Intensiv Deutsch – Erfahrungen einer Lernbegleiterin

Ich freue mich, Ihnen nach längerer Pause endlich mal wieder einen Blogtalk ansagen zu dürfen, diesmal mit Siegrun Hast-Laier aus Offenbach zum Thema:

Intensiv Deutsch – Erfahrungen einer Lernbegleiterin

Hast Laier bearbeitetSiegrun Hast-Laier engagiert sich ehrenamtlich unter anderem als Lernbegleiterin und Integrationshelferin, und genau darüber möchte ich mich mit ihr unterhalten. Geboren 1949 in Oberellenbach, hat sie nach ihrem Referendariat und der zweiten Staatsprüfung zunächst in der Erwachsenenbildung gearbeitet und dann als Studienrätin und seit 2005 als Oberstudienrätin an mehreren Gymnasien im Rhein-Main-Gebiet gearbeitet, so in Rüsselsheim, Dietzenbach und Offenbach. Ihre Fächer waren Französisch und Erdkunde, aber sie hat auch Deutsch als Fremdsprache für Seiteneinsteiger an der Hauptschule sowie Förderunterricht „Deutsch an der Hauptschule“ gegeben. Nach 2005 bis zu ihrer Versetzung in den Ruhestand hat sie unter anderem fünf Jahre lang „PIT“ organisiert und durchgeführt: „(Gewalt-) Prävention im Team“. Auch mit der Entwicklung eines Curriculums „Soziales Lernen“ war sie befasst. Siegrun Hast-Laier ist seit 1980 verheiratet und hat einen Sohn, der in Kiel lebt.

Dieser Blogtalk läuft in unserer lockeren Serie von Talks mit Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Zuletzt kam in dieser Serie der Arzt Ralf Michael Lübbers aus Marienhafe zu Wort, der zwei Wochen im Mittelmeer im Seenotrettungseinsatz war.

Kurz auch zu mir: Ich bin Lutz „Bronski“ Büge, Redakteur der Frankfurter Rundschau, zuständig für das Leserforum, FR-Blogger und Romanautor. Zurzeit arbeite ich nebenher an der Fertigstellung meines „Virenkrieg“-Romanzyklus. Alle fünf Romane sind geschrieben, jetzt beginnt die Überarbeitung: „Incubus – Virenkrieg III“ soll im Mai als eBook und im September als gedrucktes Buch erscheinen. Auf meiner Webseite Ybersinn.de veröffentliche ich wöchentlich Artikel, die sich thematisch mit den vielfältigen Hintergründen der Romane befassen, beispielsweise mit Biowaffen, dem Konflikt zwischen islamischer und westlicher Welt, der Weltmacht USA und vieles andere mehr.

Bei Blogtalks im FR-Blog gilt diesmal wie sonst auch: Jeder kann mitreden und Fragen stellen. Ich als Gesprächsleiter nehme mir gleichwohl das Privileg heraus, dass meine Fragen Vorrang haben. Ihre Fragen werden deswegen nicht vergessen oder übergangen, sondern nur verschoben und später beantwortet.

Es geht los am 28. Januar 2019 um 14 Uhr. Zu dieser Uhrzeit wird dieser Thread eröffnet, indem die Kommentarfunktion freigegeben wird, die zunächst geschlossen bleibt.

Kleiner organisatorischer Tipp: Ein unverzichtbarer Helfer beim Blogtalk ist die F5-Taste. Sie aktualisiert die Webseite und zeigt, ob es neue Kommentare oder Fragen und Antworten gibt.

Vielen Dank an Siegrun Hast-Laier dafür, dass Sie zu diesem Talk bereit ist und Zeit dafür freigeschaufelt hat. Ich freue mich auf unser Gespräch! Bis dahin!

Lutz „Bronski“ Büge

79 Kommentare

  1. Bronski sagt:

    Einen wunderschönen guten Tag an alle Userinnen und User, die hier mitlesen und vielleicht auch mitreden wollen. Herzlich willkommen zum Blogtalk, in dem ich mich in dieser Woche mit Siegrun Hast-Laier über ihr ehrenamtliches Engagement als Lernbegleiterin unterhalten möchte.

    Liebe Frau Hast-Laier, zunächst vielen Dank dafür, dass Sie für diesen Blogtalk zur Verfügung stehen. Ich freue mich auf unsere Unterhaltung. Können wir loslegen?

  2. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Ja gerne

  3. Bronski sagt:

    Liebe Frau Hast-Laier, Sie engagieren sich ehrenamtlich als Lernbegleiterin in einer Deutsch-Intensiv-Klasse einer Offenbacher Grundschule. Was ist das, eine Deutsch-Intensiv-Klasse?

  4. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Bei einer großen Zahl von Seiteneinsteigern, d.h. Schülern ohne oder mit sehr geringen Deutsch-Kenntnissen, richtet eine Schule eine Intensiv-Klasse ein, um dort grundlegende Sprachkenntnisse zu vermitteln.

  5. Bronski sagt:

    Um welche Altersgruppen geht es?

  6. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Andere Schulen richten Intensiv-Kurse ein, so dass die Schüler in Fächern wie Sport, Musik, Kunst so gut es geht bereits im Klassenverband mitmachen.

    Die Schüler der Intensiv-Klasse (I-Klasse), in der ich mithelfe, sind zwischen 8 und 10 / 11 Jahren. Jüngere werden zunächst probeweise direkt in die 1. Klasse eingeschult.

  7. Bronski sagt:

    Kann man sich diese I-Klassen also als normale Klassen vorstellen, in denen jedoch nur Deutsch gelernt wird?

  8. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Es gibt auch Mathe-, Sport-, Musik-, Kunstunterricht,…, aber alles läuft eben auf deutsch, d.h. in der fremden, neuen Sprache. In der Intensivklasse geht es in allen Fächern ums Deutsch lernen.

    Zwar haben die Kinder unterschiedliche Vorkenntnisse, aber es sind alles Anfänger und es stört keinen, wenn es langsam voran geht.

    Ein wichtiger Punkt ist das soziale Lernen. Die Kinder üben von Anfang an Rücksicht aufeinander zu nehmen, die anderen nicht auszulachen, zuzuhören auch wenns länger dauert, bis einer einen Satz beendet hat. Nicht leicht zu lernen, aber schließlich machen alle Fehler und wollen nicht ausgelacht werden.

    Das zu Vermitteln gelingt der Lehrerin „meiner“ I-Klasse hervorragend. Ich bin immer wieder begeistert, wie sie es versteht, aus einer anfangs sehr wilden, heterogenen Gruppe eine Gemeinschaft zu formen und eine Lernatmosphäre zu schaffen, in der sich alle wohl fühlen.

  9. Bronski sagt:

    In einer solchen Klasse sind Sie also als Lernbegleiterin dabei, zusätzlich zur Lehrerin. Was machen Sie da genau?

  10. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Seit 2016 unterstütze ich die Lehrerin in dieser Intensiv-Klasse.

    Anfangs war ich 2- 3 x pro Woche im Deutsch-Unterricht mit in der Klasse, habe mich zu einzelnen Kindern gesetzt und ihnen bei der Bearbeitung ihrer Übungen geholfen, habe Hausaufgaben mit kontrolliert, ermutigt, verbessert,… und vor allem viel ( vor allem methodisch) von der Lehrerin gelernt. Später habe ich dann selbständig in einem Nebenraum mit Kleingruppen gearbeitet. Sowohl mit den völligen Anfängern (Alphabet lernen), als auch mit den Fortgeschrittenen (lesen, schreiben,…).
    Seit Beginn dieses Schuljahres arbeite ich 1x pro Woche mit einer Gruppe von 4 Schülern der Intensiv-Klasse, die bald in eine Regelklasse wechseln sollen. Typische Übungen sind z.B. Fragen zu kleinen Texten beantworten, leichte Grammatikaufgaben (Einzahl-Mehrzahl, Verben konjugieren), Wortschatzübungen,.. Aber alles spielerisch und in kurzem Wechsel, da sonst die Konzentration nachlässt. Arbeitsmaterialien bekomme ich von den Lehrerinnen, kann aber auch eigene, selbständig erstellen.
    Danach habe ich eine Gruppe von 4 Schülern aus einer 4. Klasse (Regelklasse), die aus der I-Klasse kommen und noch Hilfe brauchen, um in Deutsch mitzukommen. Sie lernen gerade die Satzteile. Da kann es vorkommen, dass mich die Lehrerin bittet, heute mal die „adverbiale Bestimmung des Ortes“ einzuführen. Außerdem müssen sie ein Lerntagebuch zu einem (für sie sehr schwierigen) Buch erstellen, d.h. selbständige Texte schreiben. Ein großes Problem.

    So, jetzt habe ich einen Termin: Neujahrsempfang des FreiwilligenZentrums Offenbach, FzOF, bei dem die Lernbegleiter angesiedelt sind.

    Bis später :)))

  11. Bronski sagt:

    Viel Spaß!

    Ich schiebe schon mal die beiden nächsten Fragen nach, für den Fall, dass Sie wieder hier reinschauen, während ich im Zug nach Hause sitze. Wir können uns trotz Feierabend dann gern noch ein wenig weiter unterhalten.

    Woher kommen die Kinder, die in I-Klassen betreut werden?

    Sie haben die Andeutung fallen lassen, dass manche Kinder gar keine Deutschkenntnisse mitbringen. Das heißt, es muss massive Verständigungsprobleme geben. Wie lösen Sie die? Auf dem Umweg über Englisch?

  12. Siegrun Hast-Laier sagt:

    So, ich bin wieder da. Es geht weiter. 🙂

    „Woher kommen die Kinder, die in I-Klassen betreut werden?“
    Sie kommen z.B. aus Kroatien, Moldawien, Bosnien, Griechenland, Indien, Italien, Polen, Rumänien, Serbien, Marokko, Ägypten,… Es gibt auch Kinder, deren Familie z.B. aus Marokko stammt, die aber bevor sie nach Deutschland kamen, lange in Italien gelebt haben.

    „Sie haben die Andeutung fallen lassen, dass manche Kinder gar keine Deutschkenntnisse mitbringen. Das heißt, es muss massive Verständigungsprobleme geben. Wie lösen Sie die? Auf dem Umweg über Englisch?“
    Englisch sprechen die Kinder nicht. Viele können schon ein bißchen deutsch. Wenn sie gar nichts verstehen, gibt es manchmal andere Kinder, die ihre Sprache sprechen. Aber nicht oft, denn sie kommen ja aus so vielen verschiedenen Ländern und eigentlich sollen sie auch untereinander auch deutsch sprechen. Wenn sie gar nichts verstehen, sitzen sie zunächst einfach mit in der Gruppe und hören zu. Dann hilft nur ein freundliches Lächeln zur Ermunterung und reden mit Händen und Füßen. Ich kann ganz gut Pantomime und die Klassenlehrerin beherrscht sogar Gebärdensprache. Ansonsten abwarten, nicht drängen. Stellen Sie sich vor, wie schwer das für die Kinder ist. Sie sind so tapfer. Nur einmal habe ich erlebt, dass ein kleiner Junge immer wieder geweint hat, sobald man ihn ansprach. Er sollte dann erst noch einmal ein halbes Jahr in den Kindergarten gehen.
    Irgendwann merkt man an den Augen, am Gesichtsausdruck, dass sie beginnen das Gesagte zu verstehen und bald beginnen sie Wörter, halbe Sätze nachzusprechen. Und plötzlich geht ein Fenster auf und sie versuchen ganz viel zu erzählen. Schön ist es, wenn man sich dann zusammenreimen kann, was sie meinen und sie versteht. Für mich ist das immer ein magischer Moment.

  13. Bronski sagt:

    Ihre Antwort fiel auf mein Abendessen, so dass die Freischaltung Ihrer Antwort jetzt ein bisschen gedauert hat.

    Statt nun mit einer eigenen Frage weiterzumachen, schalte ich hier den Kommentar des Blog-Users Werner Engelmann ein, mit leichter zeitlicher Verzögerung. Die Frage, ob sich auch Kinder von Geflüchteten unter Ihren Schützlingen befinden, hätte mich als nächstes ebenfalls interessiert, aber ich lasse Werner den Vortritt und melde mich damit für heute Abend ab. Morgen wieder ab 14 Uhr?

