Mitten aus dem Leben gerissen

Gestern Abend gegen 20 Uhr, Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin, Breitscheidplatz. Ein Sattelschlepper durchbricht die Absperrungen um den Markt und rast eine Gasse zwischen den Ständen entlang, ehe er rund 80 Meter weiter zum Stehen kommt. Er tötet dabei neun Menschen sofort und verletzt etwa 50 Weihnachtsmarktbesucher zum Teil schwer. Inzwischen, 21 Stunden später, ist die Zahl der Opfer auf zwölf gestiegen. 14 Schwerstverletzte werden noch in Berliner Krankenhäusern behandelt, zehn weitere Verletzte werden stationär versorgt. Auf dem Beifahrersitz findet die Polizei einen Toten, der möglicherweise einmal der Fahrer des — vielleicht gekaperten — Sattelschleppers war. Der Mann wurde erschossen. Der Fahrer ist verschwunden. Ein Mann pakistanischer Herkunft wurde etwa einen Kilometer vom Tatort festgenommen. Er galt zuerst als tatverdächtig, aber inzwischen ist sich die Polizei nicht mehr so sicher. Der Verdächtige selbst bestreitet die Tat. Der Lkw gehört einer polnischen Spedition mit Sitz bei Stettin und hatte in Berlin pausiert. Die Generalbundesanwaltschaft hat die Ermittlungen an sich gezogen.

breitscheidplatzDiese nüchternen Worte lassen das Entsetzen über die Mordtat höchstens zwischen den Zeilen durchblitzen. Ich formuliere bewusst sachlich, weil es auch jetzt, knapp einen Tag nach der Tat, noch keine hinreichenden Informationen über ihre Hintergründe gibt. War es ein Terroranschlag? Dann müsste eigentlich bald ein Bekennerschreiben auftauchen. Bisher ist das nicht geschehen. Der Tathergang erinnert aber an das Attentat von Nizza vor rund fünf Monaten, das einen islamistischen Hintergrund hatte.

Der Täter von Berlin scheint noch auf freiem Fuß zu sein. Er ist vermutlich bewaffnet. Es könnte auch eine Amoktat gewesen sein. Dass Amokläufe nicht zwangsläufig immer aus dem Affekt passieren, sondern dass ihnen eine gewisse Planung vorangehen kann, haben wir am Beispiel des Amoklaufs von München am 22. Juli erlebt. Der Lkw könnte etwa gegen 16 Uhr gestern Nachmittag gekapert worden sein, vier Stunden vor der Tat; GPS-Daten belegen, dass der Lkw zu diesem Zeitpunkt mehrmals gestartet wurde. Ebenso wenig ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt auszuschließen, dass es sich um die Tat eines geistig Verwirrten handelt. Deswegen ist es derzeit noch zu früh, um über Konsequenzen zu reden.

Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit

Wir wussten alle, dass so etwas jederzeit passieren kann. Wir leben mit dieser Bedrohung seit dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo. Es gibt nichts, was uns hundertprozentige Sicherheit vor solchen Gefahren gewähren könnte. Selbst in einem Überwachungsstaat wäre eine solche Mordfahrt wie die vom Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche wahrscheinlich nicht zu verhindern gewesen. Nun ist es also passiert. Weitere Anschläge dieser Art sind nicht auszuschließen. Wir müssen mit dieser Gefahr leben. Es wird sich wohl nicht verhindern lassen, dass sie unser Leben verändert, aber wir sollten das nicht zulassen.

Wir trauern um die Opfer vom Breitscheidplatz. Zwölf Menschen wurden mitten aus dem Leben gerissen, die auf diesen Weihnachtsmarkt gegangen waren, um Glühwein zu trinken, vielleicht eine Bratwurst zu essen, Lebkuchen zu kaufen oder sich in Sachen Weihnachtsgeschenke inspirieren zu lassen — völlig normale Dinge, die Menschen in dieser Jahreszeit in Deutschland eben tun. Wir sind mit unseren Gedanken bei den betroffenen Familien, die Opfer zu beklagen haben, und wünschen ihnen die nötige Kraft für diese schwere Prüfung. Wir hoffen, dass all jene überleben, die jetzt noch medizinisch versorgt werden, und dass ihre Wunden schnell heilen, die körperlichen wie die psychischen. Und natürlich hoffen wir, dass die Sicherheitsbehörden die Tat rasch aufklären, damit die Verarbeitung beginnen kann.

Dies ist nicht möglich, solange eine Frage unbeantwortet bleibt: Warum?

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31 Kommentare

  1. BvG sagt:

    Nicht berichten!

