Wladimir Putin — Versuch eines Porträts

Ich habe die vergangene Woche, in der ich krank war, außer zur Erholung dazu genutzt, ein Buch zu lesen, das ich schon lange lesen wollte. Vielleicht sollte ich öfter krank sein, um mich aus allem Trubel herausziehen und so etwas tun zu können. Hier kommt meine Rezension von “Der Mann ohne Gesicht — Wladimir Putin” der russischen Autorin und Journalistin Masha Gessen.

Wladimir Putin — Versuch eines Porträts

Es ist der 11. November 2002. In Brüssel findet der EU-Russland-Gipfel statt, auf dem über die wachsende Bedrohung durch islamistische Terroristen gesprochen wird. Auf der anschließenden Pressekonferenz wird der russissche Staatspräsident Wladimir Putin von einem Journalisten von Le Monde nach dem Einsatz schwerer Artillerie in Tschetschenien gefragt. Putin antwortete:

“Wenn Sie bereit sind, ein radikaler Islamanhänger zu werden und sich beschneiden zu lassen, möchte ich Sie einladen, nach Moskau zu kommen. Wir sind ein Land, in dem es viele Glaubensrichtungen gibt. Wir haben Spezialisten für so etwas. Ich werde anregen, die Operation so auszuführen, dass dort nie wieder etwas wächst.”

Der Dolmetscher habe nicht gewagt, Putins Antwort vollständig zu übersetzen, fährt Masha Gessen in ihrem Buch “Der Mann ohne Gesicht — Wladimir Putin” fort (deutsche Ausgabe erschienen 2013 bei Piper). In der New York Times sei die Antwort wie folgt übersetzt worden: “Sie sind willkommen, denn alle und jeder werden in Moskau toleriert.” Auf RuTube sei das Video, in dem Putin den Journalisten anpöbelte, noch neun Jahre danach zu sehen gewesen. Wir lernen daraus: Putin kann ziemlich unfreundlich werden. Auch in der Öffentlichkeit. Unter einer professionellen Antwort eines Staatspräsidenten auf die kritische Frage eines Journalisten stellt man sich jedenfalls etwas anderes vor. Immerhin steht hier der Vorwurf des Genozids an den Tschetschenen im Raum, der im Lauf des Zweiten Tschetschenienkrieges nicht nur von Le Monde-Journalisten erhoben wurde.

Mit solchen Anekdoten versucht Buchautorin Masha Gessen, dem russischen Autokraten die Maske vom Gesicht zu reißen, einem Mann, der sich offenkundig leicht provozieren lässt und dann alles andere als souverän reagiert, der Probleme damit hat, seine Aggressionen zu kontrollieren und der gern unter die Gürtellinie zielt. Gessen versucht, Putin zu demaskieren, der sich selbst gern damit brüstet, in Jugend und Adoleszenz ein gefürchteter Schläger gewesen zu sein, einer, der Nachteile wie geringe Körpergröße und schmächtige Gestalt durch umso höhere Aggressivität auszugleichen verstand. Jedes mal, wenn Gessen dies gelingt — und es gelingt ihr durchaus ein paar mal –, bekommen wir das Gesicht eines emotionslos dreinblickenden Bürokraten und ehemaligen KGB-Agenten zu sehen, das keine Fragen beantwortet, sondern neue Rätsel aufgibt. Putin, die russische Sphinx. Die Fortsetzung der Sowjetunion mit anderen Mitteln.

Die russische Sphinx

Wer ist dieser Mann? Das fragen sich viele im Westen, und die Erkenntnis wirkt fast erheiternd, dass die Zahl derer, die das nicht wissen, auch in Russland groß zu sein scheint. Man muss sich das mal vorstellen: Praktisch aus dem Nichts ist er aufgetaucht, als er dem russischen Wahlvolk als Nachfolger von Boris Jelzin anempfohlen und mit 53 Prozent der Stimmen zum neuen Präsidenten Russlands gewählt wurde. Davor war er rund vier Monate lang Ministerpräsident, davor ein gutes Jahr Direktor des Geheimdienstes FSB, und davor war er vielleicht ein paar Leuten in Leningrad bzw. St. Petersburg bekannt. So etwas wäre im Westen unmöglich. Aber Russland ist nicht der Westen und will es auch gar nicht sein. Russland geht einen eigenen Weg.