    Freue mich schon, bis dann!

  14. Werner Engelmann sagt:

    Guten Tag, Frau Hast-Laier!
    Schön, dass Sie sich sowohl für die Tätigkeit als Lernbegleiterin wie auch für den Blogtalk zur Verfügung gestellt haben.
    Freunde von uns in Berlin, auch pensioniert, machen Ähnliches in Deutschkursen für Flüchtlinge. Und wir haben hier in Frankreich eine Flüchtlingshilfeorganisation gegründet, wobei 2 Nachmittage Französisch-Kurse wöchentlich – weitgehend Alphabetisierungskurse – zum festen Programm gehören.
    Von daher wissen wir natürlich, wie wichtig und zeitaufreibend diese Tätigkeit ist.

    Nach Ihren Bemerkungen scheint die Integration in den regulären Unterricht recht gut zu klappen. Dies ist hier leider nicht so.
    Gestern hatten wir eine Assistentin aus NRW eingeladen (über Amnesty kennen gelernt), die selbständig Deutschunterricht in der Grundschule geben soll. Sie hat nicht einmal geeignetes Lernmaterial bekommen. Meine Frau, die in Luxemburg Deutsch an einer Grundschule unterrichtete, hat sie erstmals damit versorgt.

    Zwei Fragen an Sie:
    1) In welchem Maß sind Flüchtlings- bzw. Migrantenkinder in den Klassen integriert? Wie sind da Ihre Erfahrungen?
    2) Wie setzen Sie Rollenspiele in den Kursen ein? Wie sind da Ihre Erfahrungen a) sprachlich, b) hinsichtlich der sozialen Integration? (Vielleicht könnten Sie dies an einem Beispiel aufzeigen.)
    Danke!

  15. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @Bronski

    Morgen wieder ab 14 Uhr? Das klappt leider nicht. Habe morgen einen sehr vollen Tag. Vormittags Schule (I-Klasse und 4. Klasse), dann (schon lange vereinbart) zum Mittagessen verabredet und am frühen Abend eine Einladung einer kurdischen Familie als Dank dafür, dass mein Mann (als Integrationslotse) dem Vater hilft Deutsch zu lernen und die deutsche Gesellschaft besser zu verstehen. Fragen Sie, ich versuchezwischendurch zu antworten.
    Bis morgen

  16. Bronski sagt:

    Nun, es stehen ja noch Fragen aus. Bis morgen!

  17. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @ Werner Engelmann

    Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Ich hatte noch dringende Schreibtischarbeiten für ein anderes Projekt zu erledigen.

    Zu 1) „In welchem Maß sind Flüchtlings- bzw. Migrantenkinder in den Klassen integriert? Wie sind da Ihre Erfahrungen?“
    Die Intensiv-Klasse besteht ja ausschließlich aus Migrantenkindern. Auch in den Regelklassen ist der Anteil an Migrantenkindern sehr groß, ich lebe in Offenbach am Main, der Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil (ca.62% der Einwohner haben einen Migrationshintergrund / ca.1/3 der EW haben keinen deutschen Pass). In dieser I-Klasse sind, soweit mir bekannt ist, keine Flüchtlingskinder.
    Morgen – bzw. heute – bin ich wieder in der Schule und werde mal nachfragen wie es in den anderen Klassen aussieht.
    Zu2) „Wie setzen Sie Rollenspiele in den Kursen ein? Wie sind da Ihre Erfahrungen a) sprachlich, b) hinsichtlich der sozialen Integration? „
    Wir arbeiten nicht mit Rollenspielen.
    So, jetzt geh ich schlafen. Morgen mehr.

  18. Bronski sagt:

    Guten Morgen, Frau Hast-Laier und alle, die hier mitlesen!

    Die Kinder in Ihrer I-Klasse bringen also sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit und kommen praktisch aus der ganzen Welt – mit Schwerpunkt Europa, nehme ich an. Ihre Eltern sind nach Deutschland gekommen, vermutlich um hier zu arbeiten. Da dürfte es die unterschiedlichsten Geschichten im Hintergrund geben. Darauf können wir ja vielleicht noch später zurückkommen. Sie haben schon dargelegt, dass es das Ziel der I-Klassen ist, die Kinder auf ein Niveau zu bringen, das es ermöglicht, sie in den Regelunterricht zu integrieren. Sie haben auch schon angedeutet, dass das wohl nicht in jedem Fall gelingt. Wie viele „Fälle“ haben Sie, in denen Sie Kinder auch in der Regelklasse, also wohl im 5. Schuljahr, weiter begleiten? Und was macht diese „Fälle“ besonders?

  19. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Lieber Herr Bronski,
    das war heute kein ergiebiger Tag für unseren Blog 🙁 Aber morgen hab ich deutlich mehr Zeit. Bin erst jetzt nachhause gekommen.

    Wir hatten beim Abendessen mit dem kurdischen Ehepaar ein sehr bewegendes Gespräch darüber, welche psychischen Folgen es hat, wenn man (aus welchen Gründen auch immer) gezwungen ist, die Heimat zu verlassen, Familie und Freunde zurücklassen muss, die Hoffnung auf eine Zukunft im eigenen Land verliert und von der Perspektivlosigkeit und dem Bedeutungsverlust in dem neuen, fremden Land niedergedrückt wird.
    Diese zumeist unausgesprochenen Gefühle der Eltern lasten auch auf den Kindern, die neu hier ankommen. Ohne Not verlässt wohl keine Familie ihr Zuhause.

    @ Werner Engelmann
    „In welchem Maß sind Flüchtlings- bzw. Migrantenkinder in den Klassen integriert? “
    Herr Engelmann, ich habe heute nochmal bei der Schulleiterin nachgefragt: Es gibt keine Flüchtlingskinder in der Schule. Offenbach bekommt aufgrund des sehr hohen Ausländeranteils keine Geflüchteten mehr zugewiesen. Es gab mal eine Erstaufnahme-Einrichtung, aber inzwischen sind alle Bewohner in andere Städte verlegt worden.

    Gute Nacht, bis morgen.

  20. Bronski sagt:

    Liebe Frau Hast-Laier,

    stimmt, am Dienstag sind wir nicht vorangekommen, aber am heutigen Mittwoch mag sich das ändern. Ich habe noch eine ganze Menge Fragen an Sie, aber ich bestehe nicht darauf, dass wir sie der Reihe nach abarbeiten. Sie haben gerade von einem frischen Erlebnis mit der kurdischen Familie berichtet, bei der Sie zu Gast waren. Neben Ihrem ehrenamtlichen Engagement als Lernbegleiterin sind Sie auch Integrationshelferin. Darauf wäre ich zu einem späteren Zeitpunkt noch gekommen, aber wir können das vorziehen. Sind Sie mit dieser kurdischen Familie durch Ihre Aktivität als Integrationshelferin bekannt?

    Darüber hinaus steht natürlich auch noch meine Frage von gestern, 10.34 Uhr, im Raum.

    Gute Nacht und bis morgen!

  21. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Ja, die Eltern….
    Es gibt zahlreiche Hilfsangebote , aber sie werden von den Kindern, die sie besonders bräuchten, oft nicht wahrgenommen. Sei es aus Nichtwissen der Eltern, aus Desinteresse, viele unterstützen ihre Kinder nicht. Sie bringen ein anderes Erziehungsverhalten mit, häufig mit Schlägen.

  22. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Da ist mein Kommentar von heute morgen wohl nicht angekommen :((
    Guten Morgen Herr Büge/Bronski,

    komme grade total erfrischt von Schnee schippen rein. Es ist herrlich draußen.

    „Sie haben gerade von einem frischen Erlebnis mit der kurdischen Familie berichtet, bei der Sie zu Gast waren. Neben Ihrem ehrenamtlichen Engagement als Lernbegleiterin sind Sie auch Integrationshelferin. … Sind Sie mit dieser kurdischen Familie durch Ihre Aktivität als Integrationshelferin bekannt?“

    Nein, in diesem Fall läuft der Kontakt über meinen Mann, aber ich kenne die Familie natürlich auch. Ich selbst unterstütze eine irakische Familie in Wiesbaden. Aber dazu vielleicht später?

    „Sie haben schon dargelegt, dass es das Ziel der I-Klassen ist, die Kinder auf ein Niveau zu bringen, das es ermöglicht, sie in den Regelunterricht zu integrieren. Sie haben auch schon angedeutet, dass das wohl nicht in jedem Fall gelingt. Wie viele „Fälle“ haben Sie, in denen Sie Kinder auch in der Regelklasse, also wohl im 5. Schuljahr, weiter begleiten? Und was macht diese „Fälle“ besonders?“

    Die Kinder bleiben in der Regel ein Jahr, bei Bedarf maximal 2 Jahre, in der Intensiv-Klasse.
    Das kann – auf Antrag beim Schulamt – in Einzelfällen aus pädagogischen Gründen verlängert werden. Wenn also ein Kind mit 12 Jahren noch nicht soweit ist, bleibt es noch. Die Maßnahme muss in der Schule abgeschlossen werden, in der sie begonnen wurde.
    Sollten die ausbleibenden Lernerfolge nicht nur an der Sprache liegen (Lernbehinderung? Traumatisierung?…), wird das BFZ (Beratungs- und Förderzentrum) eingeschaltet. Das ist ein langer Prozess, der auch daran scheitern kann, dass die Eltern nicht mitarbeiten.
    Die Kinder müssen dann aber aus Altersgründen doch die Schule wechseln.
    Genaue Zahlen habe ich nicht, aber es sind zum Glück nicht sehr viele.

    Die Schule, an der ich tätig bin, ist eine reine Grundschule (1. – 4. Klasse). Ich begleite in diesem Kontext also keine Kinder in der 5.Klasse.

  23. Bronski sagt:

    Wird in den Familien der Kinder zu Hause Deutsch gesprochen?

  24. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Zuhause sprechen sie mit den Eltern ihre Muttersprache, mit Geschwistern manchmal deutsch.. Da die Eltern oft selbst nur wenig oder fehlerhaft deutsch sprechen, wäre das auch keine große Hilfe. Außerdem ist das sichere Beherrschen der eigenen Sprache die beste Voraussetzung für das Erlernen einer Fremdsprache.
    Wichtig wäre der (oft fehlende) Kontakt zu Deutschen.
    Die Kinder untereinander verständigen sich so gut sie können auf deutsch, allerdings kommen sie ja fast alle aus anderen Ländern.

  25. Bronski sagt:

    So haben die Kinder also eine bessere Chance, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, als die Eltern?

  26. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Auf alle Fälle, da sie ja von klein auf hier im Land Leben und die Sprache von Grund auf
    lernen.

  27. Bronski sagt:

    Es geht auch ums Schreibenlernen, oder? Der größere Teil der Herkunftsländer, die Sie aufgezählt haben, hat Zeichensätze, die anders sind als unsere (Polen, Kroatien), oder die sogar teilweise oder völlig andere Alphabete haben (Serbien, Moldawien, Indien, Marokko, Ägypten). Mit dem Schreiben fangen Sie also bei diesen Kindern ebenfalls bei Null an?

  28. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Kurze Pause.
    Mache gerade Mittagessen und Hausaufgaben
    mit einem 7 jährigen Patenenkel.

  29. Siegrun Hast-Laier sagt:

    So, das Kind spielt gerade allein, gleich gehen wir zusammen zur Verkleidungskiste.

    „Es geht auch ums Schreibenlernen, oder? Der größere Teil der Herkunftsländer, die Sie aufgezählt haben, hat Zeichensätze, die anders sind als unsere (Polen, Kroatien), oder die sogar teilweise oder völlig andere Alphabete haben (Serbien, Moldawien, Indien, Marokko, Ägypten). Mit dem Schreiben fangen Sie also bei diesen Kindern ebenfalls bei Null an?“

    Ja, es gibt Übungshefte, in denen sie die Buchstaben (große und kleine) zunächst nachfahren (nachzeichnen), dann als Anlaut erkennen (z.B. A wie Apfel) und später als Endlaut oder in der Mitte (Opa / Banane).
    Bei Kindern, die noch kein Wort Deutsch sprechen, ist es natürlich viel schwerer Klang und Zeichen zu verbinden. A wie Apfel funktioniert dann nicht, aber evtl. A wie Ahmed oder Alemania
    I wie Italia, India,… , O wie Offenbach versteht jede/r. 🙂

    Und da jedes Kind unterschiedlich weit ist, hat jede/r eigene Übungen, eigene Hausaufgaben.
    Das erfordert eine extreme Binnendifferenzierung. Noch einmal: Großen Respekt für die Lehrerin,
    die das alles vorbereitet und dabei die Übersicht behält.

