Blogtalk: In einer haltlos gewordenen Welt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

an dieser Stelle werde ich mich ab dem kommenden Montag, 7. August, 10 Uhr, in einem

Blogtalk mit Robert Maxeiner:
In einer haltlos gewordenen Welt

über seinen neuen Roman „Blick über den Fluss“, der auf den ersten Blick als Krimi daher zu kommen scheint:

Blick über den FlussDer ehemalige Bankangestellte Nordenfeld sitzt in Untersuchungshaft. Er hat schon eine Gefängnissstrafe wegen Betrugs verbüßt, den er zusammen mit Kollegen verübte — doch gesessen hat allein er dafür. Nun läuft er Gefahr, für einen Mord verurteilt zu werden, den er nicht begangen hat. Oder doch? Sein Rechtsanwalt Debus versucht, sich ein Bild von seinem Mandanten zu machen, und recherchiert über ihn. Dabei zeigt sich nach und nach, dass der Fall komplexer ist, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Nordenfeld gibt ein ambivalentes Bild ab. Die Recherchen konfrontieren den Anwalt aber auch mit seinem eigenen Leben, mit seiner Ehe und seinem halbwüchsigen Sohn, die ihm zu entgleiten drohen. Debus verliert zunehmend den Halt in einer haltlos gewordenen Welt.

Blick über den Fluss
Robert Maxeiner. Roman. Paperback
BoD – Books on Demand. ISBN: 978-3-7448-5948-6
340 Seiten. 10,90 €. E-Book: 8,49 €
Hier geht’s direkt zu Books on Demand.

Robert Maxeiner ist FR-Leserinnen und -Lesern als Autor von Leserbriefen bekannt: Er ist recht regelmäßig im Leserforum der FR zu finden. Bücher schreiben ist wie Leserbriefe schreiben eine Form von Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unseres Landes, also eine Form des Engagements. In loser Folge unterhalte ich mich in Blogtalks mit FR-Lesern (Leserinnen waren bisher noch nicht dabei) über dieses Engagement. Als ersten Talk in dieser Reihe hatten wir das Gespräch mit Klaus Philipp Mertens aus Frankfurt, der die Limburger Bender-Brüder in ihrer Auseinandersetzung mit der Stadt Limburg wegen Nazi-Schmierereien unterstützte. Dann war Peter Boettel aus Göppingen und sein Buch „Ist Europa gescheitert?“ dran, eine Streitschrift für ein sozialeres Europa. „Blick über den Fluss“ ist hingegen Belletristik, aber es ist sehr wohl politisch und wirft kritische Fragen auf, wie wir, so denke ich, sehen werden. Darüber möchte ich mich mit dem Autor Robert Maxeiner unterhalten, aber auch über das Schreiben selbst und die Probleme, die sich einem dabei in den Weg stellen. Dabei werden wir von Kollege zu Kollege reden, denn ich bin ja auch Buchautor.

Robert Maxeiner ist Jahrgang 1955 und wohnt in Frankfurt/Main. Neben seinem Beruf als selbständiger Supervisor, vor allem in sozialen Einrichtungen tätig, ist er seit langer Zeit als Schriftsteller aktiv. „Blick über den Fluss“ ist sein zweiter Roman und seine vierte Buchveröffentlichung. In den Büchern „Kawaja“ und „Pepperland“ schlugen sich Erfahrungen mit Land und Leuten auf seinen frühen Reisen nieder, die er mit einfachsten Mitteln unternahm. Ziele waren unter anderem der Sudan und Nepal. Sein erster Roman, erschienen 2010, hieß „Wieder unterwegs“ und ist beim Verlag Pro Business erschienen. Für „Blick über den Fluss“ hat er Books on Demand gewählt.

Bild: privat

„Blick über den Fluss“ ist also kein Erstling. Über dieses Buch wollen wir reden. Auch übers Schreiben als gesellschaftliche Teilhabe sowie über die Verarbeitung von Konflikten, über das Verhalten von Verlagen und über Enttäuschungen und Erfolgserlebnisse.

004Ich bin Lutz „Bronski“ Büge, Redakteur der Frankfurter Rundschau, zuständig für das Leserforum, Blogger im „Bronski-Blog“ der FR und Autor von Romanen wie Virenkrieg und Die JFK-Akten, Initiator der deutsch-französischen Foto-Kunstprojekte 365 Blicke / 365 vues und 52 Blicke / 52 vues auf der Webseite Ybersinn.de. Mein aktueller Roman ist Skylla – Virenkrieg II. Derweil bin ich mit dem dritten Teil des Virenkrieg-Zyklus‘ in der Schlussphase: Incubus – Virenkrieg III ist fast fertig.

Bei Blogtalks im FR-Blog gilt diesmal wie sonst auch: Jeder kann mitreden und Fragen stellen. Ich als Gesprächsleiter nehme mir gleichwohl das Privileg heraus, dass meine Fragen Vorrang haben. Ihre Fragen werden deswegen nicht vergessen oder übergangen, sondern nur verschoben und später beantwortet.

Herr Maxeiner und ich talken ab dem 7.8.2017 um etwa zehn Uhr morgens die ganze Woche hindurch, es sei denn, uns geht der Gesprächsstoff schneller aus, als zu erwarten ist. Zu dieser Uhrzeit wird dieser Thread eröffnet, indem die Kommentarfunktion freigegeben wird.

Kleiner organisatorischer Tipp: Ein unverzichtbarer Helfer beim Blogtalk ist die F5-Taste. Sie aktualisiert die Webseite und zeigt, ob es neue Kommentare oder Fragen und Antworten gibt.

Ich freue mich auf unseren Talk! Bis dahin!

Lutz „Bronski“ Büge

121 Kommentare

  1. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser, guten Morgen, Robert Maxeiner.
    Sind Sie fit und hoffentlich gut gelaunt, auf dass wir uns ein bisschen unterhalten können?

  2. Robert Maxeiner sagt:

    Guten Morgen, Herr Büge,
    Ja Beides, ich fühle mich fit und gut gelaunt.

  3. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Sie haben einen Roman geschrieben, über den wir sprechen wollen. Ein betagter Obdachloser wird ermordet, und ein ehemaliger Bankangestellter, der gerade eine Haftstrafe wegen Betrugs abgesessen hat, soll’s gewesen sein. So die Ausgangslage für Ihren Krimi – oder wie würden Sie Ihr Werk selbst bezeichnen?

  4. Robert Maxeiner sagt:

    Ich finde, es handelt sich um einen Roman. Ob er als sozialkritisch zu bezeichnen ist, mögen Leserinnen und Leser entscheiden. Bezüglich Krimis habe ich, zugegeben, einige Vorurteile. Jede Stadt, jede Region hat heute ihre Krimischreiber-innen. Im Fernsehen laufen ständig Krimis, werden Mörder gesucht. Dabei geschieht so viel Schreckliches auf dieser Welt, das behandelt wird, als ginge es um einen bürokratischen Akt. Der Thrill durch einen Krimi scheint davon abzulenken, sich wirklich berühren zu lassen.

  5. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Wenn es stimmt, dass auch bei Romanen das Prinzip von Angebot und Nachfrage gilt, ist es aber wohl nicht ganz verkehrt, so einem Roman ein populäres Etikett zu geben, oder? Man möchte ja schließlich auch gelesen werden, so als Autor.

  6. Robert Maxeiner sagt:

    Es gibt viele Romane, die sich als Krimi lesen lassen, zum Beispiel auch ‚Schuld und Sühne‘ oder ‚Der Mann ohne Eigenschaften. Mir geht es um die Beschreibung eines Prozesses, weniger um ein finales Ziel, also die Aufklärung eines Mordes, wobei ich Krimiautoren oder Leser-innen nicht unterstellen möchte, dass es ihnen ausschließlich um die Frage geht, wer den Mord begangen hat.

  7. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Ich bin ganz ehrlich: Mich langweilen die meisten Krimis inzwischen, insbesondere die, die nach dem Prinzip Schnitzeljagd funktionieren. Ich finde, Sie haben völlig Recht: Es gibt zu viele Krimis. Der Grund dafür, meinen Sie, ist, dass Krimis gucken oder lesen eine Art Ersatzhandlung ist, mit der man sich vom wirklich Schrecklichen in der Welt ablenken möchte?

  8. Robert Maxeiner sagt:

    Da haben Sie völlig Recht. Als Autor mache ich immer ein Angebot, und im Kopf gehe ich schon vorher einen Kompromiss ein, nämlich, dass Krimis gerne gekauft und gelesen werden. Wenn es aber um die Bedürfnisse von Menschen ginge, müßte es eigentlich Nachfrage und Angebot heißen. Zum Beispiel: Wir möchten gerne Autos fahren, die möglichst wenig Gift produzieren. Wir möchten nicht betrogen werden, wir möchten saubere Luft einatmen, und dass sich die Autoindustrie an die Gesetze hält. Stattdessen heißt das Marktgesetz Angebot und Nachfrage. Die Manipulation findet schon vorher statt, und das, was ich nachfragen kann, entspricht nicht meinem Bedürfnis, zumindest sind meine Nachfragemöglichkeiten erheblich begrenzt. Aus dieser Marktfalle komme ich auch als Schriftsteller nicht raus. Womöglich entspricht es gar nicht dem Bedürfnis von Leser-innen, Krimis zu lesen. Sie reagieren nur auf den Markt, beziehungsweise auf den Druck in einer aus den Fugen geratenen Welt. Sie können die Realitäten kaum verarbeiten und lenken sich mit Krimis von diesen ab.

  9. Robert Maxeiner sagt:

    Jetzt habe ich Ihnen eine Antwort geschrieben, bevor ich die Frage gelesen hatte.

  10. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Nun möchte man allerdings als Normalsterblicher auch nicht alles Leid dieser Welt auf sich laden. Das wäre ja schlicht nicht auszuhalten. Ein bisschen Ablenkung darf sein, oder nicht?

  11. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    „Jetzt habe ich Ihnen eine Antwort geschrieben, bevor ich die Frage gelesen hatte.“

    So haben wir es gern. Schriftsteller werden ja auch gern mit Hellsehern verwechselt. Hier haben wir ein Beispiel. 😉

  12. Robert Maxeiner sagt:

    Sicher darf Ablenkung sein, indem Sie etwas Anderes tun als das, was Sie möglicherweise belastet. Was uns aber allzu häufig passiert,ist, dass die Ablenkung gepaart ist mit Verleugnung, Verdrängung, Ungeschehen machen, Rationalisierungen, Projektionen. Dagegen hilft nur Reflexion. Sie schreiben an anderer Stelle, dass wir uns der Aufklärung verpflichtet fühlen sollten. Dem kann ich nur zustimmen.Ich möchte mit meinen Büchern Beides: Zur Aufklärung beitragen und unterhalten, auch wenn sich dies in unserer Konsumwelt kaum zu vereinbaren scheint, und ich von daher etwas schulmeisterlich klingen mag (meine Bücher hoffentlich nicht).

  13. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Da Sie das Thema Aufklärung ansprechen: Die Handlung Ihres Romans ist – ich sage es mal zugespitzt – am unteren Ende des sozialen Spektrums angesiedelt. Ein Obdachloser, ein Ex-Häftling, eine Menge Knast-Atmosphäre – haben Sie da viele eigene Beobachtungen verarbeitet?

    Meine nächste Frage kommt nicht vor 13 Uhr.

  14. Robert Maxeiner sagt:

    Als junger Mann habe ich DIAs von Reisen im Gefängnis gezeigt. Später habe ich mal kurz nach meiner Ausbildung Supervision mit Justitzvollzugsbeamten gemacht. Die wesentlichen aktuellen Informationen über Zustände in deutschen Gefängnissen habe ich aus der Frankfurter Rundschau. Sicher fließen meine Erfahrungen aus der Supervision mit Sozialarbeier-innen und Erzieher-innen in meine Arbeit mit ein.

  15. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Das soziale und mentale Elend in „Blick über den Fluss“ ist stimmungsbildend. Und wie ist Nordenfeld, der ehemalige Bankangestellte, Ihre Hauptfigur, in dieses Milieu geraten?

  16. Klaus Philipp Mertens sagt:

    @ Robert Maxeiner. Sie schreiben: „Ich möchte mit meinen Büchern Beides: Zur Aufklärung beitragen und unterhalten, auch wenn sich dies in unserer Konsumwelt kaum zu vereinbaren scheint, und ich von daher etwas schulmeisterlich klingen mag (meine Bücher hoffentlich nicht).“

    Ihr Buch, von dem ich bislang nur Stichworte kenne, mir aber rasch besorgen werde, schafft Assoziationen zu einem Theaterstück, das auf den ersten Blick wie ein Krimi erscheint, aber sämtliche Bereiche unseres allgemeinen, vielfach oberflächlichen Lebensverständnisses unter die Lupe nimmt. Ich meine Max Frischs Stück „Graf Öderland“.
    Es handelt von einem Bankkassierer, der jahrzehntelang seinen Beruf gewissenhaft ausübte und der ohne ersichtlichen Grund einen ihm Unbekannten mit der Axt erschlagen hat. Das Stück beginnt am Vorabend des Mordprozesses. Der Staatsanwalt, aufgestört durch den unerklärlichen Fall, spürt, dass er zeitlebens Gefangener einer sterilen Bürokratie war, und empfindet nun plötzlich Verständnis für die unbegreifliche Tat, die in ihm Sehnsucht nach einem wirklichen, das heißt freien Leben weckt; er sieht sich deshalb außerstande, den Mörder – wie es seine Pflicht wäre – anzuklagen. Und so macht er sich Gedanken:
    „In acht Stunden stehe ich vor Gericht, um die Anklage zu führen, ich, schwarz und fürchterlich – und auf der Bank sitzt ein Mann, den ich immer besser begreife. Bald besser als mich selbst. Obschon er nichts erklären kann. Ein Mann von 37 Jahren, Kassierer bei einer Bank, brav, gewissenhaft Zeit seines Lebens, gewissenhaft und bleich, und eines schönen Abends nimmt er die Axt und erschlägt einen Hauswart, der nichts dafür kann. Warum?
    Die Tat, die wir Verbrechen nennen, am Ende ist sie nichts anderes als eine blutige Klage, die das Leben selbst erhebt. Gegen die Hoffnung, ja, gegen den Ersatz, gegen den Aufschub…“

    Dieses „Mit der Axt dazwischen gehen“, das ich nicht wörtlich verstanden wissen möchte, sollte als Motiv in die Unterhaltungsliteratur eingehen. Damit sie als glaubwürdige Auseinandersetzung mit dem, was ist und dem, was man sich wünscht, wahrgenommen wird.

  17. Robert Maxeiner sagt:

    Nachdem Nordenfeld aus dem Gefängnis entlassen worden war, gelang es ihm nicht, wieder Kontakt zu seiner Tochter aufzunehmen. In seinen alten Beruf bei der Sparkasse konnte er auch nicht zurück und mit den schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs kam er nicht zurecht. Diese Krise versuchte er, mit Alkohol zu betäuben, was die Sache nur noch schlimmer machte. Erst allmählich löste er sich aus vorgefertigten Rollemustern und begann, sein Schicksal anzunehmen und sich mit diesem auseinanderzusetzen. Die Beschreibung dieses Prozesses bzw. der Blick des Protagonisten auf sich selbst können als roter Faden durch das Buch verstanden werden. Aber womöglich finden Leser-innen einen völlig anderen Zugang. Manchmal hat mir die Muse etwas zugeflüstert, und ich habe es aufgeschrieben.