Für Demokratien gilt weithin: Wer an die Macht will, muss bekannt sein und versuchen, die Leute von sich und seiner Agenda zu überzeugen. Die Menschen müssen ein Bild von ihm/ihr haben — sei es durch eine Parteikarriere, in deren Verlauf sie/er charakterisierende Positionen vertreten hat, oder durch klassische Basisarbeit auf den realen und virtuellen Straßen der Länder. Wer regieren will, muss sich Vertrauen erarbeiten. Dass hingegen ein so gut wie unbekannter Apparatschik für das höchste Staatsamt ausgekungelt wird, ein Nobody, ist eher ein Kennzeichen für autoritär geführte Staaten. Zu jener Zeit war Russland noch eine halbwegs funktionierende Demokratie, aber die Wahl 1999/2000 wurde zum Menetekel: Unter Putin wandelte sich das Land danach rasch zu einem kaum verhohlen autoritär geführten Staat. Stichwort “gelenkte Demokratie”. Masha Gessen zeichnet diese Entwicklung eindrucksvoll nach.

Putins erste Amtshandlung nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten: Er unterschrieb eine Amnestie für Boris Jelzin und seine Familie, der Ermittlungen wegen Geldwäsche drohten. Seine zweite: Er ließ die russische Militärdoktrin ändern und die Option eines nuklearen Erstschlags aufnehmen. 15 Jahre später erinnern sich daran nur noch wenige. Im Westen glauben viele Menschen, die Bedrohung eines nuklearen Erstschlags sei von der Sowjetunion ausgegangen, doch tatsächlich hatte diese im Jahr 1982 den Verzicht auf den Ersteinsatz von Atomwaffen erklärt. Was ihr im Westen allerdings nicht abgenommen wurde. Putin hat diese Option wieder eingeführt.

GessenEs ist Masha Gessens Verdienst, dass sie solche Details wieder hervorkramt und in die Debatte einführt. Es bleibt ihr allerdings auch kaum etwas anderes übrig, denn das biographische Material über den Menschen Wladimir Putin ist äußerst dürftig und lässt viel Platz zur Spekulation. Ihr Buch ist daher keine Putin-Biographie und will auch keine sein; es hat eher Züge einer Streitschrift, wobei Gessen keinen Hehl daraus macht, dass sie selbst in Opposition zu Putin steht. Gessen (Bild rechts), geboren in Moskau, hat für verschiedene russische Zeitungen und Magazine gearbeitet und war bis 2013 Russlandkorrespondentin des US-Nachrichtenmagazins US News & World Report, ehe sie im Jahr 2013 wegen der zunehmenden Repression gegen Homosexuelle in Russland nach New York übersiedelte. Sie hat die russische und die US-Staatsbürgerschaft.

In “Der Mann ohne Gesicht” zeichnet sie Stimmungsbilder aus allen Jahren seit dem Ende der Sowjetunion, Bilder, die einen immer subjektiven Blick auf das Geschehen haben und nie vorgeben, etwas anderes zu wollen, etwa objektiv zu sein. Ihr Buch ist damit das Negativ — oder das Positiv, ganz wie man will — zu den offiziellen Putin-Biographien. Zur Vorsicht sei daher all jenen geraten, die meinen, in diesem Buch objektive Fakten über Putin zu erhalten. Das gilt für dieses Buch vermutlich genausowenig wie für die offiziellen Biographien. Aber es setzt einen beachtlichen Kontrapunkt zu diesen.

