Indoktriniert von verklemmter Sexuallehre

„Ehe und Familie vor! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!“ Unter diesen Schlagworten reagiert ein Teil des religiös-konservativen Establishments auf die gelingende Emanzipation von Menschen, deren Orientierungen und Lebensweisen von denen der Bevölkerungsmehrheit abweichen. Diese Emanzipation von Lesben und Schwulen, Trans- und Intersexuellen ist einer der großen gesellschaftlichen Fortschritte der vergangenen zwanzig Jahre. Allerdings gibt es noch viel zu tun. Immerhin weiß heute jeder Mensch — oder er kann es zumindest wissen –, dass die menschliche Sexualität wesentlich vielfältiger ist als das, was meinereinem im Biologie-Unterricht der 70er Jahre noch als „Schlüssel-Schloss-Prinzip“ (anders formuliert: Da gehört er rein!) nahegebracht wurde.

„Demo für alle“ nennt sich die Bewegung, die sich die oben zitierten Slogans auf die Fahnen geschrieben hat. Der aktuelle Grund, warum sie aktiv ist, wird von FR-Kolumnistin Katja Thorwarth in ihrer Kolumne „Sexuelle Vielfalt als Teufelswerk“ (Online-Überschrift) folgendermaßen beschrieben: „Das Böse sitzt in den Bildungsplänen einzelner Länder, die die Sexualaufklärung aus den dreißiger Jahren in die Neuzeit übersetzt und weiterentwickelt haben.“ Denn auch das Bundesland Hessen wird nun etwas tun, was schon in Baden-Württemberg für Aufregung gesorgt hat: Es wird die Schülerinnen und Schüler des Landes darüber aufklären, dass menschliche Sexualität mehr ist als das Schlüssel-Schloss-Prinzip. Wesentlich mehr. Und vor allem: dass man davor keine Angst haben muss.

Diese Aufklärung als „Sexualisierung“ zu diffamieren, ist schlicht Unsinn. Der Versuch, dies dennoch zu tun, verrät viel über die Geisteshaltung derr, die da angeblich „für alle“ demonstrieren. Aber dazu brauche ich hier nicht viel zu schreiben; das hat Katja Thorwarth in ihrer Kolumne in begrüßenswerter Klarheit schon getan. Meine Meinung dazu ist klar: Diese rückwärtsgewandten Angsthasen von „Demo für alle“ können tun und lassen, was sie wollen. Wir leben in einem freien Land, und es ist ja möglicherweise auch eine Form von Freiheit, Freiheit abzulehnen. Das darf jeder für sich gern tun.  Diese Freiheit hört jedoch dort auf, wo die Freiheit des Anderen beginnt — und die ist nicht besser oder schlechter, sondern gleichwertig. „Demo für alle“ achtet diese Grenzen nicht. Dies ist typisch für Menschen im Missionierungswahn.

fr-balkenLeserbriefe

Markus Grass aus Weinheim meint zu der Kolumne:

