Jede patriarchale Kultur trägt den Keim der Frauenverachtung in sich

Schau mal einer an! Seit Jahren fordern Frauenverbände eine Verschärfung des Sexualstrafrechts, aber es müssen offenbar erst Übergriffe wie die in Köln, Hamburg und anderswo in der Silvesternacht passieren, um der Politik klarzumachen, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Nun aber geht es plötzlich Schlag auf Schlag. Gestern stellten Bundesinnenminister De Maizière (CDU) und Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) eine ganze Reihe neuer Gesetzesentwürfe vor, darunter auch einen zur sexuellen Nötigung.

„In Zukunft müssen Frauen nicht mehr nachweisen, dass sie sich massiv gewehrt haben, damit es zu einer Verurteilung wegen Vergewaltigung kommen könne“, schreibt FR-Autor Thomas Kröter in seinem FR-Artikel. „Ein schlichtes „Nein“ soll ausreichen. Sexuelle Nötigung soll auch dann vorliegen können, wenn eine Frau sich aus Überraschung oder weil sie andernfalls größere Gewalt vom Angreifen fürchten musste, nicht gewehrt habe.“

Heiko Maas„Kriminelle müssen in Deutschland konsequent zur Rechenschaft gezogen werden“, sagte Justizminister Maas. Das wollen wir aber auch meinen! Nun haben wir also bald schärfere Gesetze. Der nächste Schritt muss sein, Polizei- und Justizapparate so auszustatten, dass sie in die Lage versetzt werden, diese Gesetze tatsächlich anzuwenden. Und dann wird die Debatte noch einmal losgehen, denn auch wenn ein „Nein“ künftig reichen soll, um die Grenze zur sexuellen Nötigung zu markieren, muss ein jedes Gerichtsverfahren dennoch die Beweise prüfen. Der Bundesgerichtshof, bei dem die Verfahren letztlich nach Revision landen, hat in der Vergangenheit keineswegs immer zu Gunsten der Opfer von sexueller Gewalt entschieden, wie FR-Autorin Ursula Knapp in ihrem Artikel in Erinnerung ruft. Oft steht Aussage gegen Aussage, so dass der BGH einen weiten Ermessensspielraum hatte. Gelegentlich wurde ein Nein auch als heimliches Ja ausgelegt. Dieser Ermessensspielraum wird vom verschärften Gesetz eingeschränkt, existiert im Grundsatz aber weiter. Katja Grieger vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe sieht in den Gesetzesänderungen denn auch lediglich einen „Schritt in die richtige Richtung“ — hier das FR-Interview mit ihr.

Dass es bald schärfere Gesetze gibt, heißt also nicht, dass die Debatte abgeschlossen wäre. Sie ist es möglicherweise noch nicht einmal hinsichtlich der sexuellen Gewalt durch Flüchtlinge und Migranten wie in der Silvesternacht. Dieser Teil der Debatte kratzt ohnehin nur an der Oberfläche, denn sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Deutschland etwas Alltägliches. Jenseits der angezeigten Vergewaltigungen wird eine große Dunkelziffer an Gewalttaten vermutet. Im Jahr 2011 wurden gut 7500 Vergewaltigungen angezeigt. Laut Angaben von Terre des femmes ist 25 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen körperliche oder sexuelle Gewalt widerfahren. Nur fünf Prozent der Sexualstraftaten würden angezeigt, heißt es in einer pdf-Zusammenfassung der Organisation. Auf 100.000 Einwohnerinnen kämen knapp 10 angezeigte Vergewaltigungen jährlich. In anderen europäischen Ländern sei die Anzeigequote deutlich höher, so beispielsweise in Schweden mit rund 46 Anzeigen auf 100.000 Einwohnerinnen, so dass der Verdacht schlüssig erscheint, dass viele der betroffenen Frauen in Deutschland diese Gewalttaten nicht anzeigen.

Es geht also um Gewalt durch Männer generell, nicht nur um Gewalt durch Männer aus anderen Kulturkreisen, und eigentlich müsste die Diskussion in diesem erweiterten Fokus geführt werden, um das Problem grundsätzlich anzugehen: Warum betrachten viele Männer Frauen generell als eine Art Exklave ihres Selbst, auf die sie jederzeit zugreifen dürfen? Dass in solchen Fällen häufig Alkohol im Spiel ist, ändert nichts an der Fragestellung, denn Alkohol enthemmt lediglich und senkt damit die Schwelle zur Gewalt; die Gewaltbereitschaft existiert aber unabhängig davon grundsätzlich trotzdem. Erst langjähriger und maßloser Alkoholmissbrauch verändert Menschen derart stark, dass der Alkohol als Ursache sexueller Gewalt gesehen werden könnte.

Männer betrachten Frauen also vielfach als ihren Besitz. Dieses patriarchalische Denken hat auch in den Köpfen deutscher Männer anscheinend immer noch Macht, auch wenn es im Lauf der vergangenen hundert Jahre zunehmend eingehegt — vielleicht könnte man sagen: domestiziert — wurde. Auf diesem Weg ist Deutschland zweifellos weiter als jene Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen, die in der Silvesternacht auffällig wurden. Wir deutschen Männer sollten dennoch nicht so tun, als ob wir bessere Männer wären. Gewissermaßen wurden wir zum Jahreswechsel nur mit uns selbst konfrontiert — so wie wir möglicherweise wären, wenn wir in jenen Kulturkreisen aufgewachsen wären. Es könnte nämlich sein, dass wir die Grundausstattung an Gewaltbereitschaft mit diesen Männern gemein haben. Frauen dringen völlig zu recht darauf, dass über diese Dinge geredet wird.

Angelika Denzler aus Mühlacker meint:

„Bei all der aufgeregten Debatte scheint mir in Vergessenheit zu geraten, um was es eigentlich geht. Es geht um die Sicherheit von Frauen in diesem Land, und um unsere Freiheit, uns dort aufzuhalten, wo wir es wollen. Diese beiden Grundrechte wurden uns in der Silvesternacht an verschiedenen Orten genommen, ohne dass Polizei oder Umstehende (von denen hätte eigentlich auch jemand helfen können?) sich darum gekümmert hätten. Was früher auch schon der Fall war. Wie hat es vor der Ankunft der Flüchtlinge mit der Sicherheit für Frauen ausgesehen? Wenn eine Frau auf der Straße eine Gruppe von Männern (noch schlimmer: junge Männer) auf sich zukommen sieht – fühlt sie sich sicher? Wenn diese Männer lallen und grölen, beruhigt es, wenn es nach deutscher Sprache klingt?
Wir erfahren jetzt, im Zusammenhang mit den Silvesterangriffen, dass es beim Oktoberfest regelmäßig zu Vergewaltigungen kommt, dass die Dunkelziffer bei 200 pro Saison liegt. Dass im Kölner Karneval regelmäßig K.-o.-Tropfen im Einsatz seien, abgesehen vom Alkohol. Gab es beim Cannstatter Wasen und den anderen Sauf-Events keine sexuellen Belästigungen? Warum hat sich darüber nie jemand aufgeregt, warum wird es erst skandalös, wenn Ausländer das machen, was sonst offenbar die Deutschen tun? Begrapschen schien ja bisher selbst von Bundestagsabgeordneten und Ministern allerhöchstens als Kavaliersdelikt betrachtet worden zu sein, wenn überhaupt. Wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt, so steht ihr ein Spießrutenlaufen bei Polizei und Gericht bevor, so dass – sogar auf Anraten der Beratungsstellen – die meisten Fälle gar nicht angezeigt werden. Warum wird das nicht ebenso schockiert von Zeitungen und Politikern ausführlich diskutiert?
Dass es manchen in der aktuellen Debatte offenbar nur darum geht, ungebetene Mitbewohner außer Landes zu schaffen, zeigt sich daran, dass dieselben Leute, die „zum Schutz der deutschen Frauen“ die Abschiebung erleichtern wollen, keinerlei Forderungen nach Strafrechtsverschärfungen bei sexuellen Übergriffen stellen. Warum eigentlich nicht Abschiebung für alle, die Frauen belästigen? Das, was den Frauen in der Silvesternacht angetan wurde, ist außer dem Handy-Klau strafrechtlich kaum relevant. Sollte das nicht ein Skandal sein?“

Gudrun Nositschka aus Mechernich:

