Die Vorherrschaft des weißen Mannes als Staatsräson

In Charlottesville/Virgina, einer Stadt von rund 49.000 Einwohnern, steht ein Reiterdenkmal des Generals Robert E. Lee, der im Amerikanischen Bürgerkrieg die Nord-Virginia-Armee und später das gesamte Heer der Konföderierten angeführt hat. Er führte seine Armee sieg- und verlustreich durch viele Schlachten, bis ihm sein Gegenspieler Ulysses S. Grant, der spätere 18. Präsident der USA, in der Schlacht bei Gettysburg die Grenzen aufzeigte. Lee hatte von seinem Schwiegervater 63 Sklaven geerbt, war also Sklavenhalter, sah das Ende der Sklaverei aber als sicher an, wie er 1856 schrieb. Trotzdem kämpfte er für deren Beibehaltung. Robert E. Lee ist eine Ikone der rechtsextremen US-Amerikaner, der Standort seines Denkmals im Park dort in Charlottesville gehört zu den ihren besonderen Gedenkorten.

Diese Statue soll abgebaut werden. Der umgebende Park ist bereits umbenannt worden in Emancipation Park. Das war zu viel für die Rechtsextremen. Am Abend des 11. und 12. August demonstrierten sie in Charlottesville unter dem Motto „Unite the Right“ der „White-Supremacy“-Bewegung. Ihr Aufmarsch gilt es die größte Demonstration von Rechtsextremen in den USA seit Jahrzehnten. Daran beteiligten sich Gruppierungen wie der Ku-Klux-Klan, dessen ehemaliger Anführer David Duke auch eine Rede hielt, aber auch „Alt-Right“-Mitglieder waren dabei. Mehrere Vertreter der Alt-Right-Bewegung, der „alternativen Rechten“, gehören zum direkten Umfeld von US-Präsident Donald Trump, darunter vor allem  Steve „Breitbart“ Bannon. „Blood and soil“, forderten die Demonstranten, also „Blut und Boden“. „Wir lassen uns nicht von Juden verdrängen“ – Charlottesvilles Bürgermeister ist ein Jude. Mehrere Demonstranten trugen T-Shirts, aus denen „Make America Great Again“ stand – Trumps Wahlspruch. Auch David Duke berief sich ausdrücklich auf Trump: „Wir erfüllen seine Versprechen. Dafür haben wir ihn gewählt, weil er uns unser Land zurückgeben will.“

Gegen den Aufmarsch der bewaffneten, wie Paramilitärs auftretenden Antisemiten, Rassisten und Neonazis protestierte eine bunte Mischung aus kirchlichen, auch orthodoxen Gruppen und der „Black-Lives-Matter“-Bewegung sowie linke Gruppen, dazu Personen, die als „Antifa“ auftraten. Auch unter den Gegendemonstranten sollen Bewaffnete gewesen sein. Es kam zu Schlägereien, bis ein ein silberfarbenes Auto mit hohem Tempo in eine Gruppe von Gegendemonstranten fuhr. Dabei wurden Menschen durch die Luft geschleudert. Eine junge Frau starb, als sie überfahren wurde. Der 20-jährige Fahrer wurde festgenommen.

Weißer Terror

OklahomaDie USA haben eine lange Tradition von „weißem Terror“, also von Terrortaten, verübt durch weiße Amerikaner. Man muss nicht bis zum Unabomber Ted Kaczynski, der von 1978 bis 1995 Briefbomben verschickt hatte, um, verkürzt gesagt, den Fortschritt aufzuhalten. Oder bis zum 19. April 1995, als bei einer gewaltigen Explosion in Oklahoma City 168 Menschen starben. Attentäter war der Kriegsveteran des 1. Irakkriegs Timothy McVeigh mit zwei Mittätern. Das Motiv für die Tat ist nicht vollständig geklärt.

Das Murrah Federal Building
in Oklahoma City, Sitz mehrerer
Bundesbehörden und eines
Kindergartens nach dem Anschlag.
Foto: Preston Chasteen

Im Fall von Dylan Roof, einem heute 23-jährigen Hass-Kriminellen, der ebenfalls der „White-Supremacy“-Bewegung angehört, ist das Motiv klar: Rassenhass. Er tötete am 17. Juni 2015 neun Afroamerikaner beim Beten in einer Kirche („Charleston church shooting„). Und Hass war wohl auch das Motiv von J.A. Fields jr., dem jungen Mann, der in Charlottesville mit einem Auto in die Menge raste und dabei ein Muster kopierte, mit dem islamistische Terroristen in Europa Schlagzeilen gemacht hatten. Die gesellschaftliche Spaltung der USA, von der seit dem provozierenden Auftreten der Tea Party immer wieder geredet wurde, ist damit offen zutage getreten.

Kaum vorstellbar, dass dieser weiße Terror Sympathien im Weißen Haus haben sollte. Doch so scheint es zu sein. Donald Trump, der bei seinen Tweets sonst keine Provokation auslässt, schrieb zunächst gar nichts und sprach dann von einem „ungeheuerlichen Ausbruch von Hass, Fanatismus und Gewalt auf vielen Seiten“, statt klar die Terrortat eines Einzelnen zu verurteilen und Mitgefühl für die Opfer zu äußern. „Trumps fatales Schweigen ist kein Zufall“, schrieb FR-Korrespondent Karl Doemens in seinem Kommentar „Fatales Schweigen„. Er selbst habe die Spaltung des Landes, deren Symptome in Charlottesville zu besichtigen waren, vom Beginn seines Wahkampfs an vorangetrieben. FR-Autor Andreas Förster analysiert diese Spaltung in seinem Artikel „Ein gebrochenes Tabu„.