  2. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Es gibt keine absolute Sicherheit. Diese Einsicht darf aber keine Ausrede für fachlichen Dilettantismus und politische Voreingenommenheit sein. Dass Weihnachtsmärkte ideale Angriffsziele für politischen Terror sein könnten, wurde bereits nach den Anschlägen in Paris befürchtet. Doch wurden diese seither tatsächlich innerhalb eines möglichen Rahmens geschützt? Wenn ich zum Vergleich die umfassenden Straßensperren heranziehe, die in Frankfurt bei innerstädtischen Sportveranstaltungen wie dem „J. P. Morgan Corporate Challenge“ zu beobachten sind, muss ich das verneinen. Bürger, die bei der Eröffnung der EZB 2013 an einer legalen Demonstration (Blockupy) teilnahmen und sich nachweisbar nicht an Gewaltaktionen beteiligten, mussten sich unlängst vom Bundesverfassungsgericht belehren lassen, dass sie zu Recht von der Polizei stundenlang eingekesselt wurden. Denn wenn eine ganze Gruppe verdächtig ist, so das Gericht, muss sich auch der Einzelne (gegebenenfalls in einer langen Prozedur) überprüfen lassen. Und das halbherzige Vorgehen gegen Salafisten einschließlich ihrer vermummten weiblichen Anhänger verwundert und verärgert mich jedes Mal. Ist man denn ein besserer Unmensch, wenn man seine Gewaltphantasien als Religion deklariert?

    Bereits seit 3 ½ Jahren (Mai 2013) findet in München der NSU-Prozess statt. Verfolge ich die Berichterstattung in den Medien, habe ich den Eindruck, dass die Angeklagte (Beate Schäpe) die Herrin des Verfahrens ist. Und immer wieder keimt der Verdacht auf, dass der Verfassungsschutz selbst in die Morde verstrickt sein könnte – und sei es durch Unfähigkeit bzw. unterlassenes Handeln.

    Als ich Anfang Oktober 2016 den unbekannten Fahrer eines PKWs, der (bereits vollständig auf dem Privatgrundstück parkend) mindestens eine Stunde die Ein- und Ausfahrt zu meiner Wohnung versperrte, auf sein Fehlverhalten hinwies, schlug er mich nieder und verletzte mich dabei erheblich. Der von mir zur Hilfe gerufenen Polizeistreife erklärte er, er habe sich bedroht gefühlt. Zwei der vier Beamten äußerten an dieser Darstellung erhebliche Zweifel und wiesen auf meine stark blutenden Verletzungen und auf seine offensichtliche Unversehrtheit hin. Mittlerweile wurde das Verfahren (Strafantrag wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch und Nötigung) von der Amtsanwaltschaft eingestellt; es hätte Aussage gegen Aussage gestanden. Nach meinem Eindruck wurde die Ermittlung schlampig und fahrlässig durchgeführt. Faktisch wird durch diese Entscheidung der Frankfurter Justiz das Faustrecht legalisiert, die Unverletzlichkeit der Wohnung aufgehoben und Gewalttäter zum Gesetzesbruch ermuntert.

    Kapituliert der Staat vor Kriminellen, insbesondere vor Neonazis und religiösen Fundamentalisten und konzentrieren sich seine Abwehrmaßnahmen auf vermeintliche Linksextremisten? Die heimlichen Verbündeten des Islamismus, AfD und Konsorten, reiben sich bereits die Hände.

  3. @Klaus Philipp Mertens
    Ich empfinde Ihren Beitrag als pietätlos.

  4. I. Werner sagt:

    Warum? Fragt Bronski, das frage ich mich auch. Warum so viel Hass verbreiten und Menschenleben zerstören? Vor allem, warum lassen sich junge Menschen so instrumentalisieren für eine Ideologie, die ihnen außer einem verheißungsvollem Tod nichts bietet? Ja, darauf hätte ich gerne eine Antwort.

  5. Brigitte Ernst sagt:

    @ I.Werner

    Zu dieser Frage empfehle ich die gestrige ZDF-Sendung „Markus-Lanz-Spezial“. Im Gegensatz zu dem üblichen Mischmasch aus „Promis“ verschiedenster Provenienz hatte der Moderator diesmal zwei Terrorexperten, einen Polizeigewerkschaftler und einen Psychologen geladen, die u.a. versuchten, die Persönlichkeitsmerkmale und mögliche Motive für Terroristen (auch Anders Breivik wurde einbezogen) zu ergründen.

  6. Peter Boettel sagt:

    Den Kommentar von Herrn Mertens finde ich keineswegs pietätlos, vielmwehr beschreibt er die traurige Situation, in der wir uns zurzeit befinden.
    Leider haben in vielen Fällen unsere Sicherheitskräfte – aus verschiedenen Gründen – versagt.
    Aber bei allen Vorkommnissen fallen Seehofer, Söder und anderen Scharfmachern der Union immer nur Polizeistaatsmethoden gegenüber Ausländern ein.
    Gegenüber Anschlägen von Neonazis schweigen sie.
    Ebenso sollten sie endlich nützliche Vorschläge gegen Fluchtursachen umsetzen und z.B. sofort die Waffenlieferungen an die Unterstützer des IS stoppen! Aber davon hört man aus dieser Richtung kein Wort.

  7. @Peter Boettel
    Wenn Herr Mertens angesichts von 12 Opfern meint, dass es jetzt die passende Zeit sei darauf hinweisen, dass er auch ein Opfer (der deutschen Justiz) sei, dann halten Sie das für angebracht? Ich nicht.

