Erdogans Unterstützer

ÖzilDies ist der Stein des Anstoßes: Der türkischstämmige deutsche Fußball-Nationalspieler Mesut Özil posiert mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan bei einer Trikotübergabe. Dasselbe Motiv gibt es auch noch mit dem ebenfalls türkischstämmigen und ebenfalls deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan. Die beiden Sportler sind mit vollem Schwung in den für sie hingestellten PR-Fettnapf gesprungen – Fettnäpfchen kann man das nicht nennen – und haben sich vom Politfuchs Erdogan für seinen Wahlkampf einspannen lassen. Der Fall schlug hohe Wellen, die beiden Sportler traten sogar zu einem „Demutsbesuch“ bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an. Offenbar haben sie sich tatsächlich ganz einfach nichts dabei gedacht, als sie mit Erdogan abgelichtet wurden. Du schlagen wohl zwei Herzen in ihren Brüsten, ein türkisches und ein deutsches.

Man kann und soll von Fußballern nicht erwarten, dass sie außerhalb des Spielfelds kluge Dinge tun und/oder sagen. Für ihre fußballerischen Gaben werden sie bezahlt (und das nicht zu knapp), und diese Gaben versetzen sie in die Lage, die Menschen und ihre Fans zu begeistern. Sie haben etwas aus ihrem Talent machen können. Das macht sie zu Vorbildern. Das ist durchaus positiv gemeint. Zugleich ist dies der Punkt, an dem auch Mesut Özil und Ilkay Gündogan hätten anfangen müssen, über ihre Verantwortung nachzudenken, denn sie sind natürlich auch Vorbilder für andere Deutschtürken. Die sind gerade in der stattlichen Zahl von 1,4 Mio. Wahlberechtigten dazu aufgerufen, ein neues türkisches Parlament und den Staatspräsidenten zu wählen. Die Wählerstimmen aus Deutschland sind wichtig für Erdogan, der die Türkei Richtung Autokratie führt.

Mesut Özil und Ilkay Gündogan, aufgewachsen in einem freien, demokratischen Land, haben mit ihrem Posing einem autoritären, totalitären Staatskonzept Wahlkampfhilfe geleistet. Vielleicht haben sie das nicht verstanden. Vielleicht haben sie ganz einfach nicht darüber nachgedacht. Eine große Dummheit war es auf jeden Fall, die Ilkay Gündogan dann auch ein Pfeifkonzert eingetragen hat. Diese Lektion wird er hoffentlich gelernt haben. Darüber hinaus gibt es aber noch eine Konsequenz, die die beiden ziehen können. Sie sind Fußballer, keine Politiker, nun gut. Aber sie habe ihre Berater. Wenn die ihnen nicht von dem Termin mit Erdogan abgeraten haben, gehören sie ausgetauscht. Sollten sie aber gesagt haben: Ilkay, Mesut – das mit dem Erdogan lassen wir lieber!, und sollten die Fußballer diesen Rat missachtet haben, dann sollten sie gewarnt sein.

Balken 4Leserbriefe

Anna Hartl aus Frankfurt:

„Was mir durch den Kopf zieht zur Sache Trikotübergabe an Erdogan ist die Frage, ob Özil und Gündogan auch für „ihren verehrten Präsidenten“ auf dem Platz stehen, wenn sie für die deutsche Nationalelf spielen?
Es wäre im Sinne von Erdogan der die hier lebenden Deutschtürken immer wieder dazu auffordert, nicht zu vergessen, dass sie auch türkisch sind. Özil und Gündogan stehen ja nicht alleine in ihrer Unterstützung (?) für Erdogan. Er hat in Deutschland eine erschreckend hohe Anzahl an Unterstützern.
Ich kann verstehen, dass man sich den Wurzeln seiner Eltern und Grosseltern verbunden fühlt. Frage mich nur, wie weit geht das? Wie kann jemand, der hier aufwächst, dieses Regime unterstützen und Erdogan als verehrten Präsidenten bezeichnen? Ich verstehe es nicht.
Ist es völlig gleichgültig wer und wie jemand in der Türkei an der Macht ist, das ist die 1. oder 2. Heimat und die Unterstützung ist sicher? Leben die Deutschtürken „nur“ hier und betrachten die Türkei als ihre Heimat?
Es gibt den schönen Satz: Niemand kann zwei Herren gleichzeitig dienen. Wie lebt es sich damit weder Fisch noch Fleisch zu sein? Oder ist es eine Illusion zu glauben, dass die hier lebenden Erdogan Unterstützer sich noch als Deutsche begreifen, bzw. sich je als solche gesehen haben? Sie leben hier, besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft und das war es? Kann man in diesem Land so leben? Welchem Teil der Gemeinschaft ist man dann zugehörig? Bildet man eine eigene Gemeinschaft und wo führt das hin?“