Trump im TowerErst zwei Tage später sagte Trump die Worte, die alle von ihm hören wollten: Neonazis, der Ku Klux Klan oder andere Gruppen voller Hass hätten keinen Platz in Amerika: „Rassismus ist böse und diejenigen, die in seinem Namen Gewalt anwenden, sind Kriminelle und Verbrecher“. Er las diese Worte von einem Teleprompter ab. Sonst spricht er normalerweise frei. Doch schon am Tag darauf gab er den Gegendemonstranten wieder eine Mitschuld und verteidigte auf diese Weise indirekt die Neonazis. Auch bei deutschen Rechts-Ideologen ist dies eine beliebte Strategie, um rechte Gewalt zu relativieren. „Es gab auf der einen Seite eine Gruppe, die schlimm war, und es gab auf der anderen Seite eine Gruppe, die ebenfalls sehr gewalttätig war“, sagte Trump bei einem Auftritt im Trump-Tower, der legendär werden dürfte. Es habe „auf beiden Seiten sehr anständige Leute“ gegeben. Karl Doemens formuliert es in einem weiteren Kommentar so: Trump ist „ein ignoranter Prolet, der argumentiert, dass unter hakenkreuzschwingenden Neo-Nazis mit Fackeln und antisemitischen Parolen auch nette, friedliebende Menschen weilen.“ Dafür wurde Trump von US-Rassisten gefeiert.

Wohin das alles wohl noch führt? Der Gegenwind wird für Trump jedenfalls schärfer. Das ist zwar nicht neu, und bisher hat Trump sich dafür nicht interessiert, doch nun entzogen ihm zahlreiche einflussreiche Manager das Vertrauen, die Trump in verschiedenen Zirkeln beraten haben: Die US-Wirtschaft bricht mit Trump. Da löste er diese Zirkel lieber schnell von sich aus auf. Die beiden Alt-Präsidenten Bush forderten, Amerika müsse Hass zurückweisen. Und der rechtskonservative Sender Fox News hat alles versucht, um von einem Republikaner ein Statement zu bekommen, in dem Trump verteidigt wird – doch keiner wollte. Möglicherweise rauchen da gerade die Köpfe: Wie werden wir diesen Präsidenten wieder los?

fr-balkenLeserbriefe

Susanne Alpers aus Frankfurt:

„Alle Welt regt sich über Donald Trump auf. Er füllt mit seinen Inszenierungen die Titelseiten und Hashtags dieser Welt. Jede Provokation ist übler als die vorherige. Die große Aufmerksamkeit ist ihm sicher. Laufend. Flächendeckend. Die Frage ist nicht: Was kommt als nächstes?, sondern: Wer profitiert von der ganzen Aufregung?
Während alle mit dem bösen Onkel beschäftigt sind, wird im Hintergrund systematisch die Basis für eine demokratische US-Gesellschaft demontiert. Republikanische Entscheidungsträger schaffen Fakten. Papierlose Einwanderer werden neuerdings ohne jedes Vergehen inhaftiert und füllen die Privatgefängnisse. Sozialleistungen wie Wohngeld und Lebensmittelmarken werden drastisch gekürzt. Die Arbeitnehmerrechte werden ausgehöhlt durch Schwächung der Gewerkschaften und schlechtere Krankenversicherungsleistungen. Zeitgleich wird die Arbeitgeberseite gestärkt durch die Abschaffung der Meldepflicht bei Arbeitsunfällen u.v.m.. Die Neugestaltung der Gesetzgebung zum Arbeitsrecht wurde der reaktionären und unternehmerfreundlichen National Labor Relations Board (NLRB) übertragen. Zeitgleich werden Errungenschaften im Umweltschutz gleich reihenweise wieder gekippt durch die Forcierung fossiler Brennstoffe, drastischen Kürzungen bei der Umweltbehörde ERA. Bis Juni wurden über 30 Regeln zur Reinhaltung von Wasser, Luft und Nationalparks abgeschafft. Im Bereich der Justiz wurde erfolgreich die Nominierung von fünf rechten, evangelikalen Bundesrichtern vorangetrieben, die alle unter 50 Jahre alt sind, auf Lebenszeit im Amt bleiben werden und für die Todesstrafe und das Recht auf Waffen aber gegen Abtreibung sind. Viele sind Mitglieder der „Federal Society“, die für eine US-Gesellschaft wie zum Ende des 18. Jahrhunderts plädiert, als die Vorherrschaft weißer Männer noch Staatsräson war und Schwarze wie Indigene als minderwertig galten. Eben auf diese Werte haben sich die Ultrarechten vom vergangenen Wochenende in Charlottesville berufen.
Trump und seine Inszenierungen sollen nur ablenken von den Prozessen einer radikalen sozialen Umverteilung weltweit, die immer rasanter auf vielen Ebenen voran getrieben wird. Es ist eine große gossip-show im Gange, bei der sich alle echauffieren dürfen und wenige mitbekommen sollen, was hinter den Kulissen der medialen Inszenierung wirklich abläuft.
Die Folgen dieser Umverteilung von unten nach oben sind jetzt schon deutlich sichtbar. Der verarmenden Mittelschicht werden Sündenböcke präsentiert: Juden, Muslime, Migranten, Schwule. Folglich verschieben sich auch die emotionalen Parameter hin zu einer weitreichenden Empathielosigkeit auch gegenüber den derzeitigen Vorgängen in Jemen, Lybien und auf dem Mittelmeer. Die Verrohung in vielen Bereichen der sozialen Kommunikation erzeugt Ängste, Menschen ziehen sich zurück ins Private und blenden die sie umgebenden Prozesse so weit als möglich aus.
Wohin sollen wir also blicken? Auf Trump? Besser nicht. Auf all die Nachrichten über Gewalt und Zerstörung? Bringt auch nichts außer Weltekel und Zukunftängste. Was aber hilft ist die Frage danach, wer von den derzeitigen Vorgängen denn wirklich profitiert. Es ist die soziale Frage, die sich wieder in aller Deutlichkeit zeigt. Wer hat Zugang zu welchen Resourcen? Und wie können wir hier mehr Gerechtigkeit erreichen? Fragen wie diese weisen in eine Zukunft und nicht in Weltuntergangsszenarien. Kritisches Denken und deutlicher Protest gegen Sozialabbau und Diskriminierung helfen mehr als der Rückzug in private Scheinidyllen und Hyperkonsum zur Ablenkung.
Wer hierzulande denkt, Charlottesville sei weit weg, sei daran erinnert, dass erst am 15. Juli im thüringischen Themar ein Rechtsrockfestival mit 6000 einschlägig Vorbelasteten stattfand incl. Hitlergruß, jeder Menge russischer Nazis und ‚Gröl gegen Überfremdung‘. Die Identitäre Bewegung sammelt in Europa ihre Schäfchen ein wie die Alt-Right-Bewegung in den USA.“

