Da bleibt nichts übrig als zu relativieren

200ster Geburtstag von Karl Marx. Dem Gedenken merkt man an, wie ambivalent die Welt dem großer Denker und Ökonomen verbunden ist. Der Kommunismus-Forscher Gerd Koenen würdigt den „Seismologen der modernen Welt“ in seinem FR-Artikel „Ein kapitaler Zweifler„. Dazu der folgende, sehr lange Leserbrief von Hugo Rollny aus Nussloch, von dem eine stark gekürzte Fassung im Print-Leserforum der FR veröffentlicht wurde. Die vollständige Fassung nun hier als Gastbeitrag im FR-Blog.

Anmerkung Bronski: Urlaubsbedingt kann dieser Beitrag diesmal nicht kommentiert und diskutiert werden. Die Veröffentlichung war trotzdem erforderlich, um die gekürzte Fassung im Print-Leserforum nicht allein dastehen zu lassen. Die Komplettfassung ist doch um einiges komplexer. Nach Rückkehr aus dem Urlaub werde ich die Diskussion nachträglich ermöglichen.

Da bleibt nichts übrig als zu relativieren

Von Hugo Rollny

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Wie entledigt man sich eines einst verherrlichten Idols seiner Jugend und heute deklassierten Denkers? Indem der Inhalt, der Gegenstand des jeweiligen Denkers annulliert und die Folgekosten aufgelistet werden. Dies ist im FR-Artikel von G. Koenen exemplarisch vorzufinden.

Welche Fehler bzw. welche nicht erfüllten Ansprüche des Denkers werden nicht alle aufgezählt: vieldeutige Fragmente, kein Grundlagenwerk, eine Masse von dramatisch historischem- soziologischem Material, kein schlüssiges Ganzes, hochab-strakte Eingangskapitel hinterließ er etc.; kurz: Er ist nach seinen eigenen Maßstäben gescheitert! Warum so viel Aufsehen dann um diesen Denker? Es bleibt nur die „Wirkungsgeschichte“ übrig, die die Welt – bis heute – in Atem hält übrig.

Wenden wir unseren Blick auf zwei inhaltlich bezogene Aussagen von Koenen zu. Der „tendenzielle Fall der Profitrate“ – der auch schon von anderen politischen Ökonomen seiner Zeit gesehen wurde – wird von Marx als ein Gesetz der kapitalistischen Produktion erkannt, besser bewiesen wurde, „fügte Marx immer zugleich ‚gegenwirkende Tendenzen‘ hinzu, die das soeben entwickelnde stark relativierten“ – so weit Koenen. Wenn etwas nicht richtig oder gar nicht verstanden wird – dann wird relativiert, so macht man das! Nach Marx ist der Fall der Profitrate nichts anderes, als dass das konstante Kapital ( = Maschinen etc.) im Verhältnis zum variablen Kapital (=Lohn) immens wächst und dadurch die Profitrate fällt. Dies ist ein Gesetz der kapitalistischen Akkumulation: „steigende Produktivkraft der Arbeit erzeugt also … mit Notwendigkeit eine permanente scheinbare Arbeiterüberbevölkerung“. Kap. III, S. 233 Die bisherigen „Ökonomen“ – so Marx – hatten die Schwierigkeit, „den Fall der Profitrate zu erklären , die umgekehrte, nämlich zu erklären, warum dieser Fall nicht größer oder rascher ist“. S. 242. Und weiter: „Und so hat sich denn im allgemeinen gezeigt, daß dieselben Ursachen, die das Fallen der allgemeinen Profitrate hervorbringen, Gegenwirkungen hervorrufen, die diesen Fall hemmen, verlangsamen und teilweise paralysieren“. S. 249 Dazu zählen u.a. herunterdrücken des Lohnes. Da Koenen hier die Verstandeskraft fehlt den Marxschen Sachverhalt nachzuvollziehen, bleibt ihm nur das „relativieren“ übrig.

Nicht anders verfährt er mit der Marxschen “(Arbeits-)Werttheorie“, dem „Kernstück seiner Analyse“, in welcher er „in wichtigen Fragen, vor allem der Preisbildung, steckengeblieben“ ist. Koenen bringt mit dieser Aussage Marx um seine von ihm selbst hervorgehobene Leistung – dies ist ein Glanzstück der Marx-Rezeption von Koenen. „Diese zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit (nämlich Gebrauchswert und Tauschwert zu produzieren, H.R.) ist zuerst von mir (Marx) kritisch nachgewiesen worden. Da dieser Punkt der Springpunkt ist, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht, soll er hier näher beleuchtet werden“. Bd I, S. 56

Dies bedarf einer längeren Ausführung die hier wahrscheinlich nicht möglich ist? (Hier im Blog schon, Anm. Bronski.) Was Marx immer wieder an verschiedenen Stellen seiner Werke darstellt, erklärt und nach den Ursachen forscht, sind die Krisen in der kapitalistischen Ökonomie, die bei Koenen einfach unter dem Tisch fallen! Vor genau 10 Jahren, 2008, fand weltweit eine Finanz-/Immobilienkrise statt, die alle Bereiche der Ökonomie, der Welt in einen Abwärtsstrudel riß, die eine große US-Zeitung, da der Staat die Banken mit Krediten rettete, zu der Überschrift verleitete: „kommt jetzt der Sozialismus?“. Wie viele ökonomische Krisen gab es in den letzten Jahren: Die Asienkrise, 2000 die Dotcom-Blase, 2008 die Immobilienkrise, um nur die wichtigsten zu nennen. Marx hat in seinen Werken immer wieder die ökonomischen Ursachen thematisch behandelt und als Widersprüche der kapitalistischen Ökonomie aufgezeigt. „Diese beiden im Akkumulationsprozeß einbegriffnen Momente (Steigerung der Produktivkraft und Entwertung des vorhandenen Kapitals) sind aber nicht nur in dem ruhigen Nebeneinander zu betrachten, worin Ricardo sie betrachtet; sie schließen einen Widerspruch ein, der sich in widersprechenden Tendenzen und Erscheinungen kundgibt“. Kap. Bd III S. 259 Und weiter: „Die periodische Entwertung des vorhandnen Kapitals, die ein der kapitalistischen Produktionsweise immanentes Mittel ist, den Fall der Profitrate aufzuhalten und die Akkumulation von Kapitalwert durch Bildung von Neukapital zu beschleunigen, stört die gegebnen Verhältnisse, … und ist daher begleitet von plötzlichen Stockungen und Krisen des Produktionsprozesses“. S. 259

Koenen erwähnt weder die Krisen, noch wer die Kosten der Krisen zu tragen hat, nämlich die Allgemeinheit! Statt Widersprüche nachzuweisen, so Koenen, liefert angeblich er, Marx, einen Beweis für die „Überlebensfähigkeit“ des Kapitals. Das ist wahrlich etwas positives was Koenen bei Marx findet! Marx schreibt zu diesem Sachverhalt: „Darin, daß die Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit im Fall der Profitrate ein Gesetz erzeugt das ihrer eignen Entwicklung auf einen gewissen Punkt feindlichst gegenüber tritt und daher beständig durch Krisen überwunden werden muß“. S. 268

In derselben FR-Ausgabe vom 5.5 steht ein Artikel von dem Star-Ökonomen Rifkin, der vor einer neuen Finanzkrise warnt. Wahrlich ein interessanter Zusammenhang in der FR.