Gescheitert

Zum Prozess im Fall Dominik Brunner und insbesondere zum FR-Text „Löwenherz“ schickt Dr. Heinz-Ulrich Nennen aus Münster mir einen Leserbrief, den ich seiner Länge wegen hier als Gastbeitrag veröffentliche:

„Moment einmal, auf Emotionalisierung hat doch die Presse auch im Fall Brunner selbst gesetzt. Niemand hat vor allem auch die Qualitätsblätter dazu verdonnert oder doch? Der Heldenmythos ist daher auch kein Betriebsunfall, denn das Ganze hat System. Der Sockel wurde aus Zeitungsstapeln errichtet, so etwas hält ohnehin kaum.

Ich verfolge diesen Fall nun schon seit Monaten, weil mir nie nachvollziehbar war, wie bei einer solchen Begegnung ein Handgemenge so eskalieren kann. Meine Vermutung war, daß man auch solchen Jugendlichen mit Respekt begegnen sollte, ja, mit dem Respekt, den jeder Mensch als ein solcher verdient. Es mußte daher irgendetwas geschehen sein, von dem die Öffentlichkeit nichts wußte, nichts wissen sollte.

In einem von mir moderierten Philosophischen Café und auch in Seminaren habe ich diesen Fall beim jeweiligen Erkenntnisstand immer wieder als Beispiel zur Diskussion gestellt. Im Philocafé ging es ums „Scheitern“, und meine These war, gescheitert ist auch der, der nicht wieder heil aus einer Situation wieder herauskommt. Im übrigen habe ich immer wieder zum Ausdruck gebracht, daß da irgendetwas nicht stimmte, nicht stimmen konnte. Nun darf es also auch die Presseöffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, daß wieder einmal erst die Presse war und dann kam die Welt, wie Karl Krauss es seinerzeit bereits monierte.

Wir werden an der Nase herumgeführt. Warum setzen unsere Medien immerzu auf Emotionalisierung? Nichts und niemandem ist damit geholfen, jetzt windet man sich und blamiert sich endgültig mit der offenen Frage, wie man dem Opfer den Rang des Helden wieder aberkennen kann, dabei hat man doch selbst erst dieses einfach gestrickte Motiv in die Debatte gebracht. Da hat jemand Zivilcourage gezeigt und wurde sofort totgeschlagen, das war es doch, was wir hatten zur Kenntnis nehmen sollen.

Nun geht es weiter, wie bei einem Hund, der sich schüttelt, wenn Kritik aufkommt, man schüttelt sich und schon ist alles weg. Medien befassen sich mit nichts so gern, wie mit sich selbst, jetzt sind es wieder andere gewesen. Es ist bemerkenswert, wie auch in diesem Artikel wieder Asche gestreut wird, aber kein Stäubchen davon aufs eigene Haupt fällt.

Ja gewiß, jetzt wird ruchbar, dass wieder einmal die Staatsanwaltschaft auch eine Rolle spielt. Man möchte in der Tat fordern, daß es staatsanwaltschaftliche Vorermittlungen gegen die beiden Staatsanwaltschaften von München und Mannheim geben möge, dort, wo Kachelmann einsitzt. Man möchte daran erinnern, dass Staatsanwaltschaft und auch Presse schon einmal vertrauenswürdiger waren, inzwischen aber zum Teil von Selbstinszenierungen werden. Only a bad world is a good world.

Sollen wir an den geborenen Täter im Mann glauben? Sollen wir annehmen, daß in jedem Jugendlichen ganz schlimme Täter ruhen, die jeder Zeit aufgeweckt werden könnten, vielleicht durch einen einzigen falschen Blick? Warum stellt man uns komplexe Situation immer so und nicht anders dar? Warum kümmern sich die Vertreter der Anklage nicht auch um Entlastung? In welcher Welt leben wir und in welcher Welt wollen wir leben? Aber wie heißt es so schön anderwärts: What you see is what you get.

Hier werden Klischees bedient, eines schlimmer als das andere. Hier wird auf Erregung spekuliert und Menschenbilder werden vertreten, die nicht haltbar sind.