„Jede patriarchale Kultur und Religion – so auch der Islam als jüngste der patriachalen Religionen nach Judentum und Christentum – trägt den Keim der Frauenverachtung, der Frauenfeindlichkeit bis zum Frauenhass in sich, gut nachweisbar in Schriften seit gut 4000 Jahren. Das Erschreckende ist, dass das Patriarchat noch immer die herrschende Religion/Kultur ist, auch wenn es Frauen – durchaus mit männlicher Unterstützung – in den letzten 100 Jahren in einigen Regionen der Erde gelungen ist, einige patriarchale Exzesse abzumildern. So dürfen Frauen in Deutschland wählen und gewählt werden, stehen nicht mehr unter lebenslanger Vormundschaft von Vätern, Ehemännern oder Brüdern wie heute noch im Islam, dürfen lernen und Berufe ausüben, müssen nicht mehr heiraten, haben ein sexuelles Selbstbestimmungsrecht, unterliegen nicht mehr Kleidungsordnungen und Menstruationstabus, dürfen sich frei auch ohne männliche Begleitung bewegen und dürfen auch in der Ehe nicht mehr geschlagen oder vergewaltigt werden. Diese Rechte sind allerdings nur in Demokratien einklagbar.
Dennoch leben Frauen in Deutschland nach wie vor gefährlich, wenn sie sich zum Beispiel trennen oder scheiden lassen. Die Zahl der getöteten und/oder geschlagenen Frauen ist nach wie vor hoch, sie betrifft alle sozialen Schichten und alle Herkunftsländer und Religionen der Täter. Ein Fluchtweg sind Frauenhäuser, die leider immer noch nicht vollständig aus Steuermitteln finanziert werden. Durch Zuzug und Flucht von vielen Männern aus islamischen Ländern ist ihr patriarchales Denken über Frauen virulent geworden. Sie haben dieses Denken, gespeist aus dem Koran und Sozialisation, nicht mit der Flucht hinter sich gelassen. Ich befürchte einen Rückschlag in den mühsam errungenen Rechten für Frauen und Kinder, wenn wir nicht alles daran setzen – und hier sind besonders Gesetzgebung, Justiz und Polizei gefragt, aber auch die Parteien – unsere Verfassung auf allen Ebenen durchzusetzen.“

Claudia RothSexualisierte Gewalt wie bei den Kölner Übergriffen zu Silvester ist nach Ansicht von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth „in Deutschland leider ein altes Phänomen„. Dazu meint Klaus Raab aus Wilhelmshaven:

„Auch im Karneval und auf dem Oktoberfest gebe es immer wieder sexualisierte Gewalt gegen Frauen, sagte Claudia Roth der „Welt“ (Freitag). Jetzt aber vermittelten viele den Eindruck, als kämen solche Vorgänge „alleinig von außen zu uns ins Land“. Sehr geehrte Frau Roth, ich glaube nicht, dass Übergriffe auf Frauen ein „altes Phänomen“ sind, mit dem man sich in Deutschland eingerichtet habe. Das würde bedeuten, dass Frauen in Deutschland sich damit abgefunden hätten, Opfer zu sein. Vielmehr haben Frauen in Deutschland sich einen Status erarbeitet, der weltweit anerkannt, wenn nicht bewundert wird. Das soll so bleiben. Jede Relativierung durch Verweise auf andere Kulturkreise verbietet sich. Ein lebensbedrohter Flüchtling wird bestimmt nicht darauf bestehen, dass seine Betreuer die Burka tragen.“

Walter Haider aus Hochheim

„Die Kölner Exzesse in der Silvesternacht sind durch nichts zu entschuldigen. Der Schrei aus der politischen Ecke nach schärferen Gesetzen, soll nur vom eigenen Versagen ablenken. Bestehende Gesetze anwenden und ggf. Abschiebung. Erschreckend ist jedoch, wenn die Vizepräsidentin des Bundestages, Frau Roth, die Vorfälle mit Vergleichen vom Oktoberfest und Karneval relativieren will, und dieser Argumentation auch in einigen Leserbriefen in der FR gefolgt wird. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen: Die kriminellen sexuellen Handlungen bei Festveranstaltungen werden in der Regel von Einzelpersonen begangen, während die Kölner Verbrechen bandenmäßig organisiert von Nordafrikanern und Arabern durchgeführt wurden. Diese Art haben wir vor Jahren schon in Ägypten erlebt. Das ist der große Unterschied, den wir nicht unter den Tisch kehren dürfen.“

Diskussion: frblog.de/sexuellegewalt

 

Diskussion: frblog.de/sexuellegealt

29 Kommentare

  1. Karl Müller sagt:

    Ausflüchte für Untätigkeit des Gesetzgebers finden sich immer.

    Wobei im Falle der zu diskutierenden Schutzwwirkung der Norm bzgl. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung die grundelgende Problematik mal wieder vom Kampf um Deutungshoheit der üblchen Verdächtigen überlagert wird.

    Das in weiten Teilen törichte Geschwätz wird weder den Geschädigten gerecht noch kommte es dabei uüberhaupt zum Kern des Problems: Mangelnde Normenklarheit und kein Ausweg wie mit rechtsstaatlichen Mitteln dabei revisionsfest auf erfüllte Tatbestände geprüft werden kann. Gerade was diesen Punkt angeht, gibt es praktisch keine konstruktiven Beiträge; bisher.

    Daher auch das Problem mit dem „Nein“ wie kann das ohne Zeugen be- oder widerlegt werden?
    Hier wäre eine Glaubwürdigkeitspräferenz schon der zukünftige Revisisonsgrund und wer das anstrebt legt die Axt an die Säulen des Rechtsstaates.

    Nicht das mich die Vorschlagenden dabei überraschen würden.

  2. werner.h sagt:

    Walter Haider stellt, (im letzten Leserbtrief oben), mit wenigen kurzen Sätzen die unterschiedlichen Sachverhalte klar.
    So ähnlich hätte ich mich auch ausgedrückt.

    Wie man sehen kann, lässt sich mit wenigen gezielten Worten oft mehr Klarheit und Verständnis erreichen als mit vielen, weit ausholenden, verschachtelten Sätzen.

  3. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Vielleicht macht es Sinn, das Sexualstrafrecht zu verschärfen. Aber bereits, als ich diesen Satz niederschreibe, weiß ich, dass es keinen Sinn macht. Dass es eine Ersatzhandlung wäre, welche über die Beschäftigung mit Symptomen nicht hinauskäme. Und die die Kernprobleme bewusst ausklammerte. Letztere betreffen vorrangig das patriarchalische Denken, das sich vor allem in religiösen Denkmustern tief eingegraben hat (während die weltlichen patriarchalischen Herrschaftsformen seit der Aufklärung doch erheblich unter Legitimationsdruck geraten sind).

    Der Patriarch und seine Haus- und Gebrauchsfrauen waren vermutlich über Jahrtausende die normale Herrschaftsebene, auch bei den Nichtprivilegierten. Parallel dazu wurden diese Vorstellungen auf eine Metaebene projiziert. Die antike Götterwelt, in der es über alle Maßen menschelte, war eine davon. Allerdings scheint es, als wären die weiblichen Götter emanzipierter gewesen als eine Katholikin, eine Evangelikale oder eine Muslima unserer Tage. Die anderen Projektionsebenen waren und sind (noch) die monotheistischen Religionen. Denn deren Gottesvorstellungen kreisen um den Mann: „Vater unser…“, „Adonai – mein Herr“, „der Ewige“, „Allah – der Gott„ usw. Es würde auch nichts bringen, die männlichen Bezeichnungen in den so genannten Heiligen Schriften einfach gegen weibliche oder geschlechtsneutrale auszutauschen. Die nicht zu legitimierenden Abhängigkeiten blieben erhalten.

    Wer dem Patriarchat endgültig die Legitimation nehmen will, muss bei den Religionen anfangen. Warum genießen sie eigentlich den besonderen Schutz unserer Verfassung? Es würde doch ausreichen, das Denken zu schützen, meinetwegen auch das abstruse, solange es nicht gefährlich wird.

    Die institutionalisierten Religionen weisen durchweg auch Merkmale auf, die man üblicherweise den Gegnern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zuerkennt. Ab 1972 durften Beamte aufgrund des Radikalenerlasses (in Bayern bis 1991 praktiziert) nicht Mitglied in Parteien sein, die als verfassungsfeindlich galten, ohne dass sie notwendigerweise verboten waren. Die Postzusteller, die wegen ihrer DKP-Zugehörigkeit entlassen wurden, machten immer wieder Schlagzeilen und viele Menschen schüttelten den Kopf angesichts solcher Kleinlichkeiten.

    Eine christliche Konfession wie die katholische, die Frauen von wichtigen Ämtern fernhält, wird hingegen (wenn auch manchmal achselzuckend) akzeptiert. Evangelikale Gruppierungen, die Homosexualität für eine Krankheit halten, werden zwar mittlerweile meist belächelt, aber in ihrem Wahnsinn nicht gestört. Flüchtlinge aus islamischen Ländern gelten allenfalls wegen vermuteter Zugehörigkeit zum IS als Sicherheitsrisiken. Ihre Religion wird zwar kritisch beäugt, aber sie ist kein Ausschlusskriterium im Asylverfahren.

    Nehmen wir doch den Herrschaftsverhältnissen ihren religiösen Heiligenschein. Die Patriarchen würden alsbald sehr nackt aussehen. Und überaus lächerlich wirken.

  4. Karl Müller sagt:

    Hallo Herr Mertens,

    was das Gefahrenpotenzial und die faktisch Verkennung der dahinter stehenden Problematik von „Religion“ angeht, so scheitn deren bevorzugung weniger sachlich begründbar, denn interessengeleigte von den die Legislative bildenden Parteien gestaltet. Hier ist wirklich noch viel zu tun.

    Allerdings kennt unser Tatbestandsrecht kein „Gesinnungsrecht“ mehr, ein sekularer Rechtsstaat der den Namen verdient, sollte darauf auch verzichten.