  30. Bronski sagt:

    Lernen die Kinder zu Hause, in der Muttersprache zu schreiben?

    Viel Spaß in der Verkleidungskiste und bis später!

  31. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Die kleine Schwester kam auch noch dazu.Wir haben schöne Fotos gemacht und hatten viel Spaß:)))

    „Lernen die Kinder zu Hause, in der Muttersprache zu schreiben?“

    Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt wenige sehr ehrgeizige Eltern, die ihre Kinder pausenlos zum Lernen antreiben und andere, die das gar nicht interessiert, und alles dazwischen. Das volle Spektrum. Wenn die Kinder erzählen, sie könnten in ihrer Sprache schreiben, kann ich das nicht überprüfen. Kontakt zu den Eltern habe ich kaum.

  32. Bronski sagt:

    Sie haben schon berichtet, dass es unter den Kindern auch Problemfälle gibt – der Junge, der zu weinen begann, wenn er angesprochen wurde. Was war – ohne persönlich zu werden oder Namen zu nennen – der bisher schwierigste Fall, mit dem Sie zu tun hatten?

  33. Werner Engelmann sagt:

    Frau Hast-Laier, sie haben von einem „anderen Erziehungsverhalten mit, häufig mit Schlägen“ gesprochen.
    – Wirkt sich das in Aggressionen der Kinder untereinander aus? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?
    – Gibt es Probleme derart, dass gewisse Eltern oder Kinder Sie oder die Lehrerin nicht als „Autorität“ respektieren? Auch hier: Welche Möglichkeiten haben Sie, damit umzugehen?
    – Sind Probleme im Verhalten zwischen bestimmten Nationalitäten festzustellen? Nehmen die Kinder diese Unterschiede überhaupt wahr bzw. wie gehen sie damit um?

  34. Siegrun Hast-Laier sagt:

    „Was war – ohne persönlich zu werden oder Namen zu nennen – der bisher schwierigste Fall, mit dem Sie zu tun hatten? „

    Der schwerste Fall ? Woran soll ich das messen???
    Das Kind, das geschlagen wurde? Vernachlässigt? Von den Eltern allein gelassen?

    Sehr berührt hat mich das Schicksal eines Jungen, der zunächst in die 1.Klasse eingeschult wurde, dort aber nicht mitkam und in der Intensiv-Klasse landete. Es wurde aber bald deutlich, dass es nicht nur an der Sprache lag, dass er nichts verstand. Er hatte bei den einfachsten Rechenaufgaben
    Probleme, konnte sich gar nicht konzentrieren, keine Bilder ausmalen (immer über den Rand hinaus), nicht (an einer Linie entlang) ausschneiden, nicht aufkleben (alles klebt nur nicht das Papier), Wasserfarben – schrecklich, ständig kippte das Wasser um, …
    Er hielt sich trotz vielfacher Ermahnungen an keine Regeln, hatte ganz häufig heftigen Streit mit anderen Schülern… Immer waren die anderen Schuld. Wenn man ihn ansprach/ermahnte/schimpfte, wirkte er erschrocken. Er war mit allem überfordert und saß nur die Stunden ab.
    Was tun? Elterngespräche! Untersuchungen einleiten!
    Den Eltern sprachen kaum deutsch. Ihnen war nicht aufgefallen, dass er nicht altersgemäß entwickelt war. Alles gut. Sie verzögerten immer wieder ihn medizinisch untersuchen zu lassen, brachten die Unterschrift für Förderanträge nicht bei, hielten die Lehrerin für feindselig…
    Schließlich musste er die Schule wechseln. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

    Diese Ohnmacht nicht zu verstehen, was die Ursache seiner Lernbehinderung war, keine Hilfsmaßnahmen einleiten zu können, das ist schwer auszuhalten.

    Sicher hat mich dieser Junge auch besonders berührt, da er einem Mädchen aus der irakischen Familie ähnelt, die ich unterstütze. Auch bei ihr weiß man (noch) nicht ,woher die Lernbehinderung kommt. Nur dass ihre Eltern alles tun um ihr zu helfen.

  35. Bronski sagt:

    Und das schönste Erlebnis?

  36. Siegrun Hast-Laier sagt:

    „Frau Hast-Laier, sie haben von einem „anderen Erziehungsverhalten mit, häufig mit Schlägen“ gesprochen.
    – Wirkt sich das in Aggressionen der Kinder untereinander aus? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?
    – Gibt es Probleme derart, dass gewisse Eltern oder Kinder Sie oder die Lehrerin nicht als „Autorität“ respektieren? Auch hier: Welche Möglichkeiten haben Sie, damit umzugehen?
    – Sind Probleme im Verhalten zwischen bestimmten Nationalitäten festzustellen? Nehmen die Kinder diese Unterschiede überhaupt wahr bzw. wie gehen sie damit um? „

    – Wenn ein Kind in einem gewalttätigen Umfeld aufwächst, wird es selbst auch aggressiv – auch zu anderen Kindern. Ich selbst bin davon nicht betroffen, ich muss ja z.B. keine Pausenaufsicht machen. Die Klassenlehrerin greift von Anfang an beim ersten Zeichen von Aggression (z.B. beschimpfen, auslachen, etc.) ein und lässt wirklich niemals etwas durchgehen.
    Das Lernklima in ihrer Klasse ist dadurch sehr angenehm und alle Kinder fühlen sich wohl und wertgeschätzt.
    – Ich selbst habe noch nicht erlebt, dass ich nicht respektiert werde. Auch die Lehrerin wird von ihren Schülern respektiert (und geliebt). Über die Eltern kann ich nichts sagen, außer dass
    einige nicht kooperieren.
    – Rivalitäten zwischen verschiedenen Nationalitäten habe ich noch nicht erlebt. Ich glaube, die Kinder nehmen sie gar nicht wahr. Wir sprechen von einer Grundschule. Bei älteren Schülern ist das sicher anders.

  37. Siegrun Hast-Laier sagt:

    „Und das schönste Erlebnis? „

    Ich hab lange überlegt, aber das kann ich nicht beantworten. Es gibt kein einzelnes ‚schönstes Erlebnis‘.

    – Es war schön, als ein Junge, der noch vor einem Jahr in der Intensiv-Klasse war, letzte Woche eine lange Passage aus einem Kinderbuch von Cornelia Funke mit Betonung (!) vorlesen konnte.
    – Es ist schön, wenn Kinder, die ganz aufgedreht und verschwitzt aus der Pause in den Klassenraum stürmen, sich erwartungsvoll auf eine „Minute Stille“ einlassen (kannten sie vorher nicht), es durchhalten eine Minute schweigend, mit geschlossenen Augen, ruhig auf dem Stuhl zu sitzen und danach – ganz stolz auf ihre Leistung – konzentriert mitarbeiten.
    In der nächsten Woche verlangten sie wieder nach der „Stille-Minute“.
    – Es ist schön, wenn sie in einem Gespräch fragen, woher ich komme (aus einem kleinen Dorf in Nordhessen, mit 5 Jahren mit den Eltern in die Großstadt Frankfurt umgezogen) und sie dann Gemeinsamkeiten feststellen: auch ich war damals ganz fremd und kam vom Dorf mit vielen Tieren und viel Platz in eine kleine, enge Wohnung, durfte nicht alleine rausgehen,…und, und, und
    Alle erzählen von ihrer Heimat und an die Arbeitsblätter denkt keiner mehr.

    Ich könnte noch lange weiter erzählen.

  38. Bronski sagt:

    Ich möchte Sie nicht am Erzählen hindern. Erzählen Sie gern weiter.

    Vielleicht haben Sie gemerkt, dass meine Fragen – Problemfälle, schöne Erlebnisse – nun ein wenig mehr auf Sie persönlich zielen. Ich denke mir, dass derart intensives Lernen in kleinen Gruppen zu engen Beziehungen zu den Kindern führt. Sie als Lernbegleiterin bekommen zwangsläufig viel vom Leben der Kinder mit. Die schönen Erlebnisse belohnen Sie für Ihr Engagement, die schwierigen … fordern Sie heraus? Bringen Sie zum Verzweifeln? Wie gehen Sie persönlich damit um?

  39. Siegrun Hast-Laier sagt:

    upps..

    Jetzt hatte ich eine Pause und hab wieder Zeit. Es kann weiter gehen. 🙂

    Heute morgen in der Schule :
    5 Schulstunden, jeweils kleine Gruppen aus 5 verschiedenen Klassen (2.-4-Kl.) und da Halbjahresende ist, Zwischenbilanz ziehen mit den Schülern und ihren Lehrern (genauer gesagt mit Schülerinnen und Lehrerinnen, denn die sind in der Überzahl, – aber die Schreibweise möchte ich hier nicht diskutieren).
    Ergebnis: bis auf zwei haben sich alle verbessert, viele sogar deutlich, 3 brauchen keine Förderung mehr, dafür baten mich die Lehrer 6 neue (z.T.schwierige) Kinder aufzunehmen.
    Den Kindern macht es Spaß, obwohl sie in der Kleingruppe stark gefordert sind. Sie merken ihren Fortschritt und wollen gerne weitermachen. Ihre Wünsche und Veränderungsvorschläge werde ich – soweit es geht – aufnehmen.

    Doch jetzt zu Ihrer letzten Frage …

    „Vielleicht haben Sie gemerkt, dass meine Fragen – Problemfälle, schöne Erlebnisse – nun ein wenig mehr auf Sie persönlich zielen. Ich denke mir, dass derart intensives Lernen in kleinen Gruppen zu engen Beziehungen zu den Kindern führt. Sie als Lernbegleiterin bekommen zwangsläufig viel vom Leben der Kinder mit. Die schönen Erlebnisse belohnen Sie für Ihr Engagement, die schwierigen … fordern Sie heraus? Bringen Sie zum Verzweifeln? Wie gehen Sie persönlich damit um? „

    Die Beziehungen zu den Kindern sind nicht so eng, wie Sie vermuten.
    Früher – als Klassenlehrerin bzw. Mentorin in der Oberstufe – hatte ich jahrelang mit denselben Kindern/Jugendlichen zu tun. Da waren zu einigen (nicht zu allen bei großen Klassen) die Beziehungen enger und manche bestehen noch heute.
    Jetzt wechseln die Kinder schneller, damit mehrere von der Förderung profitieren, Wechsel in die Regelklasse, an eine andere Schule, etc.
    Dennoch berühren mich natürlich ihre Probleme, besonders wenn ich nichts daran ändern kann.
    Ich tröste mich damit, dass es ohne meine Unterstützung noch schwerer für sie wäre.

    Viel persönlicher und enger sind die Bindungen zu meinen Ausbildungs-“Patenkindern“ (mentees) vom PMO /Patenschaftsmodell Offenbach (jahrelange Begleitung) und zu meinen diversen Patenenkeln.

  40. Bronski sagt:

    Sie sind seit 2013 im Ruhestand. Eigentlich könnten Sie es sich friedlich und in Ruhe gutgehen lassen. Was treibt Sie dazu an, es weiterhin mit der rauen Alltagswirklichkeit aufzunehmen?

  41. Siegrun Hast-Laier sagt:

    „Sie sind seit 2013 im Ruhestand. Eigentlich könnten Sie es sich friedlich und in Ruhe gutgehen lassen. Was treibt Sie dazu an, es weiterhin mit der rauen Alltagswirklichkeit aufzunehmen? „

    Ich lasse es mir friedlich – und zum Glück nicht ständig in Ruhe – gutgehen. :)))
    Und ich bin sehr froh, den Kontakt zur Alltagswirklichkeit nicht verloren zu haben.