Albrecht Thöne aus Schwalmstadt:

„Wo sind denn die Denkmale für die etwa 300 000 bestialisch hingefolterten Lynchopfer des Ku-Klux-Klans, wo ist der „Walk of Fame“ für die Helden der Bürgerrechtsbewegung? Wer jemals auf „zdf neo“ die Lehrstücke über die „Geschichte des Kolonialismus“ sehen konnte, der bekam eine Ahnung davon, in welchem Maße bislang auch die Geschichte des US-amerikanischen Rassismus‘ unbewältigt ist. Kaum auszuhalten ist die Tatsache, dass nach Ende des Zweiten Weltkrieges schwarze US-Soldaten, die gerade noch gegen das rassistische Nazi-Deutschland gekämpft hatten, im Süden der USA gelyncht wurden, weil sie sich mit dem „Ehrenkleid ihrer Nation“, der Uniform, in die dortige Öffentlichkeit begeben hatten.
Nach wie vor sind die ethnologische Geschichtsschreibung und eben auch die Errichtung bzw. der Erhalt von Denkmalen in den USA vorwiegend „weiß“, d.h. von entsprechendem institutionellen Rassismus, von tendenziellem Verschweigen sowie von Akten- u. Quellenvernichtung beeinträchtigt. Es sprengt fast unsere Vorstellungskraft, dass diese Demokratie heute weit über eine Million Schwarze in ihren Jailhouses wegsperrt – bei Entzug des Wahlrechtes schon für Bagatelldelikte. Es nimmt offenbar kein Ende, dass wöchentlich zwei Schwarze von der Polizei erschossen werden, weitere im Rollstuhl enden.
Es war für mich neu, dass es bei den prekären polizeilichen Überprüfungen zu erfüllende „Quoten“ gibt – das erinnert an die „body-counts“ im Vietnam-Krieg. Und was ist z.B. auch die nahezu vollständige Ausrottung der Indianer denn anderes als Völkermord gewesen? Man vernichtete ihnen – als sie noch immer im Wege waren – rasch ihre Lebensgrundlage, nämlich die riesigen Bisonherden in der Prärie! Wer studieren will, was Abknall-Lobbyismus anrichten kann, der möge nachlesen, wie die National Rifle Association es verstand, dieser Nation der Amokläufe 300 Millionen Feuerwaffen anzudienen, durch die täglich 89 Menschen und allein pro Jahr hundert Kinder durch Kinderhand ums Leben kommen. Wie gewaltbesessen und rassistisch vernagelt jene Gesellschaft zur Hälfte ist, erhellt auch der Lebenslauf jenes Genies, das einst seinen „Sklavennamen Cassius Marcellus Clay“ ablegte: Muhammad Ali musste selbst erst „schlachten“ und sich (unmerklich allmählich in die Parkinsonsche Krankheit hinein) „schlachten“ lassen, um jene Weltgeltung zu erreichen, die es ihm ermöglichte, u.a. mit seiner Wehrdienstverweigerung wirksam gegen das Napalm- und Agent-Orange-Schlachten in Vietnam anzugehen. (Der Mob um den Ring in Kinshasa 1974 übrigens grölte ihm bzgl. seines Gegners George Foreman zu: „Töte ihn!“, und ich wüsste nicht, dass irgendein Friedensfreund in „Gods own Country“ dies jemals problematisiert hätte.)
Apropos Denkmale: Angesichts seiner Lebensleistung gehört z.B. Muhammad Alis Antlitz in den Mount Rushmore gemeißelt!“

Manfred Kirsch aus Neuwied:

„Mir fehlen allmählich die Worte, um meine Empfindungen angesichts des Herumeierns Donald Trumps bei der Bewertung der jüngsten rechtsradikalen Verbrechen in Charlottesville auszudrücken. Da gebärdet sich der US-Präsident bereits in der Auseinandersetzung mit Nordkorea sowie den Entwicklungen in Venezuela als Halbstarker und scheut sich jetzt, die Rassisten von Ku-Klux-Klan und anderen US-Nazi-Banden als Schuldige für das grauenhafte Szenario von Charlottesville deutlich beim Namen zu nennen. Das kann auch nicht verwundern, denn die radikalen gewalttätigen Ultrarechten gehören zu den Stammwählern von Donald Trump und er selbst hat ja schon in seinen verbalen Attacken auf Demokraten und ihm kritisch gegenüberstehenden Republikanern oft genug die Sprache der Unmenschen gesprochen. Dieser Präsident verfügt offensichtlich über keine moralischen Wertmaßstäbe, weil das Wort Moral für ihn ein Fremdwort ist. Donald Trump ist sowohl eine Gefahr für den Weltfrieden als auch für die zivilisierte Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Die den Werten der US-amerikanischen Verfassung verpflichteten Bürgerinnen und Bürger der USA sowie die Verantwortung tragenden Politiker sollten so schnell wie möglich über ein Amtsenthebungsverfahren sehr konkret nachdenken. Soziale Kälte und Herzlosigkeit prägen bisher die Amtszeit von Donald Trump. Jeder Tag, an dem Donald Trump im Amt ist, gefährdet den Weltfrieden und spaltet die amerikanische Gesellschaft immer mehr.“

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36 Kommentare zu “Die Vorherrschaft des weißen Mannes als Staatsräson

  1. Mein Dank an Susanne Alpers für den reflektierten und kenntnisreichen Leserbrief, dem ich mich uneingeschränkt anschließen kann.
    Nur ein Hinweis:
    So unerträglich die Nachrichten über sich immer mehr sich steigernde Provokationen eines Donald Trump auch sind – notwendig ist die Berichterstattung darüber dennoch.
    So richtig Ihre Hinweise auf die Profiteure der Trumpschen Provokationen und die Bedeutung der sozialen Frage sind: eine Beschränkung der Berichterstattung darauf würde kaum genügen.
    Moralische Empörung allein ist sicher nicht zielführend, doch auch notwendig, um politisches Bewusstsein zu schärfen.