  5. Brigitte Ernst sagt:

    „Es könnte also sein, dass wir die Gundausstattung an Gewaltbereitschaft mit diesen Männern gemein haben.“

    Da haben Sie ein wahres Wort ausgesprochen, lieber Bronski. Ein Gutteil dieser in allen Gesellschaften zu findenden männlichen Neigung zu Gewalt (auch zu sexueller Dominanz) liegt wohl in unserer Biologie begründet. Unter einer dünnen Schicht von Zivilisation versteckt sich eben immer noch die alte Affenhorde. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass sich das patriarchale Modell in der Geschichte durchgesetzt hat und dass sich bis heute die Gewalt als Grundübel der Menschheit nicht hat abschaffen lassen.
    Das darf natürlich nicht als Rechtfertigung herhalten, aber es erkärt, warum es eines so langen und mühevollen Prozesses bedarf, bis sich in kleinsten Schritten etwas verbessert.
    Geben wir den Kampf (gegen den inneren Affen oder auch Schweinehund) nicht auf!

  6. Wolfgang Fladung sagt:

    Dazu paßt das heute kolportierte Wort des von vielen ach so geschätzten Kabarettisten Dieter Nuhr (morgen abend in der ARD): Welcher Frau bebt schon der Uterus, wenn der Mann sagt: „Ich backe wunderbare Zimt-Plätzchen.“

    Gewalt gegen Frauen ist doch keine Erfindung all derer, die auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht unterwegs waren, um wohl auch durch die sexuellen Übergriffe von ihrem wahren Vorhaben, dem Beklauen, abzulenken. Und was seit Jahrzehnten im Karneval und vor allem auf dem Münchner Oktoberfest passiert, und wohl unter „Folklore“ abgebucht und abgelegt wird, geht in die gleiche Richtung. Weil unsere Kultur in dieser Hinsicht immer noch von Männern bestimmt und dominiert wird.

    Porno-Seiten scheinen ja auch der Renner im Internet zu sein, wohl mehrheitlich Frauen (???), die sich das ansehen. Da fragt sicherlich auch keiner, ob das wirklich alles notgeile Damen sind, oder ob die blanke Not sie dazu treibt, sich so zu erniedrigen.

    Meine mich alleinerziehende Mutter hatte immer ein Zitat parat: „Wie Du mir, so ich Dir“, und mir, da unehelich geboren, zu ihren Lebzeiten drei Ehemänner und einige Partner in mein Leben gebracht. Aber mich nie dabei vernachlässigt. Bei einem, ich war so 15, 16, gab es einen fürchterlichen Streit zwischen ihm und Mutter, mit Gewalt, und ich bin in die Küche, habe ein Messer aus der Schublade geholt, bin auf ihn zu, ich war damals schon größer als er, und habe gesagt: Wenn Du Mutter nicht sofort in Ruhe läßt, steche ich es dir in den Bauch. Und ab da war Ruhe.

  7. manfred petersmark sagt:

    Ich bin mir da nicht so ganz sicher: Warum ist das plötzlich so, daß eine fremdländische „patriarchale Kultur“, die sich nicht grundlegend anders als die entsprechende deutsche Kultur in puncto Gewalt gegenüber Frauen äußert, bei uns so pointiert wahrgenommen wird, daß sich deutsche Männer, an ihrer Spitze Heiko Maas und Thomas de Maizière, mit all ihren Kräften und entschlossen schützend vor die deutsche Frau stellen? Sollten die sexuellen Übergriffe auf Frauen in Köln und anderswo den Anstoß dazu geben, daß der Ermessensspielraum von Strafgerichten bei Sexualdelikten per Gesetz deutlich eingeschränkt wird, so könnte man sagen, na endlich! Es ist nicht zu verstehen, daß man einer Frau, die zum Geschlechtsverkehr gezwungen wurde, vor Gericht entgegenhält, sie habe versäumt, durch eine heftige körperliche Gegenwehr deutlich zu machen, nicht einverstanden gewesen zu sein, und ihr Nein habe nicht genügt, um ernst genug genommen zu werden. Schon das leiseste Zeichen einer Frau, daß sie mit einem Kontakt – wie auch immer geartet – nicht einverstanden ist, sollte genügen. So habe ich das vor langer Zeit, als ich Mädels ganz harm- und meist erfolglos anbaggerte, zu respektieren gelernt.

  8. BvG sagt:

    @B.Ernst

    „Geben wir den Kampf (gegen den inneren Affen oder auch Schweinehund) nicht auf!“

    Ich bitte um biologisch Korrektheit!

    „Äffinnen und Schweinehündinnen“ wäre zu ergänzen.

    (Sofern man sich solcher Sprache bedienen möchte..)

  9. Brigitte Ernst sagt:

    Lieber BvG,

    mit dem Begriff „Affenhorde“ habe ich bewusst die Weibchen mit einbezogen.
    Wobei es allerdings – ich sag’s ja nicht gerne – statistisch erwiesen ist, dass Gewalt eher ein männliches Problem ist.

  10. Brigitte Ernst sagt:

    Ergänzung: Ich stelle mir gerade eine Meute von 1000 Frauen vor, die einzelne Männer umzingeln und ihnen an die „privaten Körperteile“ greifen…
    Nach reiflicher Überlegung kommt mir allerdings in den Sinn, dass das Schlips-Abschneiden an Weiberfastnacht der symbolische Ausdruck solcher Gelüste sein könnte.

  11. Brigitte Ernst sagt:

    Lieber Wolfgang Fladung #6,

    woher haben Sie die Information, dass sich vorwiegend Frauen Pornoseiten im Internet ansehen? Ich halte das für wenig glaubwürdig.
    Sind es denn auch mehrheitlich Frauen, die sich früher (oder zum Teil noch heute) Peep-Shows angesehen oder Pornohefte gekauft haben?

  12. Wolfgang Fladung sagt:

    #11, Brigitte Ernst: Sie haben völlig Recht,da ist mir aufgrund der recht späten Stunde wohl etwas durcheinander geraten. Diese Seiten sehen sich natürlich in erster Linie Männer an. Zwischen „wohl“ und „mehrheitlich“ gehört das Wort „weil“, daher auch die Fragezeichen (wegen der Unterstellung). Und vor dem Wort: „sich das ansehen“, gehört das „die“ gestrichen. Es ist sicherlich so, das die Frauen, die sich hier als Subjekt präsentieren, nur mitmischen und sich erniedrigen, in erster Linie der Geldmangel – oder die Geldforderungen Anderer – treibt, wie ich vermute.

  13. Frank Wohlgemuth sagt:

    „„Es könnte also sein, dass wir die Gundausstattung an Gewaltbereitschaft mit diesen Männern gemein haben.“

    Da haben Sie ein wahres Wort ausgesprochen, lieber Bronski. Ein Gutteil dieser in allen Gesellschaften zu findenden männlichen Neigung zu Gewalt (auch zu sexueller Dominanz) liegt wohl in unserer Biologie begründet. Unter einer dünnen Schicht von Zivilisation versteckt sich eben immer noch die alte Affenhorde.“ (Brigitte Ernst #5)

    Wir sind Affen aus der Familie der Menschenaffen, teilen damit natürlich auch deren grundsätzliches Instinktgerüst, aber es ist keine so dünne Schicht, die uns vor diesem Gerüst trennt, es ist das, was den Menschen ausmacht: seine Kultur. Die sollten wir nicht kleinreden. Sie ermöglicht uns Haltungen/Handlungen, die die anderen Affen nicht können. Wir können zum Beispiel per persönlicher Entscheidung auf unsere Sexualität verzichten. Solche Entscheidungen sind nicht problemlos und haben auch eine ordentliche Ausfallquote, wie der katholische Klerus unfreiwillig regelmäßig demonstriert, aber sie sind möglich.

    Der Zusammenhang zwischen der Frauenfeindlichkeit einer Gesellschaft und dem Patriarchat und der Religion wurde hier angesprochen, wobei wir uns, wenn das wirklich allgemein gelten soll, besser auf die abrahamitischen Religionen beschränken: Das sind die ohne Frau in der Götterwelt. Bei anderen Religionen kann das auch anders sein. Das waren jetzt die Gemeinsamkeiten, die aber noch keine gemeinsame Kultur ausmachen. Bei all der unterschwelligen öffentlichen und regelmäßig oberschwelligen privaten Gewalt gegen Frauen in dieser Gesellschaft sollten wir die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gesellschaften, die wir gerade gar keine Wahl haben zu verschmelzen, offen ansprechen, wenn die Probleme – und die Silvesternacht in Köln zeigte ein Problem – nicht weiter wachsen sollen.

    Dieses Offenansprechen ist leider bei uns inzwischen unüblich, weil alles, was wir am Fremden negativ vermerken, gleich als fremdenfeindlich gilt. So forderte der Grüne Beck jetzt tatsächlich noch einmal öffentlich Akzeptanz für religiöse Beschneidung, anstatt sich heimlich zu freuen, dass man dieses peinliche Gesetz durch die gezielte Desinformation der Parlamentarier schnell verabschieden konnte. Aber das nur nebenbei, weil es mir sehr übel aufgestoßen ist.

    Ich möchte hier zu diesem Thema eine Leseempfehlung für einen Artikel einer Seite, die ich sonst nur selten lese, aussprechen. Und sie sollten sich während des Lesens klar machen, dass da einer schreibt, der sich zwar auch 10 Jahre in der Gesellschaft aufgehalten hat, aber, und das halte ich in dem Zusammenhang für viel wichtiger, der Land und Leute liebt, über die er da schreibt. Das wird leider erst am Ende des Artikels richtig deutlich.

