Was steckt hinter dem Fall Skripal?

Der Fall des russisch-britischen Doppelagenten Sergej Skripal ist zur schwersten Belastungsprobe im Verhältnis des Westens zu Russland seit Jahren geworden. Der einstige GRU-Spion wurde am 4. März zusammen mit seiner Tochter Julija bewusstlos auf einer Bank im britischen Salisbury aufgefunden. Am 7. März gaben die britischen Ermittler bekannt, dass Skripal und seine Tochter mit einem Nervenkampfstoff vergiftet worden seien. Dass es sich um ein Gift aus der Nowitschok-Reihe handeln soll, wurde erst später bekannt gegeben – vermutlich weil den politischen Akteuren spätestens zu diesem Zeitpunkt klar wurde, dass es sich um ein Politikum ersten Ranges handelte. Denn nicht nur Skripal und seine Tochter zeigten Vergiftungssymptome, sondern auch 21 weitere Personen, darunter ein Polizist: Britische Staatsbürger waren Opfer eines Kampfstoffes geworden, der ab den 70er Jahren in der Sowjetunion entwickelt worden und an dem bis mindestens in die 90er Jahre in Russland geforscht worden war, Ableger und Varianten inklusive, darunter auch binäre Varianten, die gefechtsfeldtauglich sind. (Der Hergang insgesamt bei Wikipedia.)

Diese Gifte seien, so steht es bei Wikipedia, unter anderem deswegen entwickelt worden, um „den Nachweisverfahren des Chemiewaffenkontrollgesetzes und ausländischer Geheimdienste oder forensischer Experten zu entgehen, damit sie in der Produktion als organische Phosphorverbindungen für die Landwirtschaft getarnt werden können“. Der russische Chemiker Wil Mirsajanow, der das Nowitschok-Programm Anfang der 90er Jahre enthüllt hatte, sagte am 13. März in den USA, dass Russland seinen Nowitschok-Vorrat streng kontrolliere und dass die Verwendung des Kampfstoffs als Waffe für nicht-staatliche Akteure zu komplex sei. Als Verantwortlicher komme seiner Ansicht nach nur Russland infrage.

Porton DownZu dieser Auffassung war inzwischen auch die britische Regierung gelangt. Premierministerin Theresa May sagte am 12. März vor dem Unterhaus, höchstwahrscheinlich sei Russland für den Giftanschlag verantwortlich: Entweder handele es sich um einen direkten Angriff des russischen Staates gegen Großbritannien oder die russische Regierung habe die Kontrolle über ihren Nervenkampfstoff verloren. Zuvor waren 200 Beweisstücke ausgewertet und mehr als 240 Zeugen befragt worden. May hatte sich mit dem Nationalen Sicherheitsrat über den Fall beraten. In dem Gremium sind mehrere Minister sowie hochrangige Vertreter der Armee und der Geheimdienste vertreten. Welche Beweise oder Erwägungen in diesem erlauchten Gremium umhergingen, ist unbekannt. Diese Erkenntnisse scheinen jedoch ausgereicht zu haben, um eine ganze Reihe anderer europäischer Regierungen sowie die US-Regierung zu einer gemeinsamen Aktion gegen Russland zu vereinen: Insgesamt 27 Staaten wiesen zusammen mehr als 160 russische Diplomaten aus. Russland revanchierte sich in ähnlicher Größenordnung.

Die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland sind damit auf dem tiefsten Punkt seit dem Ende des Kalten Krieges. Weil die westlichen Regierungen in einem Anfall von Antirussismus überhastet reagiert haben? Es gingen ein paar höchst hysterische Noten zwischen London und Moskau hin und her. So forderte Theresa May von Russland, bis zum Ablauf des 13. März eine „glaubwürdige Antwort“ zu geben; sie hat also ein Ultimatum gestellt. Das ist nicht besonders freundlich. Man kann es auch als weitere Eskalierung betrachten. Sie meinte wohl, ihren Landsleuten eine eindeutige Reaktion schuldig zu sein. Die russische Regierung spielte mit und beteuerte ihre Mitwirkung, wenn ihr Zugang zu den Nervengift-Proben gewährt würde, was laut Außenminister Lawrow aber negativ beschieden wurde. Zuvor hatte es erste schrille Töne in russischen Medien gegeben. Kirill Kleimenov, Anchorman des von der Regierung kontrollierten Senders Kanal 1 hatte (hier nach einem Bericht der BBC) gesagt, der Fall solle eine Warnung an alle jene sein, die eine ähnliche Karriere als Verräter anstrebten wie Skripal. Nach dem 13. März ergingen sich die russischen Medien vorwiegend daran, Massen von Verschwörungstheorien zu publizieren. Wenn man unterstellt, dass sie dies auf Wunsch ihrer Regierung taten, dann warfen sie Nebelkerzen. Will man annehmen, dass sie es aus eigenem Antrieb taten, dann haben sie damit jedenfalls nicht zur Aufklärung beigetragen.

Jetzt mal tief durchgeatmet …

Wir müssen wohl davon ausgehen, dass die Hintergründe dieser Krise erst in einiger Zeit ans Licht kommen werden, so wie die wahrscheinliche Verstrickung des Kreml in den Fall Litwinenko ja auch erst Jahre nach dessen Tod plausibel wurde (auch wenn sie bis heute nicht bewiesen ist). Vermutlich sind auch heute wieder geheime Informationen mit im Spiel. Das heißt, wir werden noch nicht erfahren, was die Entscheider wissen. Die Frage steht allerdings im Raum, ob man als WahlbürgerIn deren eskalierende Strategie vertrauensvoll mitträgt oder ob man Kritik äußert. Und man möchte doch gern bitte etwas besser verstehen, was da im Hintergrund eigentlich vor sich geht und warum May und Co. derart auf den Skandal anspringen. Also stellen wir sie einfach mal, jene berühmte Frage, wohl wissend, dass wir uns auf das Feld der Spekulation begeben müssen, wenn wir uns drauf einlassen:

Cui bono?

Wem nützt der Fall des Sergej Skripal? Er nützt:

  • Großbritannien bzw. der Premierministerin Theresa May, die sich als besorgte Führerin ihres Landes profilieren kann. Immerhin kamen britische Staatsbürger nachweislich in Kontakt mit dem Gift. Das ist durchaus ein Skandal, der ihr vielleicht, auch wenn das zynisch klingt, gar nicht mal ungelegen kommt, da sie so die Schwächen überspielen kann, die sie in der Auseinandersetzung mit der EU um den Brexit zeigt. Es gibt aber keinerlei Hinweise darauf, dass die britische Regierung das Attentat hat verüben lassen.
  • Donald Trump, der die Gelegenheit nutzte, seine Distanz zu Russland zu beweisen, indem er gleich 60 russische Diplomaten ausweisen ließ. Trump steht innenpolitisch unter schwerem und weiter wachsendem Druck wegen offener Fragen zu seinen Verbindungen bzw. denen von Protagonisten seines Wahlkampfteams zu Putins Russland. Da hinein spielt der Facebook-Skandal um die Manipulation der Präsidentschaftswahl zu Trumps Gunsten.

Und sonst? Niemand sonst zieht Nutzen aus dem Skandal? Russland scheidet ja wohl aus, denn warum sollte es eine internationale Krise vorantreiben, indem es Morde auf dem Territorium anderer Staaten verüben lässt? Auch wenn man mutmaßen könnte, dass es Putins Wahlkampfstrategie entsprach – in Russland wurde am 18. März gewählt –, den Westen gegen sich aufzubringen, damit es Schlagzeilen gab, die es ihm ermöglichten, sich vor seinen RussInnen als starker Führer zu präsentieren, ist eine solche internationale Krise gewiss nicht in Putins Sinn. Russland geht es nicht gut. Weniger wegen der Sanktionen des Westens als vielmehr wegen der oligarchischen Struktur seiner Wirtschaft, die auf Ausplünderung der Ressourcen ausgerichtet ist, nicht auf nachhaltiges Wachstum. In Russland werden derzeit nur wenige reich und immer reicher. Die weit überwiegende Mehrheit der RussInnen darf sich, sobald sich das Wahlkampfgetöse verzogen hat, wieder mit ihren Existenzängsten befassen, für die Putin keine Antworten hat.

Russland oder gar Putin selbst haben also kein Interesse an Skripals Tod? Doch – aber der Zusammenhang liegt nicht auf der Hand. Man muss nicht unbedingt John le Carré gelesen haben, aber es ist doch sehr hilfreich, wenn man verstehen möchte, wie Geheimdienste ticken. Niemand hat die geheimen Logiken und Gesetze der Geheimdienste besser, realistischer und so allgemeinverständlich dargestellt wie der Großmeister des Spionageromans. Seine Geschichten sind fiktiv. Die Gesetze, die in der Grauzone der Geheimdienste wirken, sind es nicht. Und um Putin selbst besser zu verstehen, empfehle ich weiterhin das Buch „Der Mann ohne Gesicht“ von Masha Gessen. Putin ist ein ehemaliger KGB-Agent. Er hat diese eigene Grauzonenluft seit seinen jungen Jahren geatmet. Die Geheimdienste sind neben den Oligarchen bis heute die Stütze seiner Präsidentschaft.

