Die Krise des Mannes in unserer Zeit

Peter Weidhaas, der von 1975 bis ins Jahr 2000 Leiter der Frankfurter Buchmesse war und auch Buchautor ist, hat mir schon vor einer Weile diesen langen Leserbrief zum Thema Populismus geschickt. Ich konnte ihn erst jetzt veröffentlichen, wobei im Print-Leserforum wieder nur eine auszugsweise Veröffentlichung möglich war. Nach gutem Brauch folgt hier nun die Veröffentlichung als Gastbeitrag im FR-Blog in voller Länge. Peter Weidhaas bezieht sich dabei auf FR-Veröffentlichungen zur Bertelsmann-Populismus-Studie, zum Erfolgsrezept der Rechtspopulisten und auf Arno Widmanns RAF-Artikel „Sie wollten sich spüren, sie wollten töten„. Seine Erinnerungen „Das Zimmer der verlorenen Freunde“ sind 2017 im Wallstein-Verlag erschienen. Peter Weidhaas, lebt in Mainz.

Die Krise des Mannes in unserer Zeit

Von Peter Weidhaas

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Schon lange hatte ich den Verdacht, dass das zynische Lachen, das uns entwich, wenn wir wieder irgendwelche, im Fernsehen ausgestrahlten idiotischen Äußerungen von Putin, Erdogan, Trump, Orban oder Kaschinski verarbeiten mussten, unangebracht war und eigentlich nur eine Äußerung unseres Unverständnisses signalisierte. Aber ich konnte mir nicht erklären, woher der plötzliche Umschwung zum Erfolg dieser unsinnigen Äußerungen von Politikern kamen, die voller Begeisterung von ihren Anhängern aufgenommen und weiter getragen wurden. Jahrzehntelang hatten wir mit unseren Mahnungen zu mehr Verständnis, mehr Toleranz, mehr Solidarität diese populistischen rechten Kräfte in Schach gehalten, die nun Erfolge über Erfolge (selbst in den zivilen Gesellschaften Skandinaviens) feierten.

Das Problem liegt bei den Menschen, die nur ihre eigenen Interessen wahrnehmen, die zu keiner Einschränkung, geschweige denn zu einer Solidarität mit anderen, bereit sind.  Es sind also die Mitmenschen, die sich aus purer Selbstsucht und Verschlossenheit gegenüber den demokratischen Anforderungen in der Gesellschaft verschließen und nicht irgendwelche religiösen Auseinandersetzungen um den wahren Glauben. Das war schon bei Hitlers Machtübernahme einer der Gründe, warum die demokratischen Kräfte in der Weimarer Republik nicht überlebten.

Auch mit meiner Behauptung, das ganze politische Problem hänge mit der Krise des Mannes in unserer Zeit zusammen, kommt der Wahrheit nahe. Die islamistischen Männer sehen ihre wirtschaftlichen und sonstigen Interessen dahinschwinden, weil diese Männer durch die demokratisierenden Anforderungen an sie gehindert werden, ihre männliche Kraft und Macht zur Veränderung der Verhältnisse in ihrem Sinne einzusetzen, weil diese infrage gestellt werden. Die Rechtsanwältin Seyran Ates, die in Berlin eine liberale Moschee gegründet hat, in der auch Frauen zu Imamen ausgebildet werden, fordert, dass mit der patriarchalen Unterdrückung endlich Schluss sei, und ist deshalb vielfach bedroht von Verfolgungs- und Tötungsphantasien moslemischer Gläubiger. Seyran Ates in einer Stellungsnahme gegenüber dem Amt für ‚Fatwa-Angelegenheiten‘ in Ägypten: „Wenn die Autorität sagt, es geht nicht, dann geht es für alle Hörigen nicht. Sie hinterfragen nicht, sie denken nicht. (FR, vom 26.Juli 2017)

Es ist also allein die Dummheit und die Selbstbezogenheit der Zeitgenossen, die uns dieses fürchterliche politische Verhalten bescheren. Es wird sehr lange dauern (und vielleicht Katastrophen, wie Hitlers Weltkrieg und ein ähnliches Ausleben von Mordgelüsten benötigen wie bei ihm), bis wir wieder zur Unterstützung von Menschenrechten und demokratischen Verhältnissen zurückkehren können.

Trotz all dieser Erkenntnisse lässt mir eine Frage keine Ruhe: Warum feiern die Rechten und die Terroristen aller Couleur gleichzeitig auf der Welt ihre Erhebung und führen ihre dummdreisten politischen Vorschläge, die bisher durch die Mehrheit der Menschen in Schach gehalten wurden, immer weiter mit Erfolgen in die Politik?

Arno Widmann bringt mich in der FR (heute am 29. Juli 2017) einer Antwort näher, indem er in dem Artikel „Sie wollten sich spüren, sie wollten töten, die RAF der 70er Jahre beschreibt, die am 30. Juli 1977 den Vorstandssprecher der Dresdener Bank, Jürgen Ponto, durch drei ihrer Mitglieder, Susanne Albrecht, der Schwester von Pontos Patenkind und Christian Klar erschießt.

Ponto, der entführte Arbeitgeberpräsident Schleyer und die Kaperung der LH Maschine Landshut durch palästinische Terroristen sollten genutzt werden, um die RAF-Gefangenen frei zu pressen. Als das nicht gelang, brachten sie sich um und ließen die Version verbreiten, die staatlichen Stellen hätten die Gefangenen umgebracht.

Die angeblichen Kampfziele – damals die Abschaffung des „Schweinesystems“, heute der Sturz des Westens – waren und sind vorgeschützt. In Wahrheit wird ein Kampf um die Deutungsherrschaft im eigenen Lager geführt (schreibt Arno Widmann).

Das Gleiche geschieht mit der Rechten, die sich jedes Mal aufbäumen gegen deutende „Eliten“ des vermeintlich linken Systems. Sie wollen das gesellschaftliche System in ihrem Sinne verändern und frühere Verhältnisse wieder herstellen. Und wenn ich zurückschaue, was ich in meinem rund 80-jährigen Leben so alles erlebt habe, so gab es jedes Mal solche gesellschaftlichen Verwerfungen, wenn die Gesellschaften sich erneuern oder verändern mussten.

Ich habe den grausamen Pinochet-Putsch in Chile miterlebt, wo eine moderate chilenische Sozialistenpartei unter dem Präsidenten Allende die Verhältnisse der mehrheitlich armen Chilenen verändern wollte. Alle Veränderungswünsche bei abgelaufenen gesellschaftlichen Systemen wurden durch brutale Gegenwehr der Rechten beantwortet.