„Meine volle Zustimmung, Frau Thorwarth. Es gibt ein schönes Zitat aus dem Film „Wie im Himmel“. Da sagt die Pfarrersfrau zu ihrem verklemmten Mann: „Ihr habt die Sexualität doch erst zur Sünde gemacht!“ Das fällt mir immer ein, wenn ich etwas zu dieser menschenrechtsverletzenden „christlichen“ Sexualorientierung dieser homophoben, sexual- und lustfeindlichen, aber „den Nächsten liebenden“ gläubigen „Christen“ vernehme.
Wenn diese Leute meinen, sich ihre sexuelle Einstellung zum Leben und zu den Mitmenschen von Kardinälen und Bischöfen vorschreiben lassen oder sich danach richten zu müssen, was vor Jahrhunderten irgendein Paulus oder Augustinus gesagt hat, so sollen sie das tun. Aber bitteschön nur innerhalb ihrer Kirche und ihrer privaten Kreise (wobei mir deren Kinder oft leidtun, denn was kann es für ein Kind Schlimmeres geben, als in so einem Elternhaus homosexuell zu sein – aber das werden diese Eltern ihren über alles geliebten Kindern ja schon austreiben).
Als Bollwerk gegen diese Intoleranz und um auch den nicht in dieses Sexualbild passenden Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, gibt es die Menschenrechte.  Wenn ich bedenke, dass ich quasi von Geburt an mit der verklemmten katholischen Glaubens- und Sexuallehre indoktriniert wurde und lange brauchte, um den Mut zu finden, mich davon zu befreien, empfinde ich es als Hohn, wenn diese „christlich“ orientierten Leute in diesem Zusammenhang von Indoktrination des Staates reden.
Wenn diese Leute meinen, dass eine offene Sexualaufklärung eventuell dazu beitragen könne, dass ihre Kinder homosexuell werden könnten – ja für wie blöde und unselbständig halten die ihre Kinder denn? Außerdem ist das Ziel dieser offenen Sexualerziehung, dass die so aufgeklärten Kinder später im Leben toleranter – also christlicher – gegenüber sexuell anders orientierten Mitmenschen auftreten, als ihre verklemmten Eltern. Ich kann nur verschärft darauf hinweisen, dass für eine humane Gesellschaft, die jedem das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben einräumt die strikte Trennung zwischen Staat und Kirche (Religion) die unabdingbare Voraussetzung ist, denn der Staat ist dem Menschen verpflichtet und nicht den Religionen – zum Glück!“

Albert Wiedenmann aus Frankfurt:

„Diese Kolumne ist auch ohne übertriebene Spitzen ausgekommen, obgleich das Thema „Sexualerziehung in der Schule“ reichlich Zündstoff bieten könnte. Sie stellen auch die Hintergründe gut dar. Es war längst an der Zeit, dass für die öffentlichen Schulen in Hessen der Lehrplan  dahingehend renoviert wird, dass die Kinder mit den verschiedenen Formen von Sexualität zwischen den Menschen in der heutigen Zeit auf dem Stand der Zeit unterrichtet werden. Dass sich da eine obskure Gruppierung von Leuten anmaßt vor dem Hintergrund fragwürdiger „Gutachten“, in einer „Demo für Alle“ gegen den neuen Lehrplan an hessischen Schulen aufzubegehren, ist schon skuril.
Dabei ist es dringend geboten, dass die Kinder in der Schule offen und altersgemäß mit den biologischen, ethischen, kulturellen, emotionalen und sozialen Bezügen menschlicher Sexualität vertraut gemacht werden (und nicht aus fragwürdigen Internetquellen), denn es ist noch längst nicht in allen Familien gegeben, dass die Kinder von Seiten ihrer Eltern diese Informationen sachgerecht erhalten. Es gibt erhebliche Zweifel daran, dass dies in ganzer Breite in den Familien mit Migrationshintergrund geleistet wird.
Dabei soll natürlich zur Sprache kommen und den Kindern vermittelt werden, dass sich in unserer Zeit Menschen zwar überwiegend heterosexuelle Beziehungen zwischen Frau und Mann praktizieren, aber eben auch gleichgeschlechtliche, transsexuelle oder andere Beziehungsformen. Nichts weiter sollen die Kinder mit dem neuen Lehrplan vermittelt bekommen in großer Verantwortung der Lehrenden unter Mitwirkung der Eltern in der Schule, da wird niemand und kein Kind indoktriniert. Wenn die Kinder dabei lernen, dass ein Kind in der weit überwiegenden Zahl in der geschlechtlichen Begegnung zwischen Frau und Mann entsteht, dann bestätigt das doch die erlebte Realität.
Es geht also nicht um Überbewertung anderer Formen von Sexualität, sondern um das Lernen gegenseitiger Toleranz/Akzeptanz und Andersartigkeit von und zwischen der sexuellen Einstellung verschiedener Menschen. Hierzu ist ganz aktuell ein sehr hilfreicher Elternbrief zur „Sexualerziehung in der Schule“ beim Elternbund Hessen erschienen. Darin wird sehr kompetent und ohne ideologische Scheuklappen über das Thema informiert (zu beziehen über elternbund-hessen.de zum Selbstkostenpreis). Das Heft eignet sich auch sehr gut für den entsprechenden Elternabend in ihrer Klasse, wenn’s um den Sexualunterricht geht.
Beim Hessischen Kultusmimisterium bekommt man auch den neuen Lehrplan zu „Sexualerziehung an Schulen“ als Download.“