  2. Mein Dank an Susanne Alpers für den reflektierten und kenntnisreichen Leserbrief, dem ich mich uneingeschränkt anschließen kann.
    Nur ein Hinweis:
    So unerträglich die Nachrichten über immer mehr sich steigernde Provokationen eines Donald Trump auch sind – notwendig ist die Berichterstattung darüber dennoch.
    So richtig Ihre Hinweise auf die Profiteure der Trumpschen Provokationen und die Bedeutung der sozialen Frage sind: eine Beschränkung der Berichterstattung darauf würde kaum genügen.
    Moralische Empörung allein ist sicher nicht zielführend, doch auch notwendig, um politisches Bewusstsein zu schärfen.

  3. Ich stelle mir immer mehr die Frage ob Leute wie Trunp sich einfach abwählen lassen wenn es dann endlich einmal soweit sein sollte.

  4. @Bronski:
    kennen Sie ein einziges Zitat von Robert E. Lee, aus dem hervorgeht, dass dieser FÜR DIE SKLAVEREI gekämpft habe?

    Dagegen Lincoln:
    „Könnte ich die Union retten, ohne auch nur einen Sklaven zu befreien, so würde ich es tun; könnte ich sie retten, indem ich alle Sklaven befreite, so würde ich es tun.“

    Ihm ging es demnach nicht um die Befreiung der Sklaven.
    Daneben wurde während der Zeit des Bürgerkriegs die Sklaverei in der Befürworter-Staaten der Union nicht gesetzlich abgeschafft (siehe auch http://slavenorth.com/delaware.htm).

  5. @ deutscher Michel

    Hier kommt es doch nicht darauf an, wer General Lee wirklich war, sondern wer sich auf ihn beruft: Der Ku-Klux-Klan und die Alt-Right-Bewegung. Es ist dieser rassistische Bodensatz, der die amerikanische Demokratie heute bedroht, nicht der Südstaatengeneral aus dem Bürgerkrieg vor 150 Jahren.

    Wenn ich an meinen afro-amerikanischen Großneffen denke, packt mich das Grauen.

  6. @Brigitte Ernst:
    Es kommt durchaus darauf an, wer General Lee wirklich war. Und es sind durchaus nicht nur der Ku-Klux-Klan und die Alt-Right-Bewegung, die sich durch den geplanten Abbau seiner Statue vor den Kopf gestoßen fühlen.

    Dass der „Süden“ der USA generell eher mit Rassismus gegen die schwarze Bevölkerung in Verbindung gebracht wird,ist u. a. auch der Geschichtsschreibung der Sieger zu verdanken.

    In diesem Zusammenhang möchte ich Sie bitten, sich den folgenden (allerdings schon älteren) Artikel über die NO-GO-Gebiete in den USA durchzulesen:
    https://www.heise.de/tp/features/Die-No-Go-Gebiete-der-USA-3407326.html

  7. @ deutscher Michel

    „Kennen Sie ein einziges Zitat von Robert E. Lee, aus dem hervorgeht, dass dieser FÜR DIE SKLAVEREI gekämpft habe?“

    Ich habe den Zusammenhang verkürzt dargestellt, weil es in diesem Thread nicht um Sklaverei oder die Hintergründe des Sezessionskriegs geht, sondern um Rassismus und Faschismus. Nein, ich kenne keine Zitate von Robert E. Lee, die belegen, dass er für die Sklaverei gekämpft hat. Trotzdem denke ich, dass es korrekt ist zu sagen, dass er für die Sklaverei gekämpft hat, da er Anführer der konföderierten Armee war. Damit kämpfte er für die Standpunkte der Konföderation, also auch für die Sklaverei bzw. für die Freiheit der einzelnen Bundesstaaten, an der Sklaverei festzuhalten, was m.E. dasselbe ist.

    Der Bürgerkrieg hatte sich vor allem an der Frage der Sklavenhaltung entzündet. Die Südstaaten wollten so wenig Einmischung des Bundes in die Gesetzgebung der Bundesstaaten wie nur möglich.

  8. @Bronski:
    Dass sich der Bürgerkrieg hauptsächlich um die Einmischung des Bundes in die einzelnen Staaten handelt, ist zutreffend. Allerdings ging es da in erster Linie meines Wissens nicht um die Beibehaltung der Sklaverei (siehe auch mein oben angeführtes Lincoln-Zitat).
    In erster Linie wollten die Südstaaten freien Handel betreiben und nicht von Schutzzöllen seitens der Union behindert werden.

    Unter
    http://www.flaggenlexikon.de/fcsa.htm
    ist auch nachzulesen, dass es eben nicht die konfödertierten Staaten waren, die die Verfassung brachen sondern (häufig) Abraham Lincoln, dessen Denkmäler natürlich nicht zum Abriss vorgesehen sind.

  9. @ deutscher Michel

    Dass die amerikanischen Südstaaten eher mit Rassismus gegen die schwarze Bevölkerung in Verbindung gebracht werden, liegt weniger an der Geschichtsschreibung der Sieger, sondern vor allem daran, dass dort, im Gegensatz zu den übrigen Staaten, seit Abschaffung der Sklaverei bis zum Civil Rights Act von 1964 gesetzlich verordnete Rassentrennung herrschte: Verbot von sexuellen Beziehungen und Ehen zwischen Schwarzen und Weißen, separate Schulen, Restaurants, Sitze im Bus etc. etc.. Sicher haben Sie schon mal von den Vorgängen in Little Rock, Arkansas, gehört, und von Rosa Parks, die wegen Verstoßes gegen diese Rassengesetze in Montgomery, Alabama, verhaftet wurde.

  10. @Brigitte Ernst:
    Natürlich kennt fast jeder die Geschichte von Rosa Parks etc.. Was ich – bevor ich den oben empfohlenen Artikel las – jedoch nicht kannte, waren die gerade in den „Nord-Staaten“ ausgeprägten NO-GO-Gebiete.
    Dieser Artikel hat mich wirklich erstaunt.

