Postfach: Luther war weder Ayatollah noch Heiliger

Herzlich willkommen zu einem
Postfach-Spezial zum Thema „Martin Luther“

Die Zahl der Leserbriefe an die FRANKFURTER RUNDSCHAU steigt in erfreulichem Maß. Da kann es schon mal vorkommen, dass zu einem Thema deutlich mehr Zuschriften eingesandt werden, als ich im Print-Leserforum veröffentlichen kann. Einmal, weil der Platz dort naturgemäß begrenzt ist; zweitens, weil ein Teil des Platzes auch für Leserbriefe zu anderen Themen gebraucht wird; drittens, weil eine Zuschrift zu lang ist und zu viele andere Leserbriefe verdrängen würde; und viertens, weil der Artikel, auf den die Zuschriften sich beziehen, irgendwann ganz einfach zu weit zurückliegt. Für abgedruckte Leserbriefe gilt bei uns die Faustregel, dass der Artikel, der die Leserbriefe ausgelöst hat, nicht länger als zwei Wochen zurückliegt. Anders im FR-Blog, denn hier lässt sich der Bezug recht leicht wiederherstellen: durch Verlinken. Dann können alle Interessierten den Ausgangs-Artikel noch einmal lesen und leicht wieder in die Diskussion hineinfinden.

Zum Thema, um das es jetzt gehen sollen, habe ich viele Zuschriften veröffentlicht, und es wurde auch schon im FR-Blog besprochen (–> HIER), fand aber nicht richtig Anklang. Schade, denn es geht um ein großes Thema: die Reformation und Martin Luther. 2017 ist Reformations-Jubiläumsjahr! Da passt es, fand ich, ganz gut, genau dieses Thema zu Beginn des Jahres noch einmal anzufassen. Ausgangspunkt ist weiterhin der umstrittene Text „Luther, der Fundamentalist“ von Arno Widmann, aber auch der FR-Leitartikel „Welcher Luther?“ von Dirk Pilz.

Los geht’s.

