Joachim Löw: Kein dankbarer Rücktritt in Bescheidenheit

Joachim Löw bleibt Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Alle mögen ihn, man hat sich an ihn und seine Eigenheiten gewöhnt, er hat ja durchaus auch Erfolge vorzuweisen, etwa das Erreichen des EM-Halbfinales vor zwei Jahren oder den Sieg beim Confed-Cup 2017. Außerdem ist sowieso derzeit kein anderer da, der den Job machen wollte. Gestatten Sie mir ein paar Anmerkungen zu diesem Thema, auch wenn es nicht zu den Themen der großen Politik gehört; aber es tut doch gut, zwischendurch auch mal ein leichteres Thema zu diskutieren, und dies vielleicht durchaus mit einem gewissen Ernst.

Zur sportlichen Bewertung der Leistungen Löws kann ich wenig sagen. Ich gebe zu: Ich verstehe Fußball frühestens dann, wenn ich ihn sehe, manchmal auch erst wesentlich später. Die Taktik einer Mannschaftsaufstellung leuchtet mir mitunter noch ein, aber wie auf dem Spielfeld agiert wird, das hat oft viel mehr mit Schach als mit Bolzen zu tun, und im Hintergrund scheinen ja auch genügend Spezialisten und Strategen am Werk zu sein, die den Bundestrainer beraten. Ob sie das gut machen, möchte ich mit der kleinen Einschränkung dahingestellt sein lassen, dass die Ergebnisse der Spiele gegen Mexiko und Südkorea doch einen etwas anderen Eindruck hinterlassen. Aber letztlich kann man sich trotz all der Experten und Kenner, die da mitmischen, immer auf die Position zurückziehen: Es ist doch nur ein Spiel!

Also Jogi Löw – Bundestrainer forever? Nun, der Posten des Bundestrainers ist ein Vertrauensposten. Wir vertrauen darauf, dass er in guten Händen ist, angemessene Ergebnisse inbegriffen. Das Achtelfinale in Russland hätte es also schon sein dürfen. War aber nicht. Löw hat es nicht geschafft, ein Wir-Gefühl in der Mannschaft zu erzeugen. Er hat zu sehr auf Bewährtes gesetzt und das Potenzial bestimmter Konflikte – etwa wie Werbung Özils und Gündogans für Erdogan – unterschätzt. Doch jeder verdient eine zweite Chance. Oder meinetwegen auch eine dritte. Was mir größere Probleme in diesem Zusammenhang bereitet, ist folgender Gedanke: Was, wenn Jogi Löw nicht nur unersetzlich für den DFB ist – das wäre schlimm genug –, sondern wenn er sich selbst für unersetzlich hält?

Klingt falsch? Haben Sie gesehen, wie sich Teammanager Oliver Bierhoff nach dem Kroos-Tor gegen Schweden jubelnd auf Löw stürzte und wie der sich fast demonstrativ abwandte, ohne weiter zu lächeln? Die beiden hatten offenkundig ein Problem miteinander. Es trug möglicherweise den Namen Watutinki. Dort ist das Direktorat ‚Kosmische Aufklärung‘ des russischen Militärnachrichtendienstes GRU ansässig, welches für weltraumgestützte Aufklärungsaktivitäten verantwortlich ist. Das erfährt man bei Wikipedia, aber die kosmische Aufklärung hat Bierhoff nicht geholfen. Darüber hinaus ist Watutinki eine gesichtslose Plattenbausiedlung, der mit dem Etikett „unspektakulär“ geschmeichelt wäre. Öde trifft es besser. Möglicherweise hatte sich Bierhoff, der für die Auswahl des Mannschaftsquartiers zuständig war, die Kritik zu Herzen genommen, die auf die deutsche Elf wegen der Wahl ihres Quartiers bei der WM in Brasilien 2014 eingeprasselt war. Jedenfalls scheint Jogi Löw mit Watutinki nicht einverstanden gewesen zu sein. In Sotchi hätte er sich viel wohler gefühlt, und das ließ er die Medien auch wissen, indem er sich dort gelegentlich beim Joggen filmen und lässig an Laternenmasten gelehnt fotografieren ließ.

„Und alle Leute soll’n seh’n,
wenn wir bei der Laterne steh’n,
wie einst …“

Joachim Löw, eine Diva? Nun, wir sind doch alle Profis, oder? Auch wenn Watutinki eine missratene Auswahl gewesen sein mag, kann man von einem Bundestrainer, der sich die Wiederholung des Erfolgs von 2014 auf die Fahne geschrieben hatte (oder dem er dorthin geschrieben wurde), erwarten, dass er sich professionell verhält und alles diesem Ziel unterordnet, auch seine persönliche Verstimmung. Nicht der Weg, sondern das Ziel ist das Ziel, nicht wahr? Die Laternenbilder waren als Sahnehäubchen jedenfalls völlig überflüssig, aber Löw scheint sie gebraucht zu haben. Für sein Ego? Das wäre zumindest unsportlich. Doch lasst uns daran glauben, dass der Fisch diesmal nicht vom Kopfe stinkt.