Jürgen Hoppe aus Wülfrath:

„Für mich gehören beide Fußballer ausgeschlossen aus der Nationalmannschaft. Dieser Schritt hätte direkt von den Verantwortlichen vollzogen werden müssen. Sie können ja für die Türkei spielen, da Ihr Herz ja für Erdogan schlägt.“

Detlef Klöckner aus Frankfurt:

„Das hat gerade noch gefehlt! In einer Zeit gesellschaftlicher Polarisierung und Erhitzung der internationalen Politik treten zwei Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft in freudiger Allianz mit einem üblen Despoten auf. Und damit treten Özil und Gündogan die antirassistische, multikulturelle, für demokratische Werte werbende Kampagne rund um die Nationalelf mit Füßen.
Damit keine falschen Lesarten entstehen: Weder hält man sich zufällig in der Nähe Erdogans auf, noch hat man zufällig ein Trikot zu verschenken dabei, noch schreibt die eigene Hand zufällig eine devote Widmung an den türkischen Präsidenten. Von daher ist die Aussage Gündogans, man hätte sich im Zweifelsfalle für den Weg der Höflichkeit entschieden, obsolet. Genauso obsolet ist eine Beurteilung seitens des DFB, sie hätten unbedacht gehandelt, nicht gewusst, was sie taten, man müsse ernsthaft mit ihnen reden.
Das sind keine unbedarften Schuljungen. Selbstverständlich war ihnen bewusst, was sie damit auslösen. Dem DFB bleibt im Grunde gar keine andere Wahl, als beide zu Hause zu lassen, will er sich seine Glaubwürdigkeit in der Sache erhalten. Hat es keine spürbaren Konsequenzen, verkommt die Toleranz-, Integrations- und Fairnesspolitik des DFB zur geschwätzigen Folklore.
Schade, was haben wir uns in den letzten Jahren an der Zusammensetzung der Nationalelf erfreut. Wenn jetzt nicht strikt gehandelt wird, so meine Sorge, geht die multikulturelle Vorbildfunktion auch schnell wieder verloren, und die ist in ihrer Wirkung nach innen und besonders im Ausland enorm.
Vielleicht drückt sich in der Aktion der beiden Nationalspieler ja auch ein unbewusster Ambivalenzkonflikt aus, die Angst bei der WM zu versagen. Ein Teil von ihnen hofft, dass man sie aus dem Kader wirft. Dann könnten sie sich darauf herausreden, dass man sie nicht gelassen hat. Den Gefallen sollte man ihnen tun.“

Uwe Thoms aus Frankfurt:

„Der Auftritt von Özil und Gündogan war angesichts der aktuellen politischen Situation ein klassisches No-Go. Es wäre gut gewesen, die beiden hätten sich vorher mit Bundestrainer Löw oder dem DFB-Präsidenten besprochen. Dann wären die aufgetretenen Unzulänglichkeiten der beiden Kicker verborgen geblieben und die Headlines der Medien würden sich um Wichtiges kümmern können.“

Volker Fischer aus Kiel:

„Bei allem Respekt und Verständnis für Ilkay Gündogan und Mesut Özil: Spieler können sich nicht mit einem menschenrechtsverachtenden Despoten medienwirksam der Öffentlichkeit stellen und gleichzeitig als Identifikationsfiguren für Toleranz und Integration dienen.
Von den Jungs aus Gelsenkirchen war es hoffentlich nur naiv, sich gerade jetzt mit dem türkischen Machthaber ablichten zu lassen. Weniger wohlwollende Spekulationen vermuten Kalkül und wirtschaftliche Interessen hinter der Aktion. Das wäre dann wirklich blöd und sollte die Verantwortlichen beim DFB zu pädagogischen Maßnahmen nötigen, um das Image und die Glaubwürdigkeit der „Mannschaft“, die ja für ganz bestimmte gesellschaftliche Werte steht, nicht zu gefährden.
Und auch der DFB müsste jetzt die Gelegenheit nutzen sich auch auf diesem Spielfeld glaubhaft zu profilieren. Die nächsten Weltmeisterschaften in Russland und Katar und vielleicht auch noch in der Türkei böten vielfach die Gelegenheit sich für Menschenrechte und Toleranz deutlich sichtbar einzusetzen. Fußball ist längst nicht mehr unpolitisch.“