fr-balkenWeder ein Ayatollah noch ein Heiliger

„Der ‚Fundamentalist Luther‘ – das modische Etikett klebt Arno Widmann dem Reformator an, denn „die Reformation war der Islamismus des Christentums“. Die Begründung: „Sie war der fanatische Versuch der Wiederherstellung der reinen Lehre“. Genau das war sie nicht. Luther hat weder ein Lehrsystem noch ein geschlossenes Kirchenkonzept. Nach Luthers Schlüsseltext „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) ist ein Christ „Niemandem untertan“ und zugleich in Liebe „Jedermann untertan“. Diese Freiheit sieht er durch Christus jedem Menschen geschenkt, ohne Gegenleistung und ohne Angst.
Ein Jahr später in Worms wird Luthers Glaubensbekenntnis hart getestet, denn er hinterfragt kritisch die kaiserliche Autorität, weil sie auch religiöse Macht, und die päpstliche, weil sie weltliche und religiöse Macht beansprucht. Er sagt auf dem Reichstag wörtlich: „Wenn ich nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift oder durch klare Vernunftgründe überzeugt werde, so bleibt mein Gewissen in Gottes Wort gefangen!“ Der Kaiser besteht dagegen als „Nachkomme der allerchristlichten Kaiser der edlen deutschen Nation“ auf seiner Pflicht, gegen „notorische Ketzer“ vorzugehen: „Nachdem wir gestern die Rede Luthers gehört haben, sage ich Euch, dass ich bedaure, so lange gezögert habe, gegen ihn vorzugehen. Ich will ihn nie wieder hören!“ Luther widerruft nicht, er wird als „vogelfrei“ erklärt. Jeder darf ihn straffrei wie einen Vogel totschlagen.
Auf der Wartburg versteckt ihn sein Landesherr. Dieser ist, wie viele freie Reichsstädte und Kleinstaaten, an der Stärkung der regionalen Größen und an der Schwächung von Zentralgewalten interessiert. Luther beginnt, sprachschöpferisch die Bibel zu übersetzen. Alle Menschen sollen sie selber lesen. Priester sind kein besonderer Stand, das Priestertum aller Gläubigen gilt. Konsequent verlangt er von den Städten und Fürsten in der nächsten Reformschrift, für alle Jungen und Mädchen Schulen einzurichten.
Nur in der Bibel findet er Maßstäbe und Mut, die Missstände in der Kirche und in der Gesellschaft zu kritisieren. Die Neuerungen sollen ohne Gewalt durchgesetzt werden. Deswegen legt er sich mit dem Kollegen Karlstadt an. Deswegen kritisiert er in einer widerlichen Sprache die Gewalt der Bauern, die sich auf ihn berufen, obwohl er ihre 12 Artikel zur Befreiung aus der Leibeigenschaft bejaht. Deswegen lehnt er das Angebot des Franz von Sickingen ab, dass die Reichsritter zum bewaffneten Arm der Reformation werden. „Die Faust haltet stille … das Wort bewirkt alles, sonst hätte ich Deutschland in ein großes Blutvergießen gebracht.“
Er kennt das Schicksal seiner Vorläufer wie Jan Hus und John Wyclif, beide wurden verbrannt; die Katharer und Waldenser durch „Kreuzzüge“ fast ausgerottet. Luther hat Mitstreiter und Schüler – und streitet mit ihnen wie sie mit ihm. Bildkräftig und derb in der Sprache. 1523 kontert er den Vorwurf, wie ein Jude zu lehren, mit der Tatsache „Unser Herr Jesus ist Jude“ und dem Hinweis „Wenn man mich so behandelt hätte, wie wir die Juden behandelten, wäre ich eher eine Sau denn ein Christ geworden.“ In seinen alten Tagen kehrt er zu altem mörderischen Judenhass zurück. Luther (und die Folgen) sind sehr wohl zu kritisieren. Er ist weder ein Ayatollah noch ein Heiliger. Kirche und Gesellschaft sind für ihn „immer zu reformieren“.
Im Gegensatz zu Widmanns Meinung war Luther „ein kritischer Kopf“. Er kritisiert die Obrigkeit als „Buben“, „große Hansen“ oder „tollwütig“, wenn sie in die Freiheit des Gewissens eingreifen, wenn sie meinen, sie „könnten ihren Untertanen tun und gebieten, was sie nur wollen, und die Untertanen irren auch und glauben, sie seien schuldig, dem allen zu folgen.“ Er glaubt nicht wie Fundamentalisten an die Gewalt der Mächtigen; schon gar nicht an die Verbalinspiration der Bibel. Jesus liegt für ihn in allen Teilen der Heiligen Schrift, von Menschen geschrieben, wie in „Windeln“ und „Krippen“, auch wenn einige Teile „schlecht“ und „gering“ sind, zB der „stroherne“ Jakobusbrief. Den großen Konzernen der Fugger und Welser wirft er unrechtes und bestechliches Handeln vor wie den Geldhäusern Wucher.
Kritisch befreit er die Christenheit durch ein vierfaches „Allein“ aus vielen „Babylonischen Gefangenschaften“: Allein Christus und nicht ein Stellvertreter, allein Gottes Gnade und nicht Leistung und Angst, allein die Bibel ohne eine zentrale Deutungsmacht, allein der Glaube und kein Glauben an eine „reine Lehre“ – daran allein konzentriert und orientiert sich das Gewissen eines Jeden.
So gewiss die Verantwortung der Einzelnen eine Spur zur Aufklärung legt, so gewiss ist Luther in seinem Obrigkeitsverständnis dem Mittelalter verhaftet.“

Martin Stöhr, Bad Vilbel

fr-balkenÜble Diffamierung

„Die Beiträge von Arno Widmann in der FR lese ich in der Regel mit großem Interesse. Was hat ihn aber in dem Artikel über Luther und die Reformation geritten? Der Artikel ist so verquer, dass man ihm mit Argumenten und Sachkenntnis nicht begegnen kann. Jedenfalls fehlt mir der Mut dazu. Wo sollte man anfangen – wo aufhören? Widmann kennt Luthers Theologie, sein Denken nicht, bis auf die gängigen Schlagworte. Er wird dem geistigen, gesellschaftlichen, kirchlichen und politischen Zusammenhängen der Reformantion in keiner Weise gerecht. Vielmehr kämpft er sich an dem Lutherbild des 19. Jahrhunderts ab (Thron und Altar). Ein Satz aber ist eine üble Diffamierung schlimmster Art: „Die Reformation war der Islamismus des Christentums.“ Dafür erwarte ich eine offizielle Entschuldigung in der FR. Arno Widmann ist doch sonst fürs Differenzieren. Woher stammt in diesem Fall seine Aggressivität?“