Der Oligarchen kann er sich gewiss sein, solange sie Geld scheffeln. Aber auch der Gefolgschaft der Geheimdienste muss er sich vergewissern, und das ist möglicherweise heute nicht mehr ganz so einfach. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Anschlag auf Skripal an Logik. Man muss ihn aus Putins Perspektive denken. Putin musste im Lauf der Jahre zusehen, wie verschiedene Agenten russischer Geheimdienste (es gab noch weitere Fälle) sich ins Ausland absetzten. Da war es wohl an der Zeit, ein Zeichen zu setzen, ganz so, wie es Kirill Kleimenov vom Kanal 1 am 7. März formulierte: Was Skripal geschah, kann auch dir geschehen, mein kleiner Agent, wenn du mit dem Gedanken spielen solltest, rüberzumachen und mich zu verraten! Dann wäre das Ziel des Anschlags auf Skripal im Grunde ein innerrussischer, er würde möglicherweise auf die GeheimdienstmitarbeiterInnen zielen, denen Putin auf diese Weise klarmachte, dass sie immer schön treu zu bleiben haben. Was man wiederum weiterdenken könnte: Es gibt Unruhe an der Basis von Putins Macht, in den Geheimdiensten. Es wäre kein Wunder.

Ist das möglich? Ja. Ist es wahrscheinlich? Schwer zu sagen. Um das beurteilen zu können, bräuchten wir eben jene Informationen, die Mays Sicherheitsrat besitzt. Falls es sich so verhält, dass Putin mit dem Attentat seine eigenen Leute warnen wollte, dann hat er die internationale Reaktion sträflich unterschätzt. Das passt eigentlich nicht zu ihm. Und so bleibt unterm Strich eigentlich bis auf weiteres nur: Nichts Genaues wissen wir nicht. In jedem Fall aber wäre die geschlossene internationale Reaktion dann nur zu begrüßen.

Balken 4Leserbriefe

Hannah Erben-Wunder aus Hamburg meint:

„Leider gehen weder die EU und schon gar nicht die Nato den ‚Weg zum Vertrauen‘ – wie es sich unter anderem Holger Schmale wünscht. Erschreckend mit anzusehen: Vorverurteilungen und „Strafaktionen“ gegen Russland aufgrund von Mutmaßungen und Behauptungen. Nicht einmal abwarten möchten unsere Regierungsvertreter auf das Ergebnis der Untersuchungen der OPWC. Der neueste Vorwurf lautet jetzt, Putins Russland würde ja auch nicht ‚liefern‘, zeige keine Bemühungen zur Aufklärung. Andererseits lese ich, dass sich die Regierung May weigert, Russland Proben des gefundenen Giftes zu übergeben wie gefordert. So dreht sich also die Eskalationsspirale weiter. Bettina Gaus nennt das in der TAZ: „Früher hätte man es Kriegstreiberei genannt“. Und ich frage mich angesichts der vielen offenen und unglaubwürdigen Darstellungen zu dem Fall: Was steckt eigentlich wirklich dahinter? Interessante Frage auch: was eigentlich, wenn die Untersuchungen – die ja nächste Woche abgeschlossen sein sollen – am Ende feststellen: die Russen haben damit eher nichts zu tun? Oder dürfen die ein solches Ergebnis auf keinen Fall liefern? Was nicht sein darf, das nicht sein kann?“

Alfred Kastner aus Weiden

„Die Hoffnung, dass das Ende des Kalten Krieges vor nahezu 30 Jahren eine weltweit nachhaltige Friedensperiode und das Ende der Atomrüstung einleiten würde, hat sich nicht erfüllt. Die sogenannte Friedensdividende gelangte nie zur Auszahlung. Im Gegenteil, heute gibt es mehr nuklear bewaffnete Staaten denn je. Wir erleben eine Weltgemeinschaft,die den Anschein erweckt, dass die kriegerische Auseinandersetzung als Mittel der Konfliktlösung wieder zunehmend Akzeptanz findet.
Der ehemalige Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, hatte bereits vor einiger Zeit eindringlich davor gewarnt, dass sich die Welt derzeit auf einen großen Krieg vorbereiten könnte. Politiker und militärische Führer klingen demnach zunehmend kämpferischer und verbreiten gefährliche Doktrinen. Die politischen Spannungen nehmen weltweit dramatisch zu. Dabei scheinen die Machthaber dieser Erde verlernt zu haben, vernünftig miteinander zu reden.
Der seit Jahren andauernde Krieg in Syrien hat hauptsächlich seinen Ursprung in dem Überfall des Irak durch die USA im Jahre 2003. unter dem damaligen Präsidenten George W. Bush. Kriegsgründe wurden damals viele präsentiert. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, waren sie alle erlogen. Angela Merkel hatte vor dem Irakkrieg als Oppositionsführerin im deutschen Bundestag, in Abweichung zum damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, ganz klar für die Teilnahme Deutschlands am Irakkrieg plädiert. Eine öffentliche Selbstkritik zu ihrer eigenen Haltung war von ihr später nie zu vernehmen. Auch jetzt schüttet sie im Konflikt mit Russland, ohne dass konkrete Beweise für die Täterschaft Russlands auf dem Tisch liegen, zusätzlich Öl ins Feuer. Merkel sagte, dass es womöglich nicht bei der bloßen Verurteilung Moskaus bleiben werde. Die EU-Staaten seien bereit, „gegebenenfalls auch durch weitere Maßnahmen einheitlich zu reagieren“. Was sie mit „weitere Maßnahmen“ konkret meint, hat sie offengelassen.
Die Geschichte Russlands und Deutschlands mit Millionen von Toten in zwei Weltkriegen auf beiden Seiten sollte auf politischer Seite eigentlich zu Zurückhaltung und Besonnenheit mahnen. Deutschland sollte, wie in früheren Zeiten unter dem unvergessenen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, wieder zu seiner Rolle als Vermittler zurückfinden.“

Günther Kittner aus Nidderau:

„Ich, Jahrgang 1948, schaue mit Entsetzen, Verwunderung und Abscheu auf die politischen Verhältnisse, deren Entwicklung mit Russland seit den Spät – 1990 er Jahren. Als glühender Verehrer und Unterstützer der Brandt’schen Europapolitik stelle ich lapidar fest: Er würde sich im Grab umdrehen und ganz bestimmt seine Ehrenbüste in der SPD-Zentrale umgehend rückbauen lassen.
Es muß politisch größte NOT im sogenannten WESTEN als auch in der EU – herrschen, um nun diesen Konflikt künstlich zu iniziieren und dazu muß ein Anschlag auf einen Doppelagenten in GB dienen. Ein „Dreckskerl“ , an dem sicherlich Blut Unschuldiger klebt. Hat er sich überhaupt jemals vor einem ordentlichen Gericht verantworten müssen?
Die zusätzlichen Maßnahmen seitens der NATO wundern mich im übrigen keineswegs. Muß dieses Bündnis doch ständig nach Rechtfertigung für ihre Existenz seit dem Wegfall des Warschauer Pakts suchen. Das Bündnis ist ja nun auch schon lange kein Verteidigungsbündnis mehr aber die Speerspitze westlich-ideologischer weltweiter Machtansprüche. Da ja China bereits heute einfach ein zu mächtiger Finanz-und Wirtschaftsfaktor ist, muß Russland herhalten. Die armen Russen sind inzwischen zum politischen Müllschlucker des Westens geworden. Die reaktionären Kräfte, die schon die Brandtsche Europapolitik blockieren wollten aber nicht konnten, haben längst wieder die strategischen Machtverhältnisse übernommen. Sie entwickeln aktuell eine Hype gegen Russland, der sich leider tendenziell auch die Frankfurter Rundschau nicht entziehen kann (ich denke an die vielen redaktionellen Beiträge von Herrn Scholl). So besonnene Kräfte wie Herr Matthias Platzeck haben keine Chance.
Ich bin sehr beunruhigt – der Aktionismus erinnert mich an die Wanderung der Lemminge….- stürzen sich letztendlich allesamt in den Tod…“

Gregor Böckermann aus Neu-Isenburg:

„Im Zusammenhang mit der „Affäre Dehm“ meint Stephan Hebel, es sei lobenswert, „dass aus der Linkspartei immer wieder die Forderung nach einer neuen Entspannungspolitik anstelle der zunehmenden Konfrontation mit Moskau kommt“. Die Linke vermeide aber jede Kritik an Putin, und die sei doch auch erforderlich, um glaubwürdig zu sein mit ihrer Kritik an der Nato.
Bei vielen Konflikten und Auseinandersetzungen habe ich es immer gut gefunden, wenn eindeutig Partei ergriffen wurde für die unterlegene, schwächere Seite: Entwicklungsländer/reicher Norden, Islam/Christentum, Afghanistan/UdSSR, Irak/USA, Palästina/Israel, Armut/Reichtum in Deutschland, Sozialismus/Kapitalismus,… Dabei verschließt man doch nicht die Augen für die „Fehler“ der unterlegenen Seite, hofft aber, dass die einseitige Parteinahme zu einer ausgewogeneren Haltung beiträgt.“

29 Kommentare

  1. A.H. sagt:

    Großbritannien (bzw. die Regierung May) KÖNNTE ein Interesse haben…
    Die USA KÖNNTEN ein Interesse haben…
    Die NATO KÖNNTE ein Interesse haben…
    Russland KÖNNTE ein Interesse haben…

    Viele „Player“, viele möglichen Interessen.