Gerhard Rößler aus Frankfurt:

„Selbstverständlich ist niemandem geholfen, wenn kurz vor der WM die beiden türkischstämmigen Spieler aus dem Kader der Nationalmannschaft gekegelt werden. Dies ist nicht sinnvoll.
Doch für wie blöd hält uns der Deutsche Fußball-Bund und Herr Müller, hier von einer angeblich nicht erkannten oder nicht gewollten politischen Aktion zu sprechen. Jeder politisch interessierte Rundschau-Leser weiß, dass ohne die politischen Beziehungen zur Erdogan-Partei in der „Erdokei“ keine ökonomischen Interessen verwirklicht werden können. Dass Gündogan sich für eine beträchtliche Investition in ein Einkaufszentrum in der Türkei interessiert, wirft ein ganz anderes Bild auf diese Angelegenheit. Es ist wenig glaubhaft, dass es sich hierbei nicht um eine gewollte politische Unterstützung für eigene ökonomische Interessen gehandelt hat.
Alles ist grundsätzlich nicht verwerflich und nachzuvollziehen, aber betrachten Sie sich mal die Bilder, wie Gündogan und Özil beim Abspielen der deutschen Nationalhymne „inbrünstig“ mitsingen. Hier wäre eine Gelegenheit zu zeigen, ob man wirklich auch zu seiner nichttürkischen Heimat steht.“

Sigurd Schmidt aus Bad Homburg:

„Die beiden Mitglieder der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben der türkischen „community“ in der Bundesrepublik durch ihren gemeinsamen Auftritt mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan einen unglaublichen Bärendienst erwiesen. Es ist gut, daß der Grünen-Politiker Cem Özdemir unverzüglich scharf reagiert hat. Leider wird die Geschmacklosigkeit von Özil und Gündogan auf das deutsch-türkische Verhältnis generell einen belastenden Einfluß haben. Das können wir in der Bundesrepublik aber derzeit nun gar nicht gebrauchen.“

Alfred Kastner aus Weiden:

„Der gemeinsame Fototermin der deutschen Nationalspieler Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan sorgt für viel Aufregung in der Fußballnation Deutschland.
Viele kritisieren, dass durch diese Aktion die Integrationsbemühungen von Migranten konterkariert würden. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff meinte entschuldigend, die beiden seien sich der Symbolik und Bedeutung dieses Fotos nicht bewusst gewesen. Unterschätzt er mit dieser Aussage nicht die Intelligenz von Özil und Gündogan? Vielleicht möchte er aber einfach nur verhindern, dass diese Affäre zu sehr „hochsterilisiert“ wird. Meines Erachtens sollte man bei Fußballprofis an ihre Fähigkeit zur politischen Diplomatie nicht zu hohe Anforderungen stellen. Im Gegensatz zu Frauen sind Männer grundsätzlich eher nicht multitaskingfähig. Männliche Fußballprofis müssen neben ihrem Sport bereits viel Zeit und Engagement in trendige Gelfrisuren und Tattoos investieren. Ein junger Fußballprofi äußerte einst, er werde „sicher nebenbei studieren, damit er in diesem Geschäft nicht komplett verblöde.“
Vielleicht sollte die Öffentlichkeit daher nicht zu streng mit Fußballprofis umgehen. Özil und Gündogan jedenfalls sollten aufgrund der auf sie niederprasselnden Kritik nicht den „Sand in den Kopf“ stecken. Kurz vor der WM müssen jetzt die „Köpfe hochgekrempelt werden – und die Ärmel auch“. Die gute Nachricht: Mario Götze ist bei der WM nicht dabei. Denn dieser spielt momentan „schwach wie eine Flasche leer“. Özil und Gündogan besitzen jetzt die große Chance, beim WM-Finale in Russland die entscheidenden Treffer für Deutschland zu erzielen. Damit könnten sie gleichzeitig zu deutschen und türkischen WM-Helden avancieren.
Also Jungs, „geht’s raus und spielt’s Fußball!“. Und immer schön den Ball flach halten und intelligent durch „die Mitte“ zum Torerfolg kommen. Denn hohe Flanken von „rechts“ und „links“ sind ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. Ich habe fertig!“