Es ist eine Unart, immer erst zu moralisieren, bevor man überhaupt verstanden hat, was eigentlich vorgefallen sein kann. Es ist unerträglich, wenn staatliche Institutionen des Rechts daran drehen, daß ein falscher Eindruck entsteht. Man nennt so etwas Betrug, das Erzeugen und das Aufrechterhalten eines Irrtums aus niederen Beweggründen. Dazu zählt die Gewinnsucht ebenso wie die Sucht nach Prestige, dazu dürfte auch gehören, daß manche Diskurse selbst korrupt sind und ganz gewiß solange nicht wieder zur Vernunft kommen können, bis solche Manipulationen an der öffentlichen Meinung nicht unterbleiben.“

15 Kommentare

  1. Karl sagt:

    Da ich den Sachverhalt nur aus Darstellungen kenne ist bei der Bewertung sicher Vorsicht geboten. Die bis zum Schwachsinn reichende Dichtomie bei der Schilderung in der Veröffentlichten Meinung lässt zudem den Wunsch nach einfach strukturierten Ursachen durchscheinen. Ursachen die möglichst gut instrumentalisierbar sind und gleichzeitig ohne Selbstreflektion bemühen zu müssen, mit einfachen Schuldzuweisungen abzuladen sind.

    Allerdings stimmt mich auch folgendes nachdenklich:
    „Ich verfolge diesen Fall nun schon seit Monaten, weil mir nie nachvollziehbar war, wie bei einer solchen Begegnung ein Handgemenge so eskalieren kann.“

    Praxisorientierte Menschen könnten hier natürlich einwenden: “ Noch nie blitzartig von erlebnisorientierten Jugendlichen angegriffen worden?“

    Denn von Gepöbel bis zu GefKV mit Todesfolge oder gar Mord ist alles möglich; Verwendung von Hieb- und Stichwaffen inklusive. Zudem trägt ein entsprechender BTM/Alk-Konsum noch zur Enthemmung bei, fargen Sie mal einen PVB nach dem Tilidin-Problem…..

    „Meine Vermutung war, daß man auch solchen Jugendlichen mit Respekt begegnen sollte, ja, mit dem Respekt, den jeder Mensch als ein solcher verdient.“

    Dagegen ist abolut nichts einzuwenden, solange sich alle daran halten; nur sehen das entsprechende Agressoren regelmäßig anders, sonst würden die Opfer kaum so erheblich geschädigt. In einesm solchen Fall ist jedes Einschreiten das einen entsprechend gegenwärtigen Angriff abwendet angemessen! Herr Brunner hat nicht angemessen reagiert, angemessen wären Aktionen die zur sofortigen Kampfunfähigkeit der mutmaßlichen Täter führt.

    „Es mußte daher irgendetwas geschehen sein, von dem die Öffentlichkeit nichts wußte, nichts wissen sollte.“

    Was genau meinen Sie damit? In einer solchen Situation haben Sie nur zwei Möglichkeiten, sich durchsetzen oder ausweichen.

    MfG Karl Müller

  2. Abraham sagt:

    Dr. Nennen übersieht mit seinem überheblichen Ratschlag, Brunner hätte „Respekt“ zeigen müssen, dass der Konflikt nicht erst auf der S-Bahn-Station Solln entstanden ist. Brunner hat Zivilcourage gezeigt, als er sich vor die Kinder gestellt hat, die von den Jugendlichen angegriffen und erpresst wurden, und ihnen Begleitung angeboten hat. Diese Situation hat er noch ohne Gewalt meistern können, doch die Täter haben den Konflikt nicht beendet und sind Brunner und den Kindern gefolgt.

    Offensichtlich hat Brunner später in Solln die Situation und seine Möglichkeiten falsch eingeschätzt, was möglicherweise zur Eskalation beigetragen hat. Deshalb wird er nicht zum Täter und seine Totschläger werden nicht zu Opfern.

    Für problematisch halte ich aber die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, Anklage wegen Mord zu erheben.

  3. Karl sagt:

    @ Abraham

    Hallo,

    das sehe ich ähnlich. Taktisch mag er sich verschätzt haben, mit dem kardiologischen Vorfall leider sehr unglücklich verbunden.
    Das Einschreiten an sich ist ihm, ohne Garantenstellung, jedenfalls hoch anzurechnen.

    Die von allerlei Relativierern gerne verwendete Inversion der Schuldzuweisung ist schlicht zum kotzen!
    Jedem dieser „Gewaltversteher“ wünsche ich eine ebensolche Erfahrung ohne Hilfe.

    Was die Tatbestandsmerkmale für Mord angeht, da hängt die Würdigung der Handlungen sicher sehr von der Ausdifferenzierung des Schadensbildes nach Vorschädigung und Einwirkung durch die Täter angeht. Sollten diese von dem dann erkennbar Wehrlosen nicht abgelassen haben, so würde ich auf niedrige Beweggründe plädieren…..

    MfG Karl Müller

  4. Max Wedell sagt:

    @Karl,

    herzlichen Dank für die Formulierung: „Noch nie blitzartig von erlebnisorientierten Jugendlichen angegriffen worden?“ Habe sehr lachen müssen, obwohl es das Thema selber eigentlich nicht verdient.