  11. @ deutscher Michel

    Es geht nicht darum, wer in Sachen Sklaverei im Bürgerkrieg genau welche Position hatte, sondern es geht darum, worin das Gedenken an die Figuren von damals heute besteht. Offenbar breitet sich in vielen Kommunen der USA – Charlottesville ist ja nicht die einzige Stadt, die Denkmäler entfernen lassen will – das Bewusstsein aus, dass Männer wie Robert E. Lee ein zu ambivalentes Bild abliefern, als dass man sie mit Heldenstatuen verehren sollte. Für die „Alt-Right“-Bewegung werden diese Statuen damit zu Symbolen dafür, dass man ihr die Helden nehmen will.

  12. @ deutscher Michel

    Dass es im Norden der USA de facto keinen Rassismus gegeben habe oder noch gebe, habe ich nie behauptet. Ich halte es aber für einen Unterschied, ob etwas gegen das Gesetz geschieht oder ob es vom Gesetz (de jure) nicht nur geduldet, sondern sogar gefordert wird.
    Die No-Go Areas verstießen eindeutig gegen das Gesetz, es hat sich wahrscheinlich nur kein Schwarzer getraut, dagegen zu klagen.

  13. 2009 hielt Barack Obama die Festansprache zur Feier von Robert E. Lees Geburtstag.
    („Wenn der General heute Abend bei uns wäre, wäre er 202 Jahre alt. Und sehr verwirrt.“). Vielleicht ist das alles doch viel komplizierter, als es uns aus der Ferne betrachtet erscheint.

  14. Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, dass es in diesem Thread nicht prmär um General Lee geht, sondern um die beängstigenden Auftritte von Rassisten, die sogar vor Mord nicht zurückschrecken, sowie die Tatsache, dass der amerikanische Präsident sich bei ihnen anbiedert, weil sie zu seiner Wählerschaft gehören.
    Ob es immer sinnvoll und nötig ist, Denkmäler von historischen Persönlichkeiten abzubauen, auch wenn ihre Taten dem modernen Rechtsempfinden nicht mehr entsprechen, sei dahingestellt. Auch Luher ist wegen seines Antisemitismus eine umstittene Figur, ebenso Kaiser Wilhelm II wegen seiner Kriegspolitik, dennoch lässt man deren Denkmäler stehen.

    Die Stadtverordneten von Charlottesville mussten abwägen, was für wen eine größere Zumutung oder Provokation sei: Das Lee-Denkmal für die schwarzen Einwohner oder dessen Abbau für die Verehrer des Generals (zu denen ja vorwiegend Rassisten gehören).
    Über eines sind wir uns doch wohl einig: dass die Reaktionen der rassistischen Lee-Verehrer, nämlich z.T. mit Hitlergruß und antisemitischen Parolen aufzumarschieren und zum Schluss sogar eine Gegendemonstrantin zu töten, verbrecherisch waren.

  15. @Brigitte Ernst:

    Es gibt einen physischen Unterschied zwischen der weißen und schwarzen Rasse, der es den beiden Rassen für immer verbieten wird, politisch und gesellschaftlich auf gleichem Fuße miteinander zu verkehren (Abraham Lincoln)

    Würden Sie den Urheber dieses Ausspruchs weiterhin als Statue sehen wollen?

  16. Die Tatsache, dass US-Präsident Donald Trump es bedauert, dass Reiterstatuen von sogenannten Südstaatenhelden abgerissen werden, spricht für sich. Es zeigt, dass er ein Vertreter des rassistischen Amerika ist. Ja, es sind seine Verbündeten und Wähler: die rechtsradikalen Gruppen wie der Ku-Klux-Clan und andere sich als „Herrenmenschen“ verstehende Bürgerinnen und Bürger der USA. Doch die andere Tatsache, dass jetzt in vielen Städten und Gemeinden der Vereinigten Staaten diese Denkmäler an die Südstaatenhelden abgerissen und entfernt werden, zeigt auch sehr deutlich, dass es auch ein anderes Amerika gibt. Es ist dies das Amerika, das wirklich für Freiheit und Demokratie steht. Es ist in der Tat so, wie Arno Widmann schreibt. Wer ein Denkmal errichtet, möchte, dass wir zu ihm aufschauen. Und wer es niederreißt, lehnt es ab, zu ihm aufzuschauen. Auch in der Bundesrepublik kennen wir die demagogische Hetze der Rechtsradikalen, der Holocaust-Leugner und der Neonazis, die etwa gegen das Holocaust-Mahnmal in Berlin zu Felde ziehen. Donald Trump schlägt sich klar auf die Seite der Rassisten und Menschenverächter, auf die Seite derer, die für die Verneinung der Menschenwürde für alle Menschen demonstrieren. Es gibt also Parallelen zwischen den deutschen Nazis und den amerikanischen Nazis. Fragwürdige Traditionspflege, ja Verherrlichung des NS-Staates haben wir in diesen Tagen erneut bei der Bundeswehr entdeckt. Es ist unerträglich, dass in der sogenannten freien Welt Rassismus und Rechtsradikalismus noch immer so präsent sind. Der Schoß ist fruchtbar noch, auch in der Bundesrepublik, wie wir jeden Tag durch rechtsradikale Übergriffe, Nazi-, Pegida- und AfD-Hetze erleben müssen. Das Machtspiel, von dem Arno Widmann schreibt, muss in der Tat global auf der ganzen Welt ausgetragen werden. In diesen Tagen erinnern wir uns an die Schande von Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren. Und heute wären mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder braune Horden unterwegs, um Menschen anzugreifen. Wir müssen uns alle immer wieder bewusst machen, dass Demokratie und die Werte der Menschlichkeit überall auf der Welt erkämpft werden müssen. Hier haben gerade wir Deutsche eine große Verpflichtung, denn die Schuld dieses Volkes ist nach wie vor einmalig. In den USA wird es Zeit, dass sich die Zivilgesellschaft mit allen ihr zur Verfügung stehenden legalen Mitteln gegen diesen Rassisten im Weißen Haus stellt und dessen Amtsenthebung

  17. @ deutscher Michel

    Ihre Frage impliziert, dass man keinem Menschen ein Denkmal stellen sollte, weil mit Sicherheit jeder Geistesriese auch ein paar schwache Minuten hatte, in denen er dummes Zeug geredet hat – oder zumindest missverständliches.