  8. Jürgen Malyssek sagt:

    Ich finde, das, was Werner Arning in seinem Leserbrief am 21.12. zu: „Horror in Berlin“ gesagt hat („Jetzt einfach mal still sein“)sehr vernünftig ist. würde nur noch weitergehend ergänzen: Es wird Zeit, dass wir unseren ganzen westlichen Lebensstil ganz tüchtig überprüfen, ohne vor dem Terror einzuknicken. Denn auch bei uns kann es so, sich permanent selbst feiernd, in der überbordenden Konsumgesellschaft nicht mehr weitergehen!

  9. hans sagt:

    Wir bekommen so nach und nach die Rechnung geschrieben für die Flüchtlingspolitik der letzten ca 18 Monate. Es mag den meisten Flüchtlingen gegenüber ungerecht sein, aber es war vorhersehbar und logisch das sich unter den Flüchtlingen Männer vom IS sich befinden. Ob das Kämpfer oder Prediger sind ist in ihrer Wirkung egal. Dagegen kann man nicht viel tun, leider.

  10. Stefan Briem sagt:

    an hans

    Bevor Sie das Attentat von Berlin in Ihre Weltsicht einordnen, wäre wohl ein Wort der Trauer und des Mitgefühls angebracht. Sind Sie dazu nicht fähig, oder warum präsentieren Sie gleich die „Rechnung“?

    Ich schließe mich Bronskis traurigen Worten an. Ich habe mich hier seit mehreren Tagen nicht beteiligt, weil mir Berlin so nahegegangen ist.

    Wenn es stimmt, was bisher bekannt ist, war der Attentäter kein Flüchtling, der mit der großen Welle 2015 aus dem Nahen Osten hereingekommen ist. Sondern er war ein Krimineller, der via Italien gekommen ist. Aber das spielt ja keine große Rolle in hansens Weltsicht.

    Ich glaube eher, dass wir nach und nach die Rechnung für eine insgesamt verfehlte Nahost- und Mittelostpolitik bekommen. Die Flüchtlingsströme sind doch nur ein Symptom. Dahinter stecken ganz andere Momente. Deswegen bleibt die Debatte über die Flüchtlinge leider immer auch nur an der Oberfläche.

  11. maiillimi sagt:

    Gerade habe ich Ihren Beitrag gelesen, Klaus Philipp Mertens, dem ich uneingeschränkt zustimme. Was Ihre persönliche „Erfahrung“ mit dem parkenden PKW auf Ihrem Grundstück betrifft, so hat mich das besonders schockiert…nicht zuletzt auch die Reaktionen der „Staatsdiener“.
    Wie kann man diesen Beitraqg „pietätlos“ nennen?
    Den Mitlesern empfehle ich einfach sich vorzustellen, dass es Ihnen selbst passiert sein könnte…
    Das Ereignis in Berlin ist – wie auch all die vorangegangenen – erschütternd und verurteilenswert bzw. makaber. Wie oft wurde schon angemahnt, sich mehr mit den Ursachen zu befassen bzw. diese zu bekämpfen… Es bleibt alles eher abstrakt. A b e r (und da ist mir klar, dass es wieder mal Seitenhiebe gibt) nach wie vor gibt es unzählige Attentate und Massaker , die zwar nicht in Europa passieren, dennoch Menschen treffen, die sich nicht wehren konnten. Mich jedenfalls tangieren die Schreckensnachrichten aus Jemen, Südsudan, Kongo, Libyen, Afghanistan (um nur einige zu nennen) genauso. Und entsprechend wütend bin ich, dass ausgerechnet in einige dieser Länder Geflüchtete (und zwar nicht die als kriminell überführten!) zwangsweise abgteschoben werden. Frau von der Leynen besucht gerade ihre deutsche Truppe in Afghanistan. Die Vorstellung ist zu schön, um wahr zu sein: Sie möge ebenfalls die neulich zwangsweise zurückgeflogenen Afghanen aufsuchen – als Geste der „Versöhnung“.

  12. hans sagt:

    zu @ Stefan Briem
    Gut gebrüllt Löwe. Das ändert aber an den Tatsachen leider gar nichts. Mit welcher Flüchtlingswelle er gekommen ist oder ob in einem möglichen zukünftigen Fall ein Prediger jemanden anwirbt dessen Integration am Arbeitsmarkt gescheitert ist, ändert auch nichts. Wir haben ein Problem für das ich keine Lösung sehe und das habe ich auch schon vor über einem Jahr geschrieben. Wie sie daraus auf meine Weltanschauung schließen bleit wohl ihr Geheimnis. Als ich den Beitrag von I.Werner gelesen habe stellte ich mir die Frage was eigentlich Menschen im Nahen Osten über uns denken wenn NATO Bomber mal wider Kollateralschäden verursachen. Wir befinden uns im Krieg. Letztlich ums Öl und jede Seite kämpft mit ihren Mitteln. Das ist im Einzelfall für die Betroffenen und ihre Angehörigen immer eine Katastrophe ob hier oder anderswo auf der Welt. So jetzt können sie weiter über meine Weltanschauung spekulieren.

  13. Brigitte Ernst sagt:

    Herr Briem,
    streichen Sie es im Kalender an. Ich stimme Ihnen voll zu.