Balken 4Leserbriefe

Peter Bläsing aus Bonn:

„Dem Verdikt des Herrn Oberst aus dem fernen Albuquerque über Löw ist nichts hinzuzufügen, nur völlige Zustimmung. Doch wie soll das nun weiter gehen mit dem Löw? Sein Schicksal wird jetzt immer mit dem von Angela Merkel verglichen: Die Prädikate „mächtigste Frau der Welt“ und “ Weltmeistertrainer “ haben nach der letzten Wahl und dem letzten WM-Turnier nicht verhindern können, dass beide gefragt werden mussten, ob sie denn etwa weitermachen wollten, und beide haben wenig überzeugend „Ja“ gesagt. Mir kommt aber noch ein anderer Vergleich zu Löw. Er hat vor dem Abflug nach Moskau gesagt: „Wir fahren nach Russland, um wieder Weltmeister zu werden!“ Das erinnert mich an Martin Schulz, der auf Wahlveranstaltungen 2017 immer ausrief: „Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden!“ Schulz blieb dann bei 20% hängen, Löw in der Vorrunde. Schulz durfte danach nicht einmal Außenminister werden. Darf Löw Bundestrainer bleiben? Leider ja, denn beim DFB gibt es keine Frau Nahles, die ihm das verbietet. Schulz ist in der Versenkung verschwunden, bei Merkel werden wir wohl noch auf den Bruch der Koalition, bei Löw auf das Ausscheiden bei der EM 2020 warten müssen.“

Timo Görres aus Chemnitz:

„Joachim Löw bleibt nun also Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft. Leider ist dies die falsche Entscheidung.
Mir fehlt schlichtweg die Phantasie, wie unter einem Bundestrainer Löw der zwingend erforderliche radikale Umbruch innerhalb des Nationalteams erfolgen soll. Ein solcher ist nämlich unbedingt vonnöten. Stattdessen dürfte Löw hinsichtlich seiner Kaderplanung wohl wie bisher auf einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess setzen. Die alternden Weltmeister von 2014 – Boateng und Khedira, Hummels und Özil, Müller und Neuer – dürfen sich also auch weiterhin auf ihre Nominierungen freuen. Zugleich wird sicherlich der ein oder andere neue, junge Spieler ins Team stoßen. Das wäre dann aber kein Umbruch, sondern lediglich ein Evolutionsprozess. Und mit einem solchen haben bereits andere große Fußballnationen ihre schlechten Erfahrungen gemacht, beispielsweise Spanien. Seit dem EM-Titel 2012 ging es für die „Furia Roja“ kontinuierlich bergab – man hatte es nach dem Europameisterschaftstriumph schlichtweg nicht verstanden, die alte erfolgreiche Generation, die schon 2008 und 2010 siegreich war, radikal durch neue hungrige Spieler zu ersetzen. Stattdessen wurde an den etablierten Akteuren weiter festgehalten, sodass bis einschließlich der WM in Russland immer noch Männer wie Iniesta oder Busquets mit von der Partie waren, obwohl diese ihren Zenit inzwischen deutlich überschritten haben. Da nützte es auch nichts, im Laufe der Jahre nach und nach neue Spieler in die Mannschaft zu integrieren, da das Konstrukt und die Hierarchie innerhalb des Teams eben immer noch von den Alten ganz wesentlich geprägt wurde. Ein weiteres verheerendes Beispiel einer großen Fußballnation, die auf Evolution statt Umbruch setzte, stellt Italien dar. Das ewige Festhalten an etablierten Kräften aus der WM-2006-Ära führte im Endeffekt zu dem bekannten Ende.
Joachim Löw wird seine Weltmeister nicht aussortieren, was zwingend erforderlich wäre, da außer Mario Gomez wohl niemand freiwillig den Hut nehmen wird. Maximal kann es sein, dass Sami Khedira als Bauernopfer herhalten darf. In gewisser Weise kann man den Bundestrainer sogar verstehen: Er fühlt sich seinen alten Spielern, mit denen er so erfolgreich war, verpflichtet. Zudem ist er natürlich emotional an sie gebunden. Aber so kann natürlich kein Umbruch erfolgen. Darum ist Löw ab nun der falsche Mann für den Bundestrainer-Posten.
Noch etwas zu all denen, die argumentieren, Löw müsse bleiben, da er ja mit der Nationalmannschaft so viele Erfolge vorzuweisen hat, so gute Platzierungen bei all den Welt- und Europameisterschaften erreichen konnte. Ich halte fest, dass wir hier von früheren Ereignissen sprechen, die schon einige Zeit zurückliegen. Wir sprechen von der Vergangenheit! Auch der WM-Titel liegt inzwischen schon vier Jahre zurück. Das ist eine lange Zeit. Und das Halbfinale bei der EM 2016 kann nun wirklich nicht als Erfolg verbucht werden, sondern stellte, wenn man ehrlich ist, bereits eine Enttäuschung dar. Seit dem Sieg 2014 geht es mit der Nationalmannschaft geradewegs abwärts – und nicht erst seit dem Fiasko bei der WM in Russland.
Schade. Es wird nun an Joachim Löw festgehalten und damit auf den nötigen Umbruch verzichtet. Die beiden nächsten großen Turniere kann man damit im Grunde genommen schon abhaken. Den Titel wird die deutsche Fußballnationalmannschaft weder bei der EM 2020 noch bei der WM 2022 holen – sofern man sich überhaupt qualifiziert. Man hat es verrissen – bereits jetzt.“