Jürgen Malyssek aus Wiesbaden:

„Jan Christian Müllers Kommentarkorrespondiert mit meinen Gedanken zum DFB und zum Bundestrainer Jogi Löw. Die deutsche Nationalelf, die große deutsche Fußballfamilie ist eine langweilige, biedere Familie geworden. Keiner schert aus. Unpolitisch allemal. Wir sehen es am Werbeauftritt Erdogan, Gündogan und Özil, jüngst in London. Eine Gemeinschaft der Gleichgesinnten, der Angepassten. Da passt ein Sandro Wagner nicht mehr rein, der frech, leicht überheblich, meinungsstark daherkommt. Spieler mit Ecken und Kanten, das war einmal! – Sind jetzt alle durch die Ausbildungszentren auf Gardemaß geschneidert (Somit ist mit der Vertragsverlängerung für Löws Assistenten, Thomas Schneider, namentlich alles passend gemacht).
Wenn jetzt die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil – die „Ahnungslosen“ – da mit dem türkischen Präsidenten mal neben sich gestanden haben, dann kommt die schützende Hand der „Familie“ und sagt: „Die tun nichts, die wollen doch nur spielen!“
Dazu passt zu diesem Zeitpunkt die vorzeitige Vertragsverlängerung mit dem smarten Bundestrainer. Da weiß man, was man hat: Schönes Spiel, wahrscheinlich auch erfolgreich, no politics, lässig konformistisch. Safety first. Und möglichst störungsfrei, wie Jan Christian Müller betont. So wird man das Kind für die WM in Katar 2022 auch völlig unaufgeregt schaukeln.“
Emil Jacob aus Poppenhausen:

„Diese zwei türkischen Fußballer gehören aus der Mannschaft entlassen und die Millionenbeträge eingezogen. Die sind als Türken geboren und werden immer Türken bleiben. Da nützt kein deutscher Pass und auch kein Alibi-Treffen mit dem deutschen Bundespräsident. Das sollte ja nur dazu dienen, dass bei einem Spiel der noch überwiegend aus deutschen Spielern bestehenden Mannschaft diese zwei Türken nicht ausgepfiffen werden.“

9 Kommentare

  1. Hagen Nowottny sagt:

    Ich bin sehr erstaunt über mangelnde Bereitschaft von DFB-Spieler Mats Hummels ‚eine einzige Aktion‘ ( FR vom 12.6.18; S 2 ) sowie Herrn Bierhoffs ‚Erklärungen‘ endlich den ‚Bagatellfall‘ der Spieler Gündogan und Özil zur Seite zu schieben. Der Fußball sollte jetzt endlich wieder in den Vordergrund gerückt werden.
    Dieses Verhalten lässt zwei Schlüsse zu: 1. Der DFB hat allen ein Redeverbot erteilt oder 2. Die politische Ahnungslosigkeit ist bei Fußballern weit verbreitet.
    Wie können diese Zeitgenossen einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn der Autokrat Erdogan, der das Recht mit Füßen tritt, die Meinungsfreiheit verbietet und Menschen zu tausenden einsperren lässt, von Gündogan und Özil hofiert werden? War den Herren nicht bekannt, dass z. B. Deniz Yücel monatelang ohne konkrete Anschuldigung im Gefängnis saß? Haben sie keine Nachrichten verfolgt, dass Zeitungen verboten und die Redakteure auch eingesperrt wurden? Sind nicht viele Erdogan-Opponenten ins Ausland geflohen? Wo leben denn diese Leute? Haben die nur Fußball und Playstation im Kopf?
    Gündogan und Özil können ja einen besonderen Bezug zur Türkei haben, dem Herkunftsland ihrer Mütter und Väter. Sie sollten auf jeden Fall politische Verhältnisse und Herkunftsgefühl voneinander trennen. Hier genießen diese Herren Redefreiheit, in der Türkei wäre das nicht so einfach möglich. Erstaunlich ist allerdings auch, wie viele der hier lebenden Türken sich zu dem Regime Erdogan hingezogen fühlen. Wenn diese Mitmenschen allerdings nur gleichgeschaltete türkische Sender sehen, dann braucht man sich nicht über deren Verhalten wundern.
    Der DFB ist hier gefordert, wenn es auch schon sehr spät ist. Nicht nur nach innen, auch nach außen muss klare Kante gezeigt werden. Denn auch die DFB-Auswahl zeigte im Spiel gegen Saudi-Arabien Wirkung auf die Pfiffe, die bei Gündogans Einwechslung und dessen Spiel erfolgten. Noch lauter wären die Unmutsbekundungen gewesen, wenn Özil eingewechselt worden wäre. Die Verunsicherung in der Mannschaft war klar zu erkennen. Unter diesen Bedingungen wird Deutschland nicht Weltmeister!