2 Kommentare

  1. Frank Wohlgemuth sagt:

    „„Die Kinder gehören den Eltern und nicht dem Staat“, dozierte seinerzeit Mathias von Gersdorff („Aktion Kinder in Gefahr“), für den der Gedanke völlig abwegig scheint, dass auch Kinder in erster Linie sich selbst gehören.“ (Katja Thorwarth)

    Das Dumme daran, und das meine ich nicht polemisch, ist, dass unser Parlament Herrn Gersdorff Recht gegeben hat, indem es das Beschneidungsgesetz verabschiedete.

    Was ich außerdem bedaure, ist dass es für jemanden, der nichts gegen die Gleichstellung von Mann und Frau hat, schwieriger wird, sich gegen den Unsinn, der bei uns unter dem Zusatz Gender- getrieben wird, zu argumentieren, nachdem derart schlicht gestrickte Menschen dieses Wort abfällig in den Mund genommen haben.

    Denn die übliche Logik ist leider „Wenn diese …. was dagegen sagen, kann es nicht falsch sein (oder zumindest mache ich mich mit denen gemein, wenn ich auch etwas dagegen habe, und das geht gar nicht).“

    Dabei hat das, um das es hier geht, nur sehr bedingt etwas mit z.B. Gender Studies oder Gender Mainstreaming zu tun. Hier geht es um sexuelle Ausrichtung als Teil der Persönlichkeit. Auch wenn diese Ausrichtung ihr „coming out“ noch nicht hatte, kann Schule hier nichts mehr dran ändern – soviel wissen wir inzwischen. Aber Schule kann Information darüber vermitteln, Akzeptanz schaffen, und damit zu einem friedlicheren Miteinander führen.

    Das ist natürlich für jemanden, der von seinen Eltern anderes erfahren und in Wirklichkeit nie den Konflikt mit seinen Eltern aufgenommen hatte, eine Bedrohung. Diese Angst ist also erklärbar – dagegen zu argumentieren nützt wenig, da wäre schon eher eine Therapie nötig.

  2. Brigitte Ernst sagt:

    Hier kann ich nur auf meinen Leserbrief verweisen, der bereits in der Printausgabe der FR veröffentlicht wurde. Er bezog sich auf die Einwände der hessischen Elternschaft im September 2016 gegen die neuen Lehrpläne zur Sexualerziehung.

    Dass das im Jahre 2016 im einst so fortschrittlichen Hessen möglich wäre, hätte ich nie vermutet. Die Mehrheit des hessischen Landeselternbeirats, Leute im Alter meiner Kinder, stellt sich gegen den Lehrplan, weil ihnen die „Akzeptanz“ von Schwulen und Lesben zu weit geht und sie Angst um die zarten Kinderseelen haben. Und selbst die Landesschülervertretung fordert für Eltern die Möglichkeit, „vorher mit ihren Kindern über die anstehenden Themen und in der Familie herrschenden Wertvorstellungen zu sprechen“. Auf der anderen Seite besitzen diese Schülerinnen und Schüler wahrscheinlich längst ein Smartphone, mit dem sie Zugang haben zum gesamten Spektrum der Pornographie, das im Internet so geboten wird, und werden damit überschwemmt von oft verstörenden Bildern, ohne dass jemand mit ihnen darüber spricht.
    Wie stellen sich die Schülervertreter diese vorbereitenden Familiengespräche vor? „Liebes Kind, es gibt da neben normalen Menschen noch Abartige, die man zwar tolerieren muss, weil sie auch Menschen sind, mit denen man sich aber keinesfalls gemein machen darf, denn das wäre Sünde (katholische Variante) bzw. gegen die Natur (politisch reaktionäre Variante).“
    Wehe dem Kind oder Jugendlichen, das/der homosexuelle Neigungen an sich selbst feststellt. Mit Akzeptanz kann der ja wohl in seiner Familie nicht rechnen. Und damit werden die Ziele der neuen Lehrpläne konterkariert.
    Was tun solche Eltern ihren Kindern an?