6 Kommentare

  1. hans sagt:

    Zu dem Leserbrief von Herr Oberst muss man nicht mehr viel hinzu fügen. Er hat absolut recht und die Hoffnung das Herr Löw sich oder wen auch immer neu erfindet ist eine Ilusion.

  2. Jürgen Malyssek sagt:

    Wenn man nicht den richtigen Zeitpunkt des Aufhören erkennt, muss man die Folgen leider ertragen. Der notwendige Rücktritt Löws hat nichts mit dem Ignorieren seiner Verdienste zu tun. Aber die WM in Russland hat den Schlusspunkt seiner Karriere als Bundestrainer gesetzt. Zumal er dieses Mal eine Menge großer Fehler gemacht hat: Spielweise der Mannschaft, Kaderfestlegung, Özil & Gündogan-Affäre, öffentliche Darstellung, Verdrängungskünstler …
    Stimmt, da ist nix mit sich neu erfinden.
    Den Rest erledigen im Laufe des Kommenden die Medien, die ständigen Beobachter und die Fußballfans.

  3. Anna Hartl sagt:

    @ Bronski
    Schön gesagt „manchmal auch erst wesentlich später“. Die Fussballversteher sind dagegen langweilig. Wenn ich empört auf ein vermeintliches Abseits reagiere, haben diese immer weitschweifige Erklärungen parat und kapiert hab ich es trotzdem nicht.
    Der Fussball eignet sich nur so gut zum rumschreien. Wo kann man das sonst.
    Ich kann mir vorstellen, dass Jogi Löw jetzt noch eine Übergangslösung ist bis sich ein besserer findet. Wann ist Jürgen Klopp frei?
    Vielleicht halte ich aber auch die Verantwortlichen für klüger als sie sind.

  4. Immer wenn ich Analogien lese, frage ich mich, ob nicht ein Kategorienfehler vorliegt (wohl zu viel Gilbert Ryle gelesen). Bei Herrn Löw und Frau Merkel liegt sicher einer vor.
    Die Einflussnahme einer Bundeskanzlerin auf die politischen Entscheidungen ihrer Minister und sonstigen Mitarbeiter ist erheblich grösser als die Einflussnahme des Bundestrainers auf das Verhalten der Spieler auf dem Platz.
    Wenn ein Spieler den Ball nicht an einen besser stehenden Kollegen abgibt, sondern selber neben das Tor schießt, wo ist da der Einfluss des Bundestrainers?
    Was macht so ein Bundestrainer eigentlich 35 Stunden pro Woche? Fußballschauen zwischen den Werbeaufnahmen?
    Es ist wissenschaftlich belegt, dass ca. 40% aller Tore ungeplant fallen. Bei dieser WM fallen, wie ich gelesen habe, die Tore hauptsächlich nach Freistößen und Eckbällen. Wie sorgt der Bundestrainer für Freistöße und Eckbälle? Die erhält man doch nur durch Mithilfe der Gegner. Wie beeinflusst der Bundestrainer das Verhalten der Gegner. Durch seine Mimik oder durch die Wahl des Pullovers?
    Es ist ein bei Fussballfreunden weit verbreiterter Mythos, dass ein Trainerwechsel die Erfolgsaussichten einer Mannschaft erhöht. Auch dies ist wissenschaftlich längst widerlegt.
    Eigentlich ist es also vollkommen egal, wer Bundestrainer ist oder es überhaupt einen gibt. Kann das nicht ein Vereinstrainer so nebenbei (und kostengünstig!) miterledigen? Die Mannschaft aufstellen, können, nach eigener Einschätzung mindestens 40 Millionen Deutsche ohnehin besser.

  5. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Henning Flessner

    So schlicht und einfach ist es auch nicht, auch nicht der Fußball. Denn dann bewegen wir uns einem Niveau, wie die Omma immer fragte: „Warum laufen die elf Männer eigentlich alle einem Ball hinterher? Es wäre doch einfacher, jeder bekäme seinen eigenen Ball.“

  6. Brigitte Ernst sagt:

    Es gab mal einen Fußballsong (den ich leider nirgends mehr finde), in dem die Vorzüge verschiedener Nationalmannschaften einander gegenübergestellt wurden. Er endete mit der Zeile:
    „Und unser Trainer hat die schönste Frisur“.
    Das ist wahrscheinlich das Geheimnis von Löws Unverzichtbarkeit.

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