    Ansonsten muß ich Ihnen zustimmen. Bzgl. Dr. Heinz-Ulrich Nennens Bewertung des eigentlichen Vorfalls habe ich auch den Eindruck, hier schreibt jemand von der Warte eines Elfenbeinturms aus.

    Seine Medienkritik ist schon eher nachvollziehbar, aber es ist eher eine Kritik an der Psychologie des Menschen. Im Angesicht von unvollständigen Informationen (und die Informationen der Behörden sind IMMER unvollständig, anfangs sowieso ganz besonders) neigt der Mensch eben dazu, das Unvollständige mit Vermeintlichem zu ergänzen, sodaß es dann ein stimmiges Bild ergibt. Selbst wenn man die absichtsvolle Meinungssteuerung mal wegließe würde das passieren, aus dem Unbewußten heraus, denn der Mensch mag nun mal keine unvollständig bekannten Verhältnisse. Weder der, der den Artikel schreibt, noch der, der ihn liest. Im Grunde gäbe es für die Medien als Ausweg aus dem Problem nur ein Abkopieren aus http://www.polizeipresse.de, ohne weitere Ergänzungen bzw. Wertungen. Wer aber wollte solche Medien konsumieren?

    Ein Problem stellt übrigens nicht nur die Falschinformation über Geschehnisse/Realität dar. Ein Problem ist auch, Geschehnisse/Realität, über die berichtet werden sollte, zu verschweigen (mit Absicht oder ohne Absicht). Letzteres wird nur selten kritisiert, weil das, was nicht gebracht wird, für viele ja auch nicht existiert. Was nicht existiert, kann ja nicht kritisiert werden.

  5. Georg sagt:

    Du hast alles gut im Griff, gute Site und Kudos! Guß an den Blogmeister und Kompliment!
    (bitte nicht publizieren)

  6. Georg sagt:

    Trotzdem will das gemeine deutsche Volk Gerechtigkeit: Fact – Dominik Brunner stellte sich zwischen Kindern und Angreifer. Er ist ein Held (trotz Herzschwäche) und starb totgeschlagen von den Angeklagten.

  7. Bronski sagt:

    *gähn*

    Hallo nur ganz kurz, hier ist euer Bronski. Kommentar 5 steht in einem Zusammenhang, den ihr von außen nicht erkennen könnt. Ich habe mehrere Kommentare von Georg gesperrt, aber der mutmaßlich junge Herr sitzt am Rechner zu einer Zeit, wo andere feiern, nachdem wieder andere totgetrampelt wurden, und grüßt mich.

    Lieber Georg, ich grüße zurück. Und ich sag noch mal: Bitte die Blog-Regeln einhalten. Reden Sie mit, formulieren Sie Kritik an dem Gastbeitrag, auch scharfe Kritik natürlich, warum denn nicht, wenn Sie in der Sache was zu sagen haben, aber … siehe die am häufigsten bemühte Blog-Regel 4. Ja? Danke!

  8. Georg sagt:

    Mal ehrlich, die ersten Komentare sind totaler Schwachsinn. Die Absender sollten mal arbeiten (oder in der U-Bahn/S-Bahn/Tram couragiert in Problemsituationen auftreten). Ihre Wunderwaffe wäre dann „Kopfschmerz anhand fehlender Absätze“.

  9. Bronski sagt:

    Tragen Sie Absätze?

  10. Georg sagt:

    ich geh jetzt auch schlafen. Sorry an Bronski für all die Mühe. Aber die Site ist echt cool. Lieber Bronski, ich möchte mich noch mal entschuldigen für all die Mühe und ich wünsch Dir alles Gute (du bist der Beste).

  11. BvG sagt:

    Da gehts nun hoch her und drunter und drüber.

    Ausgangspunkt ist: Wenn ich eine Fahrkarte löse und mich in ein Transportmittel setze, habe ich ein Anrecht auf den Raum erworben, der gemeinhin Sitzplatz heißt. Dieser Raum ist mein Eigentum und meine Privatsphäre. Niemand hat diese unerlaubt zu betreten. Es gibt Umgangsformen, die es ermöglichen, diesen zu betreten, gemeinhin als Kommunikation beschrieben, die aber gewissen Regeln der Höflichkeit entsprechen muss.

    Zuständig für den Schutz dieser Privatsphäre ist das Unternehmen, dem ich diesen Platz abgekauft habe.
    Verantwortlich für die angemessene Kommunikation sind die Beteiligten. Konflikte sind durch einen Vertreter des Unternehmens (institutionell) zu regeln.