  2. Peter Bläsing sagt:

    Die Chancen auf eine erfolgreiche Teilnahme der deutschen Nationalmannschaft an der WM oder gar auf eine Titelverteidigung stehen schlecht. Nicht wegen der Favoritenrolle, die den Deutschen noch nie bekommen ist, auch nicht wegen der offensichtlichen fußballerischen Schwächen, die die „Mannschaft“ zur Zeit plagen. Das war vor großen Turnieren bisher fast immer so, sie hat sich dann aber mehrmals in den Gruppenspielen von einer Gurkentruppe zu einem Titelaspiranten gemausert. Doch dafür ist diesmal die entscheidende Voraussetzung nicht gegeben, ihr ist der unbedingte mannschaftliche Zusammenhalt abhanden gekommen. Das liegt an der Entscheidung des Managements, die Spieler Gündogan und Özil nach ihrem servilen Ausflug zum türkischen Diktator Erdogan nicht nach Hause zu schicken, gleichzeitig aber den Spieler Gomez, der 2016 seinen Vertrag mit Besiktas Istanbul ausdrücklich aus politischen Gründen nicht verlängert hat, in der Auswahl zu belassen. Es ist nicht vorstellbar, dass das alles und nun auch das Pfeifkonzert in Leverkusen keine Auswirkungen auf die Truppe haben. Zumindest dürfte es in der Kabine zur Zeit nicht nur um Fußball gehen, und das ist äußerst schädlich für die Konzentration. Trainer Löw und Manager Bierhoff versuchen zwar, mit lahmen Sprüchen die Geschlossenheit der „Mannschaft“ zu beschwören, aber das hört sich alles nicht gut an.

  3. Werner Engelmann sagt:

    Darüber, dass die beiden Nationalspieler eine Riesendummheit begangen haben, ist keine Diskussion nötig.
    Allerdings sollte man auch nichts hineininterpretieren und die Kirche im Dorf lassen. Mit dummen Sprüchen wie „einmal Türke – immer Türke“ ist niemandem geholfen.
    Und diejenigen, die lauthals fordern, dass Nationalspieler lautstark die deutsche Nationalhymne zu schmettern hätten, sollten mal ganz still sein. Die hätten zu überlegen, worin eigentlich der Unterschied zwischen ihnen und Erdogan-Fans liegt.

    Man sollte sich auch einmal anschauen, welchen gegenseitigen Hass ein Erdogan in der türkischen Community gesät hat. Und ein Mesut Özil wurde und wird von Erdogan-Fans regelmäßig ausgepfiffen, weil er nicht für die Türkei spielt.
    Da ist es zumindest psychologisch verständlich, dass einer nicht immer diesem Druck standhält und diesen mit symbolischen Gesten zu lindern sucht, deren Wirkung und Bedeutung er nicht überblickt.

  4. Jürgen Malyssek sagt:

    Mich stört eigentlich fast mehr das abwimmelnde Verhalten der sportlichen Leitung – Bierhoff, Löw – und des DFB-Präsidenten. Sie hätte jedenfalls gut Gelegenheit klar zu sagen, was geht und nicht geht, ohne die „Sünder“ rauswerfen zu müssen.
    Irgendwie kann ich auch die Fans verstehen, auch wenn das Dauergepfeife letztens sich nicht wiederholen muss. Sie wollen, wenn sie sich so identifizieren mit der deutschen Mannschaft, nicht so eine Auftritt in Wahlkampfzeiten und in der heiklen Flüchtlingspolitikdebatte passt diese „Riesendummheit“ auch gerade in die Sammlung.
    Es wird jedenfalls schwer für Özil und Gündogan aus dieser Nummer herauszukommen, wenn sie sich nicht selbst etwas gescheit dazu äußern.
    Emre Can war ja auch in der Lage, diesem Auftritt mit Erdogan eine Absage zu erteilen.