Jürgen Büchsel, Bad Homburg

fr-balkenPsalmen wurden von den Christen übernommen

„Das Foto von Luthers Hand auf Luthers Bibel zeigt die schlimme Seite Luthers in seiner Verkündigung: da ist auf der Bibel „Bücher des Alten Testaments“ und darunter ENDE zu lesen. Das geht deckungsgleich mit der Nazi-Doktrin, die Juden am Ende zu sehen. Nazis lehnten das Alte Testament ab; sie hatten einen neuen Abgott, der ihnen Besitz und Ansehen verschaffte.
Der Begriff ENDE ist falsch, da die christliche Kirche tief im Judentum verwurzelt ist. Die Autoren des alten und neuen Teiles der von Christen gebrauchten Bibel waren sämtlich Juden. Ihre Psalmen wurden von Christen übernommen. Mit einer achtlosen Bildauswahl machen wir es unseren jüdischen Nachbarn schwerer in ihrer Existenz.“

Dietmut Thilenius, Bad Soden

 

fr-balkenSau durchs Feuilleton gejagt

„Eines hätten Sie von Luther lernen können: Mit Schaum vorm Mund soll man nicht schreiben. In Ihrer Abrechnung mit Luther verlieren Sie jedes Maß bzw. nehmen die heutige Zeit als Maßstab und beweisen überdies, dass Sie nicht gerade ein Lutherspezialist sind. „Er rief dieser immer schneller – niemand wusste wohin – hetzenden Welt zu: Halt! Halt! Zurück!“ Hier orientieren Sie sich am heutigen Zeitgeist und nicht an Luthers Zeit. Dasselbe gilt für den knackigen Satz: „Die Reformation war der Islamismus des Christentums.“
Nicht nur für Luther, sondern für die damalige Welt war überall der Teufel gegenwärtig. Auch der Humanist Melanchthon maß der Astrologie große Bedeutung zu, genauso war es später mit Wallenstein.
Luther war kein moderner Schriftsteller, der ein „120 dicke Bände umfassendes Werk“ geschrieben hat. Erst 350 Jahre später gab man eine wissenschaftliche Ausgabe mit einem großen Anmerkungsapparat heraus, die sogenannte Weimarana. Dass Sie von Luthers Theologie keine Ahnung haben, zeigt ihr Sätzchen: „Gott vergibt uns – oder auch nicht.“
Er war durchaus vom Humanismus beeinflusst, auch wenn er gegen Erasmus und dessen Lehre vom freien Willen wetterte, sonst hätte er nicht eine lebenslange Freundschaft mit Melanchthon gepflegt. In seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ forderte er den Bau von Schulen.
Luther Schriftfundamentalismus vorzuwerfen, ist völlig daneben. Luther berief sich auf die Hl. Schrift, aber auf eine, die man kritisch lesen soll. Mit den Humanisten bezog er sich bei seiner Bibelübersetzung nicht auf die autorisierte lateinische Vulgata, sondern für das Alte Testament auf den hebräischen Text und für das neue Testament auf die griechische Koine.
In seiner Vorrede zum Jakobusbrief schreibt er, das sei eine stroherne Epistel. Von „mörderischer Texttreue“ oder gar einer Verbalinspirationslehre war er weit entfernt. Stattdessen stellte er den inneren Kanon auf: Das, was Christentum treibet, ist apostolisch, gleich wenn es Pilatus oder Judas geschrieben hätte.
Auf dem Reichstag in Worms wollte er nicht widerrufen, es sei denn er werde durch Gründe der Heiligen Schrift und durch Gründe der Vernunft (!) widerlegt.
Luthers Hassschriften gegen die Juden sind durch nichts zu beschönigen, ebenso wenig seine Attacken auf die Türken. Eine absolute Untertänigkeit unter die Obrigkeit lehrte er nicht, sonst hätte er sich auf dem Reichstag in Worms anders verhalten. Einmal hat er sogar gesagt, ein Prediger, der nicht bereit sei, seinen Fürsten zu kritisieren, tauge nicht zum Amt.
Ich will Luther in keiner Weise verteidigen, schon gar nicht sollte er eine päpstliche Autorität ersetzen, wie es bei übereifrigen Lutheranern erscheinen mag. Konzilien können irren, sagte er lapidar. Und für Luther selbst gilt das erst recht. Ich möchte ihn nicht verteidigen, aber Ihnen bescheinigen, dass Sie von Luther nur sehr oberflächliche Kenntnis haben. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn ein Feuilletonist hat die undankbare Aufgabe, jede Woche eine neue Sau durchs Dorf, d.h. durchs Feuilleton zu jagen.“