Leider dauert es ein bisschen, bis Gessens Erzählung in Fahrt kommt. Obwohl man doch vor allem etwas über Putin erfahren möchte, verweilt die Autorin lange in der Jelzin-Zeit, ohne daraus Erleuchtung über ihren Gegenstand zu ziehen. Immerhin ist dies konsequent und schonungslos aus russischer Perspektive erzählt, und Gessen spart auch nicht mit Kritik an Dissidenten und naiven Aktivisten.

Kaleidoskop der Oligarchen

Nach gut hundert Seiten nimmt Masha Gessens Erzählung endlich Fahrt auf. Man begegnet Namen wie Gussinski (Ex-Medienmagnat), Beresowski (Oligarch), Chodorkowski (Jukos-Chef und Oligarch) und Prochorow (Oligarch, Putin-Herausforderer bei der Wahl 2008), also Namen von Milliardären, die an Putin scheiterten. Zugleich scheint es in Putins Hintergrund eine Nomenklatura weiterer Oligarchen zu geben, die in Putins System mit dem Kreml auf eine Weise verbandelt sind, wie man es sonst nur von der organisierten Kriminalität kennt. Man begegnet auch Alexander Litwinenko, dem FSB-Agenten, der im Londoner Exil an einer Polonium-Vergiftung starb; die britischen Ermittlungen richteten sich damals rasch gegen ehemalige KGB-Mitglieder. Der Verdacht hängt im Raum: Putin könnte damit zu tun gehabt haben. Beweisen lässt sich das nicht, aber wie Gessen überzeugend ausführt, muss die Entnahme von Polonium, von dem nur geringe Mengen in Atomkraftwerken entstehen, von weit oben genehmigt oder angeordnet worden sein. Vielleicht auch von sehr weit oben. In jedem westlichen Land hätte der Vorfall mindestens zu einem Untersuchungsausschuss geführt. In Putins Russland dagegen — Schweigen.

Man begegnet auch der Kursk wieder, jenem unglücklichen Atom-U-Boot, das 2000 sank und dessen Tragödie Wladimir Putin so sehr interessierte, dass er seinen Schwarzmeerurlaub keine Sekunde unterbrach. Anhand des Dramas von Beslan — eine Gruppe mutmaßlich tschetschenischer Terroristen hatte eine Schule mit mehr als 1000 Kindern, Eltern und Lehrkräften in ihre Gewalt gebracht — zeigte sich, dass es der Staatsmacht weniger darum ging, möglichst viele Geiseln unbeschadet aus der Gewalt der Terroristen zu befreien, sondern mehr darum, selbst möglichst gewalttätig aufzutreten und so ein Zeichen der Abschreckung zu setzen. Der Verantwortung für die (nach inoffiziellen Zahlen) knapp 400 Toten der Erstürmung hat sich der Kreml nie gestellt, ebensowenig wie der Verantwortung für die Toten bei der Beendigung der Besetzung eines Musicaltheaters in Moskau durch mutmaßliche tschetschenische Terroristen. Stattdessen gab es immer wieder Hinweise, dass der russische Geheimdienst FSB selbst Attentate inszeniert hatte und dass er im Fall des Musicaltheaters seine Finger im Spiel gehabt haben könnte.

Putin, der Imperator

Gessens Erzählung lässt viele Fragen offen — Fragen, auf die es derzeit schlicht keine Antworten gibt, weil Putins Biographie intransparent ist. Das kann man der Autorin nicht anlasten. An den schweigenden Mauern des Apparats kommt selbst der beste Journalismus nicht weiter. Bisher will anscheinend von drinnen niemand reden. Doch es ist Gessens Verdienst, dass sie uns immerhin an den Fuß dieser Mauern führt und dass sie uns ahnen lässt, wo diese Mauern wurzeln: im ehemaligen KGB und seinen Seilschaften, die überdauert haben und die der Welt heute in Gestalt des “Putin-Systems” die kalte Schulter zeigen, eines Systems, das im Stil der Oligarchen dazu gemacht ist, Russland auszuplündern und einige wenige reich zu machen, während Millionen arm bleiben. Putins persönliches Vermögen wird übrigens nach einem Bericht des Guardian von 2007 auf 40 Milliarden US-D0llar geschätzt.