    Ist es glaubwürdig, dass die bedauernswerten Skripals das Gift zuhause verabreicht bekommen haben und, trotz unterschiedlichem Alter und physischer Konstitution quasi gleichzeitig 2 Stunden später zusammenbrechen? Ich könnte die Frage nicht beantworten!

    Sind die Geheimdienste nach deren offensichtliche Lügen in Bezug auf die Massenvernichtungswaffen im Irak überhaupt noch ansatzweise glaubwürdig? Ich habe da so meine Bedenken, aber ob der Spruch „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, wenn er auch die Wahrheit spricht!“ nun immer Gültigkeit hat?

    Boris Johnson scheint jedenfalls schon einmal beim Lügen ertappt worden zu sein, hatte er in einem Interview mit der Deutschen Welle doch behauptet, dass das Labor in Porton Down eindeutig festgestellt, dass das Gift aus Russland stammt „There is no doubt!“

    http://www.dw.com/en/boris-johnson-russias-position-in-skripal-case-is-increasingly-bizarre/a-43043873

    Nun scheint es ja so zu sein, dass der Chef des Labors genau diese sichere Zuordnung des verwendeten Gifts genau nicht vornehmen will.

    Wer soll da den Durchblick behalten?

    Deshalb hätte ich schon dafür plädiert, erst die neutrale Untersuchung abzuwarten und erst wenn diese ein eindeutiges und nachvollziehbares Ergebnis erbracht hat, sollte man entsprechend reagieren – grade wenn die Reaktion (Ausweisung von Diplomaten) die Welt nicht grade sicherer macht!

    Und wenn es kein eindeutiges Ergebnis gibt? Dann müsste mMn der Grundsatz “ in dubio pro reo“ gelten. Das wäre zwar unter Umständen ärgerlich aber obwohl das auch auf anderen Rechtsgebieten so ist, gilt dort der Grundsatz trotzdem.

    Dies muss man in einer an Recht orientierten Welt mMn ertragen.

    Leider haben sich große Teile des Westens nicht an diesen Grundsatz gehalten.

    Was mich in dem Zusammenhang wirklich interessieren würde: Haben eigentlich auch neutrale Länder (Schweiz, Brasilien, Indien, China, Argentinien,Indonesien etc.) Botschafter ausgewiesen oder waren das überwiegend NATO Staaten und solche, die es werden wollen? Das würde natürlich den Eindruck erwecken, dass es (mal wieder) auf die ungesunde Konfrontation NATO gegen Russland hinausläuft…

  2. Reinhold Hinzmann sagt:

    In den dreißiger Jahren hat der Meister der Fotomontage, John Heartfield, eine Montage veröffentlicht: Der mit Orden überhäufte Herman Göring hält eine brennende Fackel an die Weltkugel. Unterschrieben ist das Bild:
    „Wenn die Welt erst brennt, werden wir schon beweisen, dass Moskau der Brandstifter war“. Ich kann es einfach nicht mehr hören, dass hinter allem die bösen Russen stecken. Seriös wäre es, das Angebot Russlands auf gemeinsame Ermittlungen anzunehmen. Wieso wird eigentlich behauptet, nur Russland sei in der Lage den Mordstoff herzustellen. Die Formel ist seit den neunziger Jahren weltweit bekannt. Folglich könnte jeder entsprechend qualifizierte Geheimdienst diese Substanz herstellen. Ich finde, das Verbrechen gehört sachlich aufgeklärt, dabei ist dümmliche Propaganda fehl am Platz.

  3. rainer dittrich sagt:

    „Streit mit Russland spitzt sich zu“/“Russland spottet…“ (FR, 27.03.).

    Die FR und die Causa Skripal: Wer auch nur ansatzweise mit Medienstrategien vertraut ist, weiß, dass die Platzierung und Ausführung eines Themas auf der Titelseite meinungsleitende Funktion hat und genau deshalb äußerst sensibel gehandhabt werden muss. Das Vorgehen der FR im aktuellen Fall lässt genau diese Eigenschaft vermissen. In der Titelzeile von Damir Fras‘ Beitrag sind Großbritannien und die 14 EU-Staaten, die Passivform macht’s möglich, nicht als die eigentlichen Akteure der Eskalation in einer Angelegenheit ohne Beweise erkennbar. Im Text selbst kein Wort über die bis zur Kriegsdrohung hochgefahrene Propaganda der „Wertegemeinschaft“, nur sture Repetition der Statements. Auf S.5 der Zeitung folgt dann die Wiedergabe der russischen Sicht der Dinge durch Stefan Scholl (!) – unter Verwendung des Aktivs in der Überschrift. Der Subjektstatus ist allerdings negativ konnotiert: Das offizielle Russland trägt keine Argumente vor, nein, es „spottet“.
    Das eine wie das andere Mal wird über den subtilen Gebrauch sprachlich-grammatischer Mittel Bedeutung generiert, werden Partner und Gegner sortiert. Sieht so „…wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit…“ (Pressekodex, 1.) aus?

  4. Barbara Eilers sagt:

    Ist es nicht auch sehr erstaunlich, dass alle Welt (ich meine natürlich „Die Guten“ – die Russen sprich Putin auffordern, gefälligst an der Aufklärung des Falles mitzuwirken und – wie es so schön heißt – endlich zu liefern – aber jedes Angebot auf Zusammenarbeit vehement ablehnen? Soweit ich weiß, würden Vergleichsproben gebraucht, um tatsächlich nachzuweisen, aus welchem Labor das Gift kommt. Allein dazu würde doch Russland gebraucht – oder haben die Engländer etwas Vergleichsproben von allen infrage kommenden Laboren??

  5. Barbara Eilers sagt:

    @ Gregor Böckermann: Stephan Hebels Forderung, doch ja nicht der russischen Politik bzw Putin unkritisch gegenüber zu stehen erinnert mich an die immer gleichen Forderungen, wenn man denn Israels Politik kritisiere dann doch auch unbedingt und vor allem auch die terrorostischen Aktivitäten der Palästinenser zu nennen. Ich finde, dass hierzulande viel zu wenig die von der destruktiven Politik der USA sowie und inklusive der NATO die Rede ist! Meiner Meinung nach sollte/müsste IMMER, wenn von den Russen oder den Palästinensern oder den Griechen oder oder oder (aber ganz besonders den Erstgenannten) die Rede ist die Sicht der Gegenseite neutral und nicht voreingenommen dargestellt werden. Dass das so oft nicht der Fall ist führt dazu, dass ich mich zunehmend verarscht fühle – um es mal wirklich drastisch auszudrücken. J (Jetzt bin ich mal gespannt, ob Bronski das so stehen lassen kann).

  6. Barbara Eilers sagt:

    Ich staune, dass dieses Thema für die sonst meist so diskutierfreudige Bloggergemeinde offenbar nicht „zieht“. Dabei könnte man sich hier doch auch total aufregen, ängstigen (ist ja nicht völlig belanglos, wenn sich eine solche Auseinandersetzung immer mehr zuspitzt), sich fragen warum Heiko Maaß in seiner Rolle als Außenminister sich nicht aufgerufen fühlt, Deeskalation zu betreiben und und und!
    Vor allem würde mich interessieren, ob Dr Fall den meisten Diskutanten bzw Lesern klar zu sein scheint oder ob sie ebenfalls – wie ich – große Zweifel haben an der veröffentlichten Darstellung der vermeintlichen Sachlage.

  7. Anna Hartl sagt:

    @Barbara Eilers
    Denke das viele Menschen in diesem Fall Zweifel haben im Gegensatz zu unserer Regierung und diversen anderen Ländern.
    Da ist einerseits die Aufforderung Grossbritanniens an Russland bei der Aufklärung mitzuwirken und andererseits die Verweigerung das „Tatwerkzeug“ zur Überprüfung zukommen zu lassen.
    Was mich aber wirklich irritiert ist der Schnellschuss. Bevor das Material überhaupt getestet wurde, gab es eine klare Schuldzuweisung und der Schulterschluss der anderen Staaten. Ausweisung diverser Diplomaten.

    Ich halte den Sonnengott aus Moskau zwar auch nicht für einen Chorknaben und seine ausführenden Organe durchaus für skrupellos, aber man sollte eine solche Behauptung, das Gift kommt aus Russland, zweifelsfrei belegen können, bevor man es auf eine derartige Eskalation ankommen lässt.