    In Sachen Missverständlichkeit komme ich zum zweiten:
    Ich kenne den Zusammenhang nicht, in dem dieser Satz steht. Aber wenn ich ihn einzeln lese, bin ich geneigt ihn so zu lesen, dass er nur schwer als Ausdruck einer unterschiedlichen Bewertung von Schwarz und Weiß genommen werden kann. Lincoln redet da ausdrücklich von einem physischen Unterschied und nicht von einem psychischen, er spricht also nicht von Charakter oder Intelligenz, sondern bezieht sich nur auf die Farbe, die allgemein auch heute noch als Fakt anerkannt ist. Für mich ist dieser alleinstehende Satz eher als Klage über die Dummheit der Menschen zu lesen, die nach Lincolns Meinung nie in der Lage sein werden, über diesen Farbunterschied hinwegzusehen. In der Sache ist er das zumindest teilweise widerlegt.

    Aber ich halte es für einen grundsätzlichen Fehler, die Denkmäler der Vergangenheit alle zu schleifen, sobald der Inhalt nicht mehr passt. Fehler sind eine wichtige Basis kulturellen Lernens und die Fehler von gestern die Voraussetzung heutiger Erkenntnis. Was man an Denkmälern aus schlimmen Zeiten, wenn man sie behält, vielleicht ändern sollte, sind Ort und Text.

  18. @ deutscher Michel

    Ich sagte bereits, dass man abwägen muss, ob man das Denkmal einer historischen Persönlichkeit, die ihrer Zeit entspechend noch nicht so aufgeklärt war wie wir heute, stehen lassen oder abreißen soll. Wie sich Amerikaner im Fall Lincolns entscheiden, habe ich nicht zu bestimmen. In Deutschland würde ich nicht dafür plädieren, dass ein Lutherdenkmal wegen dessen Antisemitismus abgebaut werden muss. Wenn es aber mit dieser Begründung geschähe, würde ich Protestanten, die deswegen Demonstranten totfahren, aufs strengste verurteilen.

  19. @ deutscher Michel und Frank Wohlgemuth

    Ich habe mir den oben zitierten Text im Original angesehen (What Lincoln Said at Charleston…in Context, cwcrossroads.wordpress. com). Er entstammt einer Wahlkampfrede von 1858, also von vor dem Bürgerkrieg. Die Äußerungen sind noch schlimmer, als es das Zitat annehmen lässt. Lincoln spricht sich gegen Heiraten zwischen Weißen und Schwarzen aus und gegen das Richter- und Geschworenenamt für Schwarze. Er begründet das mit seiner Überzeugung, dass die weiße Rasse der schwarzen überlegen sei.
    Lincoln hat sich zwar für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt, weil er den Schwarzen das Recht zubilligte, eine freie Arbeit aufzunehmen und damit für ihre Familie zu sorgen. Dennoch war er ein Kind seiner Zeit, was das Überlegenheitsgefühl der Weißen anbetraf.
    Ob er diese Auffassung in den Jahren bis zu seinem Tod korrigierte, ist nicht bekannt.

  20. @Frank Wohlgemuth:
    Keineswegs bin ich gegen das Aufstellen von Statuen (auch wenn wirklich JEDER mal danebenliegt).
    Ich wollte lediglich belegen, dass Lincoln eindeutig ein überzeugter Rassist war, der aber (als Kriegs-Gewinner) zu den Guten gerechnet wird.

    Natürlich rechtfertigt der geplante Abriss einer Statue keinen Mord (sollte sich das Überfahren der Gegendemonstrantin als solcher herausstellen, ist er mir der absoluten Härte des Gesetzes zu ahnden).

    Was hier aber meiner Ansicht nach zu kurz kommt, ist die Frage der Zusammensetzung der zwei aufeinanderprallenden Blöcke (auf der einen Seite mit einem hohen Anteil an Antifa, auf der anderen Seite mit einem hohen Anteil an Nazis – sehr unschön auf beiden Seiten, wie Trump treffend bemerkte).
    Dass sich der Rest beider Blöcke eben nicht (nur) aus Extremisten zusammen setzte, wird hier (einseitig) unterschlagen.
    Dem sog. white trash, dem wirklich ncht mehr viel bleibt (bzw. der durch die Affirmative Action noch zusätzlich benachteiligt wird) soll m.E. durch den Abbau der Staute nochmal richtig vors Bein getreten werden.

  21. Ich halte grundsätzlich wenig von Gegendemonstrationen, bei denen Rechte und Linke direkt aufeinandertreffen. Das führt meist zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und hat keine politische Wirkung. Ich finde es besser, wenn Gegendemonstrationen an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit stattfinden.

  22. Militärische Heldenverehrung geht zumeist einher mit der bewussten Verdrängung der Ursachen, die zu einem Krieg geführt haben. Das gilt auch für den amerikanischen Sezessions- oder Bürgerkrieg („Civil War“). Er war die verlustreichste Auseinandersetzung, die je auf dem Boden der USA ausgefochten wurde. Mindestens 620.000 Menschen kamen dabei ums Leben. Damit hatte er mehr Todesopfer gefordert als jeder andere, an dem das Land im Laufe seiner bisherigen Geschichte beteiligt war. Als er endete, war der Süden, der den Kampf herausgefordert hatte, über weite Strecken ein verwüstetes, wirtschaftlich ruiniertes Land.

    Eine umfassende Aufarbeitung dieser Katastrophe war fast ausschließlich auf akademische Kreise beschränkt; das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit ist sogar bis in die Gegenwart von Legenden geprägt, die den Charakter von Geschichtsklitterung tragen. Solche fand beispielsweise Eingang in Margaret Mitchells Schmachtfetzen „Vom Winde verweht“ aus dem Jahr 1936, dem in Deutschland vermutlich populärsten Beispiel einer Verfälschung der US-amerikanischen Historie.

    Vorbild für diese sowie weitere zahlreiche Verdrehungen der Tatsachen war eine Veröffentlichung von Edward Pollard von 1866 mit dem Titel „The Lost Cause: A New Southern History of the War of the Confederates“. Seither wird mit „The Lost Cause“, der „verlorenen Sache“, das revisionistische Geschichtsverständnis bezeichnet, das sich nach der Niederlage der Südstaaten dort entwickelte und sich bis heute gehalten hat. Äußerlich spiegelt sich dieses vor allem in der Verherrlichung konföderierter Armeeführer wie Robert E. Lee wider, die in Form von unzähligen steinernen oder kupfernen Statuen bis heute der Bevölkerung präsent sind. Auch das Zeigen der Flagge der Konföderation gehört in manchen Regionen immer noch zum guten Ton.