Martin Breidert, Bad Honnef

fr-balkenLuther lässt sich nicht feiern

„Wie konnte der Beitrag von Dirk Pilz es nur auf Ihre prominente Kommentarseite schaffen? Er ist von Anfang bis Ende, wenn nicht wirr, so doch schlampig. Zunächst will er genauer als fachkundige Historiker wissen, dass am 31.10.1517 kein Thesenanschlag stattgefunden hat, ja, dass man überhaupt erst ab dem 18. Jahrhundert den Begriff Reformation in den Mund genommen habe – eine Lektüre etwa nur von Luthers Reformationsschriften aus dem Jahre 1520 hätte ihn eines besseren belehren können. Sodann meint er, „dass es nicht die eine, alles verändernde Reformation gab, es gab sie im Plural als ein Bündel reformatorischer Bewegungen“. Da Pilz beim Thema Reformation offenbar ganz ohne Luther auskommen möchte, referiert er des weiteren über die Luther-Dekade, Margot Käßmann, die Luther-Bibel, die Staatliche Geschäftsstelle Luther, bis er zu der bedeutungsschweren Feststellung gelangt: „das Erbe der Reformation taugt nicht zum ungetrübten Feiern“.
Dass die Kirche die „heiklen Dimensionen“ – Luther und die Juden, Luther und die Türkenkriege, Luther und die Bauern – nicht verschweigt, weiß Pilz, aber zu der naheliegenden Frage, zu welchem Feiern es dann aber tauge, findet Pilz ebenfalls nichts. Dem Bundesaußenminister Steinmeier bestreitet er die These, Luther und die anderen haben einen entscheidenden Beitrag etwa für unser heutiges Freiheitsverständnis geleistet, und er wittert hier eine „einseitige Vereinnahmung“ der Reformation und ihrer Geschichte zur Herausstellung eines fortschrittlichen Deutschlandbildes. Weiß Pilz, dass er damit den Deutschen Bundestag trifft, der so schon im Jahre 2011 in einer Grundsatzentschließung aller Fraktionen zum Reformationsjubiläum gesprochen hat und ebenso die gemeinsame Kommission unter dem Verfassungsrechtler Udo di Fabio?
Pilz will seine Befürchtung loswerden, der Staat schlage sich auf die Religionsseite, aber Belege dafür bietet er nicht. Was das mit der Frage nach Luther zu tun habe, ist hier ebenso wenig zu erkennen wie bei der in manchen Kreisen beliebten, aber darum doch keineswegs richtigen, weil statistisch unhaltbaren Beschreibung des Christentums als „Minderheitenreligion“, die im weiteren Text zu lesen ist.
Ganz am Schluss bezeichnet Pilz „die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zu Gott“ als „Ursprungsfrage aller reformatorischer Bewegungen“. Jetzt könnte er über Grundanliegen der Reformation sprechen, über die Befreiung der Glaubenden von klerikaler Bevormundung, über den Freiheitsbegriff, den Luther an der denkbar elementarsten Stelle menschlicher Existenz, nämlich dem der persönlichen Religion, verankert, jetzt könnte er darüber sprechen, in welche Rolle Martin Luther im Prozess der Reformation hineinwuchs, jetzt könnte er eine Verbindungslinie von Luther zu Kant ziehen — Stichwort: „mündiges Christsein“ (Bonhoeffer). Das aber geht nicht mehr. Zum einen, weil der Platz für den Artikel verbraucht ist. Zum anderen, weil nach Pilz diese religiöse Grundfrage „nichts ist, was sich in Museen und Kulturstätten feiern lässt“, weshalb es darüber auch nichts weiter zu schreiben gibt. Pilz kennt keinen Luther, über den sich feiern ließe. Aber warum in aller Welt lässt man dann ausgerechnet jemanden einen Artikel über Luther schreiben, der über das, was Luther ausmacht, eigentlich nicht schreiben will, und wo das, was er schreibt, ständig windschief ist?
Wie gesagt: enttäuschend zu einem solchen Anlass, und unter dem Niveau einer anspruchsvollen Tageszeitung.“