    Vielleicht Frau Eilers gibt es zu viele „Brandherde“ im Moment, z.B. das Vorgehen der Türkei in Syrien mit Waffen aus unserem Land, was mich zwar nicht ängstigt aber total entsetzt und auch da sehe ich kein entgegenwirken unserer Regierung.
    Hier ein Schulterschluss ohne zweifelsfreie Beweise, dort Schweigen und Handlanger.
    Wahrlich kein Bild für die Identifikation mit diesem Land.

  8. Manfred Schmidt sagt:

    @Barbara Eilers, 08.04. 22:29h,
    vielleicht liegt die Zurückhaltung der bloggenden Gemeinde daran, dass die Fakten (noch) nicht geklärt sind. Die Gefühlslage könnte suggerieren „klar war das der russische Geheimdienst“. Genügend Beispiele dafür gab es in der Vergangenheit. Die Strategie, die „Russland“ in diesem Falle auffährt, ähnelt der die bei der Dopingaffäre russischer Sportler sowie beim Abschuss des malaysischen Flugzeugs des Fluges MH17 über ukrainischem Gebiet schon angewandt wurde. Im 2. Fall hat die russische Flugsicherung bekanntermaßen eine eigene Faktenlage vorgestellt.
    „…Alles Diffamierungskampagnen des Westens“ so die bekannte permanent zurückweisende Argumentation von russischer Seite.

    Der Teil meiner Familie mit englischer Staatsbürgerschaft und in London lebend ist selbst nicht sicher, wer hier die richtige Einschätzung des Falls auf seiner Seite hat.

    Bleibt die Frage nach dem Motiv des Anschlags -Skripal war nicht mehr „aktiv“-und warum wurde der Tod der Tochter in Kauf genommen? Oder sind das Sentimentalitäten, die sich ein Geheimdienst nicht leistet?
    Es gibt inzwischen Spekulationen, die Tochter hätte das Gift ohne ihr Wissen eingeschleppt, heißt vulgo, man hätte es ihr „untergejubelt“…
    Es darf bis zur Aufkärung weiter spekuliert werden.

  9. Hans Möller sagt:

    Die Forderung der russischen Regierung nach Beweisen für eine Verstrickung russischer Geheimdienste in den Giftmordanschlag in Salibury ist so berechtigt wie inhaltsleer.
    Gewaltverbrechen, in die staatliche Stellen – insbesondere Geheimdienste – verstrickt sind, können mit Indizien nie zweifelsfrei aufgeklärt werden. Diese Täterorganisation haben ein praktisch unerschöpfliches Repertoire an Möglichkeiten, „Beweise“ zu manipulieren bzw. solche anzuzweifeln. Das gilt für Auslandsaktionen als auch für Verbrechen im Inland. Alle Regierungen dieser Welt, hier die englische wie die russische, wissen das aus der Tätigkeit ihrer je eigenen Geheimdienste. Der NSU-Skandal gibt hier das deutsche Beispiel.
    Ob russische Agenten in den Fall Skripal verwickelt sind oder nicht, wird also nie wirklich „gerichtsfest“ aufgeklärt werden.
    Interessant jedoch ist, warum die englischen Sicherheitsbehörden nicht in der Lage sind, die behauptete Serie von Anschlägen des russischen Geheimdienst in England zu beenden. Möglicherweise spielt hier die Affinität der Londoner City und der Torries zu dem Geld russischer Oligarchen eine wichtige Rolle.

  10. Brigitte Ernst sagt:

    Auch wenn ich die so weit reichende Solidarisierung mit GB für vorschnell halte, deuten meiner Ansicht nach die widersprüchlichen Reaktionen von Seiten Russlands eher auf dessen Täterschaft hin. Erst heißt es, dieses Gift sei nie in der Sowjetunion produziert worden, obwohl mehrere daran beteiligte Chemiker ihre Mitarbeit an der Produktion bestätigen. Dann soll es angeblich vollständig vernichtet worden sein.
    Gestern Abend wiederum bestritt der russische Botschafter gegenüber Thomas Walde die Produktion in Russland. Irgendwer muss doch hier lügen.

  11. Manfred Schmidt sagt:

    @Brigitte Ernst, 09.03. 13:33h,
    Habe mir den Bericht aus Berlin mit Thomas Walde vom 08.03. in der Mediathek des ZDF angeschaut. Das interview mit dem russischen Botschafter wurde von Walde offensiv geführt und mit den verschiedenen Rückblicken und Aussagen Putins ergibt sich auch ein mögliches Motiv. Die Argumente des Botschafters waren schmalbrüstig und überzeugten nicht. Ich frage mich, wie der Herr im Interview die Produktion von Nowitschok auf sowjetischem, heute russischem Territorium abstreiten kann. Der Name des Nervengifts ist eine russische Sprachschöpfung. Ist das die schon häufig erlebte Dreistigkeit in solchen Fällen?

  12. Manfred Schmidt sagt:

    Wenn nach einer Veranlassung einer solchen Aktion gefragt wird, die Russland haben könnte, obwohl doch die Fußball-WM im Juni dort beginnt, fällt mir eine mögliche Antwort ein.
    Wladimir Putin könnte versucht haben herauszufinden, wie weit seine Cyber-Aktivitäten den Westen durcheinandergewirbelt haben und dessen Zusammenhalt beschädigt hat.
    Das spontan gezeigte Zusammenstehen wird sein Wohlgefallen nicht gefunden haben.
    Gleichzeitig sollte jedoch das UK so bald wie möglich in der Lage sein, die notwendigen Beweise für eine russische Urheberschaft vorzulegen, ansonsten stünden die, die sich in London weit aus dem Fenster lehnten, in einem Wolkenbruch. Eine solche Blamage würde auf jeden Fall ihre politischen Opfer fordern.

  13. Ralf Rath sagt:

    Genauso wie der Aufdruck „Rauchen ist tödlich“ auf jeder Tabakdose zweifelsfrei ein naturalistischer Fehlschluss ist, den sogar der hiesige Gesetzgeber aus zutiefst unerfindlichen Gründen anordnet, sind die inzwischen zuhauf in der Öffentlichkeit kursierenden Behauptungen, dass ein chemischer Kampfstoff wie im Fall Skripal allein letale Folgen zeitigt, eine Angelegenheit, welche die empirisch stets vollständige Wirklichkeit extrem verkürzt. Ohnehin erlebt der Naturalismus seit längerem einen Boom, der offenbar gegenwärtig dazu führt, mit Macht den Zentralbegriff von der Eigenlogik einer modernen Gesellschaft vollends über Bord zu werfen. Insofern leuchtet mir die Kritik von Frau Barbara Eilers vom 8. April 2018 um 22:29 nicht ein, die beklagt, dass sich hier im Blog so wenige daran beteiligen.

  14. Barbara Eilers sagt:

    @ Herr Schmidt!
    Ich lese gerade in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ von April 2018. Craig Murray, ehem. Botschafter Britanniens in Usbekistan, äußert sich detailliert: er schreibt, dass ausschließlich ein in die USA ausgewanderter usbekischer Wissenschaftler namens Mirsajanow über Versuche sog Nowitchoks geschrieben hat – es aber für die Existenz derer niemals einen Beweis gab.Dieser schrieb auch bereits 1995, die Vorläufer einer Novichok-Variante bestehe aus Elementen, wie sie in jeder Düngerfabrik hergestellt werden könnten. Die Wissenschaftler des OPCW haben noch 2013 derart gezweifelt an der Existenz solcher Mittel gezweifelt, dass es sie nicht auf ihre Verbotsliste setzen wollte. Außerdem haben die Amerikaner die usbekische Fabrik, die für die Produktionder Novichoks angeblich zuständig war, eigenhändig abgebaut. Craig selbst hat sie in Nukus besucht.. Novichoks ist übrigens kein Name sondern bedeutet so etwas wie Newcomer.
    Die genannten möglichen Gründe, warum Putin derzeit ein Interesse haben sollte an einer derartigen Eskalation leuchten mir nicht ein. Einen ungünstigeren Zeitpunkt kann ich mir kaum vorstellen. Und dann noch ein derart plumper spektakulärer Mordversuch??
    Welches Interesse hätte denn wohl Th May und ihr unglaublicher Außenminister, ohne Einschaltung des OPCW auf der Stelle ein solches Geschrei anzustimmen?
    Ich freue mich übrigens, dass jetzt doch eine Diskussion eingesetzt hat!

  15. Bronski sagt:

    @ Barbara Eilers

    Ich glaube, Sie sollten sich doch die Mühe machen, meine recherchierten Einleitungstexte gründlich zu lesen, inklusive der Links zu Wikipedia. Fangen Sie doch bitte oben noch einmal an. Eine Debatte macht sonst keinen Sinn.