  18. Jürgen Malyssek sagt:

    Leider konnte ich den Roman noch nicht lesen, da er nur auf Bestellung zu haben ist. Und so dauert es mit dem Abholen noch paar Tage.
    Das Thema ist für mich als ‚alter Sozialarbeiter‘ am „unteren Ende des sozialen Spektrums“ natürlich höchst interessant, so dass ich mich hier und da zu Wort melden werde.
    Und fürwahr, ist das eine „haltlos gewordene Welt“, in der wir leben. Aber anscheinend gibt es heute genügend Ablenkungsmanöver, um dieser Tatsache und diesem Lebensgefühl aus dem Wege zu gehen. Wer ganz unten ist, dem bleiben diese Möglichkeiten nicht mehr.

  19. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Es geht also um die Suche nach Halt „in einer haltlos gewordenen Welt“, wie Sie im Klappentext auf der Rückseite des Buches formulieren. Das hat eine Vorgeschichte. Wie verliert Ihr Bankangestellter seinen Halt?

  20. Robert Maxeiner sagt:

    Graf Öderland habe ich auch gelesen, ist aber schon einige Jahrzehnte her. ich bin seit meiner Jugend ein Verehrer von Max Frisch und seinem Werk. Beim Schreiben von ‚Blick über den Fluss‘ habe ich hin und wieder an ‚Stiller‘ gedacht, ein Buch, das ich in unterschiedlichen Lebensphasen immer wieder gelesen, und das mich sehr beeinflußt hat. Womöglich gibt es eine Seelenverwandtschaft zwischen Nordenfeld und Stiller, wobei Erstgenannter sich allmählich dorthin entwickelt.

  21. Robert Maxeiner sagt:

    Ich möchte darauf verzichten, die äußeren Ereignisse zu berichten, die ihn seinen Halt verlieren lassen. Ich nenne es mal so: Er hat die Stützen seiner Persönlichkeit verloren, das was heute gern ’sich selbst erfinden’genannt wird.Das Innere hat er erst allmählich entwickelt. Ich denke an ein Lied des frühen Konstantin Wecker, indem er sich vornimmt,nicht mehr länger ein Abziehbild zu sein. Wir sind Individuum von Geburt an. Manchmal drohen wir, unsere Individualität zu vernachlässigen oder sie nur oberflächlich zu entwickeln.Schließlich werden wir nurmehr als Verbraucher oder Konsumenten angesprochen.

  22. Robert Maxeiner sagt:

    Sicher kein Zufall, Herr Malyssek, ich habe vor meiner Ausbildung zum Supervisor vor ca. 30 Jahren als Erzieher und Sozialpädagoge gearbeitet.

  23. Robert Maxeiner sagt:

    Ich komme noch einmal auf Graf Öderland zurück, Herr Mertens. Ich erinnere mich an eine Diskussion vor Jahrzehnten, in der die Frage aufgeworfen wurde, ob Graf Öderland zum Terrorismus (von links) aufruft. Dies ist natürlich völliger Quatsch, viel mehr geht es darum, dass diese aus den Fugen geratene Welt auch Affekte erzeugt Die Fantasie greift dann häufig zur Axt. Weil wir es uns vorstellen können, brauchen wir es nicht zu agieren. Es gibt in meinem Buch ein Buch, ein Western, den Nordenfeld geschrieben hat. Dieser Bill Dennehy hat etwas von Graf Öderland, aber er ist alles Andere als ein Intellektueller, eher eine triviale Figur, eine Art schwarzer Racheengel.

  24. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Die Sache mit dem „roten Faden“ inmitten der Haltlosigkeit finde ich sehr inspirierend. Die eine Hauptfigur, Nordenfeld, gewinnt mit seiner Hilfe Halt zurück, die andere, ein Anwalt namens Debus, verliert ihn. Eigentlich ist Letzterer die spannendere Figur, finden Sie nicht?

  25. Robert Maxeiner sagt:

    Das mögen Sie als Leser entscheiden, wer die spannendere Figur ist. Debus wird vom Insider zum (bewußten) Aussenseiter. Er steht als Anwalt mitten im gesellschaftlichen Leben. Dass Nordenfeld an sich zweifelt, scheint schnell nachvollziehbar. Indem Debus an sich zweifelt, mag dies eher Verwunderung auslösen. Jedenfalls wird mir gerade mal wieder bewußt, dass der Zweifel eines der Hauptthemen des Buches ist,nicht nur in seiner deprimierenden, sondern auch seiner kreativen Kraft.

  26. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Dann will ich mal Zweifel anmelden. Mal sehen, was das in kreativer Hinsicht mit uns macht. Sind Sie wirklich davon überzeugt, dass unsere Welt haltlos geworden ist? War sie das nicht schon immer?

  27. Robert Maxeiner sagt:

    Wenig Halt gegeben hat die Welt schon immer, weil wir Menschen die einzigen Lebenwesen sind, die um ihre Sterblichkeit und ihren Tod wissen. Auch sind unsere Köpfe im Lauf der Evolution zu groß geworden, sodass unsere Mütter uns nur unter Schmerzen gebähren konnten. Dies ist Teil unseres menschlichen Schicksals. Aber so schnelllebig war die Welt noch nie, und noch nie so gefährlich, ob der technischen Möglichkeiten, uns und die Welt zu zerstören. So verunsichert und ignorant in Bezug auf Werte waren wir auch selten im Lauf der Geschichte. Die Verleugnung des Individuellen und der individuellen Verantwortung tut ein Weiteres dazu. Die multikausalen Zusammenhänge sind von Einzelpersonen, ohne ein Solidarität des (sozialen) Denkens kaum noch reflektierbar. Und schließlich bewegen wir uns noch immer mit den Gehirnen von Jägern und Sammlern durch diese Welt.

  28. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Ist das nicht vor allem eine Frage der Perspektive? Dass die Welt schnelllebig ist, steht außer Zweifel. Dass sie noch nie so gefährlich war, das finde ich hingegen nicht so eindeutig. Ein Beispiel: In den Jahren 1346 bis 1353 raffte die Pest in Europa 25 Millionen Menschen dahin. Im Verhältnis zu unserem Zeitalter, das mit Millionen von Opferzahlen zu hantieren gewohnt ist, mag das wenig erscheinen, aber in Relation zur damaligen Bevölkerung war das eine Katastrophe, denn die europäische Bevölkerung wurde um rund ein Drittel dezimiert. Oder nehmen wir eine von Menschen gemachte Katastrophe: Der Dreißigjährige Krieg und seine Folgen (Hunger, Seuchen) forderte Opfer in ähnlicher Größenordnung. Damals war die Welt (oder zumindest Europa) wirklich haltlos …

  29. Robert Maxeiner sagt:

    Haltlosigkeit läßt sich wohl kaum objektivieren und Kriterien zu finden, die solch unterschiedliche Fakten ermessen können, will ich erst gar nicht suchen.Die Empfindung ‚Haltlosigkeit’ist sicher auch eine subjektive, individuell empfundene Reaktion auf die Ablenkungsmöglichkeiten, von denen Herr Malyssek weiter oben spricht und gegen einen allgemein herrschenden, verlogenen Positivismus. Erst wenn ich mich mit dieser Haltlosigkeit und dem Zweifel auseinander setze, finde ich Zugang zum Prinzip Hoffnung.Im Buch findet sich ein Gespräch zwischen Debus und dem Gefängnispfarrer Kerkhoff zu diesem Thema.

  30. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass so viele Menschen unsere Wirklichkeit als haltlos empfinden? Nur an der Geschwindigkeit, die Sie schon angesprochen haben?

  31. Bronski sagt:

    @ all

    Wenn’s genehm ist, würde ich gern vorschlagen, dass wir morgen ab zehn Uhr weitermachen. Was aber nicht heißen soll, dass nicht diskutiert werden darf.

  32. Robert Maxeiner sagt:

    Selbst die Definition, was heute sachlich oder faktisch sei, ist Macht- oder Herrschaftskriterien unterworfen. So weiß ich inzwischen, wer wen in Venezuela bekämpft, differenzierte Informationen habe ich kaum. Die Konzerne, Kartelle und Regierenden machen sich kaum noch die Mühe, ihre Beschlüsse zu belegen. Sie schaffen immer mehr Fakten. Diese in Frage zu stellen, fordert sofort Beweise heraus. Dies ist von vornherein, um es merkantil zu sagen, ein unfairer Wettbewerb. Unsere Gesellschaft ist auch gespalten in Diejenigen, welche im Mainstream mitschwimmen, und Dejenigen die anders denken. Diese müssen sich schnell haltlos vorkommen, weil es aus der Sicht der Anderen keine Alternativen gibt. Wie in der Politik tummelt sich Alles in einer vermeintlichen Mitte.Früher wollten uns diese Leute aus der Mitte wenigstens noch in die DDR schicken, wenn wir anders dachten. Heute gibt es nur noch das Dschungelcamp. Haltlosigkeit und Zweifel können Rettungsanker sein,um nicht zu verblöden, wenn wir sie denn aushalten.

  33. Robert Maxeiner sagt:

    Ja, einverstanden, also bis morgen um 10.00 Uhr.

  34. Jürgen Malyssek sagt:

    Lieber Herr Maxeiner, immer wieder wird man, wenn man den Lauf der Welt kritisiert, ganz schnell damit begegnet, dass es doch wohl immer so war, mit der Haltlosigkeit, der Schlechtigkeit, dem Fortschritt, dem Menschen überhaupt usw.
    Soweit wir’s in einem Menschenleben wissen und erleben können, war die Welt auch immer eine wenig Halt gebende Geschichte, unabhängig von den großen Katastrophen. Und wie heißt es auch noch so schön zum Schluss unseres Lebens: Man stirbt immer alleine – auch wenig tröstlich.
    Aber ich sehe es auch so, dass die Schnelllebigkeit der Welt eine Dimension angenommen hat, die mehr Menschheitsgefahren als Chancen hervorbringt. Und das auf einem einem technologischen und wissenschaftlichen Niveau, das normalerweise eine aufgeklärte friedensstiftende Wissensgesellschaft ausmachen könnte. Das Gegenteil wird der Fall sein.

    Ich will mal die Schnelllebigkeit am Beispiel der Erfindung und Einführung des Buchdruck in der frühen Neuzeit (15. Jh.) und der heutigen Entwicklung von Schrift und Druck kurz aufzeigen:
    Diese alte Setz- und Drucktechnik hatte in stetiger aber langsamer Entwicklung eine Wirkungsdauer von sagen wir mal rund 500 Jahren! Als die Computerisierung in diesem Gewerbe Anfang/Mitte der 1970iger Jahre Einzug hielt, ging es nur noch um Jahre, Jahrzehnte um eine ganzes Fach fast vollkommen neu aufzustellen. In der Phase der alten Drucktechnik konnten ganze lebenslange Berufsbilder, Berufskarrieren geprägt und an nächste Generationen weitergegeben werden. Bis 1970!!!
    Das ist vorbei und es gibt kaum noch etwas davon weiterzuvermitteln. Jedes Jahrzehnt ist eine Neuerfindung. Eine Branche hat keine berufliche Sicherheit mehr. Schon zum damaligen rasanten Umbruch verloren ausgesprochene Facharbeiter ihren Arbeitsplatz und ihre Berufsidentität. Das ist nur ein Beispiel für vieles. Und dieses Beispiel ist noch ein „harmloses“ für das, was „noch nie so gefährlich, ob der technischen Möglichkeiten, uns und die Welt zu zerstören.“
    Insofern besteht schon hier der dringende Bedarf des Zweifels. Der Zweifel ist unabdingbar. „Er bringt uns dazu, Phänomene nicht einfach stoisch hinzunehmen, sondern nach Ursache und Ursprung zu fragen.“ (Luciano De Crescenzo: „Lob des Zweifels“, dtsch. 1996).
    Das Internet und Folgen sind die laufende und weitere Herausforderung.

  35. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Haltlosigkeit bedeutet nach meiner Wahrnehmung auch Verlorenheit. Und falls ich, lieber Herr Maxeiner, Ihr Buch richtig deute (bevor ich es gelesen habe), scheint der Hinweis darauf eines Ihrer Anliegen zu sein.

    Auch in Frischs „Graf Öderland“ ist die Hauptfigur, der Staatsanwalt, verloren in der geistigen und politischen Enge des bürgerlichen Alltags, unfähig, aus den Systemen auszubrechen und als sie den Ausbruch endlich wagt, gerät sie in neue Abhängigkeiten, weil sie deren Strukturen nicht erkannt hat.

    Verlorenheit, die man verdrängt, weil man nicht zugeben will, dass man ein Irrender, allenfalls ein Suchender ist, äußert sich mitunter in Verlogenheit, in Verlogenheit über das eigene Leben, die eigenen Wünsche, die eigenen Perspektiven. Die Menschen flüchten sich aus der Realität, indem sie vermeintliche Tugenden kreieren und sie kleistern damit die Risse in ihrem Leben zu, kleben eine Tapete über das brüchig gewordene Mauerwerk, weil die Wahrnehmung dieser Brüche alles in Frage stellen würde. Weil sie die Wahrheit fast noch mehr fürchten als den Tod. Weil sie ahnen, dass sie, obwohl Teil der lebendigen Welt, sich aus dieser bereits als Mitgestalter verabschiedet haben. Die Attribute dieses Abschieds sind falsche Genügsamkeit, die Verneinung der eigenen Persönlichkeit und die unaufrichtige Zustimmung zu den herrschenden Verhältnissen.

    Im Mai 2011, aus Anlass von Max Frischs 100. Geburtstag, hat der in Frankfurt aktive Literatur- und Kulturverein PRO LESEN, dem ich angehöre, eine szenische Lesung des „Graf Öderland“ aufgeführt. Bei der Vorbereitung gerieten drei der Mitwirkenden, darunter auch ich, so miteinander in Streit über die zentralen Aussagen (Haltlosigkeit, Verlorenheit, Verlogenheit, Nachgiebigkeit gegenüber den Verhältnissen), sodass neu besetzt werden musste. Die Literatur hatte offensichtlich das Leben so direkt getroffen und persönliche Empfindlichkeiten verletzt, dass selbst ein (Laien-) Schauspiel nicht mehr möglich war. Literatur kann etwas verändern, in die eine oder in die andere Richtung.

  36. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    „… immer wieder wird man, wenn man den Lauf der Welt kritisiert, ganz schnell damit begegnet, dass es doch wohl immer so war …“

    Die Frage muss erlaubt sein, ob es nicht tatsächlich so ist, dass es immer so war. Das bedeutet noch lange nicht, dass die Zustände heutzutage in Ordnung wären oder dass ich sie für in Ordnung hielte. Weit davon entfernt! Aber das Gefühl von Entwurzelung (das setze ich an dieser Stelle mal für Haltlosigkeit, auch wenn es nicht dasselbe ist) ist ja nicht neu. Zur Zeit des Manchester-Kapitalismus werden viele Menschen so empfunden haben, um nur ein einziges Beispiel zu nennen. Mir geht’s nicht darum, Klarheit in einer letztlich philosophischen Frage zu erlangen, sondern darum zu erfahren, was Robert Maxeiner darüber denkt. Für mich ist die Frage nach der Perspektive des Schreibenden eine zentrale Frage des Schreibens. Wenn er die Perspektive des Ich absolut setzt und dieses Ich schreibend in den Strudel der Haltlosigkeit hineinwirft, egal ob als Figur Nordenfeld oder als Figur Debus, ist jede Klage über diese Haltlosigkeit für mich total nachvollziehbar. Wenn er dagegen eine Perspektive der Distanziertheit einnähme und von weiter außen auf die Zustände schauen würde, entstünde eine ganz andere Haltung: Dann ist das Ich möglicherweise plötzlich ganz klein und unbedeutend, je nachdem, aus welcher Entfernung es schreibend beobachtet wird. Die Haltlosigkeit, die es verspürt, ist dann nicht mehr absolut, sondern relativ. Das kann ein Schutzmechanismus sein, um die teils unhaltbaren Zustände in dieser Welt nicht zu nahe herankommen zu lassen, und das hätte Konsequenzen fürs Schreiben. Darauf will ich hinaus: auf die Konsequenzen fürs Schreiben. Möglicherweise spielt es für Robert Maxeiners Art zu schreiben überhaupt keine Rolle, wie die Dinge „wirklich“ sind?