  14. Werner Engelmann sagt:

    @ hans / Stefan Briem

    „Logik“:
    „Es war vorhersehbar und logisch das sich unter den Flüchtlingen Männer vom IS sich befinden.“ (hans)

    Es ist ebenso vorhersehbar und logisch, dass sich unter Ur-Deutschen Kriminelle befinden. Und Menschen, die Flüchtlingsheime anzünden.
    Ist zu befürchten, dass jetzt „die Rechnung geschrieben“ wird derart, dass Deutschland von seiner „urdeutschen“ Bevölkerung „befreit“ wird (im Sinne etwa Trumpscher Vorbeuge-Maßnahmen gegen Mexikaner und Moslems – „Umvolkung“ heißt das wohl in einem gewissen Polit-Jargon), um kriminellen Handlungen von Deutschen auf deutschem Boden vorzubeugen?

  15. DH sagt:

    @hans

    Doch , man kann etwas tun. Der Satz „absolute Sicherheit gibt es nicht“ geht vielen Medienleuten viel zu schnell über die Lippen.
    Natürlich ist das so , aber das gilt erst , wenn alles getan wurde , um Gefahren zu minimieren.
    Insbesondere die Austerität spielt einmal mehr eine unrühmliche Rolle.

    Die komplette Überwachung aller sogenannten Gefährder wäre problemlos finanzierbar , das ist alleine eine Frage des Willens.
    Darüberhinaus wundert man sich schon , wie ein ausgewiesener Gefährder aus der Abschiebehaft entlassen werden konnte , da ist der Gesetzgeber gefragt.

    Anstatt ständig populistische Verschärfungen des Asylrechts zu etablieren , sollte zielgerichtet geguckt werden , wie effektiv die Gesetzeslage nicht verschärft , sondern angepaßt werden kann – ohne Gefähdrung des freiheitlichen Rechtsstaats.

  16. Stefan Briem sagt:

    An hans

    Natürlich ändert es nichts an den Tatsachen, wenn Sie Mitgefühl zeigen würden. Oder wenigstens ein bisschen Betroffenheit. Es würde Sie nur irgendwie ein bisschen menschlich erscheinen lassen. Aber stimmt, dadurch ändert sich nichts.

    Ihrer Meinung nach geht es ums Öl. Dann können wir ja alle ziemlich froh sein, denn Deutschland ist auf dem Weg, sich vom Öl zu befreien. Dann sind Elektromobilität und Energiewende also die richtigen Antworten auf die Probleme, die uns die Flüchtlingswelle beschert. Herzlichen Glückwunsch. Ich schlage Sie für den Nobelpreis vor. Weiß nur noch nicht für welchen.

  17. I. Werner sagt:

    Früher fühlte ich mich wie verzaubert auf dem Weihnachtsmarkt meiner Kindheit. Die Gerüche, die Lichter in der frühen Dunkelheit, wunderschön. Kaufen konnte ich mir damals nichts, das Entzücken bekam ich umsonst. Aber dieser Zauber ließ sich später nicht mehr wiederholen. Gedrängel, Geschubse und Kommerz haben mich davon abgehalten, wieder einen Weihnachtsmarkt zu besuchen, nicht die Furcht vor Anschlägen. Aber manchmal habe ich Besuch, der dort hin möchte. Deshalb macht mich der Einschlag in meiner Stadt Berlin besonders betroffen, obwohl ich mir das Leid, das Gewalt in der Welt verursacht, auch vorzustellen vermag und mich auch immer wieder erschüttert und entsetzt. Erwartet haben wir diesen Einschlag seit langem. Warum wir ihn nicht abwehren konnten, darüber möchte ich jetzt nicht spekulieren. Es schmerzt. Aber die Flüchtlinge sind nicht schuld daran. Gehen wir weiter bitte gastfreundlich mit ihnen um. Die Mehrheit von ihnen hat viel Leid erfahren, sie braucht unseren Schutz und unsere Hilfe

  18. Jürgen Malyssek sagt:

    Das Misstrauen, das Herr Mertens dem Verfassungsschutz gegenüber zum Ausdruck bringt, teile ich mindestens seit dem NSU-Prozess.
    Zu dem Anschlag in Berlin: Nachdem jetzt klar ist, wer der Attentäter ist/war, muss man hinsichtlich der Ermittlungen und Überwachungen von „Gefährdern“ schon die Nase rümpfen. Jedenfalls ist ziemlich klar, dass wir es mit ähnlichen Terroranschlägen wie in Paris und Brüssel zu tun haben. Auf die Flüchtlinge brauchen wir nichts zu schieben. Aber die Flüchtlingsroute spielt eine gewisse Rolle bei der Rekrutierung der Attentäter (siehe Interview mit Olivier Roy, FR 22.12., S. 6). Wie die Wege aus der Radikalisierung junger Menschen in Deutschland auf Dauer einzudämmen wäre, ist eine der großen Fragen. Und wir landen auf jedenfall wieder beim realen sozialen Zustand unserer Gesellschaft und den Perspektiven von den Generationen ohne Arbeit, ohne Sinngebung, ohne Zukunft. Und das alles in einer Gesellschaft des spektakulären Überflusses, dieser unerschütterlichen Bräsigkeit der Besitzenden, dieser Übermacht des medialen Spektakels. Das kann nicht gut gehen. Die Politik hat das Heft längst nicht mehr in der Hand, auch wenn sie es gerne anders zeigen möchte. Gleichzeitig sind wir auch als einzelne Bürger gefordert, nicht mehr alles mitzumachen, was bis jetzt für richtig und gut gehalten wird, nur um zu zeigen, dass wir weiter leben sollten wie bisher (da stimme ich Olivier Roy nicht zu).