    Ein reines Freizeitprogramm (Garten, Hobbys, etc.) würde mein Leben nicht ausfüllen, da würde mir der Sinn fehlen. Verreisen / Urlaub ist wunderschön – als Unterbrechung einer sinnvollen Arbeit. Jeder hat andere Bedürfnisse, für mich ist es so. Mein Beruf hat mir immer Freude gemacht und es würde mir etwas fehlen, wenn ich keinen Kontakt mehr zu Kindern und Jugendlichen hätte.

    Bereits in meiner aktiven Schulzeit habe ich nebenher Ausbildungspatenschaften übernommen und war als Familienpatin (damals hieß das Projekt noch „Patengroßeltern“) tätig. Später habe ich dieses Engagement erweitert und es sind andere Projekte dazugekommen. Ich mag es Projekte anzustoßen, etwas zu bewegen, zu bewirken.

  42. Bronski sagt:

    Sie haben schon erzählt, dass Sie im Ehrenamt auch viel Schönes erleben. Was überwiegt für Sie hinsichtlich Ihrer Motivation: das Helfenwollen bei den Problemfällen, denen Sie vielleicht den nötigen Anstoß fürs Leben mitgeben können, bei denen Sie aber auch scheitern können? Oder die Freude an der Belohnung, wenn der flüssige Übergang in die Regelklasse gelingt?

  43. Siegrun Hast-Laier sagt:

    „Sie haben schon erzählt, dass Sie im Ehrenamt auch viel Schönes erleben. Was überwiegt für Sie hinsichtlich Ihrer Motivation: das Helfenwollen bei den Problemfällen, denen Sie vielleicht den nötigen Anstoß fürs Leben mitgeben können, bei denen Sie aber auch scheitern können? Oder die Freude an der Belohnung, wenn der flüssige Übergang in die Regelklasse gelingt?“

    Schwer zu beantworten. Das gehört doch zusammen. Zuerst sehe ich, dass jemand Unterstützung braucht ( hinsehen, nicht wegschauen !) und weiß, dass ich die Möglichkeit / Fähigkeit / Kenntnisse habe diese Unterstützung zu geben. Dann ist da der Impuls zu handeln, anzupacken. Natürlich weiß ich vorher nicht, ob es gelingt, aber es deshalb gar nicht erst versuchen…? Das ist nicht mein Ding.
    Wenn es nicht gelingt, ist die Frage: Warum? Was kann man ändern, damit es doch noch klappt?

    Warum engagiere ich mich? Eine Frage, die z.Zt. sogar von Frau Professorin Dr. Jakob von der Hochschule Darmstadt (University of Applied Sciences) wissenschaftlich untersucht wird. Sie lehrt im Fachbereich Soziale Arbeit.

    Ihre These:
    Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem ehrenamtlichem Engagement einer Person und seiner Biographie. Sie untersucht das am Beispiel des bereits erwähnten PMO (Patenschaftsmodell Offenbach) und hat dazu qualitative Interviews mit Paten (u.a. mit mir) und ihren mentees geführt.
    Einen Zwischenbericht hat sie uns bereits vorgestellt, aber die Arbeit ist noch nicht veröffentlicht.

  44. Bronski sagt:

    Erzählen Sie uns doch mal mehr über das Patenschaftsmodell Offenbach. Diese Stadt, die Jakob Arjouni als hässliche Schwester von Marilyn Monroe (falls sie denn eine Schwester gehabt hätte) bezeichnet hat, ist voller Migranten. Sie haben es schon erwähnt. Und sie hat Strategien entwickelt, damit umzugehen.

  45. Siegrun Hast-Laier sagt:

    „Erzählen Sie uns doch mal mehr über das Patenschaftsmodell Offenbach. Diese Stadt, die Jakob Arjouni als hässliche Schwester von Marilyn Monroe (falls sie denn eine Schwester gehabt hätte) bezeichnet hat, ist voller Migranten. Sie haben es schon erwähnt. Und sie hat Strategien entwickelt, damit umzugehen. „

    Offenbach
    – auf der Bienale in Venedig im Deutschen Pavillon vorgestellt als positives Beispiel einer
    „Arrival City“
    – hervorgehoben (und überall plakatiert) als Modellstadt in der Ausstellung „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt
    … ja, (stolz !!!) Offenbach hat Strategien entwickelt mit seinen Migranten (aus 159 Nationen)
    umzugehen.

    Eines von vielen Beispielen ist das ‚ Patenschaftsmodell Offenbach‘. Es bringt (überwiegend) Hauptschüler (8. und 9.Klasse) aus 5 Offenbacher Schulen mit ehrenamtlichen Paten zusammen, die ihnen berufliche Orientierung und emotionale Unterstützung geben (bis zu 2 Jahren, manchmal auch länger). Die Erfolgsquote ist beeindruckend. Hauptschüler verlassen die Schule oft ohne Schulabschluss und finden keinen Ausbildungsplatz. Mit einem Paten an ihrer Seite können sie ganz viel erreichen. Für Interessenten: http://www.patenschaftsmodell-of.de

    Ich selbst habe seit 2005 fünf „Patenkinder“ (Migrantenkinder) in den Beruf begleitet. Sie sind heute: Schreiner , Verkäuferin, zahnmedizinische Fachangestellte, Studentin der FHS Frankfurt (Studiengang Bauingenieurin, Berufsziel Statikerin), Altenpflegerin i.Ausbildung,… Alles ehemalige „Problemkinder“. Und es gibt viele, viele Paten, die die gleiche Arbeit tun.

    Mittlerweile bin im im Orga-team des PMO dabei.

  46. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Abendessen und Besuch von meinem ersten Ausbildungs-„Patenkind “ (mittlerweileüber 30J) 🙂

  47. Bronski sagt:

    Sie organisieren Paten für Kindergartenkinder. Wenn ich es richtig verstanden habe, helfen Offenbacher SchülerInnen in Kitas?

  48. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Der Besuch ist weg, jetzt kann ich Ihnen noch von den Kitapaten berichten.

    „Sie organisieren Paten für Kindergartenkinder. Wenn ich es richtig verstanden habe, helfen Offenbacher SchülerInnen in Kitas? „

    Das Projekt „Paten für KindergartenKinder“ ist ein Schwerpunktprojekt der Lokalen Agenda 21 in Offenbach (seit 2001). Jugendliche ab 14 Jahren aus 4 Offenbacher Schulen (an denen es jeweils einen Kontaktlehrer gibt) besuchen 1 Jahr lang an einem Nachmittag in der Woche ein Kindergarten-Kind, „ihr Patenkind“, in einem Offenbacher Kindergarten. Die Kleinen verbessern beim gemeinsamen Spielen, Vorlesen und Erzählen nicht nur ihre deutschen Sprachkenntnisse (Schlüssel zum späteren Schulerfolg), sondern entwickeln mehr Selbstbewusstsein („meine Patin kommt extra für mich hierher“), werden mutiger und offener.
    Die Paten, häufig selbst mit Migrationshintergrund, wissen aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, deutsch zu lernen („schade, dass es dieses Projekt zu meiner Kindergartenzeit noch nicht gab“) und wollen durch ihren Einsatz den Kindern helfen. Sie selbst lernen dabei mindestens so viel wie die Kleinen und erweitern ihre sozialen Kompetenzen (immer wichtiger im Berufsleben).
    Außerdem organisieren wir regelmäßig Paten-Fortbildungen (Workshops).
    Am Ende des Jahres wird ihnen im Rahmen einer feierlichen ‚Patenehrung‘ vom Oberbürgermeister eine Urkunde, die ‚Würdigung des Landes Hessen für ehrenamtliche Arbeit‘ überreicht. (ein großes Plus bei Bewerbungen).

    Ich war zunächst Kontaktlehrerin an meiner ehemaligen Schule und organisiere nun – im Team mit anderen – die Kitapaten für Offenbach. Das Projekt ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Inzwischen arbeiten pro Jahr 20 und 35 Paten in 20 Kitas (städtischen, kirchlichen, freie Träger) und es ist eine Freude das große Engagement der Jugendlichen zu erleben.

    Gute Nacht.

  49. Bronski sagt:

    Außerdem sind Sie Familienpatin. Das müssen Sie nun auch noch erzählen.

    Das ist eine ganze Menge Engagement. In Deutschland sind mehr als 30 Millionen Menschen ehrenamtlich aktiv, meistens wohl in Vereinen. Ist Lernbegleiterin für Sie ein typisches Ehrenamt?

  50. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Jetzt bin ich zuhause und habe Zeit für Sie. Der Alltag läuft ja weiter, trotz blogtalk.

    Heute war ich ganz ‚Familienpatin‘ und es war ein entspannter, schöner Tag –
    und ich habe es mir – ganz friedlich – gut gehen lassen :)))

    Das Projekt ‚Familienpaten‘ ist ein Projekt der Caritas. Es hieß früher ‚Patengroßeltern‘. Es war lange meine Idee, nach meiner Pensionierung selbst ein Patengroßeltern-Projekt zu starten: Es gibt so viele Kinder, die keine Großeltern haben oder deren Oma und Opa weit weg wohnen. Und auf der anderen Seite viele Senioren, deren Kinder weggezogen sind und die ihre Enkel vermissen. Oder Kinderlose, die auch gerne Oma/Opa wären. Warum nicht die beiden Seiten zusammenbringen? Aber dann hatte die Caritas bereits begonnen, solch ein Projekt aufzuziehen und ich habe dort mitgearbeitet.

    Unsere eigenen Enkelinnen wohnen in Kiel. Aber die beiden Kinder meines ersten (Migranten-) Ausbildungs-“Patenkindes“ , unsere „Patenenkel“, wohnen ganz in der Nähe. Wir kennen sie
    schon seit ihrer Geburt. Der Ältere kommt 1x nach der Schule zum Essen und Hausaufgaben machen, später nach dem Kindergarten kommt die kleine Schwester dazu und wir spielen, lesen vor, basteln, backen zusammen. So ist viel Leben im Haus und mein Mann liebt die Kinder auch.
    Dann kommt noch (seit 7 Jahren) 1x pro Woche ein inzwischen 14jähriges Mädchen (Tochter einer ehemaligen Schülerin meines Mannes – auch mit Migrationshintergrund) zum Lernen (mit großem Erfolg! ).

    Heute hatten der Junge nur 3 Stunden Schule (Halbjahresende , aber die Eltern arbeiten). Deshalb waren wir im Klingspormuseum in der ‚Internationalen Kinderbuchausstellung‘ und haben
    Pop Up – Karten gebastelt. Sehr entspannend.

  51. Siegrun Hast-Laier sagt:

    „Das ist eine ganze Menge Engagement.“

    Stimmt, aber es ist nicht so viel, wie es hier klingt. Die Arbeit verteilt sich und macht Freude.
    Familienpatin: Die beiden kleinen Patenenkel kommen an einem Nachmittag pro Woche. Die ältere Patenenkelin kommt auch nur 1x pro Woche zum Lernen.
    Die Lernbegleitung läuft an 2 Vormittagen. Meine aktuelle Ausbildungs-mentee vom PMO steht schon auf eigenen Beinen, wir telefonieren regelmäßig, treffen uns aber nur alle 3-4 Wochen (außer wenn sie Hilfe in der Schule braucht) und die Mitarbeit im PMO- Orga-Team erfordert keine regelmäßige Anwesenheit (z.B. mache ich Erstgespräche mit Menschen, die als Paten arbeiten wollen).
    Die Organisation der Kitapaten ist ein „Stoßgeschäft“, zeitweise (zu Beginn und Ende des Schuljahres und für die Workshops ) viel Arbeit, dann wieder Pausen, in denen nur mit den Kitas telefoniert wird, Gut ist, dass ich dafür meist von zuhause arbeiten kann.

    Auch bei der Unterstützung der irakischen Flüchtlingsfamilie läuft mittlerweile viel telefonisch.