  37. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Lutz „Bronski“

    Ich habe übrigens meine Aussage zu „…dass es immer schon so war“ gar nicht so sehr auf Ihre Frage alleine gemünzt, sondern die Entgegnung kam mir sofort bekannt vor, weil ich sie als häufigstes Kontra erlebe. Und ich kann bei den zurückliegenden historischen Bevölkerungskatastrophen von der Pest oder dem Dreißigjährigem Krieg gar nicht ignorieren, dass das eine „haltlose“ Zeit war für die Menschen. Dagegen erlebe ich dieses Kontra fast immer in Verbindung mit dem Argument: „Eigentlich ging es uns noch nie so gut wie heute. Ich weiß gar nicht was du eigentlich besser haben willst …“

    Was die Perspektive des Schreibenden (Maxeiner) betrifft, ist meine Sichtweise natürlich nur so eine Art Begleitmusik.
    Vielleicht ist aber der Begriff und Ausdruck „Haltlosigkeit“ auch hinsichtlich der von Ihnen aufgezählten Katastrophen auch nicht der geeignete, weil die Haltlosigkeit, um die es Maxeiner geht, sich wirklich auf die Moderne, auf das heute Aus-dem-Ruder-Laufende bezieht – so meine Wahrnehmung – und die Vergleiche zu frühen Zeiten einfach hinken müssen.

    In der Debatte bei Pankaj Mishra fielen schon die Begriffe Entwurzelung, Heimatlosigkeit, Vereinzelung, Überforderung. Diese Erfahrungen und Lebensempfindungen stecken irgendwie auch hinter „Haltlosigkeit“. Sie passen in unsere Zeit, meine ich.
    Das Argument mit der Entfernung des Schreibenden zum schreibenden Thema und zu den Figuren ist ein gutes Argument, wohin die Reise gehen kann/soll („Perspektive des Schreibenden“)?
    An dieser Stelle fehlt mir natürlich das gelesene Buch, auf das ich noch warten muss.

  38. Robert Maxeiner sagt:

    Ich verbringe zwischen den Phasen des Schreibens viel Zeit damit, mich in meine Protagonisten einzufühlen, wenn ich an einer Erzählung oder einem Roman arbeite. Dies mag merkwürdig klingen, habe ich diese doch erdacht und quasi erschaffen. Aber am Anfang des Schreibens habe ich nur eine Grundidee und eine Ausgangssituation. Danach kann es mir passieren, was ich nicht bedaure, dass sich die Handlung in eine Richtung entwickelt, die ich nicht vermutet hatte. So geht es mir auch mit den Personen, denen ich ein Persönlichkeitsbild zu verleihen versuche. Und von da aus entwickeln sie sich, machmal bin ich selbst verwundert darüber, wohin. Geprägt werden sie nicht nur vom persönlichen Schicksal, sondern auch von gesellschaftlichen und politischen Umständen. Hin und wieder reflektieren die Protagonisten auch selber über den Stellenwert von Soziologie, Politik und Psychoanalyse. Und manchmal drohen sie, an ihrem Schicksal und den Umständen, die dazu geführt haben, zu verzweifeln – oder an einer haltlos gewordenen Welt, wie sie diese empfinden. Meine Aufgabe als Schriftsteller sehe ich darin, die herrschenden Verhältnisse kritisch zu hinterfragen, dahin zu hören, zu fühlen, zu sehen, wo es übel zugeht, um es sichtbar zu machen. Danke für das Beispiel, Herr Mayssek! Dazu bedarf es auch einer poetischen Kraft, des Einfühlens und Mitleidens. (Meine Begabung bezüglich der poetischen Kraft kann und mag ich nicht einschätzen.) Ich selbst möchte manchmal auch an dieser Zeit, ihrem Unrecht und ihrer Brutalität und Menschenverachtung verzweifeln. Und den Humor möchte ich trotzdem nicht verlieren, was mir oft besonders schwer fällt. Ob es immer so war, dass solche Zustände herrschten, diese Frage beschäftigt mich zur Zeit weniger. Aber ich bin dankbar für den Hinweis, werde darüber nachdenken, weil esum mein Menschen- und Geschichtsbild geht. Sicher empfanden Melville, Steinbeck, Pavese, Böll oder Canetti die herrschenden Zustände ihrer Zeit ähnlich, jedenfalls kritisch. Und Max Frisch spricht es an vielen Stellen aus, auch im Graf Öderland. ich glaube, ich kann mich gut in die Szene, die Sie beschrieben haben einfühlen, Herr Mertens. Ich finde, es zeichnet die Qualität des Stücks aus, wenn man sich trefflich darüber streiten kann.

  39. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Guten Morgen zusammen! Herr Maxeiner, Sie erwähnten „Phasen des Schreibens“. Erzäühlen Sie uns doch mal etwas über die Entstehung Ihres Romans. Wie lange haben Sie daran gearbeitet? Gab es Unterbrechungen, Pausen, Krisen?

  40. Robert Maxeiner sagt:

    Guten Morgen! Die ersten Ideen zu ‚Blick über den Fluss hatte ich beim Joggen. Es gibt einen Roman von Andre Gide ‚Die Falschmünzer‘. Darin verbindet er zwei Ereignisse, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Dies hat mich ermutigt, Situationen und Fakten zuerst einmal denkend zusammen zu bringen. Daraus entstand eine Grundidee. Dann fing ich an zu schreiben und nutzte jede freie Minute dafür. Nach drei oder vier Monaten schien die Quelle plötzlich versiegt, weil ich keine Idee hatte – genauer gesagt, keine wollte mir so richtig passen – sodass ich mit dem Schreiben mehrere Monate pausierte, bis mir wieder eine Alternative einfiel, die mich überzeugte. Ich habe diese Phase nicht als Krise erlebt. Oft schrieb ich in dieser Zeit an einer Erzählung oder einem Essay. Nach mehreren Monaten arbeitete ich das Geschriebene noch einmal durch und anschließend hatte ich wieder neue Einfälle. Dann wußte ich mit einem Mal nicht mehr, ob sich noch ein wichtiger Teil anschließen würde, oder ob ich nur noch die letzten Kapitel schreiben musste. Und ich hatte mehrere Ideen für den Schluss. Also pausierte ich wieder eine Zeit lang und dachte die verschiedenen Möglichkeiten immer wieder durch. Dabei dachte ich quasi von einem möglichen Schluss aus rückwärts, um heraus zu finden, ob die Handlung schlüssig ist. Danach ging es relativ einfach, weil es mir Spaß machte, mich in Details zu verlieren.Manchmal gebe ich ein Manuskript auch einem Freund zu lesen und hole mir ein FeedBack ein.

  41. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Mir geht es ganz ähnlich. Ich arbeite zurzeit ebenfalls an einem Roman (Incubus – Virenkrieg III). Begonnen habe ich ihn im August vor einem Jahr, aber ab Dezember 2016 gab es eine Krise, weil der Stoff gewuchert war und ich mal wieder das Gefühl hatte, ihn nicht mehr in Form bringen zu können. Im Mai 2017 hatte ich dann eine Idee, und seitdem geht es zügig voran. Ich werde den Roman wohl in dieser Woche zu Ende schreiben können.

    „Blick über den Fluss“ ist ja nicht Ihr erstes Buch. Gab es bei seinen Geschwistern ähnliche Muster im Entstehungsprozess?

  42. Robert Maxeiner sagt:

    Ich finde, es ist ein erleichterndes, auch ein zufriedenes Gefühl, ein Buch zu Ende zu schreiben. Ich beglückwünsche Sie dazu. Bei meinem vorigen Roman und einigen unveröffentlichten Manuskripten ging/geht es ähnlich. Pepperland dagegen schrieb ich wie in einer Art Trance, als hätten sich die Erzählungen schon lange in mir entwickelt, und ich brauchte sie nur noch aufzuschreiben. Beim Schreiben wurde mir klar, dass ich ein Schriftsteller bin, unabhängig davon, ob und welchen Erfolg ich habe, oder wie andere Leute das sehen. Leider bin ich heute mit dem Titel ‚Pepperland und andere Geschichten vom Reisen‘ gar nicht mehr zufrieden. Pepperland (ich dachte an die Beatles) assoziieren viele Leute mit einem Kinderbuch. Das Selbstbewußtsein eines Schriftstellers will sich auch erst entwickeln. Bei meinem erstes Buch ‚Kawaja’handelt es sich um einen autobiografischen Roman über eine lange Reise. Ich schrieb mehrere Jahre daran, und ich wollte unbedingt Alles genau so aufschreiben, wie ich es erlebt hatte, gestattete mir keinerlei literarische Freiheiten. Als ich schon nach wenigen gescheiterten Versuchen nicht mehr an eine Veröffentlichung dachte, gründete ein Bekannter einen Verlag und wollte es heraus bringen.

  43. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Und wie lange haben Sie an „Blick über den Fluss“ geschrieben?

  44. Robert Maxeiner sagt:

    Etwa zweieinhalb Jahre, die Pausen eingerechnet.

  45. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Die beiden Reisebücher „Pepperland“ und „Kawaja“ sind in den 90ern erschienen, Ihr erster Roman „Wieder unterwegs“ 2010. Was war in der langen Pause dazwischen?

  46. Robert Maxeiner sagt:

    Geschrieben habe ich immer, obwohl ich zu dieser Zeit auch viel in meinem Brotberuf als Supervisor gearbeitet habe. Mehrmals habe ich auf versucht, bei großen und größeren Verlagen zu veröffentlichen, aber recht schnell frustriert aufgegeben. ‚Ihr Buch paßt leider nicht in unser Verlagsprogramm‘ oder ähnlich lautete die lapidare Rückmeldung.Die Arroganz und reine Marktorientierung der Verlage war ich bald leid. Also habe ich für die Schublade geschrieben oder auf bessere Zeiten gewartet – und viel gelesen. Durch Bücher wie ‚Das goldene Notizbuch‘ von Doris Lessing fühlte ich mich getröstet oder in meiner Haltung als Schriftsteller bestätigt. Im Werk von Jorge Louis Borges gibt es mehrere Stellen, in denen er das Schreiben und das Lesen als kreative Prozesse beschreibt und vergleicht. Bis heute fühle ich mich wohl in der Rolle des lesenden Schreibers oder schreibenden Lesers. Natürlich kann ich mich nicht unabhängig von diesen rüden Marktgesetzen machen – schließlich will ich auch, dass meine Leser-innen meine Bücher finden – aber es gibt auch Nischen. Und dass Masse Klasse sei, oder Verkaufszahlen für Qualität bürgen, das habe ich mir lange abgeschminkt.

  47. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Solche Erfahrungen mit Verlagen habe ich auch gemacht, bevor meine ersten Romane beim Hamburger Verlag Männerschwarm veröffentlicht wurden. Und danach, als ich aus dieser Nische wieder raus wollte, ging es so weiter mit den Absagen, obwohl ich glaubte, mir bereits einen Namen gemacht zu haben. „Passt nicht in unser Programm“ ist so etwas wie die Standardabsage. Ich habe nur ganz selten mal ein inhaltliches Feedback bekommen. Darüber ist man dann ja sogar fast dankbar, selbst wenn damit eine Ablehnung begründet wird. Ich glaube, so was erleben die meisten Schriftsteller. Ich habe dann irgendwann aufgegeben. Aber schreiben muss man ja trotzdem …

  48. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Als Schreibender hat man eine Botschaft, zumindest eine für all jene, die noch für gekonntes Erzählen und gute Argumente erreichbar sind. Dazu bedarf es jedoch bestimmter Strukturen, also eines Netzes an Botschaftern (Verlage, Agenturen, Buchhandel, Lesekreise etc.). Selbst falls man als Autor alles richtig gemacht hat, also die Kunst der textlichen Mitteilung in der jeweils notwendigen Form beherrscht, kann es an diesem fehlenden Netz scheitern. Das ist meine persönliche Zwischenbilanz aus dem Blog-Talk, den ich mit großem Interesse verfolge. Deswegen eine Frage:
    Hatten Sie, lieber Herr Maxeiner, es mal versucht mit einer Vorveröffentlichung Ihrer Romane in Literaturzeitschriften? Also beispielsweise in „die Horen“, „Sinn und Form“ oder „Akzente“ (um nur einige der größeren zu nennen). Da Verlage zunehmend das wirtschaftliche Risiko scheuen, aber andererseits auf neue Stoffe und neue Erzähler angewiesen sind, könnte das theoretisch eine Zwischenstufe sein, um die Öffentlichkeit zu erreichen, die man sich für sein/e Buch/Bücher wünscht.

  49. Robert Maxeiner sagt:

    Da haben wir offenbar sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Aber schreiben muss man trotzdem… Das empfinde ich auch so. Um es zu sagen wie Garcia Marquez in seiner Autobiographie: ‚Leben, um darüber zu schreiben‘, dazu fehlt es mir doch an Selbstbewußtsein. Aber Schreiben ist eine Möglichkeit, mit dem Leben und seinen Sackgassen zurecht zu kommen – und eine Leidenschaft. In den letzten Jahren habe ich mich mit dem Werk von Peter Kurzeck beschäftigt, dessen Bücher ich auch durch eine Besprechung in der Frankfurter Rundschau kennengelernt habe. Er fand eine Balance zwischen dem Getriebensein und der Lust am Schreiben. Ich bedaure sehr, dass er nicht mehr lebt, obwohl ich ihn nicht persönlich gekannt habe, er hatte noch so Vieles zu erzählen. Geht Ihnen das auch so, dass Ihnen Schriftsteller-innen zu Geistesverwandten oder Freund-innen im Geiste werden? Manchmal sind es auch die Romanfiguren, eigene oder die von Kolleg-innen, mit denen ich innerlich lebe oder mich frage, wie sie über dies und jenes denken.

  50. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Ich wurde durch Herrn Mertens auf Peter Kurzeck aufmerksam. Er steht auf meiner Leseliste. Ich komme frühestens im September wieder dazu, mal ein Buch zu lesen. Zurzeit habe ich dazu schlicht keine Zeit, weil ich selbst mit hoher Geschwindigkeit schreibe. Daneben kann ich keine literarischen Gedanken Anderer in meinen Kopf lassen. Aber es gibt natürlich Autoren, die mich inspiriert haben: Thomas Mann zum Beispiel wegen seiner unglaublichen sprachlichen Genauigkeit oder Michael Crichton wegen der scheinbaren Leichtigkeit, mit der er seine Themen verpackt.

    „Schreiben ist eine Möglichkeit, mit dem Leben und seinen Sackgassen zurecht zu kommen“, sagen Sie. Gestern stellten Sie Ihr Schreiben auch in den Dienst von Aufklärung. Haben Sie eine Botschaft?

  51. Robert Maxeiner sagt:

    Freut mich, dass Sie wieder dabei sind, Herr Mertens. Zugegeben, auf die Idee, es bei einer Literaturzeitschrift zu versuchen, bin ich noch nicht gekommen. Überhaupt merke ich – auch durch unseren BlogTalk – dass ich, bis auf wenige Freunde, mit kaum Jemanden über Lesen oder Schreiben spreche, über den Buchmarkt schon gar nicht. Vielleicht sollte ich mit Ihrem Kulturverein PRO LESEN mal in Kontakt treten.

  52. Robert Maxeiner sagt:

    Oh, ich finde, dies eine schwierige Frage. Sicher habe ich viele Botschaften, ohne dass sie mir als solche immer bewußt sind. Eigentlich möchte ich keine Botschaften haben, jedenfalls keine vermitteln,lieber etwas erzählen oder beschreiben. DieErkenntnis entsteht womlich im Kopf der Leserin, des Lesers. Jedenfalls geht es mir als Leser so, dass ich Belletristen schnell misstraue oder sie langweilig finde, wenn sie es auf die Botschaft anlegen. Lieber ist es mir, wenn sie eine Geschichte zu erzählen haben. Die Botschaften, wenn ich sie denn brauche, kann ich mir als Leser selbst entwickeln.Bei Reportagen habe ich oft den Eindruck, ich soll mitgenommen werden. Das mag ich gar nicht. Lieber ist es mir,der Reporter beschreibt den Weg, den er geht, und sei dieser auch noch so sperrig oder unwegsam.