  19. Stefan Vollmershausen sagt:

    Solche Anschläge wie in Berlin dienen dazu, nichts anderes als Unfrieden zu stiften. Das ist allgemein, ob in der Türkei, im Irak, in Syrien, in Afghanistan Frankreich Belgien wo auch immer. Man hat den Eindruck, das das Ziel der Islamisten ein globaler Bürgerkrieg ist, aus dem vielleicht Nutzen gezogen werden kann.Sie bringen sich gegenseitig um in Syrien im Irak in Afghanistan in Pakistan, ich meine es ist die Ideologie des globalen Bürgerkriegs, der von den Islamisten verfolgt wird. Seit den Anschlägen vom 11. September sind die USA ein gespaltenes Land, seit den Attentaten in der Türkei ist die Türkei wieder im Bürgerkrieg mit der kurdischen Minderheit. Islamistische Anschläge wollen ein Land in den Strudel eines Bürgerkriegs reißen, das war im Irak so nach der Invasion der Amerikaner, ist genauso in der Türkei. Das ist es auch in Syrien, auch wenn Diktator Assad – obwohl nicht Islamist – so doch Gefallen am globalen Bürgerkrieg hat. Bis alle sich gegenseitig erschießen und in die Luft jagen, deswegen geschehen islamistischen Anschläge,ein Dschihad oder ein globaler Bürgerkrieg. Deswegen steuert Amis Anri einen Sattelschlepper in die Menge auf einen Berliner Weihnachtsmarkt, um Unfrieden zu stiften, mit dem Kalkül Flüchtlinge schlechtzumachen und damit das Land aufrüstet.
    Das geschieht durch immer mehr Polizeipräsenz,und wird parlamentarisch durchgewunken, wie es der Ausnahmezustand in Frankreich zeigt.

  20. hans sagt:

    zu Stefan Briem
    Sie wollen zum Thema Mitleid was hören und wie ich das sehe? Na gut. Wir leben in D. in einer Gesellschaft bei der dieses Thema keine große Rolle spielt. Bei dem Terroranschlag in Berlin sind zufällig 12 Menschen ums Leben gekommen. Diese Zahl entspricht in etwa der Zahl die jeden Tag auf den Straßen von D. das Leben lässt. Betroffenheit kann man da bestenfalls erkennen wenn ein Verkehrspolitiker es wagt Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen vorzuschlagen. Wenn die Wissenschaft recht hat sterben in D. ein vielfaches der Menge die im Straßenverkehr sterben an Feinstaub und anderer Luftverschmutzung. Von Mitleid oder Betroffenheit ist weit und breit nichts zu erkennen. Alte und schwache Menschen sterben täglich in den Krankenhäusern weil sie da auf Bakterien treffen die gegen Antibiotika resistent sind. Letzt habe ich einen Fernsehbericht gesehen dass man inzwischen auch Reserveantibiotika in den Ställen in D. verfüttert werden. Das sind alles Beispiele in denen man offensichtlich sofort aktiv werden könnte um etwas zu verbessern und zwar jeder der sich davon als Betroffen ansieht. Es passiert aber leider eher das Gegenteil. Deshalb weiß ich nicht was ich von der derzeitigen allgemeinen Betroffenheit halten soll um es mal vorsichtig auszudrücken. Beim Thema Terror ist die Zeit des aktiven Handelns vorbei. Das was da passiert folgt der Logik des Krieges. Wir werfen Bomben und unser Gegner macht Anschläge. Osama bin Laden hat gesagt das er so lange kämpfen wird wie Soldaten der USA in Saudi Arabien sind. Wir haben die letzten Monate den Krieg einreisen lassen. Es ist jetzt halt so und wird die nächsten Jahre dieses Land verändern. Das können wir nicht mehr stoppen. Der Staat kann nur reagieren nicht wirklich agieren. Das man einem Großteil der Flüchtlinge unrecht tut wenn man das so sieht ist mir schon klar aber der Preis den wir für die eigentlich lobenswerte Hilfe zahlen müssen ist mir von Anfang an zu hoch gewesen.

  21. hans sagt:

    zu Stefan Briem
    Noch ein Nachsatz. In ihrem Beitrag an mich sind sie auch kurz auf die Energiewende eingegangen. Davon brauchen sie mich nicht überzeugen zu wollen. Da rennen sie offene Türen ein. Die weltweite Energiewende halte ich übrigens für die beste Fluchtursachenbekämpfung die ich mir derzeit vorstellen kann.

  22. hans sagt:

    zu @ Werner Engelmann
    Wenn sie Zweifel haben wie ich es sehe wenn Flüchtlingsheime brennen, dann sei ihnen gesagt das Menschen die so etwas machen nicht umgevolkt oder sonst etwas gehören sondern ins Gefängnis und sonst nirgendwo hin.
    So und jetzt für alle Frohe Weihnachten auch in dieser Zeit mit möglichst wenigen Toten egal ob auf den Straßen , Krankenhäusern oder nach Terroranschlägen.