  52. Siegrun Hast-Laier sagt:

    „In Deutschland sind mehr als 30 Millionen Menschen ehrenamtlich aktiv, meistens wohl in Vereinen. Ist Lernbegleiterin für Sie ein typisches Ehrenamt? „

    Es ist (soweit mir bekannt) vor allem ein neues Ehrenamt. An Schulen kenne ich bisher vor allem die Mithilfe der Eltern in der Schülerbücherei oder als Lesepaten. Die ehrenamtliche Tätigkeit als Lernbegleiter in den Schulklassen gibt es noch nicht lange und es gibt auch noch nicht viele Lernbegleiter.

    Ich habe 2016 auf die Anfrage einer Schule beim FzOF geantwortet und bin seitdem dort als Lernbegleiterin tätig. Danach kamen Anfragen anderer Schulen und mittlerweile hat das FzOF
    in Zusammenarbeit mit dem an der VHS angesiedelten Projekt „Bildungskoordination für Neuzugewanderte“ 12 LernbegleiterInnen qualifiziert, ihnen Einblick in die Herausforderungen im Unterricht mit Neuzugewanderten gegeben und Lehrmaterialien und -methoden für DaZ (Deutsch als Zweitsprache) vorgestellt. Im März 2019 startet die 2. Qualifizierungsrunde.

    Die bisherigen Lernbegleiter vom ‚Freiwilligen Zentrum Offenbach‘ arbeiten ganz unterschiedlich: manche sind im Unterricht in der Klasse dabei, andere in der ‚Lernzeit‘ (Schüler sollen dann selbständig arbeiten) mit einer Aufsichtskraft, andere in einer 1:1 Betreuung, eine macht z.Z.zusammen mit der Lehrerin ein Projekt „Schattenspiel“ ,….

    Man braucht dafür keine pädagogischen Vorkenntnisse, muss aber Freude am Umgang mit Kindern/Jugendlichen haben Geduld mitbringen. Geplant sind auch zusätzliche Fortbildungen, etwa in
    „Einfacher Sprache“ und „Interkulturellen Kompetenzen“.

  53. Bronski sagt:

    Eigentlich ist es ja Aufgabe der Schulen, alles zu tun, um den Lernerfolg der Kinder zu ermöglichen. Nun haben Sie schon dargestellt, dass dieser Bildungsauftrag ohne Lernbegleiterinnen wie Sie keineswegs immer zu erfüllen wäre. Ist die Tatsache, dass ehrenamtliches Engagement helfen muss, Lücken zu schließen, ein Hinweis auf das Versagen der Politik?
    Was müsste geschehen?

  54. Anna Hartl sagt:

    @Sigrun Hast-Laier
    Guten Morgen,
    Sie haben in einem Ihrer Beiträge über die zunehmende Wichtigkeit von sozialer Kompetenz geschrieben.
    Dazu geht mir einiges durch den Kopf. Auch in dem Unternehmen, in dem ich arbeite, findet sich in Stellenausschreibungen unter dem Anforderungsprofil, dass soziale Kompetenz erwartet wird.
    Grundsätzlich ist dies eine Kompetenz, die das Leben „leichter“ macht. Für sich und andere.
    Was mir dabei zu denken gibt ist “ der Fisch stinkt vom Kopf her“. Ich vermisse diese Kompetenz in den „Führungsetagen“. Wird soziale Kompetenz auch an den Elite-Unis gelehrt oder ist das nur eine Anforderung an die „Normalos“?
    Will sagen, in Bezug auf Ihre Tätigkeit, ist es nicht auch wichtig, das Selbstwertgefühl zu stärken um auch sagen zu können, „He, so nicht“.
    Mein Eindruck ist, dass diese Kompetenz von den Unternehmen gefordert wird, um den sozialen Frieden in der Belegschaft aufrecht zu erhalten, während der Beitrag der Unternehmensführung bis hin zu Abteilungsleitung sich eher durch das Gegenteil auszeichnet.
    Krass gesagt, dient dies nicht nur zur Anpassung und fördert noch mehr Lämmchen?

  55. Werner Engelmann sagt:

    Zunächst Glückwunsch und viel Kraft bei dem phantastischen Projekt der „Familienpaten“!
    Nach meinem Eindruck ein Konzept, das nicht auf Großeltern und Kinder beschränkt sein muss.
    Wir haben, als wir im Anschluss an die Aufführung unseres Flüchtlingstheaters eine Feier möglicher Interessenten organisierten, festgestellt, dass genügend Potential zu ähnlichen Patenschaften mit Flüchtlingen vorhanden ist.
    Ein Konzept, das auch geeignet wäre, um Differenzierung bei den Sprachkursen (teilweise eher Alphabetisierungskurse, Beteiligung schwankend zwischen 5 und 20) zu ermöglichen.
    Das Problem dabei, dass manche, die bereitwillig wären, sich dies mangels pädagogischer Erfahrung nicht zutrauen. Im Prinzip müsste also, über die (teilweise schon differenzierten) Kurse mit Flüchtlingen hinaus auch ein Kurs für Helfer angeboten werden. Womit natürlich eine kleine Flüchtlingshilfegruppe wie wir völlig überfordert ist.
    Hinzu kommt, dass die staatliche regionale Flüchtlingshilfeorganisation (bei der wir ursprünglich mitgearbeitet haben) auch Sprachkurse organisiert (aber in einer autoritären, weitgehend inkompetenten und ineffizienten Weise) und sie solche Aktivitäten als unliebsame Konkurrenz begreift, welche die eigenen (überwiegend bürokratischen) Maßnahmen in Frage stellt.

    Meine Fragen wären:
    (1) Erscheint Ihnen aufgrund Ihrer Erfahrungen eine Übertragung des „Familienpaten“-Konzepts in der genannten Weise möglich bzw. kennen Sie ähnliche Versuche?
    (2) Gibt es ähnliche „Konkurrenz“-Verhältnisse zu staatlichen Stellen? In welcher Weise ist eine Kooperation oder zumindest gegenseitige Duldung nach Ihrem Eindruck möglich?

  56. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @Bronski

    „Eigentlich ist es ja Aufgabe der Schulen, alles zu tun, um den Lernerfolg der Kinder zu ermöglichen. Nun haben Sie schon dargestellt, dass dieser Bildungsauftrag ohne Lernbegleiterinnen wie Sie keineswegs immer zu erfüllen wäre. Ist die Tatsache, dass ehrenamtliches Engagement helfen muss, Lücken zu schließen, ein Hinweis auf das Versagen der Politik?
    Was müsste geschehen?“

    Die Lernbegleiterinnen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Wir brauchen dringend mehr LehrerInnen, auch mehr Förderlehrerinnen. Die erforderlichen Förderstunden müssten von der Schule beantragt werden können (es ist sowieso ein viel zu langer Prozess bis zur Genehmigung), nicht wie z.Z. von den Eltern, die das oft nicht verstehen. Sie müssen selbst ihr Leben erst einmal auf die Reihe bringen. Die Förderung setzt daher oft viel zu spät ein.

    Wir brauchen dringend kleinere Klassen. Selbst wenn durchschnittlich begabte Kindern später in der Regelklasse „mitlaufen “, haben sie für die weiterführenden Schulen oft eine schlechte Prognose. Sie haben noch große sprachliche Lücken in Grammatik und Wortschatz (denken Sie an die Anforderungen im Fachunterricht : Biologie, Erdkunde, Geschichte,….). Die Kinder bräuchten nicht in vielen Fächern Misserfolgserlebnisse zu haben, wenn sie die Sprache besser beherrschten.
    Umgangssprache ist nicht gleich Bildungssprache.

    Wir brauchen für die LehrerInnen mehr gesellschaftliche Anerkennung, bessere Arbeitsbedingungen, weniger Wochenstunden, bessere Bezahlung (Angleichung an Sek. I ), weniger Verwaltungsaufwand. Die LehrerInnen fühlen sich verheizt, allein gelassen.

    Wen wundert es, dass es nicht genug GrundschullehrerInnen gibt? Der Markt ist wie leer gefegt.

    Fachfremde Seiteneinsteiger werden herangeholt. Ich weiß von einer Grundschule, in der eine BWLerin eine Klassenführung übernommen hat ! Als sei das ein Job, den jede/r machen könnte. Welch eine Missachtung der Lehrer. Dabei braucht man gerade hier die Besten, kompetent und gut ausgebildet. Die skandinavischen Ländern machen es uns vor.

  57. Bronski sagt:

    Es würde aber sicher auch helfen, wenn sich mehr Menschen ehrenamtlich als LernbegleiterInnen engagieren, nicht wahr?

    Bei dieser Gelegenheit: Gibt es eigentlich auch Lernbegleiter?

    Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um sich als LernbegleiterIn zu engagieren?

  58. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @ Werner Engelmann
    Danke Herr Engelmann, und große Anerkennung für die Arbeit ihrer Flüchtlingshilfegruppe. Gerade das Engagement von vielen Menschen in kleinen Projekten wie dem Ihrem macht Mut und Hoffnung in dieser Zeit, in der viele sich mehr und mehr abschotten wollen. Zu Ihren Fragen:
    (1) „Erscheint Ihnen aufgrund Ihrer Erfahrungen eine Übertragung des „Familienpaten“-Konzepts in der genannten Weise möglich bzw. kennen Sie ähnliche Versuche?“
    Die Übertragung des „Familienpaten“-Konzepts z.B. für Geflüchtete halte ich nicht nur für möglich, sondern für absolut nötig.
    Ich beginne mal mit meinen persönlichen Erfahrungen:
    Von Oktober 2015 bis April 2016 gab es in Offenbach eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Damals organisierte Gabriele Türmer das Projekt „Gastmahl“. Um Ihnen Kontakte zu Deutschen zu ermöglichen, konnte man sie nachhause zum Essen einladen.
    Wir lernten dadurch eine irakische Familie mit 5 Kindern kennen (beide Eltern sprechen englisch), mit der wir bis heute befreundet sind und die ich weiterhin unterstütze, obwohl sie inzwischen nach Wiesbaden verlegt wurden. z.B.Hilfe beim Umgang mit Behörden, bei Arztbesuchen, bei der Wohnungssuche, Arbeitssuche, Suche nach Kindergartenplätzen, Begleitung bei Elterngesprächen in der Schule, … Inzwischen haben sie aus eigener Kraft vieles erreicht : Anerkennung als Flüchtlinge bekommen, Wohnung und Arbeit (Mann) gefunden, Deutschkurse besucht, die Kinder besuchen den Kindergarten bzw. die Schule, … Aber die Folgen der Flucht übers Mittelmeer sind noch allgegenwärtig. Zwei der Kinder haben eine Lernbehinderung, deren Ursache noch nicht geklärt ist (Traumatisierung?) Der Junge hat lange Zeit gar nicht gesprochen. So bin ich jetzt nach Untersuchungen und Tests bei einer Kinderpsychiaterin auf der Suche nach einem Kindertherapeuten in Wiesbaden.
    Bei der ältesten Tochter steht am Ende der 4.Klasse der Wechsel auf eine weiterführende Schule an.
    Die Eltern kennen sich nicht aus und hoffen auf eine Empfehlung von mir. …

    Wie bei den anderen Projekten auch: Wenn man einen „Paten“ an seiner Seite hat, kann man viel erreichen und die eigenen Ressourcen auch ausschöpfen.

    Da die Familie in Wiesbaden wohnt, mache ich das ohne Anbindung an die Flüchtlingshilfe OF.
    Sicher gibt es noch viele ehemalige FlüchtlingshelferInnen in OF, die inzwischen verlegte Geflüchtete weiter unterstützen. Vernetzen ist angesagt. Aber jetzt bin ich erst einmal auf der Suche nach Familienpaten für Geflüchtete in Wiesbaden. Sollte ich eine Gruppe finden, sage ich Ihnen Bescheid.

  59. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @ Bronski
    „Es würde aber sicher auch helfen, wenn sich mehr Menschen ehrenamtlich als LernbegleiterInnen engagieren, nicht wahr?
    Bei dieser Gelegenheit: Gibt es eigentlich auch Lernbegleiter?
    Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um sich als LernbegleiterIn zu engagieren?“

    Es gibt auch einige, wenige Lernbegleiter. Die sind natürlich sehr wichtig, da es in der Schule ja a überwiegend Lehrerinnen gibt und somit männliche Vorbilder fehlen.