    Wer glaubt, dass das keinen Einfluss auf das weitere Geschehen der deutschen Mannschaft hat, wird sich wahrscheinlich ziemlich täuschen.
    „Das Lagerfeuer ist abgebrannt“ (Jan Christian Müller, FR Sport, 12.o6.18, S3).

    Das mit der Nationalhymne schmettern, das ist eh eine aufgesetzte Sache. Das soll jeder Spieler halten können, wie er’s will. Im Grunde fing dieses Theater erst 2006 („Sommermärchen“) wieder an.

  5. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    „Und diejenigen, die lauthals fordern, dass Nationalspieler lautstark die deutsche Nationalhymne zu schmettern hätten, sollten mal ganz still sein. Die hätten zu überlegen, worin eigentlich der Unterschied zwischen ihnene und Erdogan-Fans liegt.“
    Das aus dem Munde eines Mannes, der in Frankreich lebt!
    Einen Hauptunterschied kann ich Ihnen nennen: In Deutschland, das von dieser Nationalhymne repräsentiert wird, herrscht Demokratie, Erdogan dagegen steht für die allmähliche Abschaffung derselben. Und ein Gündogan, der ja sehr intelligent sein soll (Einserabitur), sollte den Unterschied kennen und Erdogan nicht auch noch ein Trikot mit Ergebenheitsadresse schenken.

    Was das Singen der Nationalhymne und das
    Fähnchenschwenken bei einem Nationalspiel anbetrifft, so ist das in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit, nur in Deutschland tun sich viele schwer damit und assoziieren gleich Böses damit. Etwas verkrampft, wie ich finde.
    Nebenbei bin ich der Meinung, dass ein Spieler auf dem Platz nur aus Gründen, die mit dem Spiel zu tun haben, also etwa wegen eines Fouls, ausgepfiffen werden sollte.

    @ Jürgen Malyssek

    Wenn in den USA, in Frankreich oder in Schweden bei jedem Auftritt eines Politikers, an jedem Feiertag und bei jedem Sportereignis massenhaft die Fähnchen geschwenkt werden, mokiert sich keiner darüber. Wenn Deutsche das tun, wird es als „Theater“ verspottet. Das verstehe, wer will.

  6. Werner Engelmann sagt:

    @ Brigitte Ernst

    „In Deutschland, das von dieser Nationalhymne repräsentiert wird, herrscht Demokratie…“

    Und dazu gehört
    (1) dass es jedem selbst überlassen ist, ob und wie er/sie sich von einer Hymne „bewegen“ lässt,
    (2) dass man es sich sogar erlauben kann, in seiner Meinung von derjenigen der „gefühlten Mehrheit“ abzuweichen – gegenwärtig auch noch in Frankreich.

  7. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Jede Nation tickt auch etwas anders: Mentalität,Emotionalität, Nationalstolz, Tradition und was weiß ich nicht noch alles.

    Es ist ja auch auffallend, dass in Deutschland das nationale Bewusstsein mit Fahnenschwenken und so („…Schland!)immer bei einer EM und WM ihren Höhepunkt erreicht. Das hat ja auch etwas Unausgegorenes …
    Ich bin auch der Meinung, dass aufgrund unserer speziellen Geschichte, uns eine ‚vornehme Zurückhaltung‘ durchaus gut zu Gesicht steht.
    Im Übrigen wird das Fahnenschwenken der Deutschen bei diesen Sportereignissen nicht „verspottet“. Aber viele – so auch meine Wenigkeit – finden es nicht sehr überzeugend, Massensog … Ich kann damit leben, aber mein Ding ist es nicht. Diese Art Nationalgefühl ist mir fremd.
    Ansonsten unterstreiche ich Werner Engelmanns Aussage.

  8. Jürgen Malyssek sagt:

    Sehe gerade, dass es oben in der Zeile eins „seinen“ Höhepunkt heißen muss, nicht „ihren“.

  9. Brigitte Ernst sagt:

    @ Werner Engelmann

    Ihren Vergleich zwischen dem Wunsch, auch eingebürgerte Spieler sollten die Nationalhymne singen, und Erdogan-Verehrung finde ich dennoch daneben.
    Ansonsten ist es natürlich jedem/r selbst überlassen, warum er/sie sich einbürgern lässt. Weil er/sie sich Deutschland und seinen Werten emotional verbunden fühlt oder allein deswegen, weil er/sie Karrierevorteile daraus zieht.