    Es handelt sich um einen Gastbeitrag von Samuel Schirmbeck in der F.A.Z.
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gastbeitrag-von-samuel-schirmbeck-zum-muslimischen-frauenbild-14007010.html?printPagedArticle=true

  14. Brigitte Ernst sagt:

    #13
    Der Beitrag von Samuel Schirmbeck zeigt die Verbindung zwischen fundamentalistischem Islam und Frauenverachtung auf.
    Leider findet sich dieses Phänomen aber auch in anderen, nicht muslimischen Gesellschaften. Auch Inderinnen sind im Großstadtgedränge ständigen Belästigungen ausgesetzt, ganz abgesehen von den öffentlichen Massenvergewaltigungen, die in letzter Zeit durch die Presse gingen. Dieses Land ist auch durch eine hohe Anzahl von Ermordungen von Frauen durch ihre Ehemänner oder Schwiegereltern bekannt, oft als Unfälle vertuscht.
    Und den Spitzenplatz an Vergewaltigungen nimmt derzeit wohl Südafrika ein, gefolgt von Botswana.
    Nicht alle diese Gräueltaten lassen sich mit männerzentrierten Religionen begründen, denn sowohl im Hinduismus als auch im Buddhismus gibt es meines Wissens Göttinnen, und trotzdem üben Männer Gewalt aus und Frauen werden als Menschen zweiter Klasse behandelt.
    Da haben wir Europäerinnen trotz allen auch bei uns zu beklagenden Sexismus‘ ja noch vergleichsweise Glück gehabt!

  15. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, #10

    „Nach reiflicher Überlegung kommt mir allerdings in den Sinn, dass das Schlips-Abschneiden an Weiberfastnacht der symbolische Ausdruck solcher Gelüste sein könnte.“

    – Eine recht interessante Überlegung, an die ich meine sehr ähnliche anfügen möchte (veröffentlicht 2007 als Fußnote im Vorwort des 2. Bands meiner Romantrilogie):
    „Wie sehr selbst der radikale Feminismus der 70er Jahre der ‚Natur‘-Ideologie und patriarchalem Denken verhaftet bleibt, mag Folgendes verdeutlichen: Es waren Büstenhalter, Insignien der Weiblichkeit, die in die Ecke flogen und verbrannt wurden. Niemand aber kam auf die Idee, männliche Hosenbeine zu kürzen. Und es bleibt bis heute den Narreteien rheinischen Karnevals vorbehalten, an ‚Weiberfastnacht‘ männliche Krawatten abzuschneiden.“
    Zur Erläuterung:
    „Natur“-Ideologie bezieht sich hier nicht auf die aufklärerische Position, sondern auf pervertierte Formen des Naturrechts-Gedankens. So die „Unbeflecktheits“- und Marienideologie im Katholizismus, noch stärker im „Reinheits“-Wahn und der „Ehren“-Ideologie des Islamismus. Dann natürlich (das eigentliche Thema) auf deren totalitäre Entsprechungen wie z.B. Schminkverbot im Nationalsozialismus und bestimmten islamischen Ländern. M.E. ein Hinweis darauf, dass nicht einmal Diktaturen elementare Bedürfnisse beseitigen können.
    Ob Krawatten als Symbole für „Männlichkeit“ (wie noch Hosen in den 50er Jahren – habe ich selbst erlebt) auch sexistisch zu interpretieren sind, wäre noch zu untersuchen. Historisch gesehen sind sie ein Protest gegen Todesstrafe.
    Fazit aus heutiger Sicht:
    Auch der Feminismus hat sich m.E. weitgehend nur an äußerlichen Merkmalen des Patriarchats abgearbeitet (erkennbar z.B. an bloßer Umpolung patriarchalischer Verhaltensweisen: „Mein Bauch gehört mir!“), ist ihm so auch selbst noch verhaftet geblieben.
    Grundwiderspruch: Eine solche Emanzipation lässt sich nicht isoliert, schon gar nicht aus einer Sicht eines „Geschlechterkampfes“ erreichen, sondern nur gemeinsam.

  16. Werner Engelmann sagt:

    @ Frank Wohlgemuth, #13

    Prinzipiell stimme ich Ihren Äußerungen zu, insbesondere dem Hinweis auf unsere Kultur, die „wir nicht kleinreden“ sollten.
    Der lange Beitrag von Samuel Schirmbeck ist sicher interessant. M.E. differenziert er aber nicht ausreichend zwischen „Kultur“ islamischer Länder und Islam als Religion, die man eben nicht in eins setzen kann.
    Überzeugender erscheint mir da der Psychologe und Soziologe Ahmad Mansour, der die Attraktivität des Islamismus auf junge Muslime vor allem auf die Vermittlung einer (fiktiven) „weltweiten islamischen Identität“ zurückführt, nachdem nationalstaatliche Versuche in arabischen Ländern gescheitert sind.
    (http://home.1und1.de/magazine/politik/Kampf-Islamischer-Staat-IS/generation-allah-deutschland-junge-muslime-radikalisieren-30698208)
    M.E. wird die religiöse Schiene in Deutschland überschätzt, vermutlich deshalb, weil wir bisher nur Kontakt zu religiösen Äußerungen von Muslimen hatten, nicht aber zu Erscheinungsformen und Manifestationen islamisch geprägter „Kultur“ (oder Unkultur). Vielleicht ändert sich das nach Köln, und das wäre dann wenigstens ein positiver Aspekt.
    Die von Ahmad Mansour genannte These erklärt auch besser die Rekrutierung von IS-Kämpfern unter Muslimen (und Nicht-Muslimen!), die westlich sozialisiert worden sind: Machtgefühl, Gefühl von Bedeutsamkeit als Gegensatz zu der von ihnen erfahrenen Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit. Ihre höchst oberflächliche und eklektische Religiosität (die sich aus den Koransuren die zu ihren Machtinstinkten passenden heraussucht) ist m.E. nicht Ursache, sondern Transmissionsriemen, zugleich auch Mittel der Abgrenzung und des Protests gegen ihre (in ihren Augen) „lauen“ Eltern.
    Auch, was die Ereignisse von Köln angeht, führt die Islam-Schiene m.E. nicht weiter. Sich zu besaufen und dann die „die Sau rauszulassen“ (wie Aiman Mazyek vom Zentrat der Muslime ausführt) ist nun nicht gerade islamtypisches Verhalten. Sehr wohl aber passt es in eine von Sexualverdrängung, Heuchelei und Befriedigung von Machtgelüsten geprägte pseudoreligiöse Macho-Gesellschaft, in der Männer „Ehre“ und „Jungfräulichkeit“ predigen und wie wilde Tiere über Frauen herfallen.

  17. Brigitte Ernst sagt:

    Werner Engelmann #15

    Eigentlich war ich immer der Auffassung, dieses Schlips-Abschneiden an Weiberfastnacht sei eine symbolische Kastration, denn es liegt doch nahe, die Krawatte als Phallussymbol aufzufassen.

    Der Karneval geht ja bereits auf eine altrömische Sitte zurück, dass an einem Tag des Jahres die normalen Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt wurden. Den Sklaven wurde an diesem Tag spielerisch die Befehlsgewalt über ihre Herren eingeräumt.
    Die gleiche Funktion hat die Übergabe der Macht des Bürgermeisters an den Prinzen Karneval und seine Partnerin als Vertreter einer verkehrten, närrischen Welt.
    Entsprechend wäre das Abschneiden der Krawatte die auf die närrische Zeit beschränkte Entmachtung der Männer und die Machtübernahme durch die Frauen, das normalerweise untergeordnete Geschlecht.

    Büstenhalter sind übrigens weniger Insignien der Weiblichkeit als vielmehr Zeichen dafür, dass der weibliche Körper durch die Konvention in ein Korsett gezwungen, das heißt eingesperrt, domestiziert wird. Das Ablegen dieses Korsetts bedeutet folglich Befreiung und Bekenntnis zur natürlichen Sexualität.

    Wieso Sie den Slogan „Mein Bauch gehört mir“ als Zeichen einer patriarchalischen Verhaltensweise interpretieren, verstehe ich nicht ganz.

    Ihrer Ansicht, die Emanzipation der Geschlechter sei nur gemeinsam zu erreichen, stimme ich zu.

  18. manfred petersmark sagt:

    @ 17; Liebe Brigitte Ernst,

    wie können Sie nur behaupten, ein schlaff herunterhängender Schlips sei ein Phallussymbol? Wenn das ein feministischer Angriff auf das männliche Selbstbewußtsein sein soll, so ist er gründlich danebengegangen, Hängolin hin, Hängolin her!

    Und weil ich Ihnen nicht unbesehen glaube, was Sie über die alten Römer und den Karneval zu wissen vorgeben, habe ich flugs mal bei Wikipedia nachgeschaut, und siehe da: Schon vor 5000 Jahren soll es in Mesopotamien einen Vorläufer des Faschings gegeben haben, zwar nicht mit völliger Umkehr der Herrschaftsverhältnisse, aber immerhin mit der Gleichstellung von Mächtigen und Niederen und von Sklaven und Sklavinnen mit ihren Haltern. Ob der IS diesen Brauch noch pflegt, darüber steht nichts geschrieben.