  53. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Ich finde es ungewohnt, aber angenehm, übers Schreiben zu sprechen. Es ist ja eine recht einsame Angelegenheit. Man ist Autodidakt. Nichtschreibende interessieren sich meistens nicht fürs Schreiben selbst, sondern höchstens für das Ergebnis, wenn man es als Buch in die Hand nehmen kann. Erst wenn das möglich ist, wenn man also was vorzeigen kann, erfährt man Interesse. Vorher wird man häufig für einen Spinner gehalten. Aber Schriftsteller bzw. Autor wird man nicht durch die Veröffentlichung, sondern man ist es natürlich vorher längst.

    Zur „Botschaft“: Ich habe mir gerade noch mal unsere gestrige Unterhaltung angesehen. Sie schrieben einmal, Sie möchten mit Ihren Büchern „Zur Aufklärung beitragen und unterhalten, auch wenn sich dies in unserer Konsumwelt kaum zu vereinbaren scheint.“ Und Sie sprachen auch von einer „Solidarität des (sozialen) Denkens„. Das klingt aber doch irgendwie nach einer Agenda.

  54. Robert Maxeiner sagt:

    Die einsame Angelegenheit, von der Sie sprechen, erlebe ich auch so. Offenbar gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem inneren Prozess – also dem, was sich in uns abspielt, bzw. wie wir uns definieren und dem äußeren Ergebnis, also das Buch, das Leserin/Leser in der Hand hält. Zudem verselbständigt sich das Buch, oder anders gesagt, ich habe keinen Einfluss mehr darauf, was Leserin oder Leser damit macht, wie sie/er es versteht oder interpretiert.
    Das Wort ‚Agenda‘ existiert gar nicht in meinem Wortschatz. Ich versuche, eine Haltung einzunehmen oder entsprechend meiner Haltung zu schreiben. Wenn ich damit überzeuge, freue ich mich darüber.Dieses Gespräch mit Ihnen gefällt mir ausnehmend gut. Aber wir werden uns nicht auf eine Agenda verständigen, jedenfalls habe ich dies nicht vor. Ich mag Thomas Mann auch, obwohl ich sein Werk nicht so gut kenne wie beispielsweise das von Steinbeck, Faulkner, Frisch oder Conrad. Ich vermute, dies sagt uns mehr als eine Agenda. Natürlich könnten wir einen ganzen Blogtalk damit bestreiten, was uns das Werk von Thomas Mann bedeutet, oder wie wir es verstehen. Aber darüber hat ja einer seiner größten Bewunderer, Reich-Ranicky eine Menge gesagt und geschrieben.

  55. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Meine Erfahrungen mit Literaturzeitschriften sind durchaus ambivalent. Bei einem Schreibseminar mit dem Schriftsteller Gerd Loschütz im Hessischen Literaturforum im Frankfurter Mousonturm hatte ich vor zwei Jahren den Eindruck, dass dieser Weg sich zumindest für einige als Türöffner erwiesen hat.

    Ich selbst hatte zunächst eine positive Resonanz bei der pfälzischen Literaturzeitschrift CHAUSSEE gefunden. Sie veröffentlichte eine Episode aus einem Buchprojekt (Kindheits- und Jugenderzählungen als Reflektion der 50er und 60er Jahre). Doch bei einem Kapitel, das sich mit den Seilschaften eines Fabrikanten beschäftigt, der durch das Dritte Reich groß geworden war und nach dem Ende des NS-Staats die alten Interessen im christdemokratischen Mantel fortsetzte, war die Redaktion plötzlich sehr zurückhaltend.

    In solchen Situationen erweisen sich Gespräche mit Menschen, die gleichermaßen an Literatur und Politik interessiert sind, als sehr hilfreich. PRO LESEN in Frankfurt-Sachsenhausen, ein Förderverein für das örtliche städtische Bibliothekszentrum, bietet im bescheidenen Rahmen diese Möglichkeiten. Regelmäßig nehmen Autoren die Gelegenheit wahr, aus bereits veröffentlichten und noch unveröffentlichten Texten zu lesen. Hin und wieder können wir auch Schriftsteller gewinnen, die bereits einen Namen haben. Beispielsweise Sonja Rudorf, Gerd Fischer, Pete Smith und nicht zuletzt Lutz „Bronski“ Büge. Wir sind parteipolitisch unabhängig und frei davon, wirtschaftliche Rücksichten nehmen zu müssen. Letzteres gilt auch für Verlage.

  56. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Nun, wenn Sie sagen, dass Sie aufklären wollen, dann würde ich das schon als Agenda sehen. Dann ist Schreiben eine Art Bildungsprozess – nicht nur für den Schreibenden, sondern auch für alle, die sich lesend darauf einlassen. Schreiben also als zivilisatorischer Prozess, wie Thomas Mann es vielleicht formuliert hätte. Mir geht’s da übrigens ganz ähnlich. Man will ja nicht nur was erzählen, sondern auch etwas mitteilen. Und am Ende steht dann irgendwann ein Buch, das natürlich nie völlig fertig sein kann, dass man aber doch loslassen muss.

    Mein früherer Hamburger Verleger sagte mir mal, als Autor bräuchte ich ein Generalthema. Er sagte das, weil ich sehr verschiedene Romane für seinen Verlag geschrieben hatte: einen Tuntenroman, einen SciFi-Roman und eine Fortschreibung eines Romanfragments von Charles Dickens. Da war wohl für seinen Geschmack nicht unbedingt eine Linie zu erkennen. Trotzdem hatte ich dieses Generalthema damals schon, obwohl ich es noch nicht erkannt hatte: das Ringen des Individuums um seine Selbstbestimmtheit. Alle meine Figuren haben mit Zwängen und Freiheitsentzug und dergleichen zu kämpfen. Vielleicht machen diese Erläuterungen meine Frage nach Ihrer Agenda besser verständlich.

    Haben Sie morgen Zeit, um uns noch etwas weiter zu unterhalten?

  57. Robert Maxeiner sagt:

    Ja, gerne. Ihr, Generalthema, wie Sie es nennen, gefällt mir sehr, und ich fühle mich diesem verwandt. Trotzdem finde ich, Ihrem ehemaligen Verleger hätte diese Aussage nicht zugestanden, beziehungsweise, ich halte es für eine märkantile Ansicht, und sie hat mit der Haltung oder Einstellung eines Schriftstellers nicht unbedingt etwas zu tun. Ich sage es mal so: Wenn es aus dem Menschen heraus will, ist es sein Ringen um individuelle Selbstbestimmtheit, wenn es als Generalthema in ihn hinein soll, ist es ein Manipulationsversuch.

  58. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Sind Sie jemals von einem Verlag professionell betreut worden?

  59. Jürgen Malyssek sagt:

    Angeregt durch die vorstehenden Gedanken zum Ausgangspunkt und der Motivation des Schreibens, greife ich mal „Als Schreibender hat man eine Botschaft …“ (Mertens) und „Schreiben ist eine Möglichkeit, mit dem Leben und seinen Sackgassen zurecht zu kommen“ (G. Marquez)heraus und denke:
    Schreiben ist eine Auseinandersetzung mit dem (eigenen) Leben, direkt oder auf Umwegen sich klarer über die menschliche Existenz zu werden. Selbst wenn es nicht ganz klappt, einmal angefangen, treibt es einen weiter, irgendwie.
    Selbst wenn ich wohl nie ein Romanschreiber werde, so sind auch die kurzen Texte eine Möglichkeit, sich selbst und die Dinge, die einen beschäftigen, besser zu verstehen. Dabei glaube ich, dass dieser Antrieb sich mit einer „Botschaft an die Welt“ (welche auch immer) verbindet. Oder mit einer Klage (etwa an die Ungerechtigkeit und Verlogenheit).
    Schreiben als eine Form der Lebensbewältigung. Wenn ich „Generalthema“ lese, dann klingt mir das zunächst zu funktional. Ich übersetze das für mich als LEBENSTHEMA.
    Jean Grenier beginnt in seinem wunderbaren Büchlein „Die Inseln“ (1959) mit folgenden Sätzen:
    „Es existiert im ganzen Leben und besonders am Morgen des Lebens ein Augenblick, der über alles entscheidet. Dieser Augenblick ist schwierig wiederzufinden; er ist unter der Anhäufung von Minuten verschüttet, die zu Millionen über ihn hinweggegangen sind und deren Nichtigkeit erschreckend ist. Dieser Augenblick ist nicht immer ein heller Augenblick …“
    Ich kann sagen, dass ich von diesen Sätzen und der weiteren Lektüre nicht mehr weggekommen bin, auch wenn ich zwischendurch meiner Arbeit habe nachgehen müssen.
    So oder so ähnlich mag es manch einem ergangen sein, dass ein Schlüsselsatz zum Nachdenken und Schreiben geführt haben.
    „Das Ringen des Individuums um seine Selbstbestimmtheit“ – Das sehe ich so was wie ein Lebensthema.

    „Schreiben ist ja eine recht einsame Angelegenheit“ („Bronski“). Ja!!!

    Ich teile auch die Ansicht von Herrn Maxeiner, beim Schreiben eine Haltung einzunehmen, obgleich ich das für Pamphlete und Essays leichter einzulösen sehe. Bei Romanen sind ja unterschiedliche Figuren im Spiel. Ich kann das da nicht so beurteilen.
    Das Wort ‚Agenda‘ geht mir meistens schwer über die Lippen. Es ist einerseits im öffentlichen Sprachgebrauch ziemlich verbraucht, andererseits (vielleicht geht es nur mir so?) ist es sozialpolitisch (2010) so belastet, dass es sich mir wie eine schwarzer Vogel auf die Schulter festgekrallt hat.

  60. Robert Maxeiner sagt:

    Ja, bin ich und zwar bei der Veröffentlichung von ‚Pepperland und andere Geschichten vom Reisen‘. Im Vorwort schrieb ich über meine Kindheit in einem Westerwalddorf. Ich schilderte eine Szene über einen alten Mann, den ich immer vom Küchenfenster aus beobachtete, und der in Ermangelung eines Taschentuchs gewöhnlich auf die Strasse rotzte. Die Lektorin schlug mir vor diese Formulierung zu ändern in ‚Er blies seine Nase aus‘.Sicher ist es auch die Aufgabe eines Verlags, ein Buch markttauglich zu machen. Dazu gehört es wohl auch, dass der Autor ein Generalthema hat. Es gehöre halt zum Handwerk. Und Kunst komme ja von Können In einer meiner Kurzgeschichten erklärt ein bekannter Maler, er würde mal gern in einem anderen Stil arbeiten, einfach, weil er Lust dazu habe, und dies zum entsprechenden Werk passen würde. Er würde aber nie so weit gehen, dass die Kritiker ihn, bzw. seinen Stil nicht wiedererkennen würden, denn dies würde sie beleidigen, und sie würden das Werk durchfallen lassen. Außerdem sei das Zuordnen eines Werks zum Maler unbedingt wichtig fürs Geschäft. Schriftsteller, die sich nicht daran gehalten haben wie zum Beispiel Herman Melville oder James Joyce, waren schon zu Lebzeiten wieder in Vergessenheit geraten oder haben kaum Bücher verkauft. Möglicherweise ist es aber auch so, dass Nobodys auf dem Kunstmarkt sich keine aussergewöhnlichen Fissematenten erlauben sollen. Erst wenn sie mal populär sind, dürfen sie mit stilistischen und inhaltlichen Extravaganzen glänzen – dies gilt dann als chic oder in oder womöglich avantgardistisch.

  61. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Bronskis Frage, ob Sie, lieber Herr Maxeiner, von Verlagen professionell betreut wurden, hat mich veranlasst, über die ca. 35 Jahre selbstkritisch nachzudenken, in denen ich in Verlagen, in Verlagsagenturen und im Buchhandel gearbeitet habe. Insbesondere frage mich, wie viel meine Berufskolleginnen und -kollegen (mich eingeschlossen) wirklich von Literatur verstanden haben. Bei den Wissenschaftsverlagen (in meinem Fall Philosophie, Theologie, Sprachwissenschaft und Jura) sehr viel. Bei Belletristik und Sachbüchern sah das mitunter anders aus. Aus manchen der Programmverantwortlichen und Lektoren wären sicherlich hervorragende Schriftsteller geworden, wenn sie den Schritt hin zum eigenen Schreiben gewagt hätten. Aber ich bin auch ganz anderen begegnet bzw. musste zwangsläufig mit ihnen zusammenarbeiten. Damit meine ich jene, welche die Literaturgeschichte anscheinend nur aus einem „Reader’s Digest Auswahlbuch“ kannten, stattdessen aber die internationalen Bestseller-Statistiken auswendig gelernt hatten. Sie beurteilen die eingereichten Manuskripte nicht vorrangig nach literarischen Maßstäben, sondern suchten nach Präzedenzfällen in der angesagten Unterhaltungsliteratur. Lag eine Nähe zu erfolgreichen Sujets vor, wurde mit dem Einverständnis des Autors dessen Text von einer/einem externen Lektor/in bearbeitet, manchmal in radikaler Weise. Die Erfolge dieser Methode waren im Durchschnitt deutlich geringer als beim herkömmlichen Verfahren. Aber für die traditionelle Vorgehensweise fehlten ab den späten 80er Jahren die hinreichend qualifizierten Mitarbeiter. Denn die Sache der schöngeistigen Literatur wurde zunehmend, wenn auch nicht überall, in die Hände von Apparatschiks gelegt. Germanistik plus Betriebswirtschaft plus Organisationsmanagement reichen eben nicht in jeder Branche aus.

  62. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Guten Morgen, Herr Maxeiner. Ja, der Buchmarkt hat seine Gesetze. Und dass Schreiben auch Handwerk ist, ist eigentlich eine Binsenweisheit. Manchmal muss man sich auch zur Arbeit zwingen, etwa wenn es ans Überarbeiten geht. Ein ordentliches Lektorat soll gewiss mehr erreichen als nur „Markttauglichkeit“. Ihre beiden Romane haben Sie bei Tredition und jetzt bei Books on Demand herausgebracht, also bei Self-Publisher-Verlagen. Wurde „Blick über den Fluss“ lektoriert?

  63. Robert Maxeiner sagt:

    Hallo, Herr Malyssek,
    Ich habe erst heute morgen Ihren Beitrag von gestern Abend entdeckt. Mit der von Ihnen gewählten Definition von Botschaft (an die Welt)mag ich mich gerne anfreunden.Damit müßte ich Ihnen, Herr Büge, eigentlich recht geben, indem ich doch eine Botschaft habe. Wahrscheinlich habe ich eine Skepsis verinnerlicht, dass Worte immer wieder aus dem Zusammenhang gerissen oder benutzt werden, um Fakten zu manipulieren (was ich Ihnen damit keinesfalls unterstelle). Ich nehme als Beispiel ‚professionell‘. Das Wort wird heute als eine Art Qualitätsbezeichnung benutzt. Oder umgekehrt werden Menschen beschimpft, Sie würden unprofessionell arbeiten. Dabei bedeutet professionel eigentlich nur ‚von Berufs wegen‘. Dass professionell fachlich gut sei, gilt nämlich schon lange nicht mehr. Oft ist das Professionelle schlampig oder geschieht unter schlechten Arbeitsbedingungen, während das Laienhafte, bzw. das Arbeiten nicht für Geld, oft unabhängiger macht. Dies kann auch Voraussetzung für Qualität, auf jeden Fall Kreativität sein. ich bin froh darüber, als Schriftsteller kein Profi zu sein, d.h. von dem Buchmarkt weniger abhängig, weil ich nicht davon leben muss. Also muss ich auch nicht in diesem Mass für die Erwartungen dieses Marktes arbeiten. Als Supervisor nehme ich auch Aufträge nicht an, die nicht meinem Konzept oder meinem Berufsethos entsprechen.
    Die Aussage von der Sackgasse war übrigens kein Zitat von Garcia Marquez – also danke für das Kompliment – es sei denn, ich hätte ihn unbewußt zitiert. Das kann mir auch passieren, wenn ich mich mit dem, was ich lese, identifiziere.