    Die Voraussetzungen für Lernbegleiter habe ich z.T. schon genannt:
    Das Wichtigste ist die Freude am Umgang mit Kindern und Jugendlichen und viel Geduld.
    Hinzukommt die Offenheit für andere Kulturen und Lebensweisen. Pädagogische Vorerfahrungen braucht man nicht. Außerdem gibt es zum Erfahrungsaustausch regelmäßige Treffen der Lernbegleiter, zu denen z.B. auch einmal eine Lehrerin eingeladen wird und es sind Fortbildungen
    geplant (s.o.). Damit man sich mit den Kindern wohl fühlt, sollte man mögliche Verweigerungen, etc. nicht persönlich nehmen. Die Ursachen liegen meist woanders.

  60. Bronski sagt:

    Vielleicht fassen Sie noch einmal kurz zusammen, wie und wo sich Menschen, die Deutsch lernende Kinder unterstützen wollen, Informationen finden, an wen sie sich wenden können. Vielleicht gibt es eine Webseite, eine Koordinierungsstelle …

  61. Werner Engelmann sagt:

    Liebe Frau Hast-Laier, danke für Ihre Antwort.
    Bevor wir zu einer Theaterveranstaltung gehen mit evt. Besprechung neuer Projekte noch ein paar Hinweise.
    Sie erwähnen das Problem zweier traumatisierter Kinder (ohne Hinweis auf ihr Alter).
    Wir hatten in unserer Flüchtlingstheatergruppe mehrere Jugendliche mit Traumatisierungen, einer besonders schwer. Er hatte auf der Flucht von Afghanistan (am Ende allein) Massaker erlebt. Als wir ihn im Dezember 2016 zum ersten Mal sahen, war er so gut wie nicht ansprechbar. Auch, als wir ihn in unsere Theatergruppe aufgenommen hatten, war es anfangs nicht leicht. Er machte zwar zögernd mit, erkennbar aber nur uns zu Liebe. Durch die regelmäßige Teilnahme lockerte er sich langsam auf. Natürlich gingen wir sehr behutsam vor, insbesondere, da auch Fluchtszenen vorgesehen waren, die Traumata wieder beleben können. Wobei ich anfangs vor allem die Franzosen zum Spielen animierte und dann die Flüchtlinge in dem Maße, in dem sie bereit waren, integrierte. Die Arbeit bis zu den Aufführungen dauerte 8 Monate.
    Wenn wir dem jungen Mann heute begegnen, kommt er uns immer sehr freundlich entgegen, wirkt ziemlich aufgeschlossen.
    Dies als Hinweis, der für die Betreffenden vielleicht hilfreich sein könnte.

    Ich selbst hatte in der Zeit meines Schultheaters an der Europaschule Luxemburg (6 Jahre, ca.10, meist zweisprachige Aufführungen) Schüler und Schülerinnen als Mitspieler ab ca. 12 Jahren.

    Näheres können Sie auf meiner Website einsehen und natürlich auch weiter geben. (Die evt. Nutzung meines Textes habe ich für nicht-kommerzielle Zwecke genehmigt.):
    fluechtlingstheater-kleiner-prinz.de
    Auf „Galerie 1“ ist der junge Afghane mehrfach zu sehen. Es ist der Größte, mit rotkariertem Hemd, dann auch bei den afghanischen Tänzen mit langen weißen Hemden.
    Unter „Texte“ finden sich im Teil „Material auf Deutsch“ auch Hinweise zur psychologischen Problematik („Flüchtlingstheater und Traumabewältigung“) sowie praktische Tips im Teil „Zur Integration von Flüchtlingen“, „Handreichungen…“).

  62. Bronski sagt:

    Lieber Werner,

    vielen Dank für Deine Anmerkungen. Ich denke, Dir ist klar, dass Du Dich damit nicht zum Thema dieses Threads äußerst. Wir behalten Deine Worte im Hinterkopf und machen damit vielleicht auch noch was, aber hier geht es um Deutschkenntnisse für Migrantenkinder und die Anstrengungen, die unternommen werden, um diese Kinder in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Es ist völlig klar, dass ein Integrationserfolg von Sprachkenntnissen abhängt. Auf diese Frage zielt dieser Blogtalk in seiner Gesamtheit, und so bitte ich, zu dieser Frage und diesem Problem zurückzukehren.

  63. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @ Anna Hartl

    „Sie haben in einem Ihrer Beiträge über die zunehmende Wichtigkeit von sozialer Kompetenz geschrieben. … Ich vermisse diese Kompetenz in den „Führungsetagen“. … ist das nur eine Anforderung an die „Normalos“? … Krass gesagt, dient dies nicht nur zur Anpassung und fördert noch mehr Lämmchen?“

    Dass in den „Führungsetagen“, wie sie es nennen, Kommunikative und soziale Kompetenzen oft fehlen (siehe dazu auch den Artikel „Reden ist Macht“ in der aktuellen Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung) ist kein Grund, sie den Schülern nicht zu vermitteln. Die kommende Generation muss ja nicht die Fehler ihrer Vorgänger wiederholen. Kommunikative Kompetenzen dienen nicht der Anpassung, sie erleichtern generell den Umgang mit anderen Menschen, gehören zu den Türöffnern für beruflichen Erfolg und wenn sie später auch in den „Führungsetagen“ ankommen, um so besser.

    „Will sagen, in Bezug auf Ihre Tätigkeit, ist es nicht auch wichtig, das Selbstwertgefühl zu stärken um auch sagen zu können, „He, so nicht“.

    Die Stärkung des Selbstwertgefühls ist das zentrale Anliegen in allen Projekten, in denen ich arbeite. Selbstwertgefühl und Durchsetzungsvermögen gehören zusammen und beide werden durch
    größere Sprachkompetenz verbessert.

  64. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @ Werner Engelmann
    Ganz kurz noch die Beantwortung Ihrer 2. Frage.
    (2) Gibt es ähnliche „Konkurrenz“-Verhältnisse zu staatlichen Stellen? In welcher Weise ist eine Kooperation oder zumindest gegenseitige Duldung nach Ihrem Eindruck möglich?
    Dazu fallen mir die „Teachers of the Road“ ein, die kostenlose Sprachkurse geben für Flüchtlinge, die aufgrund ihrer Herkunft bzw. ihres Status nicht die Möglichkeit haben, an staatlich finanzierten Integrations- und Sprachkursen teilzunehmen. Wie deren Verhältnis zu staatlichen Stellen ist, weiß ich nicht. Können Sie ja mal googeln.

  65. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @ Bronski
    „Es würde aber sicher auch helfen, wenn sich mehr Menschen ehrenamtlich als LernbegleiterInnen engagieren, nicht wahr? „
    Auf alle Fälle.
    Wir müssen auch auf politischer (und gewerkschaftlicher) Ebene weiter für eine Verbesserung der Situation von Migrantenkindern kämpfen und immer wieder auf die Versäumnisse von Kultusministerium und Staatlichen Schulämtern bei der Planung von Lehrerstellen hinweisen, um in Zukunft etwas zu verbessern. Es liegt in der Verantwortung des Staates seinen Bildungsauftrag zu erfüllen und dafür genügend Geld zur Verfügung zu stellen. Deutschland ist ein so reiches Land, die aktuelle Situation ist beschämend.
    Aber was machen wir mit den neu zugewanderten Kindern, die jetzt in den Klassen sitzen? Um die müssen wir uns doch kümmern, die sind jetzt da.
    Und dafür brauchen wir dringend mehr Menschen, die bereit sind sich ehrenamtlich zu engagieren.

  66. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @ Bronski
    „Vielleicht fassen Sie noch einmal kurz zusammen, wie und wo sich Menschen, die Deutsch lernende Kinder unterstützen wollen, Informationen finden, an wen sie sich wenden können. Vielleicht gibt es eine Webseite, eine Koordinierungsstelle …“

    Wer sich in Offenbach als LernbegleiterIn engagieren möchte, wendet sich am besten an das
    Freiwilligenzentrum Offenbach e.V. (FzOF), Domstraße 81, 63067 Offenbach, Tel.: 069 / 82 36 70 39 Mail: info@fzof.de http://www.fzof.de
    Sie arbeiten zusammen mit der ‚Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte‘ , deren Stelle an der VHS angesiedelt ist.

    Wer Migrantenkinder als Pate/Patin beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen möchte, wendet sich an das
    ‚Patenschaftsmodell Offenbach‘ (PMO), Kontakt: Joerg Meyer, Sandgasse 26, 63065 Offenbach. Tel.: 069 / 8065-3973 Mail: joerg.meyer@jugendamt-of.de http://www.patenschaftsmodell-of.de

    Wer sich bei der Caritas als Familienpate/-patin engagieren möchte, wendet sich an
    Frau Edith Heilos, Mail: edith.heilos@cv-offenbach.de
    Caritashaus St.Josef Offenbach, Platz der Deutschen Einheit 7, 63065 Offenbach
    Tel.: 069 / 80064 – 0

  67. Bronski sagt:

    Liebe Frau Hast-Laier,

    es ist Sonntag. Trotzdem meine Frage: Haben Sie noch Zeit für ein paar abschließende Fragen, auch zu Ihrem Einsatz als Integrationshelferin?

  68. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Guten Morgen, lieber Bronski,

    fragen Sie, ich werde zwischendurch im Laufedes Tages versuchenzu antworten.
    Jetzt gehts erst mal zu Freunden.
    Einen schönen Sonntag.

  69. Manfred Schmidt sagt:

    Es war Sonntag in aller Frühe und ich las beeindruckt, was Sie Frau Hast-Laier über Ihre Arbeit und das Engagement hier berichteten. Las wesentliche Passagen aus Ihren Schilderungen meiner Frau vor und wir waren übereinstimmend der Meinung, die Gesellschaft kann den imaginären Hut nicht tief genug ziehen, um dies zu würdigen was Sie und in ähnlicher Weise engagierte Menschen hier leisten.
    Zu hoffen ist inständig, dass all diese Unterstützung auch zu dem Ziel führt, dass diese Kinder in Deutschland oder sonstwo in der Welt „ihren Weg machen“.
    Was ich als bitter und mit Unverständnis aufnahm ist der Teil der Geschichte, in dem Sie schrieben, dass es auch Eltern von Kindern gibt, die aus Nichtwissen -was noch zu verzeihen ist- die Unterstützungsmaßnahmen nicht wahrnehmen. Dagegen kann man sicher einwirken.
    Schlimm empfinde ich allerdings, dass Eltern desinteressiert sind und ihre Kinder nicht unterstützen -von Erziehung durch Prügel ganz abgesehen-. Über die Vorstellung dieser Eltern, wie ihr Leben und vor allem das ihrer Kinder in einer westlichen Gesellschaft einmal aussehen soll, ich würde es gerne wissen….

  70. Bronski sagt:

    Guten Tag, liebe Frau Hast-Laier!

    Deutschland ist ein Einwanderungsland, und zwar schon seit vielen Jahren, auch wenn das lange nicht überall ankam. Die Berichte über Ihre Arbeit haben ja unter anderem diese Facette, dass sie auch Geschichten von Einwandererkindern sind (was natürlich nicht heißt, dass sie ihr Leben lang hier bleiben). Offensichtlich scheint mir, dass die Eltern der Kinder, die Sie betreuen, in Deutschland Arbeit finden. Das dürfte ja der Grund dafür sein, dass sie herkommen. Aber mit der Wohnungssuche fangen die Probleme an, und sie enden sich nicht bei der Bildung der Kinder. Letztere kann unser Bildungssystem offenbar nur mühevoll gewährleisten. Wie stehen Sie zu der Frage nach der Einwanderung – ist Deutschland wirklich bereit dafür?

  71. Siegrun Hast-Laier sagt:

    Guten Abend, lieber Herr Bronski / Büge,

    wir sind jetzt erst zurückgekommen, der Tag heute war nicht mehr zum ‚talken‘ eingeplant.