  16. Bertram Münzer sagt:

    Mordtaten – auch der Versuch- sind immer verwerflich und die Täter werden vom Gesetz hart bestraft. Wenn man ihnen die Tat zweifelsfrei nachweist. Korrekt. Doch in diesem Falle weiß ich nicht, wer es war. Und die westliche Wirtschafts- und Wertegemeinschaft auch nicht zweifelsfrei. Wenn doch, dann hielte sie Informationen zurück und desinformierte die Bürger. Ist ja auch schon mal passiert, damals als es um den Irakkrieg ging. Und die andere Seite. Nun sie mauert, lamentiert, weicht aus. Das ist nicht souverän. Erweckt den Eindruck schlechten Gewissens. Aber ein Schuldbeweis ist das noch lange nicht. Und doch verhängt die westliche Wirtschafts- und Wertegemeinschaft Strafmaßnahmen. Das (was?) dürfe man der russischen Seite nicht durchgehen lassen. Die Hackerangriffe, der Ukrainekonflikt, Syrien und, und, und hätten ja gezeigt, wes Geistes Kind Herr Putin sei. Er ist kein Chorknabe, das nun wirklich nicht. Aber ist er da allein in dieser Welt? Und: Helfen Ausweisungen von Diplomaten uns wirklich weiter? Nein! Sie verhärten nur die Fronten zwischen Ost und West. Wenn das der erwünschte Nutzen gewesen sein sollte, muss man festhalten: „Mission accomplished“. Die Welt ist wieder ein Stück kälter geworden.

  17. A.H. sagt:

    Guten Tag !

    Ich möchte da Frau Eilers beipflichten. Der Artikel von Craig Murray in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ ist wirklich sehr interessant und beachtenswert.

    Die Blätter sind normalerweise auch keine Plattform von Verschwörungstheorien. Craig Murray verbreitet in seinem Artikel ja auch keine eigenen Erkenntnisse sondern zitiert z.B. Robin Black (den ehemaligen Leiter des Labors in Porton Down) der zum Thema Nowitschok geschrieben hat (zitiert aus dem entsprechenden Wikipedia Artikel zu Nowitschok“) „„Informationen über diese Verbindungen waren dürftig in der öffentlichen Literatur und stammen hauptsächlich von einem russischen Militärchemiker und Dissidenten Wil Mirsajanow. Keine unabhängige Bestätigung der Strukturen oder der Eigenschaften dieser Verbindungen wurde veröffentlicht.“

    Zudem ist Nowitschok bzw. die Stoffgruppe auch nicht im Anhang zum internationalen Chemiewaffenabkommen der OPCW enthalten.

    Davon unabhängig ist es aber wohl in jedem Fall so, dass dieses Nowitschok keinesfalls ausschließlich in Russland gefertigt werden konnte.

    Zudem stand die Anlage, in der an den Nowitschok Giften geforscht wurde, nicht in Russland sondern in Usbekistan und diese Anlage wurde dann in 1999 unter Beteiligung US amerikanischer Spezialisten abgebaut und dekontaminiert.

    Jedenfalls wird gemutmaßt, dass die Formeln für dieses Kontaktgift den Briten und Amerikanern schon länger bekannt gewesen sind (ebenfalls aus dem Wikipediaartikel über Nowitschok) und diese darüber Stillschweigen bewahrt haben.

    Das wäre dann auch ein Grund dafür, warum das Labor in Porton Down das Gift derart schnell identifizieren konnte, gleichzeitig aber darauf hingewiesen hat, dass es nicht bestätigen kann, dass das Gift aus Russland stammt.

    Für einen Laien ist das alles nur extrem schwer auseinanderzuhalten und zu verifizieren.

    Erfreulich ist in jedem Fall, dass es den Opfern offenbar wieder besser geht und sie keine bleibenden Schäden davontragen werden (was der Chemiker Mirsajanow übrigens aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen ausgeschlossen hat – Wikipediaartikel über Skripal).

    Was die praktische Durchführung dieses Giftgasanschlags angeht, stellt sich für mich auch noch eine Frage. Derzeitiger Stand ist ja wohl, dass sich das Gift an der Haustür befunden hat. Wenn die beiden Skripals das Haus aber gleichzeitig verlassen haben, wäre es dann nicht irgendwie ungewöhnlich, wenn gleich beide die Klinke beim Zuziehen der Haustüre berührt haben und zwar auch noch so, dass beide gleichzeitig Stunden später das Bewusstsein verlieren (dass das unterschiedliche Alter und die unterschiedliche Konstitution dabei so gar keine Rolle gespielt haben sollen, erscheint mir – wiederum als Laie- eher unwahrscheinlich, Julia Skripal ging es ja auch deutlich früher wieder besser als ihrem Vater).

    Aus meiner Sicht gibt es einfach zu viele unbeantwortete Frage in diesem Fall – jedenfalls zu viele um eine derart eindeutige Reaktion hervorzurufen, wie die britische Regierung sie vorexerziert und die meisten Verbündeten sie dann nachgemacht haben.

    Einen interessanten Erklärungsversuch hat auch Kai Ehlers in der aktuellen Ausgabe des FREITAG gegeben. Seiner Meinung nach stellt das Verhalten großer Teile „des Westens“ Russland für das Attentat auf die beiden Skripals verantwortlich zu machen, den Versuch dar Putins Rolle in der Welt zu unterminieren.

    Russland hätte sich in Georgien dem Versuch der Einnahme Südossetiens und dem Ansinnen der NATO Georgien zu einem Mitglied zu machen entgegengestellt, ebenso wäre die Annektion der Krim und die Unterstützung der Rebellen in der Ostukraine der Versuch, den Eintritt der Ukraine in EU und NATO und damit die von Brezinski angestrebte „strategische Kastration“ Russlands zu verhindern.

    In Syrien hat man durch eigenes Eingreifen den von der USA beabsichtigten „regime change“ verhindert und damit strategische Vorteile in der Region für die Amerikaner gegen Iran und Russland.

    Mithin hätte Russland in allen diesen Fällen, den US Anspruch auf globale Hegemonie gefährdet bzw. unterminiert und würde dafür jetzt „bestraft“.

    Ob das so richtig ist, weiß ich nicht. Wenn sich der Westen (bzw. die Länder, die sich der Sichtweise der Briten vorbehaltlos angeschlossen haben) aber auf derart wacklige „Beweise“ stützt, wie derzeit im Fall Skripal um Russland wieder einmal an den Pranger zu stellen, dann liegt die Vermutung, dass etwas anderes dahintersteckt schon nahe.

  18. Barbara Eilers sagt:

    @ Bronski
    Ich habe die Einleitungstexte gelesen! Die von mir oben genannten Gesichtspunkte wurden aber noch nicht diskutiert bzw gab es hier ziemlich wilde Spekulationen. Wikipedia halte ich nicht für eine so gute Quelle wie die „Blätter“!

  19. Barbara Eilers sagt:

    Sie vergessen außerdem zu erwähnen, dass Skripal immerhin Jahrelang im russischen Knast saß und dann nicht rüber gemacht hat sondern ausgetauscht wurde. Das heißt, Rache konnten Putin bzw sein Geheimdienst nehmen. Sie hätten ihn schon längst im eigenen Land unauffällig umbringen lassen können -wie ja auch diverse Dissidenten früher bereits – statt einen Riesenskandal zu verursachen.
    @ A.H.
    Es wird ja tatsächlich spekuliert, dass jemand in der Nähe des Attentats war und ein Gegengift verabreicht hat. Denn solche
    KAmpfstoffe werden nicht entwickelt, ohne dass auch nach Gegengiften geforscht wird. Könnte ja auch versehentlich mal die eigenen Leute treffen.
    Wo ich von dieser Theorie gelesen habe weiß ich leider nicht mehr. Es ging dabei um die Frage, ob das Ganze womöglich eine von den Briten gestellte Falle war, um den Russen eins reinzuwürgen.
    Jetzt bewege ich mich aber möglicherweise auch schon sehr in Richtung Verschwörungstheorien.Andererseits -wenn ich an historische Ereignisse denke, wo mit dreisten Lügen Kriegsgründe erfunden wurden???!! Ist es dann wirklich so total abwegig?

  20. Bronski sagt:

    @ Barbara Eilers

    „Sie hätten ihn schon längst im eigenen Land unauffällig umbringen lassen können …“

    Das wäre dann aber keine spektakuläre Aktion gewesen, mit der Putin und sein Apparat zeigen kann, wie weit sein Arm reicht. Genau darum ging es in meinem Gedankengang, der außerdem innerrussische Zustände in Erwägung zieht, die grundsätzlich anders sind als damals, als Skripal im Knast saß. Inzwischen gibt es die Sanktionen, die den russischen Oligarchen anscheinend tatsächlich wehtun; es gab in Moskau einen Börsencrash (Artikel des Handelsblatts). Die russische Wirtschaft ist auf Talfahrt. Also muss Putin Signale senden, dass er fest im Sattel sitzt.