  64. Robert Maxeiner sagt:

    Guten Morgen, Herr Büge! Ja, ich habe ‚Blick über den Fluss‘ lektorieren lassen. mit diesem Lektorat war ich sehr zufrieden (sripta aus München). Da ich das Lektorat selbst bezahlt habe, also Auftraggeber war, konnten wir uns gut auf, ich nenne es mal den Grad des Einflusses verständigen. Was Herr Mertens vom Verlagswesen berichtet, bestätigt alle meine Vorurteile. Dabei ist es verwunderlich, wie viel gute Bücher auf den Markt kommen. Ich bezeichne dieses Phänomen mit dem Lied ‚Trotz alledem‘. Die Fassung von Hannes Wader kann ich sehr empfehlen. Ein anderes Beispiel in diesem Zusammenhang: Sowohl privat als auch von Berufs wegen habe ich einen intensiven Einblick in die ambulante Pflege. Die Bedingungen sind m. E. nach wie vor miserabel. Die Krankenkassen, auch so ein Kartell wie die Autoindustrie, ist nur auf Gewinne aus. (Ich behaupte dies jetzt einfach mal pauschal und ohne Beleg. Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Trotz alledem bewundere ich jeden Tag die Pflegerinnen und Pfleger wie gründlich sie ihre Arbeit machen. Oft nehem sie sich Zeit, was ich für ungeheuer wichtig in der Arbeit mit Menschen halte und dafür werden sie auch noch nicht selten gerügt. Sich Zeit nehmen ist nämlich unprofessionell, professionell ist möglichst schnell Module abarbeiten. Trotz alledem und alledem…

  65. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Ich kann das, was Herr Mertens vom Verlagswesen berichtet, nicht bestätigen bzw. habe die Dinge anders erlebt. Ein professionelles Lektorat ist eigentlich unverzichtbar: Mit Sinn für Logik und Textverständnis und mit Distanz als Unbeteiligter an einen Text heran zu gehen und zu schauen, ob da auch wirklich nichts hakt, ist absolut im Sinn des Textes und damit auch des Autors. Ich halte es auch für nachvollziehbar, dass dabei z.B. auch gekürzt wird. Dabei muss man als Autor manchmal Kompromisse machen. Schließlich trägt der Verlag das wirtschaftliche Risiko, wenn er ein Buch drucken lässt. Das gibt ihm ein Mitspracherecht.

    Dabei muss man als Autor natürlich nicht zwangsläufig mitspielen. Man kann z.B. einen Verlag gründen und die ganze Arbeit selbst machen, die das mit sich bringt. Man kann sich auch auf Publikationen als E-Book beschränken oder sein Buch on Demand anbieten. Heute haben Autoren mehr Möglichkeiten denn je, ihre Romane herauszubringen. Aber was kommt dann? Der nächste Schritt wäre zu versuchen, einen Roman bekannt zu machen. Verlage investieren dafür (punktuell) in Werbung. Was unternehmen Sie – abgesehen davon, dass Sie mir ein Exemplar von „Blick über den Fluss“ geschickt haben?

  66. Robert Maxeiner sagt:

    Ich finde, ihre Argumente und Erfahrungen sind kein Widerspruch zu dem, was Herr Mertens berichtet hat. Wie oben bereits berichtet, war ich mit dem Lektorat, genau in der Weise, wie sie es beschreiben, zufrieden. Natürlich soll auch der Verlag seinen Einfluss geltend machen, weil er das Geschäftsrisiko trägt, jedenfalls bei einer traditionellen Veröfentlichung. Der wunde Punkt ist der, wenn ein Partner den anderen ausspielt oder an die Wand zu drücken versucht. Dann geht nämlich das Monopoly auch auf dem Buchmarkt los. Aber wie Michi Herl gestern so treffend in der FR-Kolumne formulierte: Ich muss ja nicht mitmachen (was nicht immer so einfach ist.) Sie haben gute Beispiele benannt, um aus der Abhängigkeitsfalle raus zu kommen. Nichts desto trotz haben wir auf fast allen Gebieten zunehmend einseitige Machtverhältnisse und Einflussnahmen zu ungunsten von Qualität und Teilhabe. Oft bleiben nurmehr Nischen.
    Ich lebe als Schriftsteller in einer solchen Nische. Ab und zu mache ich eine Lesung, schicke ein Buch an eine Zeitung zur Besprechung. (Selten erhalte ich auch nur eine Rückmeldung.)Ich melde mich bei unterschiedlichen Gelegenheiten zu Wort. Das reicht natürlich nicht, um auch nur einen bescheidenen Bekanntheitsgrad zu erreichen. Das bedaure ich, bin aber nicht besonders traurig darüber. Ich muss mich auch nicht rechtfertigen, wenn ich die sich ständig selbst bestätigenden Gesetze dieses Marktes nicht befolge. (Trommeln gehört zum Handwerk.) In der Nische fühle ich mich ganz wohl. Ja, ja der Fuchs und die Trauben, die zu hoch für ihn hingen…

  67. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Sie haben keine Webseite, oder? Ich habe jedenfalls keine gefunden.

  68. Robert Maxeiner sagt:

    Ja, ich hab keine.

  69. Klaus Philipp Mertens sagt:

    „Ein professionelles Lektorat ist eigentlich unverzichtbar“, schreibt Bronski. Das ist eindeutig richtig. Aber wer weist den Weg zu Verlagen, die sich ein solches leisten, um bislang unbekannte Autoren zu entdecken und zu fördern? Die großen Verlage sind überwiegend in Konzernen eingebunden, dort geht es um Kapitalverwertung im Sinn der Anteilseigner. Folglich wird auch in den Lektoraten nach vordefinierten Standards für den vermeintlich schnellen Erfolg verfahren. Kleine und mittlere Verlage verfügen nach meiner Erfahrung häufiger über literarisches Gespür,aber das Risikokapital ist begrenzt, falls überhaupt vorhanden. Ich denke oft an Hans Werner Richter und seine „Gruppe 47“, die nach der Nazi-Katastrophe Schriftsteller einlud, ihre Texte einem kritischen Kreis von Zuhörern vorzustellen und dadurch Verlage aufmerksam machte. Angesichts mancher Verflachungstendenzen in der Literatur und der Kultur überhaupt wünsche ich mir eine solche Gruppe wieder. Denn Selfpublishing kann zwar für Autoren eine Lösung sein, wenn es um die Produktion geht. Schwieriger hingegen ist der Vertrieb, also die Präsenz in Buchhandlungen und in den Katalogen der Großhändlern. Auch Pressearbeit und Rezensionswesen kann ein „Einzelkämpfer“ selten allein leisten. Deswegen freut es mich, dass Robert Maxeiner den Weg in die Öffentlichkeit(in den FR-Blog) gewagt hat. Vermutlich wird das aber kein Rezept für alle Schreibenden sein können.

  70. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    „Ich finde, ihre Argumente und Erfahrungen sind kein Widerspruch zu dem, was Herr Mertens berichtet hat.“

    Gewiss nicht. Mir lag daran festzuhalten, dass keineswegs alle Verlage so arbeiten, wie Herr Mertens es beschrieben hat. Es gibt eine Verleger-Spezies, für die Bücher in erster Linie eine Herzensangelegenheit sind und erst dann ein Geschäft und die selbstausbeutend arbeiten, und diese Verleger sind gar nicht so selten. Man findet sie allerdings eher bei den kleinen und mittelgroßen Verlagen als bei den großen Publikumsverlagen.

  71. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Books on Demand ist ja nun kein konventioneller Verlag. Trägt er irgendwie zur Verbreitung Ihres Buches bei? Was hat Sie dazu bewogen, „Blick über den Fluss“ on demand zu veröffentlichen?

  72. Robert Maxeiner sagt:

    Zum Kommentar davor: Wenn ich nicht ausbeutend arbeite oder mich ausbeuten lasse, habe als Alternative, mich selbst auszubeuten. Ist das nicht schrecklich?

  73. Robert Maxeiner sagt:

    Das Lektorat hat mir diese Alternative mit Books on Demand vorgeschlagen. Eine besondere Werbung machen die nicht. Es dauert einige Tage, wie ja auch Herr Malyssek berichtet hat, aber man kann das Buch über den normalen Buchhandel bestellen.
    Was mich bewogen hat: Die Kosten waren überschaubar.Und ich war froh, mit dieser für mich lästigen Angelegenheit des Veröffentlichungswegs nicht mehr viel zu tun zu haben. Wie ich bereits berichtet habe, arbeite ich als Supervisor freiberuflich. Schon öfter musste ich das FeedBack hinnehmen, ich sei kein so guter Geschäftdmann, was die Vermarktung meiner Arbeit angeht. Dem kann ich nicht widersprechen.

  74. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Da haben Sie sich also zweieinhalb Jahre selbst ausgebeutet, um Ihren Roman zu schreiben, sind aber „nicht besonders traurig darüber“, dass dann nichts mehr passiert? Ein bisschen traurig aber schon?

  75. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Ein wichtiger Teil der Gegenwartsliteratur scheint an einem extrem dünnen Faden zu hängen: An Autoren, die es sich leisten, gegen die Trends zu schreiben und das Nichtselbstverständliche zur Sprache bringen; an Verlagen, die eigentlich wirtschaftlich denken müssten, aber es zumindest nicht in vollem Umfang tun (Selbstausbeutung) und an kleinen und mittleren Buchhandlungen, die ihre Sortimente weitgehend nach literarischen Gesichtspunkten zusammenstellen und immer häufiger aufgeben müssen. Irgendwie scheinen alle, die an diesem schönen Wahnsinn namens Literatur festhalten wollen, Missionare in einer Welt zu sein, die diese Botschaften gar nicht hören, geschweige denn lesen will.

  76. Robert Maxeiner sagt:

    Sie haben mich, glaube ich, missverstanden, Herr Büge: Nicht ich habe mich ausgebeutet – jedenfalls empfinde ich es nicht so, sondern die Leute in Ihrem Beispiel. Es scheint eine Mitte, auch in Marktangelegenheiten zu fehlen: Entweder Herzensangelegenheit und Selbstausbeutung oder ausgebeutet werden. Sie bestätigen dieses Extreme des Marktes, Herr Mertens: Entweder maximal gewinnorientiert oder missionarisch. Entweder dünner Faden oder dickes Tau. Das ist doch extrem verrückt, oder? Ich meine, das, was wir erleben und zu beschreiben versuchen. Ich möchte weder, nur weil ich eine Buch veröffentliche, zum Missionar, oder zum Altruisten werden, noch möchte ich Teil eines aus den Fugen geratenen Marktes werden. Aber es sieht so aus, als hätte ich nur die Wahl zwischen Extremen, wenn ich nur ein wenig aus der Nische raus komme. Oder wollten Sie mir sagen, Herr Büge, eine eigene Webseite würde helfen? (Ich versuche, meiner Ironie nicht die Oberhand zu geben.)

  77. Juliane Schätze sagt:

    Da der Blogtalk sich z.Z. mit der Verlags- und Lektoratsfrage beschäftigt, wird für mich erkennbar, dass sich der Autor/die Autorin gründlich überlegen sollte, mit welcher Intention er/sie schreibt. Will er/sie das Manuskript verkaufen und als Buch gedruckt sehen, muss er/sie sich in den Buchmarkt begeben und sich dessen Gesetzen unterordnen. Wie Klaus Philipp Mertens richtig schreibt, hat die dabei Marktkonformität meist Vorrang vor der literarischen Qualität (Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Geht es darum, eine wichtige „Botschaft“ an die Leserschaft zu bringen, gibt es inzwischen elektronische Vertriebswege. Aber wer wird dort erreicht? Ich muss mir vööllig im Klaren sein, wer ist mein Adressat, wie und wo finde ich ihn und wie bekomme ich seine Aufmerksamkeit. Ein professionelles Lektorat ist bei der Einschätzung der literarischen Qualität wichtig und hilfreich. ES ist aber zu überlegen,welche Investionen man sich leisten kann und zu welchem Ziel sie führen.
    Bei mir liegen derzeit zwei Roman-Manuskripte in der Schreibtisch- bzw. elektronischen Schublade. Je länger ich über die Problematik (Verlag, Lektorat, Vertriebsweg und Werbung) nachdenke, um so unsicherer werde ich, welcher Weg der richtige ist.
    Mit dem Schreiben aufhören, ist aber auch keine Lösung.

  78. Jürgen Malyssek sagt:

    Zu den Stichworten: Markt, Nischen, Selbstausbeutung:
    Wenn von Generalthema (etwa „Ringen des Individuums um Selbstbestimmung“) und Ansporn zum Schreiben die Rede ist, aber auch um die Haltung beim Schreiben, dann ist das Leben als Schriftsteller in einer Nische (R. Maxeiner), auch ein besonderer Grad an Autonomie, nicht den Gesetzen des Marktes zu folgen. Was natürlich nicht einhundertprozent aufgeht.
    Wenn Schreiben auch mit Leidenschaft und Überzeugung zu tun haben, dann würde ich das nicht selbstausbeuterisch sehen.
    Ich habe, ohne genau aufgerechnet, bei unserem Buch (2009) über Wohnungslose Menschen, wahrscheinlich eher draufgelegt als Gewinne gemacht. Das war mir bei dieser Arbeit nicht so wichtig. Sondern es ging mir um eine anständige Veröffentlichung und Verbreitungsmöglichkeit. Das ist passiert. Der Verlag (Lambertus, Freiburg) und das Lektorat waren korrekt. Aber die meiste Arbeit (Layout, Umbruch usw.) bis zum Druck lag bei uns beiden Autoren. Der kühle Rechner würde da wahrscheinlich von Selbstausbeutung reden. Mit allem Drum und Dran dauerte das Buchprojekt über 2 Jahre. Es war die Arbeit wert. Ideell gesehen.

  79. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Ich habe Sie schon richtig verstanden, aber Ihr Verdikt dann auf Sie selbst bezogen. Ist erlaubt, oder? So weit hergeholt ist der Verdacht ja nicht, dass Schreiben auch Selbstausbeutung sein könnte, jedenfalls dann, wenn man Aufwand und Ertrag gegeneinander stellt. Aber natürlich ist es noch viel mehr. Wir haben ja schon drüber gesprochen.

    Ja, ich denke, dass eine Webseite zumindest nicht schaden würde. Leserinnen und Leser möchten immer auch etwas über den Autor erfahren, dessen Werke sie lesen.

    Ich habe jetzt keine Fragen mehr, aber die Unterhaltung und Diskussion kann natürlich weitergehen. Ein Auszug aus diesem Blogtalk wird voraussichtlich am 19.8. im Print-Leserforum erscheinen.

    Lieber Herr Maxeiner, ich danke Ihnen dafür, dass Sie Zeit und Lust hatten, sich mit mir zu unterhalten. Vielleicht bekommen Sie noch weiteres Feedback auch jenseits vom FR-Blog. Ich würde mich freuen, dann von Ihnen zu hören. Viel Glück weiterhin und immer frische Schaffenskraft!