    Aber jetzt zu Ihrer Frage:
    „Deutschland ist ein Einwanderungsland, und zwar schon seit vielen Jahren, auch wenn das lange nicht überall ankam. Die Berichte über Ihre Arbeit haben ja unter anderem diese Facette, dass sie auch Geschichten von Einwandererkindern sind (was natürlich nicht heißt, dass sie ihr Leben lang hier bleiben). Offensichtlich scheint mir, dass die Eltern der Kinder, die Sie betreuen, in Deutschland Arbeit finden. Das dürfte ja der Grund dafür sein, dass sie herkommen. Aber mit der Wohnungssuche fangen die Probleme an, und sie enden sich nicht bei der Bildung der Kinder. Letztere kann unser Bildungssystem offenbar nur mühevoll gewährleisten. Wie stehen Sie zu der Frage nach der Einwanderung – ist Deutschland wirklich bereit dafür? „

    Ich möchte an dieser Stelle keine Einwanderungsdebatte eröffnen.
    Dennoch kurz einige Anmerkungen:

    Die Einwanderer, vor allem ihre Kinder, werden zum größten Teil hier bleiben.
    Das ist die Realität und damit müssen wir umgehen. Das ist eine große Herausforderung, für lange Zeit, aber ich bin trotz aller Schwierigkeiten überzeugt, dass sie langfristig eine Bereicherung für für uns – für Deutschland – sein werden.

    Sie haben die Wohnungssuche und die Bildungsproblematik angesprochen.

    Zu den fehlenden Wohnungen:
    Das ist kein Problem, das erst durch die Zuwanderer entstanden ist. Der Abbau der Sozialwohnungen begann viel früher und Politik und Verwaltung haben lange nicht auf die sich anbahnende Wohnungsnot reagiert. Die Fehlbelegungsabgabe wurde abgeschafft, viele Kommunen haben ihre Grundstücke und Immobilien an Investoren verkauft (die Nachfrage war groß, die Kommunen brauchten dringend Geld). So wurden Häuser im Bestand teuer saniert und viele, viele Neubauten mit hochpreisigen Eigentumswohnungen errichtet.
    Heute besitzen die Kommunen kaum noch günstigen, bezahlbaren Wohnraum.
    Ihr Planungsspielraum ist sehr gering.
    Die Mieten steigen enorm, Wohnungen sind auch in den Randbereichen nicht mehr bezahlbar.
    Viele alte Menschen sitzen allein in viel zu großen Wohnungen (oder in ihrem Haus) und würden sich gerne verkleinern, aber sie können es sich nicht leisten. Die Miete (oder der Kaufpreis) der kleineren Wohnung ist viel viel höher als ihre jetzige Miete.
    Bisher ergriffene Maßnahmen wie die Mietpreisbremse greifen zu kurz, zumal sie für Neubauten und nach Sanierung/ Modernisierung gar nicht gilt.
    Fehlender, bezahlbarer Wohnraum, das ist ein Problem zwischen Arm und Reich.

    Bildung:
    Das Hauptproblem sind die fehlenden LehrerInnen. Aber auch der Lehrermangel ist nicht
    erst durch Zuwandererkinder entstanden, wurde dadurch lediglich verstärkt.
    Es gab immer wieder Zeiten von großem Lehrermangel, nach einigen Jahren (als dann entsprechend viele neue, junge Lehrer ihre Ausbildung beendet hatten) gab dann plötzlich ein Überangebot von Lehrern (hab ich selbst erlebt), die arbeitslos waren und in andere Berufsfelder umsteigen mussten. Und dann begann alles wieder von vorn. Vorausplanung??? Der Bedarf ist doch berechenbar, die Stärke von Geburtenjahrgängen und die Zahl der in Pension gehenden Lehrer ist doch bekannt.
    Und wenn nötig, warum nicht aggressiv für den Lehrerberuf werben und die Arbeitsbedingungen verbessern?
    Aber zurück zu den neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen:
    Trotz der aktuell schwierigen Situation an den Schulen sind die meisten enorm motiviert zu lernen,
    nicht nur deutsch, (und später zu arbeiten), oft weit mehr als deutsche Schüler. Und sie werden es schaffen ihren Platz in der Gesellschaft zu finden – wenn wir sie lassen.

  72. Bronski sagt:

    Nun gibt es da noch eine weitere Geschichte, die wir jetzt nur noch streifen können. Liebe Frau Hast-Laier, Sie engagieren sich auch als Integrationshelferin, indem Sie sich einer irakischen Familie angenommen haben. Wie sind Sie zu diesem Engagement gekommen, wann begann es und wie hat es sich entwickelt?

  73. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @
    Manfred Schmidt

    Vielen Dank , Herr Schmidt. Sie fragen nach den Eltern. Ja, viele Kinder haben es schwer mit ihren Eltern (das gilt übrigens genauso für Deutsche). Ich denke, dass einige neu zugewanderte Eltern so damit zu kämpfen haben ihr eigenes (Über-)Leben zu organisieren, dass kein Raum mehr ist sich um die Schulprobleme der Kinder zu kümmern. Andere sind vielleicht selbst von ihren Eltern nicht beachtet worden, auch Gewalt in Familien wird ja oft an die nächste Generation weitergegeben…
    Aber vergessen wir nicht, das die Mehrzahl der Eltern gut mit den Kindern umgeht.

  74. Siegrun Hast-Laier sagt:

    @ Bronski
    Davon habe ich schon in der Antwort an Werner Engelmann am 2.Februar 15.04h erzählt, aber hier gerne noch einmal:

    Von Oktober 2015 bis April 2016 gab es in Offenbach eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Damals organisierte Gabriele Türmer das Projekt „Gastmahl“. Um den Bewohnern Kontakte zu Deutschen zu ermöglichen, konnte man sie nachhause zum Essen einladen. Je nachdem Möglichkeit und Wunsch eine oder mehrere Personen (Mann oder Frau), ein Paar, eine Familie (mit 1, 2 oder mehr Kindern). Wir wünschte uns „eine Familie mit vielen Kindern“.
    Dadurch lernten wir eine irakische Familie mit 5 Kindern kennen (beide Eltern sprachen englisch), mit der wir bis heute befreundet sind und die ich weiterhin bei, obwohl sie inzwischen nach Wiesbaden verlegt wurden. Ich helfe ihnen z.B. beim Umgang mit Behörden, bei Arztbesuchen, (früher auch bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und der Suche nach Kindergartenplätzen), begleite sie bei Elterngesprächen in der Schule, etc.…
    Inzwischen haben sie aus eigener Kraft vieles erreicht : Anerkennung als Flüchtlinge bekommen, Wohnung und Arbeit (Mann) gefunden, Deutschkurse besucht, die Kinder besuchen den Kindergarten bzw. die Schule, … Aber die Folgen der Flucht übers Mittelmeer sind noch allgegenwärtig. Eines der Kinder, ein Junge von damals 3 Jahren fiel bei der Überfahrt drei Mal über Bord und war bei der Ankunft ohnmächtig. Er und seine damals 5jährige Schwester haben eine Lernbehinderung, deren Ursache noch nicht geklärt ist (Traumatisierung?). Der Junge hat lange Zeit gar nicht gesprochen. Jetzt habe ich eine Kinderpsychiaterin gefunden, die nach entsprechende Untersuchungen und Tests eine Diagnose erstellt und werde dann in Wiesbaden einen Kindertherapeuten suchen.
    Bei der ältesten Tochter steht am Ende der 4.Klasse der Wechsel auf eine weiterführende Schule an.
    Die Eltern kennen sich nicht aus und hoffen auf eine Empfehlung von mir. …
    Wie bei den anderen Projekten auch: Wenn man einen „Paten“ an seiner Seite hat, kann man viel erreichen und die eigenen Ressourcen auch ausschöpfen.
    Da die Familie in Wiesbaden wohnt, mache ich das ohne Anbindung an die Flüchtlingshilfe OF.
    Sicher gibt es noch viele ehemalige FlüchtlingshelferInnen in OF, die inzwischen verlegte Geflüchtete weiter unterstützen. Vernetzen ist angesagt. Aber jetzt suche ich für „meine“ irakische Familie erst einmal eine Familienpaten in Wiesbaden, der sich vor Ort besser auskennt und die Kinder beim Lernen unterstützen kann.
    Meinen Mann habe ich übrigens „angesteckt“: Er hat sich jetzt vom FzOF zum Integrationslotsen ausbilden lassen. :)))

  75. Bronski sagt:

    Was macht ein Integrationslotse im Unterschied zur Integrationshelferin?

  76. Bronski sagt:

    Vielen Dank, liebe Frau Hast-Laier, für Ihre Auskünfte. Der Blogtalk ist hiermit beendet, aber die Diskussion ist eröffnet. Lernbegleitung – ist das die Antwort auf die Defizite des Bildungssystems? Können wir wirklich per Ehrenamt ausgleichen, was professionelle Bildungspolitik über Jahrzehnte hinweg vermurkst hat?

    Nun? Was meinen Sie?

  77. Jürgen Malyssek sagt:

    Gegen ehrenamtliches Engagement ist gar nichts zu sagen. Aber es ersetzt eben nicht die Bildungspolitik. Nur setzt die Politik wohl dauerhaft auf diesen Part. So heißt es denn bei den Bürgerehrungen: „Ehrenamtliches Engagement war und ist in Deutschland eine verlässliche Größe. Millionen Menschen gehen hierzulande einer freiwilligen Tätigkeit nach. Es ist gleichzeitig ein wichtiger Grundpfeiler unserer Demokratie …“ usw.
    Das, was Frau Hast-Laier sagt und macht, ist wirklich prima und Solidarität und konkrete Hilfen sind wichtig.
    Doch werden die sozialstaatlichen Aufgaben und Verpflichtungen dabei zurückentwickelt. Das ist eben nicht gut. Und über die Qualität der heutigen Bildungspolitik haben andere kluge Leute das Entsprechende gesagt und geschrieben.
    Was wäre denn aus der zeitweiligen „Willkommenskultur“ in der großen Flüchtlingszeit geworden, wenn nicht die vielen Ehrenamtlichen sich so ins Zeuge gelegt hätten und es bin heute noch tun?

  78. Monika Pröse sagt:

    Hallo in die Runde! Wir vom Freiwilligenzentrum Offenbach haben diesen Blog sehr aufmerksam und teils mit großer Freude verfolgt. Einhaken möchten wir nun an der Stelle, ob der Staat mit einrechnet, dass Ehrenamtliche sich um Aufgaben kümmern, die eigentlich Staatsaufgabe wären. Da sagen wir eindeutig: NEIN, das ist nicht der Fall. Das Feld der ehrenamtlichen Tätigkeiten ist enorm breit: in Sportvereinen (Trainer und Betreuer, Vorstände), zahllose Menschen, die sich politisch und gesellschaftspolitisch engagieren, Nachbarschaftshilfen, in Vereine allgemein, in kirchlichen Organisationen, freie Aktivitäten wie z.B. urban gardening – da gibt es keine Grenzen. Und diese Menschen tun das, weil sie als Bürger und Bürgerinnen durch ihr bürgerschaftliches Engagement mitgestalten wollen. Und das tun sie in der Regel für einige Stunden in der Woche. Damit wird also kein Vollzeit- oder Teilzeitjob ersetzt.
    Die Lernbegleiter in den Offenbacher Schulen sind einmal in der Woche in „ihrer“ Klasse, kennen inzwischen „ihre“ Kinder und gelten als Vertrauensperson, auf die sich die Kinder freuen. Sie übernehmen keine pädagogischen Aufgaben, sondern ermuntern und unterstützen punktuell. Sie werden im Kollegium als wertvolle Ergänzung angesehen. Schule hat einen Bildungsauftrag und sollte natürlich auch auf jedes Kind eingehen. Aber diese ganz besondere persönliche Zuwendung kann eine Respektsperson wie ein Lehrer/Lehrerin meistens nicht bieten. Aber genau hier sind die Lernbegleiter so wichtig in dem Übergang, in dem die Kinder sich befinden auf dem Weg in die Regelschule.

  79. Werner Engelmann sagt:

    @ Bronski, 4. Februar 2019 um 2:43

    Zunächst einmal schließe ich mich dem Dank an Frau Hast-Laier an. Ich begrüße es, dass ihre Auskünfte nicht einfach so stehen bleiben, sondern dass Gelegenheit gegeben wird, die Problematik weiter zu diskutieren und zu vertiefen.