    @ all

    „Wo ich von dieser Theorie gelesen habe weiß ich leider nicht mehr.“

    Das ist ein großes Problem, gerade bei einem derart schwammigen Thema, denn wir leben im Zeitalter der fake news. Ich möchte alle Beteiligten bitten, Behauptungen möglichst mit Links zu belegen oder auf die Webseiten zu verlinken, auf denen solche Spekulationen verbreitet werden, und sie andernfalls, wenn Sie keine Links finden, zu unterlassen. In diesem Zusammenhang ist es wirklich sehr schade, dass weder Sie, Frau Eilers, noch A.H. einen Link zu den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ beisteuern zu dem Text von Craig Murray. Ich habe das jetzt für Sie übernommen, möchte Sie aber bitten, solche Links künftig selbst einzustellen. Das macht ja gerade das Wesen von Blogs aus, dass es diese Möglichkeit gibt. In diesem Fall stoßen wir allerdings an eine Grenze, weil der Text kostenpflichtig ist, d.h. Sie dürfen nicht groß daraus zitieren.

    Was Sie daraus widergeben, widerspricht dem, was ich auf Wikipedia gefunden habe (verlinkt oben), jedenfalls wenn Ihre Widergabe richtig ist. Demnach wurde Nowitschok bewusst so konzipiert, weil es bei nicht zu genauen Kontrollen als Düngemittel durchgehen sollte. Damit folgten die russischen Hersteller wahrscheinlich einer Verschleierungstaktik, weil die Herstellung solcher Kampfstoffe verboten war. Russland hat damit internationale Abkommen gebrochen. Das hat es übrigens auch in Sachen Biowaffen mit dem Milzbrand-Erreger getan (Bericht in „Spektrum der Wissenschaft“)

    Sie schreiben aber, Nowitschok sei in jeder Düngerfabrik herstellbar. Das widerspricht allen anderen bisherigen Erkenntnissen, auch was die Gefährlichkeit betrifft. Auch der Name „Nukus“ tauchte in den einschlägigen Anschuldigungen der britischen Regierung, auf die ich mich bezogen habe, nicht auf. Dort war die Rede von einer russischen Militärforschungsanlage in Schichany auf russischem Staatsgebiet, deren Existenz aber vom russischen Botschafter abgestritten wurde. Dass der Nowitschok-Entwickler Wil Sultanowitsch Mirsajanow Usbeke sein soll, ist eine Fehlinformation. Er ist geboren in Starokangyschewo in Baschkortostan im östlichen Teil des europäischen Russlands. Seine Darstellung der Nowitschok-Vorgänge wurde von Mitentwickler Wladimir Ugljow bestätigt. So steht es jedenfalls auf Wikipedia.

    Ich würde daher sagen, dass Sie sich tatsächlich sehr in Richtung Verschwörungstheorien bewegen, ebenso wie A.H.

    Aber um das jetzt abzuschließen: Ich werde mich an der weiteren Erörterung nicht länger beteiligen. Trotzdem bitte ich alle Beteiligten, ihre Quellen ernsthaft und kritisch zu prüfen und ihre Worte abzuwägen.

  21. Barbara Eilers sagt:

    @ BronskiSie haben jetzt verlinkt? Vielen Dank! Was Sie oben zitiren steht aber auch in dem jetzt verlinkten Artikel von Craig Murray. Er selber hat als ehemaliger britischer Botschafter diese Chemiewaffenfabrik in Nukus besucht, schreibt er, und alle Vorräte und Ausrüstungen vernichtet vorgefunden. In den gleichen Blättern gibt es noch einen weiteren zum Thema sehr erhellenden Beitrag von August Pradetto (emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr Hamburg): Mit aller Macht – Wladimir Putin zum Vierten. Kann ich auch sehr empfehlen!https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2018/april/mit-aller-macht-wladimir-putin-zum-vierten.
    Da in den Blättern für deutsche und internationale Politik die Autoren genannt werden sowie deren beruflicher Hintergrund halte ich die Beiträge für verlässlicher als Wikipedia.
    Aber ich finde auch, dass wir laien natürlich nicht herausfinden können, was wirklich passiert ist. Und ob wir da je können steht dahin. Mir macht viel mehr Sorgen, wie mit diesem Fall umgegangen wird: immer wieder sehe und höre ich Beiträge im Radio bzw. Tagesschau, die sehr einseitige Darstellungen liefern über den diabolischen Putin und seine üblen Aktivitäten. Der Beginn wird bei der Krim gesetzt. Das ist mir zu kurz gesprungen! Man muss sich die Politik auch der NATO angucken seit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts und auf beide Seiten gucken. Siehe oben auch bei den Leserbriefen von Alfred Kastner und Günther Kühne, die wichtige Punkte angesprochen haben. Nicht wem nützt es sollten wir fragen, sondern eher: wohin soll das führen? Welcher Krieg soll möglicherweise mittels welcher Kriegslüge gerechtfertigt werden? Nicht umsonst – denke ich – haben viele Kritiker der westlichen Reaktionen auf die Lügen bei der Anzettelung des Irakkrieges erinnert. Man könnte auch an die Lügen bei der Anzettelung des Jugoslawienkrieges verweisen. Ich lese gerade das Buch von Wolfram Wette: Ernstfall Frieden. Da komme ich tatsächlich auf hoffentlich nur verschwörungstheroretische Befürchtungen.

  22. A.H. sagt:

    Guten Tag !

    So schnell wird man also zum Verschwörungstheoretiker :-).

    Dem Vorwurf möchte ich mich natürlich nur ungern aussetzen (lassen).

    Deshalb nun ein Link auf die Homepage von Craig Murray, auf der man seine Texte nachlesen kann:

    https://www.craigmurray.org.uk/

    Ansonsten hatte ich mich in meinem Beitrag darum bemüht, mich auf Wikipedia zu beziehen, weil diese Seite ja auch von Ihnen @Herr Büge zitiert wurde.

    An einer Stelle widersprechen Sie sich in meinen Augen selber. Sie schreiben einerseits, (Zitat) „… bewusst so konzipiert, weil es bei nicht zu genauen Kontrollen als Düngemittel durchgehen sollte…

    Das ist mMn nur halb richtig, weil die Krux bei einem Kontaktgift ja darin liegt, dieses „ungesehen“ transportieren zu können. Daher setzt man bevorzugt „binäre Formen“ ein, die aus zwei jeder für sich genommen, harmlosen Stoffen zusammengesetzt werden können. Laut wikipedia wird „Nowitschok“ im engeren Sinne nur für diese „binären Stoffe“ als Begriff verwendet (im konkreten Fall wäre der Transport eines giftigen Stoffes nach England ja auch sehr schwierig gewesen).

    Dies dient dann in der Tat der Verschleierung der Tatsache, dass man letztendlich ein wirksames Gift erforscht/herstellt, weil man die Grundstoffe (wieder laut wikipedia) in der Landwirtschaft oder zu sonstigen zivilen Zwecken verwenden (und damit tarnen) kann.

    Deshalb ist die von Ihnen, Herr Büge, in Zweifel gezogene Aussage, dass man die Substanzen, die für dieses Gift benötigt, „in jeder gewerblichen chemischen Fabrik“ herstellen kann, auch kein Bestandteil einer Verschwörungstheorie und widerspricht auch nicht allen bisherigen Erkenntnissen sondern stellt sozusagen die Bedingung für die Verschleierung der Herstellung eines im Grunde nicht kontrollierbaren Giftstoffes dar.

    Die Aussage mit der chemischen Fabrik selber stammt übrigens von dem Wissenschaftler Mirzayanov. Hier kann ich nur auf die Nachdenkseiten verlinken (falls das möglich ist – dort findet sich jedenfalls die Aussage von Mirsajanov (auch der Text von Craig Murray, auf den sich Frau Eilers bezogen hat, ist dort im Wesentlichen wiederzufinden.

    https://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=42950

    Falls die Verlinkung nicht erlaubt ist, hier die von Craig Murray veröffentlichte Fundstelle für das Zitat Mirjanov:

    Vil S. Mirzayanov, „Enthüllungen über den sowjetisch/russischen Chemiewaffenkomplex: Die Sicht eines Insiders“, in Amy E. Smithson, Dr. Vil s. Mirzayanov, Gen Lajoie und Michael Krepon, Chemiewaffen Vernichtung in Russland: Probleme und Aussichten, Stimson Report N° 17, Oktober 1995, Seite 21

    Wie gesagt, der wenn man so will „Clou“ an einem binären Giftstoff ist ja eben, dass man diesen aus an sich harmlosen Grundstoffen herstellen kann, WENN MAN DIE FORMEL dafür hat.

    Die Argumentationskette der Regierung May war ja: Das benutzte Gift ist ein Gift der „Nowitschok-Klasse“ (offenbar gibt es da ja wohl verschiedene „Typen“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Nowitschok). Dieses wurde von Russland entwickelt und deshalb hat Russland auch den Giftanschlag auf die Skripals durchgeführt.

    Dies wäre (nur) dann wirklich schlüssig, wenn man entweder denjenigen präsentieren könnte, der das Gift ins Land gebracht bzw. den Skripals „zugefügt“ hat (und wenn diesem dann irgendeine Verbindung zur russischen Regierung nachgewiesen werden könnte) oder wenn man in der chemischen Zusammensetzung eine russische Besonderheit finden würde (wobei ich als chemischer Laie meinen würde, dass es das eigentlich nicht geben kann, denn die Grundstoffe unterscheiden sich ja mWn nicht von Land zu Land) oder wenn klar nachgewiesen wäre, dass AUSSCHLIESSLICH Russland die Formel kennen würde.

