Luthers Rassismus

Das Luther-Jahr neigt sich seinem Ende entgegen. So recht gezündet hat das Thema nach meiner Wahrnehmung nicht. Obwohl es reichlich Gesprächsstoff bot, kamen nur wenige Leserbriefe zum Thema, abgesehen vom Start des Jahres. Eine Ausstellung in Dorsten beschäftigt sich bis zum 24. September mit Luthers Antisemitismus und Antijudaismus. Die FR brachte darüber eine Meldung (online nicht erhältlich), auf die der Siegfried Virgils, Pfarrer im Ruhestand und Synodalbeauftragter der Christen und Juden des Evangelischen Kirchenkreises Bonn aus Much mit einem langen Leserbrief reagierte. Wie es bei uns mittlerweile Usus ist, habe ich einen Auszug daraus im Print-Leserforum gebracht und veröffentliche die Zuschrift in voller Länge hier im FR-Blog als Gastbeitrag.

Luthers Rassismus

Von Siegfried Virgils

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Zu der kna Nachricht über die Ausstellung in Dorsten möchte ich folgende Anmerkungen machen:

1. Luthers Judenhass ist nicht Luthers Judenhass, sondern die Grundlage christlicher Theologie und Predigt seit ihren Anfängen im 2. Jhd. Als er 1543 sein antisemitisches Pamphlet „Von den Jüden und ihren Lügen“ schreibt, fasst er zusammen, was Theologie seit Jahrhunderten lehrt und der Volksglaube meist ungestraft ausführte (z.B. Synagogen anzünden, Judengassen plündern ). Es handelt sich hier nicht um eine Sondermeinung des Reformators, auch nicht um die bedauerliche Entgleisung des enttäuschten alten Luther darüber, dass sich die jüdischen Gemeinden nicht in Scharen seiner Reformation angeschlossen haben und konvertiert sind. 20 Jahre zuvor hatte er in seinem Aufsatz „Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“ noch gefordert, man solle die Juden freundlich behandeln und ihnen den Zugang zu allen Berufen ermöglichen. Wäre er – Luther – so wie die Juden von den „Papisten“ und der ganzen verrotteten Kirche behandelt worden, dann wäre er lieber eine Sau geworden, als sich zum Christentum zu bekehren. Wenn er nun freundlich mit ihnen reden würde, dann ließen sich gewiss „etliche“ taufen; was jedoch nicht geschehen ist. Von einem „anfänglichen Eintreten gegen die Diskriminierung der Juden“, das sich „später in unversöhnlichen Hass“ verwandelt habe, wie es in der kna-Nachricht heißt, kann keine Rede sein. Luther hat als junger Mann zeitweilig die freundlichere Methode, die Juden „wegzuschaffen“, vertreten: sie mit überzeugenden Worten zur freiwilligen Taufe zu bewegen! So oder so ist aber sein Ziel und war das Ziel christlicher Theologie von den Anfängen bis über die Shoah hinaus (und zum Teil bis heute), die Juden als „das von Gott verworfene Volk“ zu beseitigen, sei es durch Vertreibung und Ermordung, durch Zwangstaufen oder Zwangsarbeit und Zerstörung ihrer Synagogen und Vernichtung ihrer Schriften oder durch freundliche Werbung zur freiwilligen Taufe.

2. Die Unterscheidung von Antijudaismus und Antisemitismus ist eine Schutzbehauptung. Nur in theologischen und innerkirchlichen Diskussionen wird sie am Leben erhalten, vermutlich, weil die Erkenntnis, dass christliche Theologie im Kern antijüdisch ist und der Nährboden war, auf dem der moderne Antisemitismus wuchern konnte, sonst nicht auszuhalten wäre. Auch die Behauptung, Luthers Antijudaismus sei nicht rassistisch motiviert, entbehrt der Grundlage. Zwar sind die Begriffe Rassismus und Antisemitismus erst im 19. Jahrhundert zum ersten Mal verwendet worden. Der Sache nach ist christliche Theologie schon lange vorher sowohl antisemitisch als auch rassistisch. Im Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestages 2017 heißt es, dass die „älteste Form der Judenfeindschaft (…) der religiöse Antisemitismus (sei) (s. S.25f). Ende des 15. Jhd werden in Spanien Juden und konvertierte Juden aus dem Staatsdienst entlassen, weil sie kein „reines (christliches) Blut“ hätten – limpieza de sangre. Der Humanist Erasmus von Rotterdam schreibt 1517 über den zum Christentum übergetretenen Joseph/ Johannes Pfefferkorn, dieser zeige sich immer noch als „echter Jude und erweise sich seiner Rasse würdig“. Mit „entfesseltem Hass gehe er gegen so viele ehrenwerte und hervorragende Menschen vor, wie seine Vorfahren gegen den einzigen Christus vorgegangen seien“. Rassistisch ist auch Luthers Behauptung, schon durch den sozialen Kontakt würden Juden die Christen mit ihrem Unglauben „anstecken“ und vom Glauben abbringen. Luther ist ebenfalls sicher, dass auch ein konvertierte Juden immer noch „Jude“ sei. Das alles sind Elemente des modernen rassistischen Antisemitismus, lange bevor die Begriffe dazu gefunden worden waren.

Ein Kommentar

  1. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Es war zu befürchten, dass auch im Jahr des Reformationsjubiläums zwei Aspekte von Luthers Theologie beim offiziellen Gedenken in den Hintergrund gedrängt würden: Zum einen der theologische Antijudaismus der Kirche, der – wie Siegfried Virgils richtigstellt – immer ein Antisemitismus war, und zum andern das Verhältnis von Schöpferglaube („wie im Himmel so auf Erden“) und der Unterordnung des Menschen unter die weltliche Herrschaft (Zwei-Reiche-Lehre).