  80. Robert Maxeiner sagt:

    Ich könnte doch auch sagen: Ich habe ein Buch geschrieben. Die Kosten bis zur Veröffentlichung habe ich selbst getragen. Ich habe in dem Buch etwas zu sagen, das ich für lesenswert halte. Wenn Ihr wollt, liebe Leserinnen und Leser, könnt Ihr mich suchen (nicht im Mondschein besuchen) oder finden. Ich will nicht sagen, dass dies zum Erfolg führt. Aber es könnte eine Einstellung sein. Wenn ich mich schon frage, ob sie vernünftig sei oder gar zum Erfolg führe, stehe ich schon mit einem Fuss in diesem Sch…markt.

  81. Robert Maxeiner sagt:

    Lieber Herr Büge,
    ich bedanke mich auch bei Ihnen, mir hat die Unterhaltung auch Spaß gemacht, und ich danke Ihnen auch dafür, dass Sie mir die Möglichkeit dieses Blogs eingeräumt haben.

  82. Stefan Briem sagt:

    Das war ein interessantes Gespräch, aber eines verstehe ich nicht, Herr Maxeiner: Warum haben Sie eine solche Aversion gegen den Buchmarkt? Ja, es geht natürlich ums Vermarkten und Verkaufen. Genau das ist der Sinn von Märkten. Ein Autor, der seine Bücher nicht verkaufen will? Das ist sonderbar. Man kann doch an einem Markt teilnehmen, ohne sich von ihm beherrschen zu lassen.

  83. Jürgen Malyssek sagt:

    Lieber Herr Maxeiner,
    auch ich bedanke mich, bei diesem Blogtalk zwischen Ihnen und Lutz „Bronski“ Büge mich habe einklinken zu können. Es hat über das Lesen, Schreiben und Nachdenken viel Substanzielles hervorgebracht.

    Ich habe noch was gefunden, das zum Thema passen kann:

    Im FR-Feuilleton vom 5./6. Augsust schreibt Susanne Lenz über die Arbeit von António Lobo Antunes und seinen 28.(!)Roman.
    „Anschreiben gegen die Schuld“

    Davon drei kurze Textauszüge:
    – „Es gibt Tränen, die Jahre brauchen, sich zu bilden. Davon erzählt António Lobo Antunes.“
    – „Seine Protagonisten bewohnen ein Mietshaus in Lissabon, es ist ein Mikrokosmos der Melancholie und der Müdigkeit.“
    – „Wenn ich nicht schreibe, habe ich Schuldgefühle“, sagte António Lobo Antunes noch. Er tut alles, damit sie nicht über ihm zusammenschlagen.“

    Jetzt warte ich auf Ihr Buch und melde mich demnächst wieder.
    Ich denke schon, dass Sie Ihre Bücher verkaufen wollen. Nur glaube ich, dass Ihnen der Schreibprozess noch wichtiger ist?

  84. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Lieber Herr Maxeiner,

    es war anregend, diesen Blog zu verfolgen (und sich hier und dort zu selbst zu Wort melden zu können) und es führte zum Gewinn neuer sowie zur Bestätigung bereits vorhandener Einsichten. Schön, dass man sich über Bücher im Allgemeinen und über das Schreiben im Besonderen austauschen konnte. Dank dafür auch an Lutz „Bronski“ Büge.

    Deswegen: Ich wünsche Ihnen und ihrem Buch viele, viele Leser. Vielleicht begegnet man sich mal im Frankfurter Literaturgeschehen.

  85. Lutz "Bronski" Büge sagt:

    Kleiner Nachklapp von mir, wenn auch nicht zum Thema, aber ich möchte das hier einbringen, weil so was nicht alle Tage passiert: Ich melde die Geburt eines neuen Romans, an dem ich etwas länger als ein Jahr lang geschrieben habe. Er heißt „Incubus“ und ist der dritte Teil meines Virenkrieg-Zyklus‘. Wer mehr darüber erfahren möchte, klicke auf diesen Link. Er führt zu meiner Autoren-Webseite Ybersinn.de.

  86. Robert Maxeiner sagt:

    Lieber Herr Malyssek,
    Ja,genau so erlebe ich es, dass der Prozess des Schreibens mir wichtiger ist als der Verkauf von Büchern. Ich fühlte mich mit Ihren Beiträgen gut verstanden.
    Lieber Herr Mertens,
    Schon seit Jahren verfolge ich Ihre Leserbriefe in der FR mit großem Interesse und fast immer stimme ich mit Ihrem Standpunkt überein oder finde wertvolle Hinweise für die eigene Meinungsbildung. Ich freue mich, dass wir uns durch diesen Blog etwas näher kennengelernt haben.

  87. Jürgen Malyssek sagt:

    Lieber Lutz „Bronski“ Büge,
    da sage ich doch: Herzlichen Glückwunsch zur Geburt des neuen Werkes!
    Diese Produktivität wünschte ich mir selbst beim Lesen. Ich bin nämlich immer noch mitten im „Virenkrieg“.

  88. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Zum Artikel über das neue Buch von António Lobo Antunes:
    Wie traurig! Besteht denn das menschliche Leben nur aus Schuld und Traumata? Und bis ins hohe Alter schafft man es nicht, diese Belastungen abzuschütteln?
    Ich selbst bin seit Jahrzehnten dabei, meine Lebenserfahrungen aufzuschreiben und habe vor, das Ergebnis – wenn es denn je fertig wird – zu veröffentlichen, aber anonymisiert und unter einem Pseudonym. Aber bei mir geht es im Gegenteil um ein sich Herausarbeiten aus Zwängen und von Religion und Gesellschaft eingeimpften Schuldgefühlen zu einer positiven Lebenseinstellung – wie Phönix aus der Asche!

  89. @Brigitte Ernst
    Mir geht es wohl wie Ihnen. Die Zitate haben mich abgeschreckt.

  90. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst und Henning Flessner

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was an den Textauszügen/Zitaten (die ersten beiden sind von der Reszendentin Susanne Lenz und das dritte ist O-Ton A. L. Antunes)so abschreckend sein soll.
    Die Beschäftigung mit diesem Autoren und auch anderen Literaten führen doch gerade in das, was das Leben unter der glatten Oberfläche ausmacht und helfen den Dingen des Lebens mehr auf den Grund zu gehen. Das ist nicht immer freundlich und erholsam, aber das macht gerade intensive Literatur aus.
    Das heißt auch nicht dass das Leben nur aus Schuld und Traumata besteht, aber aus Anhäufungen von Verdrängungen, Verleugnung und Abspaltung meiner Meinung und Erfahrung nach schon. Damit fertig zu werden, ist auch ein Antrieb zum Schreiben.
    Da gibt es Menschen, die es vorziehen über Glück und Freude zu schreiben. Das sind nicht wenige und die haben ihre Leserschaft. O.k.
    So hat jeder so sein Thema, wie Sie, Frau Ernst (Zwänge, Religion, Gesellschaft). Das ist ja dann auch gut so darüber zu schreiben. Wenn man allerdings die Absicht verfolgt zu einer positiven Lebenseinstellung zu kommen, so weiß ich nicht, ob das so hinhaut.
    Die Lebenseinstellung ist ein frühes Kind und lässt sich nicht so einfach umbrechen.
    Es gibt keine Garantie dafür, dass man im hohen Alter die Ballaste des Lebens abgeworfen hat. Aber man kann lernen, das alles besser zu verstehen.
    Jeder hat so seine Art mit dem Leben fertig zu werden, das sicher auch heitere Momente hat.

  91. Klaus Philipp Mertens sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Die Befreiung von etwas besitzt mehrere Aspekte und sie ist mit entsprechenden Nachfragen verbunden: Von was will/muss ich mich befreien? Ist die Befreiung gelungen? Wie fließt die gewonnene Erfahrung in mein künftiges Leben ein?

    Die Jahre, vielleicht Jahrzehnte, während derer man Gefangener diverser Traumata war, lassen sich ja nicht aus der jeweiligen Biografie löschen. Wer unter dem Eindruck solcher Erlebnisse und Erkenntnisse ein Buch schreibt, in dem alles Vorgefallene reflektiert wird, kommt an Offenheit auch gegenüber dem gern Verschwiegenen nicht vorbei. Diese Eingeständnisse können bereits in hohem Maße selbstbefreiend sein. Erzählen ist darum eine Möglichkeit der persönlichen Aufarbeitung existenzieller Ereignisse. Das trifft auch dann zu, wenn man selbst lediglich Beobachter von Entwicklungen war, an denen andere litten bzw. die von anderen gemeistert wurden und von denen man sich selbst anrühren ließ.

    Man kann die Komplexität des Lebens nicht abschütteln. Nicht durch das Akzeptieren ideologischer Dogmen, nicht durch ein Leben voller Events, nicht durch synthetische Genüsse. Eine positive Lebenseinstellung, die ohne Reflexion auskommt, ist lediglich Verdrängung. Und sie endet leider allzu häufig in Katastrophen. Die Literatur ist voll von solchen Schicksalen. Und sie kann dann besonders heilsam sein (für Autor und Leser), wenn sie ungeschminkt berichtet.

    Letzteres könnte ein Argument dafür sein, die eigenen Erfahrungen nicht unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Denn die Freiheit beinhaltet auch die Freiheit, sich zu sich selbst bekennen zu können. Ich selbst habe häufig gegen diesen Grundsatz verstoßen und dies mit meinen beruflichen Pflichten und Rücksichtnahmen (Verlagstätigkeit) begründet. Zurückblickend aber war das die Angst vor der eigenen Courage.

  92. Robert Maxeiner sagt:

    Ich kann einer positiven Lebenseinstellung nichts abgewinnen, denn hinter dem Wunsch zum Positiven verbirgt sich die Angst vor Negativem. Einer reflektierte Haltung dem Leben gegenüber bin ich eher zugewandt, denn ich möchte verstehen und nicht bewerten, denn auch das Positive ist ja auch eine Bewertung. Mir hilft das Nachdenken, ohne gleich das Positive anzustreben auch,die Dinge des Lebens zu ertragen, traurig zu sein, wenn mir danach zumute ist oder mich zu freuen, wenn ich Grund dazu verspüre.

  93. Robert Maxeiner sagt:

    Wenn Antonio Lopez schreibt, er habe Schuldgefühle, wenn er nicht schreibt, so halte ich dies für ein Bekenntnis seinerseits. Was er in uns Leser-innen mit dieser Aussage auslöst, halte ich für eine ganz andere Frage. Jedenfalls muss es nicht zwangsläufig herunter ziehen. Diese Freiheit, das zu reflektieren, was es in mir auslöst, oder wie es sich mit meinem eigenen Schicksal assoziativ verbindet, halte ich für einen der spannendsten und kreativsten Aspekte des Lesens. Der argentinische Schriftsteller Jorge Louis Borges, den ich weiter oben schon einmal erwähnte, dachte oft schreibend darüber nach, ob er es kreativer findet, ein Leser oder ein Schriftsteller zu sein.
    über die Auseinandersetzung mit dem eigenen Schicksal geht es auch in ‚Blick über den Fluss'(Stinkt Eigenwerbung eigentlich auch? Diesbezüglich habe ich schnell Skrupel, – auch ein Bekenntnis – was hoffentlich nicht kockett auf Sie wirkt.) An einer Stelle spricht eine Protagonistin auch darüber, wie sie ein Trauma verarbeitet hat.

  94. Ich kann einer negativen Lebenseinstellung nicht abgewinnen.
    Aber das ergänzt sich ja. Ich nehme vom Emmentaler den Käse und Sie die Löcher.:)

  95. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Wenn im genannten Roman ein Mietshaus als „Mikrokosmos der Melancholie und der Müdigkeit“ beschieben wird, dann klingt das nicht so, als würden die Protagonisten reflektierend und produktiv mit ihren Lebenserfahrungen umgehen, sondern als würden sie resignieren oder sich gar in ihrem Leid suhlen. Aber da ich den Roman nicht gelesen habe, kann ich natürlich nicht beurteilen, ob diese Beschreibung der Rezensentin tatsächlich auf das Buch zutrifft. Sie stellt es jedenfalls so dar, als hätten die Protagonisten ihren Lebensmur verloren.
    Und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen (dies auch an Klaus Philipp Mertens): Ich gehöre nicht zu denen, die nur über Glück und Freude schreiben, meine Lebensaufzeichnungen sparen keine negativen Wahrheiten aus und setzen sich sehr intensiv mit seelischen Tiefs auseinander, aus denen ich nur mit therapeutischer Hilfe herausgefunden habe. Aber mein Ziel (das natürlich nicht zu erzwingen ist) ist eine gewisse Lebenszufriedenheit, eine innere Ruhe und Ausgeglichenheit, die ich nur erreichen kann, wenn ich meine Vergangenheit annehme und mich mit ihr aussöhne und nicht für den (nicht mehr so langen) Rest meines Lebens mit meinem Schicksal hadere. Wenn die Selbstreflexion in Selbstbespiegelung und Selbstmitleid ausartet, hindere ich mich daran, aus meinen schmerzlichen Erfahrungen Kräfte zu schöpfen für den Umgang mit den Menschen, die mir nahestehen. Meinen Aufgaben als Mutter, Großmutter, Partnerin und Freundin kann ich nicht gerecht werden, wenn ich in einem „Mikrokosmos aus Melancholie und Müdigkeit“ versinke.

    @ Klaus Philipp Mertens

    Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, dass eine positive Lebenseinstellung ohne Reflexion auskäme. Und auch Ihr Hinweis auf ein Leben voller Events und synthetischen Genüssen trifft mein Thema in keiner Weise. Das drängt mich in eine oberflächliche Ecke, die mir nicht gerecht wird – das müssten diejenigen, die meine Beiträge hier im Blog und meine Leserbriefe verfolgt haben, eigentlich gemerkt haben.
    Natürlich haben Sie Recht mit dem Hinweis, dass die Literatur voll ist von schrecklichen Schicksalen und Katastrophen, die unter anderem auch aus Verdrängung erwachsen. Das müssen Sie mir, deren berufliche Tätigkeit 40 Jahre lang in erster Linie aus der Analyse deutscher, englischer und italienischer Literatur bestand, nicht eigens erklären.

    Mein Anlass, mich mit meiner Vergangenheit zu beschäftigen und sie reflektierend aufzuschreiben, war eine mich über Jahrzehnte in unterschiedlicher Intensität belastende und einschränkende Angststörung, die zeitweise auch stark deperessive Züge hatte. Dass und wie ich sie überwinden konnte, soll Gegenstand meines Buches sein, mit dessen Veröffentlichung ich auch das Ziel verfolge, von ähnlichen Problemen Betroffenen Mut zu machen, indem ich ihnen zeige, dass man auch aus den unglücklichsten Zustände herausfinden kann. Und wenn ich diese Erfahrungen nur unter einem Pseudonym veröffentlichen kann, dann liegt das nicht daran, dass ich nicht bereit wäre, mich selbst zu outen, sondern daran, dass ich die anderen Personen, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte, nicht zwangsweise outen kann. Ich möchte das verhindern, was Maxim Biller passiert ist, als sich eine ehemalige Geliebte in einem seiner Bücher wiedererkannte und gerichtlich dessen Veröffentlichung verhindern konnte.

    @ Robert Maxeiner

    Auch Sie scheinen „positiv“ mit „unreflektiert“ gleichzusetzen. Meiner Ansicht nach ist eine gewisse Lebensfreude nichts, was einen Menschen zu einer oberflächlichen, eindimensionalen und unreflektierten Person macht.
    Natürlich weiß ich, vielleicht besser als manch andere(r), dass Leiden zum Leben dazugehört, aber ich dränge mich nicht danach. Stattdessen freue ich mich jeden Tag darüber, dass ich das Lebensgefühl, das mir mein Dasein vergiftet und mich am Lebensgenuss gehindert hat, von meinen Schultern wuchten konnte. Aber wahrscheinlich kann das nur jemand verstehen, der eine solche Krankheit durchgemacht hat.