Alexander von Oettingen, Bad Homburg

fr-balken

„Glückwunsch zum FR-Titelbild am 31.10. – sehr pfiffig, auch der Text dazu! Der „vielfache Luther“ hängt derzeit für ein paar Tage an meinem Magnetbrett in der Küche.
Heftige Einwände habe ich freilich zum Artikel von Arno Widmann. Im allgemeinen schätze ich die Beiträge von Herrn Widmann sehr, dieser jedoch machte mich ratlos – sollte er eine Provokation sein? Eine Aufforderung zur Diskussion im Blick auf die bevorstehenden eher unkritischen Feierlichkeiten am Reformationstag? Das wäre dann ja gelungen.
Sollte Herr Widmann seine Äußerungen jedoch ernst gemeint haben, kann ich nur den Kopf schütteln und mich den Leserbriefen vom 1. und 2.11. anschließen. Evangelisch und recht kirchenfern, sehe ich durchaus die dunklen Seiten von Martin Luther, die im Jubiläumsjahr hoffentlich von den Theologen und Kirchenoberen in den Blick genommen werden. Luthers kultur- und religionsgeschichtlichen Impulse, die durch ihn ausgelösten Veränderungen, halte ich jedoch für ein hoch zu schätzendes Gut. Sein theologisch begründetes radikales Hinterfragen der damaligen kirchlich-katholischen Praxis, die reformatorische Neuinterpretation christlicher Glaubensgrundsätze, bedeuten mir viel. Nicht zu vergessen die geniale Bibelübersetzung, sein leidenschaftliches Bemühen um ein für jedermann zugängliches Verständnis der alt- und neutestamentlichen Texte.“

Christine Farwer, Hamburg

fr-balkenEin Teich, in dem auch ich lebe

„Hätte Luther die Bibel richtig gelesen, dann wäre er ein Sozialrevolutionär geworden. Was soll das? Meinen die Leute, die jetzt Luther kritisieren, dass die Welt von heute besser wäre, wenn Luther anders gedacht hätte? Weniger antisemitisch und frauenfreundlicher? Was wäre passiert, wenn Luther sich für die Bauern entschieden hätte und gegen die Fürsten? Luther wäre da gelandet, wo Thomas Münzer gelandet ist; auf dem Scheiterhaufen der Geschichte. Und wenn Marx doch recht hat, ist die Geschichte die Geschichte der Klassenkämpfe. Und die Leute, die sich gerade in meiner Zeitung über die Person Luther streiten, sollten sich mal mit der Geschichte der Reformation beschäftigen. Der realen Geschichte! Hätte, hätte…
Hätten die spanischen Beherrscher der „spanischen“ Niederlande begriffen, dass die Holländer, diese bürgerlichen Händler, sich als gleichberechtigt ansehen wollten, wäre Spanien Weltmacht geblieben. Diese Händler wussten, wie man Geld verdient und wie man Schiffe baut. Hätte der englische König Heinrich VIII. mit seiner ersten Frau Katharina einen gesunden Sohn gezeugt, hätte er bestimmt immer noch jede Frau gevögelt die er bekommen konnte, aber er hätte nicht die Kirchenspaltung in England riskiert. Hat er aber nicht. Katharine wird abgeschoben, Heinrich heiratet seine Anne, und die schafft es auch nicht, einen Sohn zu bekommen; ihre Geschichte ist bekannt.
Hätte es diesen Sohn gegeben, wäre die Geschichte vielleicht auch anders ausgegangen, aber Anne hat „nur“ einte Tochter. Elisabeth. Diese Frau erlaubt ihren Seefahrern, spanische Schiffe zu überfallen und englische Flotte aufzubauen. Francis Drake war kein Adeliger, Elisabeth hat ihn zum „Sir“ gemacht. Nicht Abstammung, der Erfolg zählt. Hätten Elisabeth und Drake nicht die spanische Armada vernichtet, wäre auch der Dreißigjährige Krieg vieleicht anders ausgegangen. Und damit wäre die Freiheit des Denkens der katholischen Kirche unterworfen.
Und Luther? Meiner Meinung nach hat ein kleiner Mönch einen großen Stein in einen großen Teich geworfen; einem Teich in dem auch ich noch lebe.“