Schauen Sie sich die Ereignisse der letzten hundert Jahre einmal an. Wir unterliegen heute wiederum einer fundamentalen Veränderung mit der Globalisierung und auch dieser teuflischen Digitalisierung. Der Veränderungswirbel, der uns alle schwindlig macht, forciert die Anhänger des „Keine Experimente, des Weiter so“, ihre bequemen Positionen aufzugeben und sich zu widersetzen.

34 Kommentare

  1. Ralf Rath sagt:

    Insofern für die Erneuerung gleich welcher Gesellschaften allein die Antwort auf die Frage zentral ist, welche Formen der Rationalisierung menschlicher Arbeit in Anschlag gebracht werden, könnte es verboten eigenmächtiger nicht sein, wenn hiesig weite Teile der männerdominierten Industriegewerkschaften keine Gelegenheit verstreichen lassen, den spätestens seit den frühen 1990er Jahren mit globaler Wirkung sich dort vollziehenden Paradigmenwechsel zu sabotieren. Selbst das dadurch immens beschleunigte Ableben von daran unbeteiligten Dritten führt nicht notwendig zu einem Innehalten. Wenn man so will, kann angesichts dessen resümiert werden, dass nicht wenige Gewerkschafter inzwischen gleichsam über Leichen gehen. Dass deren kaum mehr sagbares Fehlverhalten nicht wenigstens aus den eigenen Reihen heraus kritisiert wird, legt öffentlich ein beredtes Zeugnis davon ab, wie ideologisch überaus verblendet die meisten Angehörigen der einst so stolzen Arbeiterbewegung gegenwärtig sind. Indem sie die fortgeschrittenste Erkenntnis auf solch einem wesentlichen Gebiet entgegen dem Dafürhalten insbesondere von Max Horkheimer als völlig nachrangig betrachten, spotten sie um des eigenen Vorteils willen jedweder Vernunft über sämtliche Maße hinweg.

  2. Brigitte Ernst sagt:

    Nach Abschluss zweier Studiengänge und sieben Semestern an der U3L muss ich gestehen, dass ich Ihren Text nicht vollständig verstehe. Ich bitte um Präzisierung: Welchen Paradigmenwechsel genau versuchen die Gewerkschaften zu sabotieren? Von welchen Formen der Rationalisierung menschlicher Arbeit sprechen Sie konkret? Wessen Ableben wird konkret beschleunigt? Was hat das Ganze mit dem von Peter Weidhaas beklagten Vorrücken rechter Kräfte überall auf der Welt zu tun?

  3. @Brigitte Ernst
    Ich beneide Herrn Rath. Ich würde gerne auch so formulieren können. 🙂

  4. Ralf Rath sagt:

    Da ich keine Auskunftei bin, fällt es mir schwer, das Anliegen von Frau Brigitte Ernst zu bearbeiten; oder in den Worten von Derrida gesagt: „All das ist veröffentlicht und zugänglich für den, der lesen möchte und die Mittel dazu hat“ (Derrida/Roudinesco: Woraus wird Morgen gemacht sein? Ein Dialog, übers. a. d. Französ. v. Gondek, Stuttgart, 2006, S. 282). Die Aufgabe des Bibliographierens fällt daher ausschließlich Ihnen zu, Frau Ernst, und nicht mir. Falls sie nicht selbstverschuldet unmündig sein möchten, wie Kant schon vor Jahrhunderten kritisierte, sind Sie gehalten, Ihre Aufforderung nicht nur an mich zu revidieren. Immerhin geht es darum, dass Sie „etwas Eigenes sagen“ (Weizenbaum, J.: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, Frankfurt/Main, 1994, S. 363). Also, frisch an’s Werk!

  5. Bronski sagt:

    @ Ralf Rath

    Brigitte Ernst hatte Ihnen freundlich ein paar einfache Fragen gestellt. Bitte seien Sie doch so nett und antworten ihr.

  6. @Ralf Rath
    Wir wissen jetzt, dass die J. Derrida gelesen haben, aber halten Sie das Zeugs auch für richtig? Ich nicht.
    Ich glaube, dass es Ihnen gar nicht darum geht, verstanden zu werden. Sie wollen uns nur zeigen, welch ein Geistesheroe Sie sind, der so gut formulieren kann, weil er so viele schlaue Bücher gelesen hat.
    Nur weiter, ich amüsiere mich köstlich. Sie erinnern mich an Alfred Edel, wie er aus dem Stegreif eine Rede im Jargon von Adorno hält.

  7. Ralf Rath sagt:

    Den in Rede stehenden Paradigmenwechsel debattiert vor allem die Industriesoziologie bereits seit vielen Jahrzehnten. Die inzwischen als Klassiker bezeichnete und von der Disziplin hervorgebrachte Literatur ist ausnahmslos damit befasst. Entscheidend könnte aber sein, dass im Verhältnis der „Frankfurter Schule“ und den psychischen Ausdehnungen der empirisch stets vollständigen Wirklichkeit, oder der „Totalität der Gesellschaft“, wovon Adorno in seiner letzten Vorlesung vor seinem Tod sprach, mittlerweile das Ende der Amöbensage ausgrufen wurde, d. h. ein Paradigmenwechsel als vollzogen gilt (siehe Altmeyer/Thomä, in: dies. (Hrsg.): Die vernetzte Seele, Stuttgart, 2006, S. 8). Ohne eine zunehmend gewachsene Einsicht in die conditio humana, die sich hauptsächlich auf einschlägig erhobene Befunde stützt, gäbe es ansonsten noch heute das „Diktat der fordistisch-tayloristischen Industriegesellschaft“, von der sich allen voran Frau Nahles als ihres Zeichens amtierende Ministerin des Bundes für Arbeit und Soziales zumindest im Gespräch mit der Online-Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 22. September des vergangenen Jahres längst nicht befreit wähnt. Orientiert man sich nicht an diesem höchstpersönlichen Irrtum, liegt viel Arbeit vor uns und jede noch so geringe Arbeitskraft wird dafür dringend gebraucht. Praktiken, die schwere Erkrankungen und einen frühen Tod bedeuten, sind somit äußerst kontraproduktiv, wenn privatwirtschaftlich geführte Unternehmen im weltweiten Wettbewerb bestehen sollen.

  8. Jürgen Malyssek sagt:

    Den letzten Absatz von Peter Weidhaas unterstreiche ich erst einmal ganz dick und ganz rot!

    Die Krise des Mannes heute ist offensichtlich und macht sich nicht nur an den islamistischen Ausartungen, den populistischen rechten Kräften oder den fragwürdigen Führungsgestalten in den USA, Russlande, Polen, Ungarn, Türkei oder anderswo fest.

