdem schon seit Jahren arabische und andere Immobilienspekulanten – Clans ganze Teile von Berlin und einige Ruhrpottstädte unter sich aufgeteilt haben… Immer nach dem gleichen Muster, die entsprechenden Mietshäuser möglichst schnell restlos verrotten zu lassen. Die armen Mieter!“