Heinrich Mesch, Attendorn

2 Kommentare

  1. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Martin Luther war in mehrfacher Beziehung ein Kind seiner Zeit. Die inneren Widersprüche des Christentums (repräsentiert durch die allgemeine, die katholische, Kirche) wurden ihm, dem gelehrigen und gelehrten Mönch, relativ rasch bewusst. Seine Versuche einer Rückbesinnung auf die ursprünglichen Glaubensinhalte haben jedoch nichts mit dem unhistorischen und unreflektierten Dogmatismus islamistischer Strömungen unserer Tage zu tun, wie Arno Widmann meint.
    Im Gegenteil: Luther sah das dynamische Glaubensverständnis des Judentums (ich erinnere als Beispiel dafür an die unterschiedlichen Gottesbezeichnungen, die im Verlauf der Jahrhunderte üblich waren: Elohim, Jahwe, Ich bin der Ich bin da, Adonai, Haschem) durch Jesus in genuiner Weise fortgesetzt (der bezeichnenderweise regelmäßig aus dem Alten Testament zitierte). Denn sowohl die Hebräische Bibel als auch das Neue Testament waren nicht vom Himmel gefallen. Menschen, man kann sie als Gottsucher bezeichnen, haben sie verfasst und sind dabei den Irrtümern ihrer jeweiligen Zeit unterlegen.
    Deswegen sind die so genannten Heiligen Schriften auch von Disparität geprägt. Luthers Aufruf „Sola Scriptura“ ist deswegen nicht als Neubegründung eines Fundamentalismus zu begreifen, sondern als Ermunterung zu einer permanenten Reflexion. „Ecclesia semper reformanda“ – die Kirche muss sich ständig erneuern. Und sie muss das noch bei Luther vorhandene traditionelle Staats- und Gesellschaftsverständnis, auch wenn dieser es bereits in Ansätzen relativierte, ablegen, das so vielen autoritären und diktatorischen Regimen quasi eine theologische Rechtfertigung bot.
    Ebenso muss Luthers später Antijudaismus endgültig bloßgestellt und aufgearbeitet werden.

    Vielleicht ist es 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation auch an der Zeit, das Christentum speziell und die Religionen allgemein geschichtsphilosophisch zu bewerten. Bereits bei Kohelet (Prediger) heißt es: „Alles hat seine Zeit.“ Vieles war im Rahmen der historischen Umstände kaum anders machbar (mit Ausnahme des Unrechts, das immer ein Verbrechen war). Überwinden wir also die Zeiten und ihre Religionen (im Sinn von Hegel und Marx), bewahren wir das Bewahrenswerte und schaffen wir Neues, vor allem einen bewusster lebenden Menschen (gottbeseelt oder gottlos). Sollten sich die protestantischen Kirchen dazu überwinden, könnte man mit Frau Käßmann, der Reformations-Botschafterin, direkt auf ein Glas Champagner anstoßen.

  2. Ralf Rath sagt:

    Bedenkt man, dass die Dreifaltigkeit ausschließlich auf der sozialen Beziehung zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist beruht, sind nicht Theologen gefragt, wenn es darum geht, sich einen eigenen Begriff vom Einzelnen in seiner empirisch stets vollständigen Wirklichkeit zu erarbeiten. Führend bleiben allein die politischen Disziplinen der Sozialwissenschaften. Dementsprechend geht auch jeder Naturerkenntnis unter allen Umständen immer eine Konstitutionstheorie von dessen Lebenswelt voraus, wie Jürgen Habermas anlässlich seiner Vorlesungen an der Universität von Princeton im Jahr 1971 reklamiert. Sich bloß auf die Schrift an sich zu berufen, verliert sich somit heillos in schierem Naturalismus und beraubt sich auf diese Weise selbst eines angemessenen Verständnisses nicht nur der Bibel. Gerade im gegenwärtig stattfindenden Luther-Jahr sollte nicht an dieser Rangfolge gerüttelt werden, indem dadurch verboten eigenmächtige Überhöhungen seiner Person die ihnen noch nie gebührende Förderung erfahren.