    Die Krise des Mannes ist spätestens seit den 1970ern ein gesellschaftspolitisches Thema und hat u.a. mit den starken Veränderungen der Arbeitsgesellschaft zu tun – unter anderem.

    Der stetige Verlust von Solidarität und Toleranz, die pure Selbstsucht oder die Verschlossenheit gegenüber den demokratischen Anforderungen in der Gesellschaft (P. Weidhaas) hängt aber nicht nur mit der Krise des Mannes in unserer Zeit zusammen.

    Hier sollte man den Blick möglichst erweitern auf die verheerenden Entwicklungen des aktuellen kapitalismus, auf die Überforderung der in völlige Abhängigkeiten geratenen Menschen, die Apolitisierung oder diesem unauslöschlichen Hang zur Mitläuferschaft,der wiederum mit dem Ruf nach dem „Starken Mann“ oder der „Starken Hand“ zusammenhängt. Hier ist einfach die Globalisierung frontal angesprochen.

    Die RAF – und hier waren es Täterinnen und Täter gleichermaßen – war vielleicht nur ein Vorbote für das, was wir heute als Protest und Kampf gegen DAS SYSTEM erleben (etwa G20-Proteste zuletzt in Hamburg).

    Ich würde die Krise des Mannes in unserer Zeit und die Krise des Kapitalismus (auch den Werteverlust) nicht in einen unmittelbaren Zusammenhang bringen. Aber es gibt einige Verbindungslinien.

    Die ELITEN – die superreichen Herrschenden sind heute die größten Zerstörer unserer Menschlichkeit und unserer Errungenschaften des (mühsamen) Zivilisationsprozesses.

  9. Brigitte Ernst sagt:

    @ Ralf Rath

    Während meines Erststudiums 1966 bis 1971 an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität pflegte Professor Klaus von See, Germanist und Skandinavist, uns Studenten einzuschärfen, dass ein wichtiges Kriterium einer guten wissenschaftlichen Arbeit deren Verständlichkeit sei.

  10. @Brigitte Ernst
    Herr Rath zitiert ja gerne J. Derrida, dem folgendes nachgesagt wurde: „Derridas Texte erreichten nicht ein gefordertes Maß an Klarheit und Strenge, sie seien aus Tricks und Taschenspielereien komponiert und stünden darin eher dadaistischen Experimenten nahe. (Wikipedia)“
    Vielleicht versucht er, ihm nachzueifern.

  11. Brigitte Ernst sagt:

    @ Henning Flessner

    Als ehemalige Deutschlehrerin enthalte ich mich geflissentlich eines weiteren Kommentars. Ich möchte weder schulmeisterlich noch unhöflich wirken.

  12. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Ist die (wie immer geartete) Krise „des Mannes“ hauptverantwortlich für das Dilemma in Gesellschaft und Politik? Mir scheint, dass auch „die Frau“ ihre Souveränität noch längst nicht gewonnen – oder bereits wieder verloren – hat. Doch liegen die Ursachen für die unheilvollen Entwicklungen, die Peter Weidhaas beklagt, nicht eher in der Krise des Denkens, die als Unfähigkeit zum Denken und Reflektieren grassiert? Und folgen auf das intellektuelle Desaster, das unter Helmut Kohl als „geistig moralische Wende“ begann, jetzt notwendigerweise der Verlust ethischer Maßstäbe und eine um sich greifende Beliebigkeit?

    Dummheit, Egoismus, aber auch Moralität fallen bekanntlich nicht vom Himmel. Man lernt sie – im Elternhaus, in der Schule, im Beruf. Erleben wir in den Zeiten des Neoliberalismus, der sich ohne einen ihm gefährlich werdenden Gegner wähnt, die endgültige Personifizierung ökonomischer Verhältnisse? Sind wir, soweit wir nicht über Produktionsmitteln einschließlich des Finanzkapitals verfügen, lediglich Konsumenten unterschiedlicher Rangordnung? Sind wir, um einen Begriff von Karl Marx zu gebrauchen, längst und endgültig zu Charaktermasken geworden? Lassen wir, wenn es um persönliche Vorteile geht, die Solidarität mit Schwächeren fallen wie eine Maske und funktionieren lediglich nur noch so, wie es von Dritten erwartet wird? Handeln wir permanent gegen unsere ureigensten Interessen?

    Die Veränderungen, die unseren Alltag zunehmend bestimmen und die uns schwindlig machen, wie Weidhaas formuliert, sind überwiegend nicht von uns, den Hauptbetroffenen, ausgegangen.

    Gegen die Digitalisierung wäre nichts einzuwenden, wenn sie die menschliche Arbeit vereinfachen und im gleichen Maße kreative Entfaltungsmöglichkeiten in Betrieben und im Privatbereich schaffen würde. Doch die Befreiung von monotoner und körperlich schwerer Arbeit kollidiert mit den wirtschaftlichen Machtverhältnissen und deren Interessen. Denn einerseits sollen die Produktionskosten gesenkt und die Profitmargen erhöht werden. Andererseits kann man in technisch hochentwickelten Ländern wie Deutschland auf die Binnennachfrage nicht verzichten. Parallel werden Absatzmärkte in Staaten erschlossen, deren Einkommensstrukturen deutlich unterhalb denen der führenden Industrienationen liegen. Diese Länder eigenen sich wegen des dortigen Lohnniveaus nominell auch für Produktionsverlagerungen.

    Globalisierung ist im Grunde nichts anderes als die Arbeitsteilung im Sinn moderner Kolonisierung. Hohe soziale Standards würden solchen Begehrlichkeiten stören, deswegen war in der Bundesrepublik frühzeitig mit der Deregulierung begonnen worden.

    Die kreativen Möglichkeiten der Digitalisierung wurden erfolgreich in eine Sparte der Unterhaltungselektronik gedrängt. Der Austausch von unerheblichen Informationen bis hin perversen Geschmacklosigkeiten beschert den Herstellern von Smartphones sowie den Betreibern kommerzieller Netzwerke ein Riesengeschäft. Typischerweise sind sich die Opfer dieser Entwicklung nicht bewusst über ihren Status und über den Grad ihrer Ausbeutung.

    Möglicherweise ist durch die Vielzahl der gegenläufigen Interessen, die sich auch innerhalb gleichgeschalteter sozialer Bereiche (z.B. im rechtsextremistischen Lager) manifestieren, die Katastrophe vorprogrammiert. Es wäre mir persönlich jedoch lieber, falls die Menschheit auch ohne eine solche Katharsis auf einen humanen Weg einschwenken würde.