    Leider weiß ich gar nichts darüber, inwieweit das Patriarchat an der Konvention schuld ist, durch die der weibliche Körper „in ein Korsett gezwungen, das heißt eingesperrt, domestiziert wird“. Büstenhalter betrachte ich als statische Unterstützung der weiblichen Anatomie und sollten nur in dringenden Fällen abgelegt werden. Weshalb Sie den Keuschheitsgürtel, der in der nachzuverfolgenden Geschichte des Patriarchats geradezu eine symbolische Rolle einnimmt, mit keinem Wort erwähnen, verstehe ich einfach nicht.

    Der Slogan „Mein Bauch gehört mir“ ist zweifelsfrei patriarchalischen Ursprungs. Wofür anders als für des Mannes stolz herausragende Körpermitte werden liebevoll solche Begriffe wie „Schnitzel- oder Schöppchenfriedhof“ gebraucht? Da kommt der „Babybauch“, der bei den Damen unerwünscht war, die in der guten alten Zeit „Mein Bauch gehört mir“ als Kampfruf benutzten, einfach nicht mit.

    Eigentlich sollte ja das Matriarchat das Pendant zum Patriarchat sein. Beide sind aus historischen Gründen nicht nebeneinander existenzfähig. Stattdessen haben wir den Feminismus als Reaktion auf das Patriarchat und den Machismus als dessen vulgäre Erscheinungsform.

    Zum Glück ist das nicht die einzige Voraussetzung für die gemeinsame Emanzipation der Geschlechter.

  19. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, #17

    „Mein Bauch gehört mir“:
    Der Slogan entstand im Zuge der Abtreibungsdiskussion, in diesem Zusammenhang als Überspitzung auch verständlich. Allerdings formuliert er inhaltlich einen – alleinigen – Machtanspruch nicht nur über den eigenen Körper, sondern auch über Reproduktion der menschlichen Gesellschaft. Das ist patriarchales Denken mit umgekehrtem Vorzeichen. Dies hat wohl vor allem die ideologische Gegenposition des „reinen“ Patriarchats in Form der „Lebensschützer“ auf den Plan gerufen, die (etwa in Übergriffen auf Ärzte) nicht gerade von Respekt vor dem „Leben“ geprägt war. Oder auch von katholischer Ideologie geprägter Geburtshilfe, die im Ernstfall dem „werdenden Leben“ Vorrang vor dem der Mutter zu geben hat (m. E. keine religiöse, sondern biologistische Sichtweise).
    Doch auch ab Anfang 80er Jahre novellierte Scheidungsgesetze zeigten Züge eines „umgedrehten“ patriarchalen Denkens, indem sie biologische Väter zu reinen Zahlmeistern erniedrigten, ihnen aber etwa bei Fürsorge- und Erziehungsfragen kaum den Hauch einer Chance einräumten. Die Vielzahl von Klagen gerade prominenter Väter haben dies deutlich aufgezeigt.

    „Krawatten“: Herkunft und Symbol. Ich habe nochmal recherchiert.
    Bei Wikipedia wird die Herkunft auf die Parade eines kroatischen Reiterregiments (daher der Name) 1663 vor Ludwig XIV. zurückgeführt. Für die Protestfunktion ergeben sich indirekt Hinweise aus der Übernahme von Frauenrechtlerinnen um 1900. Konkret habe ich ein Foto der Frauenrechtlerin und Pazifistin Anita Augspurg mit Krawatte gefunden sowie eine Karikatur von Rosa Luxemburg mit Krawatte im „Kladderatatsch“. Ihre Haltung zur Todesstrafe wird hier nicht thematisiert, allerdings erscheint mir der genannte Zusammenhang wahrscheinlich. Ich kann mich auch erinnern, bei meinen ersten Recherchen auf einen diesbezüglichen Artikel gestoßen zu sein.
    Dass Krawatten, unabhängig davon, (vor allem von Frauen) als Phallussymbol begriffen wurden, ist dadurch nicht ausgeschlossen. Ich habe selbst (nach Mai 68 in Paris) 2 Jahre in Köln studiert. Die Unerbittlichkeit, mit der da vor allem Putzfrauen an der Uni an Weiberfastnacht zur Sache gingen, spricht durchaus dafür.

  20. Werner Engelmann sagt:

    Reflexionen zu Sexualfeindlichkeit in monotheistisch geprägten Kulturen und Schlussfolgerungen für Reaktion auf Sexualübergriffen.

    Sexualfeindlichkeit ist kein exklusives Merkmal des Islam. Er teilt sie vielmehr mit den anderen monotheistischen Religionen. (vgl. Diskussion zu „Beschneidung“)
    Der US-amerikanische Geograph James DeMeo (vgl. Wikipedia) führt in seinem auf Wilhelm Reich aufbauenden Werk „Saharasia“ (1998) Sexualfeindlichkeit in seiner Genese auf den Wechsel von matriarchalen („ungepanzerten“) zu patriarchalen („gepanzerten“) Gesellschaftfsformationen unter dem Einfluss von „extrem trockenen, wüstenbildenden Klimabedingungen in Nordafrika, dem nahen Osten und in Zentralasien um 4000 v.Chr“ zurück. Er bezieht Umweltbedingungen, Gesellschaftsformationen und religiöse Ausprägungen aufeinander und schlussfolgert daraus, „dass Kulturen des Wüstengürtels am stärksten die Elemente von patriarchaler Ordnung, Autorität, Sex-Verneinung, Frauenunterwerfung und Kindesmissbrauch zeigen.“ Sie seien „patristische, stark ‚gepanzerte‘, dominatorische Kulturtypen“.
    Diese Untersuchung stützt die von mir mehrfach geäußerte These, dass Moralvorstellungen und soziale (oder asoziale) Verhaltensweisen nicht letztlich auf religiöse Vorschriften zurückzuführen sind, sondern dass diese selbst in einem breiteren kulturellen Zusammenhang gesehen werden müssen.
    Aufbauend auf den Untersuchungen von DeMeo ist es nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, dass Veränderungen der rigiden Sexualmoral und damit verbunden des Frauenbilds, vor allem im Zuge der Aufklärung, im christlich und jüdisch geprägten Mittel- und Nordeuropa (ideologisch als „Abendland“ begriffen) in Zusammenhang stehen mit veränderten Umwelt- und Gesellschaftsbedingungen im Vergleich zum religiösen Ursprungsland. So würde diese These auch den Sachverhalt der in den Regionen der Sahelzone wie des vorderen Orients ausgebliebenen Aufklärung erklären.

    Untersucht man die Bedingungen etwa in eher barocken – oder auch lebensbejahenden – katholischen Regionen, so fällt auf, dass die katholische Kirche Möglichkeiten geschaffen hat, aus ihrem prinzipiell rigiden Moralkorsett punktuell auszubrechen (etwa an Karneval) oder dieses zu relativieren (etwa durch das „Sakrament“ der Beichte). Zwar sind solche immanente Enklaven der Moral insgesamt eher als systemstabilisierend anzusehen. Langfristig aber ermöglichten sie auch eine das System sprengende Entwicklung, wie sie in der Aufklärung erfolgt ist. Eine patriarchale Abschreckungspädagogik, welche lange Zeit auch die katholische Kirche prägte (Inquisition, Vorstellung von „Hölle“ und „Fegefeuer“, „Jungfräulichkeit“) konnte so im Laufe der Zeit einem Menschenbild weichen, das mit realen Bedürfnissen wie auch mit humanitären Vorstellungen im Sinne der Bergpredigt deutlich mehr im Einklang steht, somit auch ein patriarchal geprägtes Frauenbild erheblich verändern konnte.

    In dem als „islamisch“ bezeichneten Kulturkreis der Sahelzone und des Vorderen Orients erlaubten die fortbestehenden Lebens- und Gesellschaftsbedingungen (nach DeMeo Verwüstung, Hungersnöte, Wanderungsbewegung, „Panzerung“ erzwingende Sitten und Gebräuche) einen solchen Veränderungsprozess nicht.
    Im Unterschied zur immanenten Aufweichung des patriarchalen Frauenbilds in Europa lässt ein islamistisch geprägtes, rigides „Ehr-“ und Moralverständnis solche Enklaven nicht zu. Die Notwendigkeit gewalttätigen Ausbruchs ist damit vorprogrammiert. Dieser erfolgt in mehrfacher Hinsicht:
    1. in Form einer totalen Verfügungsgewalt über Frauen, welche Gewalt gegen Frauen explizit legitimiert,
    2. durch aggressive Projektion nach außen: Was gegenüber „ehrbaren“ muslimischen Frauen nicht erlaubt ist, ist gegenüber Andersgläubigen und als „Huren“ angesehenen Frauen anderer Kulturkreise durchaus möglich und wird nicht sanktioniert.
    3. durch Projektion ins Jenseits („72 Jungfrauen“) im Sinne einer per se intoleranten, totalitären Ideologie, genannt „Glauben“.