  96. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Henning Flessner

    Sie haben weiter oben gesagt, dass Sie die Zitate abschrecken würden. Das wird seine Gründe haben.
    Gesagt habe ich allerdings bereits schon, dass ich sie nicht abschreckend finde und warum.
    Gute Literatur kann einen durchaus erschüttern, aber das kann ein großer Gewinn sein, weil es beim Leser zu einer Entdeckung oder Klarsicht kommt, die ihm bisher verborgen war. Wenn das nichts Wertvolles ist,dann …
    Das einfach in Verbindung mit einer negativen Lebenseinstellung zu bringen, ist nichts als eine Behauptung – ohne Grund und Boden.

    „Ich nehme vom Emmentaler den Käse und Sie die Löcher“: Bisschen arg flapsig würde ich sagen!
    Das ist jedenfalls – deutlich gesprochen – weit entfernt vom dem, was bisher die Inhalte in diesem Blog waren.

    Morgen noch paar Takte.

  97. @Jürgen Malyssek
    „Das einfach in Verbindung mit einer negativen Lebenseinstellung zu bringen, ist nichts als eine Behauptung – ohne Grund und Boden.“
    Das Wort Lebenseinstellung wurde nicht von mir eingeführt.
    «Ich kann einer positiven Lebenseinstellung nichts abgewinnen, denn hinter dem Wunsch zum Positiven verbirgt sich die Angst vor Negativem.“ (Robert Maxeiner)
    Ich habe diesen Satz vielleicht falsch interpretiert. Ich habe ihn so verstanden, dass eine positive Lebenseinstellung nichts Wünschenswertes darstellt. Das z.B. das Ziel der Erziehung eine negative Lebenseinstellung sein sollte.
    Eine positive Lebenseinstellung heißt für mich, sich freudig der Probleme der Welt anzunehmen und sich als Teil der Lösung zu verstehen. Jemand mit einer negativen Lebenseinstellung sieht für mich nur die Probleme und ignoriert die Lösungen.
    Ich habe Mühe mir einen glücklichen Menschen mit einer negativen Lebenseinstellung vorzustellen.
    Ich muss aber auch zugegeben, dass man ihr bereits in der Schule bestätigt hat, dass Literaturanalyse nicht zu meinen Stärken gehört.

  98. Robert Maxeiner sagt:

    Dem muss ich widersprechen, Herr Flessner,dass ich positiv mit unreflektiert gleich setzen würde. Den Unterschied sehe ich viel mehr darin, dass ich erst reflektiere, und es anschließend entweder dabei belasse oder dann eine Bewertung vornehme. Ich könnte mich mit Ihnen darauf verständigen, eine wohlwollende Einstellung dem Leben gegenüber zu haben oder mich gern an den kleinen und großen Dingen erfreuen möchte. Aber die Bewertung, also positiv, möchte ich nicht an den Anfang setzen. Sie belegen es selbst, indem Sie meinen, Jemand der keine positive Lebenseinstellung habe, müsse deshalb eine negative haben. Da tappen Sie meiner Ansicht nach in die eigene Bewertungsfalle.

  99. Klaus Philipp Mertens sagt:

    Ist die Alternative zu einer positiven Lebenseinstellung zwangsläufig eine negative? Oder umgekehrt? Ich denke nein und verweise auf ein sehr typisches Beispiel aus der Literatur. Der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce (1842 – 1914) gilt gemeinhin als Misanthrop. Der größte Teil seiner Erzählungen sind Geschichten aus dem amerikanischen Bürgerkrieg (Sezessionskrieg 1861 – 1865). Sie beschreiben Menschen in Ausnahmesituationen, die dann, wenn es darauf ankommt, falsche Entscheidungen treffen und dadurch das Schicksal, dem sie entgehen möchten, endgültig herbeiführen. Bekannt wurde er auch durch sein „Wörterbuch des Teufels“, in dem er menschliches Unvermögen sprachlich gekonnt auf einen satirischen Punkt bringt. Wer sich intensiver mit seinem Werk beschäftigt, stellt fest, dass dieser Autor alles andere als ein Menschenfeind mit negativer Einstellung zum Leben war. Vielmehr verfügte er über eine besondere Sensibilität, die es ihm jedoch verbot, das Leben zu einfach zu nehmen. Er dachte das Positive und das Negative (vor allem den Tod als endgültiges Scheitern) zusammen und vermied vor allem das vorschnelle Verdrängen all dessen, was den Menschen belastet.

  100. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigtte Ernst

    „Seine Protagonisten bewohnen ein Mietshaus in Lissabon, es ist ein Mikrokosmos der Melancholie und der Müdigkeit“
    Die Protagonisten eines Romans sind ja nicht dazu da, uns Lesern einen „produktiven Umgang mit ihren Lebenserfahrungen“ aufzuzeigen.
    Sie sind die Figuren, die der Schriftsteller ge(er)funden hat und deren Lebenslauf (-schicksal, -geschichte)uns vor Augen geführt wird. Ob gelungen oder misslungen. Ob sie triumphieren oder resignieren.

    „Oder sich gar in ihrem Leid suhlen.“ Das hat was sehr Abwertendes.

    Wenn der Leser, die Leserin eine Anwendung zum gelungenen Leben sucht, wird er wahrscheinlich nicht zu Romanen von A.L. Antunes greifen. Oder auch nicht zu Kafka oder Orwell, Steinbeck, Robert Walser und …

    Ich habe Verständnis dafür, dass nach bitteren Erfahrungen und Erlebnissen die Wiedergewinnung der Lebensfreude zum persönlichen Ziel macht.
    Nur weiß man nicht so genau, wo man nach vielen Mühen und Versuchen letztlich landet.
    Seine Geschichte wird man jedenfalls nicht los und muss auch nicht sein. Und die schwierigsten Probleme im Lebenn sind vielleicht nie ganz zu lösen.
    Mein geistiger Mentor Albert Camus meinte: „Es ist nicht leicht der zu werden, der man ist, und die eigene Tiefe auszuloten.“

    Ansonsten sehe ich es ähnlich wie Robert Maxeiner, mit den Schuldgefühlen von A.L. Antunes, wenn er nicht schreibt: „muss es nicht zwangsläufig herunterziehen.“
    Oder wie Klaus Philipp Mertens: „Erzählen ist darum eine Möglichkeit der persönlichen Aufarbeitung existenzieller Ereignisse.“

    Wenn, dann mache ich das nicht unter einem Pseudonym, weil es meine Geschichte ist.
    Bei Romanfiguren hat man noch andere Möglichkeiten.

  101. Robert Maxeiner sagt:

    Lieber Herr Büge,
    Ich habe es mir noch einmal gründlich überlegt und möchte auf Ihre Idee eingehen und mir eine Web-seite einrichten.

  102. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Henning Flessner

    Ich will da keine Wortklaubereien betreiben, aber Sie haben am 10. August (19:54) gesagt:

    „Ich kann einer negativen Lebenseinstellung nicht(s) abgewinnen.“

    Im Übrigen kann ich bekennen, dass ich durchaus mit einer guten Portion Skepsis die Welt betrachte, aber in den unmittelbaren Dingen und Begegnungen auch sehr viel Freude und Ermunterung erlebe. Eine Anweisung zum Glücklichsein ist mir jedenfalls suspekt.

  103. Brigitte Ernst sagt:

    @ Robert Maxeiner

    Mit Verlaub: Ich war diejenige, die bei Ihnen eine Gleichsetzung von „positiv“ mit „unreflektiert“ zu entdecken glaubte. Ich stütze mich dabei auf Ihren Beitrag vom 10. August, 17:33:
    „Ich kann einer positiven Lebenseinstellung nichts abgewinnen, denn hinter dem Wunsch zum Positiven verbirgt sich die Angst vor Negativem. Einer reflektierte Haltung dem Leben gegenüber bin ich eher zugewandt…“
    Hier stellen sie doch eindeutig die Ihrer Meinung nach angstbesetzte „positive“ Lebenseinstellung einer „reflektierten“ gegenüber, woraus ich schloss, dass Sie im „Positiven“ keine Reflektiertheit entdecken können.
    Ihre an Henning Flessner gerichtete Klarstellung klingt da schon anders und für mich nachvollziehbarer.
    Auch ich setze generell die Bewertung nicht an den Anfang, und unter „Positiv“ in einem litrarischen Werk verstehe ich eher einen Hoffnungsschimmer, der auf einen möglichen Ausweg aus einer Lebenskrise oder einer Notsituation hindeutet, und wenn es nur in Gestalt einer Figur ist, die auf eine in der Zukunft mögliche Veränderung unerträglicher Verhältnisse oder Seelenzustände hindeutet.
    Bei Franz Kafka findet man solche Hoffnungsschimmer nicht, trotzdem schätze ich einige seiner Erzählungen v.a. „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ sehr, weil ich in ihnen viel von meiner eigenen Problematik entdeckt habe. Lieber aber ist mir z.B. Theodor Fontane. In meinem Lieblingsroman „Effi Briest“ erlebt der Leser/die Leserin zwar am Ende eine junge Frau, die an der grausamen Behandlung durch ihre Familie und ihre gesellschaftliche Schicht zerbricht, aber es gibt auch Figuren, die ein Gegenmodell aufzeigen, indem sie, wie das Kindermädchen Roswitha als Vertreterin der „einfachen Leute“, Empathie und Mitmenschlichkeit zeigen und ihre „vornehmen“ Arbeitgeber damit beschämen.
    Aber zu diesem Roman haben Männer oft keinen so guten Zugang. Dagegen hatte ich den Eindruck, dass Ihr Roman, Herr Maxeiner, eher „Männerthemen“ behandelt, weswegen sich hier im Blogtalk auch eher ein Gespräch von „Männern unter sich“ entwickelt hat.

  104. Jürgen Malyssek sagt:

    Lieber Herr Maxeiner,
    heute hole ich Ihr Buch ab und bin sehr gespannt.
    Bis später und alles Gute!

  105. Robert Maxeiner sagt:

    Dem möchte ich nicht widersprechen, Frau Ernst, dass ‚Blick über den Fluss‘ eher Männerthemen behandelt. Einer der Romanfiguren schreibt gar an einem Western. Aber bisher habe ich noch keine Rückmeldung zum Buch von einer Frau bekommen, die es gelesen hat. Ich lese sowohl Kafka als auch Fontane gern. Zu ‚Effie Briest‘ bilde ich mir ein, einen verständnisvollen Zugang zu haben. Ich hoffe, für diese Meinung wartet keine Schublade als Mann auf mich. Zur Zeit lese ich ‚Die Glasglocke’von Sylvia Plath, auch ein Buch, das typische Frauenthemen behandelt, was mich als Mann angeht und interessiert. Nochmals zu Kafka:’Brief an den Vater’wurde als kleines Büchlein veröffentlicht. Kafka hat es nicht als Literatur geschrieben, sondern es handelt sich tatsächlich um einen Brief an seinen Vater. Ich habe es mit Spannung gelesen – als eie Art Fallstudie. Als Literatur hätte es mir gar nicht gefallen, weil ich erwarte, dass der Schriftsteller zwischen seinem persönlichen Schicksal und seiner Kunst unterscheidet. Aber, wie gesagt, er hat es ja auch nicht als Literatur geschrieben. Von daher kann ich persönlich die Neigung haben, lieber Fröhliches oder lieber Trauriges zu lesen, kafkaeskes oder was wen auch immer diesem vorzuziehen, oder mich lieber mit typischen Frauen- oder Männerthemen befassen. Über die Literatur selber und deren mögliche Qualität sagt dies doch nichts aus. Und warum nennen sie denn den Hoffnungsschimmer nicht so, wie Sie es oben auch getan haben. Eine weitere Bewertung ist doch gar nicht nötig. (Wir sind doch nicht in der Schule, wo immer gleich alles bewertet werden muss.)

  106. Jürgen Malyssek sagt:

    Wenn wir uns in diesem Rahmen hier über Literatur zu verständigen versuchen, sollten wir es mal sein lassen, das ewige Geschlechterthema aufzutischen. Was sind typische Frauen- oder Männerthemen?
    Mein Gott, das ist doch nicht das Entscheidende, wenn mich ein Buch richtig packt. Bestimmt sind die Romane von Ernest Hemingway von Frauen nicht gerade verschlungen worden, aber Leserinnen gab es fürwahr genug.
    Und H. war nun wirklich nicht verdächtig, in der Emanzipationsbewegung zu stehen.
    Es gibt soviele spannende Autorinnen, deren Bücher und Texte man mit großem Interesse liest. Und entscheidend ist doch, dass sie was zu sagen und erzählen haben.
    Ich will nur ein Beispiel aus den frühen Achtzigern nennen:
    Den Roman von Oriana Fallaci (dazu noch über 500 Seiten): EIN MANN.
    Ich habe das Buch damals regelrecht verschlungen, weil es ein hochpolitisches, hochpersönliches leidenschaftliches Werk war. Fallaci – eine Intellektuelle, Journalistin-Schriftstellerin. Was stört mich da, ob Frau ob Mann!
    Und so kann man durch die Reihen der Schreiberinnen und Schreiber gehen und würde die Geschlechterthemen allenfalls am Rande tangieren.

  107. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Westernfilme habe ich lange Zeit gerne angesehen, aber irgendwann reichte es, weil ja doch immer das Gleiche passiert. Zudem kann ich tatsächlich die Macho-Ideologie z.B. von Clint Eastwood nicht gut aushalten, schon gar nicht, seit ich weiß, dass er sich wie auch Charlton Heston für die National Rifle Association stark macht. Auch Hemingway ist nicht gerade mein Lieblingsschriftsteller.
    Ansonsten wollte ich hier nicht das Mann-Frau-Fass wieder aufmachen. Aus meiner Erfahrung als Lehrerin weiß ich nur, dass zumindest Jungen in der Adoleszenz nicht sehr viel mit Effi Briest anfangen können, meine Söhne eingeschlossen. Andererseits wurde der Roman ja von einem sehr sensiblen und empathiefähigen Mann geschrieben.
    Kafkas „Brief an den Vater“ hat auch mich stark berührt. In der Tat ist es kein literarischen Werk, sondern eher ein Selbstzeugnis. Aber grundsätzlich finde ich es nicht nachteilig, wenn Autobiografisches in Romane einfließt. Das lässt sich gar nicht vermeiden, denn selbst Erlebtes lässt sich meist authentischer und überzeugender schriftlich umsetzen als Inhalte, die man sich lediglich angelesen hat. Nur muss man beim Verständnis dann vorsichtig sein und darf nicht den Autor mit seinem Protagonisten gleichsetzen. Das ist ja zum Teil mit Goethes „Werther“ geschehen. Diese Figur wurde zum Idol einer ganzen Generation, die im „Weltschmerz“ versank und zum Teil sogar Selbstmord beging, obwohl man eher davon ausgehen kann, dass Goethe selbst diese Haltung seiner literarischen Figur durchaus kritisch sah und mit dem Schreiben einen Selbstheilungsprozess verband.

  108. Brigitte Ernst sagt:

    Entschuldigung, jetzt habe ich mich auch im Adressaten geirrt. Ein Teil meines letzten Beitrags richtete sich an Robert Maxeiner, ein anderer an Jürgen Malyssek.

  109. Bronski sagt:

    Da ich nicht aufdröseln konnte, an wen sich nun was genau richtet, steht der Kommentar trotzdem jetzt so da. Ist aber auch nicht weiter schlimm, oder? Wer sich angesprochen fühlt, wird schon reagieren.

    @ Robert Maxeiner

    Wenn Sie sich eine Webseite anschaffen wollen, schauen Sie sich mal WordPress an.

  110. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Sie haben aber dennoch das Mann-Frau-Fass aufgemacht, in dem Sie hier die Mann-Figuren bewerten nach Macho, sensibel, empathiefähig und der Literatur von Frauen deutlich einen anderen Stellenwert gegeben.