  13. Brigitte Ernst sagt:

    Auch ich bezweifle, dass die von Peter Weidhaas beschriebene Krise auf den Mann beschränkt ist.
    Auch wenn die Schalthebel der Macht in Politik und Wirtschaft noch mehrheitlich in den Händen von Männern liegen, agieren mehr oder weniger im Hintergrund, zumindest als Wählerinnen, auch immer Frauen – oder sie begünstigen gefähliche Regime durch Nichthandeln. Hinter einem Trump stehen auch seine Tochter und seine Ehefrau, die von dem Prinzip, das er vertritt, profitieren und es unterstützen. Und auch wenn ihm vorwiegend die „angry white men“ (einschließlich der Vermummten mit den spitzen weißen Kopfbedeckungen) zujubeln, so finden sich unter seinen Wählern genügend Frauen, die ihm begeistert nachlaufen. Ignoranz ist keine geschlechtsspezifische Eigenschaft.
    Besonders groß ist die Dummheit auf Seiten der vielen Frauen, die bei Erdogans Auftritten die Fahne schwenken, obwohl er gerade dabei ist, sie wieder in ihr traditionelles Gefängnis zu sperren.
    Und statt sich über die machohaften Posen eines Wladimir Putin schiefzulachen, verehren die russischen Frauen ihn mehrheitlich als Retter des glorreichen Vaterlandes und beten in eigens für ihn errichteten Kapellen für seine Erfolge. Nur sehr wenige Mütter haben es gewagt, gegen ihn aufzustehen, als er ihre Söhne im Unkrainekonflikt verheizt hat.
    Selbst die mörderischen IS-Kämpfer finden ihre Anhängerinnen, und seien es auch nur törichte junge Mädchen, die sich an die Macht dieser Schlächter anlehnen wollen.

    Nach intensiven Überlegungen frage ich mich im Übrigen, ob es sich hier überhaupt um eine Krise handelt oder nicht vielmehr um einen Ausdruck der normalen menschlichen Natur. „Grattez le russe et vous trouverez le tartare“, hat Napoleon aus der arroganten Haltung eines Westeuropäers des 19. Jahrhunderts gesagt. Man kann das verallgemeinern: Kratzt man am modernen Menschen, kommt unter einer dünnen Schicht von Zivilisation der Neandertaler zum Vorschein, dem es vor allem um die Befriedigung eigener Bedürfnisse sowie das Überleben seiner Sippe geht und dessen Fähigkeit zur Solidarität nicht über die Grenzen des Stammes hinausreicht.
    Die Menscheit hat Fortschritte gemacht, ohne Frage. Wir hatten die Erklärung der Menschenrechte, wir hatten die Einführung der Demokratie in Europa, wir hatten die Gründung der UNO, die Einführung der Gleichberechtigung der Frau und erst kürzlich auch die rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Aber dazwischen gibt es immer wieder Rückschritte wie bei der Echternacher Springprozession: zwei Schritte vor, einer zurück. Zwei Weltkriege, das Naziregime und den Stalinismus, und zur Zeit befinden wir uns eindeutig wieder in einer solchen Rückwärtsbewegung. Hoffen wir, dass es genügend reflektierte und besonnene Menschen gibt, die sich nicht länger vom atemlosen Konsum und von Brot und Spielen einlullen lassen, sondern dafür sorgen, dass das Ruder wieder herumgerissen wird.

  14. Brigitte Ernst sagt:

    Nachtrag
    Damit es nicht so aussieht, als wollte ich die Vorgänge in Deutschland ausklammern:
    Bei den Pegida-Demonstrationen sind reichlich Frauen unterwegs, die AfD hat zwei wichtige Frontfrauen, und Beate Tzschäpe darf natürlich auch nicht vergessen werden.

  15. Ralf Rath sagt:

    Auch wenn meine Leserkommentare hier im Blog der Frankfurter Rundschau wiederholt aus für mich unerfindlichen Gründen heraus nicht erwünscht sind, gilt dennoch unabhängig davon die zumindest wissenschaftlich nicht zu widerlegende Erkenntnis, dass angesichts der derzeit vorherrschenden Verhältnisse die Gefahren für Leib und Leben in von keinem Arzt mehr erreichbare Höhen schnellen, je eigenständiger die hiesige Lebens- und Produktionsweise ist. D. h.: Alle, die imstande sind, etwas Eigenes zu sagen, gehen immense Risiken ein, mehr über kurz als lang schwer zu erkranken und einem raschen Ableben ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Es nimmt daher nicht wunder, wenn Herr Weidhaas öffentlich dazu auffordert, sich schleunigst solch einer Perversion mit allen verfügbaren Mitteln zu widersetzen und die überaus bequeme Position des „Keine Experimente, des Weiter so“ endlich aufzugeben.

  16. Jürgen Malyssek sagt:

    „Es ist ein großer Irrtum zu glauben, daß Menschheitsprobleme „gelöst“ werden.
    Sie werden von einer gelangweilten Menschheit liegen gelassen.“ (Kurt Tucholsky)

    Es ist zu kurz gegriffen, die politischen Probleme dieser Welt auf die „Krise des Mannes“ zu reduzieren. Es handelt sich um Menschheitsprobleme und in unserer Zeit um die Höhepunkte der Krise und Auswüchse eines ökonomisch dominierenden globalen Systems, das mehr oder weniger über die Menschen hinwegfegt.

    Wenn alles Markt ist, wenn alles in den Gesellschaften nach Gewinn und Macht strebt, wenn auf Hochtouren laufende Rationalisierung- und Ausgrenzungsprozesse und eine fast unüberschaubare Digitalisierung unseres kleinen und größeren Alltag bestimmen, was kann überhaupt noch erreicht werden.

    „Die Veränderungen, die unseren Alltag zunehmend bestimmen und die uns schwindelig machen, wie Weidhaas formuliert, sind überwiegend nicht von uns, den Hauptbetroffenen, ausgegangen.“ (K.P. Mertens).
    – Und hier kommen wir bei den ELITEN unserer Zeit an, die mit unverschämten Markt- und Vermögensanteilen unsere Gesellschaft manipulieren.
    Es gehen die Dynamiken und Krisen weit über die Krisen und Probleme der Geschlechter, getrennt und zusammen gesehen, hinaus.

    Der Aufschrei von Peter Weidhaas ist absolut nachvollziehbar. Aber „Die Krise des Mannes in unserer Zeit“ ist doch gerade eine Folge der sozioökonomischen Schieflagen und deren Auswirkungen auf die Identitäten, Rollenverhalten, Entwicklungen des Lebens als Mann (resp. des Lebens als Frau).