    Fazit:
    In Hinblick auf die Übergriffe von Köln resultiert aus den voranstehend aufgezeigten Zusammenhängen nicht nur eine notwendige Hinterfragung monokausaler, „Islam“-fixierter Erklärungsmodelle, die direkt zu Generalverdacht gegenüber Muslimen bzw. Flüchtlingen als „nicht integrierbar“ führen.
    Aufbauend auf dem Bewusstsein eines kulturell geprägten Zivilisationsprozesses sind Werte und Positionen der eigenen Kultur nicht nur unmissverständlich zu formulieren, sondern auch – nach innen wie nach außen – als verbindlich einzufordern und zu verteidigen. Die Behauptung einer generellen Nicht-Integierbarkeit aufgrund religiöser Bekenntnisse ist selbst dogmatisch und mit den eigenen kulturellen Werten unvereinbar. Einschätzungen anderer Menschen (mehr noch Sanktionen ihnen gegenüber) können nur auf konkreten Einzelfallerkenntnissen beruhen. Religion an sich ist dafür kein Indiz.

  21. Brigitte Ernst sagt:

    #18
    Lieber Manfred Petersmark.
    um Himmels Willen, nichts lag mir ferner, als das männliche Selbstbewusstsein zu schädigen, das doch so eng mit dem besten Stück des Mannes verbunden ist.
    Ich hatte lediglich die Form der Krawatte im Blick, der Aggregatzustand des Vergleichsobjekts war in diesem Fall sekundär.
    Aber Phallussymbol hin oder her, dass der Schlips seitens der Frauenbewegung offenbar als zentrales männliches Attribut verstanden wurde und wird, bestätigt unser Mitblogger Werner Engelmann in #19.

    Doch nun zum BH:
    Aufgrund Ihres Vornamens hatte ich vermutet, sie gehörten meiner Generation an, aber ihre Äußerungen zur Befreiung vom BH machen deutlich, dass Sie entweder erheblich jünger sind oder in der 68er Zeit nie mit einer Frau darüber gesprochen haben, warum viele Geschlechtsgenossinnen sich damals dieses Kleidungsstücks entledigt haben.
    Unter anderm war dies ja eine Fortsetzung der Jugend- und Reformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Frauen begannen, sich im Sinne einer Rückkehr zur Natur vom (sehr beengenden und ungesunden) Korsett zu befreien und etwas formlosen Gewänder zu tragen. Das richtete sich wohl weniger gegen das Patriarchat als ganz allgemein gegen überholte und belastende Konventionen (der „Vatermörder“ verschwand damals ja auch, nachdem schon im 19. Jhd. der „alte Zopf“ abgeschnitten worden war).
    Nicht zu vernachlässigen ist sicher auch der Aspekt, dass die „ungebändigte“ Brust provozieren sollte (das wurde von Pussy Riot wohl auch so gesehen).
    Ob der BH zur statischen Unterstützung der weiblichen Anatomie vonnöten ist, hängt von deren individueller Beschaffenheit ab. Als Entscheidungshilfe empfahlen die Frauenzeitschriften in den 60er bis 80er Jahren den „Bleistifttest“. Aber das nur als kuriose Randbemerkung.
    Was den Keuschheitsgürtel anbetrifft, so habe ich ihn nicht erwähnt, weil er sich als weibliches Kleidungsstück heute eher erledigt hat (es sei denn, er spielt in den diversen Shades of Grey noch eine Rolle, aber da kenne ich mich nicht so aus).

    Ihre Erkenntnisse zu Mesopotamien widersprechen meinen Informationen über den Karneval im alten Rom durchaus nicht. Es ist lediglich wahrscheinlicher, dass sich die christlichen Italiener eher von der römischen als der mesopotamischen Tradition haben anregen lassen.
    Diese Zeit der Enthemmung im Frühling hat ja ohnehin noch andere Ursprünge und Bedeutungen:
    in der germanischen Tradition die Austreibung des Winters, in der katholischen Kirche die Möglichkeit, sich vor der Fastenzeit noch einmal sinnenfreudig auszutoben(das Wort leitet sich wahrscheinlich her von „carne“ (Fleisch) und „levare“ (wegnehmen).

    Ihren etwas gezwungenen Vergleich des schwangeren Bauches mit dem männlichen „Schöppchenfriedhof“ übergehe ich lieber und wende mich bezüglich des Slogans „Mein Bauch gehört mir“ gleich an

    @ Werner Engelmann.
    Das Problem mit der menschlichen Reproduktion besteht darin, dass sie (noch) im weiblichen Körper stattfindet und immense Auswirkungen auf diesen hat. Im Falle einer ungewollten Schwangerschaft wird jede Frau natürlich in das moralische Dilemma gestürzt, dass sie eben nicht nur über ihren Körper, sondern auch über das Schicksal des Embryos eintscheiden muss. Dass ihr diese Entscheidung von keinem anderen abgenommen werden kann, ist aber heute weit verbreiteter Konsens.
    Bezüglich des Sorge- und Umgangsrechts mit dem Kind hat sich meines Wissens die Rechtsprechung mittlerweile geändert. Auch einem „unehelichen Vater“, der das wünscht, wird heute das Recht eingeräumt, Kontakt zu seinem Nachwuchs aufzubauen und so eben nicht mehr auf die Rolle des reinen „Zahlvaters“ reduziert zu werden. Unbestritten bleibt allerding, dass Mütter, z.B. durch Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit, zumindest zu Beginn meist eine engere Beziehung zum Kind aufbauen als Väter.

  22. manfred petersmark sagt:

    @ 21; Liebe Brigitte Ernst,

    aufgrund des Vornamens meines Partners, den ich zusammen mit seinem Nachnamen und mit seinem Einverständnis auf diesem Blog benutze, haben Sie die Generation, der er angehört, wohl richtig geschätzt. Ich selbst bin deutlich jünger, unbeschreiblich weiblich und heiße deshalb Ursula.

    Wir haben, soweit ich mich erinnere, nie, auch nicht in den 68er Jahren darüber diskutiert, weshalb ich mich des Büstenhalters entledigen sollte. Die jeweilige Situation, in der solches zu tun war, war einfach situativ genug. An den Bleistifttest in den Frauenzeitschriften kann ich mich noch gut erinnern. Ich kam damals zu dem Ergebnis, daß der Bleistift besser hält, wenn ich ihn hinters Ohr klemme.

    Na gut, mein Vergleich des Babybauchs mit dem Schöppchenfriedhof des Mannes hinkt stark, zumal der Manfred über einen ausgesprochenen Waschbrettbauch verfügt. Auch sonst ist der Manfred super, wenn er nur nicht so ein Softie wäre!

  23. Brigitte Ernst sagt:

    @ Manfred Petersmark

    Na dann also: Mein Waschbrettbauch gehört Ursula!

  24. Brigitte Ernst sagt:

    #20 Werner Engelmann

    Eigentlich ist es relativ nebensächlich, ob das Verhalten der jungen Nordafrikaner religiösen oder kulturellen Urprungs ist. Wichtig ist doch, dass alles getan werden muss, um den Jungen und Männern, die aus dem islamischen Kulturkreis kommen (und um die geht es doch hier) unsere Vorstellung vom Miteinander der Geschlechter so zu vermitteln, dass sie diese auch dauerhaft verinnerlichen und nicht nur, wenn es gefragt ist, als Lippenbekenntnisse vor sich hertragen.
    Und das ist eine knifflige Aufgabe, weil die Unterrichtenden in den Schulen und Integrationskursen den Immigranten einerseits vermitteln müssen, dass sie in ihrer religiösen und kulturellen Andersartigkeit respektiert und angenommen werden, dass aber dann doch Kritik zu üben ist an bestimmten Überzeugungen und Verhaltensweisen, besonders bezüglich Sexualität und Stellung der Frau. Eine solche Kritik kann dann leicht, gerade bei jugendlichen Zugewanderten, zu einer Antihaltung führen nach dem Motto: Die respektieren mich hier nicht, also geselle ich mich zu Gleichgesinnten und schotte mich in der (bereits existierenden) Parallelgesellschaft ab.
    Hier könnten bereits integrierte Migranten wichtige Überzeugungsarbeit leisten, weil sie bei den Neuankömmlingen wahrscheinlich eher Vertrauen genießen als „Ur-Deutsche“.
    In der Talkshow bei Anne Will am Sonntag wies der Psychologe Ahmad Mansour, der selbst in der Jugendarbeit tätig ist, allerdings auf das Problem hin, dass die „natürlichen“ Ansprechpartner der muslimischen Zuwanderer genau die Träger der schädlichen Parallelgesellschaften sind, z.B. Moscheegemeinden, die ihre Gläubigen dabei unterstützen, ihre Töchter vom Schwimmunterricht und den Klassenfahrten fernzuhalten etc.