    Wer sagt denn zum Beispiel dass Hemingway kein sensibler Mann gewesen sein soll? Anders halt.
    Wenn wir schon beim Selbstmord sind, so muss Hemingway wohl in einem langen Lebenszweifel gelebt haben.
    Jederzeit können junge Menschen heute in den „Weltenschmerz“ fallen, mit oder ohne gute Literatur oder Musik. Neuerdings sorgt als „Laufband“ ein Teil des Internets dafür. Das nur am Rande.

    Kafkas „Brief an den Vater“ sehe ich als ein literarisches Bekenntnis, keinen Roman.

  111. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    OK, ich kann es auch anders ausdrücken: Ich kann nichts anfangen mit Menschen, egal ob Mann oder Frau, die in unserer heutigen zivilen Welt für den Besitz von Knarren für jeden kämpfen, ebenso wenig mit Menschen, die zum Zeitvertreib Tiere jagen und töten. Als Beispiele dafür fallen mir eben nur Clint Eastwood, Charlton Heston und Ernest Hemingway ein, aber in den USA gibt es genug Frauen, die ähnlich ticken. Trump-Wählerinnen zum Beispiel.
    Mit Hemingway habe ich mich nie näher befasst, und ich habe ihm auch nicht unterstellt, unsensibel zu sein. Es ist anzunehmen, dass er ein leidender Mensch, wohl auch Alkoholiker, war.

    Was Theodor Fontane anbetrifft, so hat es mich immer erstaunt, dass er sich als über Siebzigjähriger, wo manch eine(r) eher an geistiger Flexibilität verliert, so einfühlsam in die Situation der Frauen seiner Zeit hineindenken konnte. Darf ich das nicht positiv erwähnen? Es gab nach Fontane und gibt auch heute viele Männer, die das ebenfalls können, aber ich glaube, Fontane war der erste Mann, der mit diesem Thema an die Öffentlichkeit getreten ist. Wie ich schon oben andeutete, finde ich es grundsätzlich schwer, sich in eine(n) Angehörige(n) des anderen Geschlechts hineinzudenken, weil einem ja die persönliche Erfahrung fehlt.

    In Bezug auf Kafkas „Brief an den Vater“ sind wir uns ja einig. Ich sprach von „Selbstzeugnis“.

  112. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Wir sind zwar immer noch mitten im Geschlechterstreit und bewegen uns hier an den Seiten“flüssen“ des eigentlichen Themas hier im Blog, aber dann will ich noch folgendes sagen:

    Mal abgesehen von dem Beispiel Theodor Fontane, so würde ich mir dann in diesem Zusammenhang genau so wünschen, dass sich Frauen dann auch in die Situation der Männer ihrer Zeit hineindenken können und wollen. Wenn schon denn schon. Wobei es mir für den Blogtalk hier nicht so wichtig ist.

    „Männer sind anders – Frauen auch“!
    Männer verdienen keine Heiligenschein, Frauen aber auch nicht. Sie sind keine besseren Menschen.

    Hemingway war oben auch nur ein Beispiel für seine Attraktivität – auch bei Frauen.
    Man muss jetzt im literarischen Diskurs nicht noch drauf eingehen, dass er auf die Jagd ging und Tiere tötete. Schließlich hat er sich mit seiner eigenen Waffe erschossen. Mehr kann man nicht von ihm verlangen (Achtung! Ironie!).

    Natürlich kann ich mit Charlton Heston und Clint Eastwood politisch herzlich wenig anfangen. Trotzdem haben wir früher ihre Filme gesehen und Western sowieso.
    Und über Trump & Konsorten muss man jetzt auch nicht mehr viel sagen …

    Letztlich muss sich die Frau nicht um jeden Preis in mich hineinversetzen (Beispiel oben: Der einfühlsame Fontane). Ich verstehe ja auch nicht alles, wenn wir, Frau und Mann, oft unterschiedlich ticken. Manchmal ist es ärgerlich und manchmal ist es auch nicht so wichtig. Man hat auch mit sich selber genug zu tun. Ich meine das nicht oberflächlich, aber irgendwann muss es denn auch mal gut sein.

    Der Ire ist da lockerer: „A man is a man and a woman is a woman.“
    Das ist doch ein schöner Satz! Oder?

  113. Brigitte Ernst sagt:

    Lieber Herr Malyssek,
    wer hat hier behauptet, Frauen seien bessere Menschen und irgendjemandem gebühre ein Heiligenschein?

    Fontane hatte sicher auch genug mit sich selbst zu tun, dennoch hat er Ende des 19. Jahrhunderts die unterprivilegierte Stellung von Frauen in der damaligen Gesellschaft erkannt. Ich danke ihm für seine tollen Romane (die nebenbei nicht nur von Frauen handeln).
    Zum Schluss habe ich auch noch zwei kluge Sprüche parat. Von John Lennon stammt die Liedzeile von 1972: „Woman is the n….. of the world“ (das abgekürzte Wort ist das Schimpfwort für Afro-Amerikaner), und in demselben Lied zitiert er den Iren (!) James Connolly: „Woman is the slave of the slaves.“
    Kluge Männer!

  114. Jürgen Malyssek sagt:

    @ Brigitte Ernst

    Ja, liebe Frau Ernst, Sie haben nicht ausdrücklich den Frauen einen Heiligenschein ausgesprochen. Aber bei mir kommt schon rüber, dass Sie eine nicht zu überhörende Abneigung dem männlichen Wirken und Tun, dem Verhalten und den Tugenden gegenüber haben.
    Ich könnte über die Stellung des Mannes insbesondere in der heutigen Gesellschaft auch einiges sagen, aber andererseits möchte ich jedenfalls nicht durch die Bank von der Unterprivilegiertheit von Frauen sprechen. Die Unterschiede und die Ungleichheiten sehe ich doch auch, aber auch hier gibt es zwei Seiten der Medaille.
    Clint Eastwood, Charton Heston, Donald Trump oder Erdogan sind jetzt keine guten Beispiele, um zu einer Ausbalancierung in der Genderdebatte zu gelangen, die m.E. möglich ist.
    Fontane in Ehren, ich bin da aber nicht so firm.

    John Lennons Biographie ist weitestgehend bekannt, auch die besondere Beziehung zu seiner „proletarischen“ Mutter.
    Seine Beziehung zu Yoko Ono war auch eine besondere (das meine ich nicht negativ). John Lennon war einer dieser – sagen wir mal – feinfühligen Zeitfiguren. Ich kenne den Text seines Liedes („nigger“ ist das Wort) und ich habe keinen Grund an seiner ganz besonderen Überzeugung zu zweifeln. Dafür war er zu wichtig für seine und weitere Generationen.

    James Connolly war der Leiter der paramilitärischen Irish Citizen Army, dem beim irischen Aufstand in Dublin 1916 die erfolgreiche Besetzung des Postgebäudes gelungen war. Der Aufstand endete übrigens sehr blutig.
    Jedenfalls war James Connolly ein Kämpfer, ein Rebell beim Kampf um irische Unabhängigkeit. Ich kannte das Zitat von ihm jetzt nicht.
    John Lennon und James Connolly – zwei ganz unterschiedliche Männer der Geschichte. In der Beziehung zu Frauen ganz gewiss auch.

  115. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek

    Also, ich soll eine „nicht zu überhörende Abneigung dem männlichen Wirken und Tun, dem Verhalten und den Tugenden gegenüber“ haben? Und das machen Sie daran fest, dass ich es gewagt habe, zu gestehen, dass ich einen Autor besonders mag, weil er bei der Darstellung seiner Protagonistinnen Einfühlsamkeit zeigt? Und zweitens, weil ich Clint Eastwood und Charlton Heston nweniger schätze, weil sie der Waffenlobby angehören und diese Haltung auch in ihren Filmen deutlich werden lassen? Und dass mir Hemingway nicht so liegt, weil mir das Männlichkeitsbild, das er vertritt und in seinen Romanen durchscheinen lässt, fremd ist? Meinen Sie nicht, dass Sie da ein wenig übers Ziel hinausschießen? Immerhin habe ich einen Ehemann, zwei Söhne und einige sehr gute und enge männliche Freunde, deren Wirken und Tun, Verhalten und Tugenden ich sehr schätze, weil es anders ist als das von Eastwood, Heston und Hemingway.

    Über die Siruation der Frau in der heutigen Gesellschaft habe ich mich übrigens nicht geäußert. Fontane ist 119 Jahre, John Lennon 37 Jahre tot und das Geschlechterverhältnis hat sich mittlerweile zum meinem Glück ja zum Positiven verändert.

    Was lerne ich aus diesem Diskurs? Dass ich es das nächste Mal lieber bleiben lasse, mich einzuschalten, wenn sich eine geschlossenen Männerriege über Literatur unterhält. Da scheint die weibliche Perspektive nicht erwünscht zu sein.
    Aber dann bitte nicht wieder darüber jammern, dass sich hier im Blog so wenige Frauen beteiligen!

  116. Jürgen Malyssek sagt:

    Liebe Frau Ernst,
    ich glaube wir verheddern uns in diesem Diskurs und ich weiß jetzt auch keine Ausweg mehr, weil ich nicht weiß, worauf Sie hinaus wollen und die Figuren Eastwood, Heston (die ich gar nicht ins Spiel gebracht habe) oder Hemingway (den habe ich als Literaten eingebracht) auftischen für eine Debatte über die Motivation des Erzählens und Schreibens.
    Stattdessen gleiten wir ab in einen Bereich, der sich immer mehr von der Schriftstellerei, vom Buch, der Buchherstellung und dem Titel „In einer haltlosen gewordenen Welt“ entfernt.

    Ich bleibe bei meinem Eindruck Ihrer „nicht zu überhörende Abneigung gegenüber dem männlichen Tun und Wirken …“, was sie am Beispiel der o.g. Figuren wiederholen.
    Sie müssen sich auch nicht mit einem Ehemann, zwei Söhnen und engen männliche Freunden rechtfertigen. Warum bloß?
    Fontane, Lennon haben Sie ins Spiel gebracht. Ich habe darauf nur reagiert. Inzwischen frage ich mich fast, ob das Geschlechterverhältnis sich wirklich zum Positiven verändert hat, wenn ich über unsere Debatte nachdenke?
    Ihren Schluss finde ich wiederum etwas bockig, wenn sie von „einer geschlossenen Männerriege“ sprechen.
    Sie haben sich (10. August) mit der Bemerkung zu Zitaten um das neue Buch von António Lobo Antunes engeschaltet und Bedenken angemeldet, ob das menschliche Leben nur aus Schuld und Traumata bestünde? (assistiert von Henning Flessner). Was das denn mit weiblicher oder männlicher Perpektive zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Und A.L. Antunes war nur ein Nebengedanke von mir zum bis dahin kommentierten Thema.

    „Aber dann bitte nicht wieder darüber jammern, wenn sich hier im Blog so wenige Frauen beteiligen!“ – An wen ist das gerichtet?

  117. Brigitte Ernst sagt:

    @ Jürgen Malyssek
    Es wird immer abstruser. Offenbar wollen Sie nicht verstehen, was ich sage. Ihre Neigung, sich als Mann angegriffen zu fühlen, verstellt Ihnen offenbar die Sicht.
    Das Thema Western hat Herr Maxeiner ins Gespräch gebracht, und ich habe von meiner früheren Vorliebe für dieses Genre und den Gründen dafür, dass es mich jetzt langweilt, gesprochen. Ich habe dann Theodor Fontane erwähnt und ihm Empathiefähigkeit mit dem anderen Geschlecht zugesprochen. Damit habe ich doch weder behauptet, dass anderen Autoren/Männern diese Einfühlsamkeit generell fehle, noch habe ich diese Empathiefähigkeit zum alleinigen Kriterium für meine Lesevorlieben oder gar für die Qualität von Literatur allgemein erklärt.
    Herr Maxeiner hat mir auf meine Beiträge sachlich geantwortet, hat mir in einigen Punkten zugestimmt und es damit gut sein lassen.
    Sie dagegen scheinen sich persönlich von solchen harmlosen Äußerungen meinerseits derart angegeriffen zu fühlen, dass Sie gar nicht mehr richtig lesen, was ich schreibe, sondern glauben, sich zu einem Pauschalurteil bezüglich meiner Einstellung zu Männern allgemein versteigen zu müssen.
    Warum ich meine guten Beziehungen zu vielen Männern erwähne, sollte doch klar sein. Nämlich als Antwort auf Ihre pauschalisierende Behauptung zu meiner Einstellung zu männlichem Wirken und Tun etc..
    Womit Sie allerdings Recht haben, ist Ihre Kritik an meiner Äußerung zu der „Männerriege“ hier im Thread. Der Autor Robert Maxeiner hat sehr freundlich und sachlich auf meine Beiträge reagiert, Henning Flessner ebenfalls, während Sie als einziger mir ständig das Wort im Munde umdrehen und mit Interpretationen meiner Äußerungen ankommen, die sich nicht aus meinen Worten ergeben, sondern allein Ihrer Phantasie entspringen.
    Deshalb war meine Schlussfolgerung, mich generell nicht mehr in Männergespräche einschalten zu wollen, dumm und unfair. Der Einzige, mit dem ich zu sprechen die Lust verloren habe, sind Sie, Herr Malyssek.

  118. maat sagt:

    Mir ist aufgefallen, dass Aufbau und Stil eines Romans in der Diskussion hier kaum eine Rolle gespielt haben. Für mich sind diese jedoch entscheidend, ob mich ein Buch begeistert oder nicht. Antonio Lobo Antunes‘ Romane bewundere ich wegen ihrer künstlerischen Form, sie sind zwar anstrengend zu lesen, da oft nicht klar ist, wer eigentlich „spricht“, dafür enthalten sie wunderbare, sehr eigenständige Bilder und sind sehr musikalisch. Hemingways Kurzgeschichten mag ich gerne und ich finde es unglaublich gekonnt, wie er mit kargen Beschreibungen und knappen Dialogen die Gefühle der Figuren zum Ausdruck bringt. Folglich ist der Inhalt eines Romans für mich nicht entscheidend, ich interessiere mich im Grunde für jedes Thema.

  119. Bronski sagt:

    @ Jürgen Malyssek, Brigitte Ernst

    Ich denke, dass Ihr Disput zu weit vom Thema wegführt, und wäre daher dankbar, wenn Sie das jetzt beenden würden.

    @ maat

    Stimmt, über Aufbau und Stil haben wir nicht gesprochen. Das hat gefehlt. Allerdings sollte unser Blogtalk auch keine klassische Rezension ersetzen. Über Robert Maxeiners Stil etwa kann sich ein/-e jede/-r schnell selbst ein Urteil bilden, indem die/er das Buch anliest (bei BoD gibt’s eine kostenlose Leseprobe).

  120. Brigitte Ernst sagt:

    Lieber Bronski,
    von meiner Seite war er mit meinem letzten Beitrag ohnehin beendet.

  121. Bronski sagt:

    Update zu meinem Kommentar vom 9. August 2017 um 14:08

    Es war angekündigt, einen Auszug dieses Blogtalks am 19.8. im Print-Leserforum zu veröffentlichen. Diese Veröffentlichung muss ich leider verschieben. Soeben habe ich die Blattplanung für die Ausgabe vom 19.8. bekommen. Darin war zunächst nur eine halbe Seite Leserforum vorgesehen. Das liegt daran, dass das Politik-Ressort eine Doppelseite Anzeigen bekommen hat. Darum verschiebt sich alles zwei Seiten nach hinten, und Leserforum sowie Wissen & Bildung müssen je eine Seite abgeben. Immerhin konnte ich die Kollegen vom Sport-Ressort überreden, dass sie das Wetter nehmen, so dass ich wenigstens eine ganze Seite Leserforum habe. Unter diesen Bedingungen brauche ich den Platz für Leserbriefe.
    Nicht böse sein, Herr Maxeiner – aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Dann klappt es bestimmt eine Woche später (wenn nicht wieder etwas dazwischenkommt).