  23. Stefan Vollmershausen sagt:

    Ich meine das Anis Amri, der Tunesier, der den Anschlag auf den Breitscheidplatz in Berlin an Weihnachten verübte,
    bei aller kriminellen Energie auch noch den Hintergedanken gehabt haben könnte – die anderen Mit Flüchtlinge schlecht zu machen.

    Er war bereits im Flüchtlingslager in Italien ein Brandstifter. also jemand der mit anderen Flüchtlingen nichts zu tun haben wollte.
    Flüchtlinge sind ja keine homogene Gruppe, es sind unter anderem auch Aussenseiter innerhalb der Flüchtlinge.
    Es geschah möglicherweise demnach um die anderen Flüchtlinge schlechtzumachen, mit dem Hintergedanken einen Politik wechsel zu Ungunsten der anderen Flüchtlinge mit zu provozieren.
    Anis Amri war Aussenseiter, war Brandstifter, mit Haft (in Italien) bestraft, war Radikaler und wahrscheinlich kein Freund der Masse, sondern sogar ein kaltblütiger Mörder der Masse.
    Die eine Masse, wie auf einem Weihnachtsmarkt, ist zu friedlich in den Augen der Radikalen Islamisten.
    Es ist ihnen ein Gräuel, wie friedlich dort der Glühwein getrunken wird.
    Viel kriminelle Energie, Knasterfahrung, Hass auf die Massen und eine politische Agenda, die eine Aufrüstung Europas im rhetorischen und administrativen Bereich zum Ziel hat.
    Denn wieso war es eigentlich ein polnischer LKW ?
    Damit alle Vorurteile in Polen bestätigt werden können, in der Frage der Aufnahme von Flüchtlingskontigenten.
    Warum also ein polnischer LKW ?
    Um ganz bewusst Stimmung zu schüren, in der Flüchtlingspolitik Deutschlands und in Polen.
    Es war ein Anti Merkel Anschlag in Berlin, gerichtet gegen die Willkommenskultur Merkels und zudem eine Steilvorlage für die Kontingente Verweigerer in der polnischen Regierung. Das wurde von Anis Amri bedacht, vermute ich.
    Deswegen stimmt das auch nicht, was die AfD twitterte , das es Merkels Tote seien.
    Tatsächlich war es Kalkül gegen die Willkommenskultur gerichtet, damit gegen Merkel gerichtet.
    Eine Vorlage für Beata Szidlo und Kaszinski und die anderen Rechtspopulisten in Polen und Deutschland.

  24. Stefan Briem sagt:

    an hans

    „Die weltweite Energiewende halte ich übrigens für die beste Fluchtursachenbekämpfung die ich mir derzeit vorstellen kann.“

    Das sehe ich ähnlich, aber es hilft nichts im Fall der gegenwärtigen Flüchtlingswelle. Darüber hinaus bin ich nicht Ihrer Meinung, dass es im Syrienkrieg ums Öl geht. Die syrische Ölförderung ist marginal. Prognosen gehen davon aus, dass Syrien um das Jahr 2020 vom Exporteur zum Importeur wird. Das steht zumindest bei Wikipedia. Es geht stattdessen um globale Machtpolitik und um den Einfluss der USA in der Gegend. Für Syrien haben die Russen es geschafft, diesen Einfluss praktisch zu pulverisieren.

  25. Stefan Vollmershausen sagt:

    Die Christunionisten wirken erschrocken über die Merkelsche Politik des vergangenen Jahres mitsamt den Erfolgen der AfD und fordern nach dem Anschlag die Aufrüstung des Sicherheitsapparats in Deutschland.
    Genau das ist es doch, was die Attentäter bezwecken wollen mit ihren Anschlägen !

    Der Mauerfall und der Zusammenbruch der Sowjetunion war ein Ergebnis der Abrüstung zwischen den Großmächten, ich will damit sagen, das sich die Spirale der gegenseitigen Aufrüstung mit dem islamistischen Terrorismus wieder dreht. Nicht zwischen den weltlichen Ideologien vom Sozialismus und Klassenkampf mitsamt dem Gegner Kapitalismus, sondern die Aufrüstung wird nun ebenfalls wieder ideologisch geführt, aber mit religiösen Touch,mit einer Zeitreise ins 7. Jahrhundert. Nichts anderes ist die Scharia, eine Zeitreise ins 7. Jahrhundert. Gewiss darüber lässt sich streiten, es sind nicht mehr die feindlichen Ideologien zwischen Sozialismus und Kapitalismus, es ist die Zeitreise ins 7. Jahrhundert, wenn nach einem Ehebruch die Frau gesteinigt werden soll, wenn Dieben die Hände abgehackt werden sollen, wenn die westliche Schulmedizin nicht angewendet werden darf, um Kinder gegen Krankheiten zu impfen. Es ist das 7. Jahrhundert, in das zurückgebombt werden soll. Das 21. Jahrhundert ist unser Empfinden – so dass diese religös verbrämte Ideologie nicht verstanden werden kann.