    Wenn „Zivilcourage“ zum Schutz dieser Privatsphäre oder einer Konfliktregelung in der Situation notwendig wird, hat erstens die Kommunikation versagt und, wenn dieses Versagen nicht aufgelöst wird, hat zweitens das Transportunternehmen versagt.

    Die „Zivilcourage“ Brunners war notwendig, weil die „Unternehmenscourage“ versagt hat.

  12. Abraham sagt:

    @ BvG

    Der Erpressungsversuch der Kinder, der der Ausgangspunkt des Konflikts war, fand am Bahnsteig der S-Bahn in Münchner Innenstadt statt, vor Augen vieler Passanten. Sicher müssen die Verkehrsbetriebe genug für die Sicherheit der Passagiere tun, aber die von Ihnen geforderte „Unternehmenscourage“ würde den Einsatz von Hunderten von Bahnpolizisten bedeuten.

  13. Max Wedell sagt:

    @ BvG,

    vergessen Sie mal bitte nicht, daß auch die Eltern der Täter versagt haben, und zwar in einem Umfang, der jegliches eventuelles Versagen der Verkehrsbetriebe weit in den Schatten stellt!

    Oder wollen Sie etwa sagen, daß all jenes Verhalten schon irgendwie in Ordnung ist, das nicht von irgendwem explizit verhindert wird? Und wenn es dann eben nicht verhindert wird, ist nicht der verantwortlich, der das Verhalten an den Tag legte, sondern irgendwer anders, der gerade nicht da war, um es zu verhindern? Eine merkwürdige Vorstellung…

    Überwachungskameras helfen ja erwiesenermaßen bei der Reduktion von Gewalttaten in ihrem Erfassungsbereich. Wer sie einsetzen will, dem schallt dann regelmäßig das Gejaule vom „Überwachungsstaat“ entgegen. So gehts also auch nicht. Hunderte von Bahnpolizisten wären nicht nur kostentechnisch unmöglich, sondern der Bürger würde auch (mit Recht diesmal allerdings) sich in die DDR versetzt fühlen, und auch wieder meckern. Das Unternehmen muß also für Sicherheit sorgen, aber bitte so, daß niemand sich gestört fühlt. Na viel Spaß dabei!

  14. Michael G. Hoffmann sagt:

    „….., gescheitert ist auch der, der nicht wieder heil aus einer Situation wieder herauskommt.“ Eine interessante These. Meine Frage nun an Dr. Heinz-Ulrich Nennen: Gilt diese Ihre These auch für die neunzehn Todesopfer der Loveparade in Duisburg?

  15. BvG sagt:

    @abraham

    Gegen den Einsatz hunderter von Bahnpolizisten habe ich überhaupt nichts einzuwenden, das ist besser als eine Öffentlichkeit, in der Einzelne glauben gemacht werden, sie seien zur Aufrechterhaltung der Sicherheit befugt oder, im Gegenteil, befugt zur Störung dieser Sicherheit.
    Wenn man solche Ordnungskräfte nicht will, dann ist man gezwungen, solche tragischen Geschichten einfach hinzunehmen.
    Das Verkehrswegenetz ist nicht irgendein öffentlicher Raum und nicht umsonst wurde der personellen Präsenz und Ordnungsbefugnis dieses Personals früher mehr Gewicht beigemessen.
    Ich behaupte, dass gerade die Abwesenheit von „zuständigen Personen“, von mir aus auch Autorität, und eines gepflegten Umfeldes zu solchen Übergriffen führt, da sich manche Menschen von einer solchen „Autoritätslücke“ magisch angezogen fühlen und suchen, diese zu füllen.

    Der Hinweis auf die untätigen Umstehenden ist interessant, denn man sollte wirklich mal überlegen, was diese hätten tun sollen oder müssen und dann müsste man die Öffentlichkeit, die ja gerade in letzter Zeit immer wieder zur „Zivilcourage“ aufgefordert wurde, auch mal darüber informieren, was denn tatsächlich in einem solchen Fall zu tun ist. Ansonsten besteht die Gefahr, dass helfende Gruppen genauso gefährlich übereagieren, wie die Täter oder einzelne Helfer, bzw. Helfer zu Opfern werden.

    Da wäre unter Umständen eine „Amtsperson“ oder ein „Bahnpolizist“, der sich der Solidarität der Umstehenden sicher sein kann, die beste Lösung.

    @wedell

    Ich habe keinesfalls irgendwen der Beteiligten von der Verantwortung für sein Tun freigesprochen. Siehe den Satz über Kommunikation.