Wohltuend an Masha Gessens Perspektive ist, dass sie selbst Russin ist und einen Fokus auf die Hintergründe hat, der nicht in die Kategorien der Denkschablonen des Kalten Krieges passt, wie sie im Zuge der Ukraine-Krise auferstanden sind. Ob Gessen die “ungeschminkte Wahrheit” über Putin geschrieben hat, wie im Begleittext zum Buch behauptet wird, darf bezweifelt werden. Gessen geriert sich nicht als Inhaberin von Wahrheit. Sie gibt ihre Eindrücke wieder und appelliert an ihre Leserinnen und Leser: Akzeptiert das offizielle Putin-Bild nicht. Bedenkt, dass Putin sich inszeniert. Lasst Euch davon nicht täuschen. Macht Euch ein eigenes Bild von ihm — und wenn das nicht möglich ist, dann fragt Euch warum.

Darum sei dieses Buch jedem und jeder empfohlen, der in der Debatte über den neuen Kalten Krieg mitreden will.

Masha Gessen: Der Mann ohne Gesicht — Wladimir Putin. Piper Verlag München. Taschenbuch, 384 Seiten, 10,99 Euro.

6 Kommentare

  1. manfred petersmark sagt:

    Es ist gut zu wissen, daß das besprochene Buch einen Genesungsprozeß unterstützt, wenn nicht gar in Gang bringt. Angesichts der heranrollenden Grippewelle müßte ich den Kauf ernsthaft in Erwägung ziehen.

    Wer sich für Psychologie interessiert, für den dürfte der kleine Gernegroß das geeignete Studienobjekt für das Phänomen Überkompensation abgeben. Ich bezweifle jedoch, daß Masha Gessens Buch die nötigen Fakten liefert.

    Wladimir Putin hat noch die Hälfte seiner sechsjährigen Amtszeit als demokratisch gewählter Präsident der Russischen Föderation vor sich. In dieser Zeit kann noch viel geschehen, was den einen mehr oder die andere weniger überraschen dürfte. Es ist zu hoffen oder zu befürchten, daß Putin auch danach der Welt erhalten bleiben wird. Als Wodka-Label wohl eher nicht.

  2. Werner Engelmann sagt:

    Eigentlich erstaunlich, dass das Innenleben eines Putin so wenig Interesse erweckt – besonders wenn man damit vergleicht, wie manche sich über „Käse“ erregen können.
    Du schreibst: „Gessen versucht, Putin zu demaskieren.“ Ich kann noch nicht so richtig sehen wie und mit welchem Ergebnis.
    Ich habe neulich einen Bericht über Putins Laufbahn gesehen, ich glaube, es war auf Phoenix. Mir fiel dabei die Banalität dieses Menschen auf, dem von früher Jugend nichts anderes vorschwebte als Geheimdienstagent zu werden: Nichts, was ihn für einen weltpolitisch bedeutsamen Posten prädestiniert hätte. Vielleicht ist es gerade diese Banalität, die ihn dahin gebracht hat.
    Für weit bedeutsamer als sich mit der Person zu beschäftigen halte ich es zu verstehen, welche Bedingungen dafür maßgebend sind. Etwa, was in den Menschen vorgeht, die das Krim-Abenteuer zur Befriedigung nationalistischer Instinkte zu brauchen scheinen und blind dafür sind, welchen Preis sie dafür zu bezahlen haben.

    In Frankreich stelle ich öfter eine merkwürdige Faszination für die Person Hitlers als einem Psychopathen fest. Ich gebe darauf meist zu bedenken, dass mich der Psychopath Hitler wenig interessiert. Dass es einiges besser gewesen wäre, er wäre in der Wiener Akademie nicht wegen Unfähigkeit abgelehnt worden und hätte Karriere als Maler gemacht.
    Und dass mich weit mehr die Frage interessiert, wie ein ganzes Volk auf einen Psychopathen hereinfallen konnte, dem zudem noch Unfähigkeit attestiert worden war.