    Der Ausbruch des Kriegs war von Südstaaten durch ihren Austritt aus der Union bewusst in Kauf genommen worden. Vorrangig ging es dabei um die Kompetenzen der Einzelstaaten und um die Frage, ob die USA eine Union oder lediglich ein Staatenbund wären. Das Festhalten an der Sklaverei war für den landwirtschaftlich strukturierten Süden mit seiner gesellschaftlichen Feudalstruktur zu einer Überlebensfrage geworden. Hätte er seine Arbeitskräfte so entlohnen müssen wie es im industrialisierten Norden üblich war, wären exportierte Güter wie Erdnüsse, Baumwolle, Zuckerrohr oder Tabak auf den europäischen Märkten nicht mehr konkurrenzfähig gewesen. Auch die befürchteten Reaktionen von Großbritannien und Frankreich auf Schutzzölle für Industrieprodukte, die von den Nordstaaten regelmäßig erwogen wurden, hätten dem Süden das Auslandsgeschäft verdorben. Deswegen stand die Sklavenfrage immer im Hintergrund des Streits zwischen Süd- und Nordstaaten, auch wenn sie nicht der eigentliche Anlass der Sezession war. Der Norden, dem auch die Sklavenhalterstaaten Missouri, Kentucky, Maryland und Delaware angehörten, wollte den Bestand der Union sicherstellen und setzte langfristig auf die Überlegenheit der Industriegesellschaft mit demokratischen Strukturen, in welcher die Sklaverei keinen Platz würde haben können.

    Ein typisches Zeichen der im Süden verbreiteten Doppelmoral war die Tatsache, dass den Sklaven keine Bürgerrechte zugestanden wurden und sie folglich auch nicht wählen durften. Aber sie wurden zu drei Fünfteln der Bevölkerungszahl zugerechnet, was die Zusammensetzung der Wahlbezirke und die Anzahl der Abgeordneten, welche die Bundesstaaten in Repräsentantenhaus und Senat entsandten, beeinflusste. Die rechtlosen Sklaven vergrößerten mit ihren vier Millionen Menschen die nominelle Gesamtbevölkerung um 2,4 Millionen. Dass sie noch unterhalb der ärmsten Weißen rangierten, stabilisierte die im Süden ausgeprägt vorhandene Klassengesellschaft. Ähnliches ist dort bis heute zu beobachten. Selbst der dümmste und bigotteste Weiße fühlt sich den Farbigen überlegen. Als der siegreiche Norden den Schwarzen durch die Verfassungsartikel 13, 14 und 15 Freiheit, Bürger- und Wahlrecht bescherte, war dies im Süden nach über Jahrzehnte nicht voll durchzusetzen. Sie blieben noch sehr lange Bürger zweiter Klasse.

    Die versäumte Aufarbeitung der Geschichte war und ist der Nährboden für Rechtsextremisten, US-Nazis und den Ku-Klux-Klan. Dem vermeintlichen Rebellen-Ethos der Konföderation hängen in nennenswerter Anzahl die sozial Abgehängten an. In devoter Ehrerbietung huldigen sie jenen, die einen Sozialstaat USA seit über einhundert Jahren verhindern. In der Person von Donald Trump haben sie ihren neuen Helden gefunden.

    Mir erscheint es allerdings zweifelhaft, ob durch die Demontage der Denkmäler von Bürgerkriegsgenerälen wie in Charlottesville das Problembewusstsein gefördert werden kann. Es könnte nützlicher sein, die Anzahl der Toten in die Statuen einzumeißeln, die auf das Konto dieser Führer gehen. Das wäre dann auch ein Beispiel für deutsche Kriegerdenkmäler einschließlich der Namen von Bundeswehrkasernen.

    Im Übrigen empfiehlt sich zur Beurteilung des Sezessionskriegs und seiner immer noch vorhandenen Folgen die Lektüre des Buches von James M. McPherson: „Für die Freiheit sterben“ (amerikanischer Originaltitel „The battle cry of freedom), das seit 1988 in deutscher Übersetzung vorliegt und als die wichtigste Veröffentlichung zu diesem Thema gilt. McPherson erhielt dafür 1989 den Pulitzer Preis.

  23. @Klaus Philipp Mertens:
    das Inkaufnehmen eines Krieges heißt ja wohl nicht, ihn herbeizusehnen. Sicherlich hätten die „Südstaaten“ lieber einfach in Ruhe gelebt.

    Und nicht, dass ich falsch (als Befürworter der Sklaverei) verstanden werde: Fraglich ist, ob die Entlohnung im „Norden“ (rein materiell gesehen) wirklich viel besser war als im „Süden“, wo die Gesundheit der Arbeitskräfte an sich ein schützenswertes Gut war (hire & fire ging ja nicht).

  24. @ deutscher Michel

    Als ob es den Sklaven allein um die materielle Absicherung gegangen wäre! Sie wurden geschlagen, gedemütigt, wie Vieh verkauft, die Familien wurden auseinandergerissen (wenn sie überhaupt die Heiratserlaubnis bekamen), die Frauen von den Sklavenhaltern vergewaltigt etc.
    Das ist doch nun wirklich zu Genüge dokumentiert.

  25. @ deutscher Michel

    Die historisch nachweisbare Faktenlage (siehe McPherson) würde nach dem Maßstab des deutschen Strafgesetzbuches dem Eventualvorsatz entsprechen. Ein solcher liegt vor, wenn der Täter den eingetretenen Taterfolg als Folge seines Handelns ernsthaft für möglich hielt und ihn zugleich billigend in Kauf nahm. So urteilte der Bundesgerichtshof in mehreren Leitsatzentscheidungen.
    Wer durch sein Handeln einen Krieg in Kauf nimmt, schließt ihn nicht aus und macht ihn zum möglichen Instrument seines Handelns.