    Klaus Philipp Mertens (16.08.) spricht vom Erleben in den Zeiten des Neoliberalismus, der sich ohne einen gefährlich werdenden Gegner wähnt, der „endgültigen Personifizierung ökonomischer Verhältnisse“ und von einem lediglichen „Konsumenten-Dasein unterschiedlicher Rangordnung“.

    In der deutschen „Sozial“-Politik erleben wir das mit der ständigen über das Maß des Notwendigen hinausgehende Anpassung(sbereitschaft) an die Herrschaftsstrukturen und Zeitströmungen, die auch Dummheit und Egoismus größer werden lässt und Moralität (Mertens) gefährden.
    Inzwischen haben wir auch einen wettbewerbsfähigen Wohlfahrtsmarkt, in dem der Staat sich immer mehr aus der aktiven sozialverantwortlichen Rolle zurückgezogen hat. Mit der Agenda 2010 ist Arbeitslosigkeit de facto vom gesellschaftlichen zum individuellen Problem erklärt worden, für das der Einzelne verantwortlich gemacht wird – die Schuld für sein soziales Schicksal ist auf ihn abgewälzt worden.

    Die Ökonomie bestimmt heute alle Lebensbereich und führt zur Entmündigung der Individuen und zur Entsolidarisierung.

    Ich will hiermit nicht gesagt haben, das „Die Krise des Mannes“ kein Thema wert ist. Nein. Sondern es geht darum, über die Reihenfolge der Krisenentwicklungen nachzudenken. Auch „die Frau“ habe ihre Souveränität noch längst nicht gewonnen – oder bereits wieder verloren, sagt Herr Mertens. So würde ich es auch gerne ausdrücken.

    Die tiefen Brüche in der Gesellschaft, von der der Soziologe Heinz Bude in seinem Buch über die Angst in der Gesellschaft schreibt, diese durch Konsumterror, Eventkultur und Dauervergnügungen und was weiß ich nicht alles, verdeckt werden und damit das Leid nur segmentiert zum Vorschein kommen lässt.
    Sie äußern sich aber heute schon, und immer stärker: in Angst, Hass, Zorn, Eskalation, Gewalt, aber auch Resignation und Depression.

    Es wird auch auf Dauer wenig Erkenntnisgewinn haben, sich jetzt nur an den politischen Galgenvögeln, Despoten und Weltenlenkern abzuarbeiten. Diese spiegeln mehr oder weniger nur den Zustand und die geistige Verassung eines Großteils der jeweiligen Bevölkerung eines Landes oder einer Region wider. Verführt und gesteuert von den Herrschaftseliten in diesem scheinbar gegnerlosen neoliberalen Universum.

    So auch bei „Kamerad Napoleon“ Donald Trump. Wenn es in den USA über 900 „Hate Groups“ gibt, dann existieren diese auch bereits schon vor Trump. Also liegen der Frust und der Hass viel tiefer. Und jetzt erst wieder, mit dem schrecklichen und verstörenden rechten Ausschreitungen in Charlotteville und den heftigen Kritiken auf die Statements des Präsidenten, kommen diese Tatsachen an die Oberfläche. HATE IN THE USA (Gestern Nacht bei CNN).

    Das führt mich hier zum Schluss zu dem neulich in ARTE laufenden Klassiker „Herr der Fliegen“ von William Golding. Eine Parabel von der Natur des Menschen.
    Eine idyllische Südseeinsel, wo nach einem Flugzeugabsturz eine Gruppe Jugendlicher festsitzen und zusammen überlegen müssen, wie und mit welchen Regeln sie hier überleben können.

    Es endet alles in einer fürchterlichen Barbarei, mit Kampf aller gegen alle: Ängste, Macht, Manipulation, seelische Abgründe, wo die Vernunft und Rücksicht auf der Strecke bleiben.

    Unter der Schicht der Zivilisation lauert das Barbarische!

    P.S.: Es freut mich übrigens, was Frau Ernst oben gesagt hat, auch wenn sie mir das vielleicht nicht abnimmt.

  17. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Natürlich glaube ich Ihnen das. Wahrscheinlich haben Sie mich bisher nur oft falsch verstanden – oder ich habe mich nicht verständlich genug ausgedrückt.

  18. Leben wir wirklich in einer Welt der Krisen oder war unsere Welt nicht immer in der Krise?

  19. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Ob falsch verstanden oder missverständlich ausgedrückt. Egal, hier haben wir keinen Dissenz.

    @ Henning Flessner

    Beides war und ist so. Das ändert aber nichts an der heutigen prekären und sehr gefährlichen Weltlage. In vielen Teilen der Welt sogar desaströsen. Sonst landen wir wieder beim ewigen Relativieren.

  20. @Jürgen Malyssek
    „Die Ökonomie bestimmt heute alle Lebensbereich und führt zur Entmündigung der Individuen und zur Entsolidarisierung.“
    „Beides war und ist so.“
    Ich lese aus solchen Sätzen, dass sie ein festgefügten Bild unserer Welt haben, dass über jedem Zweifel steht. Nie ein „ich sehe es so“, ein „ich glaube“, ein „ich habe den Eindruck“. Das ist schön für Sie.
    Mein Weltbild enthält keine Wahrheiten, sondern nur Zweifel.

  21. Brigitte Ernst sagt:

    @ Henning Flessner

    „Ich bin der Geist, der stets verneint.“ 😉

  22. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Henning Flessner

    Ich verstehe nicht ganz, was Ihr Urteil soll. Auch aufgrund meiner Aussage: „Beides war und ist so.“
    Der Satz bezog sich auf Ihre fragende Aussage: „Leben wir wirklich in einer Welt …?“
    Mein Weltbild ist nicht festgefügt, aber eine feste Meinung habe ich schon. Auch den Zweifel.
    Also, warum geht es eigentlich?

  23. @Jürgen Malyssek
    Ich stimme mit Ihrer Analyse nicht überein und sie widerspricht mMn auch den Fakten, wenn Sie eine Zunahme der Gewalt behaupten.
    Sie schreiben Ihre Beiträge aber im Brustton der Überzeugung, dass ich das Gefühl habe, sie verkünden unbezweifelbare Wahrheiten.