  3. Werner Engelmann sagt:

    Ein Beitrag, der m.E. mehr zum Verständnis gegenwärtiger russischer Politik beiträgt, als sich mit der Psyche eines Wladimir Putinzu befassen:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/russlands-sprachpolitik-wer-russisch-spricht-ist-russe-13429053.html
    „Moskaus neuer Nationalismus – Der Stuss mit der russischen Sprache“, von Nikolai Klimeniouk, 21.02.2015

    Hier einige Auszüge:
    „Die gegenwärtige Idee des Russischen ist im Wesentlichen ein Produkt der sowjetischen Nationalpolitik, die sich mal an Sprachen, mal an Blut und Boden, mal an pragmatischen Bedürfnissen der Verwaltung orientierte.
    Auch wird jedem ‚Russen‘ der Wunsch unterstellt, die russische Staatsbürgerschaft besitzen und in Russland leben zu wollen. (…) Wenn aber ein vermeintlicher oder echter Russe diese Erwartungen nicht erfüllt, dann heißt es, er sei verführt oder gekauft worden. Wenn so ein Mensch sich aber gar nicht für einen Russen hält, ist er ein Verräter. (…)“
    Bez. des Ukraine-Konflikts führt Klimeniouk aus:
    „Diese Haltung, latent schon seit langem vorhanden, wurde nach dem russischen Überfall auf die Ukraine akut und gut sichtbar. (…) In der UdSSR folgten einer kurzen Phase der Förderung Jahrzehnte der Russifizierung. Das regional gefärbte Russisch, das in der Ukraine gesprochen wird, gilt als verdorben. Demnach ist die ukrainische Kultur nichts weiter als Folklore, Ukrainisch keine wirkliche Sprache, und Ukrainer sind kein wirkliches Volk.“
    Zur Propaganda im russischen Fernsehen heißt es:
    „In diesem Fernsehen machen Kriegspropaganda und Hetze nicht einmal vor Kindersendungen halt; den Erwachsenen trichtert es Verschwörungstheorien und antidemokratische Ressentiments ein, und selbst der Wetterbericht ist so ideologisch beladen, dass es richtig donnert. (…) In Deutschland glauben ihre Opfer an Faschisten im Jugendamt, in der Ukraine an Faschisten in der Regierung und auf der Straße, im Baltikum wähnten sie in jedem Nichtrussen einen heimlichen Sympathisanten der SS. Aber vor allem glauben sie daran, dass alle und überall sie dafür hassen, dass sie Russisch sprechen und zum Land gehören, welches der Welt nach allen Erniedrigungen wieder seine wahre Größe zeigt.“
    Einen entscheidenden Fehler sieht Nikolai Klimeniouk z.B. in der bloßen Umkehrung „alten sowjetischen Hierarchien“ in den baltischen Staaten der nach Auflösung der Sowjetunion, die, obwohl bis zu 1/3vertreten, Russisch als „Minderheitensprache“ einordneten und ihren Sprechern keine „Hoheit über Sprache und Kultur“ zubilligten. Die Vertretung dafür wurde damit nach Moskau delegiert.
    Als Lösung bietet Klimeniouk „eine neue europäische Sprach- und Identitätspolitik“ an: „Russisch ist keine Exklusivsprache der Russen, sondern eine postkoloniale Sprache wie Englisch oder Spanisch. Nicht jeder, der Russisch spricht, ist ein Russe.“

  4. Jörg Nazarow sagt:

    Ich habe ca 14 Tage auf meiner Reise in Russland mit einem ehemaligen KGB Mann verbracht 2003.
    Eine Erfahrung die ich nie missen möchte,aber eines ist auf jeden Fall geblieben:Ich wunder mich über nicht`s mehr,und das ,ob wohl ich auf Grund meiner Herkunft sehr russisch fühle und manchmal auch noch denke.Fazit:es ist viel einfacher als wir hier zu verstehen glauben.