    Einer kritischen Untersuchung bzw. Konkretisierung bedarf aber die Fragestellung:
    „Lernbegleitung – ist das die Antwort auf die Defizite des Bildungssystems? Können wir wirklich per Ehrenamt ausgleichen, was professionelle Bildungspolitik über Jahrzehnte hinweg vermurkst hat?“

    Nach meinem Eindruck kann so allgemein gar keine Antwort gegeben werden, die weiter führen könnte. Auch ist zu präzisieren, was mit „Bildungspolitik“ eigentlich gemeint ist.
    Um den Sinn des Einsatzes von Ehrenämtern zu klären, muss zuerst der Bereich abgegrenzt werden, in dem eine solche Tätigkeit erfolgt.
    Dazu ist es notwendig, zwischen „Migrationspolitik“ (um den Begriff „Flüchtlingspolitik“ zu vermeiden), „Integrationspolitik“ und „Bildungspolitik“ zu unterscheiden und ihr Verhältnis zueinander zu bestimmen. Diese Bereiche überschneiden sich, haben aber unterschiedliche Zielsetzungen.
    Bei den ersten beiden Bereichen spielt ehrenamtliche Tätigkeit, zumindest seit 2015, eine erhebliche Rolle, in der Bildungspolitik als explizit staatlichem Hoheitsbereich (in Deutschland konkret: als Ländersache) ist dies dagegen ursprünglich gar nicht vorgesehen.
    Hier ehrenamtliche Tätigkeit einzubeziehen ist etwas völlig Neues, wobei sich zunächst zwei Fragen stellen:
    Erstens, ob dies mit dem staatlichen Bildungsauftrag überhaupt vereinbar ist. Und zweitens, ob und in welchem Maß hier ehrenamtliche Helfer nicht als Lückenbüßer missbraucht werden, um (vielleicht schlimmer noch) Versagen der Politik zu verschleiern. Daraus ergibt sich die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen ehrenamtliche Tätigkeit in dieser Hinsicht vertretbar ist.

    Zur Präzisierung erscheint ein historischer Rückblick sinnvoll.
    Wie Frau Hast-Laier schon richtig ausgeführt hat, ist die Problematik nicht prinzipiell neu, und die Ursachen der Situation heute sind überwiegend in (Fehl-)Entscheidungen der Vergangenheit zu suchen.

    Migrationspolitik gab es schon seit den 60er Jahren, auch wenn diese Tatsache durch selbstbetrügerische Formeln, vor allem in Unionskreisen („Deutschland ist kein Einwanderungsland“) verschleiert wurde. Was dazu führte, dass nicht einmal die Notwendigkeit einer Integrationspolitik erkannt wurde, diese zunächst also gar nicht stattfand. Die aus der breiten Anwerbung vor allem türkischer Arbeitskräfte erwachsenden Probleme wurden einfach „den Schulen“ zur Lösung zugeschoben. Ohne zu berücksichtigen, dass diese weder auf eine solche Situation vorbereitet noch überhaupt entsprechend ausgerüstet waren.
    Besonders problematisch in bestimmten Brennpunkten, auf die Migration sich konzentrierte. Einer davon Berlin-Kreuzberg, wo ich die Problematik in den 80er Jahren ganz konkret erlebt habe. Probleme und Hilferufe an die Schulverwaltung wurden schlicht ignoriert.
    So etwa bei (anfangs vereinzelten, dann immer massiver auftretenden) Schulversäumnissen bei Migrantenkindern: Oft bis zu 2 Wochen, wenn der Vater die Tochter nicht bis zum Schultor begleiten und hier wieder abholen konnte. Oder bei Hinweisen an die Schulverwaltung, dass unsere türkischen Kinder abends in dubiosen „Koranschulen“ indoktriniert und zu Verhalten angeleitet wurden, die in deutlichem Widerspruch zu unserem Bildungsauftrag standen. Dennoch wurde blind auf Träger wie DITIB vertraut. Und es ist schwer, sich sarkastischer Bemerkungen zu enthalten, wenn heute (40 Jahre später!) damit begonnen wird zu reflektieren, was sich im Verantwortungsbereich solch dubioser Organisationen überhaupt abspielt.

    Die Situation heute hat sich dem gegenüber noch in mehrfacher Weise verschärft:
    (1) Der Fundamentalismus hat sich bei alt eingesessenen Migranten, insbesondere in der 3. Generation, erheblich ausgeweitet und verschärft. Es haben sich zum Teil Parallelgesellschaften herausgebildet, in denen nicht nur der Bildungsauftrag der Schulen, sondern bereits das Grundgesetz generell in Frage gestellt wird.
    (2) Durch die seit 2015 hinzugekommenen Flüchtlinge und Migranten hat sich das Problem der Integration weiter verschärft, insbesondere in quantitativer Hinsicht wie aufgrund der Diversität ihrer Herkunft (Zusammenleben verschiedener Nationen).
    (3) Die Bereitschaft, im Sinne der Integration tätig zu werden, hat sich seit Beginn der „Flüchtlingswelle“ erheblich verringert. Darüber hinaus wird von „Populisten“, aber auch Teilen der CDU und insbesondere der CSU, Integration von Flüchtlingen im Sinne einer Förderung von Abschiebemaßnahmen gezielt verhindert. Was auch die Diskreditierung ehrenamtlicher Tätigkeit vor allem im Flüchtlingsbereich bedeutet.

    Ehrenamtliches Engagement hat vor allem auf dem Höhepunkt der „Flüchtlingskrise“ in entscheidendem Maß dazu beigetragen, dass die schlimmsten Probleme im Sinne einer Soforthilfe überhaupt bewältigt werden konnten. Dass dem, über hehre Worte hinaus, von Politik überhaupt Rechnung getragen wurde, ist nicht zu erkennen.
    Ganz im Gegenteil.
    Wer sich für Flüchtlinge engagiert, hat zu gewärtigen, ins Fadenkreuz rechtsradikaler Übergriffe zu geraten. Und damit nicht genug.
    Wie verschiedentlich zu lesen war, wurden Menschen, die eine Bürgschaft übernommen hatten, insbesondere kirchliche Organisationen, die etwa Kirchenasyl gewährten, als „Dank“ für ihr Engagement von Städten mit unverschämtesten Forderungen in Höhe bis zu 20.000 € belangt. Höhnische Bemerkungen von Rechtsradikalen dazu in verschiedenen Foren, nach denen die für ihr „privates“ Engagement gefälligst auch privat einzustehen hätten, sprechen Bände.
    Der Staat als Rächer an denen, die ihm in seiner Not zu Hilfe eilen?

    Wir haben eine solche Bürgschaft für eine ganze Familie übernommen, kostenfreie Unterbringung, Versorgung, Verpflegung und alle damit verbundenen Risiken inbegriffen. Etwa auch (bis zur Gewährung des Asyls), dafür zu sorgen, dass die betreuten Personen regelmäßig (einige Monate lang war das täglich der Fall) bei der Polizei vorstellig werden.
    Es gibt in Frankreich Fälle, dass unter den genannten Umständen den Betreuten die ihnen zustehenden staatlichen Zuwendungen gestrichen und langfristig alle Kosten den Bürgen aufgelastet wurden.
    Wir wissen bis heute nicht, ob es vom bloßen Wohlwollen subalterner Beamter abhängt (oder einer Präfektin, die mit höchster Vorsicht zu genießen ist), ob es uns nicht wie einigen Amnesty-Mitarbeitern ergeht, die Flüchtlingen in den Alpen den Weg zeigten, und wir als Dank für das Engagement wie diese einmal vor dem Kadi landen. „Délit de solidarité“ heißt das in Frankreich. Zur Abschreckung vor einer „Willkommenskultur“ erlassen, und um Rassisten und Ausländerfeinde im Lande durch Zugeständnisse still zu halten. Der Effekt ist freilich der exakt entgegengesetzte: Die Empörung bei aufrechten Menschen ist groß.

    In den 70/80er Jahren und danach waren es ausgebildete Lehrkräfte, überwiegend verbeamtet, welche die gesamte Last der Integration, also einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, zu tragen hatten.
    Nun also, in einer noch schwierigeren Situation, sollen es ehrenamtliche Helfer richten, u.a. in Bereichen, die bislang als staatliches Hoheitsgebiet angesehen wurden?
    Das soll natürlich nicht heißen, dass ein Engagement, wie von Frau Hast-Laier geschildert, falsch wäre. Ganz im Gegenteil. Oberstes Kriterium ist die Bedürftigkeit hilfsbedürftiger Menschen. Das sollte nicht nur so bleiben, sondern noch viel mehr in den Vordergrund gerückt werden.

    Es dürfen und müssen aber Fragen gestellt werden, welche Bronskis eingangs genannte Frage konkretisieren:
    Tarifabschlüsse im Arbeitsbereich sind Angelegenheit selbständiger Tarifparteien auf Augenhöhe. Ein Arbeitsvertrag enthält ein Geben und ein Nehmen.
    Ehrenamtliche Helfer sind aber nicht gewerkschaftlich organisiert. Sie treten nicht einmal in Form organisierter Interessenvertretung auf, sondern als einzelne Individuen.
    Welches Entgegenkommen, welche Hilfe erhalten sie im Gegenzug für ihr aufopferungsvolles Geben, und das sogar noch unentgeltlich? Welche Möglichkeiten, sich selbst einzubringen, ihre eigenen Interessen und die ihrer Betreuten zu vertreten, werden ihnen eingeräumt? Hängen sie ausschließlich von Gutdünken und Wohlwollen staatlicher Vertreter ab? Solange sie dazu gebraucht werden, etwa nach dem Motto: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“?
    Und wie steht es mit staatlicher Fürsorgepflicht, dem Schutz vor Übergriffen, wie oben erwähnt? Davor, lediglich in ihrem Idealismus ausgebeutet und benutzt zu werden, um staatliche Löcher zu stopfen und Versagen zu verschleiern? – Von „Dankbarkeit“ will ich in diesem Zusammenhang lieber gar nicht reden.

    So eindeutig der Verantwortlichkeit gegenüber Hilfsbedürftigen oberste Priorität zuzukommen hat: Die Problematik kann nur im Zusammenhang der oben skizzierten gesamtgesellschaftlichen Verantwortung angemessen diskutiert und gelöst werden. Und dabei ist „Integration“ als langfristige und gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu betrachten, die nicht auf einzelne Schultern abgewälzt werden kann. Bei der sehr viele, und weit über den Bildungsbereich hinaus, ihren Beitrag nach ihren Möglichkeiten zu leisten haben. Wobei von stärkeren Schultern auch ein stärkerer Beitrag zu erwarten ist. Etwa finanziell oder betreffend der Zuweisung von Flüchtlingen bzw. Migranten.
    Ich erinnere in diesem Zusammenhang daran, dass das weit größere Problem der Integration von über 15 Millionen Ostflüchtlingen nach dem Krieg durch Adenauer mit verpflichtender Zuweisung entsprechend dem zur Verfügung stehenden Wohnraum einerseits, durch Lastenausgleich (wenn auch z.T. in bescheidenem Maß) andererseits gelöst wurde.
    Dies erfordert ein umfassendes Integrationskonzept, in dessen Rahmen jeder der Beteiligten seinen eigenen Verantwortungsbereich erkennen und auf ein gemeinsames Ziel orientiert ausfüllen kann. Sprachkurse stellen nur einen winzigen Teilbereich dieser riesigen Aufgabe dar.
    Ein solches Integrationskonzept kann ich bisher nicht einmal in Ansätzen erkennen. Es ist aber das legitime Recht von Menschen, die ihre Kraft, ihre Intelligenz, ihr Vermögen in den Dienst von anderen und der Gemeinschaft stellen, ein solches als Gegenleistung einzufordern.

    Es ist mir möglich, anhand eines eigenen Erfahrungsberichts Möglichkeiten und Grenzen des Umgangs mit staatlichen Stellen im Rahmen der Flüchtlingshilfe konkret und beispielhaft aufzuzeigen. Davor wäre aber erst die genauere Zielrichtung der Diskussion zu klären, und ob das überhaupt erwünscht ist.

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