  24. Ralf Rath sagt:

    Auffällig an dem Leserbrief von Herrn Weidhaas ist insbesondere die nicht zu übersehende Parallele zur Dialektik der Aufklärung. Dort schreiben Adorno und Horkheimer: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird in jeder Kindheit wiederholt“. Bis der Einzelne etwas Eigenes sagen kann und infolge dessen der so bezeichnete „männliche Charakter“ seinen Ausdruck findet, hat jeder Mensch unweigerlich diesen Prozess wenigstens in Teilen zu durchlaufen, an dem offenkundig kein Weg vorbeiführt. Er ist das Nadelöhr, durch das alle ergriffenen Maßnahmen durchschlüpfen müssen. In den Worten eines Schülers von Horkheimer und Adorno gesprochen, lautet der Befund: „Dieses Nadelöhr stellt den Zensor dar, der festlegt, was geht und was nicht geht“ (Schumann, in: Wetzel et al. (Hrsg.): Industriearbeit und Arbeitspolitik, Hamburg, 2014, S. 25). Um die daraus entspringende „Krise des Mannes in unserer Zeit“ zu überwinden, sind deshalb nur bestimmte Lösungen in der engeren Auswahl. Sämtliches Handeln, das diese geänderten Voraussetzungen sozialer Effizienz nicht erfüllt, scheidet demgemäß von vornherein aus. Weshalb Dritte besserem Wissen frontal zuwider dennoch geradezu eisern daran festhalten, bleibt somit im Sinne von Immanuel Kant bis in die fernste Zukunft hinein „unbegreiflich“.

  25. Brigitte Ernst sagt:

    @ Henning Flessner

    Sie irren.
    Laut Kriminalstatistik für das Jahr 2016:
    Gefährliche und schwere Körperverletzung: Anstieg um 9,9 %
    Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen: Anstieg um 14,3 %
    Vergewaltigung und sexuelle Nötigung: Anstieg um 12,8 %
    Raubdelikte: Rückgang um 3,7 %

    Quelle: n.tv.de vom 24. April 2017

  26. @Brigitte Ernst
    Wie beim Wetter und Klima kommt es immer auf die betrachteten Zeiträume an. Sie haben recht, dass die Zahlen 2016 wieder angestiegen sind, aber begann die Krise des Mannes erst 2016?

  27. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Henning Flessner

    Zum einen finde ich es schwierig, wenn Brigitte Ernst mit Kriminalstatisken (2016)aufzeigt, dass von den Zahlen her Anstiege von Gewalt belegt werden und Sie wieder mit Relativierungen von Wind und Wetter anfangen.
    Dann bringen Sie gleich die Krise des Mannes ins Spiel, die bisher bei Ihnen jedenfalls noch nicht angesprochen war.
    Wir waren in der Debatte eigentlich schon einen gewissen Schritt weiter, die Krise des Mannes nicht ausschließlich ins Zentrum der Probleme und Wirren der Welt zu erkennen.
    Natürlich fing die Krise des Mannes nicht erst 2016 an. Aber das ist auch schon klar (siehe auch mein Kommentar am 15.08, 17:46).
    Also auch hier: Was soll das?

    Sie können mir natürlich widersprechen, wenn Sie meinen, dass die Zunahme von Gewalt in unserer Zeit „nicht den Fakten entspricht“. Was soll ich dagegen machen?
    Ich spreche dabei auch nicht von anderen zurückliegenden Zeiten.
    Auch wenn ich von dem überzeugt bin, was ich oben gesagt habe, bin ich deshalb noch lange nicht der „Verkünder unbezweifelbarer Wahrheiten“. Das legen Sie mir jetzt in den Mund.
    Sie sagen „mMn“ und sprechen von „Fakten“, die aber in diesem Zusammenhang vage bleiben.
    Das überzeugt mich jedenfalls nicht.
    Glauben Sie bloß nicht, dass ich keine Zweifel habe – sonst würde ich hier nicht diskutieren.
    Und „schön für mich ist“ am Zustand der Welt und wie ich sie wahrnehme garnichts.
    Meine Erlebnisse, Erfahrungsfelder und Wahrnehmungen der Welt geben mir die Möglichkeit, auch von Überzeugungen, die ich habe, zu sprechen.
    Spitzfindigkeiten, die beim augenblicklichen Diskurs offenbar Ihnen etwas bedeuten (ganz sicher bin ich jetzt nicht!), die bringen das Thema, das Peter Weidhaas eingeleitet hatte, nicht weiter.
    Ich muss da an das „Hase-und-Igel-Spiel“ denken.

  28. Brigitte Ernst sagt:

    @ Henning Flessner

    Über die zeitliche Verortung der hier behandelten Krise scheinen die Diskutanten uneins zu sein.
    „War die Welt immer im der Krise?“, fragen Sie. „Gehört die Krise nicht zur Entwicklungsgeschichte bzw. zur Natur des Menschen?“, war auch meine Vermutung.
    Adorno folgend sieht Ralf Rath offenbar den Beginn der Krise im Utilitarismus der Aufklärung, während Jürgen Malyssek bemerkt, dass diese Krise bereits Ende der 70er Jahre ein Thema gewesen sei, aber auch die Agenda 2010 bzw. den Sieg des Neoliberalismus als Ursachen ausmacht.
    Klaus Philipp Mertens hingegen spricht von der Krise des Denkens seit der „geistig-moralischen Wende“ unter Helmut Kohl, während Peter Weidhaas die Krise mit der Globalisierung und Digitalisierung beginnen lässt.

    Es fällt mir folglich schwer, festzulegen, von welchem Zeitraum hier die Rede ist.

  29. Ich habe mal nachgeschlagen, was das Wort Krise eigentlich bedeutet.
    Eine Krise ist eine gefährliche, schwierige Situation, die auf einen Wendepunkt zuläuft. Wenn die Krise nicht abgewendet wird, endet sie in einer Katastrophe. Beispiele sind die Julikrise 1914 und die Kubakrise 1962.
    Nur weil jedes Problem zu einer Krise hochgeredet wird, ist es noch keine Krise.
    Ich sehe weder Deutschland noch Europa noch die Welt in einer Krise. Unsere Welt verbessert sich global gesehen kontinuierlich. Dies kann mit Daten belegt werden (https://ourworldindata.org).
    Meine Reaktion darauf ist, dass wir schon viel geschafft haben und es keinen Grund gibt, den Rest nicht auch noch zu schaffen. Einzelne Rückschläge sind dabei natürlich nicht ausgeschlossen.
    Die Reaktion, die ich jedoch bei einigen sehe (meistens seltsamerweise alte Männer), ist das Fokussieren das auf noch nicht Erreichte. Ein ewiges Klagen und Schwarzmalen. Zuhause haben sie mindestens 2 Meter Bücher, von Autoren, die sie in ihrer pessimistischen Weltsicht bestätigen.