    Die Entwertung des Menschen zu einer Sache, an der man Verfügungsrechte erwerben kann (und Sklaverei ist nichts anderes), ist grundsätzlich ein aggressiver Akt gegen die Menschenwürde. Man kann das Beharren der Südstaaten auf solchen Erniedrigungen allenfalls satirisch als „in Ruhe leben wollen“ bezeichnen. Denn man möchte von der Demokratie und den Menschenrechten in Ruhe gelassen werden (siehe aktuelles Wahlprogramm der AfD).

    Im Übrigen ist es nicht fraglich, ob die Kosten, die durch die Löhne der Industriearbeiter entstanden, höher waren als die Aufwendungen, die bei der Sklavenhaltung entstanden. Sie waren es! Politiker der Südstaaten hatten dazu selbst Vergleiche errechnen lassen. Denn in Frankreich, das sich zwar bereits in der nachrevolutionären Phase befand (Napoleon III), wurde die Sklaverei dennoch sehr kritisch gesehen (betroffen war davon auch ihre einstige Kolonie Lousiana!). Eine Umstellung der Wirtschaft auf normale Verhältnisse hätte einerseits die Profiterwartungen der Plantagenbesitzer und andererseits die erzielbaren Preise erheblich nach unten korrigiert. Die Qualifizierung der Lohnarbeiter hätte auch ein allgemeines Schulsystem (was Steuererhöhungen geführt hätte) notwendig zugemacht, das damals nicht vorhanden war.
    Auch hierzu sei auf die zahlreichen Materialien verwiesen, die in McPhersons Buch enthalten sind. Das Buch ist in vielen Stadtbüchereien vorhanden. Es zu lesen, schützt vor Spekulationen.

  26. @Brigitte Ernst:
    Ihr Hinweis auf das dokumentierte Schicksal der Sklaven war als Antwort auf meinen letzten Kommentar überflüssig – es dürfte klar sein,dass die Qualität des Daseins nicht nur vom Materiellen abhängt. Die miserable Behandlung der Sklaven habe ich niemals in Frage gestellt!

  27. @ deutscher Michel
    Dann verstehe ich nicht, was der Satz soll:
    „Fraglich ist, ob die Entlohnung im Norden ……“.

  28. @Brigitte Ernst:
    Es ging mir um den von K. P. Mertens gezogenen Vergleich mit der Art der Entlohnung im Norden.

  29. @ deutscher Michel

    Bereits die ersten Sätze des von Ihnen verlinkten Textes sind so absurd, dass ich keine Lust verspüre, weiterzulesen.
    1. Trump sage, was er denke und setze das um, was er sage? Dem Autor müssen die vielen 180-Grad-Wendungen dieses Präsidenten entgangen sein, z.B. bei seiner Haltung zu Russland und der Mauer zur Abgrenzung von Mexiko, die er nie und nimmer bauen wird, schon gar nicht finanziert von Mexiko selbst.
    2. Der Autor stellt richtig fest, dass Trump kein geeigneter Politiker sei. Dass er dies auch gar nicht sein wolle, wird dadurch widerlegt, dass er immerhin das höchste politische Amt der USA ausübt. Ist er damit kein Politiker?

    Einen solchen Text kann ich nicht ernst nehmen.

  30. @ Brigitte Ernst:
    Zweifelsohne hat Trump in einigen Punkten (leider) eine Kehrtwendung hingelegt – in einem wichtigen Punkt (Infrastruktur / Energieversorgung) der in Deutschland meines Erachtens komplett im Argen liegt, handelt er jedoch stringent.
    In Punkto 180°-Wendungen liegt Deutschland auch vor den USA (Beispiele: Atomausstieg, beständiges Brechen von Verträgen im Zusammenhang mit der Währung, etc.)

  31. @ Brigitte Ernst, 31. August 2017 um 1:25

    Geht mir ganz genau so.
    Fängt schon damit an, dass alles, was dem Kotau vor dem „größten Präsidenten aller Zeiten“ entgegensteht, als „Geschwafel“ bezeichnet wird. Völlig unerträglich wird’s, wenn das Hohe Lied auf Gas (woher? Fracking?) und Kohle (um welchen Preis?) gesungen wird, Umweltaspekte aber nicht einmal erwähnt werden.

  32. @ deutscher Michel

    In der Tat, Trump handelt stringent, wenn er aus einem Abkommen austritt, das 145 Staaten aus gutem Grund unterzeichnet haben. Glauben Sie wirklich, dass er mehr von Umweltfragen versteht als die führenden Wissenschaftler in diesen Staaten (sein eigener eingeschlossen)?

    Aus Ihrem Bedauern über die von mir genannten Kehrtwendungen schließe ich, dass Sie die von mir genannte Mauer an der mexikanischen Grenze befürworten und für umsetzbar halten.

    Nachdem Sie sich hier als Trump-Verehrer geoutet haben und bei Betrachtung Ihrer übrigen Beiträge hier im Blog, gehe ich davon aus, dass Sie bei der Bundestagswahl Ihre Stimme der AfD geben.

  33. @Brigitte Ernst:
    die geplante Mauer zu Mexiko sehe ich relativ neutral – sie existiert als Zaun schon lange und meine mexikanischen Verwandten haben sogar Verständnis für das Vorhaben.
    Ich bin definitiv kein Trump-Verehrer, aber in den von mir genannten Punkten (insb. in puncto Energieversorgung) bin ich in der Tat auf seiner Seite. Dass ich den Klimawandel für nicht menschengemacht halte (die dafür notwendigen Rückkopplungsprozesse bezüglich des schwachen Klimagases CO2 sind sehr spekulativ), haben Sie und Herr Engelmann richtig erkannt. Kernenergie und Verbrennung von fossilen Brennstoffen sind aus meiner Sicht (aufgrund der Energiedichte und Verfügbareit) unschlagbar und wesentlich umweltfreundlicher als Windkraftwerke (deren ökologische Nachteile anscheinend nicht zählen).

  34. @ deutscher Michel

    Dass fossile Brennstoffe eben nicht unbegrenzt verfügbar sind, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Und solange die Endlagerung des Atommmülls immer noch nicht geklärt ist, sehe ich hier auch keine Zukunft, es sei denn, wir wollen unseren Nachkommen ein strahlendes Erbe hinterlassen. Ich halte das für verantwortungslos.

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