  5. Werner Engelmann sagt:

    Putins Psyche – so viel ist offenkundig geworden – scheint nicht gerade die Kommentierlust zu beflügeln. Und das, obwohl Masha Gessens Porträt ihn als „russische Sphinx“ bezeichnet, und obwohl keine Äußerung zu weltgeschichtlichen Ereignissen ohne diesen Namen auskommt. Was eigentlich das Gegenteil bewirken müsste. Ein merkwürdiger Widerspruch, der zumindest erklärungsbedürftig ist.
    Besonders auffällig das beredte Schweigen derjenigen, die einen Putin so gut zu „verstehen“ vorgeben. Und denen sonst, nicht gerade mundfaul, kein „Zusammenhang“ zu weit hergeholt, zu spekulativ erscheint, um die wahrhaft „Bösen“ (oder in der steigernden Empörungsform „die Pöhsen“) auszumachen. Um dabei, wie eine Katze um den heißen Brei schleichend, sich bloß nicht auf das Naheliegendste einzulassen. Etwa die Frage, was denn auf der Krim tatsächlich geschah.
    Und während Online-Foren an psychologistischen Verhöhnungsmetaphern für eine Angela Merkel, einen Jean-Claude Junker, einen Martin Schulz – neuerdings, so in diesem Blog, auch einen Prof. Varoufakis – geradezu überquellen, herrscht gegenüber dem Kremlherrn noble Zurückhaltung.

    Ob da ein Putin selbst gefragt ist, einem begriffsstutzigen Deutschen auf die Sprünge zu helfen, der aus dem Staunen nicht herauskommt? –
    Es hat wohl den Anschein. Zumindest kann man ihm nicht vorwerfen, nicht alles zu tun, um im Gespräch zu bleiben.
    Und dazu gehört wohl, entgegen der Charakterisierung von Frau Gessen als „Mann ohne Gesicht“ immer neue Gesichter zu präsentieren.

    Zwei der neuen Gesichter: Putin, der unermüdliche Verfechter der Meinungsfreiheit. Und Putin, tapfere Kämpfer für Wahrheit.

    Der Verfechter der Meinungsfreiheit:
    In dem – wohl als eine Art Seifenoper angelegten – im russischen Staatsfernsehen angelaufenen Film „Die Krim – Die Rückkehr nach Hause“ beteuert er, dass die Einverleibung der Krim ausschließlich dem Zweck diente, „den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung dazu äußern zu können, wie sie weiter leben wollen“.
    Putin-Bewunderer, frustriert über die Unterdrückung unbequemer Meinungen im „pöhsen“ Westen, soll’s freuen.

    Und der Kämpfer für Wahrheit liebt dieselbe so sehr, dass er gleich für jede Situation und jedes Publikum die jeweils passende Wahrheit parat hält.
    So am 4. März 2014 auf die Frage eines russischen Reporters: „Wie stellen Sie sich die Zukunft der Krim vor? Wird die Variante ihres Anschlusses an Russland erwogen?“ Die Antwort von Friedens-Putin lautete wie folgt: „Nein, sie wird nicht erwogen.“
    Die Wahrheit für den blöden Westen folgte auf den Fuß, mit grünen Männchen unbekannter Nation und Panzern aus Discount-Läden auf der Krim.
    Das aber war gestern.
    Der internen Wahrheit einer langen Nacht vor der Schlussfeier von Sotschi erinnert sich, mit dramatischer Musik unterlegt, der Kremlherr exakt ein Jahr danach: „Wir sind gezwungen, die Arbeit an der Rückkehr der Krim in den Bestand Russlands zu beginnen.“ Ein „Zwang“, der für russische Soldaten mit dem Marschbefehl zum Antritt eines Urlaubs auf der Krim endete.
    Und russische Nationalisten begreifen diese Wahrheit sogleich: Sie brüsten sich von nun an im russischen Fernsehen stolz als „Okkupanten“.
    (Zitate nach Faz.net, Putin und die Krim – Zu gut gemeint, 10.3.2015)