    Das Labor in Porton Down hat nun aber ausdrücklich bestätigt, dass es ein Gift aus der Nowitschok Klasse gewesen ist, dass man aber eben nicht beweisen kann, dass dieses aus Russland stammt.

    Wie gesagt, wie soll das auch gehen?

    Dass nur Russland über die Formel für Nowitschok verfügt, ist auch nicht wahrschenlich. Denn wenn Porton Down nicht ebenfalls über die Formel verfügen würde, hätte man das Gift ja auch nicht so schnell als Nowitschok identifizieren können (denn dazu muss man ja einen Vergleich haben).

    Laut Wikipedia hat Mirsajanov die Strukturformel für die von ihm mitentwickelten Giftstoffe sogar veröffentlicht, worüber das FBI „nicht glücklich“ war. https://de.wikipedia.org/wiki/Nowitschok

    Man kann also durchaus davon ausgehen, dass nicht AUSSCHLIESSLICH Russland das Gift hätte herstellen können – deshalb ist ja auch die Aussage des Leiters von Porton Down, dass man nicht sagen kann, ob das verwendete Gift tatsächlich in Russland hergestellt wurde, nachvollziehbar (und wenn man einmal in Rechnung stellt, dass der britische Außenminister zunächst öffentlich verkündet hatte, dass Porton Down das Gift einwandfrei Russland zuordnen konnte, dann gewinnt diese Aussage alleine schon dadurch an Brisanz als man immer im Hinterkopf haben muss, dass die seinerzeitige britische Regierung die Öffentlichkeit bewusst über die Massenvernichtungswaffen im Irak getäuscht hatte, um den eigenen Kriegseintritt zu rechtfertigen Link u.a. : http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-07/irakkrieg-tony-blair-kritik-grossbritannien-chilcot-report .

    Auch seinerzeit hat eine Regierung die vorliegenden Erkenntnisse massiv aufgebauscht und als „sicher“ bezeichnet ohne dafür Grundlagen zu haben – das Auftreten von Boris Johnson erinnert daran.

    Nur weil Russland das Gift entwickelt hat, heißt das ja nun nicht, dass das Gift in jedem Fall auch immer in Russland hergestellt wurde.

    Ob Russland selber das Gift überhaupt jemals hergestellt hat oder nur die entsprechende Forschung betrieben hat, war offenbar auch lange nicht wirklich klar (siehe mein Zitat oben von Robin Black, dem früheren Leiter des Labors in Porton Down bzw. mein ebenfalls im vorigen Beitrag enthaltener Hinweis darauf, dass die Nowitschoks nicht in die Verbotsliste für Chemiewaffen aufgenommen hat – man ging wohl davon aus, dass Russland, so wie von Mirjanov behauptet, an diesen Giften geforscht, diese aber nicht erfolgreich hergestellt hat.

    Die OPCV hat in einem Bericht aus 2013 u.a. festgestellt: „Der wissenschaftliche Beirat möchte hiermit feststellen, dass er nicht über ausreichende Informationen verfügt, um sich über die Existenz oder die Eigenschaften von Nowitschoks äußern zu können.“

    Hier kann ich nur auf die Quelle verweisen und diese nicht verlinken: OPCW Bericht des wissenschaftlichen Beirats über Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie für die dritte Berichtskonferenz 27.03.2013

    Aber selbst wenn man davon ausgeht, dass Russland das Gift (auch) hergestellt hat, heißt das eben ja nicht, dass NUR Russland das Gift hergestellt hat bzw. herstellen konnte.

    Bleibt als einigermaßen sicherer Nachweis nur die „normale polizeiliche Ermittlung“. Also: Wer hat das Gift ins Land gebracht und wer hat das Gift den Skripals wie verabreicht? Was hat die Person /haben die Personen mit der russischen Regierung zu tun?

    Solange diese aber nicht abgeschlossen ist, gibt es mMn zwar die MÖGLICHKEIT, dass Russland hinter dem Anschlag steckt aber eben keine wirkliche Evidenz.

    Das mag mühsam sein und langwierig – aber grade weil eben (auf BEIDEN Seiten) mit Propaganda und „Fake News“ gearbeitet wird, muss man mMn diesen Weg gehen, um ein korrektes Ergebnis zu erzielen.

    Aber in einer Phase, in der fast nichts geklärt ist, Diplomaten auszuweisen und Russland öffentlich zu verurteilen und damit den Kalten Krieg wieder eine Stück schärfer zu machen, halte ich für wesentlich fragwürdiger als entsprechende Fragen zu stellen.

    Zusammengefasst:
    So wie es aussieht, wurden die Skripals mit einem Gift der Nowitschok Klasse vergiftet.
    Dieses Gift wurde in Russland erforscht und entwickelt und getestet (in Schichany und in Nukus).
    Wer das Gift aktuell hergestellt hat, weiß niemand! Wer das Gift in Land gebracht hat, steht ebenso wenig fest wie wer die Skripals mit dem Gift in Kontakt gebracht hat!
    Wie die Skripals vergiftet worden sind, steht ebenfalls nicht fest!
    Warum die beiden Skripals trotz unterschiedlichem Alter und unterschiedlicher physischer Konstitution gleichzeitig bewusstlos werden, ist nicht geklärt (insbesondere vor dem Hintergrund, dass Julia Skripal deutlich früher wieder gesundet als ihr Vater)!

    Es mag sein, dass Russland ein Interesse daran hat, seine ehemaligen Agenten unter Dauerdruck zu halten und ihnen zu zeigen, dass sie nirgendwo sicher sind. Wenn Putin aber, wie Sie Herr Büge insinuieren, unter dem Druck der Oligarchen stand, weil diesen die Felle davonschwimmen (was ich persönlich nicht wirklich bedauern würde), dann wäre es doch äußerst ungeschickt, einen Agenten im Ausland umbringen zu wollen, denn dass der Westen darauf möglicherweise auch wieder mit weiteren Sanktionen reagieren würde, musste doch klar sein und wird die Oligarchen dann ja noch mehr treffen und erzürnen (oder meinten Sie, dass Putin sich gegen die Oligarchen profilieren und ihnen das Leben schwerer machen wollte?).

    Könnte ich ausschließen, dass Russland diesen Anschlag ausgeführt hat? Mit Sicherheit nicht. Russland lügt und bricht das Völkerrecht, wenn es ihm genehm ist (vielleicht noch einmal zur Einordnung von Craig Murray – er schreibt in seinem Artikel in den „Blättern“ am Schluss ausdrücklich, dass er glaubt, dass russische Agenten seinerzeit Alxander Litwinenko ermordet haben und dass er der Auffassung ist, dass die russische Besetzung der Krim und von Teilen Georgiens illegal ist – es handelt sich also keinesfalls um einen sogenannten „Putinversteher“).

    Ich kann aber eben auch leider nicht ausschließen, dass dieses Attentat von anderen Kräften/Ländern ausgeführt wurde, denn auch die USA und GBR z.B. lügen und brechen das Völkerrecht, wenn es ihnen passt.

    Insofern muss ich zum Ende mit Craig Murray zu dem Schluss kommen: „Doch die naive Sicht, die Welt in „Gute“ und „Böse“ unterteilt, mit unserer eigenen herrschenden Klasse als den Guten, ist Unfug.“

  23. A.H. sagt:

    Guten Tag !

    Ich habe eben auf Phoenix das Tagesgespräch mit dem ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzenden des NATO Militärausschusses Herrn Harald Kujat gesehen.

    Da ging es zwar explizit um Syrien und um die angekündigten Militärschläge der Amerikaner – aber irgendwie gehört die Entwicklung auch mit dem Giftanschlag in London zusammen (weil sie nach einem ähnlichen Muster ablaufen) und es kann einem wirklich Angst und Bange werden (mir jedenfalls geht es so).

    Sowohl in London als auch jetzt in Syrien wird gar nicht erst abgewartet, bis dass man irgendwie Beweise für seine eigene Überzeugung (oder sagen wir mal besser: für die nach außen gezeigte Überzeugung) gefunden hat sondern es werden sofort Schuldige präsentiert (egal ob es dafür irgendwelche Beweise gibt oder nicht und auch egal wie valide diese Beweise, wenn man sie denn benennt, möglicherweise sind) und die Konfrontation angeheizt.

    In London waren die Skripals ja kaum im Krankenhaus als Theresa May ja schon Russland öffentlich angeklagt, Diplomaten ausgewiesen und Russland in ultimativer Form aufgefordert hat, seine Unschuld gefälligst umgehend zu beweisen (mit Ultimatum).