  30. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    In den kurzen Zügen ist Ihre Zusammenfassung der Meinungsbilder sehr hilfreich.
    Ich möchte halt nur darauf aufmerksam machen, dass der Anfang mit Peter Weidhaas die politischen Krisen in unserer Zeit waren (auch der Populismus, Terrorismus)und er selbst diese mit der „Der Krise des Mannes“ in Zusammenhang brachte.
    Daraufhin wurde mehrheitlich – so lese ich das und so ist es auch meine Meinung – festgestellt, dass die Krisen unserer Zeit nicht nur mit der Krise des Mannes zusammenhängen, zusammenhängen können.
    Also müssen oder sollten diese beiden Blickpunkte auch getrennt von einander betrachtet werden.
    Es ist richtig, dass ich gesagt habe, die „Krise des Mannes“ ist spätestens seit den 1970ern ein gesellschaftspoltitisches Thema.
    Womit ich aber nicht gemeint habe, diese Krise hätte es vorher nicht gegeben. Nur, der gesellschaftliche Diskurs war damals reif dafür, so wie die Frauenbewegung ihre festen Fußabtritte hinerlassen hat.
    Über die Krisen und – aus meiner Sicht gesehen – fatalen Entwicklungen in der Welt (trotz Zivilisationsprozess und Aufklärung) wäre dann weitestgehend gesondert zu diskutieren, was ja auch hier in Ansätzen passiert ist. Nur, wenn

    @ Henning Flessner

    Sie dann kommen und das wieder in einen Topf werfen und sich damit beschäftigen was wohl hinter den Aussagen der Akteure hier (mich scheinen sie ja besonders ins Herz geschlossen zu haben) alles an Gemütsverfassungen dahinter stecken mögen bzw. welche Weltbilder (beruhigende oder bedrohliche), dann lässt sich schwerlich ein roter Faden aufgreifen.

    „Mein Weltbild enthält keine Wahrheiten, sonder nur Zweifel“ – sagen Sie etwa am 18.08., 10:20 Uhr.

    So fällt es dann Brigitte Ernst auch schwer, „festzulegen, von welchen Zeitraum hier die Rede ist“.

    Und so geht es mir dann auch.

    Sie brauchen auch nicht extra nachzuschlagen, was das Wort „Krise“ bedeutet. Die doppelte Bedeutung dürfte inzwischen bekannt sein (Bedrohung UND Wendepunkt).
    „Nur weil jedes Problem zu einer Krise hochgeredet wird, ist es noch keine Krise. Ich sehe weder Deutschland noch Europa noch die Welt in einer Krise. Unsere Welt verbessert sichglobal gesehen kontinuierlich“ (Henning Flessner)
    Erstens: Dann brauchen wir hier nicht weiter zu reden (siehe „Aufschrei“ von Peter Weidhaas).
    Zweitens: Sie dürften da ziemlich einsam mit Ihrer Meinung dastehen, außer in den Kreisen, der Fortschrittsgläubigen oder der Daueroptimisten.
    Und dann kommen wieder diese Daten, die die Welt erklären!
    „…dass wir schon viel geschafft haben und es keinen Grund gibt, den Rest nicht auch noch zu schaffen …“

    Meine Reaktion: Der Mensch in der Welt – eine einzige Erfolgsgeschichte! – Wenn nur das viele Blutvergießen, das Gemetzel, die vielen Kriege, die Armut und das Elend, die ökologischen Krisen usw. nicht wären.

    Welchen „Rest“ können wir noch schaffen?
    Pahh, die paar Rückschläge, lächerlich!

    Und zum Schluss langen Sie dann nochmal hin: „… meistens seltsamerweise alte Männer mit mindestens 2 Meter Bücher von den Pessimisten der Welt – klagend und schwarzmalend …“

    Toll! Sie haben mich restlos überzeugt. Die Welt ist gar nicht so – sie ist ganz anders (frei nach Nestroy (?)

  31. Brigitte Ernst sagt:

    @ Henning Flessner

    Im Grunde gebe ich Ihnen recht. In meinem 70 Jahre währenden Leben habe ich persönlich eine Aufwärtsentwicklung erfahren und beobachtet, dass Vieles, vor allem für mein Geschlecht, aber auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, besser geworden ist.
    Aus der Perspektive alter Männer, die vielleicht liebgewordene Privilegien verloren haben und zudem höhere Anforderungen an sich stellen, mag das anders aussehen.

  32. Brigitte Ernst sagt:

    Der Duden bietet u.a. für das Stichwort „Krise“ an: schwierige Lage, Situation, Zeit; Zeit der Gefährdung.
    Diese Bedeutung wird Peter Weidhaas im Kopf gehabt haben, als er von der „Krise des Mannes“ schrieb.

    Um noch einmal auf meine Sicht der geschichtlichen Entwicklung zurückzukommen:
    Ich sprach vom Menschen als einem Wesen, das unter der dünnen Schicht von Zivilation noch viel von seiner urmenschlichen oder gar tierischen Natur mit sich herumträgt. Sie, Herr Malyssek, stimmten mir da zu.
    Ein Bekannter, mit dem ich ab und zu über dieses Thema spreche, verwendet für die archaischsten Schichten der menschlichen Psyche den flapsigen Begriff „Affenhirn“, und ist der Ansicht, dass wir eigentlich angesichts dieses in uns noch so mächtigen Erbes erstaunt sein müssten, dass wir nicht viel mehr Schaden anrichten und doch immer wieder, in unterschiedlichen Zeiten und Regionen, relativ friedlich miteinander auskommen.
    Ich persönlich sehe, zumindest im Rückblick, die Menschheit durchaus auf einem Fortschrittsweg, wenn auch mit wiederkehrenden Rückwärtsbewegungen (“ Echternacher Springprozession“).

    Die Abkehr von der öko-sozialen Marktwirtschaft mit ihren vielfach genannten Folgen begann mMn mit dem Zusammenbruch des Ostblocks. Für die kapitalistische Wirtschaftsform existierte keine Konkurrenz mehr, sie schien alternativlos geworden, und ihre Vertreter hatten keinen Grund mehr, die Überlegenheit ihres Systems unter Beweis zu stellen, denn es gab kein anderes mehr.
    Die Agenda 2010 ist eine Folge dieser Entwicklung.

    Auch der auffällige Rechtsruck in vielen westlichen Ländern begann wahrscheinlich vor diesem Hintergrund, während in den ehemaligen Ostblockstaaten, die z.T. jahrhundertelang unter Fremdherrschaft, einschließlich der sowjetischen, gelebt hatten, verständlicherweise eine Rückbesinnung auf die eigene Nation stattfand, was zur Ausbildung eines übersteigerten Nationalismus führte. Zudem fehlte den ehemaligen Ostblockstaaten die 68er Zeit, im Westen eine Phase der Aufklärung und der Entwicklung eines fortschrittlicheren Umgangs mit Homosexualität, Abtreibung etc..
    Auch die Defizite im demokratischen Bewusstsein könnte man mit diesem Rückstand erklären.