  25. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst, #24

    Völlige Zustimmung, mit einer Ausnahme: Ich halte es für die Praxis, d.h. den Umgang mit Fundamentalisten nicht für „nebensächlich“, ob dieser religiösen oder kulturellen Ursprungs ist.
    Die religiöse Begründung ihres Handelns durch Fundamentalisten ist ja nichts anderes als der Versuch, durch Transposition ins Jenseits eigene höchst irdische Begierden im Zaum zu halten – Eingeständnis eines Menschenbilds, das aus sich heraus dazu nicht in der Lage ist. Zugleich dient die fundamentalistische Ausdeutung von Religion als Rechtfertigungsideologie, indem sie sich mit pseudoreligiösem Heiligenschein umgibt, der als „gottgegeben“ Unveränderbarkeit impliziert. Sie soll noch viel schlimmere Verhaltensweisen als solche „Zügellosigkeit“ rechtfertigen: Machtausübung (über andere, vor allem Frauen), Hochmut, (der sich über all die anderen „Unreinen“ und „Ungläubigen“ erhebt), Gotteslästerung (sich selbst zum ausübenden Organ Allahs zu erklären, während man in Wahrheit eigene, aus Hass geborene Rache- und Mordgelüste auslebt). Alles Haltungen, die nach nicht fundamentalistischem Religionsverständnis einem klaren Verdikt unterworfen sind. Woraus resultiert, dass Islamismus sich nicht nur von (vermeintlich) „lauem“ Islamverständnis abgrenzt, diese totale Abgrenzung befeuert ihn erst in seinem totalen Vernichtungs- und Selbstvernichtungswillen.
    Die Crux, insbesondere für den nicht fundamentalistisch begriffenen Islam, ist die, dass sich in Texten wie dem Koran, die man als „heilig“ erklärt (aber auch in der Bibel, obwohl in geringerem Maß), tatsächlich Stellen finden lassen, die fundamentalistische Deutung zuzulassen scheinen, wenn man sie einem historischen Verständnis entreißt. Und der Mehrheitsislam fühlt sich dem gegenüber so hilflos, weil er sich selbst nicht von einem solchen ahistorischen Verständnis losreißen kann. Ahmad Mansour beklagt deshalb zurecht, dass die verschiedenen in Deutschland tätigen Moscheegemeinden (überwiegend von der türkischen Regierung abhängig), die sich als „natürliche“ Ansprechpartner der muslimischen Zuwanderer empfinden, in Wahrheit durch ihr ambivalentes Verhalten Parallelgesellschaften aufrecht erhalten. Ein Sachverhalt, der erst einmal von nicht-muslimischer deutscher Seite begriffen werden muss, die sich vergeblich um glaubhafte und repräsentative Ansprechpartner, z.B. für die Idslamkonferenz, bemüht.
    Der Irrtum, kulturell bedingte Erscheinungen wie ein patriarchales Frauenbild aus der Religion erklären zu wollen, besteht darin, dass man dem fundamentalistischen Selbstverständnis aufsitzt statt es zu hinterfragen, so dessen Selbstrechtfertigungscharakter nicht erkennt und damit seinerseits bei einem unhistorischen Religionsverständnis und unzulässigen Verallgemeinerungen landet. Dies findet sich bei Anhängern eines christlichen Fundamentalismus (in Frankreich „intégristes“ genannt) ebenso wie bei Religionshassern, die von ähnlicher Intoleranz geprägt sind und sich einbilden, das habe etwas mit „Aufklärung“ zu tun. (Dazu gibt es ja auch Beispiele hier im Blog.)

    Wer dagegen hinter islamistischem Fundamentalismus die kulturellen Ursachen aufspürt, geht ganz anders damit um. Als Beispiel kann gerade Ahmad Mansours „Generation Allah“ dienen (Interview von mir unter #16 verlinkt):
    Er geht vom Scheitern von Versuchen in arabischen Ländern aus, in Form nationalistischer Bewegungen (die sich gegenseitig beharkten) so etwas wie eine übergreifende Identifikation zu schaffen. Und er erklärt die Attraktivität des Islamismus und Salafismus als Identifikations- und Selbstfindungssystem, (ausgehend von den Muslimbrüdern), nun durch islamischen Fundamentalismus – vermeintlich jeglicher Geschichte und Kritik enthoben – eine noch übergreifendere „islamische“ Identität zu begründen. Das aber hat sich als noch verheerender erwiesen, indem so der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten erst reaktiviert und angeheizt wurde (bis zum gnadenlosen Gemetzel des iranisch-irakischen Kriegs).
    Im Zuge dieses Gemetzels kommt nun erst der „ungläubige Westen“ als der vermeintlich noch schlimmere „Hauptfeind“ ins Spiel. Dass das nun mitnichten zu einem vom „IS“ erträumten weltumspannenden, religiös und politisch geeinten „Kalifat“ führt und führen kann, liegt sicher daran, dass die Ursachen dieser Paranoia in ihnen selbst begründet sind: vorwiegend in der Transposition ihrer eigenen Komplexgeladenheit zu einem totalitären Denksystem, das sich aus ungehemmtem Machtrausch speist und daher auch keine abweichende Denkweise dulden kann.
    Der entscheidende Unterschied einer solchen historischen Erklärung zur ahistorischen Rückführung von Menschen- und vor allem Frauenbildern allein auf den Islam ist der: Kultur ist etwas von Menschen Gemachtes, historischen Einflüssen und Entwicklungen unterworfen. Einem einer anderen Kultur entstammendem Menschen wird damit nicht pauschal und von vornherein „Integrationsunfähigkeit“ attestiert – mit all den verheerenden, konfliktverschärfenden Auswirkungen im Zuge einer generellen Hysterisierung und Selbstlähmung, die wir gegenwärtig beobachten müssen. Integration wird als eine zwar schwere, aber machbare Aufgabe begriffen. Diese besteht darin, im gesellschaftlichen Sein die Faktoren auszumachen, die eine Veränderung des Bewusstseins bewirken. (Ich bleibe immer noch, mit gutem Grund, bei der Marxschen These, dass primär das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt und nicht umgekehrt.)
    Um zur Praxis zu kommen:
    Dies ist nur möglich in konkreten menschlichen Begegnungen, bei denen man den Fremden in seiner Komplexität (bei Flüchtlingen konkret: in seinen Widersprüchen bei der Auseinandersetzung mit einer völlig neuen Wirklichkeit) erfährt und nach und nach begreifen lernt. Und dies setzt weiterhin voraus, die eigenen Werte (die, das will ich doch schwer hoffen, einem religiös-doktrinären Weltbild überlegen sind) nicht preiszugeben, sondern im Gegenteil ihre Überlegenheit auch konkret zu erweisen.
    Allerdings findet gegenwärtig nicht nur dieses statt, sondern, durch Berührungsängste bedingt (Grundlage für Fremdenfeindlichkeit) auch das Gegenteil: Anpassung an doktrinären Fundamentalismus aus nicht hinterfragten „Ängsten“ heraus – und damit eben auch Aufgabe „westlicher Werte“, unter dem Anspruch, sie zu „bewahren“.
    Die konkrete Auseinandersetzung damit erfolgt aber besser unter dem Thread; „Diese Gesellschaft steht Vandalen nicht offen“.

  26. Brigitte Ernst sagt:

    Frank Wolgemuth spricht in #13 von der Kultur, die dazu in der Lage sei, das Instinktverhalten des Menschen zu steuern und ihn über das Tier zu erheben.
    Dazu muss ich leider sagen: Sie mag dazu in der Lage sein, leider gelingt ihr – oder denen, welche die eigenen „tierischen“ Impulse im Griff haben sollten – dies de facto nur in begrenztem Maße.
    Allein auf die Sexualität bezogen bedeutet das derzeit eine boomende Porno- und Prostitutionsindustrie, wo die „Ware“ vermehrt unter Zwang ihre Dienste anbieten muss – von der Kinderprostitution ganz zu schweigen (sie war gerade gestern Abend Thema in der ARD).
    Ja, warum kann denn diese Industrie so boomen?
    Weil eine Vielzahl von Männern offenbar Befriedigung darin findet, sich gegen Bezahlung die Körper von Frauen verfügbar zu machen. Und aus Not oder Geldgier machen viele Frauen bei diesem menschenverachtenden Spiel mit und erniedrigen sich dabei (mehr oder weniger freiwillig) selbst.
    Leider zieht sich die oben genannte männliche Haltung durch alle Schichten der Bevölkerung und macht auch vor denen nicht halt, die gemeinhin – berechtigt oder unberechtigt – als „Elite“ unserer Gesellschaft bezeichnet werden. Man denke nur an die in gewissen Firmen üblichen „Geschäftsreisen“ der Topmanager. Selbst Willy Brandt, die Ikone der deutschen Sozialdemokratie, war dafür bekannt, dass er sich (vielleicht nach seinem Kniefall in Auschwitz oder nach sonstigen bedeutenden politischen Entscheidungen) zur „Entspannung“ käufliche Damen zuführen ließ.
    Was zeigt sich hier anderes als Frauenverachtung? Diese Haltung entspricht genau der Dichotomie zwischen geachteter Frau und Hure, die wir bei Islamisten anprangern: Nach außen spielt der Mann heile Welt mit Ehefrau und Kindern, die geachtet und unantastbar sind, und im Verborgenen macht er sich Frauen diestbar, die er aber im Grunde für Menschen zweiter Klasse hält und mit denen er sich in der Öffentlichkeit nicht sehen lässt.
    Und das wird allgemein als Teil dessen akzepiert, was wir „Kultur“ nennen!