  26. Peter Boettel sagt:

    Gut, Stefan Vollmershausen, so ist es. Genau dies kam in der Karikatur der Printausgabe der FR vom 22.12.2016, die ich treffend fand, zum Ausdruck.

    Und hierauf fallen die „Christunionisten“ vom Schlage Seehofer, de Maizière, Herrmann, Strobl und wie sie alle heißen, prompt drauf rein.

  27. Peter Bläsing sagt:

    Wenn jetzt beckmesserisch die Pannen bei der Terrorismusbekämpfung aufgezählt werden, darf man daran erinnern, dass alles Menschenwerk mit Fehlern behaftet ist – wie zum Beispiel auch die Nutzung der Atomenergie. Aber anders als bei diesem Teufelszeug haben wir bei der Bekämpfung der externen und internen Feinde unseres Staates die Möglichkeit, die Methode „trial and error“ (Versuch und Irrtum) anzuwenden. Diese Methode hat nach der Erfindung des Flugschreibers das Flugzeug zum sichersten Verkehrsmittel gemacht. Nach vielen – natürlich zu vielen – Katastrophen wissen wir jetzt beinahe zu 100 Prozent, was bei einem Flug alles schieflaufen kann.

    Wir haben also allen Grund, denjenigen von uns, denen die Terrorbekämpfung obliegt, Mut zu machen und den Rücken freizuhalten. Die Politiker aber müssen wir dazu zu zwingen, diesen tapferen Leuten „Flugschreiber“ zu verschaffen und das Gejammer über das „Restrisiko“ einzustellen. Dann wird unsere Abwehr dafür sorgen, dass der Granit, auf den die Terroristen beißen, immer größer und härter wird. Unseren Feinden rufen wir zu: Wenn Ihr Krieg haben wollt, bitte sehr, wir sind bereit, uns zu wehren – immer mehr und immer besser!
    Wir können allerdings nicht damit rechnen, dass jeder Attentäter seine Papiere am Tatort verliert, aber man sieht: Auch bei den Terroristen läuft schon mal was schief.

  28. Friedrich Gehring sagt:

    Die Annahme von Peter Bläsing, die im Lkw am Breitscheidplatz gefundenen Papiere seien am Tatort vom Täter verloren worden, scheint als Trost gemeint für „die Pannen bei der Terrorismusbekämpfung“. Diese Annahme erscheint mir aber eher als Teil der Pannen. Wenn bei einem islamistischen Terroranschlag Papiere des Täters gefunden werden, würde ich dies eher als einen Ausdruck des Bekenntnisses zur Tat deuten: Der Täter ist stolz auf die Tat und erwartet seinen Lohn im Jenseits nach seinem baldigen Tod. Allerdings passt ein Anschlag mit einem Lastwagen, bei dem der Täter ohne eine anschließende Schießerei entkommt, nicht in das Bild des lebensmüden Selbstmordattentäters.

    Man muss nicht Krimileser sein, sondern nur als Kind Schnitzeljagd gespielt haben, um auf die Idee gelegter Fehlspuren zu kommen. Auch diese Möglichkeit müsste jetzt unvoreingenommen in Betracht gezogen werden. Dies umso mehr, als bei dem Anschlag auf die Mitarbeiter von Charly Hebdo das Profil der vermummten und professionellen Killer nicht zu dem der marokkostämmigen Brüder passt, die als mutmaßliche Täter durch Papiere in einem Fluchtfahrzeug ins Visier der Fahnder gerieten und sich nicht mehr rechtsstaatlich verteidigen konnten, weil sie erschossen wurden. Außerdem muss sich, wer Papiere hinterlässt, nicht vorher vermummen, wohl aber einer, der von sich ablenken will.

    In Deutschland kommt verschärfend hinzu, dass ein Fehlspuren legender Attentäter auf die einäugige Voreingenommenheit der Ermittler vertrauen könnte, die im Zusammenhang der mutmaßlichen NSU-Morde zutage getreten ist. Es ist eben immer schwerer, vor der eigenen Türe zu kehren. Aber eine rechtsstaatliche Ermittlungsarbeit darf jetzt die Möglichkeit nicht ausblenden, dass hier der Verdacht auf einen als gewalttätig bekannten Asylantragsteller gelenkt wurde, um Angst vor muslimischen Migranten zu schüren und den Hass auf diese zu rechtfertigen. Deshalb sind jetzt ergebnisoffene Ermittlungen nach allen Seiten nötig.

