De Maizières Leitkultur-Herumhuberei

Was für eine Aufregung schon wieder! Dabei hat Innenminister Thomas de Maizière es doch gar nicht böse gemeint, als er glaubte, den Deutschen nahebringen zu müssen, dass sie eine Leidkultur brauchen. Nichts anderes hatte er mit seiner jüngsten Offensive vor, und dieses Vorhaben ist aller Ehren und Unterstützung wert! Die Besinnung darauf, was die eigene Kultur von anderen unterscheidet, hat schon immer Frieden, Freundschaft und Geschwisterlichkeit gefördert, zu allen Zeiten.

Moment. Gar nicht wahr! Eigentlich ist sogar das Gegenteil wahr. Was De Maizière bezweckt, ist ja, dass er nicht den Deutschen, sondern den deutschen Muslimen eine Art Leidfaden an die Hand zu geben versucht, indem er sagt: Bei uns läuft das so und so, und wenn Du dabei nicht mitmachst, bist Du Scheiße. Verstehe. So löst man Probleme. So funktioniert Toleranz! Da drängt sich mir doch die Frage auf: Wozu brauchen wir einen solchen Leidfaden für unsere Muslime, wenn es schon das Grundgesetz gibt? Darin steht eigentlich alles, was das Leben in diesem Land verbindlich regelt. Wer sich nicht an die Gesetze dieses Land hält, wird bestraft, weggesperrt oder abgeschoben. Auch ohne Leidkultur. Und? Wozu noch mehr? Weil die, die dieser Leidkultur anhängen und applaudieren, wohl doch irgendwie besser sind als die, die zum Beispiel finden, dass sie nicht jederman die Hand geben wollen, weil sie sich dabei die Grippe einfangen könnten? Nimm die Touristen aus Ostasien, wie sie in Frankfurt in durchaus nennenswerten Zahlen aufschlagen. Darunter sind dauernd welche, die medizinischen Mundschutz tragen, weil sie glauben, das ist für irgendwas gut. Die sind nicht Burka, aber Leidkultur sind sie auch nicht. Na gut, wollen sie auch gar nicht sein; vermutlich sind die meisten von ihnen froh, wenn sie nach ein paar Tagen in ihren Flieger steigen und diesem leitgeprüften Land wieder entfleuchen können.

Hier in Deutschland läuft das eben traditionell so, dass einer sagt, wo es langgeht, und alle folgen. Ein Leiter. Das ist Leidkultur. Wir Deutschen brauchen das. Nur so war es uns möglich, viel Leid über andere Völker zu bringen, und zwar durchaus zu unserem eigenen folgenden Leid. Das ist jetzt natürlich historisch betrachtet gewesen. Braucht man eigentlich nicht, diese historische Dimension. Sonst liefe man Gefahr, eventuell was draus zu lernen. Wer will das schon? Also her mit der Leidkultur! Wir können das!

Bezug: FR-Titel „Fischen am rechten Rand“ und „Phantom Leitkultur„, FR-Meinung

fr-balkenLeserbriefe

Werner Fröhlich aus Altenstadt:

„Längst war ich das unselige Gefasel über die sogenannte Leitkultur leid. Nun haut Thomas de Maizière noch mal kräftig in die abgedroschene Kerbe. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ war eine Parole vor dem ersten Weltkrieg. Der Erfolg war durchschlagend. Anstatt die Allgemeinplätze und oberschulmeisterhaften Ergüsse des Innenministers im Einzelnen mit eigenen kritischen Anmerkungen zu bewerten, verweise ich auf den Kommentar von Stefan Hebel in der heutigen F.R., den ich Wort für Wort unterschreibe.
Wohl dem Land, in dem kritische Journalisten nicht eingesperrt werden, wenn sie ihre Regierung kritisieren! Und gut, dass es Zeitungen gibt, in denen Journalisten zu Wort kommen, die im beginnenden Wahlkampf die Orientierung behalten!“

Uwe Thoms aus Frankfurt:

„Ich frage mich, was Stephan Hebel mit diesem Leitartikel erreichen will: Einen Weg zum friedlichen Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen? Bleiben wir bei dem Islam. Wissen Sie, Herr Hebel, dass nach wie vor seit der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam die Scharia im Konfliktfällen über allen Menschenrechten, also auch über unserem Grundgesetz, damit den Grundrechten, Geltung hat? Wissen Sie auch, dass es Imame gibt, die in den Moscheen nach dem Freitagsgebet die Besucher entlassen mit dem Gebot des Koran (3. Sure, Vers 119 ff.):„ O, Gläubige! Schließt keine Freundschaft mit denen, die nicht zu eurer Religion gehören. Sie wünschen nur euer Verderben?“ Können Sie sich vorstellen, dass es sehr viele Muslime gibt, die Kopftuch und Burka, damit auch das Frauenbild des Islam ablehnen, und sich klar und unmissverständlich mit unserer Kultur identifizieren? Mit wem haben wir es also zu tun? Dies ist zweifelsfrei der Teil der Religion des Islam, der sich integrations- und demokratiefeindlich zeigt und agiert und von außen unterstützt wird. Wie soll man dagegen verstehen, wenn schon Sie, Herr Hebel, der Meinung sind, man müsse zu einem Gerichtsurteil (Teilnahme am Schwimmunterricht), das sich auf ein geltendes Gesetz gründet, einen Kompromiss finden? Das könnte als Missachtung der Rechtsstaatlichkeit angesehen werden. Dann brauchen wir keine Urteile, kein Gesetz in Deutschland, vor allen Dingen kein Burka-Gesetz (Unsinn!). Wie soll denn ein friedliches Zusammenleben funktionieren, wenn eine Kultur, welche Form des Islam auch immer, es nicht schafft, ein ganz wesentliches Zeichen unserer freien, offenen und modernen Kultur, nämlich „Gesicht zeigen“, einfach einmal freiwillig zu übernehmen. Wir müssen schon mit dem Kopftuch leben, obwohl wahrscheinlich kaum jemand weiß, wie dieser Verschleierungswahn einmal entstanden ist. Es lohnt sich, einmal die medinensischen Suren zu lesen. Ich hoffe nur, dass wir nicht eines Tages vor einem Zustand unserer Gesellschaft stehen und sagen müssen, wir haben schon wieder einmal nicht aufgepasst.“

Peter Myrdal aus Borrego Springs (USA):

„Hallo Herr Hebel, nach dem lesen Ihres Textes bin ich so informiert wie vorher. Gehört Händeschütteln zur Leitkultur oder nicht? Und warum gehen Sie in die DDR (dort wurde bekanntlich auch der Bruderkuss praktiziert) und nicht zu unserem groen „Vorbild “ USA? Amerikanische Hilfs-Warenlieferungen in die sog. dritte Welt werden regelmäßig mit den gekreuzten schwarz-weißen Händen bedruckt mit US Sternen. Ist das jetzt ein Symbol der US-amerikanischen westlichen Leitkultur, zu der wir doch so gerne gehören wollen? Wir machen doch sonst alles nach was von den USA kommt. Fragen über Fragen, die Sie vielleicht beantworten könnten.“

Henning Möller aus Freinsheim:

„Für diesen Unsinn kann man den Innenminister gar nicht genug abwatschen. Wer einen Überblick über die Schlechtleistung von Thomas de Maizière erhalten möchte, dem sei ein Auftritt von Urban Priol empfohlen. Der kann sich fast einen ganzen Abend über „Drohnen-Tommy “?auslassen.
Viel bemerkenswerter finde ich aber, dass niemand, auch nicht der von mir geschätzte Stefan Hebel?, Bundeskanzlerin Angela Merkel für diesen völkischen Unfug kritisiert. Als Regierungs- und CDU-Chefin war sie sicher mehr als informiert über de Maizières‘ Thesen.
Für die „deutsche Leitkultur“ musste einst ein Fuldaer MdB zur AfD „flüchten“. Heute kommt das quasi amtlich aus dem Bundeskabinett.“

Rainer-W. Hoffmann aus Göttingen:

„Als exponierter Teil des Wir „ist“ der Herr Innenminister „nicht Burka“ – zugegeben. Aber er „ist“ auch nicht „Maßanzug“ und „Krawatte“. Er ist vielmehr ein Sprachsaboteur, der sich im Kiez-oder auch Slum-Deutsch an eben jener Leitkultur vergeht, die zu schützen er vorgibt. Was „wir“ unseren Neu-Bürgern und Neu-Bürgerinnen zu vermitteln versuchen, sollte ein Bundesminister beherrschen und respektieren: einwandfreies Deutsch auf gehobenem Niveau.“

Sigurd Schmidt aus Bad Homburg:

„Der Versuch von Innenminister Thomas de Maizière, den Begriff „Deutsche Leitkultur“ mit neu formulierten Inhalten zu formulieren, zeugt von einer erschreckenden Blauäugigkeit dieses ansonsten ja keineswegs unbeholfen agierenden Ministers. Zunächst darf man fragen, ob die Thematik einer „Deutschen Leitkultur“ überhaupt Gegenstand des Innenministeriums als Ressort der Bundesregierung sein kann?
Am Begriff der „Deutschen Leitkultur“ haben sich schon mannigfach Philosophen und Soziologen oder auch Psychologen , wie etwa Prof. Julian Nida-Rümelin, Maximilians-Universität München, abgearbeitet. Das Ergebnis universitärer Diligenz ist, dass dieser Begriff sich nicht zur politischen Instrumentalisierung eignet. Überhaupt lässt sich der Prozeß gelingender Integration in die bundesdeutsche Gesellschaft nicht mechanistisch mit einem Kanon von „Kopfnoten“ umschreiben, wie sie früher in Schulzeugnissen üblich waren… also Ordnung, Fleiß, Aufmerksamkeit, Pünktlichkeit und dergleichen. Deutschland hat – etwa im Gegensatz zu Frankreich – bei der bedeutsamen Zuwanderung nach Deutschland ab dem Beginn der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, durchaus ein erfolgreiches Modell der Anpassung an die deutschen Lebensverhältnisse und die hiesige Mentalität seitens der Zuwanderer aus fremden Kulturen praktiziert. Entscheidend war der Wille der Zuwanderer, sich erfolgreich in die deutsche Arbeitsgesellschaft zu integrieren und ein vernünftiges Deutsch zu sprechen. Was De Maizière jetzt versucht, bezeichnet man auf gut Bayerisch als „Herumhuberei“. Es hat wohl

3 Kommentare

  1. Peter Boettel sagt:

    IM de Maizière glaubt, sich zu allen Themen, insbesondere aber in Richtung zu mehr Polizeistaat, Überwachung der BürgerInnen, Deutschtum u.dergl. äußern zu müssen, aber wenn es um Anschläge von Rechten gegenüber Asylbewerbern oder gegenüber Passanten wie inMünchen geht, schweigt er.

  2. Deutscher Michel sagt:

    De Maizière und nicht nur dieser – hat sich auch nicht zu dem Mord am 29. April an den afghanischen Farimah S. in Prien am Chiemsee geäußert.
    Wäre diese Tat von einem Mann in Springerstiefeln begangen worden, wäre darüber bestimmt überregional berichtet und wahrscheinlich der Bundesstaatsanwalt eingeschaltet worden.

  3. Bertram Münzer sagt:

    Handschlag. Sicherheitsrisiko: Ansteckungsgefahr!
    Ich war vor einigen Monaten für ein paar Tage im Krankenhaus. Überall Hinweise: Zur Begrüßung genügt ein Lächeln. Und bitte: Desinfizieren Sie Ihre Hände. An jeder Tür hing ein Spender mit entsprechenden Reinigungsmitteln. Und nun soll der Handschlag zur Leitkultur gehören. Sicherheitsrisiko: Ansteckungsfahr! Leitkultur wird so schnell zur Leidkultur. Aber Grippe, Schnupfen, Husten und Heiserkeit gehören ja irgendwie auch zu unserem Land. Scherz beiseite. Wir haben das Grundgesetz. Es gilt verbindlich für alle, die in unserem Land leben. Gleiches gilt für die Gesetze dieses Landes und seiner Bundesländer. Unsere Sprache ist Deutsch. Und schon aus praktischen Gründen sollte, wer hier lebt, auch unsere Sprache sprechen, lesen und schreiben können. Wenn Herr de Maiziere gegen die Burka wettert und die Religion (ich gehe davon aus, er meint die christliche) zum Kitt der Gesellschaft erklärt, den Leistungsgedanken, die Konsensorientierung, einen aufgeklärten Patriotismus auflistet, grenzt er ein und gleichzeitig aus. Was ist dann der derjenige – und es muss ja kein Ausländer sein – der sich daran nicht halten mag? Kein Deutscher im Sinne der de Maizierschen Leitkultur? Nein: Offen, tolerant, wissbegierig, freundlich, reiselustig, Westfale, Bayer, Sachse, Holsteiner, Hesse, Katholik, Protestant, Muslim, Hindu, Atheist … das – und noch viel, viel mehr – ist man in unserem Land. Das ist deutsche Vielfalt. Und wir sollten uns nicht verleiten lassen, sie einer 10-Thesen-Leitkultur zu opfern.

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