    Zum Antijudaismus / Antisemitismus gehört auch die Auseinandersetzung um den evangelischen Theologen Notger Slenczka, auf die Dirk Pilz in seinem Beitrag „Der Bibelstreit“ aufmerksam machte (FR vom 11.08.2017). Hierbei geht es um die Frage, welcher Stellenwert dem Alten Testament in der christlichen Theologie zukommt. Im so genannten Kanon der „heiligen“ Schriften sind Altes und Neues Testament gleichrangig; lediglich über Wichtigkeit und Verbindlichkeit der alttestamentlichen Apokryphen (z.B. Judith, Buch der Weisheit, Makkabäer) gibt es unterschiedliche Einschätzungen zwischen Katholiken und Protestanten.

    Der theologische Kern des Alten Testaments, also Tenach/Tanach (Tora, Nebiim, Ketubim), umfasst die gleichnishaften Erzählungen von der Erschaffung der Welt, der Auswahl des Volkes Israel aus den anderen Völkern durch den geglaubten Gott, dem verheißenen Land Kanaan („wo Milch und Honig fließen“, das jedoch erobert werden musste), dem einen und einzigen Gott (der im Verlauf von ca. 700 Jahren unterschiedliche Namen erhält: Elohim, Jahwe/JHWH, Ich bin der Ich bin da) und der Errichtung des endgültigen Gottesstaats durch den „Gesalbten“ (Messias), den weltlichen und geistlichen Befreier.

    Der jüdische Wanderprediger Jesus zitiert in den ihm zugeordneten Äußerungen (denn er hat nichts Schriftliches hinterlassen) regelmäßig Stellen aus Tora, den Propheten (Nebiim) und den Geschichtsbüchern (Ketubim). Diese Zeugnisse, enthalten in den Evangelien des Markus, Matthäus und Lukas, der so genannten Synoptiker, sind erst 30 bis 40 Jahre nach seinem Tod entstanden. Einer heilsgeschichtlichen Betrachtung zufolge ist der Jude Jesus quasi der Prophet für die ganze Welt, der das verheißene Königtum Gottes an die (bislang ungläubigen) Völker, die Gojim, weitergibt.

    Wäre da nicht der Evangelist Johannes gewesen, dessen Vorstellungen von Gott, von der Welt der Menschen und von Blutopfer und Opfertod sich aus altgriechischen Vorstellungen speisen. Und wäre da nicht Paulus gewesen, dessen erste Schriften (1. Brief an die Thessalonicher, Brief an die Galater) zehn Jahre älter sind als die der synoptischen Evangelisten und der eine radikale Wende einleitete. Denn die ersten Christengemeinden setzten sich aus Juden zusammen, welche die Ankunft des Messias unmittelbar erwarteten bzw. für die der auferstanden geglaubte Jesus dieser Messias war. Nach ihrem Verständnis musste man zunächst Jude sein, bevor man sich zu Jesus bekannte. Für Paulus aber war mit dem Erscheinen Jesu eine neue Qualität eingetreten, die Überzeugungen des Judentums (die später als reine Gesetzesreligion diskriminiert wurden) waren nicht mehr die Voraussetzungen für das neue Bekenntnis. Dadurch war faktisch der Antijudaismus/Antisemitismus geboren.

    Notger Slenczka sieht diese Brüche, aber er stellt vor allem die Verbindlichkeit des Alten Testaments für Christen infrage und leistet zumindest indirekt einem im wissenschaftlichen Gewand daherkommenden Antijudaismus/Antisemitismus Vorschub. Seine häufig ungeschickt und undifferenziert vorgetragenen Fragen haben Proteste seiner Kollegenschaft nicht nur an der Berliner Humboldt Universität hervorgerufen.

    Die offizielle evangelische Kirche hätte diesen Streit im Jubiläumsjahr zum Anlass nehmen sollen, dem „Wesen des Christentums“ (so der Titel einer Veröffentlichung des Theologen Adolf von Harnack, 1900 erschienen) auf die Spur zu kommen. Hat Paulus, der Gründungsvater des neuen Glaubens, das Judentums falsch verstanden? Wurde im Frühkatholismus des 3. Jahrhunderts die Auseinandersetzung um Jesus (wahrer Gott oder wahrer Mensch?) bewusst nicht zu Ende geführt, um den Gegensatz zum Judentum zu schnell und mit allen negativen Folgen festzuschreiben? Martin Luther hat diese Fragen nicht gestellt, sondern Paulus‘ Vorstellungen vom gerechten Gott, der dem Menschen aus Gnade und ohne auf die Erfüllung der Gesetze zu pochen zugetan ist, vom historischen Kontext getrennt. Vielmehr wollte er die Juden vom Judentum „befreien“ und sie zu Christen machen.

    Die genuine Fortschreibung der Glaubenszeugnisse des Alten Testaments könnte aus der Quintessenz bestehen, die der jüdischstämmige Sozialpsychologe Erich Fromm zog: „Ihr werdet sein wie Gott“ (Titel seines Buchs von 1966). Die religiöse Heilsgeschichte wäre dann wieder in der säkularen Welt angekommen, aus der sie ursprünglich hervorgegangen ist. Und sie könnte dazu beitragen, angesichts der immer vielfältigeren Herausforderungen durch soziale Verwerfungen und naturwissenschaftliche Erkenntnis eine Ethik zu entwerfen, der man auch ohne religiöses Bekenntnis zustimmen könnte. Denn der Mensch gestaltet seine Welt und erschafft seine Götter – entweder als „goldenes Kalb“ oder als Grundlage von Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit.

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