  27. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst: 21. Januar 2016 um 12:46

    „Was zeigt sich hier anderes als Frauenverachtung? Diese Haltung entspricht genau der Dichotomie zwischen geachteter Frau und Hure, die wir bei Islamisten anprangern.“

    – Diese Dichotomie ist ja auch im Christentum, besonders dem Katholizismus angelegt: Am deutlichsten im Marienbild: Der „Jungfrau“ Maria in Abgrenzung zur „Sünderin“ Maria-Magdalena (zumindest in der Überlieferung). Eine Vorstellung, die auch eine deutliche Abwertung der verheirateten Frau enthält. Und eine Dichotomie, für die es im männlichen Bereich keine Entsprechung gibt.
    Das stellt auch vor allem den Kern der Konflikte eines Hans Küng, einer Ranke-Heinemann und eines Eugen Drewermann mit der katholischen Kirche dar, bei letzterem auch für dessen Austritt.

  28. Brigitte Ernst sagt:

    Sie haben völlig recht, Herr Engelmann.
    Genau das wollte ich ausdrücken: Wir tun so, als gebe es das in unserer Kultur nicht, dabei ist diese Doppelmoral, die auf Frauenverachtung beruht, auch bei uns noch heute weit verbreitet.
    Allerdings muss man zwischen dem, was im Neuen Testament steht, was die katholische Kirche in ihrer Theorie vertritt und was in der Gesellschaft tatsächlich gelebt wird, differenzieren.
    Richtig ist, dass die Vorstellung, die Mutter des christlichen Religionsstifters/Gottessohnes müsse unbedingt eine Jungfrau sein, eine Abwertung der (weiblichen) Sexualität auch innerhalb der Ehe impliziert. Nach Aussagen des Neuen Testaments hat sich aber gerade Jesus von der Dichotomie „anständige “ Frau versus „Sünderin“ distanziert, indem er der Diskriminierung Maria Magdalenas entgegentrat und sie zu einem gleichberechtigten Mitglied seiner Gefolgschaft machte, das gemeinsam mit der Muttergottes unter dem Kreuz auftreten durfte. Und aus kirchlicher Sicht gilt das Gebot der Keuschheit vor der Ehe und das der Treue der Ehepartner für Mann und Frau gleichermaßen. Da wird bei den zehn Geboten und im Katechismus kein Unterschied gemacht. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob man der katholischen Kirche die in unserer Gesellschaft gelebte Doppelmoral tatsächlich anlasten kann. Küng, Ranke-Heinemann und Drewermann haderten meines Wissens eher mit der generellen Sexualfeidlichkeit des kirchlichen Moralkodex sowie (v.a. Ranke-Heinemann) mit dem Ausschluss der Frauen vom Priesteramt.

  29. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Hallo, Frau Ernst,
    ich komme, nachdem mir bisher die Zeit fehlte, aus persönlichem Interesse auf Ihren letzten Beitrag zurück.
    Zunächst Zustimmung zu allen Punkten.
    Bez. der theologischen „Dissidenten“: Natürlich steht bei allen Protest gegen generelle Sexualfeindlichkeit im Hintergrund, doch wird dies unter unterschiedlichen Aspekten abgehandelt. Mit Ranke-Heinemann habe ich mich nur am Rande befasst.
    Hans Küng erbringt („Credo“) unter dem Aspekt von „Gottesbild“ und „Jungfrauengeburt“ den Nachweis, dass diese Vorstellungen nicht im Evangelium selbst enthalten sind, sondern im Nachhinein durch Umdeutung von einem „Ursymbol“ zu einem „biologischen Faktum“ Eingang in katholische Moral gefunden haben. Als „Ursymbol“ ist dabei die symbolische Zuordnung des Pharaos zum Göttlichen in der ägyptischen Mythologie gemeint, indem er „als Gottkönig wunderbar gezeugt“ vorgestellt wird: „aus dem Geistgott Amon-Re in der Gestalt des regierenden Königs und der jungfräulichen Königin“. (S. 66/63)
    Am interessantesten ist für mich Drewermann, der in der sehr umfangreichen Streitschrift zum Entzug seiner Lehrerlaubnis durch Erzbischof Degenhardt („Worum es eigentlich geht“) auch die biologistische Dogmatik der „Jungfrauengeburt“ in den Mittelpunkt stellt, hier aber unter dem Aspekt, „dass zentrale religiöse Bilder (…) ein gemeinsames Gut aller Religionen in den Tiefenschichten der menschlichen Psyche darstellen“ (S.69)
    Aus diesem Ansatz ergeben sich auch aktuelle Bezüge zu der hier angesprochenen Thematik. Dabei geht es nicht darum, der katholischen Kirche (oder auch dem Islam) die Verantwortung für eine offensichtliche „Doppelmoral“ anzulasten, sondern darum, die realen Folgen einer solchen durch Bilder im Psychischen verankerten Doppelmoral aufzuzeigen.
    Die kirchliche Doppelmoral hat z.B. der (früher als erzkonservativer Priester hervorgetretene) David Berger bei seinem Outing als Homosexueller angesprochen, der betont, dass „die größte Schwulenfeindlichkeit in der katholischen Kirche von homophilen Geistlichen ausgeht, die ihre Sexualität krampfhaft verdrängen“. (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/theologe-david-berger-grosser-teil-der-katholischen-kleriker-ist-homosexuell-a-730287.html)
    Dass dieser Verdrängungsmechanismus pathologische Züge trägt (oder zumindest so empfunden wird), wurde bei der Untersuchung der Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg deutlich: „Einer der beiden verdächtigen Patres hat die Vorwürfe eingestanden und sich als damals psychisch krank bezeichnet.“ (Wikipedia)
    Ich meine daher, dass etwa die Übergriffe von Köln auch unter einem solchen Aspekt gesehen werden können: als Formen des Ausbruchs aus einem rigiden – religiös formulierten – Moralsystems, welches die Auseinandersetzung mit eigener Triebhaftigkeit in Hinblick auf Triebsublimierung verhindert. Woraus folgt, dass es nicht um kurzschlüssige und verallgemeinernde „Erklärungen“ aus religiöser Dogmatik geht, sondern um konkrete Handlungsmodelle zur Abwehr. Dies freilich setzt wiederum ein „Verstehen“ der zugrunde liegenden Prozesse voraus.

    Einen solchen Ansatz habe ich bereits im 3. Band meiner Roman-Trilogie verfolgt („Schwieriges Erbe oder Rückeroberung der Weiblichkeit“, veröffentlicht 2009, also noch vor Publikwerden der Missbrauchsfälle). Hier geht es konkret um das Leiden eines homosexuellen Priesters an dem durch katholische Dogmatik vermittelten Frauenbild. Da die Darstellung solcher Prozesse aus Innensicht immer gewagt ist (ich bin weder Priester noch homosexuell), habe ich wesentliche Kapitel Eugen Drewermann zur Stellungnahme vorgelegt (ich kannte ihn von einer seiner Tagungen her). Mich würde durchaus Ihre Einschätzung der hier gegebenen Deutung interessieren.

    Hier der Auszug (es handelt sich um das Eingeständnis der „Angst“ vor Fraulichkeit im Widerspruch zu tiefen Gefühlen für die Protagonistin, die aus einer Aufspaltung des Frauenbilds erwächst), Kapitel: „Don Josés Angst vor Carmen“:
    „Es dauert recht lange, bis ich den Grund für meine Albträume erkannte: Es war mein Bildnis von Maria, der Gottesmutter. Sie verkörperte das Wunschbild einer Frau, das man mir eingeimpft. Sie war ja fürsorgliche Mutter und Jungfrau zugleich. Die fürsorgliche Mutter hatte Verständnis dafür, was sich ’sündhaft‘ in mir regte. Die ‚unbefleckte Jungfrau‘ aber verstärkte meine Schuldgefühle noch: Sie war ja so makellos und unnahbar. (…) Mein Bild von Frauen spaltete sich auf: Die ‚gute‘ Frau war meine eigene, ‚fürsorgliche‘ Mutter, die ’sündhaften‘, ‚befleckten‘ Frauen waren die, die meinem Bild Mariens nicht entsprechen wollten: moderne Frauen, ungezwungen, selbstbewusst, Frauen, die sich schminkten, sich dem, was man ’natürlich‘ nannte, widersetzten. (…) Ich merkte, wie geschminkte Frauen mich erregten, mir zur Bedrohung wurden. Ich war neidisch auf sie, die sich ohne scheinheiliges Gebaren zur ihrer Weiblichkeit bekannten, obwohl man sie beschimpfte: als ‚Vamp‘, als ‚Hure‘ oder ‚Femme fatale‘. Und im Geheimen bewunderte ich ihren Mut. (…) Sie zwangen mich, die wahren Gründe zu erforschen, die in mir selber lagen. Das aber konnte, durfte ich ja nicht. Ich verstrickte immer tiefer mich in Schuldgefühle, die ich nicht mehr ertrug. Ich wollte ja Priester werden! Mein Idealbild von der Frau schlug um in Verachtung und Hass – und nicht nur bei mir. (…) Und ich rächte mich für meine Angst vor der ‚verruchten‘ Carmen, ermordete ihr Bild in mir. Ich rächte mich für die Verführung, für ‚Sodom und Gomorrha‘.“

    Ich glaube, dass für die „Ungeheuerlichkeit“, die – zurecht – solches Entsetzen hervorgerufen haben, durchaus vergleichbare Prozesse als zugrunde liegend angenommen werden können. Was meinen Sie dazu?