    Andere mögliche Ursachen für den Rechtsruck, etwa die Verunsicherung angesichts von Globalisierung und Digitalisierung, wurden ja bereits genannt.

  33. Werner Engelmann sagt:

    „Es ist zu kurz gegriffen, die politischen Probleme dieser Welt auf die „Krise des Mannes“ zu reduzieren.“ (Jürgen Malyssek, 17. August 2017 um 15:17 )
    „Andere mögliche Ursachen für den Rechtsruck, etwa die Verunsicherung angesichts von Globalisierung und Digitalisierung, wurden ja bereits genannt.“ (Brigitte Ernst, 19. August 2017 um 20:16)

    Ich stimme Herrn Malyssek zu, dass man mit der Psychologisierung dessen, was man als „Krise“ empfindet, nicht viel weiter kommt. Das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts in immer rasanterer Geschwindigkeit sich auftürmender objektiver Probleme spiegelt diese nur wider. Sich mit diesem psychologischen Phänomen zu befassen, wird ohne Analyse der objektiven Faktoren kaum zur Lösung beitragen.
    Die Untersuchung objektiver politischer Entwicklungen, etwa der Ursachen für Rechtsradikalismus in ehemaligen Ostblockstaaten, wie Frau Ernst es versucht (19. August 2017 um 20:16), scheint mir da der bessere Weg.
    Ähnliches gilt dann auch für ökonomische Entwicklungen. Ursachen in „Auswüchsen eines ökonomisch dominierenden globalen Systems“ zu suchen (Jürgen Malyssek, 17. August 2017 um 15:17 ) ist sicher nicht falsch. Doch müssen dabei auch die konkreten Rahmenbedinungen in den Blick kommen, die dazu führen, dass die enormen Chancen ökonomischen Fortschritts faktisch in Gänze dadurch verschüttet werden, dass in gleichem Maße ökonomische und politische Machtkonzentration fortschreitet.
    Ein Phänomen, das wieder rückgängig macht, was etwa die Überlegenheit des kapitalistischen Systems gegenüber dem Feudalsystem ausmachte: die Befreiung der durch ein sklerotisches Standes- und Zünftesystem gehemmten Produktivkräfte.
    Was Klaus Philipp Mertens am Beispiel der Digitalisierung richtig benennt: „Die kreativen Möglichkeiten der Digitalisierung wurden erfolgreich in eine Sparte der Unterhaltungselektronik gedrängt.“ (16. August 2017 um 19:02)

    Um das Problem der Verunsicherung durch Digitalisierung an einem anderen Beispiel weiter aufzuzeigen:
    Das Um-sich-Greifen des Faschismus wurde mit Sicherheit in hohem Maße durch die gleichzeitig sich entwickelnden Mittel derMassenkommunikation, damals vor allem der Rundfunk, befördert. Während Demagogen wie Goebbels instinktsicher sich dieser zu bedienen wussten, stand die Masse der Bevölkerung den neuen Möglichkeiten der Massenbeeinflussung hilflos gegenüber. Faszination verschüttete kritischen Geist.
    Nicht anders die Hilflosigkeit heute gegenüber Digitalisierung und On-line-Kommunikation, die sich einerseits in Einigelung in Kommunikationsblasen manifestiert, andererseits in „Befreiung“ der so entstandenen Aggressionen in neofaschistischen Anwandlungen und Ausbruch nackter Gewalt. Welche natürlich durch Projektion auf „Sündenböcke“, seien es Fremde, seien es „Eliten“ kanalisiert wird.

    Um solchen Entwicklungen zu begegnen, scheinen mir drei Wege (in Kombination) gangbar:
    (1) Der Hilflosigkeit zu begegnen, indem die Beherrschbarkeit der neuen Phänomene aufgezeigt wird.
    (2) Objektive (ökonomische und politische) Interessen aufzuzeigen, welche diese Entwicklungen deformieren und zu ihren Zwecken missbrauchen.
    (3) Kreative Kräfte in Hinblick auf mögliche alternative, aber realistische Möglichkeiten des Umgangs mit diesen Entwicklungen zu befreien.

  34. Jürgen Malyssek sagt:

    Auch die heute zusammenfassenden Auszüge von Werner Engelmann und seiner Kommentierung dazu, tun der Diskussion gut, weil die bisherigen genannten Spektren der „Krise“ überschaubar werden.
    Die „Analyse der objektiven Faktoren“ (auch historischen) scheint mir auch vorrangig notwendig zu sein, um dann auf die Aspekte im einzelnen einzugehen und mögliche (neue) Antworten für die „Krise“ zu finden. Diese wiederum sind uns auch nicht ganz unbekannt.

    Auf jedenfall spielt das ökonomische System eine entscheidende Rolle. Ebenso die Globalisierung, die Digitalisierung und die damit verbundene Überforderung, Entwurzelung und ideologische Verführbarkeit des Menschen in unserer Zeit. Last but not least – der Terrorismus, mit dem die westliche Gesellschaft auf absehbare Zeit nicht fertig werden wird (meine Meinung) wird.
    Dann meine ich auch, dass es endlich Zeit wird unseren geläufigen und oberflächlichen Fortschrittsvorstellungen kräftig auf die Füsse zu treten!

    Zur Zeit kann ich mir vorstellen, dass eine Mischung von alt bewährten kritischen Theorien à la Adorno, Marx und Engels oder Arendt und den mutigen neuen kritischen Geistern (wenn sie auch nicht bei jedem auf Gegenliebe stossen) zu erweiterten Einsichten und Erkenntnissen beitragen führen können.
    Ich denke da an die zuletzt besprochenen Autoren Pankaj Mishra („Das Zeitalter des Zorns“) und Tristan Garcia („Das intensive Leben“, FR 18.08.).

    Werner Engelmann: „… dass die enormen Chancen ökonischen Fortschritts faktisch in Gänze dadurch verschüttet werden, dass in gleichem Maße ökonomische und politische Machtkonzentration fortschreitet …“
    Dickes Ausrufezeichen!

    Ob „Kreative Kräfte in Hinblick auf mögliche alternative, aber realistische Möglichkeiten des Umgangs mit diesen Entwicklungen zu befreien“ (ebenfalls W.Engelmann) wirklich ausreichend da sind? Ich weiß es nicht …