    Und nun in Syrien steht noch nicht einmal definitiv fest (obwohl sehr viel dafür spricht), ob es überhaupt einen Giftgaseinsatz gegeben hat und erst recht nicht, von welcher Seite der lanciert wurde und schon droht Donald Trump nicht nur Vergeltungsmaßnahmen gegen Syrien an (darin natürlich unterstützt von Frankreich und wieder mal Großbritannien) sondern zielt auch verbal gegen Russland (btw.: Ich finde es immer bemerkenswert, wenn solche Schläge damit begründet werden, dass man Assad ja nicht ungestraft sein Volk ermorden lassen darf – aber wird denn etwa Assad von solchen Bomben und Raketen getroffen (??) – bisher jedenfalls ja nicht; es trifft dann irgendwelche Zivilisten und Soldaten (und auch Soldaten sind ja Menschen und daher verlieren dann Kinder ihre Väter und Mütter ihre Söhne und Frauen ihre Männer, die ja möglicherweise Assad gar nicht so toll gefunden haben aber zum Militärdienst gezwungen waren, während Assad im Regelfall einfach weitermachen kann – diesen (mMn wichtigen) Aspekt findet man eigentlich bedauerlicherweise nirgendwo in den Medien)

    Man nimmt also (anders kann ich es nicht interpretieren) eine Verschärfung des Konfliktes mit Russland in Kauf, ohne dass es Beweise für die behaupteten Untaten gibt (weder in London noch jetzt in Syrien) und all das führt die Welt nach Aussage von Herrn Kujat in Phoenix nicht etwa zurück in die Zeit des Kalten Kriegs sondern „an den Rand eines heißen Kriegs“ zwischen verschiedenen Atommächten.

    Und was macht unsere Bundesregierung? Sie gießt im Prinzip noch Öl mit ins Feuer (vielleicht sind „wir“ da nicht mit der größten Ölkanne unterwegs aber wir stehen treu und fest an der Seite derjenigen, die aus unbewiesenen Behauptungen das Recht ableiten, die Welt ein großes Stück weit unsicherer zu machen). Was mich persönlich auch betroffen macht ist die Tatsache, dass nicht nur die üblichen Verdächtigen von der Union entsprechend unterwegs sind sondern dass man von der „alten SPD“, die ja immerhin mal als Erfinderin der Entspannungspolitik galt, nix Deeskalierendes hört oder liest (vielleicht außer von Herrn Platzek).
    Im Gegenteil scheint Herr Maas sich als Außenminister ja durch eine besonders forsche Haltung gegen Russland profilieren zu wollen.

    Nicht dass uns dieser enge und eigentlich (wenn man die bekannten Fakten betrachtet) durch nichts zu rechtfertigende Schulterschluss mit London (Skripal) und Washington (Syrien) noch mal wirklich leid tun wird.

    Wie gesagt, kann sein, dass ich da eher zu den Ängstlichen gehöre – aber ich finde die Weltlage schon sehr beunruhigend, wenn man fast schon darauf hoffen muss, dass Putin sich bei einer möglichen Eskalation in Syrien einigermaßen rational verhält und nicht zurückschlägt.

    Und meine Befürchtung ist, dass durch solche voreiligen Maßnahmen wie öffentliche Anschuldigungen von Russland, die Ausweisung von Diplomaten und das Verhängen von Sanktionen ohne eine gesicherte Beweislage zu haben (und damit komme ich wieder zum Thema „Giftanschlag in London zurück), diese rationale Haltung aber sicher nicht gefördert wird.

  24. A.H. sagt:

    So nun ist der Bericht der OPCW heraus und weiter behaupten beide Seiten munter weiter, dass die natürlich Recht haben.

    Fest scheint ja nun zu stehen, dass es ein Nervengift war (wobei das nun auch keine überraschende Feststellung ist) und dass es offenbar „hochrein“ wat, also in einem professionell ausgerüsteten Labor hergestellt wurde.

    Mehr steht im öffentlichen Teil des Berichts nicht drin – auch nicht, dass es ein Nowitschok Gifts gewesen sein soll.

    Wenn man sich die Reaktionen auf den Bericht so anschaut, dann spricht aber wohl so einiges dafür, dass es tatsächlich ein Nowitschok gewesen sein könnte.

    Bisher hat aber noch niemand behauptet, dass sich in irgendeiner Form nachweisbar ist, dass dieses Gift in Russland hergestellt worden ist.

    Da man ja wohl davon ausgehen kann, dass Russland auf britischem Boden kein Chemiewaffenlabor unterhält, hätte man das bereits toxische Nowitschok dann ja wohl einführen müssen.

    Insofern bleibt als Nachweis für eine Beteiligung Russlands dann wohl nur noch die gute alte Polizeiarbeit – also wer hat das Gift eingeführt und wer hat es wie den Skripals verabreicht?

    Ansonsten bleibt das Ganze in der Phase der Behauptungen und Gegenbehauptungen. Und Lügen traue ich aus Erfahrung beiden Seiten zu!

  25. Barbara Eilers sagt:

    @ A.H. Da waren Sie ja wirklich bewundernswert fleißig beim Auftreiben und Zitieren von Quellen! Eindrucksvoll.
    Wie und ob sich das alles je aufklären lässt und wann werden wir ja sehen. Schlimm ist aber das Tempo, in dem mehrmals täglich neue Entwicklungen, Statements, Drohungen von Vergeltungsmaßnahmen durch den Äther gejagt werden – sowohl bei der Skripalfrage als auch im Syrienkrieg. Und ständig schwebt die Gefahr Unkalkulierbarer Eskalation über uns.
    Die Kontrahenten scheinen es nicht mehr für nötig zu halten, zu reden miteinander und Wege der Deeskalation zu suchen. In der UNO schon lange nicht mehr. Wie lange müssen wir schon bei den verschiedensten internationalen Konflikten zuschauen, wie sich die Vetomächte jeweils gegenseitig blockieren? Wenn es um Israel geht blockiert auf jeden Fall die USA, wenn es um Syrien geht blockiert Russland. Vorschläge der einen Seite werden von der anderen auf jeden Fall abgeschmettert. Wo sind die Kompromissesucher? Wo die Diplomaten und Außenminister? Heiko Maas ist bisher für mich eine große Enttäuschung.

  26. A.H. sagt:

    Guten Morgen !

    Was mich heute Morgen doch ärgert, ist die erkennbare Tendenz in vielen deutschen Medien, den Bericht der OPCW von gestern als eine Art „Punktsieg“ für London zu bezeichnen. Es wird sehr häufig eine Überschrift wie „Gutacher im Fall Skripal bestätigen London“ (SZ von heute) gewählt.

    Ich finde das nicht wirklich sachgerecht.

    Bestätigt wurde in dem öffentlich zugänglichen Teil des Berichts doch nur, dass es sich um ein „Nervengift von hoher Reinheit“ gehandelt hat. Im öffentlichen Teil wird nicht einmal der Name Nowitschok erwähnt.

    Da aber viele Medien berichten, dass es sich um Nowitschok gehandelt hätte, gehe ich mal davon aus, dass dieser Name im nichtöffentlichen Teil des Berichts genannt wurde.

    Kurz gesagt, hat der OPCW -Bericht also die Erkenntnisse des Labors von Porton Down absolut bestätigt.

    Der mMn ENTSCHEIDENDE Punkt in dem Statement der britischen Regierung war aber ja, dass es höchstwahrscheinlich Russland gewesen ist, dass den Giftgasanschlag vorgenommen hat. Dies wird durch den Bericht der OPCW aber genausowenig verifiziert, wie seinerzeit von Porton Down, wo ja der Version des Außenministers, das Labor hätte eindeutige Beweise für die Verantwortlichkeit Russlands, ausdrücklich widersprochen.

    Durch die Überschrift z.B. in der SZ von heute (London wird ja „bestätigt“), entsteht schon der Eindruck, dass eben auch (und vor allem) die Kernaussage Londons (Russland wars) bestätigt wurde.

    Auf der Onlineseite der FR steht „Giftgasexperten bestätigen britische Erkenntnisse“ – auch das suggeriert, dass das britische Narrativ (Russland ist verantwortlich) zutreffend ist und bestätigt wurde.

    (Besser macht es aus meiner Sicht die FAZ auf ihrer Homepage, die dort titelt „Ein Gift von hoher Reinheit“).

    Ich halte so eine Berichterstattung (Es handelt sich nicht um einen Kommentar sondern um eine Schlagzeile auf der Titelseite) für sehr problematisch (und auch tendenziös). Oder bin ich da nur zu empfindlich?

    Einen angenehmen Tag noch allerseits!

  27. Barbara Eilers sagt:

    In den Nachdenkseiten wird behauptet, dieses Thread sei gelöscht worden bzw beendet. Stimmt gar nicht, oder?

  28. Bronski sagt:

    @ Barbara Eilers

    Wie Sie sehen können, stimmt es nicht, dass dieser Thread gelöscht oder beendet wurde. Vielleicht haben die Nachdenkseiten meine Ankündigung missverstanden, nicht mitzudiskutieren.

  29. Brigitte Ernst sagt:

    Tja, so verbreiten Leute, die sich als Entlarver von Fake News gerieren, selbst Fake News.😉