    Keine leichte Situation, vornehmlich für Putin-Versteher, sich angesichts von so viel Wahrheitsliebe angemessen zu verhalten. Man müsste sich schon die Wandlungsfähigkeit eines Chamäleons zulegen. Und auch das reichte wohl kaum hin.
    Wundert es wirklich, wenn sich da manch einer – aller persönlichen Hassgefühle zum Trotz – doch lieber an die Wahrheit eines westlichen Sprichworts erinnert: „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“?

    Zum Trost noch eine Preisfrage:
    Wenn der russische Präsident jetzt die Wahrheit sagt, hat er dann am 4. März gelogen?
    Antwort: Nein, natürlich nicht. Der Anschluss der Krim wurde da nicht mehr erwogen, er war ja schon beschlossen.
    Moral: Ein Putin lügt nie. Das tut nur die westliche „Lügen-Presse“.

  6. A.H. sagt:

    Guten Abend!

    Ich habe das Buch von Frau Gessen nicht gelesen und ich habe auch nicht vor, das noch zu tun, weil ich Versuche, jetzt auch noch die Kindheit und Jugend zur Begründung dafür hrranzuziehen, um zu begründen, dass Putin böse ist- und aufgrund der psycischen Determiniertheit auch gar nicht anders kann, für weder sinnvoll noch erhellend halte.

    Das kann nun aber jeder so halten wie er/sie will.

    Ihnen, Herr Engelmann, gebe ich aber recht darin, dass Putin mit der Annektion der Krim das Völkerrecht gebrochen hat, dass er die Öffentlichkeit offensichtlich über den Hergang auf der Krim belogen hat und ich bin schon lange sicher, dass Russland die ukrainischen Separatisten auf vielfältige Weise unterstützt.

    Vielleicht wundert es Sie, dass ich trotzdem nicht so endgültig den Stab über Putin/Russland brechen möchte, wie das fast die gesamte westliche Welt derzeit macht: Der Westen sanktioniert Russland, Putin wird von allen Gipfeln ausgeladen, die Medien überschlagen sich mit Vorwürfen aller Art gegen ihn.

    Ich halte das trotz meiner Erkenntnisse zu seinem Handeln für nach wie vor nicht nachvollziehbar, weil ich die vom Westen behauptete Einzigartigkeit dieser seiner unbestreitbaren Verstöse gegen die Regeln nicht sehe!

    Völkerrechtsbruch, Unterstützung von Rebellen, Destabilisierung von Regierungen, öffentliche Lügen- all das ist dem Westen in keiner Weise fremd. Wieviele Rebellenorganisationen haben die USA schon unterstützt- übrigens auch mit Waffen und Beratern? Wie oft hat der Westen schon das Völkerrecht gebrochen, wenn es ihm strategisch angezeigt schien? Und wurde nicht auch der Überfall auf den Irak mit einer Lüge begründet und die Zustimmung des UN-Sicherheitsrates zum Einsatz von Gewalt in Libyen mit einer Lüge hinsichtlich des Einsatzzieles erreicht?

    Tut mir leid, ich kann die Einzigartigkeit der Untaten Russlands nicht erkennen und deshalb halte ich auch das unvergleichliche Maß der Bestrafung Russlands für unbegründet.

    Daher habe ich persönlich auch kein Interesse daran, ein sicher wenig objektives Buch über Putin zu lesen, ist dieEinstellung von Frau Gessen zu Putin doch hinlänglich bekannt (siehe den Eintrag von Wikipedia).

    Ganz ehrlich: Dafür wäre mir mein Geld zu schade-aber das ist nur meine persönliche Ansicht und letztendlich muss jeder selber wissen, was er/sie lesen möchte und was lieber nicht:-).