  29. Peter Bläsing sagt:

    Das Anliegen meines Leserbriefes war es, den Leuten, die für uns den Kampf gegen die Terroristen führen, den Rücken zu stärken. Die eher ironisch gemeinte Schlussbemerkung, dass auch bei Terroristen schon mal was schief läuft, von der FR-Redaktion zur Schlagzeile erhoben, sollte weder Trost spenden noch davon ablenken, dass es schwer ist, vor der eigenen Tür zu kehren.
    Ich habe keine Zweifel, dass unsere Verfassungsschützer, Politiker wie Behörden und Dienste, erkannt haben, dass die Abwehr des Terrors nur gelingt, wenn die Lage real eingeschätzt wird. Das gilt auch für uns, die zu Beschützenden. Dazu gehört, nicht die Augen zu verschließen vor der Tatsache, dass durch die massive Zuwanderung von Menschen aus Ländern, die sowohl sozial als auch wirtschaftlich ein von unserem wesentlich abweichendes Niveau haben, zwangsläufig erhebliche Spannungspotentiale entstehen, und die Integration dieser vielen Fremden in unsere Gesellschaft eine Herkulesaufgabe mit erheblichen Gefahren und Problemen bleiben wird. Insofern ist die auch in den FR-Leserbriefen erkennbare Tendenz sehr gefährlich, immer wieder zu betonen, dass die jetzt gekommenen Flüchtlingen und die Menschen aus anderen Kulturen, die schon länger bei uns leben, ganz „normale“ Mitbürger – soll heißen: Bürger wie wir Einheimischen – sind; denn sie sind es nicht, können es nicht sein! Wir sollten im Bewusstsein behalten, dass es für alle Beteiligten besser gewesen wäre, die Flüchtlinge und Migranten hätten zuhause bleiben können. Dass sie es nicht gekonnt haben und zu uns gekommen sind, ist vor allem die Folge einer über Jahrhunderte andauernden Ausplünderung ihrer Heimat durch den Westen, durch uns und unsere Vorfahren, und unserer Unfähigkeit, den betroffenen Ländern nach ihrer Unabhängigkeit wirksam zu helfen, die Folgen dieser Ausplünderung zu überwinden. Somit bleibt uns nichts anderes übrig, als denen, die zu uns kommen und so leben wollen wie wir, zu helfen und denen, die sich an uns rächen wollen, mit Entschiedenheit entgegenzutreten. Aber wir schaffen das!

  30. Friedrich Gehring sagt:

    Ich stimme Peter Bläsing voll darin zu, dass wir zu Fluchtursachen beitragen und schon deshalb die moralische Verpflichtung haben, Geflüchtete aufzunehmen. Zwei seiner Feststellungen kann ich aber nicht nachvollziehen. Zum einen kann ich das zweifelsfreie Vertrauen auf „unsere Verfassungsschützer, Politiker und Behörden“ nicht teilen. Die Rolle der Verfassungsschützer im NSU-Skandal ist nicht mehr zu leugnen. Wenn ich im Stuttgarter Schlossgarten Gottesdienste oder Parkgebete zur Beendigung des nutzlosen und gefährlichen Milliardengrabs Stuttgart 21 halte, werde ich vom Verfassungsschutz beobachtet, der nicht die Verfassung, sondern unsere Lobbykratie schützt. Die Generalbundesanwaltschaft stellte Ermittlungen gegen Oberst Klein ein, obwohl er wissentlich gegen die Einsatzregeln verstieß mit seinem Bomardierungsbefehl, mit dem er bei Kundus etwa hundert Zivilisten tötete. Deutsche Gerichte verweigern den Betroffenen Familien Schadenersatz, der präventiv wirken könnte gegenüber „denen, die sich an uns rächen wollen“.

    Zum anderen verläuft die kulturelle Grenze für mich nicht so einfach zwischen den „Einheimischen“, die „schon länger bei uns leben“, und den „jetzt gekommenen“ Flüchtlingen, sondern zwischen vielfältigen kulturellen und politischen Prägungen, die schon länger bestehen und allenfalls durch neu hinzukommende Akzente ergänzt werden. Alteingesessene fundamentalistische Christen oder AfD-Wähler sind mir kulturell fremder als neu zugezogene Muslime, die an Allah als den Barmherzigen glauben. Im Religionsunterricht hatte ich immer auch interessierte Muslime, fundamentalistische Christen sind eher ausgetreten. Ich war als linksradikaler Theologe 10 Jahre in einer Gemeinde Pfarrer, in der traditionell knapp 20 Prozent rechtsradikal wählten, die AfD kam dort jetzt auf 26,4 Prozent. Hätte ich meine verdrängten negativen Persönlichkeitsanteile auf die kulturell Fremden projiziert und dann fremdenängstliche Sorgen gehabt, wäre der Dienst gewiss eine „Herkulesaufgabe“ gewesen, aber ich komme heute noch gerne zu Vertretungsdiensten dorthin. Kulturelle und politische „Spannungspotentiale“ sind überwindbar, wenn wir zuerst unser eigenes Verdrängtes bearbeiten.

  31. Jürgen Malyssek sagt:

    An Friedrich Gehring: Das, was Sie im zweiten Absatz sagen, finde ich bemerkenswert, Ihre Erfahrungen als Gemeinde-Theologe, die politischen Spannungsfelder, Ihre Einstellung!
    Ich bin nicht ganz so optimistisch wie Sie, zu dem, was Sie im letzten Satz ausdrücken. Aber ich muss Ihnen im Grunde recht geben („Bearbeitung des eigenen Verdrängten“). Es erinnert mich zumindestens an das Denken eines Martin Buber.
    An Peter Bläsing: Ihre Sichtweise zu den Ursachen der Migration und Flucht der Menschen aus ihren eigenen Ländern (Ausplünderung durch den Westen) teile ich. Und wie möglichst mit dem Status quo umzugehen ist (Helfen und entschiedenes Entgegentreten, jeweils der Situation geschuldet). Offenheit und Klarheit eben.